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9.7.15

Brauchen wir neue Verantwortlichkeitsregeln für die Publikation im Internet?

Götz Hamann äußert die Ansicht, Texte, die über Soziale Netzwerke vermittelt würden bezögen ihre Glaubwürdigkeit vom Vermittler, nicht vom Autor. Das sehe ich ganz anders.

Dagegen sehe ich mit Bernhard Pörksen (sieh weiter unten) durchaus ein Problem darin, wenn die Texte, die umfangreiche Recherchen, insbesondere Investigation, erfordern und in Redaktionen einer Qualitätskontrolle unterliegen, ganz durch ehrenamtlichen Freizeitjournalismus abgelöst würden. Texte von Heribert Prantl oder Habermas gewinnen für mich Autorität über den Autor, Texte, deren Autoren ich nicht einschätzen kann, über das Publikationsorgan. (Was nicht heißt, dass ich sie nicht aufgrund meiner politischen Einstellung und meines persönlichen Grundverständnisses einordnen würde.) Ich weiß, was ich bewirke, wenn ich mich auf eine einseitige Auswahl von Publikationsorganen stütze. 
Problematisch wird es, wenn ich mich für die Beurteilung von Texten allein auf mein Grundverständnis verlassen muss und über die Art der Textauswahl keine Ahnung habe (besonders, wenn sie sich - wie bei Google - an meinen vorhergegangenen Vorlieben orientiert).  Dass Pörsken diese Gefahr deutlich herausarbeitet, scheint mir wichtig. 

Pöbeleien im Netz ersticken Debatten. Wir brauchen endlich Regeln! Ein Appell von Bernhard Pörksen
"In einem solchen Zusammenwirken der unterschiedlichsten Kräfte zeigt sich eine Neuverteilung der publizistischen Machtverhältnisse. Einerseits verlieren die traditionellen Gatekeeper des Journalismus an Macht, aber damit beginnt nicht das Reich totaler Freiheit, sondern es gewinnen Gatekeeper neuen Typs an Einfluss, die ihre publizistische Mitverantwortung bislang offensiv ignorieren. Auf eine Formel gebracht: Beobachtbar ist eine Disintermediation bei gleichzeitiger Hyperintermediation*. 
(*It's the proliferation—not elimination—of intermediaries that has made blogging so widespread.  The right term here is “hyperintermediation,” not “disintermediation.” - Intermediaries online are more powerful, and more subtle, than ever before.)
Das sind, zugegebenermaßen, ziemlich scheußliche Ausdrücke aus dem Begriffsarsenal der Medienwissenschaft. Sie zeigen jedoch, warum die Ausweitung der Verantwortungszone in all den Debatten über die Macht der Medien und die Veränderung der Öffentlichkeit unbedingt geleistet werden muss und warum die allgemeinen Appelle in Richtung einer Publikumsethik ins Leere gehen. [...] Und schließlich bedeutet dies, dass der klassische Journalismus an Deutungsautorität verliert (und damit die Agenda der Allgemeinheit an Strahlkraft und Verbindlichkeit einbüßt). Der gesamte Mechanismus der Weltaneignung und Wirklichkeitskonstruktion, den Disintermediation ermöglicht, ist also zwiespältig: Er kann uns befreien, weil auf einmal für jeden sichtbar die Diktatur der Mono-Perspektive zerbröselt. Und er kann uns in eine neue Verbiesterung und ideologische Verhärtung hineinlocken, weil sich nun der Einzelne – ohne offizielles Korrektiv, ohne die Irritation durch einen allgemein anerkannten Glaubwürdigkeitsfilter – seine Weltsicht zusammenbasteln und in seine höchstpersönliche Wirklichkeitsblase hineingoogeln kann.
[...] Worauf es insgesamt ankommt, ebendies meint Disintermediation bei gleichzeitiger Hyperintermediation: Es entstehen, parallel zur publizistischen Selbstermächtigung des Einzelnen, Nachrichten- und Weltbildmaschinen eigener Art, globale Monopole der Wirklichkeitskonstruktion, die längst mächtiger sind als die klassischen Nachrichtenmacher. [...] Diese Gesellschaft braucht also, will sie nicht ihre liberal-aufklärerische Tradition verlassen, Denkräume und Wertedebatten, um die Frage nach der publizistischen Verantwortung in der öffentlichen Sphäre neu zu stellen, sie überhaupt erst zu behandeln. [...] Die neuen Player in der Erregungsarena der Gegenwart sind längst mitten unter uns, und es wäre fatal, die Frage nach der publizistischen Verantwortung aller weiterhin zu ignorieren."

Dass man sich "in seine höchstpersönliche Wirklichkeitsblase hineingoogeln kann" sehe ich als gesellschaftliche Gefahr, wenn es keine Konkurrenz von anspruchsvollen Redaktionen mehr gibt. (Deshalb sehe ich auch im Monopol der Wikipedia eine Gefahr, ohne das hier weiter zu begründen.)
Freilich, da ich in der Ukrainekrise wie der griechischen Finanzkrise weitgehend eine unkritische Übernahme der EU-Perspektive durch die Medien beobachtet habe, befürchte ich, dass auch die traditionellen Medien - aufgrund welcher Mechanismen auch immer - keine zureichende Meinungsvielfalt mehr generieren können. 

(Der Vorläufer dieses Textes findet sich auf Fontanefans Schnipsel.)

24.7.14

Elektroschrott und journalistische Recherche

Ein Joghurt kostet weniger als 1 Euro, seine Zutaten legen mehr als 1000 km zurück und alle Transporteure verdienen daran.
Ein kaputter Fernseher ist hierzulande kaum sinnvoll zu reparieren. Wird er illegal nach Afrika transportiert, bekommt er plötzlich Wert (z.B. 27 - 70 Euro). Dafür legt er Tausende Kilometer zurück und alle Zwischenhändler und Transportunternehmen verdienen daran.
Als Lehrer habe ich Schülern etwas über den Zusammenhang von Klimaerwärmung und den Wegen von Joghurtzutaten beigebracht. Als Blogger schreibe ich über die Wege von Elektroschrott. Das, was ich weitergebe, verdanke ich journalistischer Recherche. Ich hätte weder Zeit, Energie, Expertise noch den Apparat für solche Recherchen. Auch Politiker verdanken es meist Journalisten, wenn sie erfahren, dass ein Gesetz den gegenteiligen Effekt hat, von dem, was der Gesetzgeber beabsichtigt hat.
Lehrer und Politiker können ihre Arbeit nicht tun, wenn es die Voraussetzungen für aufwändige Recherche nicht mehr gäbe. Edward Snowden war darauf angewiesen, dass er sein Material gut vernetzten Journalisten mit umfangreichen Ressourcen im Hintergrund übergeben konnte. Ein einzelner Blogger hätte ihm dafür nichts gebracht.
Ob man von Qualitätsjpurnalismus sprechen will oder nicht, wir brauchen mächtige Apparate, die die Voraussetzungen für aufwändige Recherchen schaffen können.
So sehr ich die Informationen aus anderen Blogs schätze: Wenn Blogs den Zeitungsverlagen den Boden entziehen könnten, so wie es die Wikipedia bei den traditionellen Enzyklopädien geschafft hat, wäre das ein unersetzlicher Schaden.
Wie ich darauf komme? In der ZEIT Nr. 31 vom 24.7.14, S.13ff wird der Weg von verschrotteten Fernsehern akribisch nachverfolgt. Der eine geht an eine private Entrümplungsfirma und landet in Afrika. Der andere wird zu einer kommunalen Wertstoffsammelstelle gebracht, kommt zu einer regionalen Entsorgungsfirma und landet - auf seinem Weg ständig per Sender genaue Positionsmeldungen abgebend - auch in Afrika.
Wer wollte das auf eigene Faust recherchieren?

Was für Schlüsse man daraus ziehen soll?
Da sind wir wieder bei der Aufgabe eines Blogs. Da - wohl aufgrund des Verbots des Exports funktionsuntüchtiger Elektrogeräte - immerhin 35% dieser Geräte in das deutsche Recyclingsystem gelangen, erfüllt das Gesetz einen Sinn. Freilich ist es nicht so wirksam, wie es sein sollte.
Doch gelangen so weniger Fernseher auf die Elektromülldeponie Agbogbloshie.

Laut Wikipedia haben schon Greenpeace und die BBC den Weg defekter Fernseher verfolgt:
Greenpeace verfolgte jedoch einen funktionsuntüchtigen Fernseher mit einem eingebauten Peilsender von einem Londoner Recyclinghof bis nach Nigeria. Auch die BBC konnte den Weg eines defekten TV-Sets von einer Londoner Straße bis nach Ghana verfolgen.[2]:S. 6.
Brauchen wir also keine Zeitungen, weil wir ja NGOs und Rundfunkanstalten haben (wie z.B. das ZDF).

Mehr zum Thema Schrott (beliebig herausgegriffen):
Auf der Jagd nach dem Müll, Kölner Stadt-Anzeiger, 14.4.14

GEWERBLICHE SAMMLER. Mit Musik auf der Jagd nach Schrott, Rhein-Erft Rundschau, 24.7.13