15.6.15

Verteilung der Flüchtlinge in Europa

Verteilung der Flüchtlinge: Italien will Europa der zwei Barmherzigkeiten von Hans-Jürgen Schlamp, SPON 15.6.15
Ziel ist es, dem alten Europa - Deutschen, Franzosen, Holländern und Belgiern zum Beispiel - die Möglichkeit zu nehmen, sich hinter dem Nein aus Polen, Ungarn und den baltischen Staaten zu verstecken.
Renzi, berichten italienische Medien unter Berufung auf sein Umfeld, will die EU-Gründungsmitglieder auffordern, im Alleingang eine gemeinsame Immigrations-Gemeinschaft zu bilden. Ein "Europa der zwei Geschwindigkeiten", das es etwa bei den Binnengrenzen und bei der Währung gibt, wäre ohne komplizierte Änderung von Verträgen auch bei der Immigrationspolitik möglich. Ein kleiner Klub, der nach eigenen Regeln die Lasten und Kosten der Flüchtlinge und Asylsuchenden solidarisch teilt.
Wer das nicht will, so Renzi, soll es dann wenigstens sagen müssen: "Die Zeit der Ausreden ist vorbei!"

6.6.15

Kann sich der Einsatz digitaler Medien im Unterricht positiv auf das Lernen der Schüler auswirken?

Da ich von Christian Ebel zu einer Blogparade mit dem oben genannten Titel eingeladen worden bin, will ich gern etwas dazu schreiben, auch wenn ich  für die Beantwortung der Frage nur bedingt geeignet bin. 
Vor allem will ich gern dazu beitragen, dass diese Blogparade noch besser bekannt wird.
Aber ich habe auch einige positive Erfahrungen gemacht. Die beziehen sich freilich nur auf gut zwei Schuljahre, und die liegen lange zurück (2005/06 und 2006/07).

Was sind meine positiven Erfahrungen?
Eine Schülerarbeit aus der 8. Klasse, die ich damals ins Netz gestellt habe, ist inzwischen über 98 000 mal abgerufen worden.
Aus der Arbeit einer 11. Klasse ist ein Wikipediaartikel entstanden, der in den letzten 90 Tagen über 2000 mal abgerufen worden ist.
Ein Schüler der 13. Klasse, der sich in einer über 100 km entfernten Schule einsam auf seine Abiturprüfung vorbereitete, wurde durch die Arbeiten meiner 13. Klasse angeregt, auch seine Abiturvorbereitungen ins Netz zu stellen.
Für mich persönlich am wichtigsten: Ein Kollege, den nicht nur ich für weit fähiger halte als mich, ließ sich von mir anregen, genauso wie ich mit seiner Klasse im ZUM-Wiki zu arbeiten (dafür gibt es inzwischen die Kurs- und Klassenseiten und zwar über 350). Und er berichtete mir nachher, seine Schüler hätten das als sehr hilfreich empfunden und ihn gefragt, weshalb er das nicht schon früher mit ihnen gemacht habe. (Meine Schüler empfanden die Arbeit im ZUM-Wiki, wenn ich es richtig sehe, eher als eine persönliche Marotte von mir.)
Darüber hinaus kann ich auch sonst vor allem über Unterricht von anderen berichten, den ich im Netz mitverfolgen konnte und der mir sehr imponiert hat. (zum Beispiel: Lernpfade,  Romantische Schule)

Daher antworte ich auf die Alternativfrage des Titels: Ja.

Die Fragestellung verdient freilich eine ausführlichere Behandlung.
Im Augenblick lässt es aber meine Arbeitssituation  nicht zu, die verschiedenen Positionen gegeneinander abzuwägen. Daher belasse ich es vorerst bei diesem Erfahrungsbericht, füge aber einige ergänzende  Berichte und Stellungnahmen hinzu.

Ich behalte mir vor, auf das Thema zurückzukommen, wenn meine Voraussetzungen wieder günstiger sind.

Statt dessen zunächst einmal ein paar Verweise auf andere Beiträge zur Blogparade, auch wenn ich gegenwärtig außerstande bin, sie vollständig mitzuverfolgen. (Wichtiger als mein Beitrag ist alles hier Genannte.)

Dazu:
Ein Beitrag von Andreas Kalt, der die Frage vorbildlich umfassend angeht:

Mit digitalen Medien besser lernen? Mein Beitrag zur Blogparade

darin u.a.:
"Durch die gemeinsamen Notizen der Schüler bekomme ich einen Einblick in deren inhaltliches Verständnis der Unterrichtsthemen, aber auch in ihre methodischen Fähigkeiten (zusammenfassen, formulieren, strukturieren etc.), so dass ich regelmäßig Wiki-Beispiele im Unterricht bespreche, um unklare Punkte auszuräumen oder besonders gute Aspekte hervorzuheben.
Das Wiki ist unser gemeinsam geführtes Heft, jedem Schüler steht es frei, auch seine persönlichen Notizen aus dem Unterricht auf einer persönlichen Seite im Wiki zu schreiben oder parallel ein Papierheft zu führen."
Karl Kirst:

Philippe Wampfler:
Haben digitale Medien einen Mehrwert für das schulische Lernen?
"Die Frage setzt voraus, dass bekannt ist, was »schulisches Lernen« ist. Damit wird davon ausgegangen, dass sie nur im Rahmen eines schulischen Settings beantwortet werden kann, das mit bestimmten Annahmen gekoppelt ist, z.B.:
  • Das relevante, interessante Lernen ist das schulische.
  • Die Rollenverteilung von Lehrkräften und Lernenden ist gegeben.
  • Das Schulhaus als Raum mit Klassenzimmern, in denen Präsenzlektionen abgehalten werden, stellt den Lernort dar.
  • »Lernen« ist leistungsbezogen: Es führt zu einem Output, der z.B. in Prüfungen messbar ist und zu Abschlüssen und Qualifikationen führt. [...]"
"Mit Tablet und Handy wird der Mathematik-Unterricht für die Schüler des Franz-Stock-Gymnasiums in Arnsberg anschaulicher. [...]"

  1. Eine große Chance sehen wir darin, die knappe Zeit im Plenum sinnvoller und effizienter nutzen zu können, da durch digitale Übungen mit automatisiertem Feedback (z. B.LearningApps, Moodle-Tests, …) ineffektive (da kaum individualisierte) Vergleichs- und Sicherungsphasen gespart werden können (z. B. zähe Übersetzungsvergleiche im Lateinunterricht: http://www.dgipad.net/blog/2014/12/5/bersetzungsarbeit-mit-baiboard).
  2. Größere Transparenz und Interaktion: [...]
"[...] ging es darum, dass die SuS eines Grundkurses Geschichte ihre schriftlichen Quellenanalysen ins Blog stellen sollten. Alle SuS hatten dann im Rahmen einer Arbeitsphase die Aufgabe, in Partnerarbeit mindestens drei andere Analysen zu kommentieren, positive sowie negative Aspekte herauszustellen und Verbesserungsvorschläge zu machen. Der Grund für dieses Herangehensweise war, dass ich es in meinem normalen Unterricht niemals schaffe, alle Übungstexte eines kompletten Kurses durchzulesen und sinnvoll zu kommentieren (weshalb man ja auch schon in der analogen Welt dazu übergeht, sogenannte „Schreibkonferenzen“ abzuhalten). Diese Situation empfinde ich bis heute als sehr unbefriedigend, weil ich ja gerne sowohl den ganz schwachen SuS Unterstützung bieten möchte, aber auch den Schülerinnen und Schülern, die schon ganz ordentliche Texte schreiben. Selbst den besten Schülern kann man immer einen Tipp zur Verbesserung oder Optimierung auf den Weg geben. [...]"
https://cspannagel.wordpress.com/2015/06/14/danke-digitalfoto/ 

http://www.rete-mirabile.net/lernen/blogparade-digitale-medien/

Warum digitale Medien nutzen? http://frauschuetze.de/?p=6799 25.7.2015



Andererseits eine Gegenposition: 
"Immer öfter vernimmt man ernüchternde Berichte über die Erfolge der digitalen Bildungsformate. Studenten brechen diese Veranstaltungen ab bzw. nutzen die Angebote zu selten.
 Zuletzt kam ein Beitrag in einem internationalen Wissenschaftsjournal beispielsweise zu dem Schluss, dass Reiche diese Technologien nicht brauchen werden und Arme zu wenig motiviert sind, diese zu nutzen.
 Technologie alleine kann also dieses Problem - so der Autor - nicht beheben. Aber wo liegt denn nun das Problem?
 Der Verfasser des Beitrags nannte hier vor allem die fehlende Motivation und Peer Pressure. [...]
In einem Interview aus dem Jahre 1989 antizipierte der berühmte Science Fiction Autor Isaac Asimov nicht nur die Grundzüge des Internets, er war auch überzeugt, dass nun für das Lernen völlig neue Zeiten anbrechen würden.
Jeder könne dann direkt auf Wissensquellen zugreifen, Fragen stellen und in seiner Geschwindigkeit ohne standardisierte Curricula lernen, was „einen interessiert".
Das klingt natürlich utopisch, aber Asimov hatte wie kein anderer erkannt, dass digitales Lernen auch etwas mit der Wiederentdeckung der Freude am Lernen zu tun haben wird. „Es sei dann" so Asimov „eigentlich egal, welches Thema einen interessiere." Weil der Zugang, wenn er einmal gefunden sei, früher oder später zu einem anderen Themengebieten führe."
Experten-Befragung von Schulleitern zur Nutzung digitaler Medien, 14.7.15
Was den Schulleitern grundsätzlich Sorgen bereitet, sind die verschiedenen Formen des Mobbings in sozialen Medien wie z.B. WhatsApp, Instagram und Snapchat: Die reichen vom harmlosen Bloßstellen bis zur bösartigen Verleumdung – oftmals auch von Schülern außerhalb der eigenen Schule. Nachdem vor einigen Jahren auch manche Lehrer zur Zielscheibe negativer Äußerungen im Web wurden, leiden heute vor allem die Schüler selbst darunter. [...] Obwohl die Kollegen nach Beobachtung der Schulleiter im Privatleben selbstverständlich digitale Medien nutzen, sind sie bei deren Verwendung im Lehr- und Lernkontext häufig unsicher – insbesondere wenn es um Social Media wie Facebook, WhatsApp oder Snapchat geht. Eine systematische Qualifizierung für Lehrer wäre sicherlich hilfreich. [...] So lässt sich zusammenfassend feststellen, dass unzureichende Lehrerfortbildung, fehlende didaktische Konzepte, Vorbehalte und Bedenken seitens der – nicht nur älteren – Lehrerschaft sowie ungenügende Finanzierungsmöglichkeiten für Betrieb, Support und Lernsoftware die derzeit größten Herausforderungen in Sachen Digitale Schule darstellen. Auf der anderen Seite stehen große Hoffnungen und Erwartungen mit Blick auf einen modernen und motivierenden digitalen Unterricht [...]

Die Schule probt den digitalen Hochsprung FAZ, 24.7.2015

In der Debatte um digitale Bildung arbeiten sich beide Seiten an Karikaturen ihrer Gegenspieler ab. Und im Hintergrund lauert das große Geschäft. 23.07.2015, von F. KÜCHEMANN
[...] Die Schulforscherin Birgit Eickelmann von der Universität Paderborn, mit Bos zusammen Leiterin der nationalen Erhebung besagter ICILS-Studie, stellte im Gespräch mit dieser Zeitung fest, „dass wir in Deutschland gerade ein Drittel der Schüler auf dem Weg in die Informations- und Wissensgesellschaft vollkommen verlieren und dass wir uns den Luxus erlauben, das Potential einer ganzen Schülergeneration zu vergeuden“. Diejenigen Lehrer, die gern neue Technologien nutzen wollten, fänden im Moment nicht die geeigneten Rahmenbedingungen vor, die modernes Lehren und Lernen überhaupt ermöglichten. Und annähernd dreißig Prozent der in Deutschland befragten Lehrer fänden der Studie zufolge gar, ihre Schüler würden durch den Einsatz digitaler Medien vom Lernen abgelenkt.
Eine Meinung, die leicht angestaubt wirkt. Dabei gibt es für sie durchaus zeitgemäße Argumente - aus der Hirnforschung, der Entwicklungs- und der Motivationspsychologie zum Beispiel, wie Gerald Lembke und Ingo Leipner in ihrem Buch „Die Lüge der digitalen Bildung“ (Redline Wirtschaft, München 2015) ausführen. „Digitale Medien stressen (...) erheblich den Arbeitsspeicher des Stirnhirns“, postulieren sie, „weil sie ihn gleichzeitig mit zu vielen Reizen bombardieren. Dadurch erlahmt unmerklich die Konzentration - und auch die willentliche Bereitschaft schwindet, die neuen Lerninhalte mit vorhandenem Wissen zu kombinieren.“  [...]

2.6.15

Schülerfrage

Ein Schüler fragt:
"Aber wäre es nicht wenigstens mal eine Überlegung wert, anstatt den Schülern mit dem ständigen G8-G9-Hin-und-Her-Gerudere auf die Nerven zu gehen, eine Individualisierung der Stundenpläne von Oberstufenschülern in Betracht zu ziehen?"
Bestimmt gibt es jemanden, der auf diese Frage hin fordern würde, ein Fach "Geschichte der Schulreformen in Deutschland" einzuführen, oder doch wenigstens ein Modul in der Lehrerausbildung mit diesem Gegenstand. 

Vermutlich reichte es aber, wenn man zurückfragte: Was spricht wohl gegen "Individualisierung der Stundenpläne von Oberstufenschülern"? 

Nur dann müsste Die Welt ohne diesen Artikel auskommen. 

31.5.15

Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!

Seid mißtrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für euch erwerben zu müssen!

Das 'ß' lässt heutige Leser erkennen, dass diese Aufrufe wohl doch nicht im Blick auf Google formuliert worden sind.


Am Schluss dieser Verse steht, was besser im Gedächtnis geblieben sein dürfte:


"[...] seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!"*


Die Verse stehen am Schluss von Günter Eichs: Hörspiel "Träume" von 1950. 

Soll man bedauern, dass Zeilen wie "Wer möchte leben ohne den Trost der Bäume!" fast vergessen sind? 
Sind Eichs Maulwürfe zu Recht vergessen, obwohl darin Sätze zu finden sind wie 
"Ich wache auf und bin gleich im Notstand. Die Gründe weiß ich nicht genau, verhafte aber vorsorglich meine Kinder, Verhaftungen müssen sein. [...] Um zwei umstellte Gendarmerie das Haus und verhaftete uns alle.
So gemütlich ist es immer noch."
Freilich, wer versteht noch die Aufregung über die Notstandsgesetze, wer die Empörung über die Datensammlung durch die Volkszählung von 1987?
Die Notstandsgesetze von 1968 wurden meines Wissens noch nie eingesetzt, die Vorratsdatenspeicherung sammelt sehr viel intimere Daten als die 1987 von weiten Kreisen kritisierte und von nicht wenigen boykottierte Volkszählung. 

"Seid mißtrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für euch erwerben zu müssen!" Das ist freilich heute so aktuell wie damals. Entsprechend die Aufforderung, Sand zu sein.


Unabhängig von Eich: Sollten Schnurre, der frühe Böll, ja der Klassiker der Moderne, Brecht, uns geläufiger sein, als sie es heute sind?

Wird von Grass außer der Blechtrommel hauptsächlich im Gedächtnis bleiben, dass er Mitglied der Waffen-SS war und wegen eines die Politik Israels kritisierenden Gedichts als Antisemit einzustufen sei?
Ich bin misstrauisch, wo ich den Eindruck habe, dass literarische Bewertungen, ja sogar ethische Standards Moden zu folgen scheinen. Freilich, Zeitgeist* muss sein, aber eben immer wieder auch Widerstand dagegen.

*Eine Googlesuche zeigt freilich, dass dieser letzte Vers mit 15900 Belegen nur wenig vor "während die Ordner der Welt geschäftig" mit 15200 Belegen liegt. Sobald man aber auf "seid Sand, nicht das Öl" verkürzt, ergeben sich 107000 Belege. Wenn man das weniger spezifische "Ordner der Welt" sucht, freilich 470000.

*"Was ihr den Geist der Zeiten heißt,/ Das ist im Grund der Herren eigner Geist,/In dem die Zeiten sich bespiegeln.“  (Goethe: Faust I, Vers 577-79) - „Etwas Bornierteres als den Zeitgeist gibt es nicht. Wer nur die Gegenwart kennt, muß verblöden.“ – Hans Magnus Enzensberger

30.5.15

Keine Stellenstreichung an Hessischen Schulen!

Die Landesschülervertretung von Hessen hat die folgende Petition an die Landesregierung gerichtet. Diese Petition habe ich unterschrieben, ich möchte aber noch für weitere Unterstützung werben. Deshalb hier der Link auf die Petitionsseite.

"Wir, die Landesschülervertretung, fordern von der Landesregierung stellvertretend für alle hessischen Schülerinnen und Schüler, die Stellenstreichung von Lehrkräften im Bereich der Oberstufe und der Grundschule zurückzunehmen. Die Landesregierung plant eine massive Kürzung bereits im nächsten Schuljahr!

Weniger Lehrer in der Oberstufe bedeuten für uns, dass wir nur noch wenige Leistungskurse wählen können und angenehme Kursgrößen dort bald der Vergangenheit angehören werden. Bildungsqualität stellen wir uns anders vor!

Die Landesregierung will mit diesen Lehrern das Ganztagsangebot in den Grundschulen ausbauen, die Inklusion in den Grundschulen fördern und Deutschkurse für Flüchtlinge anbieten. Wir fordern das schon seit Jahren und begrüßen es sehr, dass die Landesregierung hier endlich tätig wird. 

Aber gerade im Grundschulbereich nimmt die Landesregierung das was sie vorne gibt, hinten wieder weg. Das ist ein Taschenspielertrick. Die Grundschulen müssen letztendlich mit der gleichen Anzahl an Lehrern mehr Aufgaben bewältigen. Das wird und kann nicht funktionieren.

Wir wollen eine faire Chance auf gute Bildung. Bitte helft uns dabei, Wir sind auf Eure Unterstützung dringend angewiesen! Unterstützt unser Petition!

Diese Petition wird unterstützt von der GEW Hessen und dem Landeselternbeirat."


Keine Stellenstreichung an Hessischen Schulen!

23.5.15

Digitale soziale Netzwerke

Das Netz bist du!  ZEIT, 17.5.15 von  

Um es vorweg zu nehmen: Ich halte die Untersuchungen für interessant. Trotiers Artikel überzeugt mich aber nicht nicht.
Völlig anders wirkt auf mich das Interview, das Publik-Forum mit Mirca Madianou, einer Soziologin aus dem Umfeld von Daniel Miller, geführt hat.

Zitat aus dem Interview mit Madianou:
"Eine Webcam kann vieles. Menschen können miteinander lachen und miteinander weinen [...]. Küssen geht nicht. Nicht für Liebespaare, die getrennt sind, nicht für Kinder, die ohne Eltern aufwachsen. Familien, die über neue Medien verbunden sind, müssen sich neue Rituale schaffen. Die Sehnsucht nach Hautkontakt [...] kann kein Computer befriedigen."
Am Schluss meines Artikels folgen weitere Zitate aus dem Interview.

Zitate aus Trotiers Artikel:
"Daniel Miller ist Anthropologe. Er arbeitet als Professor am University College London. Dort hat er das weltweit erste Programm für digitale Anthropologie entwickelt."

"Deshalb hat er das größte Social-Media-Projekt der Welt gegründet: Acht Anthropologen forschen gleichzeitig in acht Ländern. England, Trinidad, Türkei, Brasilien, Chile, Italien, Indien, China. Fünf Jahre lang beobachten, begleiten, analysieren, interpretieren sie Menschen und ihre Sozialen Medien. Global Social Media Impact Study, eine globale Studie zum Einfluss der Sozialen Medien. "

"Miller will vergleichen können, ohne kulturelle Eigenheiten einzuebnen. Deshalb muss seine Studie global angelegt sein. Seine Mitarbeiter leben an Orten, die eigentlich niemanden interessieren, weil sie zu normal sind. Sie leben in einem türkischen Dorf, einer Einwandererstadt im Norden Chiles, einem Zentrum für IT-Arbeiter in Indien, einer kleinen Touristenstadt an der brasilianischen Küste."

"Viele der Arbeiter hätten zuvor in einer berühmten Keramikfabrik getöpfert, schreibt Wang in einem Blog, in dem die Anthropologen alle paar Wochen von ihren Erlebnissen erzählen. Jetzt fahren sie Gabelstapler. Die Arbeit hat weniger Prestige, aber in den Gesprächen, die Wang führt, sagen alle, sie seien glücklicher. Sie freuen sich über die kleinen Pausen, die sie zwischen den Fahrten haben. In jeder freien Minute surfen sie mit ihren Smartphones durch das chinesische Soziale Netzwerk QQ, spielen, lesen Posts von Freunden, schreiben Nachrichten.
Als sie die Arbeiter kennenlernte, schreibt die Anthropologin Wang, habe sie vermutet, sie seien vor der Armut geflohen und würden sich vor allem mit ihrer Familie und ihren Freunden zu Hause schreiben. Natürlich gibt es das auch. Die meisten aber sind migriert, weil sie etwas anderes erleben wollten. Sie mussten nicht raus, sie wollten. Sie chatten über Soziale Netzwerke auch mehr mit neuen Freunden, die in derselben Stadt wohnen, weniger mit ihrer Familie."
"Der Anthropologe Daniel Miller sieht den Menschen nicht als Opfer seiner Technik an, nicht als unmündigen User, als Spielball der Großkonzerne. Denn Technik kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie jedem Individuum an jedem Ort zu jeder Zeit nutzt. Und wenn der Mensch sie so nutzen kann, wie er es will."  (Das Netz bist du!)
Eine Logik des letzten Absatzes erschließt sich mir nicht. Ich glaube gern, dass Miller "den" Menschen nicht als Opfer "seiner" Technik ansieht. Das braucht er überhaupt nicht zu sein, damit Milliarden von Menschen Spielball "der" Großkonzerne werden. 
Kommerziell erfolgreich sein kann Technik, wenn genügend Personen glauben, sie nütze ihnen. Sie werden diesen Glauben nicht aufzugeben brauchen, wenn ein Großkonzern diesen Gauben "so nutzen kann, wie er es will". 

KILIAN TROTIER lullt durch die Art seiner Berichterstattung ein. Überzeugen kann er mich dadurch nicht. 
Weitere Zitate aus dem Artikel (für die Argumentation von weniger Bedeutung):
"Wer eine gute Beziehung zu Gegenständen hat, hat sie auch zu Menschen. Dinge stehen nicht zwischen Menschen, sie verbinden sie."
"Die Webcam wird zu einem eigenen Ort, der Unzusammenhängendes zusammenschiebt. Zur Heimat für Getrennte."

Weitere Zitate aus dem Interview mit Madianou:
Publik Forum: "Trotzdem sagen Sie, dass soziale Netzwerke wie Facebook [...] eine Revolution sind."
Madianou: Das ist so. [...] Als Donna [...] vor dem Laptop mit ihrer acht Monate alten Tochter "Kuckuck!" spielte, so wie anderer Mütter mit einem Tuch beim Wickeln. So etwas ist herzerfrischend und traurig zugleich. Eine andere Mutter hat die Webcam einmal ganz plötzlich ausgeschaltet, weil sie weinen musste und nicht mehr aufhören konnte, so sehr hat sie die Sehnsucht in diesem Moment ereilt. [...] Es bleibt ein Drama, wenn Menschen, die sich sehr lieben, über lange Zeit getrennt sind."

Madianou und Miller haben ein gemeinsames Buch veröffentlicht: Migration and New Media: transnational families and polymedia, 2012

Zitat aus dem Abstract:
"The way in which transnational families maintain long distance relationships has been revolutionised by the emergence of new media such as email, instant messaging, social networking sites, webcam and texting. A migrant mother in London can now call and text her left-behind children in the Philippines several times a day, peruse social networking sites and leave the webcam for 12 hours achieving a sense of co-presence."

22.5.15

Hochschulrektorenkonferenz zu TTIP: Bildung ist keine Ware

"Bonn, 18.05.2015 -
Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) fordert, Bildung aus dem geplanten Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA, TTIP, explizit auszunehmen. Bildungsdienstleistungen werden dort nicht als öffentliche Aufgabe ("public services") definiert. Nach der Logik des Abkommens müssen alle Bereiche, die von ihm nicht erfasst werden sollen, explizit ausgeschlossen werden.
"Staatliche Leistungen der Daseinsvorsorge sollten grundsätzlich von den TTIP-Verhandlungen ausgenommen werden. Bildung, Kunst und Kultur gehören nicht in das Handelsabkommen", so HRK-Präsident Prof. Dr. Horst Hippler heute in Bonn zu der Erklärung der 18. HRK-Mitgliederversammlung." (Bildungsklick,18.5.15)
mehr zu TTIP

Lammert fordert Zugang zu TTIP-Dokumenten ZEIT, 18.7.15