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20.5.19

Eine Anfrage

Eine Anfrage an die Stiftung Jugend und Bildung:  

Bemerkenswert ist, dass auf Ihrem Arbeitsblatt zur Europawahl 2019 für Schüler der 9.-13. Jahrgangsstufe das Wort Klima nicht vorkommt.
Sind Sie der Ansicht, dass das angesichts der Schülerstreiks geeignet ist, das Interesse der Schüler an Europa zu fördern?

Link zum Arbeitsblatt

Als ihren Anspruch formuliert die Stiftung u.a.
"Im Gegensatz zu den offiziellen Schulbüchern können wir mit unseren Materialien schnell und zeitgemäß auf aktuelle Ereignisse und gesellschaftliche Diskussionen reagieren. Damit decken wir einen großen Bedarf von Lehrkräften ab.
Unsere Unterrichtsmaterialien setzen stets an der Lebenswelt von Jugendlichen an und sollen ihnen helfen, ihre Lebenssituation besser zu verstehen und aktiv zu gestalten." (Hervorhebungen von Fontanefan)

Stichwort Stiftung Jugend und Bildung im Deutschen Bildungsserver
Am 17.1.2005 wurde in Berlin die Stiftung Jugend und Bildung gegründet. Ziel der Stiftung ist es, die gesellschaftspolitische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen zu fördern - insbesondere angesichts der Herausforderung durch die erweiterte europäische Dimension. Mit Broschüren, Internetangeboten und Veranstaltungen wollen sich die Stifter an Kinder und Jugendliche sowie an alle im privaten und öffentlichen Bereich für die Erziehung, Bildung und Ausbildung Verantwortlichen wenden. Die Medien dienen zur allgemeinen Information und Motivation der Zielgruppen und können als ergänzendes Unterrichtsmaterial eingesetzt werden. Im Vordergrund steht bei allen Projekten, diejenigen zu unterstützen, die schulische Innovation mit beispielhaften Projekten vorantreiben.

Wer hinter der Stiftung steht, wird leider nicht angegeben.

31.1.19

Jugendliche Vorbilder

Der neunjährige Felix beschloss Bäume zu pflanzen gegen den Klimawandel, 1992 sprach die zwölfjährige Severn Cullis-Suzuki vor dem Klimagipfel in Rio, die Teenagerin Malala wagte es, in Pakistan unter den Augen der Taliban für Mädchenbildung einzutreten, der 15-jährige Xiuhtezcatl* machte sich vor den Vereinten Nationen zum Sprecher seiner Generation in Sachen Klimawandel, der 16-jährige Niederländer  Boyan entwickelte eine technische Lösung für das Einsammeln der Plastik  in den Weltmeeren, die 17-jährige Emma initiierte den "March for our Lives" für schärfere Waffengesetze,  der 24-jährige Max Schrems nahm allein den Kampf mit Facebook auf. (Mit 26 Jahren klagte er dann gegen das internationale Safe-Harbor-Abkommen und erreichte, dass der EuGH es 2015 aufhob.)

"Es sind diese jungen Leute, die die Welt anführen werden bei der Schaffung der neuen Zivilisation, die wir so dringend brauchen. Sie arbeiten schon hart daran und suchen Ideen und einer Aktionsagenda. Wenn sie erst einmal wissen, was sie wollen, können sie es viel leichter erreichen, als es vor dreißig Jahren möglich gewesen wäre." So schrieb Muhammad Xunus (seinerseits ein alter, freilich kein weißer Mann)  

Greta Thunberg weiß, was sie will. Seit Jahrzehnten ist bekannt, was gegen den menschengemachten Klimawandel getan werden muss: Kohlendioxidausstoß verringern, Energieverbrauch einschränken. 
Die Politiker der Welt wissen es, reden seit Jahrzehnten darüber und subventionieren "auf Teufel komm raus" Billigflieger, SUVs und andere Energieverschwender.  
Greta hat nicht gewartet, bis alle anderen mitgezogen sind. Sie hat ihren Protest allein angefangen, hat ihn durchgehalten, bis sie internationale Aufmerksamkeit gewonnen hat. 


Xunus schrieb weiter: 
"Die jungen Leute von heute verfügen über beachtliche Mittel für diese große Aufgabe. Sie haben eine bessere Bildung als je eine Generation vor ihnen, sie sind auf den unterschiedlichsten Ebenen global vernetzt dank der digitalen Kommunikation und der Informationstechnologie, die Menschen überall verbindet. Internationale Reisen, Studierendenaustauschprogramme, Praktika und Netzwerkkontakte durch soziale Medien haben vielen von ihnen geholfen, über alle Grenzen von Nationalität, Rasse und Religion hinweg Freundschaften zu schließen.
Die jungen Leute von heute haben nur eine undeutliche Vorstellung von der Welt, in der sie leben wollen. Aber Ihnen ist klar, dass weder die wissenschaftliche noch die politische Welt es geschafft hat, Ihnen eine Roadmap für die bessere Welt zu geben, die sie suchen, und ihn dann auch nicht die Werkzeuge an die Hand gegeben haben, die sie zur Gestaltung ihrer eigenen Roadmap brauchen." (Ein anderer Kapitalismus ist machbar, S.159)
Xunus wagte es, aufgrund (oder trotz?) seiner Lebenserfahrung zu schreiben:
"Alle Menschen sind geborene Unternehmer." (S.92)

Greta Thunberg teilt diesen Optimismus  nicht ("Hast du Hoffnung? Nein."), aber sie handelt. Ihre Mutter hat ihretwegen ihre Karriere unterbrochen (oder aufgegeben?), ihr Vater begleitet sie bei ihren tagelangen Bahnreisen (weil sie sich weigert, mit Flugreisen ihre Glaubwürdigkeit zu gefährden).
Ohne ein Umfeld, das sie bei der Entwicklung ihrer Vorstellungen unterstützt hat, hätte auch Greta nicht gehandelt. Ohne solch ein Umfeld hat auch Büchner nicht mit 20 Jahren den Hessischen Landboten geschrieben. Ohne ein Umfeld hätte auch Sophie Scholl nicht den Widerstand gewagt, für den sie mit 21 Jahren hingerichtet wurde. 

Zum Glück ist über die - nach ihrer Aussage schüchterne - Greta "nur" ein Shitstorm hereingebrochen. Noch wird sie nicht wie Edward Snowden und Julian Assange international verfolgt. (Und selbst Trump, der sich gewiss furchtbar über sie ärgert, wird sich wohl hüten, es zu versuchen.) Freilich, ein Shitstorm ist auch für Erwachsene kaum auszuhalten. (Es ist zu hoffen, dass ihr Umfeld sie so halbwegs davor bewahren kann. Sicher hat man sie davor gewarnt und sie ist wohl auch klug genug, sich ihm nicht ungeschützt auszusetzen.) 

Es gibt diese jugendlichen Vorbilder. Wir Erwachsenen sollten mithelfen, dass die Jugendlichen unserer Umgebung nicht nur die Influencer von Youtube kennen.*

Wenn wir feststellen, dass viele Jugendliche bei den Freitagsdemonstrationen mitlaufen, die den Freitagsunterricht dringend gebrauchen könnten, sollten wir bedenken. Ohne unbedarfte Anhänger konnte selbst der erfolgverwöhnte Milliardär Trump sein Ziel nicht erreichen. Wie sollte Greta die Weltöffentlichkeit wachrütteln, wenn sich nicht viele von ihr inspirieren lassen, auch ohne so uneigennützig zu sein wie sie. 
Und wenn man weiß, wer hinter den Schülerstreiks steht, weiß man auch, dass das keine Schulschwänzer sind, sondern Klimaaktivisten, die verhindern wollen, dass Greta letztlich erfolglos bleibt und zur Märtyrerin wird. 

* Hier die erste öffentliche Rede des 6-jährigen Xiuhtezcatl

*Der Unterschied dieser Vorbilder zu den auch recht jugendlichen Gründern von Microsoft, Google und Facebook ist, dass sich primär soziale Ziele* setzen, nicht technologische oder individuelle (z.B. Weltumseglerinnen) oder gar von Eltern aufgezwungene (wie manche Eislaufkinder).
*Sieh Social Business im Unterschied zu profitmaximierenden

29.4.12

Über Jugendliteratur

Der Leser will Wahrheit, will Natur. Er haßt die sittlichen Haubenstöcke, die immer genauso stehen, wie man sie stellt, weder Fleisch noch Blut besitzen und genau nur das anhaben, was ihnen von der Putzmacherin Schulmoralität angezogen wird. Die Aufgabe des Jugendschriftstellers besteht nicht darin, Gestalten zu schaffen, die in jeder Lage so überaus köstlich einwandfrei handeln, daß man sie unbedingt überdrüssig wird, sondern seine größte Kunst besteht darin, daß er von seinen Figuren getrost die Fehler und Dummheiten machen läßt, vor denen er die jugendlichen Leser bewahren will. Es ist tausendmal besser, er läßt seine Romanfiguren zugrunde gehen, als daß der ergrimmte Knabe hingeht, um das Böse, das nicht geschah, obgleich es der Wahrheit nach geschehen mußte, nun seinerseits aus dem Buche in das Leben zu übertragen. Hier liegt die Achse, um die sich unsere Jugend- und Volksliteratur zu drehen hat. Musterknaben und Mustermenschen sind schlechte Vorbilder; sie stoßen ab. Man zeige Negatives, aber lebenswahr und packend, so wird man Positives erreichen. (Karl May: Mein Leben und Streben, S.33-34)

4.12.11

Mediennutzung durch Jugendliche

Der Lehrerfreund macht auf die JIM Studie 2011 aufmerksam, die über die Mediennutzung von Jugendlichen informiert.
Wie immer kann man die Umfrageergebnisse auch etwas anders interpretieren, als es in der Studie geschieht, aussagekräftig aber sind sie dennoch.

30.10.08

Warum Erziehung immer schwerer wird

und Schulen ihrem Bildungsauftrag nur noch eingeschränkt wahrnehmen können.
Die tägliche Beobachtung in der Schule und auf der Straße zeigt, dass immer mehr Kinder und Jugendliche sich nicht einmal für ihr unmittelbares Lebensumfeld verantwortlich fühlen und dass Eltern immer weniger Einfluss auf ihre Kinder haben und Fernsehen, Computerspiele, Handykommunikation einen großen Teil der Zeit wegnehmen, die vor nicht allzu langer Zeit noch bei gemeinsamen Mahlzeiten und Unternehmungen dem Austausch zwischen den Generationen diente.
"Kindergerechte" elektronische Medien und die Überflutung mit Werbung machen es den Eltern schwer, ihre Kinder zu sinnvollem Lernen anzuregen und zu diszipliniertem Konsum zu erziehen.
Wenn Zweijährige gezielt durch speziell auf sie ausgerichtete Fernsehsendungen Markenbewusstsein lernen (vgl. McNeal, S.20), wenn Kinderreime und Fingerspiele durch Werbeslogans und die Bedienung elektronischen Spielzeugs ersetzt werden, dann ist Steuerung durch Industrie an die Stelle der Bildung eines gemeinsamen Wertbewusstseins in der Familie getreten.
"Die Vermarkter locken sie aus ihren Elternhäusern, um sie in eine erwachsene konsumistische Welt zu bringen, in der ihre Arglosigkeit sie besonders anfällig macht für kommerzielle Verführung. Befreiung bedeutet hier, aus Kinderboutiquen sowie aus Disney- und Warner Brothers Läden erwachsenenfreie Zonen zu machen [...], damit die Jungen getrennt von ihren Eltern einkaufen gehen", schreibt dazu B. Barber in Consumed!, S.37.

Wenn sie so mit Werbung überflutet und mit allen Mitteln der Kunst zu bloßem Konsum und Lebensgenuss überedet werden, hat es auch die Schule schwer, mit ihrem auf langfristigen Lebenserfolg ausgerichteten Konzept bei Kindern anzukommen. Natürlich gibt es immer noch die, denen die Schule gar nicht genug Anregungen bieten kann und die sich in großem Stil eigene Lernfelder schaffen. Zwölfjährige etwa, die beim Internetlexikon Wikipedia nicht nur Artikel schreiben, sondern für ganze Projektbereiche Verantwortung übernehmen. Daneben gibt es viele, die sich freuen, zum Lernen angeregt und dabei unterstützt zu werden.
Aber wenn man von klein auf lernt, dass es vor allem auf den Konsum ankommt, und als Zweijähriger in Markenkenntnis trainiert wird, damit man spätestens als Dreijähriger seinen Eltern seinen persönlichen Kleidungs-, d.h. Markenstil aufdrücken kann, dann verliert man schon dann etwas von Neugier und der elementaren Lust am Ausprobieren. Dann tritt Konsumverhalten an die Stelle von Kreativität und Experiment.
Wenn dann nicht spätestens im Kindergarten Konzentration von Aufmerksamkeit geübt wird, wird die Schule mit ihren Lernzielen für manche zum Schock.
Bei nächster Gelegenheit möchte ich einige Punkte davon noch genauer behandeln.