Posts mit dem Label Gauck werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gauck werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

30.3.12

Bundespräsident Gauck II

Wie soll es nun also aussehen, dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel „unser Land“ sagen? Es soll „unser Land“ sein, weil „unser Land“ soziale Gerechtigkeit, Teilhabe und Aufstiegschancen verbindet. Der Weg dazu ist nicht der einer paternalistischen Fürsorgepolitik, sondern der eines Sozialstaates, der vorsorgt und ermächtigt. Wir dürfen nicht dulden, dass Kinder ihre Talente nicht entfalten können, weil keine Chancengleichheit existiert. Wir dürfen nicht dulden, dass Menschen den Eindruck haben, Leistung lohne sich für sie nicht mehr und der Aufstieg sei ihnen selbst dann verwehrt, wenn sie sich nach Kräften bemühen. Wir dürfen nicht dulden, dass Menschen den Eindruck haben, sie seien nicht Teil unserer Gesellschaft, weil sie arm oder alt oder behindert sind.
In seiner ersten Rede nach seiner Vereidigung hat Bundespräsident Gauck diese Worte gefunden. Er hat damit auf Forderungen, die an ihn herangetragen wurden, reagiert. Er hat nicht seine Überzeugung aufgegeben, dass Freiheit der höchste politische Wert ist, doch er hat sich bemüht, als Präsident  aller Deutschen zu sprechen. Ein ermutigendes Zeichen.

Nachtrag vom 9.7.12:
Ein kritisches Lob von J. Augstein: In normalen Zeiten wäre er eine Nervensäge, aber in der Krise ist er ein Glücksfall für die Demokratie.

18.3.12

Bundespräsident Gauck I

Zu Joachim Gauck habe ich mich auf diesem Blog nur positiv geäußert. Auf einem anderen schon kritischer:
Und um ehrlich zu sein: im Verhältnis zur Kadidatur von Gesine Schwan scheint mir die von Gauck erheblich weniger attraktiv zu sein. Ich verstehe nicht recht, was die veröffentlichte Meinung dazu antreibt, ihn so zu loben. Ist es nur ein Versuch, die schwarz-gelbe Koalition zu schwächen? Oder ist es ein Wert in sich, wenn jemand sich links, liberal und konservativ nennt? Diese drei Attribute könnte ich auch für mich in Anspruch nehmen, auch wenn neuerdings mehr und mehr Reaktionäre sich als wertkonservativ ausgeben und nichts dabei finden, dass Flugzeugtreibstoff weitgehend steuerfrei ist.
Ist die Bewohnbarkeit der Erde etwa kein Wert mehr? (27.6.2010 auf Fonty)
Ich werde mich sicher wieder zum neuen Bundespräsidenten äußern, deshalb die Zählung dieses Beitrages als  "Bundespräsident Gauck I".
Ich verlinke aber mal jetzt (19.3.) schon Jan Fleischhauer, nicht deshalb, weil ich ihm Recht gäbe, aber weil es mir die Gelegenheit gibt, darauf aufmerksam zu machen, dass etwas, was man für politisch gefährlich hält, mitnichten "unsäglich albern" sein kann. Dass Gauck vorgibt, das nicht zu wissen, ist in meinen Augen fast noch schlimmer als seine undifferenzierte Absage an Kapitalismuskritik (vgl. seine Äußerung zu Occupy Wall Street).
Auch die Stasi war nicht "unsäglich albern", auch wenn Biermann sie mit Galgenhumor als seinen "Eckermann" bezeichnet hat (zum Song selbst).
20.3.: Sieben Premieren
21.3.: Kabarettistische Gauckkritik

1.3.12

Gauck, Götz Aly und der Holocaust

Joachim Gauck hat in einem Vortrag von 2006 gesagt, für Menschen, die das "Koordinatensystem religiöser Sinngebung verloren haben" könne ein paradoxer und unbewusster "psychischer Gewinn" darin liegen, im Holocaust einen negativen Fixpunkt zu sehen.
Götz Aly verteidigt ihn in der ZEIT vom 1.3.12 gegen die daraufhin gegen ihn von Deniz Yücel in der taz erhobenen Vorwürfe.
Gerade weil ich manche Positionen von Gauck und manche von Aly für fragürdig halte - nicht zuletzt aufgrund der Art, wie sie sie begründen bzw. nicht begründen, möchte ich aussprechen, dass ich Gaucks Überlegungen als von einem christlichen Standpunkt her gut nachvollziehbar und Alys Verteidigung für berechtigt halte.
Übrigens auch deswegen, weil ich sonst nicht selten mit in der taz vertretenen Positionen übereinstimme.

Die inzwischen nachgeholten Links verdanke ich dem von Aly kritisierten taz-Artikel, der die von ihm kritisierten Aussagen Gaucks vorbildlich verlinkt und außerdem in seinem Beitrag im Zusammenhang wiedergibt.
Er verweist auch auf die Argumentation von Clemens Heni, die ihn offenbar angeregt hat und die Heni schon am 3.6.2010 in einem Blogbeitrag vorgetragen hat und in der er als Kern der Prager Deklaration von 2008 herausstellte:
"[...] der Holocaust war demnach kein präzedenzloses Verbrechen, der Antisemitismus der Deutschen und ihrer Helfer war nichts Besonderes, vielmehr ‚typisch‘ für ‚totalitäre Regime‘ wie dem Nazismus und Kommunismus. Der Holocaustgedenktag soll abgewertet bzw. ersetzt werden! Das sind das Ziel und die Konsequenz der neuen antisemitischen Bewegung in Europa und kaum jemand nimmt davon in Deutschland Notiz."(sieh Henis Beitrag!)
Die Erstunterzeichner der Prager Deklaration "der frühere Präsident der Tschechischen Republik Vaclav Havel, der ehemalige Leiter der Gauck-Behörde, Joachim Gauck, der frühere Präsident von Litauen Vytautas Landsbergis, der schwedische konservative Politiker Göran Lindblad, sowie die beiden tschechischen Politiker Jana Hybaskova und Martin Mejstrik" seien also Vertreter eines neuen Antisemitismus.
Heni begründet seine Behauptung mit der Aussage "Ohne den Kampf der Sowjetunion wäre der Holocaust nicht beendet worden". Danach wäre offenbar Kritik am Stalinismus eine Spezialform des Antisemitismus. Meiner Meinung nach eine allzu steile These.

Dies möchte ich festgehalten haben, damit meine Kritik an Positionen von Gauck und von Aly nicht in einen falschen Kontext gestellt wird.

Nachtrag vom 5.3.12:
Harry Nutt von der FR weist darauf hin, dass Yücel von der taz mit seiner Position durchaus nicht alleine steht, vertritt aber seinerseits auch die Position, dass Aly mit seiner Verteidigung Gaucks Recht hat.

28.9.11

Wir werden bleiben wollen, wenn wir gehen dürfen

Stadtteilarbeit für die evangelische Kirche in Rostock, wie Joachim Gauck sie schildert, erinnert mich an die Stadtteilarbeit Obamas in Chikago. Wie sollte sie es auch nicht. Dennoch macht es einen Unterschied, ob man Berichte aus der Arbeit der evangelischen Kirche in der DDR aufnimmt in einer Zeit, wo die Unterdrückung noch völlig präsent war, oder heute, wo die Rolle, die die Kirche für die friedliche Umwälzung gespielt hat, ihr Bild bestimmt.
Wie weit war der Weg dorthin!

Als ich nach Evershagen zog, konnten sich die wenigen Christen nicht einmal im eigenen Stadtteil treffen. Es gab kein Gotteshaus noch irgendwelche Gemeinderäume, auch keinen Kirchgemeinderat und keine Mitarbeiter. In einer solchen Terra incognita die Arbeit aufzunehmen, erforderte Entschlossenheit, Offenheit und Durchhaltekraft. [...]
Wie andere junge Pastoren in Mecklenburg orientierte ich mich an Heinrich Rathke, der später unser Landesbischof werden sollte. Heinrich Rathke hatte bereits Anfang der sechziger Jahre als Pfarrer in einem Mecklenburger Neubaugebiet Erfahrungen gesammelt — in der Südstadt, der ersten Rostocker Großwohn­siedlung im Plattenbaustil mit über 20000 Bewohnern. An alles war damals gedacht worden — Krankenhaus, Kino, Post, Theater und so fort -, nur nicht an eine Kirche. Als erstes galt es also, die evangelischen Christen ausfindig zu machen. Rathke ging von Haus zu Haus, von Stockwerk zu Stockwerk, klingelte wahllos, meist abends. Zu Gottesdiensten konnte er aber nur in eine der weit entfernten Stadtkirchen einladen. Als alle Anträge bei der Stadt Rostock zum Bau einer eigenen Kirche fehlschlugen, stellte Rathke kurz entschlossen einen Zirkuswagen auf ein Privatge­lände am Rande des Neubauviertels. Ein schlichtes Holzkreuz an der Wand und ein schlichter Tisch als Altar verwandelten ihn in emen Andachtsraum. Am 12. Mai 1963 fand dort der erste Got­tesdienst mit 53 Gläubigen statt.

So berichtet Joachim Gauck in seinen Erinnerungen "Winter im Sommer - Frühling im Herbst" auf Seite 125.
vgl. dazu eine Leseprobe der Seiten 1-18