8.5.22

Kindertagebücher aus der Coronazeit

 "[...] Ich habe im März 2020 angefangen, Geschichten über Corona zu schreiben. Die Idee hatte meine Mutter, als damals die Schulen geschlossen wurden. In ein kleines Schulheft hat sie auf jede Seite oben ein weißes Blatt Papier geklebt. Darauf habe ich ein Bild gemalt – eine Maske, einen Schnelltest, das Coronavirus ... Beim Malen ist mir oft eine Idee gekommen, was ich dazu schreiben will.

Unter dem Bild von einem Testzentrum zum Beispiel: "Dieses Coronatestzentrum steht auf dem Hamburger Fischmarkt. Man kann auch mit dem Auto vorbeifahren. Die Menschen tragen weiße Anzüge, damit sie sich nicht anstecken. Man bekommt ein Stäbchen in die Nase. Sehr tief rein und in beiden Nasenlöchern drehen. Irgendwann kriegt man ein Ergebnis. Positiv oder negativ. In der Schule mache ich auch Tests. Und immer negativ." Na ja, bis zum Eintrag mit der Überschrift "Häusliche Quarantäne" – darunter steht: "Ich habe auch Corona. Also muss ich zu Hause bleiben."

Das Schreiben geht schnell, meistens brauche ich so zehn, fünfzehn Minuten für eine Geschichte. Vieles weiß ich aus den Nachrichten. Manchmal frage ich auch meine Mutter, oder wir schauen gemeinsam im Internet nach. Inzwischen geht es nicht mehr nur um Corona, sondern auch um Handys und Motorräder oder um einen starken Sturm, den wir hatten.

Was mich ärgert oder was ich fühle, schreibe ich nicht auf. Deshalb sage ich auch lieber Geschichtenbuch als Tagebuch. Meine Schwester ist drei Jahre alt und möchte immer, dass ich ihr daraus vorlese – wie eine Gute-Nacht-Geschichte.

Ich habe schon acht Hefte voll. Das finde ich ziemlich cool, vor allem, wenn die Bilder schön geworden sind. Und ich bin auch stolz, weil ich so fleißig durchgehalten habe. Für mich ist die Pandemie noch nicht zu Ende. Ich fühle mich zum Beispiel echt komisch, wenn ich keine Maske trage. Und meine Geschichten möchte ich auf jeden Fall weiter schreiben. Aber über andere Themen. Seit zwei Monaten beschäftigt mich der Krieg in der Ukraine sehr. Wir haben Verwandte dort.
Elias, 10 Jahre, aus Hamburg [...]"

https://www.zeit.de/2022/19/kinder-corona-tagebuch-pandemie-alltag/komplettansicht


30.3.22

Motivation für Paralympics und anderes

 Woher kommt Ihr Ehrgeiz, Verena Bentele? – "Mein Handicap spornt mich an" 

"Die zwölffache Paralympics-Siegerin über ihr Aufwachsen bei furchtlosen Eltern, das Heimweh im Internat der Blindenschule – und Platzwunden. [...] 

Bentele: Diese Identitätsdebatten bergen die Gefahr, dass man als Mensch auf etwas festgelegt wird, aber mich kennzeichnet ja nicht allein, dass ich nicht sehen kann. Es gibt ebenso die Sportlerin Verena Bentele, die Politikerin und jetzt die Lobbyistin für die Rechte sozial Benachteiligter. 

ZEIT: Wann wurde Ihnen das erste Mal bewusst, dass Sie anders sind als andere Kinder? Ihr älterer Bruder Michael, mit dem wir zur Vorbereitung dieses Interviews sprachen und der die gleiche genetisch bedingte Sehbehinderung hat wie Sie, sagte uns, ihm wurde das erst in der Schule klar.

Bentele: Das war bei mir ähnlich. [...] 

ZEIT: 2009 hatten Sie während der Deutschen Meisterschaft einen schweren Unfall. Ihr Begleitläufer gab Ihnen eine falsche Richtung vor, und Sie sind einen Hang hinuntergestürzt, haben sich mehrere Brüche zugezogen und eine Niere verloren. Nach langer Pause und mit einem neuen Begleitläufer haben Sie weitergemacht, gegen Angst und Schmerz angekämpft und am Ende bei den Paralympics fünf Goldmedaillen geholt. Was haben Sie in dieser Krise gelernt?

Bentele: Dass ein negatives Erlebnis eben nicht das Ende bedeutet, sondern dass wir Menschen vieles, was wir gelernt haben, im Laufe unseres Lebens speichern und nicht auf einen Schlag verlieren.

ZEIT: Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie das erste Mal wieder auf Skiern standen? Bentele: Sehr genau. Ich musste auf der Münchner Theresienwiese einen Hügel herunterfahren und hatte so viel Angst, dass mich mein Begleiter an die Hand nehmen musste. Stück für Stück ging es dann besser. Ein paar Monate später bin ich auf dem Gletscher wieder allein schnelle Abfahrten runter.

ZEIT: Als Sehende fragen wir uns auch: Das Schießen beim Biathlon, wie funktioniert das für Sie?

Bentele: Über Töne. Am Schießstand setzen blinde Sportlerinnen und Sportler einen Kopfhörer auf – und je näher man mit dem Gewehr dem Infrarotsignal des Ziels kommt, desto höher wird der Ton. Bei einem Treffer ertönt ein hohes Klingeln, bei einem Fehlschuss ein tiefer Brummton. 

"Zu sehen macht vieles einfacher im Leben" 

ZEIT: Bevor Sie die Leitung des Sozialverbands VdK übernommen haben, waren Sie Behindertenbeauftragte des Bundes – und damit Politikerin. Ihr Bruder sagte, Sie seien zuvor gar nicht so politisch gewesen?

Bentele: Politisch interessiert war ich immer schon, aber lange Zeit gab es tatsächlich vor allem meinen Sport und das Engagement für bessere Bedingungen für Athleten in Deutschland. Doch dann hat mich erst der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude gefragt, ob ich sein Wahlkampfteam unterstützen wolle, und schließlich kam die Anfrage von Andrea Nahles, ob ich in die Bundesregierung als Beauftragte kommen will. Ich habe kurz gezögert, denn die Sozialgesetzbücher kannte ich nicht in allen Details aus dem Effeff. Aber ich habe selten zu einem Risiko Nein gesagt.

" (ZEIT 3.2.22)

12.3.22

Es kommt auf unsere Glaubwürdigkeit an

Demonstrationen für Frieden sind richtig, Sanktionen für Aggressoren auch.

Wie aber steht es um das Finanzieren von Angriffskriegen? Das ist doch wohl eher abzulehnen, oder?

Warum aber zahlt die EU Russland nach seinem Überfall auf die Ukraine täglich rund 500 Millionen Euro für Öl und Gas? Weil Handelsverträge bestehen und weil wir auf diese fossilen Energieträger angewiesen sind.

Das kann ich verstehen, und es wird kaum einen Regierungspolitiker geben, der wagt, die Importe von sich aus sofort zu stoppen. Denn zu viele Bürger hätten unter dieser Entscheidung zu leiden, und - wie man hört - könnte das Volkseinkommen um 3 Prozent zurückgehen.

Lieber verkündet der Kanzler, er wolle 100 Milliarden Euro mehr für Rüstung ausgeben (die dann für den Klimaschutz fehlen), als dass er vorschlägt, durch Einsparung von Energie einerseits den Klimaschutz voranzutreiben und andererseits Putins Kriegskasse zu schädigen, indem wir ihm weniger fossile Energieträger abkaufen.

Dabei wurden und werden eine Menge Modelle angewendet, Energie einzusparen, die einzelne Bürger einsetzen können und die Staaten schon erfolgreich eingesetzt haben: Eine Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen, autofreie Sonntage, Verbot von umweltschädlichen Motoren (vgl. Katalysator) haben bei vielen Millionen von Europäern Anklang gefunden. Die privaten Energiesparmethoden sind zahllos. Wenn sie eingesetzt würden, würde klar, dass die Europäer bereit sind, für den Frieden Opfer zu bringen.

Dann erst würden unsere Rufe nach Frieden glaubwürdig.

Dazu:

Süddeutsche Zeitung: "Wir sind nicht machtlos" 12.3.22

https://www.deutschlandfunk.de/juergen-trittin-krieg-ukraine-russland-100.html


7.2.22

Wieder einmal: Motivation

 Text 1: "Mein Handicap spornt mich an" (ZEIT, 3.2.22)

"Fehlt bei der Inklusion die Entschlossenheit?

Bentele: Ja, wenn wir eine offene Welt ohne Vorurteile wollen, 

dann müssen wir in der Schule damit anfangen. Immer wieder 

erlebe ich Barrieren, weil Menschen mit und ohne Behinderung

sich so schlecht kennen. Viele Menschen sagen etwa zu mir: 

Toll, dass du so gut hören kannst. Oder: Wie machst du das 

mit dem Schreiben? Noch nehmen wir eher das Trennende 

als das Verbindende an anderen wahr. Das ist Teil des 

Problems, das auch Kinder aus Einwanderer-familien 

kennen. Wir haben eben längst noch keine Schule für alle. 

[...] dann hat mich erst der Münchner Oberbürgermeister 

Christian Ude gefragt, ob ich sein Wahlkampfteam 

unterstützen wolle, und schließlich kam die Anfrage 

von Andrea Nahles, ob ich in die Bundesregierung als

Beauftragte kommen will. Ich habe kurz gezögert, 

denn die Sozialgesetzbücher kannte ich nicht in 

allen Details aus dem Effeff. Aber ich habe selten 

zu einem Risiko Nein gesagt."

(Verena Bentele)

Fontanefan: Hier das Verbindende zu sehen, ist etwas viel 

verlangt. 

Schließlich hat Bentele als blinde Skiläuferin nach einem Sturz

eine Niere verloren und danach furchtbare Angst. Dann ist sie

aber doch wieder Gletscher hinabgefahren. Da ist es nicht nur

für Sehende wie für Blinde eine riesige Herausforderung, das

Verbindende zu sehen.

Diese Herausforderung anzunehmen, könnte Motivation 

stärken.


Text 2:

Wenn eine Gruppe in einem Motivationstief ist wird vom Lehrer höchste Selbstdisziplin verlangt, denn er muss trotz Widerstände seine Forderungen aufrechterhalten, seine gute Laune und seine Offenheit bewahren, sich vor Selbstmitleid und Gejammere hüten. Das geht nur, wenn man sich kurzfristig unabhängig vom Urteil und von der Stimmung der Klasse macht und im Vertrauen auf die Qualität der eigenen Arbeit "durchhält", bis die Motivation der Schüler wieder da ist.

Die Therapie

Aus meiner Sicht liegt ein Hauptproblem unseres Schulwesens darin, dass die Schüler qualitativ (Energie, Erfahrung, Denkvermögen, Handlungsbereitschaft) mit einem so hohen Niveau in die Schule kommen, dass man als Einzellehrer ihre legitimen Ansprüche nur mit einem enormen Aufwand befriedigen kann. Bezogen auf meine 11.Klasse bin ich der Meinung, dass meine ganze Arbeitskraft gerade hinreicht, um diese Schüler gut zu bedienen. Andererseits: wer von meinen Kollegen kann sich einen solchen Aufwand leisten?

Es müssten folgende Forderungen erfüllt werden:

  • Der Einzelkampf der Lehrers muss durchbrochen werden. Wenn ich beispielsweise die 11. Klasse im Team mit anderen Lehrern führen würde, wüsste ich, welche Aktivitäten gerade anstehen. Ferner könnte ich Informationen über die allgemeine Stimmung in der Klasse einholen und würde nicht jede Schwierigkeit (aber auch jeden Erfolg) auf mich allein zurückführen.
  • Projekte müssen mit Kollegen geplant und durchgeführt werden. Wenn ich eine Woche lang beispielsweise mit der Deutschlehrerin, dem Englischlehrer und dem Geschichtslehrer ein Projekt über die Renaissance inklusive Exkursion gestalte, dann ist die Arbeit insgesamt viel intensiver, sie hat einen Anfang, eine Klimax und einen Schluss, sie nähert sich dadurch der Struktur des realen Lebens. Die Schüler prägen sich das Erlebte viel besser ein.
  • Über den 45-Minuten-Takt war ich mir bisher nicht ganz schlüssig. In der letzten Zeit stelle ich fest, dass dieser Takt schon sehr störend sein kann: zum Beispiel lasse ich gegenwärtig Plakate anfertigen, auf denen die Etappen unserer Frankreichreise dargestellt werden. Der Fleiß meiner Schüler ist tadellos, aber ihre Arbeit wird immer wieder unterbrochen, weil die Stunde zu Ende ist. Was uns am Stück höchstens 90 Minuten beschäftigt hätte, zieht sich durch die Unterbrechungen des 45-Minuten-Taktes jetzt seit mehr als einer Woche hin. Das gilt nicht nur für die Erstellung von Plakaten, sondern auch für jede längere Arbeit (Kurzreferate, Klassenkorrespondenz usw.). Wird dadurch der oft beklagten Oberflächlichkeit des modernen Lebens nicht Vorschub geleistet?

Diese Forderungen sind natürlich nicht originell. An vielen Schulen werden sie schon erfüllt. Ich glaube, diese Schulen sind auf dem richtigen Weg.

Der zweite Text stammt aus dem Jahr 1998 und ist nicht von mir, sondern von Jean Pol Martin.

Ich halte ihn aber immer noch für einen treffenden Beitrag zum Motivationsproblem.

mehr zu Motivation: 

Eine Zusammenfassung mehrerer Beiträge von 2012

alle Beiträge zu Motivation bei Fontanefan

Wikipedia

5.1.22

Über Hochbegabung und das soziale Umfeld

Antwort von  Avicenna89, Community-Experte für Psychologie, Intelligenz, IQ bei gutefragenet (https://www.gutefrage.net/frage/kann-dummes-umfeld-dem-iq-eines-hochbegabten-schaden-anrichten#comment-318313430)

"Dem IQ eines Hochbegabten" fügt ein "dummes Umfeld" keinen Schaden zu. Der IQ ist der Versuch, die Intelligenz eines Menschen im Vergleich zu anderen Menschen zu quantifizieren. Als "hochbegabt" bezeichnet man dabei die Gruppe von Menschen, deren IQ mindestens doppelt so weit vom Durchschnitt abweicht wie man es aufgrund des statistischen Grundrauschens erwarten würde. Die Intelligenz ist ein Persönlichkeitsmerkmal und als solches (in Studien nachgewiesen) im Laufe des Lebens relativ stabil. Der größte Teil der Intelligenzunterschiede zwischen Menschen (also des IQ) ist genetisch veranlagt. Dieser Anteil nimmt sogar mit dem Alter zu. Diese genetische Veranlagung vererbt sich jedoch weitaus komplexer als die Fellfarbe von Nagetieren, anhand derer die Mendelschen Regeln in der neunten Klasse im Biounterricht erklärt werden, sodass man nicht unbedingt von den Eltern auf die Intelligenz der Kinder schließen kann. So etwas wird anhand von Zwillingsstudien herausgefunden, da man ja weiß, dass eineiige Zwillinge die gleichen Gene haben, aber nicht auf Basis von Studien zwischen Eltern und Kindern. Ein weiterer Teil der Intelligenzunterschiede kommt von Umwelteinflüssen, die aus meiner Sicht aber ähnlich wie bei der Anlage für Körpergröße eher destruktiv wirken. Das heißt, schlechtere Ernährung, psychische Belastungssituationen, physische Krankheiten, etc. können den IQ verringern. Achtung: Ob sich dadurch auch die Intelligenz verringert, steht auf einem anderen Blatt. Man kann ja die Intelligenz nur mit dem IQ messen, kann aber nicht immer sicher sein, dass die individuelle Person bei der Messung ihre vorhandene Intelligenz ausgereizt hat, also ob die Umweltfaktoren die Intelligenz bei der Messung überlagern oder ob sie die Intelligenz tatsächlich kaputt machen.

Generell ist die Intelligenz nur ein Potential. Sie ist einfach da. Bei manchen mehr, bei anderen weniger. Durch Anregungen, Förderung, Motivation, ... kann erreicht werden, dass sich dieses Potential entfaltet und kognitive Leistungen erbracht werden. So etwas ist in einem - wie du es beschreibst - "dummen Umfeld" nicht immer gegeben*. Dadurch kann es sein, dass das Potential nicht oder nur teilweise zur Entfaltung kommt - es ist jedoch weiterhin vorhanden und könnte abgerufen werden, wenn die Rahmenbedingungen besser sind, bspw. die Motivation oder die Anerkennung durch das Umfeld für kognitive Leistungen steigt. 

*Ich bin selbst entgegen des nachdrücklichen Rats des Realschulrektors [...]" (Link)

17.12.21

Lernen in der Schule (Überlegungen anhand eines Unterrichtsprojekts von Lisa Rosa)

Rosa, Lisa: Der Untergang. Unterricht über ein schwieriges Thema Neue Sammlung 45 (2005) 2, S. 173-197 

Schüler machen der Lehrerin den Vorschlag, die gesamte Klasse solle sich den Film  "Der Untergang" ansehen, und dann wollten sie darüber sprechen. Es solle aber kein Unterricht dazu stattfinden.  

Was soll diese widersprüchliche Forderung? Unterricht ist doch immer wieder: Zu einem Unterrichtsgegenstand gemeinsame Vorkenntnisse schaffen und dann darüber sprechen.

Was soll das also: Unterricht, der kein Unterricht ist?

Der Grund: Schüler wollen offenbar Antworten auf ihre eigenen Fragen und die miteinander vergleichen, nicht ein vom Lehrer vorgegebenes Lernkonzept.

Was kommt dabei heraus? Das steht in Lisa Rosas Bericht. (sieh oben)