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27.10.22

Erinnerung und Warnung

 "[...] Wo der biederste Reformismus dem Tatbestand der Staatsgefährdung  nahekommt, wo wer bloß auf Rechtstaatlichkeit und Verfassungstreue pocht schon des Umsturzes verdächtigt wird, da bleibt die Bescheidenheit im Rahmen, und dieser Rahmen wird von Jahr zu Jahr enger. Treue Sozialdemokraten treffen sich augenreibend am äußersten linken Flügel wieder. Ein Hochschulbund  [SHB] , gegen sozialistische Ketzer gegründet, sieht sich wegen extremer Denkungsart vom Bannstrahl der Baracke [Geschäftsführung der SPD] bedroht. Kurzum, die Ansprüche, die an einen radikalen Intellektuellen gestellt werden, vermindern sich zusehends. Die Bescheidenheit kennt keine Grenzen mehr. Bald wird als 'linker Rowdy', als 'roter Terrorist', als 'Mao-Jünger' gelten, wer bloß verhindern möchte, dass es noch ärger wird. [...]" (H.M. Enzensberger: Deutschland, Deutschland unter anderm", ed suhrkamp 203 1967, S.45/46) 

Ich persönlich, 1961 mit meiner Einstellung von Habermas noch als "politisch irrational distanziert" eingeordnet, fand mich 1967 mit meiner Kritik an den Notstandsgesetzen (genauer genommen: dem Notstandsabschnitt im Grundgesetz) trotz meines Selbstverständnisses als Konservativer am äußersten linken Flügel der SPD wieder. Mit meiner Kritik an der Tötung Benno Ohnesorgs bei einer Demonstration am 2.6.1967  ging ich dann zu den Sympathisanten des SDS über (gegen den der SHB (vgl. oben) gegründet worden war).

Freilich, als ich beamtet werden sollte, bescheinigte mir mein Vorgesetzter, dass ich jederzeit zur FDGO stünde. Als ich ihm fragte, woher er das zu wissen glaube, ich wisse es ja selber nicht, sagte er mir: Wenn er das nicht sage, könne ich kein Beamter werden. 

Nachher habe ich dann als einer von zweien auf einer öffentlich im Lehrer ausgelegten Liste einem Schreiben widersprochen, das dieser Vorgesetzte an das Kultusministerium richtete. Und ich glaubte nicht, damit besonders mutig zu sein; denn so sehr ich schulpolitisch gegen ihn stand, so fair hat er mich immer behandelt. 

Heute dagegen muss man damit rechnen, dass man gegen geltendes Recht verstößt, wenn man die Ansicht vertritt, dass Russland sich durch das Ausgreifen der Nato bis an die Staatsgrenze Russlands bedroht gefühlt haben könne und deshalb die Ukraine angegriffen habe, um ihren Anschluss an die NATO zu verhindern. 

Wie groß ist die Gefahr der Beseitigung des Rechtsstaates? Im Zuge der Pandemiebekämp-fung hat man sich mehrmals, wenn nicht außerhalb des Grundgesetzes, so doch nicht eindeutig innerhalb des Grundgesetzes bewegt. 

In mancher Hinsicht waren die Berufsverbote schlimmer als das, was gegenwärtig passiert. Andererseits führte die Entwicklung von diesen Verboten zur neuen deutschen Ostpolitik, zur Einigung mit Gorbatschow und der deutschen Vereinigung. Der Rechtsstaat blieb erhalten. 

Der Rechtsstaat ist wieder in Gefahr, aber die Chancen stehen gut, dass die deutsche Demokratie auch aus dieser Krise gestärkt hervorgeht. Freilich, die gegenwärtige Koalition bietet dafür keine Gewähr; denn ohne eine sinnvolle Reaktion auf den Klimawandel stehen uns Krisen bevor, gegen die die gegenwärtige Kumulation von Pandemie,Krieg und Energiekrise harmlos erscheinen wird. 

(Einige Links auf frühere Positionen des Verfassers und anderes sollen noch nachgereicht werden.)

Das entfiel, weil ich statt dessen unternommen habe, das Klima-Buch von Greta Thunberg vorzustellen, im Blog und in drei Wikis.

Bei dieser Gelegenheit eine Erinnerung an Ulrike Meinhofs Buch, dessen Titel sind nur durch einen Buchstaben von dem Enzensbergers unterscheidet: 


23.4.18

Zur Rolle des Islams in Deutschland

Wenige Hauptgedanken:
Das Ziel der deutschen Islamkonferenz, die 2006 einberufen wurde, war „eine bessere religions- und gesellschaftspolitische Integration der muslimischen Bevölkerung und ein gutes Miteinander aller Menschen in Deutschland, gleich welchen Glaubens“ zu erreichen. 
In diesem Sinne sagte Bundespräsident Christian Wulff am 3.10. 2010, dem deutschen Nationalfeiertag,  wie Christentum und Judentum gehöre „der Islam […] inzwischen auch zu Deutschland“.
So gut diese Aussage gemeint war, weil sie sehr deutlich formuliert, dass Anhänger des Islam in Deutschland nicht wegen ihrer Religion ausgegrenzt werden dürfen, so problematisch ist ein Satz wie: "Der Islam gehört zu Deutschland." 
1. Es gibt keinen einheitlichen Islam.
2. Auch "gehört zu" oder Zugehörigkeit lässt sich sehr unterschiedlich interpretieren. 

Gewiss kann es nicht bedeuten, dass die zum Islam gehörigen Religionsrichtungen genauso wie der Harz oder Berlin zu Deutschland gehörten, denn zu vielen anderen Staaten gehören sie noch weit mehr.
Es sollte auch nicht so verstanden werden, als hätte er die deutsche Kultur schon so stark beeinflusst wie das Christentum seit über 1000 Jahren oder die jüdischen deutschen Bürger seit ihrer Emanzipation. Schon gar nicht hat er die deutsche Geschichte so beeinflusst wie der Versuch, alle Juden auf der Welt zu töten.
Unbestreitbar ist aber, dass Millionen von Deutschen Muslime sind.

Deshalb ist es wichtig, dass sie auch wirklich als gleichberechtigt anerkannt werden, so wie es die Frauen in Deutschland selbst nach Aufnahme des Satzes "Männer und Frauen sind gleichberechtigt." in den Artikel 3 des Grundgesetzes noch lange nicht waren.
Dazu gehört aber auch, dass sich Muslime nicht wie die deutschen "Reichsbürger" als außerhalb der deutschen Gesetze verstehen, sondern sie anerkennen. Davon unbenommen bleibt, dass ein gläubiger Mensch gleich welcher Religion sich zu dem Satz bekennen wird: "Du sollst Gott mehr gehorchen als den Menschen." Denn das schließt Gesetzestreue nicht aus, sondern bedeutet, dass er anerkennt, dass das positive Recht eines Staates für ihn nicht oberstes Gesetz seines moralischen Handelns sein kann. Kurz gesagt: Gesetzestreue wie Befehlsnotstand rechtfertigt keine Unmenschlichkeit.

Der deutsche Anhänger des Islam ist also nicht weniger deutscher Bürger als alle anderen Bürger und deshalb an die deutschen Gesetze gebunden. In diesem Sinne sollte "der" Islam zu Deutschland gehören. Daraufhin hat Integration zu zielen, nicht auf die Kenntnis deutscher Sehenswürdigkeiten und Bräuche.
Eine Verweigerung der Anerkennung deutscher Sitten sollte also bei muslimischen Deutschen nicht anders bewertet werden als bei allen anderen.

Dass gegenwärtig Türken in Deutschland im Schnitt treuere Erdogananhänger sind als die in der Türkei, dass immer wieder in Deutschland "Ehrenmorde"  verübt werden, beweist leider, dass die Integration noch nicht gelungen ist. Und das deshalb, weil auf beiden Seiten (Muslimen und Nicht-Muslimen) noch zu viele Widerstände dagegen bestehen.
Auf diesem Wege ist noch vieles zu tun.

Der Begriff Integration ist freilich ebenfalls eine differenziertere Betrachtung wert, als er sie üblicherweise erfährt. Aber dazu habe ich mich bei anderen Gelegenheiten geäußert.

Dieser Beitrag versteht sich als Ergänzung zu "Feindbilder vernichten".


15.7.17

Deutschland als Exportweltmeister und das Flüchtlingsproblem

Wikipedia Commons, Strich von Fontanefan
"If you draw an angled line between Bristol and the Wash, you divide the country into two halves with roughly twenty-seven million people of each side. Between 1980 and 1985 the southern half lost 103,600 jobs. In the northern half in the same period they lost 1,032,000 jobs, alsmost exactly ten times as many. And still factories are shutting. [...] So I ask again: What do all those people in all those houses do - and what, more to the point, will their children do?" (Bill Bryson: Notes from a small Island, S. 212 Copyright 1995)

Die möglichen Folgen des Brexit sind dabei nicht eingerechnet. Ich möchte die Frage aber "more to the point" zu einer Linie west-östlich durch das Mittelmeer stellen und mich speziell auf den Handel der EU mit Afrika und auf Deutschlands Rolle als Exportweltmeister beziehen: Was werden die Menschen in Afrika in 20 Jahren tun, wenn wir an unserer Politik festhalten? (Fontanefan)

Weiteres zu Deutschland als Exportweltmeister

Und hier ein Auszug aus einem Blogartikel von apanat vom 1.10.2010:
"Den Titel des Exportweltmeisters gegen China verteidigen zu wollen, wäre Rückfall ins 20. Jahrhundert. Es gilt, die Marktnischen zu finden, die der Koloss China bei seiner Aufholstrategie nicht besetzen kann.
Für die heutige Bundesrepublik ist ein Festhalten am Gigantismus überholt, und ein Kampf gegen die eigene Bevölkerung, wie ihn China 1989 am Platz des himmlischen Friedens geführt hat, wäre heute selbst für China eine überholte Strategie.
„Die gesamte Geschichte, unabhängig von Zeit und Ort, durchzieht das Phänomen, daß Regierungen und Regierende eine Politik betreiben, die den eigenen Interessen zuwiderläuft“, sagt Barbara Tuchmann in ihrem Werk „Die Torheit der Regierenden“.
Es steht zu hoffen, dass die, die gestern noch die Polizei zu ihrem Büttel gemacht haben, ihre eigenen Interessen erkennen. Das gilt nicht nur für die Regierungen [...], sondern auch für die Manager multinationaler Konzerne in Europa und Nordamerika.
Rund 10 Milliarden DM betrugen die in den Sand gesetzten Investitionen in die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. Das Festhalten an überholten Verkehrs- und Energiekonzepten würde die Konzerne weit teurer kommen und sie gewiss ihre Konkurrenzfähigkeit kosten."

Den EU-Handelsprotektionismus und das Flüchtlingsproblem gab es damals schon längst, nur war es damals noch wenig erfolgversprechend, auch damit zu argumentieren.

Eine Nachricht aus Kamen. Dort geht es um einen Flüchtling aus Afghanistan.

Damit auch eine Argumentation für Deutschland als Exportweltmeister verglichen werden kann, hier Uwe Jean Heuser "Böser, böser deutscher Export" vom 12.7.2017

Dafür aber auch eine sehr klar formulierte Kritik am ExportÜberschuss:
Mehr zu Exportweltmeister und Exportüberschuss



19.8.15

Macht als die Fähigkeit, aus Fehlern nicht lernen zu müssen, am Beispiel der Griechenlandkrise

Angela Merkel, deren Lernfähigkeit so groß ist, dass sie - zwar nicht als Umweltministerin, sondern erst als Kanzlerin - gelernt hat, dass die Nachteile der Atomenergie langfristig größer sind als ihre Vorteile versuchte gegenüber Griechenland, sich durchzusetzen, ohne selbst etwas zu lernen. Der Lernprozess sollte allein in Griechenland stattfinden.
Das ist schief gegangen. Zunächst, weil die griechischen Regierungen passiven Widerstand geleistet haben: Reformen haben sie versprochen, aber keine durchgeführt. Nur die Sparpolitik (über die der Druck, Reformen durchzuführen, entstehen sollte) haben sie - weitgehend - exekutiert und so die Wirtschaft und damit Bevölkerung immer tiefer in den Abgrund sinken lassen.

Die Regierung Tsipras ist dadurch ans Ruder gekommen und hat es nicht beim passiven Widerstand belassen, sondern sich offen widersetzt (und erst im letzten Augenblick nachgegeben).
Dadurch hat sie Angela Merkel (und damit der EU) die Chance gegeben, zu lernen. Erst der Widerstand machte Anpassung und damit den Lernprozess möglich.* (Zu ergänzen ist, dass der IWF, vertreten durch Christine Lagarde, dabei mitgewirkt hat.)

* Weil man in der EU glaubte,  nichts lernen zu müssen, wurden die griechischen Regierungsmitglieder von EU-Politikern und -Medien zu aufmüpfigen Jugendlichen stilisiert, denen die Erziehungsberechtigten erst einmal Manieren beibringen müssten. Im Sinne von "Steck erst einmal dein Hemd in die Hose und keine Widerrede, so lange du die Beine unter meinen Tisch streckst!"

Dazu etwas über das Verständnis von Macht:

Karl W. Deutsch hat Macht bezeichnet als die Fähigkeit, nicht lernen zu müssen, weil man Anpassung erzwingen kann. Damit hat er den Nachteil der Macht für den Mächtigen beschrieben.
(vgl. dazu Max Weber: "Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eignen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen" (Wikiqote "Macht"). Weber sah da nur den Vorteil der Macht  für den Mächtigen.)
Joseph Nye*  sieht in Macht die Fähigkeit, den anderen so zu beeinflussen, dass er dasselbe will wie man selbst. Das Mittel dafür ist die strukturelle Macht, ein Begriff von Susan Strange. Danach besteht Macht darin, Strukturen so anpassen zu können, dass es dem eigenen Vorteil dient. (Diese Strukturanpassung  braucht man nicht mit überlegenerMacht durchzusetzen, man kann sie durch Angleichung der Ziele an gemeinsame Interessen erreichen.)
Vgl. auch E.O. Czempiel: Kluge Macht, 1999, S.91-96
Joseph Nye: Macht im 21. Jahrhundert, 2011

Das Problem für die EU ist, dass der Euroraum nicht die Struktur verpasst bekommen hat, die er brauchte, um den gemeinsamen Vorteilen zu dienen. Exportweltmeister und Ausgebeutete ergeben keine harmonische Wirtschaftsstruktur.

Dieser Artikel ist auf meinem Politblog Fonty entstanden. 

22.12.14

Pegida und "Deutschland postmigrantisch"

"Pegida" hat vollkommen recht: Die Regierung hat das Volk belogen.
So schreibt Anetta Kahane  völlig zu recht in der FR vom 22.12.14 und fährt fort: "Seit JAHRZEHNTEN KAM JEDE REGIERUNG MIT DER LÜGE, dass sich die Gesellschaft weder verändern werde noch müsse. [...] Die Regierungen sagten stets, Deutschland sei kein Einwanderungsland."
Warum sagten sie das? Weil in Deutschland Veränderung "nicht Hoffnung, sondern Angst" macht.

So weit treffend beobachtet und erfreulich überzeugend argumentierend geht es weiter. 
Nur der letzte Gedanke ist unvollständig und deshalb falsch.
Veränderung macht nicht nur in Deutschland "nicht Hoffnung, sondern Angst", sondern überall. Jedenfalls bei den Menschen die schlechte Erfahrungen gemacht haben. Veränderung macht aber auch Hoffnung. Den Gedanken verfolgt Kahane leider nicht weiter.
Hoffnung macht sie, wenn sie verspricht,dass der Grund für die Negativerfahrungen wegfallen wird. 

Jetzt kann man mit der Erzählung vom Rattenfänger kommen, man braucht es aber nicht.

Die Frage ist nämlich: Wer hat von den Veränderungen der letzten Zeit profitiert? 
In vieler Hinsicht alle. (Kahane zählt dazu manches auf, lässt freilich auch sehr vieles fort.) 
Aber in einer Hinsicht hat die große Mehrheit nicht profitiert. Das Pro-Kopf-Einkommen ist in Deutschland zwar durchschnittlich gestiegen, aber für die große Mehrheit nicht. Die durchschnittliche Steigerung ergibt sich, weil das reichste Prozent extrem profitiert hat (und  von diesem reichsten Prozent das allerreichste irrsinnig viel). 
Hoffnung käme auf, wenn der Eindruck entstünde, dass sich das ändern könnte. - Da das aber kaum einer glaubt (Die Allerreichsten schon gar nicht. Warren Buffet gehört zu den Ausnahmen, die die Regel bestätigen.), kommt ein zweites hinzu.
Von den Veränderungen der letzten Zeit haben auch Benachteiligte profitiert, wie Kahane zu recht aufzählt: Frauen, Migranten, Homosexuelle und andere.
Wieder hat die große Mehrheit nichts davon. Sie merkt nur, dass sie ein Stück Vorrechte gegenüber den Benachteiligten abgeben musste. (Wer gerne Vorrechte abgibt, weil er weiß, dass es gut für ihn ist, gehört erfahrungsgemäß nicht zur Mehrheit.)

Weil die Mehrheit - nicht unbegründet - glaubt, gegen die Reichsten und Allereichsten keine Chance zu haben, wendet sie sich nicht gegen die, die ihr den Hauptnachteil verschafft haben, sondern gegen die, die noch zu den Schwächeren gehören. 

Kahane meint nun, sie hätten mit ihrem "Rückzugskampf gegen die offene Gesellschaft" keine Chance und schließt optimistisch: "Die [offene Gesellschaft] lässt sich nicht mehr schließen. Nicht in einer Demokratie."

Eines scheint sie nicht bedacht zu haben: Die Demokratie ist nicht so stark, wie sie meint. Wenn die große Mehrheit zu der Überzeugung kommt, ihre Benachteiligung gegenüber den Reichen und Allerreichsten und ihr (relativer) Abstieg gegenüber den bisher Benachteiligten, lasse sich in einer Demokratie nicht beseitigen, dann wird sie die Demokratie beseitigen wollen. Und dafür wird sich gewiss jemand finden.
Jedenfalls gibt es auf der Welt genügend Beispiele dafür.

Deswegen warne ich davor, Pegida undifferenziert schlecht zu machen und als bösartig, dumm oder sonst etwas zu bezeichnen. Denn - wie Kahane zu recht feststellt:

" 'Pegida' hat vollkommen recht: Die Regierung hat das Volk belogen."

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Pegida ist erotisch

Dresden will Pegida nicht zum Feind
Viele Dresdner, die nicht Pegida sind, versuchen in diesen Wochen einen Spagat. Ablehnen, was an Pegida ausländerfeindlich ist, aber auf diejenigen zugehen, die da jeden Montag rumstehen – also mit ihren Füßen der Ausländerfeindlichkeit doch zustimmen; aber denen es doch vielleicht um etwas anderes geht, um Sorgen und Ängste; die es vielleicht gar nicht so meinen und die das vielleicht einsehen, wenn man mit ihnen redet und sich um sie kümmert. (ZEIT online 23.12.14) 
Ich frage mich: Wer legt fest, wofür jemand "mit den Füßen" stimmt? Im Zweifelsfall wird darüber in einem Rechtsstaat weder die Obrigkeit noch die Presse entscheiden, aber auch nicht die Person, die mit ihren Füßen etwas tut, sondern nach einem ordnungsgemäßen Verfahren ein unabhängiger Richter.

Gauck fordert mehr Schutz für Flüchtlinge  24.12.14
Flüchtlinge müssen eng zusammenrücken FR 24.1.214
Kretschmann will Dialog mit Pegida-Anhängern 26.12.14

Pegida gegen Journalisten: Wir machen dich platt! 30.12.14
"Die Pegida-Demonstranten wenden sich nicht nur gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes, die „Patriotischen Europäer“ machen auch Front gegen die etablierten Medien: Was Journalisten bei Pegida-Demos erleben."

 Sascha Lobo: Soziale Netzwerke: Mit "uns" ist es vorbei 31.12.14
"Denn gerade im Zusammenhang mit den Pegida-Demonstrationen und deren im Internet nachprüfbaren Äußerungen ist überdeutlich geworden, dass es mit allzuvielen Inhabern einer solchen "nationalen Identität" kein gemeinsames Wertefundament gibt: "Abendland" ist nur ein Ort. Mit jemandem, der Journalisten droht, ihnen "Isis-mäßig die Kehle durchzuschneiden", möchte man nicht "wir" sein. Genauso wenig wie mit den Mördern des Islamischen Staats selbst."

Thomas Assheuer: PEGIDA – VEREINT IN WUT UND ANGST: Die nationale Querfront, ZEIT online 2.1.15
"Forscher erklären den Zulauf für populistische Bewegungen mit dem Gefühl, man dürfe als Bürger bei entscheidenden Fragen nicht mehr mitreden, man sei nicht mehr "repräsentiert". Es ist das Gefühl, ein Bündnis aus politischen und wirtschaftlichen Eliten regiere über die Köpfe der Menschen hinweg und lasse über Dinge abstimmen, die vorab "alternativlos" entschieden worden seien. [...]
Für Bundeskanzlerin Merkel existiert zur "marktkonformen Demokratie" ohnehin keine Alternative, ebenso wenig zu ihrem Exportschlager, der Austeritätspolitik. Vermutlich wird auch Sigmar Gabriel bald verkünden, zum Freihandelsabkommen mit den USA gebe es "keine Alternative", obwohl er dessen Schiedsgerichte im Wahlkampf noch heftig bekämpft hatte. Dabei weiß Gabriel genau, dass solche Schiedsgerichte die Demokratieverdrossenheit weiter anheizen, weil sie ganze Staaten zu Schadensersatz zwingen können: Was ist die Stimme des nationalen Wählers gegen das Drohpotenzial internationaler Finanzinvestoren?"

Weitere Erklärungsversuche zum Phänomen Pegida journalistisch aufbereitet in der ZEIT.
Trocken referiert in der Wikipedia.

Mehr zur angeblichen "Alternativlosigkeit" extremer sozialer Ungleichheit im Kapitalismus: Piketty: Das Kapital im 21. Jh.

Woran ich mich immer wieder erinnern will: Flüchtlingselend



Ich verlinke gern auch zu Texten, die meiner Auffassung widersprechen.

13.12.14

Deutschland postmigrantisch

 Die Studie "Wer gehört zum deutschen Wir?" des „Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM)“ der Humboldt-Universität zu Berlin fasst Naika Foroutan zusammen: 
„Deutschland ist durch Migration demografisch vielfältiger geworden, und die Gesellschaft handelt ihre kollektive Identität neu aus. ‚Postmigrantisch‘ richtet den Blick auf die Gestaltung der Gesellschaft nach erfolgter Einwanderung“, so Dr. Naika Foroutan, stellvertretende Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) und Leiterin der Forschungsgruppe JUNITED, die diese Studie an der Humboldt-Universität zu Berlin durchgeführt hat.

Studie: Deutschland postmigrantisch: Wer gehört zum neuen "Wir"?, BR.de 7.12.2014
"Wer ist deutsch und wonach bestimmt sich das? Diese Fragen versucht eine aktuelle Studie zu beantworten. Die Ergebnisse sind zum Teil überraschend. Viel Gemeinsames verbindet Menschen mit und ohne Migrationshintergrund."

dazu auch:
Naika Foroutan: Rassismus hat in Deutschland Strukturen, FR 8.5.2013
Naika Foroutan: Neue Deutsche, Postmigranten und Bindungs-Identitäten. Wer gehört zum neuen Deutschland? In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 46-47/2010.
Naika Foroutan u. Isabel Schäfer: Hybride Identitäten in Deutschland – muslimische Migrantinnen und Migranten in Deutschland und Europa. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 05/2009.
Ingrid Tucci und Olaf Groh-Samberg (2008): Das enttäuschte Versprechen der Integration - Migrantennachkommen in Frankreich und Deutschland Swiss Journal of Sociology, 34(2), S. 307-333..

27.7.11

International

Der Verteidiger des norwegischen Attentäters erklärt, sein Mandant sei geisteskrank und teilt mit, dass er internationale Verbindungen mit Gleichgesinnten habe.
An die Spitze der Deutschen Bank tritt Anshu Jain, ein Investmentbanker. Helmut Schmidt unterteilt die Menschen - verkürzt gesagt - in drei Kategorien: Normalmenschen, Verbrecher und Investmentbanker und fährt fort: "Dabei ist das Wort Investmentbanker nur ein Synonym für den Typus Finanzmanager, der uns alle, fast die ganze Welt in die Scheiße geritten hat und jetzt schon wieder dabei ist, alles wieder genauso zu machen, wie er es bis zum Jahre 2007 gemacht hat."
Robert von Heusinger schreibt in der FR vom 27.7.11: "So handeln Jains Leute etwa Kreditausfallsversicherungen auf die deutsche Staatsschuld. Das ist irre, weiß doch jedes Kind, dass die Deutsche Bank pleite ist, wenn Deutschland seine Schulden nicht mehr zahlen kann. [...] das würde nichts machen, wenn die Deutsche Bank ein globales Unternehmen wäre, das pleite gehen könnte. Doch das kann es nicht Und da es den globalen Steuerzahler nicht gibt, ist es doch unsere Bank. Und diese Bank hat ein Bilanzvolumen von 1,9 Billionen Euro, was fast der gesamten Wirtschaftsleistung der Republik entspricht. Dieses Risiko liegt bald in den Händen eines Händlers."
Mancher hat sich über Angela Merkels Kurs bei der griechischen Schuldenkrise gewundert. Angesichts des Bilanzvolumens der Deutschen Bank sollte man sich nicht wundern.
Der deutsche Bundeskanzler schwört bei Amtsantritt, er wolle sich dafür einsetzen, "Schaden" vom deutschen Volk "wenden" werde (Art.56 GG).

Josef Ackermann und Anshu Jain haben keinen solchen Eid geschworen. Wie sollten sie auch?

Ich bin dankbar, dass das Institut Finance Watch gegründet worden ist, das Politikern unabhänige Informationen zum Finanzmanagement anzubieten versucht.

9.5.09

Bloggen Deutsche weniger als US-Amerikaner?

Klaus Dautel verdanke ich den Hinweis auf einen Aufsatz in der Freitagsausgabe der Süddeutschen Zeitung. Ich denke, er verübelt es mir nicht, wenn ich seine Kurzfassung des Artikels zitiere:
In Deutschland sei man immer noch auf "auf Status und Hierarchie" fixiert (These 1), es sei wichtig, "ob jemand ein zertifizierter Meinungsträger ist" (These 2), man respektiere zu wenig "die Stimme des Volkes" (These 3), die Deutschen kümmern sich stattdessen viel mehr (bzw. zu sehr) um Dinge, die "wichtig sind für ihren Beruf" (These 4), sie haben zu sehr Angst davor, sich zu irren (These 5) und lieben keine "Schnellschüsse" (These 6), in Deutschland käme man nicht besonders weit, wenn man sich - wie der Blogger - "zum Außenseiter erklärt" (These 7), die deutschen Professoren haben keine Freude am Online-Diskutieren (These 8). Die 9. These sei hier direkt zitiert: "Da ein deutscher Blog kaum Ruhm oder Bekanntheit bringen wird, gibt es keinen wirklichen Grund zu bloggen", ebenso im Wortlaut die Nummer 10: "Die Deutschen nehmen ihre Ferien extrem ernst. Der Blogger kennt keine Ferien.

Ob die Deutschen ihre Blogger richtig zu schätzen wissen, mögen andere beurteilen. Jedenfalls hat Robert Basic allen Unkenrufen in der SZ zum Trotz eine riesige Anhängerschar und nicht nur ich studiere fleißig Lehrerfreund, Thomas Rau und die anderen Lehrerblogs, die ich bei der Lehrerfreundumfrage nach den besten Lehrerblogs gewählt habe.

P. Weiland verdanke ich den Hinweis, dass es dem amerikanischen Autor Felix Salmon primär um econobloggers (Wirtschaftsblogs) geht. Da passen meine Beispiele Basic und Lehrerfreund freilich weniger.