28.3.15

Naomi Klein: "Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima"

Nachdem die Medien unter Verweis auf autonome Gewalttätige, die am Morgen vor der Demonstration von blockupy Autos angezündet und von mir ungezählte Polizisten verletzt hatten, die Reden, die Naomi Klein und Sarah Wagenknecht, der Kabarettist Urban PriolGiorgios Chondros von der griechischen Regierungspartei Syriza sowie Miguel Urbán von der spanischen Partei Podemos bei der Demonstration gehalten haben, so gut wie übergangen haben, will ich wenigstens auf Naomi Kleins Buch  "Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima" hingewiesen haben (erschienen auf Englisch im September 2014, jetzt auch auf Deutsch).

Zitat:
" [...] als die Klimabewegung erwachsen wurde: Es war der Moment, als uns allen wirklich bewusst wurde, dass niemand zu unserer Rettung kommen würde. [...] jede echte Hoffnung in dieser Krise wird von unten kommen müssen." (S.22) 

Zur Einführung ein Ausschnitt aus einem Interview, das sie der Frankfurter Rundschau gegeben hat und dass die wichtigsten Gedanken sehr kurz zusammenfasst. 


[...] Mir ist klar geworden: Alle diese Kämpfe müssen vereint werden, um den Klimawandel zu stoppen. Denn er ist nicht allein eine Frage von Temperaturen und CO2-Konzentrationen in der Luft. Er ist eine soziale Frage, die alle gesellschaftlichen Bereiche betrifft. [...]
Um den Klimawandel effektiv zu bekämpfen, brauchen wir eine Wiederbelebung der regionalen Wirtschaft, wir müssen den Einfluss der Konzerne zurückdrängen, Freihandelsabkommen blockieren. Es müssen große Summen in den Umbau der Agrarwirtschaft und der öffentlichen Infrastruktur fließen, die Energie- und Wasserversorgung und den Umbau der Städte, um den Verkehr zu vermindern. Ein riesiges Programm, dass schnell umgesetzt werden muss. Ist das möglich? Natürlich. Ist das möglich, ohne die Grundregeln des deregulierten Kapitalismus anzugreifen? Keinesfalls.
Was sind diese „Grundregeln“?
Privatisierung des öffentlichen Sektors, Deregulierung der Unternehmen, Senkung von Einkommens- und Unternehmenssteuern bei gleichzeitigen Einschnitten bei öffentlichen Ausgaben. Und daneben das Primat der Rendite – nichts geschieht, wenn es sich nicht für Investoren lohnt. All dies ist unvereinbar mit einem effektiven Kampf gegen den Klimawandel. Unser Wirtschaftsmodell fordert ungehinderte Expansion. Unser Klima braucht einen Rückgang des Ressourcenverbrauchs. Nur eines dieser Regelsysteme lässt sich verändern. (FR 29.3.15)

Dann ein paar Links:
SPON, 23.3.15
Perlentaucher

Thomas Meyer Ganz düstere Aussichten in SZ 9.3.15
 "Die Mischung aus nüchterner Analyse und drastischer Darstellung gibt ihrer imponierenden Streitschrift den Zunder.Klein geht von der vielfach schon belegten Voraussetzung aus, dass die politische Einstellung eines Menschen seine Position zum Klimawandel bestimmt. Mehr als das: Die Leugner des Klimawandels sind Opfer eines komplexen Geflechts aus Kohärenzbedürfnissen und Angst.
Wie Klein zeigen kann, ist es nämlich Industrie und Politikern wichtig, dass eingeschlagene Wege, wenn sie schon nicht richtig sind, immerhin durchgesetzt werden müssen. Warum? Weil sie nun einmal gewählt wurden. (Auf diese Weise werden auch Geschichtskonstruktionen – etwa der „American Way of Life“ – zu quasireligiösen Überzeugungen, deren Glaubenssätze verteidigt werden müssen.) So wird nachträglich eine Übereinstimmung zwischen Absicht und Wirkung erzielt. Diesem Zusammenspiel widmen gigantische Denkfabriken und Labore ihre ganze Aufmerksamkeit.
Drohen dann Ereignisse, wie etwa Missernten, die Strategien zu widerlegen, werden Produkte entwickelt, die sich den neuen Klimabedingungen anpassen oder diesen trotzen."

vgl. auch: Tim Engartner: Privatisierung von Infrastruktur , 11.4.2017

15.3.15

"Ein König muss schlafen können." - Was sollte ein Erbe können?

"Ein König muss schlafen können." Das hat Bismarck laut seiner Autobiographie zu Wilhelm I. gesagt, als der ihm gestanden hatte, dass er bei einer der zahlreichen Schwierigkeiten, die er zusammen mit Bismarck durchgestanden hatte, eine Nacht nicht geschlafen hatte. War es der Heereskonflikt?
Sei es, wie es wolle. Jedenfalls hat Bismarck zwar nicht jede Einzelentscheidung, aber insgesamt seinen Kurs gegen Wilhelm I. durchgesetzt, ob Wilhem I. geschlafen hatte oder nicht.

Ein Vorgänger Wilhelms I. war in einer anderen Situation. Er war vielseitig begabt und wollte seinen Interessen leben, wurde aber von seinem Vater Friedrich Wilhelm I., dem Soldatenkönig, massiv daran gehindert. (Seinen Freund ließ der Vater töten, als er ihn dann aus dem Gefängnis frei ließ, machte er im noch einmal klar, dass er ihm durchaus nicht gnädig sein wollte, sondern machte ihn vor versammelter Mannschaft zur Schnecke.) So wurde Friedrich II. zum Menschenfeind und dazu aufgestachelt, zu beweisen, dass er ein besserer König sein könne als sein Vater.
Nach den Maßstäben seiner Zeit ist er es auch geworden.

Was musste Wilhelm I. können? Jemanden finden, der das für ihn durchsetzte, was er erreichen wollte?
Was musste Friedrich II. können? Nach einer äußersten Demütigung nicht den Glauben an sich selbst verlieren.

Wie komme ich auf die Frage?
Im ZEIT-Magazin vom 12.3.15 (S.12-22) schreibt Julia Friedrichs unter dem Titel "Erben schadet der Gemeinschaft" darüber, dass im kommenden Jahrzehnt in Deutschland so viel vererbt werden wird wie noch nie:
"In den Vermögensabteilungen der Banken [...] rechnet man damit, dass zwischen zwei und vier Billionen Euro weitergereicht werden [...] (Zum Vergleich: Griechenlands Schulden belaufen sich auf 320 Milliarden.)"
Nicht alle halten es für richtig, wie der Staat damit umgeht. Zum Beispiel Beate:
"Ich finde erben ungerecht und undemokratisch", sagt sie. "Man wird, wie ich in eine Familie hineingeboren, in der sowieso schon viel Geld da ist. Man kriegt, wie ich, ein Studium finanziert und hat dann alle Möglichkeiten. Da finde ich es illegitim, dann auch noch zu erben."
Von jedem Euro, den sie als Wissenschaftlerin erarbeitet, zahlt sie maximal 42 Cent an den Staat. Von jedem Euro, den ihr angelegtes Kapital ihr einbringt, 25 Cent. Und von ihrem ererbten Geld bislang nichts. Was daran liegt, dass ihre Eltern das Erbe als Schenkung gestückelt und den Freibetrag in Höhe von 400 000 Euro pro zehn Jahre ausgeschöpft haben.
Unter den Bundestagsabgeordneten, die Friedrichs gesprochen hat, ist man sich weitgehend einig: Erben widerspricht dem Geist der Leistungsgesellschaft, "einen Bruch mit dem liberalen Ansatz, wonach Eigentum durch Leistung entsteht." Und es hat schon heute die Leistungsgesellschaft weitgehend ad absurdum geführt, denn vom Vermögen der heute 40- bis 45-Jährigen ist die Hälfte ererbt.
Doch Erben ist nicht nur ungerecht, es spaltet nicht nur die Gesellschaft, es schadet nicht selten auch den Erben selbst. Familienmitglieder, die untereinander gut auskamen, zerstreiten sich über einem großen Erbe oft so, dass es zu vieljährigen Prozessen kommt.
Dazu Friedrichs: "In den USA gibt es Erziehungsratgeber, die sich an reiche Eltern wenden. How much money does it take to ruin a child? heißt es in einem dieser Bücher."

Mit dem Blick auf die gegenwärtige Situation in Japan, in der oft die Eltern von ihren Renten den größten Teil des Lebensunterhalts der Kinder finanzieren,  schreibt Friedrichs:
Fast die Hälfte der Japaner zwischen 20 und 34 lebt noch zu Hause. Junge Japaner haben weniger Freunde. Sie engagieren sich kaum. Sie gehen deutlich weniger aus als ihre Altersgenossen in anderen Ländern. Sogar das Interesse an der Liebe haben sie verloren. Viele bleiben einsam. Offenbar sind in ihnen die Lust und die Gier auf das Leben erstorben.
Es ist die traurige Vision einer Erbengesellschaft: Eine Jugend, die von den Alten geliebt und ernährt wird, aber ohne die schützende und fütternde Hand lebensunfähig ist.
Ist das auch unsere Zukunft?
Götz Werner, der Gründer von dm-drogerie markt hat schon früh beschlossen, seinen Kindern nichts zu vererben, als er erfahren hat, dass die Enkel der Rockefeller-Gründerväter vergeblich versucht haben, sich aus dem Griff der Familie zu befreien. Dazu Friedrichs:
Götz Werner verwechselt Liebe nicht mit Geld. Er hat auch verstanden, dass Eigentum verpflichtet, wie es in unserem Grundgesetz steht. Und er hat verstanden, dass Erben kein Schicksal ist, das der Mensch auf sich nimmt. [...] Lasst uns über das Erben streiten! Alle gemeinsam.
Diese Aufforderung von Julia Friedrichs möchte ich übernehmen und unterfüttern mit einem Zitat aus einem Spiegelartikel zu Pikettys Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert":
In Deutschland ist die Einkommensungleichheit im internationalen Vergleich moderat. Anders sieht es jedoch bei Vermögen aus:"In keinem Euro-Land ist der Reichtum so ungerecht verteilt wie hierzulande", sagt Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Hier müsste der Staat eigentlich eingreifen."Aber welche Maßnahmen helfen? Laut Piketty ändern beliebte Rezepte wie höhere Bildungsinvestitionen oder der Verzicht auf Wirtschaftswachstum wenig. Effektiv seien nur radikale Maßnahmen: erstens eine Vermögensteuer, die bei einem Vermögen von 200.000 Euro mit einem Prozent jährlich beginnt, bei mehr als eine Million Euro auf zwei Prozent steigt und bei Milliardenvermögen auch bis zu zehn Prozent betragen kann. Zweitens eine Einkommensteuer von bis zu 80 Prozent für Spitzenverdiener. Das klingt schockierend, doch in den ersten drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg lag dort der höchste Steuersatz nie unter 70 Prozent. (Neue Reichtumsdebatte: Etwas ist faul im Kapitalismus, Spiegel online 23.4.2014)
Man kann über die Sinnhaftigkeit solcher Schritte streiten. Aber wir sollten es auch tun. 

Erben wie Nicht-Erben sollten ihr Leben selbstbestimmt gestalten können.

Schwerlich beherrschen die Rockefellers die USA, wie Tilman Knechtel es in "Die Rockefellers. Der amerikanische Albtraum", 2014 beschreibt.  Aber dass es ungesund ist, wenn Status und Einflussmöglichkeiten in einer Gesellschaft mehr von der Herkunft als von der Leistung bestimmt werden, haben Ancien Régime und Belle Époque zureichend gezeigt.


Zusatz 1:
Dem Milliardenerben Robert Durst werden drei Morde nachgesagt. Über ihn ist eine Fernsehdokumentation gedreht worden, in der er zu den Todesfällen befragt worden ist.
(Durst nach Geständnis aus dem Off in Haft, FR 16.3.15)
Nach der Lektüre seines Lebenslaufes und der Probleme, die er damit hatte, ins Geschäft seines Vaters einsteigen zu sollen (zunächst unwillig, dann Zurücksetzung gegenüber seinem Bruder):
Wäre sein Leben nicht einfacher verlaufen, wenn er nicht Erbe gewesen wäre?

Zusatz 2:
Julia Friedrich: Wir Erben: Was Geld mit Menschen macht, Berlin Verlag 2015
Leseprobe hier zu finden
Den Hinweis auf das Buch verdanke ich dem Artikel Karriere ist auch nur Glück von Jens Jessen in der Zeit Nr.12 vom 19.3.15, S.26.
Seine Kritik an Friedrich ist eine eindrucksvolle Selbstparodie: Manager sind nach ihm nur erfolgreich, wenn sie genügend negative Eigenschaften haben, ein Erbe ist einem in die Wiege gelegt wie Schönheit. So als hätten Richard von Weizsäcker und Gustav Heinemann nur wegen ihrer Wolfseigenschaften Industriemanager werden können und als wäre das Erbrecht nicht im BGB, sondern in der DNA festgeschrieben. So vergaloppiert er sich, nur um steuerfreies Erben zu verteidigen. (Jetzt ist sein Text online greifbar.)

Zusatz 3:
Tauchsieder: Piketty ist nicht widerlegbar, Wirtschaftswoche 12.4.2015
"Denn der Haupteinwand gegen das Argument einer schnelldrehenden Digitalwirtschaft ist, dass sich 100-Millionen-Pakete heute völlig unverbunden mit der Realwirtschaft konzentrieren und reproduzieren können - und dass ihre Vervielfältigung nicht mehr, wie ehedem im Kapitalismus des 19. und 20. Jahrhunderts, von den Maschinen der Kapitaleigner und auch nicht vom Konsum der Lohnabhängigen abhängig ist. Im Gegenteil: Die Krisen der vergangenen Jahre und ihre politische Bearbeitung haben ausdrücklich gezeigt, dass die Traumrenditen der superreichen 0,1 Prozent desto sicherer ist, je weiter weg von allen realen Bezügen, je "fiktiver" es zirkuliert." (Hervorhebung von mir)

Zusatz 4:
Schüler: Reiches Elternhaus, mehr Erfolg, Karrierebibel 20.4.15

7.3.15

Kein Bock auf Schule?

Kein Bock auf Schule? Ein Motivationsvideoveröffentlicht am 16.08.2014 (5min 41sec)

Lernlust - eine Blogparade, 25.2.15

Blogparade: Wie motiviert man Unmotivierte?  30.9.12

Besteht die Gefahr eines Meinungsmonopols?

Albig: Ungefilterte Meinungsbildung im Google-Zeitalter bewahren, heise.de 4.3.15

 Albig träumt vom öffentlich-rechtlichen Internet, Internet-Law 7.3.15

Torsten Albigs absurder Vorschlag gegen die Pressefreiheit, shz.de 5.3.15

Albigs Gastbeitrag in der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015, S. 29
Kurzfassung seines Beitrags bei ZEIT online 4.3.15

Mein erster Kommentar: 
Alle Informationen, die wir aufnehmen, sind gefiltert. Ungefilterte Informationen bekommen zu wollen, ist kindisch.
Das Problem ist aber, dass Google sehr nah daran ist, Monopolist zu werden.
Mehrere etwa gleich gute Suchmaschinen als Alternativen sicherzustellen, wäre sehr schwer. Wenn es die aber nicht gibt, sind wir bald vollständig von Googles Entscheidungen abhängig.


Albigs Lösungsvorschlag überzeugt mich nicht; aber Albig zeigt ein reales Problem auf.
Die Kritiker Albigs liefern meines Erachtens keine besseren Lösungsvorschläge. 

Übrigens: Sobald die Wikipedia Monopolist würde, stünden wir vor einem ähnlichen Problem. Das sage ich, obwohl ich stolz bin, einige Jahre aktiver Wikipedianer gewesen zu sein und dort weiterhin nach Kräften mitarbeite.

3.3.15

Sollten Lehrer Beamte sein?

Den gegenwärtigen Streik angestellter Lehrer nimmt Ferdinand Knauß in der Wirtschaftswoche vom 2.3.15 zum Anlass für den Beamtenstatus von Lehrern zu argumentieren.

Die hohen Verpflichtungen zu Pensionszahlungen, die die Länder vor sich her schieben, sprechen dagegen. Aber darüber lässt sich auch noch diskutieren. Es werden jedenfalls Gegenrechnungen aufgemacht, die mich nicht überzeugen, die zu widerlegen mir freilich das Zahlenmaterial fehlt.

Da ich mich immer wieder im - von mir vermuteten - Interesse der Schüler entschieden habe, in meinem Unterricht Fragen zu behandeln, die nicht im Sinne der Schulleitung oder der Schulaufsichtsbehörden waren, ich aber nicht besonders mutig bin, war ich froh, dass mein Beamtenstatus mir eine gewisse Absicherung gab.
Wenn ich den Druck, der in der "freien" Wirtschaft auf Angestellte ausgeübt wird, beobachte, kann ich mir nicht vorstellen, dass ich unter einem solchen Druck nicht des öfteren mich gegen mein Gewissen dem Willen von Vorgesetzten gefügt hätte.

Die Gefahr, dass der Beamtenstatus dazu führen kann, dass ein gewisser Prozentsatz der Lehrer weniger Einsatz für die Schüler leistet, als sie es vor einem gesunden Gewissen verantworten können, will ich nicht ableugnen. Doch ist die Frage, ob der beim Angestelltenstatus wesentlich niedriger läge.