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19.3.19

Martin Lindner: "Die Bildung und das Netz" mit einigen aktuellen Anmerkungen

Mit dem Netz hat sich nicht nur der Zugang zu Bildung verändert, "sondern auch das Wissen selbst: Im Netz und mit dem Netz entstehen neuartige Wissensarchitekturen, weil die digitalisierten Bausteine ganz anders verknüpft und verarbeitet werden können. Die Fachleute sind jetzt nicht mehr entrückte Autoritäten, die sich in perfekt formulierten Publikationen äußern, sondern Menschen, denen man online quasi beim Denken zusehen kann. Und auch die Peer-Netzwerke sind von ganz anderer Qualität als früher.
Das bedeutet tatsächlich einen fundamentalen Bruch mit den Bedingungen, unter denen früher Bildung stattfand, auch wenn die sichtbaren Auswirkungen bislang noch gar nicht so dramatisch sind. [...]
Die Idee eines verpflichtenden Wissenskanons ist verloren. Die Autoritäten büßen viel von ihrer Richtlinienkompetenz ein. Die Kommunikationen verzetteln sich. Und je mehr man sich in Online-Netzwerken aufhält, desto weniger ist man auf den Zusammenschluss mit den Leuten angewiesen, die leibhaftig im selben Raum sind." (Martin Lindner: Die Bildung und das Netz, Kapitel 16: Eine sehr kurze Bildungsgeschichte - im Kindle irgendwo bei 34%.) 
Die Redaktionsversion des Textes der Teile 1 bis 7 findet sich unter diesem Link:
https://docs.google.com/document/d/1nPxUsEccO8MyYP4sveYLVSV-YLjLEQ7tX5GU07fIPDo/edit#
[Wenn ich gleich zum Inhaltsverzeichnis gegangen wäre, um das genaue Kapitel, aus dem sie stammt, anzugeben, hätte ich es mir sehr erschwert, die genaue Stelle, wiederzufinden, von der ab ich weiterlesen wollte (eine Besonderheit elektronischer Bücher).] 

Meine Annäherung an Martin Lindners Text geschieht in diesem Blogartikel etwas ungewöhnlich. In anderen werde ich versuchen, Stellen, die mir wichtig erscheinen, weitestgehend unkommentiert vorzustellen. Dazu habe ich von ihm die Erlaubnis bekommen.

Hier eine kurze Andeutung, wie mich diese Textstelle aus dem Buch erreicht hat und wie sie wieder ins Netz gelangt ist:
Ich habe das Buch vor der Erstellung subskribiert (heißt heute: "per crowdfunding schwarmfinanziert"), bei einem ZUM-Treffen im Druckexemplar gelesen, den Verfasser bei passender Gelegenheit gebeten, es mir zur Verfügung zu stellen, es mir im azw3-Format aus dem Netz heruntergeladen, gerätselt, wie ich es in meinen Kindle hineinbekomme, in gutefrage.net angefragt, eine richtige Antwort bekommen (auch wenn der Antwortende das azw3-Format nicht kannte), aber mit der Antwort nichts anfangen können. (Was mein Problem war, schildere ich dort.) Schließlich habe ich es aber geschafft, es wenigstens in amazondrive unterzubringen. Meine Vorstellung: Wenn es bei amazon ist, ist es nicht mehr weit bis zum Kindle.

Im drive konnte ich es freilich wegen des Formats nicht lesen. Das wollte ich auch gar nicht, es sollte ja im Kindle sein. Hätte ich jetzt jemanden gehabt, der "leibhaftig im selben Raum" gewesen wäre, wäre ich über einen besseren Weg informiert worden. So habe ich einen hochqualifizierten Informatiker bemüht, der einen Kindlebesitzer, mit dem er "im selben Raum" war, befragt und darauf mir kluge Ratschläge gegeben hat.
Unfähig, die Ratschläge zu deuten, habe ich den Verfasser des Buches bemüht, ihm mein Problem aus meiner Sicht geschildert, was er, da er nicht "leibhaftig im selben Raum" war, nicht recht deuten konnte.
Genug, offenkundig habe ich den Text dann irgendwie im Kindle lesen können.
Sogleich habe ich dort meine Markierungen gesetzt, um es von dort wie üblich auf den Computer zu übertragen. Der aber erkannte nicht, dass das Buch wirklich im Kindle war, erkannte auch meine Markierungen nicht und konnte mir nicht den Text anzeigen. 
Alles kein Problem. Ich lese die markierte Stelle meinem iphone vor, das konfiguriert die Mail, die mein Computer empfängt. Die kopiere ich in diesen Blogartikel, korrigiere die Verständnisfehler der Spracherkennung und schon steht Martin Lindners Textpassage im Netz. Freilich nur, wenn ich sie rechtzeitig gespeichert habe. 
Wie oft war diese Textpassage auf dem Weg vom Verfasser zu mir und von mir zum Blog und vom Blog zu Ihnen im Netz?

Ich stimme Martin Lindner durchaus zu, dass man die Gedankengänge eines Wissenschaftlers, der häufig twittert, gelegentlich bei ihrer Entstehung mitverfolgen kann. Und das weiß ich sehr zu schätzen. Zudem ist es über das Netz leichter möglich, sich auf einer Art Augenhöhe zu fühlen. [Beispiel: Twittergespräch über Wissenschaft - Ist hier erkennbar, wer Professor ist, wer Doktor, wer gar kein ausgewiesener Wissenschaftler?] 
Kurz gesagt, wir würden uns duzen, auch wenn wir nie zusammen "im selben Raum" gewesen wären. Aber von der Augenhöhe bleibt wenig übrig, wenn der eine sich im Netz nicht wie ein digital native, sondern wie ein Wissenschaftler bewegt, der seine Arbeitstexte so routiniert aufspürt, wie er es zuvor in Seminar- und Universitätsbibliothek, über Fernleihe und im Archiv getan hat. 

Dennoch: Greta Thunberg kann mit großer Autorität von den Politikern fordern: "Ihr müsst mehr für die Abschwächung des Klimawandels tun!" und gleichzeitig auf die Frage, was geschehen soll, antworten: "Das weiß ich nicht". 
Denn ihr ist schon lange bekannt, dass Hunderte von Wissenschaftlern sich über wesentliche Schritte einig sind (vielleicht auch Tausende oder Millionen). Und in der Wikipedia findet sich (sogar in 133 Sprachen) zu Klimaschutz Grundlegendes zum Problem in einer für eine intelligente 16-Jährige durchaus verständlichen Sprache. Und die Qualifizierung als exzellenter Artikel bedeutet inzwischen, dass das Gebotene inzwischen höheren Ansprüchen genügt als früheres Lexikonwissen.*

Es gibt andere Hürden, aber dass Politiker deshalb, weil sie sich auf das Fachwissen ihres Ministeriums stützen können, sich über ihr Aufgabengebiet qualifizierter äußern könnten als Schüler, wird ihnen schon länger kaum noch abgenommen. 
Da brauchte es nicht Seehofer, der Migration als "Mutter aller Probleme" bezeichnete, als ob Klimawandel und Migration nichts miteinander zu tun hätten.
Und auch keines Scheuer, der als Verkehrsminister eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen als "gegen jeden Menschenverstand" bezeichnete, obwohl die überwältigende Mehrheit der Länder Europas eine solche Beschränkung eingeführt hat. Und auch keines Trump. 

Und die Aussage von 2017 "je mehr man sich in Online-Netzwerken aufhält, desto weniger ist man auf den Zusammenschluss mit den Leuten angewiesen, die leibhaftig im selben Raum sind." ist nicht erst durch den Schülerstreik in rund 130 Ländern bewiesen, bei dem z.B. in einem Land nur 4 streikende Schüler waren, die aber die Nachricht von ihrem Streik international bekannt machen konnten. 

Da mag ich in den vorhergehenden Absätzen noch so oft betont haben, dass Anwesenheit "im selben Raum" für Verständigung oft zentral ist. 

* Ich persönlich halte übrigens den Bericht des Club of Rome von 2012 "2052 ..." für politisch noch informativer* und besonders zusammen mit Barack Obamas Satz: "Als Politiker kann ich Ihnen eines versichern: Politische Führer werden keine Risiken eingehen, solange die Menschen dies nicht von ihnen verlangen." (SZ, 5.10.13) Denn der bedeutet ja, dass das Wichtigste ist, dass Politiker eben nicht nur von Vertretern der Wirtschaft gesagt bekommen, was sie tun sollen. 

* Sehr eindrucksvoll dazu die 20 Ratschläge

Zur Fortsetzung meines Kommentars zur Lektüre des Buches (Entwurfsstadium)

18.3.18

Über Beziehungen im Netz

In gutefrage.net teilt ein Fragender mit: "Ich muss zur Jugendweihe ins KZ" (Seine Mutter hat ihn zur Fahrt dorthin angemeldet.)
Er bekommt verständnisvolle Antworten und Hinweise, er solle mit seiner Mutter darüber reden.
Ihn wird auch gesagt, weshalb es sinnvoll sei, einmal ein historisches KZ gesehen zu haben.

Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass die Dringlichkeit des Anliegens, dass man verstehen solle, was damals geschehen ist, nicht deutlich genug geworden sei. Und hatte das Bedürfnis, diese Dringlichkeit deutlicher herauszuarbeiten. Dabei hatte ich nicht die Hoffnung, den Jugendlichen zu erreichen; denn die Formulierung "Ich muss zur Jugendweihe ins KZ" klingt ja doch, als ob er sehr wenig Verständnis für das Anliegen habe.
Jetzt erhalte ich die Mitteilung, dass er meine Antwort als hilfreichste bezeichnet habe.

Das hat in mir den Eindruck erweckt, dass hier eine Beziehung entstanden ist, wie ich sie im Unterricht vor Ort oft nicht erreicht habe. Zusätzlich habe ich eine Rückmeldung erhalten, wie man sie im Unterricht meist nicht erhält. (Weshalb es sinnvoll ist, sich darum zu bemühen, auch wenn das manchmal zu frustrierenden Erfahrungen führen kann, kann sich manche(r) wohl denken. Das ist aber ein anderes Kapitel.)
Das rechtfertigt für mich die Anwendung des berühmten - höchstwahrscheinlich zu Unrecht -Niemöller zugeschriebenen Zitats. (Ich habe es mit einem Kunstgriff eingeführt.)

Jetzt mein Text, der für mich über die Rückmeldung zu einer sinnvollen Äußerung im Netz geworden ist:

Wenn du von uns Argumente hören willst, weshalb du nicht erfahren solltest, zu was für Grausamkeiten Menschen fähig sind und was für Verbrechen von Deutschen begangen worden sind, dann hast du hier genug gelesen.
Wenn du aber der Meinung bist, es sollte nicht wieder vorkommen, dass Millionen von friedliche Menschen getötet werden, weil sich jemand ausgedacht hat, das sei sinnvoll, dann solltest du die Chance nutzen, mehr darüber zu erfahren, wie es dazu kommen konnte.
Wenn du aber das Tagebuch von Anne Frank schon gelesen haben solltest, genauso wie Eugen Kogons SS-Staat und Ist das ein Mensch? von Primo Levi, dann weißt du bereits das Wichtigste, denn du weißt schon, was Martin Niemöller erst lernen musste:
"Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte."

Der Kunstgriff - sicher schon bemerkt - ist, dass ich das Zitat als Erfahrung, nicht als Äußerung Niemöllers eingeführt habe. Wichtig ist mir das Zitat, weil es in aller Kürze das zusammenfasst, was die Rechtfertigung all des politischen Handelns zusammenfasst, das zwar einem wichtigen Zweck dient, aber wenig Chancen auf Wirkung hat: Ein sehr wichtiger Zweck rechtfertigt auch aussichtsloses Handeln.
So lese ich einerseits mit Bewunderung Texte über Menschen, die viele andere vor der Tötung in Vernichtungslagern bewahrt haben, aber auch Texte, wo ich davon erfahre, das jemand das Risiko eingegangen ist, zu helfen, obwohl er mit der Todesstrafe rechnen musste, und wo er die Menschen nicht retten konnte.
Das berühmteste Beispiel dafür sind die Helfer, die die Familien Frank und Pels und Fritz Pfeffer im Versteck im Achterhuis in der Prinsengracht versorgt haben. Sie konnten das Leben der meisten nicht bewahren, aber sie retteten das Tagebuch und (Glück im Unglück kam hinzu) Otto Frank, der das Lebenswerk seiner Tochter danach zu seinem Lebenswerk machte. 

Man merkt, so sehr ich die direkten Beziehungen zu Menschen wichtiger zu nehmen versuche, so suche ich immer noch eine Rechtfertigung für den Versuch, auch über das Netz ein klein wenig dazu beizutragen, dass wir den Eifer trotz wenig aussichtsreicher Lage nicht verlieren. Und ich danke  DerBoy3001 von gutefrage.net, dass er seinen Teil dazu beigetragen hat. 

8.2.18

Supercomputer zielen auf Hirne von Kindern

Computeroptimierte Werbung  könnte exploratives Verhalten von Kindern zerstören.

In der ZEIT:

"Bridle steht nicht im Verdacht, ein Technikfeind zu sein. Seit seinem 13. Lebensjahr nutzt der heute 30-Jährige das Internet; im Selbststudium hat er sich die Techniken beigebracht, mit denen selbstfahrende Autos funktionieren. Sein Zorn richtete sich auch nicht primär gegen mangelnden Datenschutz oder nervige Online-Werbung. James Bridle, selbst kinderlos, sorgte sich um die Kinder." (ZEIT)
"Tristan Harris, der früher als Ethiker bei Google gearbeitet hat, sagte der New York Times: "Die größten Supercomputer der Welt stehen in zwei Konzernen – bei Google und Facebook – und worauf sind sie gerichtet? Wir zielen damit auf die Hirne von Menschen, von Kindern."" (ZEIT)

Original:
https://medium.com/@jamesbridle/something-is-wrong-on-the-internet-c39c471271d2

"As someone who grew up on the internet, I credit it as one of the most important influences on who I am today. I had a computer with internet access in my bedroom from the age of 13. It gave me access to a lot of things which were totally inappropriate for a young teenager, but it was OK. The culture, politics, and interpersonal relationships which I consider to be central to my identity were shaped by the internet, in ways that I have always considered to be beneficial to me personally. I have always been a critical proponent of the internet and everything it has brought, and broadly considered it to be emancipatory and beneficial." (Bridle in Medium)

In der ZEIT:

Die Kritik, die hier geübt wird, ist etwas anderes als die Kritik daran, kritiklos auf die Leistung von Computern zu vertrauen, oder die Warnung vor der Verführbarkeit unserer intellektuellen Elite durch extrem interessante und extrem anspruchsvolle Aufgaben und auch als die Warnung vor der "Wüste Internet", die mediale Erfahrungen an die Stelle von Erfahrungen aus der Lebenswelt setzt. (Es gibt gute Gründe, weshalb es nicht sinnvoll ist, auf einem Planeten mit einer Bevölkerung von etwa 7,5 Mrd. Menschen in denen die Liebe zur unberührten Natur zu wecken. Denn je mehr Menschen diese Liebe entdecken, desto rascher wird selbst die scheinbar unberührte (Klimawandel, Plastik) verschwunden sein. Diese Natur darf also nur medial vermittelt werden.)

Hier geht es darum, dass vermutlich Kleinkindern ihr exploratives Verhalten in ihrer Lebenswelt abtrainiert wird und das computergesteuert. Das bedeutete, dass eine Internetsucht erzeugt würde, bevor der in unserer Zivilisation inzwischen für den Durchschnittsmenschen unvermeidliche Umgang mit dem Internet überhaupt einsetzt. 

Ist auch das eine Kritik, die die großen Segnungen des wertneutralen Werkzeugs Internets verkennt?

3.2.18

Sollte das Internet nicht mehr böse sein?

Herr Rau schreibt:
"[...] Das Internet war plötzlich kein Ort des Bösen mehr, sondern auch ein Ort der Verwirklichung, der Kommunikation und Zusammenarbeit. Das war ja bereits die Sicht der Minderheit, die 2005 im Web war - bevor dann das Internet Massenphänomen wurde und Facebook das Web 2.0 kaputt gemacht hat. Ganz kaputt? Nein, die Urgesteine von damals gab und gibt es immer noch." (Lehrerzimmer 3.2.18)

Es lohnt sich, den vollständigen Artikel zu lesen.

Ich war damals noch kein Blogger, sondern nur bei Wikipedia und ZUM-Wiki, aber Facebook empfand ich auch (wie die Kultusminister) als einen argen Angriff auf die Privatsphäre. 
Dazu habe ich 2011 geschrieben:
"Facebook lehne ich ab. Die Beseitigung von Privatheit (dazu jetzt auch Computerbild), die Facebook aggressiv betreibt, widerspricht m.E. eindeutig dem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. [...]" (19.11.11)

Jetzt haben Google und andere nachgezogen; aber die Vorzüge des Netzes sind weitgehend geblieben.
Was schlechter und was besser geworden ist, zähle ich aber nicht auf. Viel zu viel!
Bei Gelegenheit äußere ich mich vielleicht zu meinem subjektiven Eindruck.

Nur so viel. Dass die Wikipedia inzwischen nicht zu schlecht, sondern für viele Schüler zu anspruchsvoll  geworden ist, hat ebenso Vor- wie Nachteile.


23.9.17

Wird auch im Internet weniger gelesen?

Sandra Kegel konstatiert in der FAZ:

"Jedenfalls lässt sich feststellen, dass es kaum noch Bücher gibt, die das ganze Land beschäftigen. Der intellektuelle Resonanzraum schrumpft stetig – und weicht dem Raum für Events. Statt selbst zu lesen, besucht das Publikum lieber spaßige Veranstaltungen in Literaturhäusern oder bei Lesefesten, die längst nicht mehr nur in Großstädten ausgerichtet werden. Damit ist die Literatur im Unterhaltungssegment angekommen, wo sie mit Comedy-Auftritten, Zaubershows und Facebook konkurriert." (Ist das Buch am Ende? faz.net 20.9.17)

In meiner Umgebung wird weniger ferngesehen als Youtube angeschaut. Immer häufiger werden mir statt Leseempfehlungen Hinweise gegeben, ich solle mir eine Sendung ansehen.

Ich lese weit lieber in einem Buch als am Bildschirm, zumal ich ständig am Bildschirm lese. Aber statt dessen unausgereifte Formulierungen anhören, die ich nicht mit copy&paste speichern und verarbeiten kann, will ich eigentlich nicht. Aber ich beobachte an mir selbst, dass ich nach einem gewissen Lesepensum stark ermüde. 
Wird Youtube die Zeitung der Zukunft?

12.3.17

Bildung und das Netz

Wer Martin Lindners Werk kennen lernen und ihm beim Redigieren helfen will, hat hier die Gelegenheit.

3.6.16

"Zugang zum Internet so selbstverständlich wie Zugang zu Wasser"??

In meinem persönlichen Umfeld gelte ich nicht wenigen als internetsüchtig. Und bei unvoreingenommener Betrachtung meines Verhaltens konstatiere ich bei mir mehrere Gewohnheiten, die typisch für Suchtverhalten sind. Aber dass der "Zugang zum Internet so selbstverständlich wie Zugang zu Wasser" werden solle, halte ich für schlimmer als das Missverständnis der Metapher von Datenautobahnen als realen Straßen.
Hier der Kontext des Zitats, auf das ich mich beziehe.

Erstens, weil Wasser, Luft und Nahrung seit Millionen von Jahren unbedingte Voraussetzung  für das Überleben aller Säugetiere, die Menschen inklusive, waren. Und noch auf absehbare Zeit zwar der Fortbestand der heutigen Gesellschaften, nicht aber der der Einzelwesen vom Internet abhängt.
Zweitens, weil Wasser inzwischen für Millionen von Menschen weit weniger selbstverständlich ist als für uns der Zugang zum Internet, mit tödlichen Folgen. Nicht zuletzt aufgrund der Kriege um Zugang zu Wasser.

Natürlich ist das Internet für unsere Gesellschaft weit notwendiger als vieles, was heute oft als "alternativlos" bezeichnet wird. Und um differenziert meine Ansicht über die Wichtigkeit des Internets darzustellen, müsste ich mich seitenlang darüber ergehen, wie wichtig es ist.
Hier aber möchte ich dennoch erst einmal festhalten:
Der Zugang zu Wasser ist ein Menschenrecht, das leider für viele Menschen sehr infrage gestellt ist.
Der Zugang zum Internet ist es - zu Recht - noch nicht.

Anders als das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Aber das ist ein Thema, was hier ebenfalls nicht differenziert erörtert werden kann. Nur eine Formulierung von Sabine Leutheusser-Schnarrenberg möchte ich zitieren:
"Es geht um die grundgesetzlichen Freiheitsrechte, die die Grundlagen unserer Demokratie sind und die durch technische Entwicklungen nicht ausgehöhlt werden dürfen." (Big Data und Datenschutz. Kein Internet ist keine Lösung in: Das Netz. Jahresrückblick Netzpolitik 2015/2016, S.65)

25.12.15

Steffen Martus' mediengeschulter Blick auf die Aufklärung

Wenn Steffen Martus in "Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert" die Politik der deutschen absolutistischen Fürsten am Anfang des 18. Jahrhunderts beschreibt, wirkt es wie aus dem Handbuch der großen Internetfirmen Google, Facebook, Amazon oder ihrer literarischen Repräsentation "Der Circle". Man muss nur die Stichwörter Aufklärung, Fürst etc. durch die passenden Wörter der Internetwelt ersetzen:
"Attraktivität war für die neue Politik auf dem Weg zur" Marktbeherrschung "überhaupt entscheidend, denn der Posten des" Datenlieferanten "sollte reizvoll erscheinen und nicht nur" aufgrund von Ausspähung "eingenommen werden. Wie also versah man" einen Internetdienst "mit so viel Anziehungskraft, dass sich die Menschen gern der Regierung" durch einen Dienstanbieter "unterstellten? Hochschulen" und Schulen "wurden von den" angehenden Monopolisten gern als Instrumente für "solche Fragen begriffen." (Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert, S.110/111)*

Wie führt man den Wandel herbei? Internetfirmen müssen dafür sorgen, dass Schulen und Hochschulen möglichst durchgängig mit Computern versorgt sind und mit Computern arbeiten (auch wenn das für die Grundschulen weitgehend sinnwidrig erscheint), Wenn erst einmal genügend Computer angeschafft sind und sich Kinder an den Umgang damit gewöhnt haben, kann man Computer auch im Privatbereich durchsetzen. Mit den Smartphones ist nun endlich auch schon für Dreijährige der Zugang zum Internet eröffnet und Kinder sind - weil noch arglos - ideal geeignet als Datenlieferanten und - um nun das Wort der absolutistischen Fürsten zu gebrauchen - in ihre Rolle als Untertanen eingeführt zu werden.

*Auf die Zeit des 18. Jahrhunderts bezogen formuliert Martus wie folgt:
"Attraktivität war für die neue Politik auf dem Weg zur Aufklärung überhaupt entscheidend, denn der Posten des Untertanen sollte reizvoll erscheinen und nicht nur  auf Befehl eingenommen werden. Wie also versah man ein Herrschaftsgebiet mit so viel Anziehungskraft, dass sich die Menschen gern der Regierung eines Fürsten unterstellten? Hochschulen wurden von den Obrigkeiten der Frühen Neuzeit und vor allem in der Aufklärung  als eine Antwort auf solche "Fragen begriffen." (Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert, S.110/111 - Hervorhebungen von mir)

Es geht um eine Neuerrichtung eines Systems von Obrigkeit und Untertanen in ihren Herrschaftsgebieten. Zwischen denen werden die Kämpfe ausgefochten und wir folgen der Attraktivität unserer Herrscher. Wenn Martus das nicht als Kennzeichen unserer Zeit erkannt hätte, hätte er das 18. Jahrhundert nicht so treffsicher als strukturgleich mit dem Internetzeitalter beschreiben können. 


4.8.15

Bildung: Wilhelm von Humboldt, Lernen durch Lehren, Internet

Was Humboldt und Internet als Lehrmeister unterscheidet, ist gar nicht so neu.
Es ist schon in dem gegensätzlichen Ansatz von Platon und Aristoteles vorgebildet: Platon, der den Lehrer für so wichtig hält, dass er seine gesamte Philosophie seinem Lehrer Sokrates in den Mund legt, so dass wir die Mühe haben, zu unterscheiden: wo spricht Platon und wo spricht Sokrates?
Und andererseits Aristoteles, der die Erfahrungswelt betrachtet und sie zu ordnen und verstehen sucht.
Platon kommt zum Ergebnis, dass Philosophen die Könige sein sollten (vgl. dazu Poppers Kritik, der Platon totalitäre Züge unterstellt), und Aristoteles schließt, dass Sklaven keine Menschen sind, weil ihnen die Freiheit nicht über alles geht.

Ein ähnlich unterschiedliches Paar finden wir an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in Wilhelm von Humboldt und Georg Forster. Wilhelm kennt schon als Kind keine größere Freude, als die alten Griechen zu studieren, Georg, den sein Vater erst nach Russland und dann nach England mitnimmt, übersetzt als Dreizehnjähriger  Lomonossows Kurze Russische Geschichte vom Russischen ins Englische, was "in wissenschaftlichen Kreisen lobende Anerkennung fand" (Wikipedia), und segelt als Siebzehnjähriger mit James Cook um die Welt und begründet bei dieser Gelegenheit die deutsche Ethnologie. Ja, er "verirrt" sich als revolutionärer deutscher Jakobiner so weit in die Praxis, dass er in der Zeit des beginnenden Terreur in Paris stirbt (freilich nicht unter der Guillotine, sondern an Lungenentzündung). 
Alexander von Humboldt nimmt sich nicht seinen großen Bruder Wilhelm zum Vorbild, sondern Georg Forster, den er auf seiner Reise an den Niederrhein, Frankreich und England begleitet und dann seinen großen Lehrer nennt. Wilhelm vertieft sich in die Sprachwissenschaft als die Grundlage des Denkens, Alexander studiert Geographie durch Reisen.
Wilhelm von Humboldt betont die Einheit von Forschung und Lehre, Jean-Pol Martin meint man lerne nur recht durch Lehren und lässt sich deshalb in New York von seinen Schülern sagen, was er dort tun soll. Möglich wird das erst durch Telekommunikation, wie überhaupt das Erfahrungslernen im Team, das Martin propagiert, wesentlich von den Möglichkeiten des Internets profitiert. 
Freilich - und hier hebt sich der Gegensatz Lernen vom Lehrer und Erfahrungslernen wieder ein Stück auf - er organisiert als Lehrer die Lehrsituationen, an denen die Schüler lernen sollen.* 

Eine lange Einleitung für die Vorstellung des Circle, in dem das Leben in der Community der vom Rousseauschen Bildungsideal geprägten Selbstfindung gegenübergestellt wird. 

Worauf ich hinaus will, ist, dass es einseitig wäre, Allgemeinbildung unter Berufung auf Bildung zu verdammen oder der Reformpädagogik abzuschwören, weil wir das Internet haben, oder auf digitale Medien zu verzichten, weil wir ohne Lehrer nicht auskommen. Doch dazu mehr bei anderer Gelegenheit. 

Hier nur eine Andeutung.
Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt schreiben in ZEIT online unter der Überschrift Humboldt gegen Orwell
"Die Digitalisierung verändert die Bildung so stark wie zuvor nur der Buchdruck und die Schulpflicht. [...]

Humboldt hätte an der Digitalisierung Gefallen gefunden. Der große Reformer des 19. Jahrhunderts wollte "Bildung für alle" als Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben und schuf in Deutschland das allgemeine Schulwesen. Sein lange unerfülltes Ideal: Wer gut ist, kommt weiter, egal, wo er herkommt. Diese Demokratisierung wird jetzt möglich. Dank digitaler Hilfsmittel erhalten bisher Abgehängte Zugang zu günstiger und personalisierter Bildung, Können wird wichtiger als Herkunft oder Titel. [...] 
Jeder hier brauchte eigentlich seinen auf ihn persönlich zugeschnittenen Unterricht. Seit vier Jahren bekommen alle Schüler genau das. New Classrooms heißt das Konzept, das auf digitalisierte Lerneinheiten statt Frontalunterricht setzt, um jeden bei seinem Wissensniveau abzuholen. In einem riesigen Raum, der sich über ein ganzes Stockwerk erstreckt, lernen etwa neunzig Schüler Mathe an wechselnden Stationen: Die einen schauen Videos, die anderen nutzen Lernsoftware, andere arbeiten in Gruppen oder sprechen mit dem Lehrer. Das Besondere ist allerdings nicht, wie vielfältig die Lernmethoden sind, sondern die automatisierte Personalisierung: Am Ende eines Tages legt jeder Schüler einen kurzen Onlinetest ab. So kann ein Zentralcomputer in Manhattan über Nacht errechnen, welcher Schüler noch nacharbeiten muss und welche Methode die beste dafür ist. Daraus entsteht ein individueller Lernplan für den nächsten Tag, den die Schüler morgens über große Monitore an den Wänden erfahren. Die Technik macht den Lehrer hier nicht überflüssig, sie verändert aber seine Rolle: vom Wissensvermittler zum Lernbegleiter."

Ich zweifle daran, ob die Verfasser jemals einen MOOC und im Vergleich dazu einen cMOOC mitgemacht, dass sie ein Barcamp mitgestaltet haben. Zu Recht?

*Georg Forsters Vater hat (ähnlich wie und anders als Martin) für seinen Sohn ungewöhnlich anregende Lernsituationen geschaffen. Nur weil Georg schon als Vierzehnjähriger sich intensiv in die deutsche, die russische und die englische Kultur eingelebt hatte, konnte er als Siebzehnjähriger die Weltreise dafür nutzen, Ethnologe zu werden. - Freilich James Cook war dabei als Lehrmeister unersetzlich. Denn einerseits schuf er als erfolgreicher Weltumsegler auf seiner zweiten Weltreise Lernsituationen, wie sie damals kein anderer bieten konnte, andererseits ist kaum vorstellbar, dass Georg (und sei es auch nur durch Vermittlung seines Vaters) nicht vom Wissen Cooks profitiert hat. Sein Aufsatz über Cook zeugt jedenfalls davon, dass er sich bewusst war, mit welcher Ausnahmepersönlichkeit er da unterwegs war. 

vergleiche auch:

„Lehrer oder Lernbegleiter: Kontrollverlust als Programm“ #EDchatDE


9.7.15

Brauchen wir neue Verantwortlichkeitsregeln für die Publikation im Internet?

Götz Hamann äußert die Ansicht, Texte, die über Soziale Netzwerke vermittelt würden bezögen ihre Glaubwürdigkeit vom Vermittler, nicht vom Autor. Das sehe ich ganz anders.

Dagegen sehe ich mit Bernhard Pörksen (sieh weiter unten) durchaus ein Problem darin, wenn die Texte, die umfangreiche Recherchen, insbesondere Investigation, erfordern und in Redaktionen einer Qualitätskontrolle unterliegen, ganz durch ehrenamtlichen Freizeitjournalismus abgelöst würden. Texte von Heribert Prantl oder Habermas gewinnen für mich Autorität über den Autor, Texte, deren Autoren ich nicht einschätzen kann, über das Publikationsorgan. (Was nicht heißt, dass ich sie nicht aufgrund meiner politischen Einstellung und meines persönlichen Grundverständnisses einordnen würde.) Ich weiß, was ich bewirke, wenn ich mich auf eine einseitige Auswahl von Publikationsorganen stütze. 
Problematisch wird es, wenn ich mich für die Beurteilung von Texten allein auf mein Grundverständnis verlassen muss und über die Art der Textauswahl keine Ahnung habe (besonders, wenn sie sich - wie bei Google - an meinen vorhergegangenen Vorlieben orientiert).  Dass Pörsken diese Gefahr deutlich herausarbeitet, scheint mir wichtig. 

Pöbeleien im Netz ersticken Debatten. Wir brauchen endlich Regeln! Ein Appell von Bernhard Pörksen
"In einem solchen Zusammenwirken der unterschiedlichsten Kräfte zeigt sich eine Neuverteilung der publizistischen Machtverhältnisse. Einerseits verlieren die traditionellen Gatekeeper des Journalismus an Macht, aber damit beginnt nicht das Reich totaler Freiheit, sondern es gewinnen Gatekeeper neuen Typs an Einfluss, die ihre publizistische Mitverantwortung bislang offensiv ignorieren. Auf eine Formel gebracht: Beobachtbar ist eine Disintermediation bei gleichzeitiger Hyperintermediation*. 
(*It's the proliferation—not elimination—of intermediaries that has made blogging so widespread.  The right term here is “hyperintermediation,” not “disintermediation.” - Intermediaries online are more powerful, and more subtle, than ever before.)
Das sind, zugegebenermaßen, ziemlich scheußliche Ausdrücke aus dem Begriffsarsenal der Medienwissenschaft. Sie zeigen jedoch, warum die Ausweitung der Verantwortungszone in all den Debatten über die Macht der Medien und die Veränderung der Öffentlichkeit unbedingt geleistet werden muss und warum die allgemeinen Appelle in Richtung einer Publikumsethik ins Leere gehen. [...] Und schließlich bedeutet dies, dass der klassische Journalismus an Deutungsautorität verliert (und damit die Agenda der Allgemeinheit an Strahlkraft und Verbindlichkeit einbüßt). Der gesamte Mechanismus der Weltaneignung und Wirklichkeitskonstruktion, den Disintermediation ermöglicht, ist also zwiespältig: Er kann uns befreien, weil auf einmal für jeden sichtbar die Diktatur der Mono-Perspektive zerbröselt. Und er kann uns in eine neue Verbiesterung und ideologische Verhärtung hineinlocken, weil sich nun der Einzelne – ohne offizielles Korrektiv, ohne die Irritation durch einen allgemein anerkannten Glaubwürdigkeitsfilter – seine Weltsicht zusammenbasteln und in seine höchstpersönliche Wirklichkeitsblase hineingoogeln kann.
[...] Worauf es insgesamt ankommt, ebendies meint Disintermediation bei gleichzeitiger Hyperintermediation: Es entstehen, parallel zur publizistischen Selbstermächtigung des Einzelnen, Nachrichten- und Weltbildmaschinen eigener Art, globale Monopole der Wirklichkeitskonstruktion, die längst mächtiger sind als die klassischen Nachrichtenmacher. [...] Diese Gesellschaft braucht also, will sie nicht ihre liberal-aufklärerische Tradition verlassen, Denkräume und Wertedebatten, um die Frage nach der publizistischen Verantwortung in der öffentlichen Sphäre neu zu stellen, sie überhaupt erst zu behandeln. [...] Die neuen Player in der Erregungsarena der Gegenwart sind längst mitten unter uns, und es wäre fatal, die Frage nach der publizistischen Verantwortung aller weiterhin zu ignorieren."

Dass man sich "in seine höchstpersönliche Wirklichkeitsblase hineingoogeln kann" sehe ich als gesellschaftliche Gefahr, wenn es keine Konkurrenz von anspruchsvollen Redaktionen mehr gibt. (Deshalb sehe ich auch im Monopol der Wikipedia eine Gefahr, ohne das hier weiter zu begründen.)
Freilich, da ich in der Ukrainekrise wie der griechischen Finanzkrise weitgehend eine unkritische Übernahme der EU-Perspektive durch die Medien beobachtet habe, befürchte ich, dass auch die traditionellen Medien - aufgrund welcher Mechanismen auch immer - keine zureichende Meinungsvielfalt mehr generieren können. 

(Der Vorläufer dieses Textes findet sich auf Fontanefans Schnipsel.)

23.5.15

Digitale soziale Netzwerke

Das Netz bist du!  ZEIT, 17.5.15 von  

Um es vorweg zu nehmen: Ich halte die Untersuchungen für interessant. Trotiers Artikel überzeugt mich aber nicht nicht.
Völlig anders wirkt auf mich das Interview, das Publik-Forum mit Mirca Madianou, einer Soziologin aus dem Umfeld von Daniel Miller, geführt hat.

Zitat aus dem Interview mit Madianou:
"Eine Webcam kann vieles. Menschen können miteinander lachen und miteinander weinen [...]. Küssen geht nicht. Nicht für Liebespaare, die getrennt sind, nicht für Kinder, die ohne Eltern aufwachsen. Familien, die über neue Medien verbunden sind, müssen sich neue Rituale schaffen. Die Sehnsucht nach Hautkontakt [...] kann kein Computer befriedigen."
Am Schluss meines Artikels folgen weitere Zitate aus dem Interview.

Zitate aus Trotiers Artikel:
"Daniel Miller ist Anthropologe. Er arbeitet als Professor am University College London. Dort hat er das weltweit erste Programm für digitale Anthropologie entwickelt."

"Deshalb hat er das größte Social-Media-Projekt der Welt gegründet: Acht Anthropologen forschen gleichzeitig in acht Ländern. England, Trinidad, Türkei, Brasilien, Chile, Italien, Indien, China. Fünf Jahre lang beobachten, begleiten, analysieren, interpretieren sie Menschen und ihre Sozialen Medien. Global Social Media Impact Study, eine globale Studie zum Einfluss der Sozialen Medien. "

"Miller will vergleichen können, ohne kulturelle Eigenheiten einzuebnen. Deshalb muss seine Studie global angelegt sein. Seine Mitarbeiter leben an Orten, die eigentlich niemanden interessieren, weil sie zu normal sind. Sie leben in einem türkischen Dorf, einer Einwandererstadt im Norden Chiles, einem Zentrum für IT-Arbeiter in Indien, einer kleinen Touristenstadt an der brasilianischen Küste."

"Viele der Arbeiter hätten zuvor in einer berühmten Keramikfabrik getöpfert, schreibt Wang in einem Blog, in dem die Anthropologen alle paar Wochen von ihren Erlebnissen erzählen. Jetzt fahren sie Gabelstapler. Die Arbeit hat weniger Prestige, aber in den Gesprächen, die Wang führt, sagen alle, sie seien glücklicher. Sie freuen sich über die kleinen Pausen, die sie zwischen den Fahrten haben. In jeder freien Minute surfen sie mit ihren Smartphones durch das chinesische Soziale Netzwerk QQ, spielen, lesen Posts von Freunden, schreiben Nachrichten.
Als sie die Arbeiter kennenlernte, schreibt die Anthropologin Wang, habe sie vermutet, sie seien vor der Armut geflohen und würden sich vor allem mit ihrer Familie und ihren Freunden zu Hause schreiben. Natürlich gibt es das auch. Die meisten aber sind migriert, weil sie etwas anderes erleben wollten. Sie mussten nicht raus, sie wollten. Sie chatten über Soziale Netzwerke auch mehr mit neuen Freunden, die in derselben Stadt wohnen, weniger mit ihrer Familie."
"Der Anthropologe Daniel Miller sieht den Menschen nicht als Opfer seiner Technik an, nicht als unmündigen User, als Spielball der Großkonzerne. Denn Technik kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie jedem Individuum an jedem Ort zu jeder Zeit nutzt. Und wenn der Mensch sie so nutzen kann, wie er es will."  (Das Netz bist du!)
Eine Logik des letzten Absatzes erschließt sich mir nicht. Ich glaube gern, dass Miller "den" Menschen nicht als Opfer "seiner" Technik ansieht. Das braucht er überhaupt nicht zu sein, damit Milliarden von Menschen Spielball "der" Großkonzerne werden. 
Kommerziell erfolgreich sein kann Technik, wenn genügend Personen glauben, sie nütze ihnen. Sie werden diesen Glauben nicht aufzugeben brauchen, wenn ein Großkonzern diesen Gauben "so nutzen kann, wie er es will". 

KILIAN TROTIER lullt durch die Art seiner Berichterstattung ein. Überzeugen kann er mich dadurch nicht. 
Weitere Zitate aus dem Artikel (für die Argumentation von weniger Bedeutung):
"Wer eine gute Beziehung zu Gegenständen hat, hat sie auch zu Menschen. Dinge stehen nicht zwischen Menschen, sie verbinden sie."
"Die Webcam wird zu einem eigenen Ort, der Unzusammenhängendes zusammenschiebt. Zur Heimat für Getrennte."

Weitere Zitate aus dem Interview mit Madianou:
Publik Forum: "Trotzdem sagen Sie, dass soziale Netzwerke wie Facebook [...] eine Revolution sind."
Madianou: Das ist so. [...] Als Donna [...] vor dem Laptop mit ihrer acht Monate alten Tochter "Kuckuck!" spielte, so wie anderer Mütter mit einem Tuch beim Wickeln. So etwas ist herzerfrischend und traurig zugleich. Eine andere Mutter hat die Webcam einmal ganz plötzlich ausgeschaltet, weil sie weinen musste und nicht mehr aufhören konnte, so sehr hat sie die Sehnsucht in diesem Moment ereilt. [...] Es bleibt ein Drama, wenn Menschen, die sich sehr lieben, über lange Zeit getrennt sind."

Madianou und Miller haben ein gemeinsames Buch veröffentlicht: Migration and New Media: transnational families and polymedia, 2012

Zitat aus dem Abstract:
"The way in which transnational families maintain long distance relationships has been revolutionised by the emergence of new media such as email, instant messaging, social networking sites, webcam and texting. A migrant mother in London can now call and text her left-behind children in the Philippines several times a day, peruse social networking sites and leave the webcam for 12 hours achieving a sense of co-presence."

7.3.15

Besteht die Gefahr eines Meinungsmonopols?

Albig: Ungefilterte Meinungsbildung im Google-Zeitalter bewahren, heise.de 4.3.15

 Albig träumt vom öffentlich-rechtlichen Internet, Internet-Law 7.3.15

Torsten Albigs absurder Vorschlag gegen die Pressefreiheit, shz.de 5.3.15

Albigs Gastbeitrag in der ZEIT Nr. 10 vom 05.03.2015, S. 29
Kurzfassung seines Beitrags bei ZEIT online 4.3.15

Mein erster Kommentar: 
Alle Informationen, die wir aufnehmen, sind gefiltert. Ungefilterte Informationen bekommen zu wollen, ist kindisch.
Das Problem ist aber, dass Google sehr nah daran ist, Monopolist zu werden.
Mehrere etwa gleich gute Suchmaschinen als Alternativen sicherzustellen, wäre sehr schwer. Wenn es die aber nicht gibt, sind wir bald vollständig von Googles Entscheidungen abhängig.


Albigs Lösungsvorschlag überzeugt mich nicht; aber Albig zeigt ein reales Problem auf.
Die Kritiker Albigs liefern meines Erachtens keine besseren Lösungsvorschläge. 

Übrigens: Sobald die Wikipedia Monopolist würde, stünden wir vor einem ähnlichen Problem. Das sage ich, obwohl ich stolz bin, einige Jahre aktiver Wikipedianer gewesen zu sein und dort weiterhin nach Kräften mitarbeite.

1.4.12

Vertrauen

Ich habe an Norbert Lammert gelobt, dass er seine Aufgabe als Parlamentspräsident sehr ernst nimmt und sich nach Kräften darum bemüht, den Bundestagsabgeordneten ihre verfassungsmäßig garantierten Rechte zu erhalten. Ich habe gesagt, er wäre ein würdiger Bundespräsident, ich hätte auch sagen können, ein vertrauenswürdiger.

Gert Heidenreich stellt ebenfalls fest, dass Vertrauenswürdigkeit keineswegs mehr eine Eigenschaft ist, die führenden Vertretern des Staates wie selbstverständlich zukommt.
Er sieht ihre Glaubwürdigkeit durch die "Guttenbergiade" und die "Wulffiade" extrem gefährdet und fragt sich, wie Eltern und Lehrer demokratische Werte vermitteln können, wenn Betrügereien, Parteispendenaffären und Korruptionsskandale nahezu nahtlos ineinander übergehen. (In der Aula des Südwestfunks am 1.4.2012)

Heidenreich warnt eindrucksvoll (Link s.o.) auch vor Gefahren von Internetmacht, auf die auch hr-info unter dem Stichwort "Der Preis des Kostenlosen" aufmerksam macht.
Was Reporter (und auch die Wissenschaftler?) bei dem gemeinsamen Projekt anstreben, erläutern die Reporter  in einem Blog. Bemerkenswert ist dabei, dass das Universitätsinstitut sein eigenes Facebookaccount hat und unter seinen Arbeitsgebieten an erster Stelle die "Entwicklung und Stärkung der IKT-Branche im Rhein-Main-Gebiet" genannt wird, an der "gemeinsam von Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und der Hessischen Landesregierung" zusammengearbeitet wird (sieh Internetseite des Instituts).
Ob die Aufklärungsarbeit vornehmlich vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk betrieben wird, die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft aber vornehmlich zur Ausforschung der "Internetgemeinde" im Blick auf bessere Marketingstrategien dienen wird, bleibt abzuwarten.

29.12.11

Von den Möglichkeiten des Internets

Diktaturen werden gestürzt, demokratische Netzwerke aufgebaut, jede künstlerische Idee - ob in der bildenden Kunst, in Musik oder Literatur - kann rasch erprobt und ihr Ergebnis sofort verbreitet werden. Unternehmer finden Kapitalgeber "in  Sekundenbruchteilen", so weit Frank Schmiechen in der WELT in dem Artikel "Die Digitalen kommen".
Zu den Gefahren des Internets meint er:
Aber stellen Sie sich vor, jemand hätte Thomas Alva Edison nach der Erfindung der Glühlampe mit erhobenem Zeigefinger gesagt: "Toll, Mr Edison. Sie haben uns das wundervolle Licht in die Dunkelheit gebracht. Aber man kann sich ja so leicht die Finger an der heißen Glühbirne verbrennen."

Ich bin da skeptischer, wie mein voriger Blogbetrag zeigt. Aber Schmiechen verweist zu Recht auf die positiven Möglichkeiten, ausführlich und ein bisschen blauäugig.
Edison konnte nichts über den Zusammenhang zwischen seiner Erfindung und dem Klimawandel wissen. Wir sollten heute als Gesellschaft die Möglichkeiten wie die Gefahren in den Blick nehmen und uns weder auf den Tunnelblick der Begeisterten noch auf den der Verächter einschränken lassen.

20.12.11

Von den Gefahren des Internets

Eine Rentnerin ohne Computer soll über 600 Euro Strafe zahlen, weil sie nicht verhindert habe, dass über ihre IP-Adresse ein Hooligan-Video zum Tausch angeboten wurde, berichtet Spiegel online.
Weiß die Richterin, was sie von der Rentnerin verlangt? Wie viel Promille der deutschen Bevölkerung wissen, wie sie wirksam ihre IP-Adresse gegen Missbrauch schützen können? Wie viel Promille der Rentnerinnen?

17.12.11

Alles Gute in der Pädagogik kommt vom Internet

Genauer gesagt: "The true driver for positive, pedagogic change is the internet." 
Das ist das Fazit von Donald Clarks Blogbeitrag "More pedagogic change in 10 years than last 1000 years – all driven by 10 technology innovations".
Ich halte dagegen: Das unermüdliche Lernen trotz hundertfachem Scheitern beherrschen nur Säugling und Kleinkind von selbst. Nach dieser Phase braucht es beim Normalmenschen: 
1. Ermutigung, 2. Anforderungen im richtigen Schwierigkeitsgrad. 
Erst wenn er darüber wieder erfolgreich Lernen gelernt hat, kann er autodidaktisch lernen und sich seine Lernkontakte selbst suchen.
Trotzdem halte ich Clarks 10 Charakteristika des Lernens im Internet für sehr hilfreich. 
Zur Erläuterung übersetze und interpretiere ich sie in meinem Sinne. Später möchte ich auch erläutern, welche mir besonders wichtig erscheinen:

1. zeitversetztes Lernen

2. Links, der Weg zur Binnendifferenzierung an ein und demselben Text

3. Leicht erreichbare Information

4. Wikipedia: kostenloser Zugang zu Wissen und Diskussion darüber auch außerhalb des Bereichs der Wissenschaft

5. Facebook und Freunde als Lern-Helferlein

6. Twitter und Blogs bringen eine Renaissance des Schriftlichen

7. Youtube – durch die Beschränkung auf kleine Lerneinheiten kann ohne großen Aufwand viel nütliches Lernmaterial entstehen

8. Spiele erlauben Simulation und damit Fortfall der Furcht vor dem Fehler

9. Software, die fehlerfreundlich ist und Anschauung vermittelt

10. Open source

Für mich sind die beiden wichtigsten Punkte:
1. zeitversetztes Lernen

11. (ein von mir hinzugefügter Punkt:) aus dem gesamten Sprachraum, dessen Sprachen man beherrscht, auswählbare Lernkameraden


Jetzt hat mir dankenswerterweise VolkMarl eine ausführlichere Vorstellung der einzelnen Punkte auf deutsch abgenommen. Mich freut auch, dass er optimistischer ist als ich und überdies auch einige interessante Links beigegeben hat. Dankeschön!