26.10.14

Passiver Widerstand gegen den Holcaust

Ich kann gegenwärtig nicht konzentriert arbeiten, doch da ich schlecht schlafe, stehen mir Nachtstunden zur Verfügung, die ich für Blogartikel verwenden kann, die keine große Konzentration voraussetzen. (Hilfreich war, dass in diesem Fall eine Anregung von gutefrage.net zu einem Thema  kam, mit dem ich mich schon beschäftigt, aber zu dem ich noch keinen Artikel geschrieben hatte.)

Den bekanntesten erfolgreichen passiven Widerstand haben die deutschen Frauen tausender Juden geleistet, die in die Vernichtungslager deportiert werden sollten, indem sie tagelang die Berliner Rosenstraße besetzt haben, bis die Nazis auf den Transport verzichtet haben. Die Wikipedia schreibt dazu: "Der Rosenstraße-Protest war die  größte spontane Protestdemonstration im Deutschen Reich während der Zeit des Nationalsozialismus. Ende Februar/Anfang März 1943 verlangten „arische“ Ehepartner aus „Mischehen“ und andere Angehörige von verhafteten Juden in Berlin deren Freilassung."  


Den umfassendsten passiven Widerstand haben die Judenräte geleistet, die von den Nazis dazu gezwungen wurden, ihnen bei der Erfassung und Ermordung ihrer Schicksalsgenossen zu helfen.
Zitat aus dem Wikipediaartikel: 
"Die ersten Judenräte mussten für sie vor allem die jüdische Bevölkerung ihres Ortes zählen, Wohnungen räumen lassen und ihnen übergeben, Zwangsarbeiter zur Verfügung stellen, Wertsachen konfiszieren, Tribute sammeln und auszahlen.
Durch diese Maßnahmen der Besatzer, die zudem alle staatlichen Dienstleistungen strichen und verhinderten, entstanden enorme Versorgungsprobleme in den jüdischen Gemeinden. Daher nahmen die Judenräte auch am Aufbau eigener Ersatzinstitutionen teil. Sie versuchten, die Lebensmittelverteilung zu organisieren, Krankenstationen, Altenheime, Waisenhäuser und Schulen aufzubauen. Zugleich versuchten sie mit den ihnen verbliebenen Möglichkeiten, den Zwangsmaßnahmen entgegenzuwirken und Zeit zu gewinnen. 
Dazu verzögerten sie die Umsetzung der Befehle und bemühten sich, diese abzuschwächen, indem sie Rivalitäten verschiedener Besatzungsstellen auszunutzen versuchten. Sie stellten ihre Arbeitskräfte als möglichst unentbehrlich für die Deutschen dar, um ihre Versorgungslage zu verbessern und die Deutschen zur Rücknahme einiger Kollektivstrafen zu bewegen." (Hervorhebung von mir)
Diese Arbeit war eine, die in ein fürchterliches moralische Dilemma hineinführte. Claude Lanzmann hat erst ganz am Ende seiner jahrzehntelangen Arbeiten über die Judenverfolgung eine Verteidigung der Judenräte geschrieben (Zitat aus dem Wikipediaartikel zu Lanzmann: "Mit der Dokumentation Der letzte der Ungerechten von 2013 wollte er nach eigenem Bekunden Benjamin Murmelstein, dem letzten Vorsitzenden des Judenrates von Theresienstadt, ein Denkmal setzen, da dessen Rolle bislang „sehr ungerecht“ dargestellt worden sei.[12]), weil er überzeugt war, dass ohne jahrzehntelange Kenntnis der ganzen Grausamkeit und Perfektion der Nazimordmaschine die Öffentlichkeit nie imstande sein werde, die Tragik und Leistung bedeutender Judenräte zu erfassen. "
Wolf Murmelstein hat am Beispiel seines Vaters Benjamin, der unter den Juden sehr "umstritten" (genauer gesagt: verständlicherweise, aber sehr zu Unrecht sogar verachtet und wohl manchmal auch gehasst (?) war) diese unsäglich furchtbare Arbeit geschildert (http://www.hagalil.com/archiv/2004/10/murmelstein.htm)
 vgl. Lanzmanns Artikel in der ZEIT vom 7.5.2015: In der Hölle über Benjamin Murmelstein
Ein wichtiger Hinweis noch zum Dilemma der Judenräte:
Während wir heute wissen, dass das gewaltigste Verbrechen der Menschheitsgeschichte über Jahre hin erfolgreich betrieben werden konnte, dann aber mit der Niederlage der Verbrecher endete, konnten die Judenräte nicht wissen, ob nicht vielleicht a) die Aktion relativ begrenzt wäre, regional und zeitlich b) oder völlig erfolgreich mit den Nazis als Weltherrschern am Ende.
In beiden Fällen wäre ein zwischenzeitlicher, begrenzter Erfolg weit wichtiger gewesen, als von heute aus gesehen erkennbar.
Man nehme den Vergleich der politischen KZs. Widerständler haben sich an der Häftlingsverwaltung beteiligt, um die durch der verbrecherischen Kapos so weit als möglich auszuschalten, und haben vielen Personen das Leben retten können. Das vielleicht interessanteste Beispiel ist Eugen Kogon. Er überlebte und schrieb dann nach der Befreiung das erste wissenschaftliche Werk über den SS-Staat, lange Zeit das beste Standardwerk und bis heute das einzige, das aus äußerst intimer Kenntnis des Systems von innen geschrieben wurde.
Judenräte haben dazu beigetragen, dass etwa Marcel Reich-Ranicki gerettet wurde und seine Autobiographie mit dem höchst informativen Teil über das Warschauer Ghetto schreiben konnte.
Und eine ganz ausführliche, unwiderlegliche Chronik des Ghettos Lodz ist auf diese Weise entstanden: http://www.getto-chronik.de/de
Dazu heißt es auf der dortigen Webseite: "Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch."
Sie durften die Hoffnung haben, dass selbst nach einer Weltherrschaft der Nazis nicht jede Moral aus der Menschheit verschwinden würde und dass - wenn ihre Überlieferung irgendwann bekannt würde - ein Widerstand gegen solch ein System entstehen würde (man vergleiche die vielen Widerstandsgruppen unter der NS-Herrschaft, die auch ohne jede realistische Erfolgsaussicht das Menschenmögliche an Widerstand versucht haben). Dieser Widerstand hätte noch nach einer jahrzehntelangen Fortdauer einer Nazi-Weltherrschaft eine Veränderung herbeiführen können, so wie es Gorbatschow mit dem Sowjetregime gelungen ist. Und ihre Chronik hätte zur moralischen Begründung eines solchen Wechsels beitragen können.
Diesen inneren Zwiespalt: mitzuarbeiten, um wenigstens passiv aufhalten zu können, und die Bewahrung eines Rests von Hoffnung halte ich für einen bis heute noch nicht genügend öffentlich gewürdigten Aspekt der Geschichte des Holocausts.

Ob man das Verstecken von Juden als passiven oder aktiven Widerstand oder einfach als Werk der Menschlichkeit bezeichnen will, mag jeder selbst entscheiden. Doch kurz auch etwas dazu:
Es wurden nur verhältnismäßig wenige Juden (immerhin über 10 000) in Deutschland versteckt, aber nach groben Schätzungen waren weit über 100 000 Deutsche bei diesem Verstecken beteiligt, denn manchmal bedurfte es Hunderte von Helfern, um "nur" eine Person zu verstecken. Ein eindrucksvolles Beispiel ist Konrad Latte.
Dazu die Wikipedia: "Während seine Schwester Gabi an Scharlach starb und seine Eltern Margarete und Manfred Latte im KZ Auschwitz ermordet wurden, überlebte Konrad Latte die Kriegsjahre im Untergrund. Unter seinen prominenten Helfern waren der Komponist Gottfried von Einem, Pfarrer Harald Poelchau, der Pianist Edwin Fischer, der DirigentLeo Borchard, die Journalistin Ruth Andreas-Friedrich, die Schauspielerin Ursula Meißner und Anne-Lise Harich." Das sind freilich nur die prominenten Helfer.
Eine sehr eindrucksvolle Arbeit Peter Schneiders zu Latte handelt auch von der allgemeinen Problematik dieser Art passiven Widerstandes (Peter Schneider: Und wenn wir nur eine Stunde gewinnen. Wie ein jüdischer Musiker die Nazi-Jahre überlebte. Rowohlt, Berlin, ISBN 978-3-87134-431-2)
 Unter dem Stichwort Judenretter findet man in der Wikipedia einige weiterführende Literatur zum Thema.

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