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28.5.19

Zur Bearbeitung einer Staatsexamensaufgabe aus dem Jahr 2010 aus dem Lichte von 2019

Die Textvorlage ist "Das Gebäude" von Herbert W. Franke .
Die Rollen von Mensch und Roboter sind vertauscht.
Die Menschen arbeiten wie Maschinen. Die Roboter sorgen dafür, dass die Menschen funktionieren ("Kältearrest").
Die Arbeit ist sinnlos. Gebäude werden aufgebaut und abgerissen. Wohnen können die Menschen weder da noch da.
Der Gedanke, man könnte in Gebäuden wohnen, ist für Fontain "frevlerisch". Ein Frevel ist eine Handlung gegen die göttliche Autorität.
Für Hassau ist er "eine absurde Idee" und "unsinnig".
Die Menschen haben eingesehen, dass sie nur für die Maschinen arbeiten dürfen. Etwas für die Menschen zu tun, wäre gegen die künstliche Intelligenz der Maschinen, also gegen die übernatürliche Autorität.
Aussageabsicht des Textes: Wenn sich der Mensch an die Maschine anpassen muss, ist das gegen die Menschenwürde. Dazu: Kants kategorischer Imperativ (vgl."Selbstzweckformel" https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorischer_Imperativ#%E2%80%9EFormeln%E2%80%9C)
Diese Aussage wird aber nicht ausgesprochen, sondern erst langsam [im Kopf des Lesers] entwickelt. (Parallelbau der beiden Teile wie in Kafkas "Auf der Galerie").
Das selbständige Denken haben die Menschen zugunsten der Sicherheit aufgegeben. "Sicherheit dessen, für den andere denken".
Bemerkenswert ist, dass der Gedanke, dass man das selbständig denken nicht zugunsten seiner Sicherheit aufgeben dürfe, schon 2010 in einer Prüfung behandelt wurde, bevor ein deutscher Innenminister ihn seinerseits verwarf.
Der Innenminister Friedrich hat 2013 Sicherheit zum "Supergrundrecht" erklärt, also zu einem Grundrecht, das wichtiger ist als Freiheit, Meinungsfreiheit und Menschenwürde.
Von Lehrern und Schülern erwartet man selbständiges Denken. Minister genießen nicht selten Narrenfreiheit (auch heute noch). Aber das braucht man in einer Staatsprüfung nicht ausdrücklich hinzuschreiben. Greta Thunberg hat deutlich genug aufgezeigt, dass manchmal Schüler besser als Minister* wissen, was in einer Gefahrensituation zu tun ist. Der Prüfer könnte also sagen: "Warum schreiben Sie so einen Allgemeinplatz hin?" Also lässt man das besser weg.

Selbstverständlich müsste ein solcher Text als "Thema verfehlt" und deshalb "ungenügend" bewertet werden, denn die Aufgabenstellung war:

"Stellen Sie Überlegungen zur Leseförderung und zum literarischen Lernen an, die Ihnen helfen, den Einsatz des Textes in einer Klassenstufe Ihrer Wahl (bitte angeben!) zu begründen; gehen Sie dabei auch auf das Science-Fiction-Genre ein!" (Aufgabenbereich: Didaktiken einer Fächergruppe der Hauptschule) 

* Dobrindt, Seehofer, Scheuer ...

6.10.18

Offener Brief an die Kultusministerkonferenz - erster Entwurf

Was hilft uns das Gerede von den angeblichen abendländischen christlich-jüdischen Werten, wenn wir nicht einmal einen Kern von Grundrechten in der Diskussion zu halten imstande sind? (Wer glaubt daran, dass bei der Kompromisssuche zwischen Seehofer und Merkel auch nur einmal davon die Rede war?)

Wir brauchen einen Kanon von grundlegenden Texten. Es gibt ein evangelisches Gesangbuch mit Regionalteilen und eine erfreulich große Schnittmenge zwischen EG und Gotteslob.
Warum ist es nicht möglich, gute atheistische Texte (Feuerbach, Marx), Passagen aus dem Koran und grundlegende Texte aus dem alten und dem neuen Testament in den allgemeinen Teil eines Schullesebuchs aufzunehmen? (Im Regionalteil von Bayern mögen dann 150 Texte zur Bedeutung des Kreuzsymbols stehen.) Warum können Kants "Was ist Aufklärung?" und Kleists "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" inzwischen schon geradezu als Geheimtipps gelten?

Artikel 16a des Grundgesetzes wird auf dem Rundgang durch die Grundrechte rings um das Reichstagsgebäude weggelassen. Weshalb lassen wir es zu, dass der Gedanke, man könne die Würde des Menschen, also aller Menschen, um unserer eigenen Menschenwürde willen achten, so ganz aus der Bildungsdiskussion ausgeklammert wird? 

Weil er an der Entwicklung von Kompetenzen hindert? Weil er nicht "fit für die Zukunft" macht?
Auf welche Zukunft soll unser Bildungswesen vorbereiten?


Eine - entfernt - verwandte Fragestellung:
Wie finden Wissenschaftler das speziell für sie wichtige Wissen?

14.8.17

Jean-Pol Martin: Wir brauchen neue Menschenrechte!

Ich möchte hier einige zentrale Aussagen von Jean-Pol Martin über die Notwendigkeit einer Neuformulierung der Menschenrechte im Lichte gesellschaftlicher Veränderungen und neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse vorstellen. Das vollständige Manifest findet sich in seinem Blogartikel:  Wir brauchen neue Menschenrechte!

"[...] Gestützt auf diese Erkenntnis und auf die Tatsache, dass Planen und Reflektieren zu den Dispositionen und Bedürfnissen des Menschen gehören, sollten bei der Auflistung von Grundrechten neue Prioritäten gesetzt werden. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte entstand entsprechend dem historischen Entstehungskontext in der Tradition der Aufklärung auf philosophischer, idealistischer Basis. Sie stützte sich nicht auf ein wissenschaftlich abgesichertes, kohärentes Menschenbild, aus dem sich logisch ableitbare Handlungsempfehlungen aussprechen lassen. Die Artikel scheinen ihre Reihenfolge und ihre Unterteilung vielfach dem Zufall zu verdanken. Die zentralen Begriffe, allen voran „die Menschenwürde“, oder „die Freiheit“ sind unscharf und lassen großen Spielraum für philosophisch oder theologisch geprägte Interpretationen.
Daher sollte bei der Auflistung von Menschenrechten direkt an die Konstitution des Menschen und an seine Bedürfnisse angeknüpft werden.
Es werden Forderungen an die politischen Verantwortlichen gestellt.  Diese verändern radikal den Blick auf die Welt.
Unter den einzelnen Artikeln stehen die Artikel aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die sich zur entsprechenden Thematik einordnen lassen.

Präambel:GlückZiel aller Maßnahmen weltweit ist die Schaffung von Strukturen (wirtschaftlichen, politischen, ethischen), die für ein Mehr an Entfaltung für die Natur und an Glück* für alle Lebewesen sorgen. Die nachfolgenden Artikel bilden dazu Voraussetzungen.
Allg. Erklärung: Fehlanzeige
Artikel 1: Denken
Zentrales Grundbedürfnis des Menschen ist das Denken (Informationsverarbeitung und Konzeptualisierung).
Es müssen alle Bedingungen geschaffen werden, damit alle Menschen Zugang zu Informationen und zur Möglichkeit der Konzeptualisierung erhalten. Optimales Denken setzt die optimale Realisierung der Artikel 2 bis 6 voraus.
Allg. Erklärung: Artikel 18, 19, 26, 27
Artikel 2: Gesundheit
Alle Maßnahmen werden weltweit getroffen, damit Lebewesen ihre physiologischen Bedürfnisse befriedigen können. Dies schließt auch das Bedürfnis nach Sexualität ein. Mit der Natur als Reservoir wird sorgfältig und schonend umgegangen.
Allg. Erklärung: Artikel 24, 25
Artikel 3: Sicherheit
Es wird weltweit angestrebt, Strukturen zu schaffen, die ein Maximum an Sicherheit für alle Lebewesen sorgen. Mit der Natur wird in diesem Zusammenhang schonend umgegangen.
Allg. Erklärung: Artikel 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 14, 15, 17, 22, 28
Artikel 4: Soziale Einbindung
Es wird weltweit dafür gesorgt, dass Lebewesen sich in einem sozial stützenden Umfeld bewegen. Es sollen Strukturen geschaffen werden, die Selbstverwirklichung sozial unterstützen.
Allg. Erklärung: Artikel  1,  16, 20, 22, 25, 26, 27
Artikel 5: Selbstverwirklichung und Partizipation
Es wird weltweit dafür gesorgt, dass Lebewesen alle ihre Potenziale zur Entfaltung bringen. Dabei wird schonend mit der Natur umgegangen. Da die Entfaltung des Einzelnen nur im Rahmen der ihn umgebenden Strukturen erfolgen kann, muss die Möglichkeit bestehen, Einfluss auf diese Strukturen zu nehmen, also zu partizipieren. Die Gesellschaft ist zur Optimierung darauf angewiesen, dass möglichst viele ihre intellektuellen, emotionalen und materiellen Ressourcen dafür zur Verfügung stellen.
Allg. Erklärung: Artikel 12, 13, 17, 18, 19, 20, 21, 23, 24, 25, 26, 27
Artikel 6: Sinn
Es wird weltweit dafür gesorgt, dass Lebewesen ihr Leben als sinnvoll und befriedigend empfinden.
Allg. Erklärung: Fehlanzeige
 Einen Vorteil dieser Neuformulierung der Menschenrechte sehe ich in ihrer Operationalisierbarkeit.
Während „die Menschenwürde“ oder die „Freiheit“ wegen ihrer Abstraktheit schwer direkt einklagbar sind, lässt sich das „Recht auf gute Denkbedingungen“ leichter konkretisieren [...]  (Jean-Pol Martin: Wir brauchen neue Menschenrechte!)

25.12.16

Notwendige Erinnerung

Die Aufregung über den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin lässt wie vorher die über die sexuellen Übergriffe in Köln etwas aus dem Blick geraten, dass der Versuch einer offeneren Flüchtlingspolitik gestartet wurde, um die Folgen der rigiden Abschottung Europas gegen Flüchtlinge aus Afrika und Asien ein wenig abzuschwächen. Immer noch gibt es für Flüchtlinge von dort kaum einen legalen Zugang nach Europa, immer noch sterben auf dem illegalen Weg Tausende. (Eine tägliche Durchschnittsrate wage ich aufgrund der mir zur Verfügung stehenden Zahlen nicht zu berechnen.)
Über der Aufregung über den Versuch einer ein wenig menschlicheren Politik gegenüber Flüchtlingen ist fast vergessen, dass - mit den Worten Noam Chomskys - "Griechenlands gesellschaftliches Gefüge zerschlagen wurde" und auf "das Ansinnen, das griechische Volk über das Schicksal seiner Gesellschaft mitbestimmen zu lassen, die von der brutalen Austeritätspolitik der Troika zugrunde gerichtet worden war" "die Brüsseler Bürokratie" 2015  eine "wütende Reaktion" zeigte (Zitate alle von Chomsky).
mehr dazu:

„Die Wirtschaft wird kollabieren“


Der menschengemachte Anteil des Klimawandels wird zum Glück immer wieder einmal durch Berichte (zuletzt über das Abschmelzen des Eises an den Polkappen) in Erinnerung gerufen.

Aber über den notwendigen Erinnerungen an Missstände sollen die Aufbrüche, die immer wieder einmal geschehen (hier nenne ich nur das 2. Vatikanische Konzil, die Wahl Obamas und die von Franziskus) und die durchaus nicht folgenlos geblieben sind, nicht vergessen werden.

An "Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa ..." werden wir immer wieder zu Weihnachten erinnert, an seine Flucht nach Ägypten schon weniger. Und die Mahnung "Was bleiben immer wir daheim, lasst uns auch ..." hören die meisten von uns lieber gesungen, als dass wir uns dadurch dazu gedrängt fühlen wollen, den Kreis derer, die wir lieben, zeitweilig zu verlassen, um denen zu helfen, die unsere Unterstützung doch auch nötig haben. (Ich selbst gehöre auch so gut wie immer zu dieser überwältigenden Mehrheit.)

Wenn wir uns von Katastrophenmeldungen in die Opferrolle drängen lassen, statt gegen bestehende Missstände das zu tun, was wir  können, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir unter unseren Möglichkeiten bleiben. (Wobei ich bei Möglichkeiten primär nicht an die möglichst lukrative Verwendung unserer Arbeitskraft denke.)

26.12.15

Vom Antiamerikanismusvorwurf bis zum Angriff auf Forderungen nach Gerechtigkeit und Demokratie

Amadeu Antonio Kiowa war eines der ersten Opfer rassistisch motivierter Gewalt nach der Wiedervereinigung. Anetta Kahane ist als Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung bemüht, Einstellungen im Keim zu ersticken, die zu Gewalttaten wie der führen, durch die Amadeu Antonio zu Tode gekommen ist, und jederzeit für den Schutz von Minderheiten einzutreten. Das ist ein höchst ehrenwertes Ziel.
Gelegentlich ist sie von Rechtmäßigkeit ihres Anliegens so überzeugt, dass sie in ihrer Wortwahl nicht eben wählerisch ist und dadurch ihrer guten Sache nicht gerade einen Gefallen tut. Das kann passieren, wenn man jeder Gefahr schon beim ersten Anschein entgegentreten will. In ihrem Kommentar in der Frankfurter Rundschau vom 21.12. geht sie allerdings entschieden zu weit.
Hier eine zentrale Passage (die Hervorhebungen sind von mir):

"Die Ideologie der Fundamentalkritik reproduziert die immer gleichen Bilder über Opfer und Täter. Amerikanisches Finanzkapital ist böse (und meist jüdisch) und damit auch die Demokratie. Freiheitskämpfer dagegen sind gut, ganz gleich, ob der eine Frauen steinigt und der andere Schwulenrechte einfordert, solange sie sich nur gegen den vermeintlichen Imperialismus richten.
Im Zweifelsfall sind beide Opfer des „Systems“. Kaltherzige Gleichgültigkeit ist es, die hier nicht zu unterscheiden bereit ist. Sich so als Gegensatz zum anti-westlichen Feindbild zu definieren, bedeutet, auf Emanzipation und Menschenrechte im echten Leben keinen Pfifferling zu geben. Den Rechten ist ohnehin zu viel Emanzipation in der Welt, und die Linken empfinden Fortschritt als Anpassung an das neoliberale Ganze. Also sind am Ende beiden die Bedürfnisse jener Menschen vollkommen wurscht, die für ihre individuellen Freiheitsrechte kämpfen. Vor allem, wenn sie außerhalb Europas leben." (Anetta Kahane: Die Ideologie der Fundamentalkritik, FR 21.12.2015)

In der richtigen Erkenntnis, dass Rechtsextreme wie Linksextreme beide Feinde der repräsentativen Demokratie sind, versucht sie, jede Kritik an der Politik der USA und an Fehlentwicklungen des Marktliberalismus abzuqualifizieren, indem sie sie als - unzulässige - "Fundamentalkritik" einordnet. Das kennt man schon.
In der Tat hat in den Zeiten des Vietnamkrieges mancher Kritiker der US-Politik sich dazu verleiten lassen, Maos brutales Unterdrückungsregime, das Millionen Menschenleben gekostet hat, zu rechtfertigen.
Zu weit geht sie, wenn sie behauptet, Kritik an Kapitalismus sei antidemokratisch und bedeute, dass man die Menschenrechte nicht achte.
Wenn das so wäre, wäre Helmut Schmidt mit seiner Kritik am "Raubtierkapitalismus" ein Demokratiefeind gewesen. Naomi Klein wäre ein Gegner der Menschenrechte, weil sie einen erfolgreichen Kampf für das 2-Grad-Ziel zur Bekämpfung des Treibhausklimas als nicht vereinbar mit kapitalistischem Profitdenken versteht.
Nicht zuletzt diffamiert sie damit attac und seinen Kampf gegen TTIP als demokratiefeindlich, obwohl es attac ja gerade darum geht, zu verhindern, dass internationale Konzerne die Politik nationaler Regierungen - insbesondere im Umweltschutzbereich - blockieren können.
So sehr ich die Ziele der Amadeu Antonio Stiftung zu schätzen weiß, wenn sie mit solch haltlosen Diffamierungen verfolgt werden, dann entheiligt das Mittel selbst den ehrenwertesten Zweck.

13.1.14

Gegen Homophobie, aber nicht für das Ausleben jeder sexuellen Orientierung

In der Süddeutschen Zeitung vom 11.1.14 heißt es in dem Artikel "Zur Vielfalt ermutigen":
Sexuelle Orientierung frei leben zu können, ist keine Frage des "Lebensstils", sondern ein Menschenrecht. 
Dieses angebliche Menschenrecht wird Pädophilen (und weniger geläufig Paraphilen ganz allgemein) aus guten Gründen nicht zugestanden. "Zur Vielfalt ermutigen" kann sich nicht sinnvoll an einzelne Schüler richten. Sinnvoll ist es, zur Akzeptanz von Vielfalt zu ermutigen. Aber auch dazu gehört, dass klar wird, dass auch beim Ausleben von Sexualität nicht verantwortungslos gehandelt werden darf. 

Mehr zu dieser Diskussion auf der Seite SWR Landesschau aktuell
(und etwas heiterer hier)

Auch in einem Aufruf der verdienstvollen Organisation Campact heißt es:
Tatsächlich kann sexuelle Orientierung weder an- noch aberzogen werden. Sie auszuleben ist keine Frage des Lebensstils, sondern ein Menschenrecht.
Ich befürchte sehr stark, dass Pädophilie nicht aberzogen werden kann und dass die Versuche, es zu tun, allzu blauäugig sind. Dennoch kann ich nicht akzeptieren, dass das Ausleben jeder sexuellen Orientierung ein Menschenrecht wäre.  Und das, obwohl ich darin eine bedenkliche Ungleichbehandlung sehe. Denn etwas, was ich für mich in Anspruch nehme, möchte ich niemandem anders verweigern. Es ist doch hochproblematisch, wenn wir Menschen Askese abverlangen. 
Aber dürfen wir darauf verzichten, wenn wir an die Opfer denken?

Falls es jemandem nicht klar sein sollte: Die Diskriminierung von Homosexualität und anderen sexuellen Orientierungen halte ich für falsch. 
Das gilt m.E. sogar auch für sexuelle Orientierungen, die nicht ausgelebt werden können, ohne dem Sexualpartner zu schaden. 
Aber das Ausleben solcher Orientierung muss leider im Sinne des Menschenrechtsschutzes strafbar bleiben. 

Die undifferenzierte Empörung über kritische Anmerkungen zum Arbeitspapier zur Verankerung von Leitprinzipien des Bildungsplans in Baden-Württemberg halte ich für einen Rückfall in das Niveau der Pädophiliediskussion der 80er Jahre.

Originell zu diesem Thema jetzt Jan Fleischhauer in SPON (16.1.14):
Die eigentliche Pointe des grün-roten Bildungsplans ist auch seinen Verfechtern bislang entgangen. Die Vorgaben zur "Akzeptanz sexueller Vielfalt" gehen davon aus, dass Sexualität ein soziales Konstrukt sei, wie es die Gender-Forschung lehrt, kein genetisches Schicksal. Das aber ist ziemlich genau das, was auch die Vertreter der Konversionstherapie behaupten, die Homosexualität für etwas halten, das nicht natürlich sei und das man deshalb auch wieder ändern könne.
Der Fehler der Schwulenbewegung ist der Schulterschluss mit den Anhängern der Queer-Theorie. Wer die Biologie leugnet, eröffnet Fragen, die längst als beantwortet galten.

Arbeitspapier zur Verankerung von Leitprinzipien des Bildungsplans in Baden-Württemberg

Kritik an Lehrplänen Baden-Württembergs als orientiert an der "Ideologie des Regenbogens"
Stellungnahme des Kultusministeriums zu dieser Kritik
Stellungnahme des Netzwerks LSBTTIQ zu dieser Kritik
Stellungnahme der Kirchen
LSBTTIQ Was ist es? Was sind die Ziele?


Intersex im Internet: Eine Blog-Umschau 30.10.16

31.10.13

Thomas Assheuer, das Internet und die Menschenrechte

Thomas Assheuer berichtet in der ZEIT vom 31.10. 13, es habe ein Versprechen gegeben, danach
"schaffe das Internet eine Zone radikaler Freiheit. Hier könne sich der Bürger unbeobachtet bewegen; fern von den Argusaugen des Staates, ohne Polizei, Gesinnungskontrolle und den sanften Terror der Mehrheit, kurz: ohne den großen Anderen, all die unsichtbaren Disziplinarmächte, die den Bürger unter Beobachtung stellen, die sein Reden und Denken regulieren und ihn auf Linie bringen. Das Internet sei ein Geschenk des Himmels, ein machtfreier Raum in der übermächtigen Moderne."

Ich habe im Netz etwas anderes wahrzunehmen geglaubt:
Die ständige Warnung: Wer das Netz kontrolliert, beseitigt das Grundrecht auf Freiheit. Der Staat darf hier nicht Spielregeln setzen, weil er sonst seine Aufgabe, Schutz des Schwachen gegen den Stärkeren, unmöglich machen würde.

Facebook war für mich die Speerspitze derer, die behaupteten und zum Teil wohl auch meinten, da die Privatheit sowieso nicht zu schützen sei, solle man sie bewusst freiwillig aufgeben.

Es war Bundesinnenminister Friedrich, der behauptete, der Schutz der Privatheit und des Briefgeheimnisses sei Aufgabe jedes Einzelnen. Ob er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass Merkel abgehört wurde, wo doch schon Helmut Schmidt seiner Aussage nach (Zeit vom 31.10. 13) ständig davon ausging, dass er abgehört wurde?
Wahrscheinlicher ist wohl, dass Friedrich glaubte, dass der Öffentlichkeit die Kenntnis über die Abhörpraktiken weiterhin vorenthalten werden könne. Zumindest für die Dauer des Wahlkampfs.

Trotz der bei Assheuer folgenden weiteren Absonderlichkeiten. Sein optimistischer Schluss gefällt mir:
"Natürlich könnte man den Teufel aus dem Netz austreiben. Man müsste es nur wollen."

Schon Locke antwortete auf Hobbes Vorstellung von der Unkontrollierbarkeit des absoluten Staates mit dem Konzept  des Gesellschaftsvertrages. Man müsste ihn nur schützen wollen.

Diejenigen, die nur stört, wenn Merkels Handy abgehört wird, gehören leider nicht zu den Verteidigern der Menschenwürde. Die, die gleich darauf verzichten, freilich auch nicht.

Dazu auch: Überwachungsstaat und Geheimdienst

16.6.13

Generationenmanifest

Ich kann alle 10 Warnungen des Generationenmanifestes unterschreiben und auch alle 10 Forderungen. Und ich habe sie unterschrieben. Die folgenden vier Warnungen sind mir die wichtigsten:
1. Der Klimawandel, die größte Bedrohung, die wir Menschen jemals erlebt haben, wird von der Bundesregierung und allen Parteien nicht mit höchster Priorität bekämpft. 
2. Die Energiewende, das bedeutendste Projekt unserer Generation, wird von den politischen Entscheidungsträgern halbherzig und inkonsequent umgesetzt. 
5. Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert.
7. Wir mehren unseren Wohlstand auf Kosten der Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern, die oft unter menschenunwürdigen Bedingungen für uns arbeiten. 
Deshalb fordere ich alle meine Leser auf, das Manifest zu unterzeichnen.
Diese Aufforderung steht hier und (zunächst) nicht in meinem politischen Blog, weil es hier um so grundlegende Forderungen geht, dass sie unabhängig von jeder parteipolitischen Einstellung und unabhängig von jeder Vorstellung, wie sie im einzelnen durchgesetzt werden  sollten von allen Bürgern, denen es um eine gemeinsame Zukunft für die jetzigen Generationen geht, unterstützt werden können.
Mir gefällt der Stil nicht. Das Manifest klingt mir zu selbstgerecht. Und natürlich ist es leichter, etwas zu fordern, als es durchzusetzen. Aber es ist unglaublich schwer, etwas leicht verständlich und konsensfähig zu formulieren. Und es sollte deutlich werden, dass im bisherigen Wahlkampf die zentralen Fragen viel zu kurz kommen.
Deshalb bitte ich: unterzeichnet.
Aber natürlich gibt es noch andere Weisen, etwas für die Zielsetzung dieses Manifests zu tun.
Mein eigener kleiner Beitrag (natürlich nur abgekupfert von einem größeren) erschien bisher nur in zwei Sprachen. Wer hat Lust, ihn zu lesen und - besser noch, in eine weitere Sprache zu übersetzen?

22.4.13

Never Let Me Go - Verlass mich nicht

Im Roman Never Let Me Go (auf Deutsch: Alles, was wir geben mussten) erweist sich der englische Autor japanischer Herkunft Kazuo Ishiguro als ein Meister in der Schilderung der Psyche von Kindern und Jugendlichen.
Ich mag es, wenn Autoren ihre Figuren lieben, weil das die beste Voraussetzung dafür ist, dass wir uns in sie einfühlen können. Für diesen Roman, eine Dystopie von einem England, in dem die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, indem man eine besondere Klasse von Menschen schafft, die entgegen Kants kategorischem Imperativ keinen Wert für sich haben sollen, sondern nur Mittel sein sollen, ist das besonders wichtig.
Wir lernen Menschen lieben, denen andere das Menschsein abgesprochen haben (vgl. Primo Levi: Ist das ein Mensch?).
Die Zentralszene, wo die Erzählerin ein Kissen im Arm hält und zu der Zeile "Oh baby, baby, never let me go" singt und von einer Erwachsenen ("Madame") von außen beobachtet wird, die darüber in Schluchzen ausbricht, ist von großer Aussagekraft.
Wenn ich dabei an den sterbenden Jesus denke mit seinen Worten "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen" habe, so ist das vom Autor wohl nicht beabsichtigt. Aber aufgrund der Mehrdeutigkeit, die er der Zeile gibt, ist auch diese Mitbedeutung nicht ausgeschlossen.
Nach einer recht verbreiteten theologischen Auffassung wird Jesus, der sich von Gott verlassen fühlt,  als Werkzeug der Erlösungstat Gottes gesehen. Man könnte also die Erzählerin, der von der Gesellschaft die Menschenwürde verweigert wird, als die Vertreterin wahrer Menschlichkeit verstehen. (mehr dazu weiter unten)
Wie platt dagegen die deutsche Fassung des Titels "Alles, was wir geben mussten".*

*Die Übersetzung "Lass mich niemals los!" ist natürlich korrekter als die mit "Verlass mich nicht!", die ich um der Assoziation zur Kreuzesszene willen gewählt habe.

Susanne Mayer schreibt am Schluss ihrer Rezension des Romans: "Solche Bilder zu ertragen, muss man fast eine Figur aus einem Ishiguro-Roman sein, ergeben und ohne jeden Keim von Widerstand."

Ich denke eher: Wer das nur als literarische Dystopie liest und sich nicht empört über unsere Gesellschaft (Hessel: Empört Euch!"), die sich in mancherlei Hinsicht auf eine solche Gesellschaft zu bewegt (vgl. "Festung Europa"), dem fehlt etwas von der Moral der Hauptperson diese Romans.

Primo Levi hat in der Einleitung zu seinem Buch über Auschwitz formuliert:
Denket, daß solches gewesen.
Es sollen sein diese Worte in eurem Herzen.
Ihr sollt über sie sinnen, wenn ihr sitzet
In einem Hause, wenn ihr geht auf euren Wegen,
Wenn ihr euch niederlegt and wenn ihr aufsteht;
             Ihr sollt sie einschärfen euern Kindern.
             Oder eure Wohnstatt soll zerbrechen,
             Krankheit soll euch niederringen,
             Eure Kinder sollen das Antlitz von euch wenden.

Im Blick auf Never Let Me Go müsste es freilich heißen: "Bedenkt, dass ihr auf solch eine Gesellschaft zugeht, wenn ihr die Entwicklung weiter laufen lasst!"

Meine persönliche Haltung zur Organspende habe ich hier formuliert.

Nach diesen allgemeinen Überlegungen etwas zum Inhalt:
Die Erzählerin, Kathy, hilft einem Jungen, Tommy, der in Hailsham, dem Internat, in dem sie leben, von allen Mitschülern gemobbt wird (auch wenn die Aussage einer Betreuerin für ihn vielleicht noch wichtiger ist.) Obwohl  er der einzige Junge ist, der ihr wichtig ist, und obwohl es ihr einen Stich gibt, als ihre beste Freundin, Ruth, sich mit ihm anfreundet, übernimmt sie es, als dies Verhältnis gestört ist, in Ruths Auftrag, es wieder anzuknüpfen. (In gewisser Hinsicht ähnelt das der Situation in Sense and Sensibility, wo Elinor dem von ihr geliebten Mann die Möglichkeit geben soll, die Frau zu heiraten, die er nicht liebt. Das heißt: Die liebende Frau wird aufgefordert, sich und ihren Geliebten unglücklich zu machen, und lässt sich darauf ein, weil sie glaubt, das sei das Moralischste.)
Ruth weiß freilich, dass Kathy Tommy besonders nahe steht und ihn besser versteht als alle anderen.
Dennoch hält Kathy sich zurück, als sie merkt, dass Tommy ihr mehr vertraut als Ruth, und verschweigt ihr gegenüber aus schlechtem Gewissen diese Vertrauensbeweise.
Dies wird sehr eindrücklich geschildert, ohne dass es thematisiert wird. Wieder spielt dabei der Song "never let me go" eine wichtige Rolle. Tommy hilft Kathy, die Kassette mit dem Song, die sie verloren hatte, wieder zu finden und zwar in Norfolk, das die Internatsschüler seit frühen Tagen mit einem Fundbüro assoziieren. So finden auch Kathy und Tommy ihr "verlorenes" Vertrauensverhältnis zueinander wieder.

Ein Zitat dazu:
That moment when we decided to go searching for my lost tape, it was like suddenly every cloud had blown away, and wie had nothing but fun and laughter before us.
 Deshalb zögert Kathy sogar, als sie die Kassette findet, diese zu kaufen, um nicht die neue Gemeinsamkeit zu zerstören. Als schließlich Tommy ihr die Kassette kauft, bekommt der Song "Oh baby, baby, never let me go" seine ursprüngliche, nicht auf ein Baby gerichtete Bedeutung wieder: Geliebte, lass mich nicht von dir gehen.

Am Ende ihrer Internatszeit erfahren die Schüler, dass sie keine Eltern haben und nur geklont worden sind, um als Organspender zu dienen. Kathy arbeitet zunächst als Betreuer der Organspender und trifft dabei wieder mit Ruth zusammen. Sie versöhnen sich, und Ruth fordert sie auf, zusammen mit Tommy "Madame" (die Frau aus der Außenwelt von der ersten Song-Szene) aufzusuchen und für sich für eine Zeit des Aufschubs zu bitten, damit sie eine Zeit als Paar zusammenleben können.
Als ihnen das gelingt, erfahren sie, dass die menschliche Behandlung, die sie in Hailsham erfahren haben, nur dem politischen Einsatz einer Gruppe um "Madame" und ihre Schulleiterin zu verdanken war. Seit es aber einem Forscher gelungen ist, den Klonen eine höhere Intelligenz als Normalmenschen zu verleihen, hat die Gesellschaft jede Ausbildung der Klone verboten, weil befürchtet wird, dass die Klone die Herrschaft übernehmen könnten. Der Versuch, den Klonen zumindest zeitweise eine menschenwürdige Behandlung zuzugestehen, ist gescheitert.

Die Begegnung der beiden Klone mit den Betreuern, die sich für sie eingesetzt haben, wird wie ein Theaterstück gestaltet. Da aber weiterhin alles aus Kathys Sicht geschildert wird, erhält der Leser keinen Einblick darein, durch welche Kontrollmaßnahmen die Klone, die sich frei bewegen dürfen, gezwungen werden, sich immer neuen Organspenden zu unterwerfen. Die Kritik beschränkt sich somit ganz auf die Vorenthaltung der Menschenrechte, nicht auf den totalitären Charakter der Gesellschaft im einzelnen.

Am Ende des Romans fährt Kathy ein paar Wochen nach Tommys Tod wieder nach Norfolk und hält an einer Stelle, wo außer einem Stacheldraht und ein paar Bäumen sich nichts dem Wind und dem Müll, den er über die Felder treibt, in den Weg stellt.
I was thinking about the rubbish, the flapping plastic in the branches, the shore line of odd stuff caught along the fencing, and I half-closed my eyes and imagined this was the spot where everything I'd ever lost since my childhood had washed up, and I was now standing here in front of it, and if I waited long enough, a tiny figure would appear on the horizon across the field [...]  I just waited a bit, the turned back to the car, to drive off to whatever it was I was supposed to be.
Der Roman ist eine Dystopie, die unsere Empörung wachrufen soll, aber er schildert sie uns in einer Weise, dass wir uns selbst in ihr wiederfinden können, mit unseren Hoffnungen, unseren Enttäuschungen und der Art, wie wir damit umgehen.

Ich sehe eine große Ähnlichkeit von Anne Franks Versteck und dem Internat Hailsham. Die totalitäre Gesellschaft, vor der dieses Refugium schützen soll, wird freilich nicht gezeigt, Die Klone bewegen sich in der  sie unterdrückenden, nicht nur ausbeutenden, sondern regelrecht ausweidenden Gesellschaft wie in einem unsichtbaren Getto.
Die Nähe zur Behandlung von Asylbewerbern (keine Arbeitserlaubnis, Pflicht, sich in einem engen Bezirk aufzuhalten) und Gefangenen (Fußfesseln) ist erkennbar.

Trotz der deutlichen Gesellschaftskritik trifft m.E. folgende Charakteristik des Romans durch Susanne Meyer zu:
Da ist ein Klang von Stille. Mit den ersten Zeilen wird dieser Ton angeschlagen, wie in der Eröffnung einer Cellosonate, drängender Abstieg in gefasste Melancholie. Vorsichtig, zurückhaltend setzen sie ein, die Romane von Ishiguro, aber sie alle variieren ein einziges überwältigendes Thema – was der Mensch ist in seiner Ungeschütztheit, wie er sich darin bewähren kann, vor allem vor sich selbst.
Dieser Text ist eine leicht veränderte Fassung eines Artikels, den ich an abgelegenerer Stelle im August 2012 veröffentlicht habe. Als ich ihn kürzlich wieder gelesen habe, gefiel er mir besser, als das meiste, was ich in letzter Zeit verfasst habe. Deshalb nehme ich ihn in diesen Blog auf, auch wenn die Thematik über pädagogische Fragen hinaus geht. 

29.10.12

Fördern Organspenden den Mangel an Organspendern?

Axel W. Bauer, Medizinhistoriker, Wissenschaftstheoretiker und Medizinethiker, schreibt am 28.10.12 in der FAS (S.15):
Der "Organmangel ist keine Naturkonstante, sondern eine Folge davon, dass aufgrund von wissenschaftlichen und medizintechnischen Fortschritten mehr transplantiert wird. Man kann daher die Prognose wagen: Je erfolgreicher die Transplantationsmedizin in qualitativer und quantitativer Hinsicht künftig wird, desto größer wird ihr Bedarf an Organen und damit der relative Organmangel werden."

Über Organspender schreibt er:
"Das Interesse an seinen Organen führt zu einer Konzentration auf die Vitalerhaltung dieser Organe über den Zeitpunkt eines menschenwürdigen Sterbens hinaus."

Sein Schluss:
"Einen rechtlichen oder gar moralischen Anspruch auf die Überlassung von fremden Organen, die konstitutiver Teil einer anderen Person waren, kann es um der Würde des Menschen, die auch die Würde des Organspenders mit umfasst, nicht geben. Insofern müssen sich Medizin und Gesellschaft bei allem Fortschrittsoptimismus auf diesem Feld auch künftig in eine gewisse Selbstbegrenzung ihrer Wünsche fügen."

Ein Ausweg aus dem Dilemma wäre, wenn man Wesen mit menschlichen Organen herstellte, die laut gesellschaftlicher Definition keine Menschen wären.
Was das für die Gesellschaft, die solche Definitionen vornimmt, bedeutet, hat Kazuo Ishiguro mit viel Einfühlung in die gutmeinenden Täter und die menschlichen Opfer beschrieben. Zum Roman und zu dem Zusammenhang des Themas mit dem der KZs des Naziregimes habe ich mich hier geäußert.

Ich war schon lange dagegen, ein Organ gespendet zu bekommen, und gegen einen Druck in Richtung Bereitschaft zur Organspende. Bauers Argumentation läuft darauf hinaus, dass aber auch freiwillige Organspende für den Todesfall ausgeschlossen werden sollte, weil sie den Verzicht auf Menschenwürde darstellte.
Ich habe meine hier begründete Bereitschaft zu freiwilliger Organspende nach ca. 30 Jahren, in denen ich einen Organspenderausweis bei mir getragen habe, jetzt beendet.
Dass Organtransplantationen unsozial sind, weil die Organspender nicht selten aus finanziellen Notlagen heraus spenden und die Empfänger hohe Summen für die Organe bezahlen, war mir bekannt. Mit meiner Spende wollte ich einen - zugegebenen minimalen - Beitrag dagegen leisten. Ein menschenunwürdiges Sterben zu provozieren bin ich dafür aber nicht bereit.

Das Thema wird seit 2007 (oder früher?) auf breiter Basis diskutiert. Ich habe nicht den Eindruck, dass den Argumenten von A. W. Bauer schon genügend Aufmerksamkeit geschenkt worden ist.

Mehr Artikel zu dem Thema findet man in meinen Blogs unter dem Suchwort (Tag, Label) "Organspende".
Auf den Gastbeitrag zu diesem Thema möchte ich aber ausdrücklich hinweisen.

9.10.11

Abschied von den Menschenrechten?

DEM STAAT IST ERLAUBT, COMPUTER ZU ÜBERWACHEN UND AUSZUSPÄHEN.

Das ist - in engen Grenzen - vom Bundesverfassungsgericht abgesichertes staatliches Recht.
Die Würde des Menschen ist durch staatlich produzierte Programme zu beseitigen. Das ist nach Analyse des Chaos Computer Clubs das Ergebnis einer Untersuchung der bundesdeutschen Überwachungssoftware.

Denn jeder - das besagt das Untersuchungsergebnis -, der das dafür notwendige Know-how  hat, kann auf den Computer eines gesetzestreuen Bürgers Beweismaterial laden, das ihn schwerster Straftaten überführt.
Damit besteht für einen verantwortungsvollen Richter nur noch die Alternative, jedes per Computerüberwachung festgestellte Beweismaterial unabhängig von der Glaubwürdigkeit des Angeklagten zu akzeptieren oder gar keines mehr. Die Ergebnisse solcher Überwachung werden somit entweder vollständig gerichtsuntauglich oder sie können jedes Opfer eines solchen Computerangriffs zum öffentlichen Verbrecher machen, ohne jede Chance auf Rehabilitation.
Was Strauss-Khan passiert ist, droht künftig also jedem von uns. Die Unsicherheit der Öffentlichkeit, ob es sich um Verbrecher oder Opfer handelt, ist für den Rest seines Lebens nicht mehr auszuräumen.

Wird es dem Staat nach dieser Analyse noch möglich sein, das Vertrauen in ihn wieder herzustellen?

Die Hintergründe und Zusammenhänge werden bald ausführlich behandelt werden, daher zunächst nur zwei Links.: 1 und 2

Nachtrag vom 10.10.:

Der Staatstrojaner wurde vom LKA Bayern verwendet. Von wem sonst ist noch unklar.
Zur Analyse des Trojaners (pdf)

Linkhinweise von Antonie:


Trojanererläuterungen von faz.net

100x eingesetzt


Staatstrojaner in 3 Minuten-Video erklärt...
aus Caschys-Blog

und Hintergrundartikel aus Spiegel-Online

Artikel und Video aus WDR

sowie einen Artikel von Schieb

29.9.11

Ist das Internet für uns überlebenswichtig?

Robert Basic hat in seinem Post "Das Dogma des Internets: Überleben" ein eindrucksvolles Bild davon gezeichnet, was für eine Rolle das Internet für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik spielt.

Seine Darstellung klingt ganz nach "Wollt ihr denn in der Steinzeit leben?", wie es uns lange als die Alternative zur Atomkraftnutzung angeboten worden ist.
Wenn er Recht hat - und meine Kenntnisse reichen in keiner Weise aus, ihn zu widerlegen - dann wäre es in der Tat an der Zeit Alternativen einzubauen, wie die Archivare, die mit Papier und Mikrofilmen als Medien arbeiten, weil die elektronischen Speichermedien gegenwärtig eine zu hohe Systemwechselrate haben, um lokalen und regionalen Archiven eine sichere Speicherung auch nur über 30, 40 Jahre zu ermöglichen.

Subsistenzwirtschaft (Selbstversorgung) gibt es zwar noch in erheblichem Umfang, aber in einem Großteil der Industrieländer gibt es sie nur noch für einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung. Damit ist aber auch die Ernährungssouveränität verbunden, die neuerdings als eine Art Grundrecht propagiert wird.
Facebook arbeitet schon lange daran, unsere Privatheit abzuschaffen, bislang nur für einen relativ kleinen Teil der Bevölkerung so ganz erfolgreich.
Wie viele unserer Grundrechte wollen wir dem Internet opfern? Soll es das Ende der Menschenrechte bedeuten?
Wenn es nicht mehr funktionierte, wäre offenbar für Hunderte von Millionen das Recht auf Überleben beseitigt, für die stellt sich die Frage nach den Menschenrechten nicht mehr. Aber was ist mit denen, die wir opfern, wenn es funktioniert?

Zusatz vom 1.10.:
Susan Garfield meint, Kinder, die sich ständig im Netz aufhalten, erhielten zwar starke Reize in Bild und Ton, erlebten aber nicht, dass ihre Handlungen im realen Leben Folgen haben. Das sei eine gefährliche Verzeichnung der Realität. Sie könnten so langfristig in einem kindlichen Weltverständnis stecken bleiben.
Wie sehr sich dies vom erwachsenen Verständnis unterscheidet, erlebte ich einmal besonders eindrucksvoll an meiner Tochter. Sie berichtete mir: "Ich habe aus versehen auf meine Puppe getreten. Ich habe gleich 'Entschuldigung' gesagt. Aber sie ist immer noch kaputt."
Da hat meine Tochter in der Tat eine intensive Erfahrung von Handlungsfolgen gehabt. (Zum Glück gab es auch positive.) Ist es wirklich nicht problematisch, wenn Handlungsfolgen immer virtuell zu bleiben scheinen, weil ein Resetknopf sie beseitigt?
Mehr dazu in der Sendung  homo interneticus des ZDF.

9.1.09

Ersatz für abwesende Väter

Ersatz für abwesende Väter hat die US-Army in Auftrag gegeben. Dann zählt der Spruch "Samstag gehört Papi mir" nicht mehr. Das Kind hat ja seinen virtuellen Ersatzpapa, und die Wirtschaft kann endlich die 7-Tage-Woche für alle Nicht-Arbeitslosen einführen.

4.12.08

Nicht Wissen, Handlungsfähigkeit ist gefragt

"Nicht das Wissen um etwas, sondern die Fähigkeit gesellschaftiche Phänomene zu deuten und abgewogen zu beurteilen - das muss im Geschichtsunterricht erlernt werden." Meiner Meinung nach kritisiert Hokey neue Vorstellungen zur Behandlung von Nationalsozialismus in der Grundschule zu Recht.
Abscheu vor Unmenschlichkeit, wie v. Hentig sie fordert, kann man in dem Alter schon lernen. (Eine meiner Töchter besuchte mit 8 Jahren aufgrund von Anne-Frank-Lektüre mit Interesse eine fast nur aus schriftlichen Quellen bestehende Ausstellung zum Judentum in Mühlhausen, die andere las mit 9 oder 10 Kogons SS-Staat, und es hat ihr nichts geschadet.) Wie man totalitäre Tendenzen in einer demokratischen Gesellschaft bekämpfen kann, lernt man in dem Alter noch nicht. Schon gar nicht mit verordneter Darstellung der Verhältnisse in einem Unrechtsstaat.

Ein sehr überzeugendes Konzept für Unterricht zu dem Thema findet sich hier beschrieben. Natürlich nicht für Grundschüler. Wer aber unbedingt Grundschüler darin unterrichten muss, kann z.B. Passagen aus Anne Franks Tagebuch, aus "Der gelbe Vogel" von Myron Levoy oder aus "Sternkinder" von Clara Asscher-Pinkhof vorlesen.