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22.6.23

Ein Blick auf eine gegenwärtig laufende Diskussion auf Lehrerblogs

 Herr Mess

Mike Graf

Herr Rau

Alle drei sind dafür, dass in der politischen Diskussion sachlicher und weniger aggressiv gesprochen werden sollte. 

Darin bin ich mit allen drei einig. Deshalb schließe ich seit gut viereinhalb Jahren alle meine Mails mit einer zugegebenermaßen nach Allerweltweisheit klingenden Formel:

Herz statt Hass, versöhnen statt spalten.

Bei den Problemen sind im Laufe der Jahre neue hinzugekommen. Außer Meinungsfreiheit, Demokratie und Klimawandel auch Pandemien und der Angriff auf die Ukraine. (Das kann man unter dem Link nachlesen.) Die Lösung kann weder mit Abwarten oder mit Geld allein erreicht werden.

Mein Grundsatz ist der gleiche geblieben. Deshalb wünsche ich der Diskussion einen versöhnlichen Verlauf.




12.2.12

Christian Meier: Erinnern - Verdrängen - Vergessen

In seiner Schrift "Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit der Erinnerung. Vom öffentlichen Umgang mit schlimmer Vergangenheit" zeigt Christian Meier in dem Aufsatz "Erinnern - Verdrängen - Vergessen" auf, dass in der europäischen Geschichte über 2000 jahre lang am Ende von Auseinandersetzungen wie Bürgerkriegen und Kriegen immer wieder ein öffentliches Gebot zu vergessen stand. An zahlreichen Beispielen aus der antiken griechischen Geschichte, deutlich pauschaler dann auch der mittelalterlichen und neuzeitlichen europäischen Geschichte weist er nach, dass diese Haltung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts durchgängig vorhanden war. Als Begründung dafür findet er folgende Thesen:

1. Wenn man in Frieden zusammenleben will und nicht alte zu immer neuen Streitigkeiten führen sollen, dann muss einmal ein Schlusspunkt gesetzt werden.
2. Um des Friedens willen verzichtet man auf das Bestrafen von Unrecht auch darum, weil man weiß, dass die Gruppe der Verlierer fast jede Bestrafung von Beteiligten ihrer Gruppe als ungerecht und als Siegerjustiz empfinden würde.
3. Wenn politische Einheiten sich nicht vernichten können und in Frieden zusammen leben wollen, müssen sie sich gegenseitig respektieren.
4. Unrecht, das man im Auftrag eines Staates begangen hat, lässt sich besonders schwer einsehen, wenn man von der Rechtmäßigkeit der staatlichen Ordnung ausgeht.
5. Staaten können Unrecht offenbar besonders schwer zugeben, weil sie um ihre zukünftige Autorität besorgt sind.
6. Nach Neuanfängen ohne gegenseitiges Aufrechnen ist nicht nur nach Kriegen Bedarf. (Meier, S.45-47)

Gegenüber dem bis dahin in der Geschichte immer wieder eingeforderten Gebot des Vergessens kommt es nach Meier in Deutschland nach 1945 zu "einer welthistorisch völlig neuen Situation" (S.49).

In Nachkriegsdeutschland ab 1945 folgte auf die Bestrafung der Hauptverantwortlichen durch die Alliierten und das Scheitern einer Art vollständiger Säuberung zunächst eine Phase des Totschweigens.

Meier fragt, ob in der Phase bis 1958 "die Wahrheit über die NS-Vergangenheit wirklich zumutbar war. Wäre die damalige bundesrepublikanische Gesellschaft dadurch nicht stark überfordert gewesen? Wobei man sich streiten kann, ob sie überfordert war, weil sie verstockt, oder verstockt, weil sie überfordert war." (S.68)

Der Umschlag kam, als ein Verantwortlicher für Massenexekutionen auf Wiedereinstellung klagte.
"Indem einer allzu unverschämt auf das Vergessen baute, führte er das Ende der Vorherrschaft des Vergessens herbei." (S.70)
Dies ist der - nach Meier - welthistorisch neue Vorgang eines Versuchs der Aufarbeitung des Geschehens (das seiner Meinung nach freilich zu Unrecht oft "Vergangenheitsbewältigung" genannt wurde).

"Das Erstaunlich an diesem langgestreckten Prozeß der Erinnerungsarbeit war, daß sie - entgegen den vor allem auf "konservativer Seite" gehegten Befürchtungen - spätestens seit den neunziger Jahren den Deutschen als Vorzug angerechnet wird." (S.76)

"Wo es sich um Genozid handelt, wird mit aller Macht gegen das Vergessen anzukämpfen sein. Auch deswegen, damit nicht jemand wie Hitler aus dem Beschweigen des Mords an den Armeniern den Schluß zieht, man könne alles machen, ohne dafür büßen zu müssen." (S.89)


Der zweite Aufsatz des Bandes "Mentalitätsprobleme der deutschen Vereinigung" hat mit dem ersten das Thema "Vom öffentlichen Umgang mit schlimmer Vergangenheit" gemeinsam. Im Wesentlichen handelt er freilich von den Zumutungen, die auf die Bevölkerung der neuen Bundesländer nach der von ihr gewollten Vereinigung zukamen: "Was [...] auf die DDR-Bürger [...] zukam, war ungeheuerlich." (S.143)
Nachdem sich die sozialen Probleme seit der Finanzkrise bundesweit verschärfen, dürften sich diese Erfahrungen allerdings etwas relativieren. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass jetzt von den Griechen ähnliche Anpassungsleistungen verlangt werden, einfach aufgrund der Tatsache, dass ihr System wirtschaftlich weniger leistungsfähig ist.
Eine von Meiers Überlegungen zum Umgang mit schlimmer Vergangenheit sollte freilich besonders hervorgehoben werden:
"Aufarbeitung schlimmer Vergangenheit ist nicht nur ein rechtliches und intellektuelles Problem. [...] Im Falle der DDR kam der große Nachteil dazu, daß sich die Arbeit an ihrer Vergangenheit unter den Augen der Westdeutschen vollziehen mußte." (S.155)

Dieser Blick hat sicher zu Verzerrungen beigetragen. Einerseits, weil mancher aufgrund von Trotzreaktionen die alte DDR allzu nostalgisch verklärt, andererseits aber wohl auch, weil manche gelungene Verbindung von Anpassung und Widerstand in der DDR vom Westen her nicht zureichend nachvollzogen werden konnte.

Zur Kritik an Meiers Ansatz
In den vorliegenden Besprechungen ist manches kritisiert worden.
Am Wichtigsten erscheint mir, dass natürlich das Nichtvergessen über Jahrtausende der Normalfall war und das Gebot des Vergessens nur eine politische Forderung in Ausnahmefällen.
Dennoch scheint mir Meiers Hinweis darauf, dass das Gebot des Vergessens sinnvoll neben der Notwendigkeit der Erinnerung an Völkermord stehen sollte, sehr wichtig. 

Hinweis:
Dieser Artikel ist auch auf ZUM-Buch veröffentlicht worden.

25.10.10

Über den Stand der deutschen Einigung - B. v. Weizsäcker: Die Unvollendete

Beatrice von Weizsäcker hat in ihrem Buch über "Deutschland zwischen Einheit und Zweiheit" viel Wissenswertes zusammengetragen: Axel Schmidt-Gödelitz mit seinem Projekt der Ost-West-Biographien, zum Beispiel, der sich auch um deutsch-türkische Biographien kümmert. Jana Hensel mit ihrem Buch Zonenkinder von 2002, die Stiftung Demokratische Jugend mit ihren Projekten. Eine Vielzahl weiterer Projekte. Schließlich gestehe ich, dass mir ihr Bericht über Udo Lindenbergs Sonderzug nach Pankow nützliche Informationen brachte, die ich beim Anblick der Sondermarke noch nicht mitbrachte.

Viele ihrer Urteile sind mir auch sympathisch. Eine Abqualifizierung von SED-Mitgliedern allein aufgrund der Tatsache, dass sie dieser Partei angehörten, steht meiner Meinung nach gut angepassten Karrieremenschen im Westen gewiss nicht zu. Aber wieso sieht sie nur bei Bündnis 90/Die Grünen eine gelungene Vereinigung von "westlichen" und "östlichen" Politikern? Werden in der SPD Genossen aus den neuen Bundesländern etwa diskriminiert? Gibt es in der Partei Die Linke einen Gegensatz zwischen West und Ost oder nicht viel mehr einen zwischen orthodoxen Marxisten und radikalen Linken? Nur im Osten geht es nach v. Weizsäcker den Linken um soziale Gerechtigkeit, im Westen dagegen sieht sie nur diffusen Protest (S.232).
Wirklich befremdet bin ich freilich erst, wenn sie formuliert "Die Weste der Ost-SPD ist tatsächlich rein." (S.241) Willy Brandt soll eine unreine Weste haben, weil er mit SED-Politikern gesprochen hat? Vieles kann man ihm vorwerfen; aber das nicht, wenn man denn wirklich für eine deutsche Einigung ist.
Zu Recht erinnert sie an Uwe Holmer, der in der Tat christliche Gesinnung bewiesen hat. Aber ich zweifle sehr, ob sie "Vergebung und Versöhnung", die sie für die Honneckers anmahnt, auch für die richtige Haltung der Kirche hält, wenn sie hohen SS-Offizieren die Flucht nach Argentinien ermöglichte.
Sehr zu Recht erinnert sie an die großartige Einrichtung der Wahrheits- und Versöhnungkommissionen in Südafrika und die Initiative von Ralf Wüstenberg , die Ähnliches für Deutschland anstrebte. Aber sie hat als Konzept nur zu bieten "Irgendwo zwischen Lobetal und Südafrika muss man sich treffen" (S.265). Unbestimmter geht es kaum.
Zustimmen kann ich wieder ihren Sätzen: "Versöhnung braucht Wahrheit. Wahrheit ohne Chance auf Versöhnung führt zu nichts." (S.265)

Den angemessenen Raum gibt sie Matthias Platzeck (S.214 ff) und seinem energischen Versuch, 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes denen, die sich nach der sehr westdeutsch bestimmten Einigung (Übergehen des Artikels 146 des Grundgesetzes) gezwungenermaßen enttäuscht aus dem politischen Leben zurückgezogen hatten, Versöhnung anzubieten und zu ermöglichen (vgl. sein Aufsatz im Spiegel November 2009).
Ihre Kritik an Marianne Birthler, so sehr ich sie teile, scheint mir freilich entschieden zu harsch. Birthler Amtsmissbrauch vorzuwerfen, wäre übertrieben. Dass sie ihrer Aufgabe aufgrund ihrer persönlichen Einstellung nicht gerecht werden kann, scheint mir freilich deutlich.

Alles in allem hat Beatrice von Weizsäcker ein nützliches Buch geschrieben. Und ich könnte noch viel positiver darüber schreiben, gäbe es da nicht auch die Sätze "Darf es nur eine für alle gültige Geschichtsdeutung geben? Darf oder muss es nicht vielmehr verschiedene Auslegungen geben können. Ja, es darf und muss." und gleich darauf die ihnen völlig widersprechenden "Für die Zeit der Nazi-Diktatur ist die Frage der Geschichtsdeutung klar. Sie stellt sich erst gar nicht. Denn da gibt es nichts zu deuten." (S.266/67)

Sie ist keine Historikerin, deshalb bringt sie es fertig von dem "unsäglichen Historikerstreit" zu sprechen, "in dem es darum ging, Auschwitz zu relativieren" (S.25), als hätte nicht Jürgen Habermas den Streit mit genau der entgegengesetzten Absicht begonnen. Ich glaube ja an ihre guten Absichten. Aber hier hat das Lektorat versagt. (Vielleicht im Glauben, der Verfasser der Rede vom 8. Mai 1985 hätte das Manuskript schon gegengelesen.) Worum gingen denn die Diskussionen um die Thesen von Daniel Goldhagen und andererseits von Götz Aly wenn nicht um die Deutung dessen, was die NS-Diktatur möglich machte?

Nach dieser Unkenntnis über die Aufgabe von Geschichtswissenschaft wird man von Frau von Weizsäcker keine Antwort auf die Frage erwarten dürfen, welche Schwerpunkte man bei der unterrichtlichen Behandlung der DDR-Geschichte setzen sollte. Immerhin kann ich ihr zustimmen, wenn sie die pauschale Bezeichnung der DDR als Unrechtsstaat nicht als hilfreich ansieht. (Das SED-Regime als Unrechtsregime zu bezeichnen, wäre weniger missverständlich.) Dass sie aber die DDR-Geschichte nicht nur als die einer SED-Diktatur behandelt sehen will, hilft mir nicht weiter. Soll man die Erfüllung von Plansoll oder Hermann Kants Bücher loben oder den Volkaufstand vom 17. Juni, Robert Havemann und Wolf Biermann? Was es an Positivem gab in der Geschichte der DDR, etwa der politechnische Unterricht, war ja immer auch verbunden mit den hässlichen Seiten der SED-Diktatur. (Diese Aussage bedürfte freilich einer ausführlicheren Begründung als hier möglich.)
Die Unvollendete ist ein lesenswertes Buch. Das Wichtige ist, dass es Anstöße gibt, die einzelnen Schwächen sind demgegenüber unwichtig.

Nachtrag:
Bericht von einer Autorenlesung