4.5.13

Hüther und Hattie

Prechts Schulkritik (hier zwei Kommentare von erfahrenen Lehrern) kann man als Lehrer vielleicht ignorieren, er ist kein Fachmann. Aber Hüther und Hattie sind - jeder in seiner Weise - Spezialisten für Lernen. Ihre Erkenntnisse und Überlegungen sollte man zumindest zur Kenntnis nehmen. Zu Hattie habe ich mich schon geäußert, doch werde ich weiter unten auf sein Interview in der ZEIT vom 2.5.13 zurückkommen. Zu Gerald Hüther (Neurobiologe) finden sich zwei Blogposts bei Lehrerfreund:
*  Gerald Hüther über das System Schule
* »Warum ich mich Gerald Hüther nicht (gleich) an die Brust werfe«
Hüthers Positionen sehe ich kritischer als die von Hattie und begnüge mich deshalb mit dem Hinweis auf diese beiden Texte.

John Hattie (Visible Learning) überzeugt mich mit dem Hinweis auf die wichtige Rolle des Lehrers und mit seinem Hinweis,dass er mehr sein muss als nur Moderator (Hattie spricht davon, er solle Regisseur des Lernprozesses sein).
Er muss nämlich bei den Schülern das Gefühl von Selbstwirksamkeit erreichen (der beste Schutz vor Demotivierung) und dazu gehört, dass die Schüler nicht zu stark angeleitet werden (dazu sehr energisch J-M Klinge), aber auch, dass sie nicht unterfordert oder wesentlich überfordert werden.
Dafür muss der Lehrer den Schülern Feedback geben. Zum einen, damit sie immer neue Aufgaben vor sich sehen, zum anderen, damit sie nach Misserfolgen nicht sich als Person die Schuld geben, sondern Fehlerquellen erkennen und Instrumente zur Beseitigung gewiesen bekommen.
Er muss aber auch das Feedback der Schüler einholen, um für seine Arbeit ganz entsprechend Verbesserungspotentiale zu erschließen. Dazu gehört auch der Austausch mit Kollegen, damit er nicht nur aus eigenen Erfolgen und Misserfolgen, sondern auch aus denen von Kollegen lernen kann.

Bei zwei anderen Positionen Hatties stimme ich nur bedingt zu:
Dass die Variable Klassengröße unwichtiger ist als die Variable Lehrer, gebe ich ohne weiteres zu.
Die Studien, die das ergeben, zweifle ich in keiner Weise an. Denn ein sehr guter Lehrer wird auch bei 40 oder 50 Schülern weit erfreulichere Ergebnisse erzielen als ein Lehrer mit 15 Schülern, der sie demotiviert.
Aber wie wichtig ist die Klassengröße für die Möglichkeit von gegenseitigem Feedback? Bei 30 Schülern braucht es mehr Zeit als bei 20, von dem Vergleich zwischen 15 und 40 zu schweigen.
Außerdem: Könnte es nicht sein, dass ein Lehrer, der nie Klassen von mehr als 25 Schülern zu unterrichten hatte, auch noch nach 35 Jahren ein sehr guter Lehrer im Sinne von Hatties Studie ist, einer, der ständig 30 bis 35 zu unterrichten hatte, aber schon nach 15 Jahren nicht mehr so rundum alle Kriterien des sehr guten Lehrers erfüllt?
Der beste Lehrer, den ich je kennengelernt habe, schied deutlich vor seinem 50. Lebensjahr wegen Arbeitsunfähigkeit aus dem Dienst.
Dann zur Gruppenarbeit: In Lerngruppen in England finden laut Hattie "nur in zwei  Prozent der Unterrichtszeit tatsächlich auf Lernziele ausgerichtete Gruppenaktivitäten" statt. - Wie viel Prozent sind es bei anderen Unterrichtsformen, wie produktiv ist das, was in den genannten 2% stattfindet?
Vor allem aber: Ist der Lehrer wirklich überzeugt, dass Gruppenarbeit erforderlich ist, oder setzt er sie nur ein, weil es von ihm erwartet wird? (vgl. Evaluation an deutschen Schulen und die gegenwärtige Praxis an Hochschulen)
Lange Zeit war ich recht unzufrieden mit der Effektivität von Gruppenarbeit, schon der häufigere Einsatz des Gruppenpuzzles hat sie (aus meiner Sicht) deutlich erhöht. - Aber dies ist ein Kapitel, das so rasch nicht erschöpft werden kann.

Nachtrag vom 8.5.13:
Ein Bericht der SZ über Precht bei Jauch

Kommentare:

Tom Jork hat gesagt…

Die Sache mit Precht sehe ich ebenso wie Sie, man sollt ihn vielleicht einfach ignorieren. Das meiner Meinung nach Gefährliche ist nur die Popularität Prechts und die puplikumswirksamen Thesen, die aufgrund der Verletzung wissenschaftlicher Standards verbunden mit einem guten Maß Populismus in Prechts Aussagen leider zu viele Menschen erreicht, die evtl. unkritisch in das Verteufeln des deutschen Schulsystems als das "schlechteste der Welt" mit einstimmen. Prechts Ruf nach "Revolution" verzögert allenfalls das besonnenere Vorgehen bei der Reformierung eines durchaus nicht besten aber auch nicht schlechtesten Schulsystems, weil jede Reform in dem Ruf stehen könnte, keinen Beitrag zu dieser Revolution im Prechtschen Sinne zu leisten. Wo Precht eigentlich das revolutionäre Potential sieht, ist mir bis jetzt immer noch nicht klar - weder Politiker noch Lehrer wird er erreichen, solange er allen, die an Schule mitwirken, mit seinem Buch vor den Kopf stößt.

Herrn Hüther kann ich, seit dem er den unsäglichen Talkshow-Auftritt bei Precht hatt schon nicht mehr ernst nehmen. Aussagen wie Deutschlands "einflussreichster Hirnforscher" machten mich dann doch stutzig. Bei meiner Suche nach dem Tätigkeitsfeld Hüthers bis ich dann auf diesen Artikel gestoßen: http://goo.gl/d2U93 [Psiram Blog] Nach Lesen des Artikels bin ich mir relativ sicher auch Herrn Hüther nicht mehr ernst nehmen zu müssen...

Bei Hattie freut mich ebenfalls die neu (wieder-)gewonnene Erkenntnis, dass der Lehrer im Mittelpunkt des Unterrichtsgeschehens steht. Aber auch wenn ich mich bei Hatties Faktoren für gute Schule durchaus bestätigt fühle, so gibt es ja doch einige Kritik an der Methode der Meta-Analyse [ http://goo.gl/fLt7D ]. Speziell die Tatsache, dass die Erkenntnisse aus hunderten von Analysen aus nicht miteinander vergleichbaren Ländern stammen, macht es schwierig an die Gültigkeit der Ergebnisse auch für Deutschland zu glauben. Wenn z.B. immer wieder betont wird, dass Deutschland mit seinem Schulsystem in so vielen Punkten (Sitzenbleiben, gegliedertes Schulwesen, Migrationsproblematik) allein da steht, warum sollten nun die allgemeinen Ergebnisse hier anwendbar sein?

Ich möchte zum Schluss noch auf einen weiteren aktuell aktiven Autoren hinweisen: Michael Felten. Felten versucht ohne den übertriebenen Rückgriff auf die vielen theoretischen Erkenntnisse, auf die man je nach Standpunkt oder Ideologie beliebig zurück greifen kann (Zu jeder Meinung lässt sich eine Studie finden, die diese Meinung untermauert), eine Reform des Unterrichts auf Grundlage des gesunden Menschenverstands anzuregen - ganz ohne Revolution und mit dem Wissen und der Erfahrung aus der eigenen Praxis, dass es auf den Lehrer ankommt.

Walter Böhme hat gesagt…

@Tom Besten Dank!
Zum Hinweis auf Felten darf ich vielleicht zwei Links ergänzen:
http://www.sueddeutsche.de/karriere/was-guten-schulunterricht-auszeichnet-auf-die-lehrer-kommt-es-an-1.1240241
und
http://www.hermann-giesecke.de/rezfel1.html