13.12.20

2020 Rückblick und Vorausschau

 Über dem Ärger wegen Corona haben viele vergessen, dass in Sachen Klimaschutz weltweit eine Veränderung eingetreten ist. Die konsequente Verfolgung eines Gedankens durch eine schwedische Schülerin hat weltweites Umdenken ausgelöst und dass der US-Präsident dagegen war, hat nicht verhindert, dass die EU ein Klimaschutzprogramm in Angriff genommen hat, das ohne Greta vielleicht gar nicht oder zumindest noch bescheidener entstanden wäre.

Die Coronakrise hat meiner Meinung nach manche Fehlentwicklungen aufgezeigt: Die Privatisierung des Gesundheitswesens führt Unterversorgung der Allgemeinheit herbei. Fleischfabriken sind gefährlich. Sie hat aber auch vorhandene Möglichkeiten aufgezeigt: Es geht mit weniger Flugverkehr und weniger Individualverkehr, wenn die Fernkommunikation ausgenutzt (und verbessert) wird.

Schließlich: Der Staat muss die Fähigkeit behalten, Veränderungen für alle zu ermöglichen: Regulierung der Finanzindustrie, Abschöpfung von Monopolgewinnen (Amazons Sondergewinne wegen Geschäftsschließungen), und es reicht nicht, wenn einzelne umdenken; aber auch ganze Gesellschaften können lernen.

Die giftigen Auseinandersetzungen sind schwer erträglich, aber besser, als wenn sie gewalttätig werden. (Die Sklavenbefreiung in den USA erfolgte erst nach dem blutigen Bürgerkrieg.)

Verglichen mit Menschen in Notsituationen wie Naturkatastrophen, Krieg, absoluter Armut, politischer Verfolgung oder auch nur politischer Unfreiheit geht es der deutschen Bevölkerung im Durchschnitt unfassbar gut.

Andererseits: Das, was ich hier stark vereinfachend so positiv geschildert habe, habe ich zunächst alles negativ, als zu wenig gedacht: Ich zweifle sehr, ob die gegenwärtigen Entwicklungen in eine gute Richtung führen, aber ich weigere mich, zu verzweifeln, wenn sie nicht in die Richtung führen, die ich für richtig halte.

Ein Gedanke ist mir im Gedächtnis geblieben (die genaue Formulierung nicht): Hoffnung heißt, zu handeln als wenn eine Lösung möglich wäre. Gerade in der jungen Generation gibt es dafür viele Beispiele.

8.9.20

Über die Ungleichheit der Anstrengungen in Sachen Klimawandel und COVID-19

Wenn der Klimawandel so ernst genommen worden wäre, wie es die vielen Klimakonferenzen erscheinen ließen, dann wären die Medien längst seit Jahren so voll von diesem Thema wie gegenwärtig von Nachrichten zu Corona und COVID-19.

Greta Thunberg hat Recht gehabt: Die große Mehrheit der (von mir beobachteten Medien und Politiker) hat ihn nicht ernst genommen und nimmt ihn nicht ernst.

Sonst würden in den Lokalen Zeitungen nicht täglich die Zahlen von Neuinfizierten mit COVID-19 stehen, sondern es würden die Millionen Tonnen CO2-Ausstoß, die weltweit noch möglich sind, ohne das 2-Grad-Ziel endgültig zu verfehlen, angegeben werden, zusammen mit dem täglichen Verbrauch. 

Wie ernst man eine Krise nehmen kann, wie sehr man jeden Einzelnen dafür in die Pflicht nehmen kann, an einer gesellschaftlichen Aufgabe mitzuwirken, das hat die Coronakrise gezeigt.

Umso erschreckender, dass das nur im Zusammenhang mit einer von vielen gefährlichen Krankheiten geschieht, aber nicht bei den aktuellen Menschheitsproblemen.

Weshalb das so ist, dazu liefert der Vergleich: Coronaepidemie und Klimawandel einiges Material. Man kann nur hoffen, dass es gelingt, sic diesen Problemen mit derselben Intensität zuzuwenden. 

An anderen Stellen habe ich zwar einiges dazu geschrieben, weshalb das nicht gelungen ist.*

Wichtig ist aber vor allem, dass es trotz aller Widrigkeiten möglich gemacht wird.*

*Die Hauptgründe sind vermutlich: Bei Corona werden Erfolge/Misserfolge innerhalb einer Legislaturperiode deutlich. Außerdem eignet sich das Phänomen für nationale Konkurrenz: Statt dem anderen dabei zu helfen, die Seuche möglichst erfolgreich zu bekämpfen, konzentriert man sich allein darauf, selbst als guter Krisenmanager dazustehen. (Geradezu grotesk wird es, wenn innerhalb von Staaten Bundesländer solche "Wettbewerbe" austragen.) Hier müsste etwas strukturell geändert werden. 

*Meine Anregung eines Vergleichs zwischen Coronakrise und Klimakrise erschien vor knapp einem halben Jahr in ZUM-Unterrichten. Mir geht es darum, dass die Coronakrise Schülern hilft, die Bedeutung der Klimakrise einzuschätzen. Das sollte nicht dadurch geschehen, dass der Blick einseitig auf meine Auffassung gelenkt wird. 

Aber ich hielte es doch für unangemessen, wenn der Eindruck entstünde, beide Krisen hätten aus meiner Sicht die gleiche Dimension. Wenn von der Coronakrise als einem Jahrhundertereignis gesprochen wird, ist das nach rund 20 Jahren des Jahrhunderts wohl etwas verfrüht. Der Klimawandel hat dagegen - leider - das Zeug dazu, weit mehr als ein Jahrhundertereignis zu werden. 

Auch das Artensterben hat eine andere Dimension als die Pandemie. 

29.8.20

Schreiben im Internet - Ansätze einer Selbstreflexion

Homepage, Wikipedia, ZUM-Wiki, diverse Wikis und Bloggen. Das waren die Hauptstationen. Von jetzt ab konzentriert sich der Beitrag auf mein Bloggen.

Dieser Blog hier folgte auf einen, der als Fortsetzung meines politischen Tagebuchs diente. 2006 waren es noch thematisch weit gefächerte Einträge, während ab 2007 hier eine Spezialisierung auf Pädagogik einsetzte, während der Blog Fonty 2007 das politische Tagebuch fortsetzte.
Parallel habe ich allerlei Texte von mir und von anderen ins Netz gestellt. Das sind Textsammlungen, keine fortlaufenden Einträge.
Fortlaufend führe ich gegenwärtig Fontanefans Schnipsel. Wie der Name es sagt, ist das der Ersatz für die Zeitungsausschnitte, die zu sammeln und ordnen zu umständlich wurde (die vorher gesammelten versuche ich durch einen nicht-öffentlichen Blog zu erschließen).
Zum Internet passend sind die Beiträge/Schnipsel kommentierte Links. Doch immer wieder wachsen sich die aber auch in Artikel aus. Der Nachteil: Gegenwärtig muss ich zu politischen Themen in drei meiner Blogs suchen: FontyFontanefans Schnipsel und diesem. Die Vereinigung der Blogs fällt mir freilich schwer; denn ich versuche, in diesem Blog die Beiträge zu sammeln, die meine eigene Position darstellen und die aufzuheben mir wichtig scheint, in Fontanefans Schnipsel dagegen viele simple Links, während Fonty inzwischen wesentlich dazu dient, Beiträge von euro|topics aufzunehmen.
So viel für heute.

23.8.20

Welche Chancen böte ein "Green Deal" der EU?

Ratspräsidentschaft und Vorsitz der EU-Kommission in weiblicher Hand.

Merkel spricht mit führenden europäischen Vertreterinnen von Fridays for Future.

Ich will versuchen, mit einen Blick auf die jüngere "Geschichte des Westens" (H.A. Winkler), von den vorgegebenen Anforderungen, die vom Klimawandel ausgehend, über realistische - wenn auch von heute aus gesehen utopische Wege in die Zukunft zu reflektieren.

Zunächst ist das nichts weiter als ein Projekt neben mehreren anderen, die ich ins Auge gefasst habe, die ich aber immer nur von Zeit zu Zeit angehen kann und von denen auch ein Fragment ein sinnvolles Ergebnis sein könnte.


Hier gilt es die Frage offen zu halten und im Blick auf die jüngste Vergangenheit nach Punkten der Veränderung zu suchen und nach den Wegen, die sie versprachen, auch wenn sie nicht genutzt worden sind.
Winkler sieht 1990 als den tiefen Einschnitt, der Anfang unserer Gegenwart war. Fukujama hat ihn für das "Ende der Geschichte" gesehen, insofern ist der Gedanke Anfang der Gegenwart passend.
Im Westen hat man die Friedensdividende, Gorbatschow und Putin haben ein Europäisches Haus als Möglichkeit gesehen. Beides ist nicht genutzt worden.
Wie aber, wenn wir den Blick auf den vorhergehenden tiefen Einschnitt sehen? 1945 wurden die Vereinten Nationen gegründet als Antwort auf den verheerenden Weltkrieg. In gewisser Weise war es nur eine Neuauflage des Versuchs mit dem Völkerbund nach dem Ersten Weltkrieg. Ein dritter Versuch?


1990 war u.a. das Ergebnis eines "Wandels durch Annäherung". Böte ein neuer solcher Wandel eine zweite Chance auf ein Europäisches Haus?
Zu bedenken: "Wenn die Europäische Union so etwas wie ein "Wir-Gefühl" entwickeln wollte, musste sie die kommunistische Diktaturerfahrung als Teil ihres gemeinsamen Erbes begreifen" (Winkler). Ist die Furcht vor einem russischen Angriff durch Abschreckung durch eine überlegene europäische Streitmacht zu überwinden?
Wie soll die aufgebaut werden, wenn der wirtschaftliche Einbruch aufgrund der Coronakrise die Konzentration aller Kräfte auf eine wirtschaftliche Erholung verlangt?


Außerdem: Die Pandemie führt eher zu Rückbesinnung auf nationale Lösungen. Kann Putin daran gelegen sein, mit einer Besatzungsarmee die Wege zu fremden Infektionsherden zu öffnen? Und noch wichtiger: Das Hauptproblem stellt für alle Nationen der Klimawandel dar. Hat es da Sinn, mehr Rüstung zu betreiben? Ist es nicht vielmehr vordringlich, die eingetretene Disruption für eine energische Umstellung der Wirtschaft zu nutzen?

Die osteuropäischen Staaten sehen ihre Hoffnung in Abschreckung. Sind die USA unter Trump eine glaubhafte Garantie für gemeinsame Verteidigungsleistungen von Europa und den USA?
Könnte es ein Wandel durch Annäherung Hoffnung auf Lösung des globalen Problems bieten?

China wird in den Medien immer wieder als die große Gefahr dargestellt. Wenn uns die USA nicht mehr schützen, sind wir China ausgeliefert. Oder Russland?
Was strebt China mit der neuen Seidenstraße an? Eine Hegemonie. 
Ist die Hegemonie der USA ein überzeugendes Vorbild? Könnte nicht doch eine Kooperation mehr Chancen bieten?
Könnte ein "Green Deal" nicht auch für China eine interessante Perspektive eröffnen?

Demokratie und Toleranz sehen wir im Westen als westliche Errungenschaften. Winkler sieht ältere Vorbilder im asiatischen Raum. Wie steht es mit an die Natur angepasstem Wirtschaften in Asien? Gab (und gibt) es nicht auch dafür gerade in Asien Vorbilder?

"Und ein Narr wartet auf Antwort." heißt es bei Heine.

Die Antworten liegen in der Zukunft, aber wir haben die Möglichkeit, auf sie Einfluss zu nehmen. Ist es närrisch, es wenigstens zu versuchen?

Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens – Die Zeit der Gegenwart

"Mehr als alles andere aber schwächte den Westen und damit auch seine Führungsmacht die Infragestellung jener transatlantischen Wertegemeinschaft, die Amerikaner und Europäer in der Vergangenheit so oft beschworen hatten. (Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens – Die Zeit der Gegenwart, 2015, S. 236) 


"Im gleichen Monat [Januar 2005, als die Zahl der Arbeitslosen über 5 Millionen stieg] gründeten Gewerkschaftler, linke Sozialdemokraten und Angehörige linker Splittergruppen eine neue Partei, die Wahlaternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG)." (Seite 245)
Wolfgang Clement, seit 2005 Minister für Wirtschaft und Arbeit, setzte jedoch im Zusammenspiel mit dem Kanzler, ein höheres Defizit und damit eine höhere Neuverschuldung durch, wobei die Beteiligten die Verletzung eines der Maastricht-Kriterien, nämlich die abermalige Überschreitung der Defizitgrenze von 3 Prozent des Bruttoinlandproduktes, bewusst in Kauf nahmen. [...] Den Bruch dieser Zusage vollzog die Bundesregierung in enger Abstimmung mit der französischen Regierung, der ebenfalls an einer Aufweichung der im Vertragswerk von Maastricht festgelegten Restriktionen lag. Schon 2003 hatten Berlin und Paris gemeinsam verhindert, dass die Kommission die Eurostaaten, die die Dreiprozentmarke überschritten hatten, durch einen "Blauen Brief" zur Haushaltsdisziplin ermahnte. Die beiden größten Volkswirtschaften der EU setzen damit ein Beispiel, dass Schule machen sollte. [...]
Die finanzpolitische Kehrtwende zeitigte nicht die Wirkungen, die sich Rot-Grün erhofft hatte. Am 22. Mai erlitten die beiden Düsseldorfer Koalitionspartteien, die SPD und die Grünen, bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen eine schwere Niederlage: Sie verloren ihre parlamentarische Mehrheit an CDU und FDP. Damit gab es in ganz Deutschland keine rot–grüne Landesregierung mehr. So wie Schröder die Lage beurteilte, war es für die SPD geradezu eine politische Überlebensfrage, nach dem Verlust ihres "Stammlandes" an Rhein und Ruhr wieder in die politische Offensive zu gehen. Noch am gleichen Abend kündigte der Kanzler daher in Absprache mit Müntefering an, er strebe nunmehr Neuwahlen an. Die "unechte" Vertrauensfrage, über die der Bundestag am 1. Juli abzustimmen hatte, führte zum gewünschten Ergebnis: dank 148 Enthaltungen aus den Reihen der Koalition wurde der Antrag abgelehnt." (Seite 246)
So kam es Im Sepember zu einer vorzeitigen Neuwahl des Bundestages.


"Am Abend des Wahltages, des 18. September, lagen die Unionsparteien mit 35,2 % nur knapp vor der SPD, die auf 34,2 % kam. Die FDP erhielt 9,8, die linke 8,7, Bündnis 90/die Grünen 8,1 %.
Eine Mehrheit gab es weder für Schwarz-Gelb noch für Rot-Grün. Rot-Rot-Grün war eine ebenso undenkbare Konstellation wie eine "Ampel" aus SPD, FDP und Grünen. Es blieb nur eine große Koalition aus Union und Sozialdemokraten, wie es sie schon einmal in den Jahren 1966-1969 in der "alten" Bundesrepublik gegeben hatte." (Seite 247)
"Von den inneren Reformen von Rot-Grün prägten sich den Zeitgenossen der Ausstieg aus der Kernenergie, die Ökosteuer, das neue Staatsbürgerschaftsrecht und die eingetragene Lebenspartnerschaft am stärksten ein. Unter Rot-Grün hatte Deutschland, um nicht allzu weit hinter die Pionierländer, die USA und Großbritannien, zurückzufallen, die Liberalisierung der Finanzmärkte vorangetrieben, indem es durch das Investment-modernisierungsgesetz vom September 2003 relativ restriktive Voraussetzungen für die Zulassung von Hedgefonds schuf." (Seite 248)

"Es sollten noch mehrere Jahre vergehen, bis in Deutschland die Einsicht reifte, dass die Reformen von 2003 Deutschland wirtschaftlich gestärkt und seinen Sozialstaat gefestigt hatte. Deutschland war aus Traditionen ausgebrochen, die sich als fesselnd erwiesen hatten. So reformbedürftig das Reformwerk in mancher Hinsicht auch war, in der Summe legte es den Grund dafür, dass Deutschland die Erschütterungen im Zeichen der Weltwirtschaftskrise von 2008 besser überstand als die meisten anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union." (S.249)


"Wenn die Europäische Union so etwas wie ein "Wir-Gefühl" entwickeln wollte, musste sie die kommunistische Diktaturerfahrung als Teil ihres gemeinsamen Erbes begreifen, ohne dass sie die unterschiedlichen Erscheinungsformen von totalitärer Herrschaft, der nationalsozialistischen beziehungsweise faschistischen und der kommunistischen, gleichsetzte." (S. 279)


"An den Emanzipationsprozessen des alten Westens vom Humanismus über die Reformation bis zur Aufklärung hatten Bulgarien und Rumänien ebenso wenig Anteil gehabt wie zuvor an der mittelalterlichen Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt, der Urform der politischen Gewaltenteilung überhaupt. Beiden Ländern fehlten infolgedessen die Traditionen des Rechtsstaats und des gesellschaftlichen Pluralismus: Hypotheken, die auf der politischen Kultur Bulgarien und Rumäniens lasteten und es ihnen erschwerten, das Erbe der kommunistischen Diktatur abzuschütteln." (S. 281)
"Das Ziel der Stabilisierung hatte für die Europäische Union inzwischen Vorrang vor der Absicht, die Erfüllung der Beitrittsbedingungen zur Vorbedingung der Mitgliedschaft zu machen. Der Prioritätenwechsel war vor allem der Erfahrung der jugoslawischen Nachfolgekriege geschuldet." (S.283)
"Der Vertrag von Lissabon enthielt das Minimum an Reformen, dass die EU der 27 brauchte, um funktionsfähig zu bleiben, und er stand zugleich für das Maximum an Integration, zu dem die Mitgliedstaaten bereit waren. Der Vertrag war ein klassisches Produkt der Exekutivsphäre [...]  Eine effektive Kontrolle der Regierenden war nur im Rahmen der demokratisch verfassten Nationalstaaten möglich, und dort musste sie fortan verstärkt ausgeübt werden.(Seite 290)
Der Euro hatte bei seiner Einführung als bargeldloses Zahlungsmittel keinen einfachen statt. Am ersten Handelstag, dem 1. Januar 1999, lag er bei 1,18 Dollar. Bis zum Jahresende sank eher auf Parität mit dem Dollar ab. [Doch:] 2007 musste man 1,3705 Dollar für einen Euro bezahlen." (Seite 291)
"Faktisch war das unabhängige Kosovo ein Protektorat der Europäischen Union und des Atlantischen Bündnisses." (Seite 294)

Ukraine:
Die Empörung der um den Sieg betrogenen Opposition äußerte sich in Protestdemonstrationen, wie sie die Ukraine noch nicht erlebt hatte. Aus den Massenkundgebungen, vor allem auf dem Majdan, dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, wurde binnen kurzem die "orangene Revolution" – benannt nach den orangefarbenen Flaggen und Schals der Anhänger von Juschtschenko und Timoschenko." (Seite 299)

Russland:
"Das russische Bruttoinlandsprodukt stieg zwischen 2002 und 2005 um 35 Prozent, die russischen Auslandsschulden sanken in dieser Zeit um ein Drittel.[...] Ende 2007 stand Putins Ansehen in Russland auf einem Höhepunkt. (S.309)
Deutschland:
"Im Mittelpunkt der "Föderalismusreform II", die im Juli 2009 in Kraft trat, standen die Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern. [...] Die "Schuldenbremse" sollte Bund und Länder zu strikter Haushaltsdisziplin zwingen, weil andernfalls die Auflagen des europäischen Stabilitäts- und Wachstumspaktes nicht einzuhalten waren." (Seite 312/313) 
Frankreich:
Unter Sarkozy fand eine Verfassungsreform statt.
"Zu den bemerkenswertesten Neuerungen gehörten die Beschränkung der Amtszeit des Präsidenten auf zwei Mandate [...] In der Summe ergab sich daraus noch keine Parlamentarisierung der Fünften Republik, doch ein deutlicher Schritt in diese Richtung" (S.322)


"Ihren Anspruch, ein Bündnis freiheitlicher Demokratien zu sein, interpretierte die NATO sehr pragmatisch: Das autoritär regierte Portugal war ein Gründungsmitglied; die undemokratischen Strukturen der Türkei standen ihrer Aufnahme im Jahr 1952 nicht im Weg." (S.599)

Früher sprach man von Realpolitik, in der Politikwissenschaft spricht man von Realismus. Winkler beschreibt die NATO von 1952 als pragmatisch.
Winkler hat freilich weit mehr zu sagen. 

"Was die Demokratien angeht, [...] Schon im persischen Großreich gab es über Jahrhunderte hinweg einen gewählten Rat, eine Volksversammlung und Richter, die auf Vorschlag des Rats von der Volksversammlung gewählt wurden. Auch im Hinblick auf eine andere vermeintliche Errungenschaft des Westens, die Toleranz, sind Zweifel angebracht. [...] indischen Kaiser Aschoka, der schon im 3. Jahrhundert vor Christus für Toleranz eintrat. [...] Der alte Okzident brauchte lange, nämlich bis zur Aufklärung, bis er in der Toleranz eine Bedingung geistiger Freiheit erkannte und anerkannte." (S.606)

Rezensionen des Bandes bei Perlentaucher

Wikipedia Heinrich August Winkler:
"Angesichts der Coronakrise im Frühjahr 2020 hält es Winkler für illusorisch zu meinen, die Folgelasten seien allein durch neue Schulden zu meistern. Deutschland werde um eine „Umverteilung großen Stils“, einen Lastenausgleich zwischen den von den materiellen Folgen weniger Betroffenen und den in ihrer beruflichen Existenz Gefährdeten, nicht herumkommen. Diese Umverteilung werde den historischen Lastenausgleich zugunsten der Heimatvertriebenen und Ausgebombten nach dem Zweiten Weltkrieg weit übertreffen."
(Heinrich August Winkler: Plädoyer für einen neuen Lastenausgleich. Wir brauchen einen Corona-Soli. In: Der Tagesspiegel, 29. März 2020, S. 19.)

24.7.20

Meinungsfreiheit und Differenzierung

Wenn ich etwas lernen will, lese ich nicht Josef Joffe. Ich habe schon so viel von ihm gelesen, was ich ablehne, dass es mir zu schwer fällt, seinen Argumenten genügenden benefit of the doubt zu geben, der mir erlaubt überkommene Denkbahnen zu verlassen, um ihm zu folgen.
Umso mehr beeindruckt es mich, dass ein "Die Feinde des Liberalismus" (ZEIT 31/2020 23.7.; S.45f.) eine Reihe von Gedanken vorträgt, die auszuarbeiten ich trotz eines inneren Bedürfnisses zurückgestellt habe, um Forderungen des Tages zu genügen.
Ich habe nur einen wesentlichen Einwand gegen seine Argumentation: Symbolpolitik verändert zwar keine realen Verhältnisse, aber sie kann dazu beitragen, dass sie geändert werden.
Brandts Kniefall in Warschau war Symbolpolitik, aber er hat wesentlich dazu beigetragen seiner Ostpolitik zum Erfolg zu verhelfen. Ob und inwieweit  dieser Erfolg dazu beigetragen hat, Gorbatschow zu seiner Politik zu ermutigen, mögen spätere Historiker beurteilen. Für mich hat es jedenfalls gegenwärtig noch den Anschein, dass es so war.

Hier aber noch ein bedenkenswertes Zitat, das Joffe aufgreift:
"Als Weißer hast du nicht das Recht, zuzustimmen oder abzulehnen, was ein Schwarzer sagt. Beipflichten ist genauso arrogant wie Widerrede!" 
Es ist aus dem Zusammenhang gerissen; aber es lässt den Gedanken aufkommen, dass Weiße nur ein eingeschränktes Recht der Ausübung von Meinungsfreiheit haben sollten.

Ich persönlich bin zu der Ansicht gekommen, dass Deutsche sehr zögerlich damit umgehen sollten, im Kontext mit Rassismus und Völkermord ihre Wahrheit auszusprechen, weil es Betroffene als Angriff auf ihre Wahrheit empfinden könnten.
Wenn man aber Entsprechendes allgemein für alle Weißen fordert, öffnet man den Weg zur Beseitigung von Meinungsfreiheit. 

29.6.20

Habermas und Arno Widmann oder wie Literatur die Demokratie retten könnte

"Der erste Satz lautet: „Wir sind von Haus aus eine geschwätzig plappernde Spezies“. Dann kommt kein Punkt, sondern ein Gedankenstrich und es geht so weiter: „kommunikativ vergesellschaftete Subjekte, die ihr Leben nur in Netzwerken erhalten, die von Sprachgeräuschen vibrieren.“ "
Das ist Habermas. Aber Arno Widmann versteht es, ihn zu lesen und uns zu erklären, was seine Faszination ausmacht. 
Habermas hat eine philosophische Theorie des Kommunikativen Handelns entwickelt und er hat die Kurzformel vom herschaftsfreien Diskurs entwickelt. Damit hat er eine Formel gefunden, die ich mir mit "Gespräch auf Augenhöhe" übersetzen kann. Das ist nach meinem Verständnis ein Gespräch, bei dem nur die Qualität des Arguments zählt und nicht die Autorität, die von einer Lebensleistung ausgeht (z.B. Einstein oder Habermas) oder von einer Institution (Papst) oder von einem Machtapparat (Trump, Stalin, Hitler). 
In der Wikipedia wird mit der über Decknamen möglichen Anonymität so etwas versucht (freilich durch die organisatorische Macht von Administratoren und Administratorennetzwerken wieder konterkariert).

Wie erklärt uns Widmann das Besondere an der Formulierungskunst von Habermas?
"Das ist Jürgen Habermas. Er kann eben beides: So reden, dass wir ihn verstehen und das dann verstecken in einem Professorendeutsch, vor dem man davonrennen möchte. Allerdings gelingt es einem nicht, weil er einen durch diesen abschreckenden Sound hindurch immer wieder packt. Hier zum Beispiel das „vibrieren“." (Nachzulesen in Widmann: Es bleibt die Literatur, FR 29.6.2020)

Während Adorno einmal (in der ZEITsinngemäß erklärt hat: Ich bin aus den USA nach Deutschland zurück gekommen, weil man in den USA von mir verlangt, verständlich zu schreiben, hat Habermas den Weg gefunden, beides zu tun: Sich im wissenschaftlichen Diskurs eine führende Stellung zu erarbeiten und in der öffentlichen Auseinandersetzung unmissverständlich Position zu beziehen (z.B. Historikerstreit). Dazu braucht es immer wieder Kurzformeln wie 'Verfassungspatriotismus', 'Strukturwandel der Öffentlichkeit' und eben 'herrschaftsfreier Diskurs'. 

Zurück zu Widmann: Er ist nicht nur auf den unterschiedlichsten Feldern im Bereich Kultur unterwegs, sondern er stellt aktuelle Beiträge und Diskussionen auch prägnant vor. 
Den Vorteil der sozialen Medien und ihre Gefährlichkeit für die Demokratie beschreibt er, Habermas vereinfachend, so:
"Die digitale Revolution hat uns alle zu potentiellen Autoren gemacht, schreibt Habermas. Die sozialen Medien lassen unserer „Plapperlust“ freien Lauf. Sie sind die allen ungefiltert zugängige Öffentlichkeit. [...] Die Kontrollinstanzen von z. B. Redakteur und Lektor entfallen. Jeder kann jedem twittern. Auch die Politiker sind nicht mehr angewiesen auf „Bild und Glotze“. Sie erreichen ihre Follower direkt. [...]. Es handelt sich zweifelsohne um einen demokratischen Schub. Aber er gefährdet, so dialektisch geht es zu, die Demokratie.[...] Habermas sieht die Gefahr, dass „sich die Meinungsbildung in den zersplitterten und gleichzeitig von selektiven Standards entlasteten Kommunikationsblasen gegen die rationalisierende Kraft einer diskursiven Vielfalt der Beiträge immunisiert.“ [...]
Und dann fährt Widmann fort:
"So umfassend der Einfluss der Digitalisierung auf die politische Kommunikation ist, so gering ist er auf die Literatur. [...] Literarische Werke, so Habermas, verfügen über „eine eigentümliche Autorität.“ Sie rührt aus ihrem „Eigensinn“, mit dem sie sich dem Urteil der Zeitgenossen entziehen oder gar widersetzen und dagegen einer späteren Generation sich mitteilen ja geradezu aufdrängen können." [...]  Der Künstler, der Autor hat nicht eine Erfahrung, die er geschickt in Worte zu fassen versteht, sondern er erfährt, was er erfährt, beim Schreiben. Literarische Erfahrung ist eine Sache des Textes. Darum kann der Leser sie – in manchen Fällen nach Tausenden von Jahren über mehrere Übersetzungen hinweg ohne Kenntnis der Lebensumstände des Autors – nachvollziehen.
Wir lesen, so schreibt Habermas, nicht um uns über bestimmte Sachverhalte aufzuklären, sondern – damit kommt er Adorno näher, als er ihm in den letzten 60 Jahre wohl je war -, „um wenigstens manchmal einige Zipfel jener vorsprachlich präsenten Erfahrungen, aus denen wir intuitiv leben und mit denen wir dahinleben, als solche zu ergreifen und uns anschaulich vor Augen zu führen. Ob sie nun schön sind oder schrecklich.“"
Und es bedarf eines "Qualitätsmediums", um Widmann den Apparat und die Reichweite zu geben, um uns auf den verschiedensten Gebieten so informieren, dass wir nicht nur über das Wesen von Literatur, sondern auch über die gedankliche Nähe von Adorno und Habermas aufgeklärt werden. 


Über Gemeinsamkeiten von Literatur und Spiel als Mittel der Selbsterfahrung haben schon Schiller und Huizinga nachgedacht: Homo ludens.

25.6.20

Milliarden für Finanzindustrie und Umweltverschmutzung, Kürzungen für kleine Selbständige und Angestellte

Wer Gewinne will, muss Risiken tragen ZEIT 25.6.20
Heinz Hermann Thiele hat darauf spekuliert, dass er von der umweltschädlichen Milliardenspritze für die Lufthansa profitiert, wenn er mit der Insolvenz der Lufthansa droht. Als seine Spekulation selbst den Vertretern eines ungeregelten Marktes unanständig erschien, hat er - nach neusten Meldungen - zurückgezogen.

Dagegen hat die Spekulation der Finanzindustrie mit der Schaffung der EFTs (vgl. Indexfonds) funktioniert:

Die Stunde der Zombies ZEIT 25.6.20
"Fast 40 Millionen Menschen haben in den USA in den vergangenen Monaten ihren Job verloren. Doch während sie oft vergeblich auf staatliche Hilfe warten, gab es über Nacht Billionen Dollar für die Finanzindustrie." 

EFTs (börsengehandelte Fonds) sind anlegerfreundlich, weil sie es ermöglichen, dem Risiko des Kaufs der Aktien/Anleihen einer einzelnen Firma auszuweichen. Freilich funktioniert das nur unter der Fiktion, dass die ausgebenden Institutionen auch in Zeiten sprunghafter Börsenentwicklung tragen. Wenn sie das (aufgrund des Börsenhandels in Nanosekunden und der daraus resultierenden hohen Beschleunigung der Kursausschläge) nicht tun, dann droht bei jeder realen Krise eine Finanzkrise. Deshalb fließen wegen der jetzigen Pandemie nicht nur Billionen für die Industrie, sondern zusätzlich auch Billionen für die Finanzindustrie und Investmentfonds wie Blackrock, der ehemalige Arbeitgeber von Friedrich Merz, verdienen Milliarden daran, dass die Finanzindustrie ins Wanken gebracht haben. 
So - von mir kurz gefasst - die Analyse der ZEIT. 

Es bleibt dabei: Systemrelevant sind in der Wirklichkeit Verkäufer*innen, Pfleger*innen und Ärzt*innen und müssen deshalb Gesundheitsrisiken ein gehen und Überstunden schieben, aber die Spekulanten, die das Finanzsystem mit immer gefährlicheren Finanzkonstrukten  zerrütten, heimsen die Milliarden ein.

24.6.20

Vom Beruf zum lebenslangen Lernen

Das Wort Beruf kommt von Berufung und bedeutet, dass man das lernen sollte und sich das als Lebensaufgabe setzen sollte, was einen besonders interessiert und was man für gesellschaftlich besonders wichtig hält (so wie gegenwärtig in der Coronakrise Versorgung und Betreuung von Menschen).
Die Entwicklung vom Beruf zum lebenslangen Lernen bedeutet: Es geht immer weniger darum, was man gelernt hat, und immer mehr darum, ob am motiviert ist, Neues zu lernen.
Eine Professorin hat bei einer Examensfeier den erfolgreichen Studenten Folgendes gesagt (ich gebe das aus dem Gedächtnis wieder): Worauf wir bei Studenten bei der Aufnahmeprüfung achten, ist dasselbe wie das, worauf die Firmen bei der Einstellung von Berufsanfängern achten: Motivation und gedankliche Offenheit, Flexibilität.
Ich füge hinzu: Was den Nobelpreisträger vom normalen Wissenschaftler unterscheidet, ist die Motivation, er ist weit motivierter als andere.
Die Fragen, die ich dazu zu stellen habe: Woher soll ich die Motivation nehmen, etwas zu lernen, was ich nicht für wichtig halte?
Wenn es um größtmögliche Lernfähigkeit und Flexibilität geht, ist ein Computer der Beste. Den kann man nämlich für jede beliebige neue Aufgabe programmieren. Menschen arbeiten aber am erfolgreichsten, wenn sie interessiert und motiviert sind.
Bedeutet mehr Eigenverantwortung des Angestellten mehr Freiheit für ihn oder nur weniger Verantwortungsbereitschaft des Unternehmers??

1.6.20

Ohne Meinungsaustausch werden wir nicht klüger

Warum haben sich die Politiker in der Coronakrise ständig auf die Wissenschaft berufen? Weil Gefahr im Verzuge war und man nach bestem Wissen und Gewissen schnell entscheiden musste. Das war richtig, und Wissenschaftler haben darauf immer wieder hingewiesen. Aber dieselben Wissenschaftler haben stets gewusst, dass alle wissenschaftliche Erkenntnis nur vorläufig ist. Deshalb forschen sie ständig weiter, unternehmen neue Experimente, damit die Unsicherheit geringer wird und Schritte aus der Krise heraus weniger riskant.
Dazu gehört freilich auch offene Diskussion darüber, was aus dieser Krise zu lernen war. Und dazu gehören Proteste, Demonstrationen und fundierte Kritik am Regierungshandeln aus den Reihen der Opposition. Ohne Meinungsaustausch werden wir nicht klüger.
Was uns in die Krise hineingeführt hat, kann uns nicht herausführen.

28.5.20

Pflichtlektüren für das Abitur Deutsch Grundkurs 2020


Pflichtlektüren Deutsch Grundkurs 2020 in den verschiedenen Bundesländern
Kommentar der ZEIT dazu: "Der Lesekanon wechselt alle paar Jahre, ist aber erstaunlich beständig." - Ich empfinde ihn als durchaus anregend und wenig kanonisch. Freilich halten sich manche Werke dort recht lange, die m.E. so viel Aufmerksamkeit nicht unbedingt verdient haben. 
Weitere Beiträge zum Thema Kanon

Bremen: Juli Zeh: Corpus Delicti oder Kevin Kuhn: Hikkomori (Kontaktlose in Japan)
H. v. Kleist: Michael Kohlhaas
Schleswig-Holstein: Goethe Faust I
Hamburg: Theodor Fontane (ein Werk wahlweise)
Lessing: Emilia Galotti
Saša Stanišić: Vor dem Fest
Hebbel: Maria Magdalena
Maren Ade: Toni Erdmann (Drehbuch)
Niedersachsen: Erich Kästner: Fabian (Weimarer Republik)
Hans Fallada: Kleiner Mann - was nun?  (Weimarer Republik)
Hessen: Goethe: Faust I
Georg Büchner: Woyzeck
Eichendorff: Taugenichts
Kafka: Die Verwandlung
Berlin und Brandenburg (ab 2021): Goethe: Iphigenie
Eichendorff: Das Schloss Dürande
Nordrhein-Westfalen: Goethe: Faust I
Kleist: Die Marquise von O.

Judith Hermann: Sommerhaus, später
Sachsen: Juli Zeh: Corpus Delicti
Fouqué: Undine
Christoph Hein: In seiner frühen Kindheit ein Garten
Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame
Euripides: Medea
Saarlland: Goethe: Faust I
Ludwig Harig: Weh dem, der aus der Reihe tanzt (NS-Zeit)
Wedekind: Frühlings Erwachen
Kafka: Erzählungen u. kurze Prosa
Baden Württemberg: Goethe: Faust I
Hesse: Der Steppenwolf
Hoffmann: Der goldene Topf
Bayern: Goethe Faust I
Mecklenburg-Vorpommern: keine Pflichtlektüren
Sachsen-Anhalt: keine Pflichtlektüren
Rheinland-Pfalz: keine Pflichtlektüren

Thüringen: keine Pflichtlektüren

Grundlagen der Recherche:

https://www.zeit.de/wq/2020-23#ach-du-mein-goethe-infografik

Abiturprüfungspraxis und Abituraufsatz 1882 bis 1972



Gemeinsamer Aufgabenpool

Gemeinsamer Aufgabenpool Deutsch 2019 (Grundkurs)
Franz Hohler (* 1943): Der Sonderling (1979)
Ulla Hahn: Das verborgene Wort
Ödön von Horváth (1901–1938): Geschichte einer kleinen Liebe (Text aus dem Nachlass, vermutlich entstanden zwischen 1924 und 1927)

8.5.20

Tipps zum Unterricht in der Krise

Es gab viele Vorschläge für digitalen #Fernunterricht*, jetzt brauchen wir welche für den eingeschränkten Unterricht. Wie kann die man freistellen, die keine Lehrperson brauchen und denen helfen, die auf sie angewiesen sind?
Zur Erläuterung:
Lehrer müssen ihre Energien einsetzen können für die, die (Nach-)Hilfe brauchen.
Bei den Kurzschuljahren sind in 2 Jahren 6 Monate Unterricht eingespart worden, ohne wesentliche Beeinträchtigung des Lernerfolgs.
Bei G8 wird ein ganzes Schuljahr eingespart. 

Hochbegabte langweilen sich im Normalunterricht.* Die gewinnen über Fernunterricht Zeit für Recherche und eigene Arbeit.
Wirklich gute Schüler brauchen nicht ständig Rückmeldung, sondern Arbeitsanregungen. Da kann man alle (paar) Monate mal Rückmeldung geben.

Wenn die nichts schaffen, ist es nicht so schlimm. So wird der Leistungsstand der Lerngruppe mit der Zeit homogener. Aber sie haben die Chance, eigenständiges Arbeiten zu lernen. Wenn sie's nicht lernen, ist nur eine Chance verpasst.

Hier sammle ich Tipps, auf die ich hingewiesen werde oder von selbst stoße:

Zunächst meine Ausgangsvorstellung:
Fernunterricht mit allgemeinen Fragestellungen, für die die meisten Schüler nur wenig Feedback brauchen. Dazu Beispiele hier

Technische Hilfen, für die die sie brauchen, z.B.
Arbeitsgruppen bilden, die sich nicht physisch treffen, aber im Netz austauschen. Dafür werden die technischen Hilfsmittel bereitgestellt (sieh Textbeispiel) oder ausgetauscht.

Frau S "kümmert sich selbst darum, dass Kinder, die ihn benötigen, einen solchen PC bekommen und bringt das Gerät auch mal persönlich bei Schülern vorbei, die in den vergangenen Wochen mit großen Problemen zu kämpfen hatten, weil ihnen ein PC fehlte. Auf Dauer wäre das nicht gut gegangen, sagt eine betroffene Mutter einer Schülerin: "Weil sie komplett vom Schulstoff hinten nachhängen würde. Heißt: Sie müsste eventuell sogar die Klasse wiederholen, weil sie einfach nicht mitkommt."
Die Soforthilfe des Staats lässt noch auf sich warten. Für Lehrerin Friedl-Schneider, die bisher über 20 Computer verteilt hat, sollte es aber nicht nur bei der finanziellen Unterstützung bleiben. "Meine Hoffnung ist, dass die digitalen Möglichkeiten in Zukunft auch im Schulalltag intensiver ausgeschöpft werden. Damit uns sowas wie jetzt, von 0 auf 100, nicht mehr passiert."
Hier entsteht ein gemeinsames Dokument:
Jeder kann mitschreiben. Die Einzelbeiträge sind (farblich) deutlich unterscheidbar.

*     Weshalb es gut sein kann , wenn Hochbegabte keinen Unterricht haben:
Newtons Erfahrung während der Pest
"[...] Cambridge sent students home to continue their studies. For Newton, that meant Woolsthorpe Manor, the family estate about 60 miles northwest of Cambridge.
Without his professors to guide him, Newton apparently thrived. The year-plus he spent away was later referred to as his annus mirabilis, the “year of wonders.”
First, he continued to work on mathematical problems he had begun at Cambridge; the papers he wrote on this became early calculus.
Next, he acquired a few prisms and experimented with them in his bedroom, even going so far as to bore a hole in his shutters so only a small beam could come through. From this sprung his theories on optics.[...] 
“ … Whilst he was musing in a garden it came into his thought that the same power of gravity (which made an apple fall from the tree to the ground) was not limited to a certain distance from the earth but must extend much farther than was usually thought. ‘Why not as high as the Moon?’ said he to himself..”
In London, a quarter of the population would die of plague from 1665 to 1666. It was one of the last major outbreaks in the 400 years that the Black Death ravaged Europe.
Newton returned to Cambridge in 1667, theories in hand. Within six months, he was made a fellow; two years later, a professor.

* Beispiele für Tipps für digitalen #Fernunterricht
(wird laufend ergänzt)

8.4.20

Wie Tagebuchschreiben Schulverweigerern hilft

"[...] „Freedom Writers“ aus dem Jahr 2007 erzählt die Geschichte einer jungen Lehrerin, die das gegenseitige Misstrauen in ihrer Klasse überwand, indem sie die Jugendlichen Tagebuch führen ließ.
„Als ich diesen Film gesehen habe, beruhend auf einer wahren Begebenheit, und habe gesehen, dass Ghetto-Kids aus Los Angeles – so klischeehaft, wie das jetzt klingen mag – die haben es geschafft, ihre Waffen wegzulegen und einen Stift in die Hand zu nehmen, ihre Geschichte aufzuschreiben. Da war mein Gedanken, wenn die das schaffen, dann muss es möglich sein, dass Menschen wie Dilara, wie Melissa das auch hinkriegen.“

Kurzentschlossen wiederholt Jörg Knüfken den Versuch mit seiner AG.

„Ich habe den Schülerinnen und Schülern Tagebücher gegeben, und die fingen an, ihr Leben da reinzuschreiben. Und das, was vielleicht mitentscheidend war: Ich durfte diese Tagebücher auch lesen. Und das hat noch mal einen völlig anderen Aha-Effekt für mich gehabt.“

Tiefe Einblicke – der Lehrer darf die Tagebücher lesen

Seite für Seite erhielt er so Einblicke in die Lebenswelt seiner Schülerinnen und Schüler. Erfuhr, was sie wirklich beschäftigte, was sie dachten und fühlten, und begann zu verstehen, warum sie manchmal schlecht drauf waren. Die Scheidung der Eltern. Neue Lebenspartner, mit denen sie nicht klar kamen. Manche Einträge gingen an die Grenze des Erträglichen, wie der eines Jungen von damals zeigt, den Dilara vorliest.
„Früher ist mein Vater immer ausgerastet, wenn ich einen kleinen Fehler gemacht habe. Er hat mich geschlagen, aber auch meine Schwester, meinen Bruder und meine Mutter. Meine ganze Familie musste mitansehen, wie er mich mit dem Gürtel schlug oder seine Faust in meinem Gesicht landete. Ich heulte jeden Abend, weil ich Angst hatte.“

Knüfken: „Und das, was sich ganz schnell geändert hat, war, dass ich ganz viel Respekt den Jugendlichen entgegengebracht habe für ihre Lebensleistung. Ich habe den Eindruck, dass die das auch schnell gespürt haben. Und das hat einen Wendepunkt bedeutet in der Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern.“ [...]"
https://www.deutschlandfunkkultur.de/das-projekt-changewriters-wie-tagebuchschreiben.976.de.html?dram:article_id=410811


Hessens bekannteste Schulverweigerer vor Gericht
Die ältesten Söhne der Familie Dudek glänzen mit Bestnoten. Sollte der Staat auf Schulpflicht verzichten?

19.3.20

Coronakrise und Schulbildung

Auch ich sehe in der gegenwärtigen gefährlichen Krise für unser gesamtes Gesundheitssystem Chance und Gefahr für unsere Bildung, so wie es sich in zwei sich 
widersprechenden Artikeln in der ZEIT vom 19.3.2020 widerspiegelt:
Im Unterschied zu den optimistischen Autoren der ZEIT sehe ich diese Entwicklung freilich mehr als jemand, der vor knapp 50 Jahren als Lehrer angefangen hat und seit etwa 15 Jahren mit der Erstellung von OER-Materialien begonnen hat.
In dieser Zeit bin ich zum Schluss gekommen, dass ein Großteil der Schüler (nach meinem Gefühl waren es in meiner Unterrichtszeit wohl über die Hälfte) auf die erfolgreiche Motivation durch ein Gegenüber angewiesen ist. Und besonders sozial benachteiligte Schüler.
Sozial Benachteiligte machen manchmal eine großartige Bildungskarriere, aber fast immer findet sich in ihrem Lebenslauf mindestens eine ganz wichtige Motivatorin.
Nicht selten waren es mehrere.

Und dennoch sehe auch ich in der Krise eine Chance, weil - nach einigem Hin und Her - international erkannt wird: Bei einer bevorstehenden großen Katastrophe hilft jeder Tag früher, an dem energisch gehandelt wird, die kommenden Anstrengungen leichter zu machen.

Doch natürlich ist das eine Vereinfachung. Denn wenn wir die beiden Weltkrisen, in denen wir uns gegenwärtig befinden, vergleichen, gibt es neben manchen Gemeinsamkeiten auch viele Unterschiede. Die herauszufinden, möchte ich alle alle auffordern, die gegenwärtig von ihrer laufenden Arbeit freigesetzt sind.
Hier ist eine Anregung dazu mit manchen Hilfen, manchem Material und vielen offenen Fragen:


25.2.20

Wer sollte bestimmen, was Rassismus ist?

Der folgende ZEIT-Artikel vertritt eine höchst ehrenwerte Position, die man zur Kenntnis nehmen sollte, wenn man meiner Argumentation nicht kritiklos auf den Leim gehen möchte. Ich wiederhole für meine Zwecke aber nicht die gesamte Argumentation, die man nachlesen kann, sondern zitiere hier nur den Schluss, den ich für problematisch halte:
"Selbst der rassistischste AfD-Wähler wird nie die Drohung erfahren, aus diesem Land ausgeschlossen zu werden. Immer werden Politiker der sogenannten Mitte sagen, man muss auch seine Sorgen anhören. Diese Sicherheit des Dazugehörens fehlt Deutschen nichtweißer Hautfarbe. Und wenn wir uns mit unseren Werten ernstnehmen, wenn wir also wollen, dass die Schönheit des ersten Satzes unserer Verfassung zugleich auch eine Wahrheit ist, dann schulden wir es ihnen, diese Sicherheit zu schaffen. Jetzt. Bedingungslos. Für immer." (Rassismus: Bedingungsloses Zuhören)

Meine Behauptung: Wer von Rassismus betroffen ist, merkt es.
Andere können das nicht unmittelbar nachvollziehen, denn menschliche Wahrheit* ist immer subjektiv.*
Wie komme ich darauf?
Ernst Tugendhat hat einmal gesagt: "Auch ein Deutscher muss die Wahrheit sagen dürfen."
Das hielt ich für eine sehr berechtigte Aussage, bis mir auffiel, dass nach dem Holocaust manches, was ich, ein Deutscher, für wahr halte, für einen Holocaustüberlebenden nicht nur grundfalsch sein, sondern eine schwere Verletzung bedeuten kann.
Wahrheit ist also so subjektiv, dass meine Wahrheit zwar sinnvoll in den allgemeinen Diskurs eingebracht werden kann, nicht aber einem Holocaustüberlebenden ins Gesicht gesagt werden kann, ohne ihn tief zu verletzen.

Was hat das mit der Begriffsbestimmung von Rassismus zu tun?
Antisemitismus ist eine Form von Rassismus. Wenn Personen von Antisemitismus betroffen sind, ist das für sie eine schwere Verletzung. Dass sie von Antisemitismus betroffen sind, ist ihre Wahrheit.
Wenn die Regierung Israels als Betroffene bestimmen könnte, was Antisemitismus ist, könnte sie jede Kritik an ihrem Handeln als Antisemitismus bezeichnen und damit die innerisraelische Opposition zu Antisemiten erklären.
Das ist nahe an dem, was gegenwärtig in der Türkei geschieht, wo (weitestgehend) vorurteilsfreie Berichterstattung als Spionage deklariert und als solche bestraft werden kann.

Zu Recht wird der Begriff Rasse als obsolet bezeichnet. Wenn jemand wegen seiner äußerlichen Merkmale abgewertet wird, indem man ihn einer angeblich minderwertigen "Rasse" zuordnet, verdient er daher unsere Solidarität.
Wenn Bangel aber behauptet, nur die Angegriffenen verstünden, was Rassismus ist, begeht er meiner Meinung nach einen Fehler. Er hat Recht damit, dass nur der Angegriffene beurteilen kann, wie verletzend Rassismus ist.
Denn nur in Ausnahmefällen (z.B., wenn man einen Menschen sehr liebt) wird man Verletzungen, die einem anderen zugefügt werden, genauso stark - oder gar stärker - empfinden als die, die einem selbst zugefügt werden. [Folterer versuchen, weil es diese Fälle gibt, gelegentlich, wenn sie die Gefolterten nicht brechen können, ob es ihnen über die Folter ihrer Angehörigen gelingt ihr/ihm ihren Willen aufzuzwingen.]
Hans Magnus Enzensberger hat dazu einmal dem Sinne nach gesagt: Jedem steht der eigene Zahnschmerz mehr weh als das Leid der vielen Millionen auf der Welt.

Deshalb haben die Angegriffenen aber noch nicht das Recht, für die Gesellschaft zu definieren, was Rassismus sei. Dass muss m.E. im gesamtgesellschaftlichen Diskurs geschehen.
Wenn z.B. Menschen in Deutschland Chinesen ausweichen und auf die andere Straßenseite wechseln, weil sie fürchten, von ihnen mit dem Coronavirus angesteckt zu werden, dann ist das in den meisten Fällen eine übertriebene Angstreaktion.* Weil es von den Chinesen aber als Rassismus empfunden werden kann, ist es ein angemessener Ausdruck von Solidarität, auf sie zuzugehen und sie besonders freundlich zu grüßen. (Bei Twitter habe ich einen solchen vorbildlichen solidarischen Akt dokumentiert gesehen.)
Aber wer seine übertriebene Angst nicht überwinden kann, ist deshalb noch kein Rassist, auch wenn sein Verhalten von Menschen, die öfter Rassismus erfahren haben, nahe liegender Weise so gedeutet werden wird.

Die völlig inakzeptablen Beleidigungen von Renate Künast könnten (zumindest theoretisch) subjektive Wahrheiten der Beleidiger sein.
Die Unterscheidung zwischen "Wahrheit" und "Beleidigung" kann aber nicht allein beim Beleidigten und schon gar nicht bei dem, dessen Äußerung als beleidigend empfunden wurde, liegen. Sie muss innerhalb des gesamtgesellschaftlichen Rahmens intersubjektiv geschehen. Entsprechendes gilt für rassistische Äußerungen und nicht-rassistische.

Im Gültigkeitsbereich des Grundgesetzes haben Richter einen Ermessensspielraum, im Rahmen der Gesetze darüber zu entscheiden, was so rassistisch ist, dass es diskriminierend oder gar beleidigend ist. (Andererseits kann solch ein Urteil angefochten werden und öffentliche Urteilsschelte geübt werden. Was zum Glück relativ häufig geschieht.) Ihre Empathie wird immer eine menschlich beschränkte sein. Deshalb kann Rechtsprechung immer nur Annäherung an Gerechtigkeit sein. Für die Fälle, wo sie zu weit davon entfernt ist, gibt es die genannten Korrekturmöglichkeiten, so unvollkommen sie bleiben.

Um auf den Schluss des oben angeführten Artikels aus der ZEIT einzugehen:
Der Satz "Die Würde des Menschen ist unantastbar" ist keine Wahrheit, sondern ein Postulat, das aufgestellt worden ist, weil sie im NS-Staat millionenfach in unerträglicher Weise missachtet worden ist.  Der Auftrag des Grundgesetzes ist: "Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."
Bedingungslose Sicherheit der Menschenwürde zu garantieren geht über die Möglichkeit jeder empirisch feststellbaren Staatsgewalt hinaus. "Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Die ist meine Ansicht. Doch wichtiger ist Karl Jaspers Ermahnung:

"Wir wollen lernen, miteinander zu reden. Das heißt, wir wollten nicht nur unsere Meinung wiederholen, sondern hören, was der andere denkt. Wir wollen nicht nur behaupten, sondern im Zusammenhang nachdenken, auf Gründe hören, bereit bleiben, zu neuer Einsicht zu kommen. Wir wollen uns innerlich versuchsweise auf den Standpunkt des anderen stellen. Ja, wir wollen das uns Widersprechende geradezu aufsuchen. Das Ergreifen des Gemeinsamen im Widersprechenden ist wichtiger als die voreilige Fixierung von sich ausschließenden Standpunkten, mit denen man die Unterhaltung als aussichtslos beendet." 
(Karl Jaspers: Die Schuldfrage. Von der politischen Haftung Deutschland, 2012, Seite 8 – zitiert nach Harald Jähner: Wolfszeit 2019, S. 409)

* Für westliche Ohren mag das befremdlich klingen, nicht aber für asiatische Philosophie.

*  Vgl. D. Bonhoeffer: Was heißt die Wahrheit sagen?

* Mit Angst nichts zu tun hat folgender Vorgang, den ein Spanier aus der S-Bahn berichtet: Bin leicht erkältet, muss niesen. Typ neben mir steht auf, setzt sich weg, funkelt mich böse an und zischt: "Dreckiger Scheiß-Italiener! Dich haben Sie wohl vergessen, wegzusperren?"
Wenn man so etwas nie selbst erlebt hat, fällt Einfühlung natürlich sehr viel schwerer, als wenn man es aus eigener Erfahrung kennt.

12.1.20

Bernd Ulrich: Alles wird anders. Das Zeitalter der Ökologie

Bernd UlrichAlles wird anders, 2019

Zitate:


"Nur 16 der 197 Länder, die das Pariser Abkommen unterzeichnet haben, haben überhaupt einen nationalen Klimaaktionsplan definiert, um die Zusagen zu erfüllen. Dies geht aus einer Studie vor, die im Vorfeld der UN-Klimakonferenz COP24 im polnischen Kattowitz
Im November 2018 veröffentlicht wurde. [...]
Man darf die Größe der politischen Leistung von Paris gleichwohl nicht unterschätzen. Pathetisch gesprochen: So viel Menschheit waren noch nie. Unglücklicherweise steht die Natur nun nicht etwa staunend daneben und beklatscht dieses komische Ding namens Mensch, das sich da in ihr gebildet hat." (S.35/36)


"Zunehmend zornig macht mich auch die Feigheit der Politik vor den kurzfristigen und kurzsichtigen Profitinteressen einiger Industrien oder dass auch immer da wieder mit vielen Steuermilliarden Technologien aufwändig gefördert werden, wo eine Verordnung durchaus genügen würde [...] Oft macht die Industrie doppelte Gewinne: erst durch ihre Versäumnisse, indem sie Geld für Erneuerung einspart – dann durch staatlich subventionierte Innovation." (S.39)

"Die Regierung baut also tatsächlich die Akzeptanz für eine wirksame Klimapolitik eher ab als auf, eine Politik, die sie selbst beschlossen hat und von der sie sich nicht ohne große Selbstbeschädigung verabschieden kann [...]" (S.53)

"Ist es Zufall oder Notwendigkeit, dass es die westlichen weißen Demokratie ihren bisher nie ohne Ausbeutung anderer Länder, andere Ethnien, der Frauen – und eben der Natur gegeben hat? Kann unser liberales Gesellschaftsmodell existieren, ohne sich mehr Ressourcen zu nehmen als andere und die Erde und die Atmosphäre mehr zu verschmutzen als andere und mehr, als es verantwortbar ist? [...]
 sollten sich westliche Demokratie und Ausbeutung als siamesische Zwillinge erweisen, dann liest sich auch das vergangene Jahrhundert künftig anders." (S.87/88)


Was die heutigen Regierungen sich weltweit leisten, ist "die Verwandlung der Freiheit in Zwänge". (S.157)

"Niemand weiß zurzeit, wie lange diese Zeitzone der Freiheit dauert, aber man weiß, dass es sie gibt. Freiheit hat neuerdings ein Verfallsdatum." (S.160)

"Das Insistieren auf überkommenen Privilegien ist jedoch nicht freiheitlich, es ist feudal." (S.163)
(Anmerkung Fontanefan: Das Wort libertas bedeutete im frühen Mittelalter noch Vorrecht. - Das steht leider noch nicht in der Wikipedia.)

S.165 schreibt Ulrich dem Sinne nach: Alles, was wir heute falsch machen, ist eine Chance, es besser zu machen. Es gibt Tausende von Chancen für jeden einzelnen.

"Die Klassenkämpfe konnten den Kapitalismus nicht brechen, die Klimakämpfe könnten ihn dagegen aus seinem Wahn befreien." (S.182)
(sieh: Naomi Klein: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima)

"Die autoritären Bewegungen [...] sind auch schon Vorboten einer aggressiven Antiklima-Bewegung" (S.194)

"Doch je mehr eine Gesellschaft oder ein Mensch tut, um etwas zu verändern, desto mehr sind sie auch wieder in der Lage hinzusehen. [...] Denn es ist das schlechte Gewissen, das uns zwingt, die Augen zuschließen. [...]
Noch weiter beschleunigt und erleichtert würde diese Dynamik, wenn die Politik endlich damit beginnen würde, den Rahmen so zu setzen, dass ökologisches Verhalten nicht bestraft, sondern belohnt wird. Das Bedrückende, das jeder zunächst einmal empfindet, wenn er oder sie die ökologischen Notwendigkeiten auf sein eigenes Leben herunterricht, kommt schließlich vor allem daher, dass dem Individuum ein zu hoher Anteil an der Verantwortung aufgebürdet wird. [...] 

Politik hat die Aufgabe, das Richtige zur Struktur werden zu lassen, das Gebotene zu gebieten. Solange man für 30 Euro nach Rom fliegen kann, bedarf es eines gewissen asketischen Heldentums, darauf zu verzichten. Und Heldentum ist nun mal etwas für Minderheiten." (S.198/99)
"Wenn man sich die Gesamtheit aller ökologischen Maßnahmen in Deutschland anschaut, so wird man darin schwerlich die Konturen einer Wende nach von entdecken, sondern die Fluchtwege der Politik vor dem Volk und noch mehr vor der Wirtschaft. (S. 200)
"Zum anderen sind auch die Grünen in der alten Mitte-Politik gefangen. Die Generation der 68er, aus der etwa Joschka Fischer, Ralf Fücks oder Winfried Kretschmann stammen, hat diese Partei zutiefst geprägt. Und die Biografie dieser Männer ist von einer Formel bestimmt: Erfolg durch Anpassung. Alle drei waren in ihrer politischen Jugend, vorsichtig gesprochen, schlimme Finger, Systemfeinde, doktrinär und unerträglich. Bei den Grünen auf ihrer Reise in die Institutionen, wurden sie hingegen bessere Menschen, Sie hatten Erfolg und konnten sogar dieses Land ein bisschen ökologischer und freier machen. Von so einer Heilungsgeschichte erholt man sich nicht mehr so leicht, sie wird selbst zum Dogma. (S. 201/202) 

"Als ich einen der genannten Männer in einem Vier-Augen-Gespräch einmal gefragt habe, ob die Kluft zwischen dem, was ökologisch nötig wäre, und dem, was ökologisch getan wird, sich schließt oder weitet, antwortete er ohne Zögern: Die Kluft werde größer. Auf meine Nachfrage, warum er dann nicht ökologische Forderungen erhebt, die diese Kluft schließen könnten, gab er zurück: Dann würden die Leute denken, ich wäre wieder so radikal wie früher. Den Fluchtpunkt seiner Politik bildet also nicht die ökologische Realität, sondern der Abstand zu den traumatischen Anfängen seiner eigenen Biografie. Das Trauma der Abweichung und das Gebot der Anpassung könnten es auch den Grünen unmöglich machen, eine Politik zu formulieren, die symmetrisch zu den Problemen ist – und nicht zu den Biografien. [...]
 Manches ist nämlich viel einfacher, als wir das von der bisherigen Politiker gewohnt sind. So brächte schon das bloße Streichen umweltschädliche Subventionen über 50 Milliarden Euro." (S.201-203) 
"Allerdings, ohne dass die beiden großen deutschen Finanzdogmen der 2000er-Jahre fallen – keine Steuererhöhungen und keine Schulden –, können die Billionen Euro schwerlich aufgebracht werden, die nötig sind, um die Klimawende binnen eines Jahrzehnts zu schaffen." (S. 203)
Lenin hat einmal behauptet: "Der Marxismus  ist allmächtig, weil er wahr ist." Was natürlich in beiden Richtungen nicht stimmt. Aber vielleicht kann man sagen: "Der Liberalismus ist wahr, weil er allmächtig ist." Oder war. Das würde dann bedeuten, dass der Liberalismus ohne Macht nicht auskommen kann, weil er dann Teile seiner Wahrheit verliert." (S. 206)

"Die westlichen Gesellschaften sind in einer Phase angekommen, da sie nur noch leistungsfähig sind, wenn sie den Leistungsdruck verringern. Sie müssen so kreativ sein, dass die militärisch-industrielle Lebensweise, die aus dem vergangenen Jahrhundert in die Gegenwart hineinragt, überwunden wird. Nur hat diese Kultur der Milde noch längst nicht die Hegemonie übernommen." (S.209)
"Wer sich für einen Moment lang von der Vorstellung vom Egoismus als Wesen des Menschen verabschiedet und nur fragt, wie viel Glück auch für den Einzelnen durch Egoismus denn eigentlich geschaffen werde, der wird finden, dass egoistisches Verhalten so viel individuelles Glück produziert wie ein altes chinesisches Kohlekraftwerk Energie – mithin sehr wenig, dafür viel CO2. Ohne seine fossile Verstärkung und seine materielle Einverleibung ist der Egoismus die vielleicht schlechteste Methode, um ein zufriedener Mensch zu sein. Daher rührt dann vielleicht seine Sucht nach immer mehr Materie und anderen fremden Antriebsstoffen.
In diesem Sinne wäre der Egoismus weder eine Quelle des Fortschritts noch etwas Verwerfliches, sondern einfach eine falsche Ideologie, an die zu glauben wir uns angewöhnt hatten, einfach weil wir es konnten." (S.211)
"Vielleicht genügt es, die marktwirtschaftlichen Anreize anders zu setzen, eine radikale, aber auf Nachhaltigkeit und Schonung setzende Politik zu beginnen und ansonsten gehen Liberalismus, Kapitalismus und Egoismus einfach so weiter. Manche werden das hoffen, manche befürchten. 
Eines aber geht nicht mehr: der Klimawende auszuweichen aus Angst davor, dass sie unsere weltanschaulichen Gewohnheiten infrage stellt und unsere privaten Sinnmanufakturen stört." (S. 211/212)

"Es gibt für uns Babyboomer so oder so keinen Grund, die Klappe aufzureißen, weil wir in einer ganz wesentlichen Hinsicht den absoluten, irgendwie auch tragikomischen Höhepunkt der Weltgeschichte darstellen: Niemand vor uns hat so viel konsumiert und emittiert, niemand nach uns wird so wenig mit den Folgen dieses Lebenswandels zu tun haben, weil wir uns ja unserer Verantwortung durch rechtzeitiges Wegsterben entziehen werden."(S. 213/214)

sieh auch;
Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie, 2011