28.10.16

Zu viel Demokratie?

Der Freihandelsvertrag CETA sieht Schiedsgerichte vor, die Unternehmerinteressen gegen Entscheidungen staatlicher Verfassungsorgane - etwa in Sachen Umweltschutz - absichern sollen.
Die Vertreter der wallonischen Region Belgiens haben gefordert, dass diese Schiedsgerichte mit Richtern besetzt werden sollen und nicht mit Rechtsanwälten, deren Qualifikation primär in der Vertretung von Firmeninteressen besteht.*
Wie erfolgreich sie dabei waren, ist noch nicht bekannt. Einen beschränkten Erfolg haben sie aber offenbar erzielt, sonst wäre es wohl nicht zu einer Einigung mit der belgischen Regierung gekommen.

Während noch unklar war, ob die EU sich darauf einlassen würde, dass die Schiedsgerichte mit qualifizierten Richtern statt mit interessengebundenen Anwälten besetzt werden sollten, wurde vom Mainstream der Medien immer wieder beklagt, dass die wallonische Region überhaupt einen Einfluss auf die Verhandlung nehmen könne. Man sprach von einer "Blamage für die EU" und  "zu viel Demokratie".

Zu viel Demokratie kann es aber nicht geben; denn wie Churchill zu Recht festgestellt hat, ist sie zwar eine schlechte Regierungsform, aber besser als alle anderen, die man erprobt hat. Man kann durchaus darüber streiten, welche Instrumente am besten geeignet sind, die demokratische Kontrolle der Exekutive sicherzustellen. Vieles spricht dafür, dass im Regelfall repräsentative Organe geeigneter sind als Volksentscheide. Auch das Rätesystem, das eine besonders demokratische Art der Mitwirkung der Bevölkerung sicherstellen soll, hat sich nicht eindeutig besser bewährt als das Repräsentativsystem. Aber wenn etwas bei der demokratischen Kontrolle der Europäischen Kommission nicht in Ordnung ist, dann doch kaum, dass sie zu weit geht, sondern eher, dass sie immer noch viel zu gering ausgebildet ist.
Wo gibt es sonst eine demokratische Verfassung, wo allein die Exekutive ein Recht auf eine Gesetzesintitiative hat?

In der EU fehlt es an demokratischen Mitwirkungsrechten. Deshalb nimmt die Europamüdigkeit in so gefährlichem Ausmaß zu. Wenn sich jetzt durchsetzen sollte, dass die Demokratie in der EU abgebaut statt entwickelt wird, dann wäre der einst so hoffnungsvolle Versuch der europäischen Einigung gescheitert.

Wilhelm Heitmeyer hat im Zusammenhang mit der Zunahme des Rechtspopulismus (FR 28.10.16) darauf hingewiesen, wie gefährlich die Gewöhnung an Missstände ist: "Das Fatale ist, dass alles, was als normal gilt, nicht mehr problematisiert werden kann."
Wenn es bei allem berechtigten Streit eine Gemeinsamkeit zwischen allen Demokraten geben sollte, dann gewiss die: Es darf nicht wieder wie gegen Ende der Weimarer Republik zum Allgemeinplatz werden, dass man weniger Demokratie brauche.

Kanadische Wissenschaftler lobten das wallonische Parlament in einem bei Mediapart erschienen offenen Brief für die Haltung gegenüber Ceta und fordern es auf, standhaft zu bleiben

(Dieser Blogbeitrag wurde auf Fontanefans Schnipsel entworfen.)

16.10.16

ZUM-Treffen 2016 - Bilderauswahl, Protokoll und Blogbeiträge




Fragestellungen

Was wünschen sich Lehrer von digitalen Medien?


Wo steht die ZUM jetzt?



Wo wird sie 2020 sein?



dasselbe nach Ordnung der Ideen durch Maria




Selbstdarstellung und Zugänglichkeit der ZUM

Bildprotokoll von Annett





Aufräumen für bessere Übersichtlichkeit
(Umfang der Aufgabe)



Detailüberlegungen (etwas lesbarer)



Vorschau auf Überlegungen für eine Präsentation von best practice von ZUM-Wiki
(absichtlich nur als Andeutung, da noch im Versuchsstadium)


Referate

Erweiterte Realität:  Beispiel Pokemon
von Karl-Friedrich



Erweiterte Wirklichkeit für historische Bildung




Ein Projektvorschlag von Karl-Friedrich



Wikitheorie von Ziko



 







Preise für Wikis der ZUM
(drei davon aus dem 3D-Drucker)



Rechenschaftsbericht für 2016 auf der Mitgliederversammlung (braucht etwas Ladezeit für den Prezi)

Weitere Informationen zum Treffen im ZUM-Wiki


8.10.16

Diskriminierung, Ausgrenzung, Mobbing oder: wie entwickeln wir Empathie?

Wir erleben gegenwärtig im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise zwei massive Ausgrenzungsversuche, die beide nur bedingt erfolgreich sind, aber zu gefährlichen Konfliktkostellationen führen:
1. die Ausgrenzung der Flüchtlinge durch Pegida und AfD (ihre Ausgrenzung durch Rechtsradikale ist alt und war nicht so bedrohlich)
2. die Ausgrenzung von Pegida und AfD und ihrer überzeugten Anhänger durch die Mainstreammedien und einen großen Teil der Bevölkerung.
Ich habe gegen beide keine Patentrezepte, möchte aber auf Ansätze hinweisen, die helfen könnten, die schlimmsten Folgen zu vermeiden.
Außerdem erleben wir an den Schulen, dass die Inklusion, die doch ein Mittel gegen Ausgrenzung sein soll, nicht selten innerhalb der Schulklassen zu Ausgrenzungstendenzen führt. 
Auch dafür bieten die folgenden Hinweise Anregungen dafür, wie dazu beigetragen werden kann, dass aus Inklusion Integration wird.

Zunächst stütze ich mich dabei auf einen Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 8.10.16:
Der Antirassismus-Trainer Jürgen Schlicher vertritt die Ansicht, "dass uns von klein auf 'die Empathie systematisch abtrainiert wird, denn wir lernen, dass das für das eigene Vorwärtskommen besser ist'."
Mobbing nimmt nicht zuletzt durch die Möglichkeit des anonymen Mobbing über das Internet immer mehr zu. Und es wird für Lehrer immer schwerer, das zu beobachten und dagegen vorzugehen.
Yanni Fischer von der Integrierten Gesamtschule Eschersheim in Frankfurt hat ein Mittel dagegen gefunden. (Mobbing, Online-Mobbing)
Konflikte sind an sich nichts Schlimmes. Wenn man lernt, sie auch aus der Sicht des Konfliktpartners zu sehen, kann man sie in der Mehrzahl der Fälle deeskalieren. Dafür bedarf es Streitkultur.
Gute Erfahrungen mit der Verbreitung einer solchen Streitkultur macht Ernst Kucharczyrk, der Regionalsprecher der "Seniorpartner  in School" in Frankfurt. (Mediation)

Eine gute Möglichkeit, Empathie für Diskriminierte zu entwickeln, hat man, wenn man grundlos in die Rolle des Dirkriminierten, Ausgegrenzten und Mobbingopfers gerät und die Möglichkeit hat, intensive Erfahrungen damit zu machen und dadurch dafür sensibilisiert wird, wenn es anderen genauso geht. Bewährt hat sich dafür der Workshop "Blue eyed".

Alle diese Beispiele finden sich in der Frankfurter Rundschau vom 8.10.2016 auf den Seiten 20-21.

Eine Sensibilisierung (unter anderen) für das Problem habe ich durch eigenes pädagogisches Versagen erlebt.
Ein Schüler meiner Klasse verließ die Schule, weil er gemobbt wurde, bevor ich erkannt habe, wie schwer das Problem war. Später wurde ich angeregt, mich mit Streitschlichtung zu beschäftigen und sie an unserer Schule einzuführen. In diesem Zusammenhang habe ich Streitschlichter/Mediatoren ausgebildet und eine ganze Reihe von Mediationen durchgeführt. Das hat mich zur Überzeugung gebracht, dass Mediation gerade in der Schule ein sehr erfolgversprechendes Instrument ist.

Dass in der Gesellschaft nicht zu funktionieren braucht, was sich in der Schule bewährt hat, ist keine himmelstürzende Erkenntnis. Die Mediation bei Stuttgart 21 trug zwar zur Besänftigung des Konfliktes bei, führte aber nicht dazu, dass die Vertreter von Stuttgart 21 an das ausgehandelte Ergebnis gehalten hätten. Mehrkosten in Milliardenhöhe, die sich daraus ergeben haben, lassen diese Mediation nicht als Erfolg erscheinen. 

Weitere Links:
Gewaltfreie Kommunikation
Giraffen- und Wolfssprache
Verstehen und Verständigung
Konfliktschlichtung

6.10.16

Textarbeit mit unterschiedlichen Medien

Elektronische Medien erleichtern durch copy & paste das Anlegen von Exzerpten enorm (was in der Frühform dazu führt, dass man das Kopieren eines Textes für eine Art der Verarbeitung hält).
Im Internet ermöglichen sie zusätzlich die Verlinkung und Erstellung eines Hypertextes (Musterbeispiel Wikipedia).
Der Nachteil ist beim Internet, dass es weniger zur Lektüre sehr langer Texte geeignet ist, während das E-Buch die Erstellung eines Hypertextes nicht ermöglicht. Bei beiden ist die Abhängigkeit von der elektronischen Apparatur problematisch.
Das Smartphone schwächt diesen Nachteil ab, weil es (bei der intensiven Nutzung) jederzeit greifbar ist und außerdem keine relevante Anlaufzeit hat. Funklöcher und technische Störungen sind dabei freilich nicht berücksichtigt.

Ich persönlich vermisse beim gegenwärtigen E-Buch die Feindifferenzierung des Lesens. Entweder liest man seitenweise oder kapitelweise oder großabschnittweise. Der ungefähre Zugang über das Aufschlagen "gegen Schluss" oder "im ersten Drittel" oder "etwas 20 Seiten später", der beim Papierbuch eine Groborientierung ermöglicht, von dem übergangslos in das Lesen von Wort für Wort oder das Blättern von Seite zu Seite (mit Überblick über den Satzspiegel von zwei Seiten) gewechselt werden kann, fehlt mir sehr. Dazu kommt, dass das Markierte im Papierbuch besser auffällt und insofern die Unterscheidung eines bearbeiteten Abschnitts von einem unbearbeiteten leichter fällt.
Daher möchte ich weder das Papierbuch  - nicht nur wegen des Haptischen -noch das E-Buch missen. Nur der Bedarf an Stellplatz und die Notwendigkeit des Transports beim Umzug und der Entsorgung bei der endgültigen Wohnungsauflösung sprechen massiv gegen das Papierbuch. Die hohen Kosten gegen eine Doppelversorgung durch beide Medien.

5.10.16

Wolfgang Reinhard : Die Unterwerfung der Welt

Da dieser Blogartikel vom 29.9. einige schwer zu behebende Formatierungsfehler hatte, habe ich ihn noch einmal neu angelegt.:

Wolfgang Reinhard : Die Unterwerfung der Welt, C.H. Beck, München 2016 von Andreas Eckert, ZEIT online 19. Mai 2016, 20/2016
Wolfgang Reinhards Opus führt von den frühen Anfängen der europäischen Expansion in Antike und Mittelalter bis zu den Dekolonisationen des 20. Jahrhunderts, ergänzt durch einen kurzen Blick auf die Gegenwart."

"Das Buch veranschaulicht, dass die Geschichte der europäischen Expansion keineswegs ein gradliniger, unaufhaltsam voranschreitender Prozess war. Die Errichtung kolonialer Herrschaft war langwierig, und im Geflecht aus Konkurrenzen standen nicht selten Europäer gegen Europäer und Einheimische gegen Einheimische. Missionare und Kolonialbeamte etwa stritten regelmäßig über die richtige Art, die Kolonisierten zu erziehen. Gewalt spielte stets eine wichtige Rolle, häufig freilich nicht als Ausdruck der unwiderstehlichen Überlegenheit der Europäer, sondern als Zeichen ihrer Schwäche. Zahlenmäßig weit unterlegen und mit wenigen Ressourcen ausgestattet, erschienen Massaker und öffentliche Hinrichtungen den Europäern gerade zu Beginn der Kolonisierung als geeignete Mittel, ihren Machtanspruch zu demonstrieren."
Der Islamische Staat brauchte gewiss nicht dieses europäische Vorbild, um zu seinen Methoden zu kommen. Dafür gibt es genügend ähnliche Beispiele in der Geschichte. Aber "Massaker und öffentliche Hinrichtungen [...] als geeignete Mittel, [...] Machtanspruch zu demonstrieren." 
Das ist eine exakte Beschreibung des Vorgehens des Islamischen Staats. 
"Die Europäer mussten die Erfahrung machen, dass gerade die Absolventen höherer Schulen und Universitäten – etwa die Politiker Jawaharlal Nehru in Indien, Kwame Nkrumah in Ghana und Julius Nyerere in Tansania – zu den entschlossensten Kämpfern für ein Ende der Kolonialherrschaft wurden." "Diese europäische Expansion veränderte die Welt – und mit ihr Europa. [...] "Heute ringt die Welt im Zeichen der Globalität", resümiert Reinhard, "noch immer im Guten wie im Bösen auf allen Feldern mit der Hinterlassenschaft der europäischen Expansion." Auch die aktuelle Frage nach der Verantwortung für die Fluchtursachen ist ein Grund, diese Hinterlassenschaft neu zu diskutieren."

Mein Interesse an dieser Arbeit ist außer dem allgemeinen historischen ein doppeltes: Zum einen beschäftigt mich das Thema Flüchtlinge und Flucht. Zum anderen habe ich mich länger mit Jürgen Osterhammels: Die Verwandlung der Welt, einer Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts, befasst, die mit Reinhards Unterwerfung der Welt nicht nur Parallelen in der Formulierung des Titels, den Verlag und eine Seitenzahl um die 1600, sondern auch eine Darstellung des europäischen Beitrags zur Globalisierung gemeinsam hat.

1.10.16

Berlin, Merkel, Gauck und ihr Beitrag zur bundesdeutschen Identität,

Bei einem Prozess kommen Richter, Staatsanwalt und Verteidiger aus derselben Region, der Angeklagte aus einer anderen. Ganz normal für einen Touristen, einen Migranten und einen Zugezogenen. Ungewöhnlich, wenn der Prozess in der Region des Angeklagten stattfindet.

Im Deutschland der 1990er Jahre war es nicht so ungewöhnlich. Die Spezialisten kamen aus dem Westen, die Laien aus dem Osten. Jedenfalls im Osten.
"Einer Studie zum Mauerfall der Universität Leipzig zufolge stammen bald 27 Jahre nach dem Mauerfall lediglich 20 Prozent der Führungskräfte in Ostdeutschland auch von dort." ("Vom gemeinen Volk und den Eliten" von Markus Decker, FR  30.9.16, S.20/21)

Gegenwärtig gibt es keine Netto-Abwanderung von Ost nach West mehr.
Weshalb?
Berlin liegt in Ostdeutschland und weltweit gibt es eine Landflucht.

Weshalb habe ich Merkel und Gauck genannt?

"Die von 1989 adaptierte Parole: 'Wir sind das Volk' ließe sich [...] übersetzen mit: 'Wir sind das Ost-Volk - und ihr seid die West-Eliten.' " (Markus Decker, FR  30.9.16)
Wenigstens für Merkel und Gauck gilt das nicht (oder zumindest nur insofern, als sie sich bemerkenswert schnell im Westen integriert haben).

"Wer die ersten 28 Jahre seines Lebens im Westen verbracht hat, ist 'Wessi' lebenslang." (Markus Decker). - Was für ein Licht wirft diese Aussage auf die Chancen der Integration von Flüchtlingen in Deutschland? In Westdeutschland und in Ostdeutschland?

Es gibt in Deutschland zwei Parteien, die ihren Rückhalt in besonders starken Maße in Ostdeutschland haben: die Linke und die AfD.
Ist das eine "Querfront" oder die Folge einer unvollständigen Integration?

So weit meine Gedanken zu Markus Deckers Bilanz zum Tag der deutschen Einheit.

Übrigens: Es gibt in Deutschland noch eine Partei, die ihren Rückhalt besonders in einer bestimmten Region Deutschlands hat. Was ist davon zu halten?
Aber das ist alles doch umgekehrt. Alles? Stichwort "Obergrenze".

(Dieser Blogbeitrag erschien zuerst in Fontanefans Schnipsel und wurde nur unwesentlich verbessert.)