Vielleicht hätte jeder es wissen können. Aber nicht jeder konnte es wissen.
Friedrich Kellner, von dessen geheimem Tagebuch Markus Roth in der ZEIT vom 22.6. unter der Überschrift "Jeder konnte es wissen" berichtet, hatte den Mut, in sein Tagebuch zu schreiben "Die 'Heil- und Pflegeanstalten' sind zu Mordzentralen geworden." und "Es gibt keine Strafe, die hart genug wäre, bei diesen Nazi-Bestien angewendet zu werden." Und er war geschickt genug, seine Meinung nicht so deutlich zum Ausdruck zu bringen, dass die NSDAP-Kreisleitung in fassen konnte.
Nicht jeder hätte es ausgehalten, sich solch eine Einsicht zuzugeben, wenn er damit rechnen musste, sie 99 Prozent seiner Mitbürger lebenslang verschweigen zu müssen. Nicht jeder war so mutig, solch eine Ansicht auch noch niederzuschreiben.
Auch wenn die Entdeckung eines solch wichtigen Dokuments überschwänglich macht, sollte man die historische Wirklichkeit nicht außer Acht lassen. So ein Mensch war eben nicht "ein ganz normaler Deutscher". Das sollte 50 Jahre nach dem Milgram-Experiment jedem klar geworden sein. Aber es kennt eben nicht jeder das Milgram-Experiment, auch wenn theoretisch jeder es kennen könnte.
Jeder Deutsche könnte sich klarmachen, dass dauerhaftes Wachstum ein unendliches wäre und zu unendlichem Ressourcenverbrauch führen müsste und deshalb unmöglich ist. Aber weil das bedeutete, dass es unverantwortlich ist, eine Wachstumspolitik zu verfolgen und noch unverantwortlicher sie sogar auch Griechenland vorzuschreiben und gleichzeitig zu fordern, dass die Bürger auf nahezu alle wirtschaftlichen und sozialen Errungenschaften der letzten 10 Jahre verzichten. Weil das so ist, deshalb kann sich das nicht jeder klarmachen.
Denn von den Griechen können wir verlangen, dass sie die harten wirtschaftlichen Realitäten anerkennen. Aber wir selbst können sie nicht anerkennen?
Links (geben nicht die Meinung des Verlinkenden wieder):
Helmut Schmidt zu Griechenland
Griechenland: Trutzburg des Selbtmitleids
Griechischer Mittelstand abgebrannt
Samaras Buhmann Europas
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22.6.11
14.6.11
Autorität, Scham, Verantwortung
Stanley Milgram verdanken wir das Experiment, in dem gezeigt wurde, dass die überwiegende Mehrheit von Menschen der heutigen Gesellschaften unter gesellschaftlichem Druck dazu gebracht werden könnte, Verbrechen zu begehen.
Bernhard Schlink hat in "Der Vorleser" eine Studie darüber geschrieben, wie die Scham davor, öffentlich zugeben zu müssen, gesellschaftlichen Standards nicht zu genügen, größer sein kann als die Scham, als Mörder zu gelten, und dass jemand bereit sein könnte, als Mörder verurteilt zu werden, nur um nicht als Analphabet erkannt zu werden.
Götz Aly verdanke ich den Hinweis, dass Hans-Dietrich Genscher, Hermann Lübbe und Peter Boenisch, Niklas Luhmann, Dieter Wellershoff, Martin Broszat, Horst Ehmke, Erich Loest und Siegfried Lenz offenbar in jungen Jahren in die NSDAP eingetreten sind.
Dass Günter Grass überzeugtes Mitglied des Jungvolks war, war schon allgemein bekannt, bevor er öffentlich darauf hinwies, dass er auch Mitglied der Waffen-SS war.
Dass die Aktenlage Jürgen Habermas, Walter Jens, Martin Walser, Erhard Eppler und Iring Fetscher als ehemalige NSDAP-Mitglieder ausweist, wusste ich schon länger. Teils haben sie bestritten, je davon gewusst zu haben. Dass sie sich schämen, NSDAP-Mitglied gewesen zu sein, darf man annehmen. Was Scham anrichten kann, haben Milgram und Schlink aufgezeigt.
Hilmar Hoffmann, der neuste "Fall", der bekannt geworden ist, hat sich offen dazu bekannt, dass ihm die Stimme Goebbels' "wie Seife rein" ging und dass er sich im Zusammenhang mit seinem Abitur entschlossen habe, die Mitgliedschaft in der NSDAP zu beantragen.
Götz Aly verdanke ich auch den Hinweis auf eine Äußerung Bernhard Schlinks, man müsse für eine differenzierte Beurteilung einer Person sie "auf dem Horizont ihrer Zeit" betrachten. In seinem Aufsatz "Die Kultur des Denunziatorischen" im Merkur führt Schlink dazu im Blick auf Personen aus den neuen Bundesländern weiter aus:
Im politischen Parteienstreit wurde Willy Brandt vorgeworfen, dass er unter Lebensgefahr aus Nazideutschland geflohen ist und dass er auf der Seite von Nazigegnern stand. Im Parteienstreit war auch der Hinweis auf eine uneheliche Geburt oder darauf, dass jemand homosexuell sei, eine gefährliche Waffe.
Auf dem Horizont unserer Zeit taugen solche Hinweise nur noch, um an nicht öffentlich zugegebene Vorurteile zu appellieren.
Das Urteil über eine Person und ihre Leistung für unsere Gesellschaft sollte sich an dem "Horizont ihrer Zeit" orientieren.
So wird man Carl Friedrich von Weizsäcker nach seinen Beiträgen zu beurteilen, die das Urteil über Atomwaffen geschärft und das deutsche Verhältnis zu Polen entschärft haben, nicht aber von der Tatsache her, dass er die Probleme der friedlichen Nutzung von Kernenergie völlig unterschätzt hat.
Zu diesen Fragen - nicht zuletzt zu Schlinks Aufsatz - gäbe es noch viel zu sagen. Vielleicht hole ich das noch nach. Schon jetzt darf ich Schlinks Aufsatz und noch mehr seinen Roman "Der Vorleser" sehr zur Lektüre empfehlen.
Bernhard Schlink hat in "Der Vorleser" eine Studie darüber geschrieben, wie die Scham davor, öffentlich zugeben zu müssen, gesellschaftlichen Standards nicht zu genügen, größer sein kann als die Scham, als Mörder zu gelten, und dass jemand bereit sein könnte, als Mörder verurteilt zu werden, nur um nicht als Analphabet erkannt zu werden.
Götz Aly verdanke ich den Hinweis, dass Hans-Dietrich Genscher, Hermann Lübbe und Peter Boenisch, Niklas Luhmann, Dieter Wellershoff, Martin Broszat, Horst Ehmke, Erich Loest und Siegfried Lenz offenbar in jungen Jahren in die NSDAP eingetreten sind.
Dass Günter Grass überzeugtes Mitglied des Jungvolks war, war schon allgemein bekannt, bevor er öffentlich darauf hinwies, dass er auch Mitglied der Waffen-SS war.
Dass die Aktenlage Jürgen Habermas, Walter Jens, Martin Walser, Erhard Eppler und Iring Fetscher als ehemalige NSDAP-Mitglieder ausweist, wusste ich schon länger. Teils haben sie bestritten, je davon gewusst zu haben. Dass sie sich schämen, NSDAP-Mitglied gewesen zu sein, darf man annehmen. Was Scham anrichten kann, haben Milgram und Schlink aufgezeigt.
Hilmar Hoffmann, der neuste "Fall", der bekannt geworden ist, hat sich offen dazu bekannt, dass ihm die Stimme Goebbels' "wie Seife rein" ging und dass er sich im Zusammenhang mit seinem Abitur entschlossen habe, die Mitgliedschaft in der NSDAP zu beantragen.
Götz Aly verdanke ich auch den Hinweis auf eine Äußerung Bernhard Schlinks, man müsse für eine differenzierte Beurteilung einer Person sie "auf dem Horizont ihrer Zeit" betrachten. In seinem Aufsatz "Die Kultur des Denunziatorischen" im Merkur führt Schlink dazu im Blick auf Personen aus den neuen Bundesländern weiter aus:
Es geht um Biographien, die eine differenzierte und nuancierte Betrachtung und eine moralische Bewertung im Horizont ihrer Zeit verdienen. Stattdessen wird der Blick darauf verengt, ob einer als Soldat an der Grenze eingesetzt war oder als inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit geführt wurde oder als Wissenschaftler ein »ideologisch kontaminiertes« Fach vertreten hat.
Im politischen Parteienstreit wurde Willy Brandt vorgeworfen, dass er unter Lebensgefahr aus Nazideutschland geflohen ist und dass er auf der Seite von Nazigegnern stand. Im Parteienstreit war auch der Hinweis auf eine uneheliche Geburt oder darauf, dass jemand homosexuell sei, eine gefährliche Waffe.
Auf dem Horizont unserer Zeit taugen solche Hinweise nur noch, um an nicht öffentlich zugegebene Vorurteile zu appellieren.
Das Urteil über eine Person und ihre Leistung für unsere Gesellschaft sollte sich an dem "Horizont ihrer Zeit" orientieren.
So wird man Carl Friedrich von Weizsäcker nach seinen Beiträgen zu beurteilen, die das Urteil über Atomwaffen geschärft und das deutsche Verhältnis zu Polen entschärft haben, nicht aber von der Tatsache her, dass er die Probleme der friedlichen Nutzung von Kernenergie völlig unterschätzt hat.
Zu diesen Fragen - nicht zuletzt zu Schlinks Aufsatz - gäbe es noch viel zu sagen. Vielleicht hole ich das noch nach. Schon jetzt darf ich Schlinks Aufsatz und noch mehr seinen Roman "Der Vorleser" sehr zur Lektüre empfehlen.
23.5.08
Geschichtsklitterung
Den 1968ern nachzusagen, sie hätten den Historikerstreit gegen Ernst Noltes in der FAZ ausgebreitete Thesen angefangen, wie es in der heutigen FAZ geschieht, heißt denn doch sich die Geschichte allzusehr zurechtzufrisieren.
Es war Habermas, der scharfe Kritiker der 68er und von ihnen unter die "Scheißliberalen" Gezählte, der ihn begann. Zu Recht war vorher im Artikel Habermas' Kritik an den totalitären Elementen der Bewegung angeführt worden.
Freilich Götz Alys Parallelisierung von nationalsozialistischen Angriffen von Studenten auf Professoren mit denen von 1968 hat er so nie vertreten, auch wenn er schon am 9.6.1967 in einer Diskussion mit Rudi Dutschke von einem linken Faschismus sprach. Denn im selben Atemzug hatte er ihre "voluntaristische Ideologie" mit dem utopischen Sozialismus verglichen und später ausdrücklich die Identifizierung des SDS mit den Studenten der 30er Jahre als grobes Missverständnis bezeichnet.
So schrieb er in einem Brief vom 13. Mai 1968 an C. Grossner:
Es war Habermas, der scharfe Kritiker der 68er und von ihnen unter die "Scheißliberalen" Gezählte, der ihn begann. Zu Recht war vorher im Artikel Habermas' Kritik an den totalitären Elementen der Bewegung angeführt worden.
Freilich Götz Alys Parallelisierung von nationalsozialistischen Angriffen von Studenten auf Professoren mit denen von 1968 hat er so nie vertreten, auch wenn er schon am 9.6.1967 in einer Diskussion mit Rudi Dutschke von einem linken Faschismus sprach. Denn im selben Atemzug hatte er ihre "voluntaristische Ideologie" mit dem utopischen Sozialismus verglichen und später ausdrücklich die Identifizierung des SDS mit den Studenten der 30er Jahre als grobes Missverständnis bezeichnet.
So schrieb er in einem Brief vom 13. Mai 1968 an C. Grossner:
Erstens habe ich damals nicht gesehen, dass die neuen Formen der Provokation ein sinnvolles, legitimes und sogar notwendiges Mittel sind, um Diskussionen dort, wo sie verweigert werden, zu erzwingen.
Zweitens hatte ich damals Angst vor den irrationalistischen Implikationen eines Vorgehens, das unter dem Topos 'die Spielregeln brechen' eingeführt wurde. Diese Befürchtungen hege ich auch heute noch, daher hat sich die Intention meiner damaligen Bemerkung nicht geändert. Freilich würde ich [...] heute [...] das Etikett des linken Faschismus vermeiden, und zwar nicht nur, weil dieses Etikett das grobe Missverständnis einer Identifizierung des SDS mit den rechten Studenten Anfang der dreißiger Jahre hervorgerufen hat, sondern weil ich inzwischen überhaupt unsicher geworden bin, ob das eigentliche Neue an den gegenwärtigen Revolten durch geistesgeschichtliche Parallelen getroffen werden kann.
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