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16.1.23

Versöhnen statt spalten

 Versöhnen statt spalten ist mein Grundsatz, aber der allein löst nicht jedes Problem.


Gegenwärtig wecken die Coronaepidemie, die Klimakrise und der Ukrainekrieg das Bewusstsein dafür, dass es Probleme gibt, wo jedes Nichthandeln oder nur halbherzige Handeln in eine Katastrophe führen kann.
Dennoch gibt es kein Recht, einen Rettungsversuch aufzugeben.

Von größter Wichtigkeit ist dabei die Klimakrise, weil sie das Schicksal der Menschheit auf Jahrtausende bestimmen könnte.
Sie droht von den neuen aktuellen Krisen im Bewusstsein verdrängt zu werden. Das insbesondere, weil die Gründe für ihre zentrale Bedeutung äußerst schwer nachzuvollziehen sind. So kann man - wie ich - die Krise seit Jahrzehnten für eins der wichtigsten Menschheitsprobleme gehalten haben, ohne ihre erschreckende Bedeutung verstanden zu haben. 
Deshalb hat Greta Thunberg ihren Schwerpunkt vom Klima-Aktivismus auf die Aufklärung gelegt und mit über 100 Experten die gut verständlich geschriebene Dokumentation "Das Klima Buch" verfasst. Als Hilfe für den Einstieg steht jetzt dank ZUM-Unterrichten ein Artikel im Internet zur Verfügung, der anhand von Zitaten einen Überblick über die sehr komplexe Thematik verschafft.

Die Klimakrise verschärft das Flüchtlingsproblem, der Ukrainekrieg die Klimakrise. Die Coronapandemie hat den Klimaaktivismus (insbesondere die Demonstrationen) sehr erschwert, aber auch das Bewusstsein gestärkt, dass Politiker wissenschaftliche Erkenntnisse nicht ignorieren dürfen, dass rechtzeitig gehandelt werden muss, zumal wenn eine Krise nur weltumfassend gelöst werden kann.

Es gibt trotz dieser Krisen Hinweise, dass auf der Welt extreme Armut abgenommen hat  (auch wenn sie gegenwärtig wieder zunimmt) und dass in mehr Bereichen, als wir meist glauben, die Erde ein besserer Platz geworden ist.

Aber wachsende Ungerechtigkeit und der Klimawandel (ob menschengemacht oder nicht) drohen all diese Entwicklungen ins Gegenteil zu verkehren. Je früher und energischer die Menschen gegen diese Probleme angehen, desto größer ist die Chance, dass keine Menschheitskatastrophe eintritt. (Die Schülerstreiks könnten dafür wichtig werden, wenn die Erwachsenengeneration darüber zum Handeln findet..)

Deshalb versuche ich, auf diese Probleme hinzuweisen und meine Meinung dazu beizutragen. Ich finde es gut, dass das immer mehr Menschen möglich wird.

Meinungsfreiheit und Demokratie sind natürlich auch nicht ungefährdet. Dazu schreibe ich an anderer Stelle (siehe Links).

Dieser Artikel ist die aktualisierte Version eines Artikels, den ich seit November 2018 (also schon vor der Coronapandemie) routinemäßig in meinen Mails verlinke. In gewisser Hinsicht ist das ein Ausdruck meiner Hilflosigkeit angesichts des Klimawandels, der unsere Gesellschaft und die Weltgesellschaft in immer größere gegenseitige Entfremdung zu treiben droht. 
Hilfe ist nur zu erwarten, wenn es gelingt, diese Spaltung zu überwinden.

5.8.22

Von der Empörung über Verachtung zum Hass? Über die Gefahren gesellschaftlicher Enthemmung

 Drei Twitterzitate als Ausgangspunkt:

"Ich bin die einzige, die eine Maske trägt. Die einzige von ca. 30 Leute im Laden. Die #Maskenpflicht fallen zu lassen war ein Ausbund falsch verpackter "FREIHEIT" und sowas von wissenschaftsfeindlich. Der Herbst wird noch so richtig "lustig"."

"Ich werde nie wieder Maske tragen! Ich werde nie wieder einen Test machen! Und vor allem: Werde ich mich nie wieder derart gängeln lassen wie die letzten 2,5 Jahre  Bin ein freier, selbstbestimmender Mensch, der am besten weiß, was wichtig & richtig ist #ichmachenichtmehrmit"

"Und Sie werden nie wieder auch nur einen Funken Verantwortungsgefühl für Ihre Mitmenschen aufbringen. "Humanität" ist aus Ihrem Wörterbuch gestrichen! Dafür habe ich nur eines: Verachtung." (Belege hier)

Empörung über den Fortfall der Maskenpflicht, Empörung über die Maskenpflicht und Verachtung für Nichtachtung der Ängste anderer.

Harry Nutt analysiert diese Entwicklung in folgendem Beitrag:

Lust an der Empörung v. Harry Nutt FR 5.8.22

"Wir machen mit im Karneval der Affekte, erschrecken aber, wenn uns aus den sozialen Medien Hass entgegenschlägt."

Nicht mehr sind "Erkenntnis und Aufklärung eine Richtschnur für politische Entscheidungen und soziales Handeln [...] Stattdessen kostümieren wir uns in den in rasantem Tempo einander ablösenden gesellschaftspolitischen Debatten für einen Karneval der Affekte, in dem die Gebote zu rationaler Begründung geringe Aussichten haben, befolgt zu werden."

Empörung wurde 2010 durch die Schrift "Empört euch!" der 93-jährigen Stéphane Hessel als positiver Affekt bezeichnet. Harry Nutt schreibt dazu:

 „Wir müssen radikal mit dem Rausch des Immer noch mehr brechen“, heißt es in Hessels Bestseller, „in dem die Finanzwelt, aber auch Wissenschaft und Technik die Flucht nach vorn angetreten haben.“ Es sei höchste Zeit, dass Ethik, Gerechtigkeit, nachhaltiges Gleichgewicht unsere Anliegen werden."

Das, was Hessel zu Recht gegen Handeln der eigenen Regierung gefordert hat, wurde 2018 mit steigendem Erfolg von Greta Thunberg gegen das Nicht-Handeln der Regierungen in aller Welt gefordert.

Im Zuge der Corona-Pandemie machten sich die Maßnahmenkritiker diesen Anspruch auf Empörung zu eigen, indem sie für sich Meinungsfreiheit und Recht auf passiven Widerstand forderten. Dazu kamen, wie Harry Nutt es formuliert "entfesselte Ausdrucksformen [...] die weitgehend ohne Etikette auskommen"  Das wiederum rief  auf der Seite derer, die die Regierungsmaßnahmen für angemessen oder sogar nicht energisch ansehen, entsprechende Reaktionen - jetzt aber nicht gegen die Regierung, sondern gegen Personen hervor.

Dabei entsteht immer die Gefahr, dass solche Enthemmung in Hass umschlägt. Von der "Verachtung" ist der Weg nicht mehr sehr weit. - Auf beiden Seiten. 


Zur Erinnerung: Hessel schrieb 2010: "Den jungen Menschen sage ich: Seht euch um, dann werdet ihr die Themen finden, für die Empörung sich lohnt." (S.15) (Greta Thunberg hat gefunden.)

Hessel: "Ich habe [...] bemerkt, wie die israelische Regierung reagiert, wenn die Bürger von Bil'in jeden Freitag gewaltlos*, ohne Steine zu werfen, an die Mauer gehen, die der Gegenstand des Protestes ist. Die israelischen Behörden haben diesen Marsch als 'gewaltlosen Terrorismus' charakterisiert." (S.19)

(Man beachte Freitagsdemonstationen, weil das der muslimische Feiertag ist. - *Die Proteste, die 2005 gewaltlos begannen, blieben es - auf beiden Seiten - nicht, nachdem israelisches Militär eingriff. - Hessel war Mitglied der Kommission, die ab 1946 - seit 1947  unter der Leitung von Eleanor Roosevelt eine allgemeine Erklärung der Menschenrechte ausarbeitete.)


 

13.12.20

2020 Rückblick und Vorausschau

 Über dem Ärger wegen Corona haben viele vergessen, dass in Sachen Klimaschutz weltweit eine Veränderung eingetreten ist. Die konsequente Verfolgung eines Gedankens durch eine schwedische Schülerin hat weltweites Umdenken ausgelöst und dass der US-Präsident dagegen war, hat nicht verhindert, dass die EU ein Klimaschutzprogramm in Angriff genommen hat, das ohne Greta vielleicht gar nicht oder zumindest noch bescheidener entstanden wäre.

Die Coronakrise hat meiner Meinung nach manche Fehlentwicklungen aufgezeigt: Die Privatisierung des Gesundheitswesens führt Unterversorgung der Allgemeinheit herbei. Fleischfabriken sind gefährlich. Sie hat aber auch vorhandene Möglichkeiten aufgezeigt: Es geht mit weniger Flugverkehr und weniger Individualverkehr, wenn die Fernkommunikation ausgenutzt (und verbessert) wird.

Schließlich: Der Staat muss die Fähigkeit behalten, Veränderungen für alle zu ermöglichen: Regulierung der Finanzindustrie, Abschöpfung von Monopolgewinnen (Amazons Sondergewinne wegen Geschäftsschließungen), und es reicht nicht, wenn einzelne umdenken; aber auch ganze Gesellschaften können lernen.

Die giftigen Auseinandersetzungen sind schwer erträglich, aber besser, als wenn sie gewalttätig werden. (Die Sklavenbefreiung in den USA erfolgte erst nach dem blutigen Bürgerkrieg.)

Verglichen mit Menschen in Notsituationen wie Naturkatastrophen, Krieg, absoluter Armut, politischer Verfolgung oder auch nur politischer Unfreiheit geht es der deutschen Bevölkerung im Durchschnitt unfassbar gut.

Andererseits: Das, was ich hier stark vereinfachend so positiv geschildert habe, habe ich zunächst alles negativ, als zu wenig gedacht: Ich zweifle sehr, ob die gegenwärtigen Entwicklungen in eine gute Richtung führen, aber ich weigere mich, zu verzweifeln, wenn sie nicht in die Richtung führen, die ich für richtig halte.

Ein Gedanke ist mir im Gedächtnis geblieben (die genaue Formulierung nicht): Hoffnung heißt, zu handeln als wenn eine Lösung möglich wäre. Gerade in der jungen Generation gibt es dafür viele Beispiele.

23.8.20

Welche Chancen böte ein "Green Deal" der EU?

Ratspräsidentschaft und Vorsitz der EU-Kommission in weiblicher Hand.

Merkel spricht mit führenden europäischen Vertreterinnen von Fridays for Future.

Ich will versuchen, mit einen Blick auf die jüngere "Geschichte des Westens" (H.A. Winkler), von den vorgegebenen Anforderungen, die vom Klimawandel ausgehend, über realistische - wenn auch von heute aus gesehen utopische Wege in die Zukunft zu reflektieren.

Zunächst ist das nichts weiter als ein Projekt neben mehreren anderen, die ich ins Auge gefasst habe, die ich aber immer nur von Zeit zu Zeit angehen kann und von denen auch ein Fragment ein sinnvolles Ergebnis sein könnte.


Hier gilt es die Frage offen zu halten und im Blick auf die jüngste Vergangenheit nach Punkten der Veränderung zu suchen und nach den Wegen, die sie versprachen, auch wenn sie nicht genutzt worden sind.
Winkler sieht 1990 als den tiefen Einschnitt, der Anfang unserer Gegenwart war. Fukujama hat ihn für das "Ende der Geschichte" gesehen, insofern ist der Gedanke Anfang der Gegenwart passend.
Im Westen hat man die Friedensdividende, Gorbatschow und Putin haben ein Europäisches Haus als Möglichkeit gesehen. Beides ist nicht genutzt worden.
Wie aber, wenn wir den Blick auf den vorhergehenden tiefen Einschnitt sehen? 1945 wurden die Vereinten Nationen gegründet als Antwort auf den verheerenden Weltkrieg. In gewisser Weise war es nur eine Neuauflage des Versuchs mit dem Völkerbund nach dem Ersten Weltkrieg. Ein dritter Versuch?


1990 war u.a. das Ergebnis eines "Wandels durch Annäherung". Böte ein neuer solcher Wandel eine zweite Chance auf ein Europäisches Haus?
Zu bedenken: "Wenn die Europäische Union so etwas wie ein "Wir-Gefühl" entwickeln wollte, musste sie die kommunistische Diktaturerfahrung als Teil ihres gemeinsamen Erbes begreifen" (Winkler). Ist die Furcht vor einem russischen Angriff durch Abschreckung durch eine überlegene europäische Streitmacht zu überwinden?
Wie soll die aufgebaut werden, wenn der wirtschaftliche Einbruch aufgrund der Coronakrise die Konzentration aller Kräfte auf eine wirtschaftliche Erholung verlangt?


Außerdem: Die Pandemie führt eher zu Rückbesinnung auf nationale Lösungen. Kann Putin daran gelegen sein, mit einer Besatzungsarmee die Wege zu fremden Infektionsherden zu öffnen? Und noch wichtiger: Das Hauptproblem stellt für alle Nationen der Klimawandel dar. Hat es da Sinn, mehr Rüstung zu betreiben? Ist es nicht vielmehr vordringlich, die eingetretene Disruption für eine energische Umstellung der Wirtschaft zu nutzen?

Die osteuropäischen Staaten sehen ihre Hoffnung in Abschreckung. Sind die USA unter Trump eine glaubhafte Garantie für gemeinsame Verteidigungsleistungen von Europa und den USA?
Könnte es ein Wandel durch Annäherung Hoffnung auf Lösung des globalen Problems bieten?

China wird in den Medien immer wieder als die große Gefahr dargestellt. Wenn uns die USA nicht mehr schützen, sind wir China ausgeliefert. Oder Russland?
Was strebt China mit der neuen Seidenstraße an? Eine Hegemonie. 
Ist die Hegemonie der USA ein überzeugendes Vorbild? Könnte nicht doch eine Kooperation mehr Chancen bieten?
Könnte ein "Green Deal" nicht auch für China eine interessante Perspektive eröffnen?

Demokratie und Toleranz sehen wir im Westen als westliche Errungenschaften. Winkler sieht ältere Vorbilder im asiatischen Raum. Wie steht es mit an die Natur angepasstem Wirtschaften in Asien? Gab (und gibt) es nicht auch dafür gerade in Asien Vorbilder?

"Und ein Narr wartet auf Antwort." heißt es bei Heine.

Die Antworten liegen in der Zukunft, aber wir haben die Möglichkeit, auf sie Einfluss zu nehmen. Ist es närrisch, es wenigstens zu versuchen?

8.5.20

Tipps zum Unterricht in der Krise

Es gab viele Vorschläge für digitalen #Fernunterricht*, jetzt brauchen wir welche für den eingeschränkten Unterricht. Wie kann die man freistellen, die keine Lehrperson brauchen und denen helfen, die auf sie angewiesen sind?
Zur Erläuterung:
Lehrer müssen ihre Energien einsetzen können für die, die (Nach-)Hilfe brauchen.
Bei den Kurzschuljahren sind in 2 Jahren 6 Monate Unterricht eingespart worden, ohne wesentliche Beeinträchtigung des Lernerfolgs.
Bei G8 wird ein ganzes Schuljahr eingespart. 

Hochbegabte langweilen sich im Normalunterricht.* Die gewinnen über Fernunterricht Zeit für Recherche und eigene Arbeit.
Wirklich gute Schüler brauchen nicht ständig Rückmeldung, sondern Arbeitsanregungen. Da kann man alle (paar) Monate mal Rückmeldung geben.

Wenn die nichts schaffen, ist es nicht so schlimm. So wird der Leistungsstand der Lerngruppe mit der Zeit homogener. Aber sie haben die Chance, eigenständiges Arbeiten zu lernen. Wenn sie's nicht lernen, ist nur eine Chance verpasst.

Hier sammle ich Tipps, auf die ich hingewiesen werde oder von selbst stoße:

Zunächst meine Ausgangsvorstellung:
Fernunterricht mit allgemeinen Fragestellungen, für die die meisten Schüler nur wenig Feedback brauchen. Dazu Beispiele hier

Technische Hilfen, für die die sie brauchen, z.B.
Arbeitsgruppen bilden, die sich nicht physisch treffen, aber im Netz austauschen. Dafür werden die technischen Hilfsmittel bereitgestellt (sieh Textbeispiel) oder ausgetauscht.

Frau S "kümmert sich selbst darum, dass Kinder, die ihn benötigen, einen solchen PC bekommen und bringt das Gerät auch mal persönlich bei Schülern vorbei, die in den vergangenen Wochen mit großen Problemen zu kämpfen hatten, weil ihnen ein PC fehlte. Auf Dauer wäre das nicht gut gegangen, sagt eine betroffene Mutter einer Schülerin: "Weil sie komplett vom Schulstoff hinten nachhängen würde. Heißt: Sie müsste eventuell sogar die Klasse wiederholen, weil sie einfach nicht mitkommt."
Die Soforthilfe des Staats lässt noch auf sich warten. Für Lehrerin Friedl-Schneider, die bisher über 20 Computer verteilt hat, sollte es aber nicht nur bei der finanziellen Unterstützung bleiben. "Meine Hoffnung ist, dass die digitalen Möglichkeiten in Zukunft auch im Schulalltag intensiver ausgeschöpft werden. Damit uns sowas wie jetzt, von 0 auf 100, nicht mehr passiert."
Hier entsteht ein gemeinsames Dokument:
Jeder kann mitschreiben. Die Einzelbeiträge sind (farblich) deutlich unterscheidbar.

*     Weshalb es gut sein kann , wenn Hochbegabte keinen Unterricht haben:
Newtons Erfahrung während der Pest
"[...] Cambridge sent students home to continue their studies. For Newton, that meant Woolsthorpe Manor, the family estate about 60 miles northwest of Cambridge.
Without his professors to guide him, Newton apparently thrived. The year-plus he spent away was later referred to as his annus mirabilis, the “year of wonders.”
First, he continued to work on mathematical problems he had begun at Cambridge; the papers he wrote on this became early calculus.
Next, he acquired a few prisms and experimented with them in his bedroom, even going so far as to bore a hole in his shutters so only a small beam could come through. From this sprung his theories on optics.[...] 
“ … Whilst he was musing in a garden it came into his thought that the same power of gravity (which made an apple fall from the tree to the ground) was not limited to a certain distance from the earth but must extend much farther than was usually thought. ‘Why not as high as the Moon?’ said he to himself..”
In London, a quarter of the population would die of plague from 1665 to 1666. It was one of the last major outbreaks in the 400 years that the Black Death ravaged Europe.
Newton returned to Cambridge in 1667, theories in hand. Within six months, he was made a fellow; two years later, a professor.

* Beispiele für Tipps für digitalen #Fernunterricht
(wird laufend ergänzt)

19.3.20

Coronakrise und Schulbildung

Auch ich sehe in der gegenwärtigen gefährlichen Krise für unser gesamtes Gesundheitssystem Chance und Gefahr für unsere Bildung, so wie es sich in zwei sich 
widersprechenden Artikeln in der ZEIT vom 19.3.2020 widerspiegelt:
Im Unterschied zu den optimistischen Autoren der ZEIT sehe ich diese Entwicklung freilich mehr als jemand, der vor knapp 50 Jahren als Lehrer angefangen hat und seit etwa 15 Jahren mit der Erstellung von OER-Materialien begonnen hat.
In dieser Zeit bin ich zum Schluss gekommen, dass ein Großteil der Schüler (nach meinem Gefühl waren es in meiner Unterrichtszeit wohl über die Hälfte) auf die erfolgreiche Motivation durch ein Gegenüber angewiesen ist. Und besonders sozial benachteiligte Schüler.
Sozial Benachteiligte machen manchmal eine großartige Bildungskarriere, aber fast immer findet sich in ihrem Lebenslauf mindestens eine ganz wichtige Motivatorin.
Nicht selten waren es mehrere.

Und dennoch sehe auch ich in der Krise eine Chance, weil - nach einigem Hin und Her - international erkannt wird: Bei einer bevorstehenden großen Katastrophe hilft jeder Tag früher, an dem energisch gehandelt wird, die kommenden Anstrengungen leichter zu machen.

Doch natürlich ist das eine Vereinfachung. Denn wenn wir die beiden Weltkrisen, in denen wir uns gegenwärtig befinden, vergleichen, gibt es neben manchen Gemeinsamkeiten auch viele Unterschiede. Die herauszufinden, möchte ich alle alle auffordern, die gegenwärtig von ihrer laufenden Arbeit freigesetzt sind.
Hier ist eine Anregung dazu mit manchen Hilfen, manchem Material und vielen offenen Fragen:


12.1.20

Bernd Ulrich: Alles wird anders. Das Zeitalter der Ökologie

Bernd Ulrich: Alles wird anders, 2019

Zitate:


"Nur 16 der 197 Länder, die das Pariser Abkommen unterzeichnet haben, haben überhaupt einen nationalen Klimaaktionsplan definiert, um die Zusagen zu erfüllen. Dies geht aus einer Studie vor, die im Vorfeld der UN-Klimakonferenz COP24 im polnischen Kattowitz
Im November 2018 veröffentlicht wurde. [...]
Man darf die Größe der politischen Leistung von Paris gleichwohl nicht unterschätzen. Pathetisch gesprochen: So viel Menschheit waren noch nie. Unglücklicherweise steht die Natur nun nicht etwa staunend daneben und beklatscht dieses komische Ding namens Mensch, das sich da in ihr gebildet hat." (S.35/36)


"Zunehmend zornig macht mich auch die Feigheit der Politik vor den kurzfristigen und kurzsichtigen Profitinteressen einiger Industrien oder dass auch immer da wieder mit vielen Steuermilliarden Technologien aufwändig gefördert werden, wo eine Verordnung durchaus genügen würde [...] Oft macht die Industrie doppelte Gewinne: erst durch ihre Versäumnisse, indem sie Geld für Erneuerung einspart – dann durch staatlich subventionierte Innovation." (S.39)

"Die Regierung baut also tatsächlich die Akzeptanz für eine wirksame Klimapolitik eher ab als auf, eine Politik, die sie selbst beschlossen hat und von der sie sich nicht ohne große Selbstbeschädigung verabschieden kann [...]" (S.53)

"Ist es Zufall oder Notwendigkeit, dass es die westlichen weißen Demokratie ihren bisher nie ohne Ausbeutung anderer Länder, andere Ethnien, der Frauen – und eben der Natur gegeben hat? Kann unser liberales Gesellschaftsmodell existieren, ohne sich mehr Ressourcen zu nehmen als andere und die Erde und die Atmosphäre mehr zu verschmutzen als andere und mehr, als es verantwortbar ist? [...]
 sollten sich westliche Demokratie und Ausbeutung als siamesische Zwillinge erweisen, dann liest sich auch das vergangene Jahrhundert künftig anders." (S.87/88)


Was die heutigen Regierungen sich weltweit leisten, ist "die Verwandlung der Freiheit in Zwänge". (S.157)

"Niemand weiß zurzeit, wie lange diese Zeitzone der Freiheit dauert, aber man weiß, dass es sie gibt. Freiheit hat neuerdings ein Verfallsdatum." (S.160)

"Das Insistieren auf überkommenen Privilegien ist jedoch nicht freiheitlich, es ist feudal." (S.163)
(Anmerkung Fontanefan: Das Wort libertas bedeutete im frühen Mittelalter noch Vorrecht. - Das steht leider noch nicht in der Wikipedia.)

S.165 schreibt Ulrich dem Sinne nach: Alles, was wir heute falsch machen, ist eine Chance, es besser zu machen. Es gibt Tausende von Chancen für jeden einzelnen.

"Die Klassenkämpfe konnten den Kapitalismus nicht brechen, die Klimakämpfe könnten ihn dagegen aus seinem Wahn befreien." (S.182)
(sieh: Naomi Klein: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima)

"Die autoritären Bewegungen [...] sind auch schon Vorboten einer aggressiven Antiklima-Bewegung" (S.194)

"Doch je mehr eine Gesellschaft oder ein Mensch tut, um etwas zu verändern, desto mehr sind sie auch wieder in der Lage hinzusehen. [...] Denn es ist das schlechte Gewissen, das uns zwingt, die Augen zuschließen. [...]
Noch weiter beschleunigt und erleichtert würde diese Dynamik, wenn die Politik endlich damit beginnen würde, den Rahmen so zu setzen, dass ökologisches Verhalten nicht bestraft, sondern belohnt wird. Das Bedrückende, das jeder zunächst einmal empfindet, wenn er oder sie die ökologischen Notwendigkeiten auf sein eigenes Leben herunterricht, kommt schließlich vor allem daher, dass dem Individuum ein zu hoher Anteil an der Verantwortung aufgebürdet wird. [...] 

Politik hat die Aufgabe, das Richtige zur Struktur werden zu lassen, das Gebotene zu gebieten. Solange man für 30 Euro nach Rom fliegen kann, bedarf es eines gewissen asketischen Heldentums, darauf zu verzichten. Und Heldentum ist nun mal etwas für Minderheiten." (S.198/99)
"Wenn man sich die Gesamtheit aller ökologischen Maßnahmen in Deutschland anschaut, so wird man darin schwerlich die Konturen einer Wende nach von entdecken, sondern die Fluchtwege der Politik vor dem Volk und noch mehr vor der Wirtschaft. (S. 200)
"Zum anderen sind auch die Grünen in der alten Mitte-Politik gefangen. Die Generation der 68er, aus der etwa Joschka Fischer, Ralf Fücks oder Winfried Kretschmann stammen, hat diese Partei zutiefst geprägt. Und die Biografie dieser Männer ist von einer Formel bestimmt: Erfolg durch Anpassung. Alle drei waren in ihrer politischen Jugend, vorsichtig gesprochen, schlimme Finger, Systemfeinde, doktrinär und unerträglich. Bei den Grünen auf ihrer Reise in die Institutionen, wurden sie hingegen bessere Menschen, Sie hatten Erfolg und konnten sogar dieses Land ein bisschen ökologischer und freier machen. Von so einer Heilungsgeschichte erholt man sich nicht mehr so leicht, sie wird selbst zum Dogma. (S. 201/202) 

"Als ich einen der genannten Männer in einem Vier-Augen-Gespräch einmal gefragt habe, ob die Kluft zwischen dem, was ökologisch nötig wäre, und dem, was ökologisch getan wird, sich schließt oder weitet, antwortete er ohne Zögern: Die Kluft werde größer. Auf meine Nachfrage, warum er dann nicht ökologische Forderungen erhebt, die diese Kluft schließen könnten, gab er zurück: Dann würden die Leute denken, ich wäre wieder so radikal wie früher. Den Fluchtpunkt seiner Politik bildet also nicht die ökologische Realität, sondern der Abstand zu den traumatischen Anfängen seiner eigenen Biografie. Das Trauma der Abweichung und das Gebot der Anpassung könnten es auch den Grünen unmöglich machen, eine Politik zu formulieren, die symmetrisch zu den Problemen ist – und nicht zu den Biografien. [...]
 Manches ist nämlich viel einfacher, als wir das von der bisherigen Politiker gewohnt sind. So brächte schon das bloße Streichen umweltschädliche Subventionen über 50 Milliarden Euro." (S.201-203) 
"Allerdings, ohne dass die beiden großen deutschen Finanzdogmen der 2000er-Jahre fallen – keine Steuererhöhungen und keine Schulden –, können die Billionen Euro schwerlich aufgebracht werden, die nötig sind, um die Klimawende binnen eines Jahrzehnts zu schaffen." (S. 203)
Lenin hat einmal behauptet: "Der Marxismus  ist allmächtig, weil er wahr ist." Was natürlich in beiden Richtungen nicht stimmt. Aber vielleicht kann man sagen: "Der Liberalismus ist wahr, weil er allmächtig ist." Oder war. Das würde dann bedeuten, dass der Liberalismus ohne Macht nicht auskommen kann, weil er dann Teile seiner Wahrheit verliert." (S. 206)

"Die westlichen Gesellschaften sind in einer Phase angekommen, da sie nur noch leistungsfähig sind, wenn sie den Leistungsdruck verringern. Sie müssen so kreativ sein, dass die militärisch-industrielle Lebensweise, die aus dem vergangenen Jahrhundert in die Gegenwart hineinragt, überwunden wird. Nur hat diese Kultur der Milde noch längst nicht die Hegemonie übernommen." (S.209)
"Wer sich für einen Moment lang von der Vorstellung vom Egoismus als Wesen des Menschen verabschiedet und nur fragt, wie viel Glück auch für den Einzelnen durch Egoismus denn eigentlich geschaffen werde, der wird finden, dass egoistisches Verhalten so viel individuelles Glück produziert wie ein altes chinesisches Kohlekraftwerk Energie – mithin sehr wenig, dafür viel CO2. Ohne seine fossile Verstärkung und seine materielle Einverleibung ist der Egoismus die vielleicht schlechteste Methode, um ein zufriedener Mensch zu sein. Daher rührt dann vielleicht seine Sucht nach immer mehr Materie und anderen fremden Antriebsstoffen.
In diesem Sinne wäre der Egoismus weder eine Quelle des Fortschritts noch etwas Verwerfliches, sondern einfach eine falsche Ideologie, an die zu glauben wir uns angewöhnt hatten, einfach weil wir es konnten." (S.211)
"Vielleicht genügt es, die marktwirtschaftlichen Anreize anders zu setzen, eine radikale, aber auf Nachhaltigkeit und Schonung setzende Politik zu beginnen und ansonsten gehen Liberalismus, Kapitalismus und Egoismus einfach so weiter. Manche werden das hoffen, manche befürchten. 
Eines aber geht nicht mehr: der Klimawende auszuweichen aus Angst davor, dass sie unsere weltanschaulichen Gewohnheiten infrage stellt und unsere privaten Sinnmanufakturen stört." (S. 211/212)

"Es gibt für uns Babyboomer so oder so keinen Grund, die Klappe aufzureißen, weil wir in einer ganz wesentlichen Hinsicht den absoluten, irgendwie auch tragikomischen Höhepunkt der Weltgeschichte darstellen: Niemand vor uns hat so viel konsumiert und emittiert, niemand nach uns wird so wenig mit den Folgen dieses Lebenswandels zu tun haben, weil wir uns ja unserer Verantwortung durch rechtzeitiges Wegsterben entziehen werden."(S. 213/214)

sieh auch;
Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie, 2011


22.5.19

Die Ursachen des aktuellen Klimawandels unmissverständlich erklärt

von rezo: "Die Zerstörung der CDU"

Dazu jemand, der mehrmals CDU gewählt hat:
11. Danke lieber - Für all die Mühe, der das Zusammentragen, für das Aufbereiten und das Posten dieses Videos. Deutschland könnte mehr Menschen wie Dich brauchen, die auf Basis von Fakten argumentieren und ihren Standpunkt so pointiert klar machen.

und die hilflosen Reaktionen

Die FAZ versucht mit einem Faktencheck (23.5.19) rezos Argumente auszuhebeln. 
Im Grunde findet sie nur eine Aussage, die sie als falsch bezeichnen kann. Dabei erweist sich freilich, dass sie schlicht nicht zureichend informiert ist (mehr dazu auf dem Bildblog, der auch auf die Argumentation der CDU eingeht).
Dass es den Politikern in der Tat extrem schwer gefallen ist, eine vernünftige Klimapolitik durchzusetzen, ist der FAZ zuzugestehen und aus der weltweiten aus der Entwicklung der letzten Jahrzehnte deutlich abzulesen. 
Aber gerade das will rezo ja anprangern. 

Besonders peinlich in meinen Augen die Stellungnahme in der von mir an sich hoch geschätzten ZEIT: Die interessanteste Frage stellt er nicht. (Lisa Nienhaus ZEIT 24.5.19)
Ihre Argumente sind inzwischen mehrmals wiederlegt worden. 
Ihre "interessanteste Frage" ist, wie mehr Leute "neu aufsteigen können von den Normalos in den Club der Reichen".
Weit wichtiger scheint mir Die Kunst den Kapitalismus zu verändern, dass der Menschheit der Lebensraum nicht im Laufe dieses Jahrhunderts verloren geht.
Die Antwort von Wolfgang Kessler: hier, die von Muhammad Yunus: hier.

Das Hauptproblem, ist, den Klimawandel zu beschränken. Die Macht der Superreichen zu beschränken könnte ein dafür notwendiges Mittel sein. Aber noch ist der Beleg dafür noch nicht erbracht. 

Hier aber ein abweichende Stimme in den Mainstreammedien:
"Der Unsinn und die Beschwichtigungen aber, die vom Personal der sogenannten Volksparteien routinemäßig verbreitet werden, sind für die Demokratie mindestens ebenso gefährlich. Der deutsche Politikbetrieb und seine Beobachter haben sich an diese kleineren und größeren Lügen, Verzerrungen, Weglassungen, Mauscheleien, an die Lobbyistensprache so sehr gewöhnt, dass all das kaum noch wahrgenommen wird." (Christian Stöcker auf Spiegel online 26.5.19)
Die Hervorhebung stammt von mir. Hinzusetzen muss ich leider: auch von den Mainstreammedien. 

Wissenschaftlicher Faktencheck zu rezos Video:
Volker Quaschning
Stefan Rahmstorf

Zu den Reaktionen der Qualitätspresse auf rezos Video schreibt Dejan auf Twitter:

Ist "Googelt" Schleichwerbung oder das?
Digitale Transformation


AKK denkt über Regulierung von Influencern nach, tn3.de 27.5.19

20.5.19

Wir wollen es nicht wahrhaben


Früher hat man nicht selten den Überbringer einer unangenehmen Botschaft getötet.
Heute, im Zeitalter des Internets, sind wir humaner und sagen einfach mit Trump "Fake News".

Im Fall des menschengemachten Klimawandels ist das freilich nicht ganz so leicht. Wenn seit Jahrzehnten über 90 Prozent der Wissenschaftler über die Grunddiagnose einig sind und wenn inzwischen nach jahrzehntelangen Verhandlungen auch die Politiker 2015 auf einer Weltklimakonferenz konkrete Beschlüsse zu seiner Eindämmung gefasst haben, dann helfen auch die von Lobbyisten bezahlten Gegengutachten nichts mehr. Der Klimawandel lässt sich nicht mehr ernsthaft bestreiten.

Wieso aber gelingt es uns, weiterzumachen, als gäbe es ihn nicht?
Zwei Gründe gibt es.
Erstens: Wenn wir den Klimawandel jetzt noch eindämmen wollen, müssen wir unsere Lebensweise radikal umstellen. Und wer will das schon?
Zweitens: Die anderen leben ja auch weiter, als ob es ihn nicht gäbe. Das macht es viel leichter, den eigenen Augen nicht zu trauen. Wenn ich etwas verändere, macht das sowieso keinen wesentlichen Unterschied. Also brauche ich es nicht zu tun.

Etwas Weiteres kommt hinzu: Ständig gibt es neue Nachrichten über Missstände auf der Welt, über die wir uns aufregen können:
Wir diskutieren über Trump, Putin, Erdogan, Böhmermann, über die AfD, Seehofer und Merkel, Scheuer, Stuttgart21, den Berliner Flughafen, über Kevin Kühnert ... Es nimmt kein Ende. Das macht es leichter, nicht an den Klimawandel zu denken.
Jetzt gibt es freilich Schüler, die nicht mehr mitmachen wollen, die ein Recht auf Zukunft fordern.
Das schreckt auf. Aber nun setzt eine allgemein menschliche Reaktion ein: "Jetzt gibt es endlich jemanden, der sich um den Missstand kümmert. Ein Glück! Jetzt brauche ich es ja nicht mehr."
Lasst es Greta und die anderen Schülerinnen und Schüler mal machen! Jetzt bin ich ja nicht mehr gefragt. Jetzt kann ich wieder so tun, als ob alles in Ordnung wäre.

Nur ist da der 26.Mai. Wir alle sind gefragt, wie es in Europa weiter gehen soll. Als Demokraten haben wir sogar nicht nur ein Recht, sondern deshalb auch eine Pflicht, uns darum zu kümmern.
Da hilft es nun nicht, sich zu sagen: "Hauptsache, ich wähle nicht diese eine böse Partei." Jetzt gilt es zu fragen: Wer setzt sich für die Zukunft der kommenden Generationen ein und will wirklich ernsthaft den Klimawandel nach Kräften eindämmen?
Es sind nicht viele, aber die verdienen unsere Stimme.

10.5.19

"PISA-Chef" Schleicher zu Mathematikabitur und zum Klimawandel

"Die Pisa-Ergebnisse zeigen: Deutsche Schüler sind gut darin, etwas auswendig zu lernen. Aber sie könnten besser daran sein, Ideen zu durchdringen und kreativ mit ihnen zu arbeiten.
[...] In Deutschland trainieren die Schüler oft Rechenprozeduren. In einer japanischen Klasse stellt der Lehrer ein Problem in den Raum – und alle entwickeln gemeinsam eine Herangehensweise für die Lösung. In Deutschland wird noch immer zu viel Stoff in zu geringer Tiefe vermittelt. Ich empfehle: weniger Stoff, mehr eigenständige Auseinandersetzung. Die deutschen Schüler haben nicht leichtere Abituraufgaben, sondern besseren Unterricht verdient. [...] Für mich zeigt sich hier einmal mehr: Es ist mit vielen Problemen verbunden, dass es keine einheitlichen Prüfungen für ganz Deutschland gibt. Gäbe es sie, dann wäre es doch so: Fällt eine Prüfung zu schwer aus, ist das zwar schmerzlich. Es hätte aber keine gravierenden Auswirkungen, weil es ein Jahrgang ist, der um Studienplätze konkurriert. Ein fairer Vergleichsmaßstab ist das Abitur bislang nicht. Das sollte sich ändern.
Mathematik gilt ohnehin schon als Fach, an dem viele scheitern. Wird dieser Frustrationsfaktor nicht noch größer, wenn sie von jedem eigenes mathematisches Denken erwarten?
Eben nicht. Dieses mathematische Denken kann man trainieren – das ist nicht einfach nur Begabungssache. Mathe kann man viel besser lernen als beispielsweise Musik, die viel mit Talent zu tun hat. Die Pisa-Ergebnisse aus China und Singapur zeigen, dass sich die Fähigkeiten zum mathematischen Denken an die gesamte Schülerschaft in hohem Maß vermitteln lassen. [...] Es geht darum zu lernen, dass Mathematik eine Sprache ist, mit der sich die Realität beschreiben und gestalten lässt. Dafür ist fächerübergreifender Projektunterricht sehr gut geeignet. Die Frage, wie es mit dem Klimawandel weitergehen könnte, ist auch ein gutes Thema für den Mathematikunterricht." (Oberhessische Presse Marburg 10.5.19 - Hervorhebungen von )

Der PISA-Chef ist weit begabter als ich und hat den viel besseren Überblick. Aber er geht entsprechend seiner Funktion vom internationalen Leistungsvergleich aus, nicht von der Aufgabe der bestmöglichen Förderung der Schüler. 
An sich geht mich das laufende Mathematikabitur nichts an. Wohl aber interessieren mich verallgemeinernde Behauptungen.
Als wir in unserer Schule Besuch von japanischen Lehrern hatten, waren die beeindruckt von der Gesprächskultur im Mathematikunterricht, davon wie nach Lösungswegen gesucht wurde. Dann freilich sagten sie: Auf dieser Klassenstufe würden unsere Schüler nicht über solche Aufgaben diskutieren, sie haben sie schon weit früher behandelt.
Im Übrigen weiß ich über die Lernkultur aus Japan, China und Singapur nur aus der Presse (die Erfahrungen meines Sohnes mit Autoritätshörigkeit  an einer japanischen Universität zählen hier nicht). Dass in Japan das Phänomen, dass Schüler den Lebenszwängen ausweichen, indem sie ihr Zimmer nicht mehr verlassen, häufiger ist als in Deutschland, ist aber wohl nicht aus der Luft gegriffen. Dass China und Singapur weniger Gesprächskultur, sondern Leistungskonkurrenz gepflegt wird, wohl auch nicht.
Die Klage von deutschen Englischlehrern, dass das Zentralabitur dazu geführt habe, dass im Abitur nur noch Mittelstufenniveau gefordert sei, weil Reflexion über komplexere Inhalte ohne ein Minimum an gemeinsamer Stoffkenntnis nicht möglich sei, höre und lese ich freilich aus erster Hand in der Familie und im Internet.

Und, mit Verlaub, die Frage, wie es mit dem Klimawandel weitergehen könnte, gehört nicht in den Mathematikunterricht, sondern in die Medien, auf die Straße und endlich in die Regierungen.
Hoffentlich denkt Herr Schleicher genauso und nicht wie Christian Lindner, aber dazu wurde er ja auch nicht gefragt.

27.4.19

Bildung in Zeiten von Digitalisierung und Klimawandel

"Bildung ist Bildung ist Bildung ist Bildung." (Rose is a rose is a rose is a rose. - Gertrude Stein) habe ich - wenn auch nicht wörtlich - der Redeweise von "digitaler Bildung" oder "digitalisierter Bildung" entgegengehalten.
Jetzt haben mich Martin Lindner (Die Bildung und das Netz) und Axel Krommer (Der Bildungsdiskurs als Kippfigur) davon überzeugt, dass David Weinberger mit „Small Pieces Loosely Joined” (2002) eine Veränderung der Bildungsbedingungen beschreibt, die eine solche Redeweise rechtfertigt.
Vorläufig lasse ich die Links als zureichende Begründung* meines Sinneswandels gelten, will aber später noch etwas mehr darüber hinzufügen, weshalb er mir berechtigt erscheint.

*Weshalb sehe ich in Links eine Rechtfertigung? Jedes Link verweist auf einen Begründungszusammenhang, der an und für sich einer ausführlicheren Erläuterung bedürfte. Aber der umfassende Schatz, den Allgemeinbildung früher zum Verständnis von Texten mit vielen unausgesprochenen Voraussetzungen beitrug, kann unter den Bedingungen der Internetkommunikation durch Links angedeutet und bis zu einem gewissen Grad ersetzt werden. Die drei unterschiedlichen Links, die ich zu Bildung gesetzt habe, können deutlich machen, wie weit der Bildungsbegriff inzwischen auch ohne die Redeweise von "digitalisierter Bildung" aufgefächert ist und inwiefern Bildung eben nicht Bildung, aber doch Bildung ist. 
Dass Bildung durch die Wikipedia in anderer Weise granularisiert und zugänglich geworden ist als in gedruckten Enzyklopädien, macht der Artikel der englischsprachigen Wikipedia A rose is a rose is a rose is a rose deutlich, der voll von Verlinkungen ist und dabei unter anderem auf Gertrude Steins Bezug auf ein Shakespearezitat* verweist.
*Bemerkenswert, dass dieses Zitat aus "Romeo und Julia" erst ab dem 18. Jahrhundert in dieser Form überliefert worden ist und dass es offenbar außer in der englischen Wikipedia nur in Farsi und Zentralkurdisch ebenfalls einen Wikipediaartikel dazu gibt.

3.4.19

Die Schülerstreiks sollen beendet werden!

"Die Klimaschutzproteste von Schülern müssen nach Worten von Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) früher oder später ein Ende finden. Dass die Schüler in der Unterrichtszeit demonstrierten, bewerte er kritisch, sagte Kretschmann am Dienstag in Stuttgart."
„Vor allem kann das nicht ewig so weitergehen.“
https://www.welt.de/politik/deutschland/article191245663/Fridays-for-Future-Gruener-Kretschmann-hat-genug-von-den-Schulstreiks.html


Er hat Recht: Die Schülerstreiks sollen beendet werden!

Sie sollen aufhören, sobald die Regierungen zu ihren Versprechungen stehen und ernsthaft handeln. 

23 Jahre hat sich die internationale Staatengemeinschaft gemüht, ein internationales Klimaschutzabkommen zustande zu bringen.
2015 in Paris war es so weit: Es gab einen allgemeinen Beschluss mit konkreten Zusagen aller Länder, was sie dafür leisten wollen.
2017 aber traten die USA und Deutschland von ihren Verpflichtungen zurück.
Alle Klimaaktivisten waren der Überzeugung: "Das kann nicht so weitergehen!"

Aber es ging so weiter.

Dann fand Greta Thunberg eine neue Methode, der Forderung Ausdruck zu verleihen: einen Schulstreik. Sie hielt ihn monatelang durch, bis die Weltöffentlichkeit auf ihren Protest aufmerksam wurde.
Seit dem 15. März 2019 streiken weltweit Schüler, um ihrer Forderung Ausdruck zu verleihen:
Nicht Reden - das kann so nicht weitergehen -, sondern Handeln.

Je früher sie damit aufhören können, desto besser ist es für uns alle.

21.3.19

Das Bild vom "digitalen Klimawandel"

Das Bild vom "digitalen Klimawandel" hielt ich zunächst nur für einen missratenen Vergleich wie den von den Datenautobahnen. Martin Lindner hat es aber in seiner Einführung in "Die Bildung und das Netz" so veranschaulicht, dass ich es jetzt für nötig halte, mich damit auseinanderzusetzen.
Es ist hochproblematisch, weil es beide Veränderungen, die atmosphärisch-klimatische wie den digitalen Anteil an der Globalisierung unzulässig verharmlost.
Den atmosphärisch-klimatischen Klimawandel deshalb, weil er zwar vermutlich einen menschengemachten Anteil enthält, aber von Menschen nur sehr begrenzt beeinflussbar ist. (Das ist gegenwärtig endlich wieder ernsthaft ins Gespräch gekommen, bleibt hier aber unbehandelt.)
Den digitalen Anteil an der Globalisierung deshalb, weil es die Vorstellung begünstigt, die Globalisierung und der digitale Wandel erfolge genauso naturgesetzlich wie der Klimawandel. Das ist aber falsch.
Dass die Globalsierung von Menschen initiiert und vorangetrieben wird, braucht hier ebenfalls nicht diskutiert zu werden. Schon eher, dass ihre Beschleunigung in den letzten Jahrzehnten auf ein Interesse an internationaler Arbeitsteilung zurückzuführen ist, die mit dem komparativen Kostenvorteil begründet wird.
Mich interessiert hier nur der digitale Anteil. Er hat, insbesondere nach der Kommerzialisierung des Internets, zu einer erheblichen Beschleunigung der Globalisierung beigetragen und insbesondere den Tigerstaaten sowie China und Indien zu einer erhöhten wirtschaftlichen Bedeutung verholfen.
Wenn es Al Gores Rechnung gewesen sein sollte, dass der IT-Vorsprung der USA ihnen im Laufe der Digitalisierung einen uneinholbaren Vorsprung bescheren würde, dann hätte er sich verrechnet. Uneinholbar ist er nicht und Trumps Drohungen wegen der deutschen 5G-Auktion sind darin begründet.
Auch das nur am Rande.
Entscheidend ist:
Die Digitalisierung erfolgt nicht naturgesetzlich, sei kann gesteuert, gebremst und beschleunigt werden.
Gegenwärtig beschleunigt sie sich, weil die Firmen, in deren Interesse es liegt, sie voranzutreiben, nur minimal besteuert werden.
So sehr digital immigrants und digital natives von der Digitalisierung profitieren, so wichtig ist es doch zu prüfen, ob die klimatischen Folgen der Globalisierung ein Bremsen von Globalisierung und eine entsprechende Steuerung der Digitalisierung erforderlich machen.
Diese Prüfung hauptsächlich denen zu überlassen, die von der Digitalisierung relativ wenig verstehen, könnte sich als verhängnisvoll erweisen. Bei der Nutzung der Atomkraft ist man so vorgegangen und hat jetzt ein Lagerungsproblem von einigen Millionen Jahren, das die Fachleute am Beginn übersehen und dann konsequent geleugnet haben, bis die Castor-Transporte nicht mehr zu verheimlichen waren.
Bei der Digitalisierung stellt sich das Problem völlig anders. Zunächst aber sollte man es sehen.
Eine kurze Andeutung schon hier:
1. Das Netz "vergisst nichts".
2. Das Netzgedächtnis ist leichter zu zerstören als verstreute Tontafeln, Pergament und Papier. (Stichwort: Wasserstoffbombe)
3. Das Netz ist manipulierbar.

18.3.19

Zwei Verzweifelte erwecken Hoffnungen

Der Norweger Jorgen Randers verzweifelte an der Lernfähigkeit Menschheit und ging trotzdem daran mit 36 Experten ein Zukunftsbild für 2052 zu erstellen - es kam 2012 heraus -, das für uns Laien erschreckend ist, für ihn aber eine Erleichterung darstellte:
"Es erfüllt mich aufrichtig mit Freude, dass der Weltuntergang nicht zu meinen Lebzeiten passieren wird." (S.279) [Hervorhebung von Fontanefan]
Das Schlimmste werde erst nach 2030 passieren. Dabei wusste er, dass eigentlich noch 2012 eine Möglichkeit bestanden hätte, das Schlimmste dauerhaft abzuwenden.

Die Schwedin Greta Thunberg verzweifelte mit 11 Jahren und versuchte trotzdem mit allen Möglichkeiten eines Kindes, das Schlimmste für ihre Generation zu verhindern. Über vier Jahre lang kämpfte sie ohne Hoffnung. Das sagte sie noch Ende 2018.
Die weltweiten Schülerstreiks vom 15. März 2019 haben vielleicht aber doch einen Funken Hoffnung in ihr erweckt. Jedenfalls kämpft sie noch unermüdlich weiter.

Jorgen Randers hat nicht daran geglaubt, dass ein weltweites Umdenken der Politiker im Laufe der nächsten Jahre möglich wäre. Doch das wäre für das Gelingen seines Vorschlags erforderlich. Ob Gretas Erfolg auch ihm Hoffnungen macht?

Bei mir hat er die Hoffnung erweckt, dass ein weltweiter Bewusstseinswandel entsteht und dass ich nicht mehr erleben werde, dass die kommenden Generationen ihre Hoffnungen aufgeben müssen.

Literatur zum Thema:

Naomi Klein: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2015 ISBN 9783100022318
Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, München 2011

Martin Jänicke / Philip Kunig / Michael Stitzel: Lern- und Arbeitsbuch Umweltpolitik. Politik, Recht und Management des Umweltschutzes in Staat und Unternehmen (Rezension)

1999; 432 S.; brosch., 29,80 DM; ISBN 3-8012-0283-6





11.3.19

Eine Rede, die ich nicht halten werde

Liebe streikenden Schülerinnen und Schüler,

ich bin euch dankbar, weil ihr mich aus meiner Resignation herausgerissen habt.
Nicht nur Greta, sondern ihr alle geht auf dem Weg voran, den allein zu gehen ich mich nicht getraut habe. Danke!

Freilich, ich bedaure euch auch. Ihr müsst damit fertig werden, dass die Umweltbewegung, die vor knapp 60 Jahren entstand, nur so wenig erreicht hat. Zwar nahmen 1972 an der erste  Weltumweltkonferenz in Stockholm bereits 113 Staaten teil, aber es dauerte 20 Jahre, bis es zur zweiten kam (1992 in Rio) und als endlich 2015 in Weltklimakonferenz in Paris relativ konkrete Beschlüsse gefasst wurden, sprangen die USA gleich und Deutschland - nur scheinbar ein Vorreiter in der Umweltbewegung - wenig später ab.
Was euch erwartet, weil die Generationen vor euch nicht genügend voran kamen, ist besorgniserregend. Jørgen Randers, der sich intensiv mit den Zukunftsaussichten für 2052 befasst hat, gibt deswegen heutigen Eltern den Rat: "Erziehen Sie ihre Kinder nicht zu Naturliebhabern." Denn wenn Sie das täten, erhöhten Sie "dadurch die Chance, dass Ihr Kind unglücklich wird". 
2052 werden nämlich nur noch wenige mit der Natur in Berührung kommen können. 

Aber ich sehe auch die neuen Chancen, die euer Weg euch eröffnet:
Je stärker sich die Klimaerwärmung bemerkbar macht, desto deutlicher wird nämlich, dass diese Entwicklung die ganze Erde betrifft und dass es daraus kein Entkommen gibt. Insofern hat eure Generation die Chance zu lernen, dass es ein gemeinsames Interesse eurer Generation ist, die Auswirkungen der Erwärmung so gering wie möglich zu halten. Und zwar habt ihr die Chance, das zu tun, bevor ihr davor resigniert. 
Natürlich gab es immer wieder Anläufe, weltweit ein lebenswerteres Leben zu gestalten, die gescheitert sind. Aber gerade in den letzten Jahrzehnten gab es Entwicklungen, die Anlass zur Hoffnung geben*: 
Die Blockbildung in Ost und West ist zusammengebrochen, auch ohne dass es darüber eine weltweite Verständigung gab. Einseitige Schritte haben in Umkehrung der Domino-Theorie immer mehr Staaten Freiheit gebracht. 
In Deutschland haben wir erlebt, dass ein Kanzler der CDU, die energisch die Annäherung an den Osten bekämpft hatte, diese Annäherung bis zur Deutschen Einigung vorantrieb. 
Die Fehlleistung eines Politikers führte zum glücklichen Fall der Mauer.
Wer sagt denn, dass heutige oder zukünftige Politiker keine Fehler mehr machen, die gute Folgen haben können?!
Durch die Digitalisierung sind internationale Kontakte ungeheuer erleichtert. Gute Ideen können sich schneller verbreiten als je. Greta Thunberg ist beileibe nicht die einzige Jugendliche, die einen mutigen Plan gefasst und verwirklicht hat. 

Und deshalb brauch ich diese Rede nicht zu halten.
Die heutige Jugendgeneration kann selbst ihre Interessen artikulieren. 
Und sie wird kein Blatt vor den Mund nehmen.
Tweet von Greta

* Entwicklungen mit Anlass zur Hoffnung