28.12.14

Sorge vor Islamisierung

Anscheinend fürchten vor allem türkische Frauen eine Islamisierung des Landes. Ihre Hoffnungen setzen sie dabei auf die Militärs.
Eine ungewöhnliche “Koalition”: Frauen und Militärs, die mit Staatsstreich drohen.


(Blogeintrag vom 30. April 2007 auf Fontanefan.blogg.de)

22.12.14

Pegida und "Deutschland postmigrantisch"

"Pegida" hat vollkommen recht: Die Regierung hat das Volk belogen.
So schreibt Anetta Kahane  völlig zu recht in der FR vom 22.12.14 und fährt fort: "Seit JAHRZEHNTEN KAM JEDE REGIERUNG MIT DER LÜGE, dass sich die Gesellschaft weder verändern werde noch müsse. [...] Die Regierungen sagten stets, Deutschland sei kein Einwanderungsland."
Warum sagten sie das? Weil in Deutschland Veränderung "nicht Hoffnung, sondern Angst" macht.

So weit treffend beobachtet und erfreulich überzeugend argumentierend geht es weiter. 
Nur der letzte Gedanke ist unvollständig und deshalb falsch.
Veränderung macht nicht nur in Deutschland "nicht Hoffnung, sondern Angst", sondern überall. Jedenfalls bei den Menschen die schlechte Erfahrungen gemacht haben. Veränderung macht aber auch Hoffnung. Den Gedanken verfolgt Kahane leider nicht weiter.
Hoffnung macht sie, wenn sie verspricht,dass der Grund für die Negativerfahrungen wegfallen wird. 

Jetzt kann man mit der Erzählung vom Rattenfänger kommen, man braucht es aber nicht.

Die Frage ist nämlich: Wer hat von den Veränderungen der letzten Zeit profitiert? 
In vieler Hinsicht alle. (Kahane zählt dazu manches auf, lässt freilich auch sehr vieles fort.) 
Aber in einer Hinsicht hat die große Mehrheit nicht profitiert. Das Pro-Kopf-Einkommen ist in Deutschland zwar durchschnittlich gestiegen, aber für die große Mehrheit nicht. Die durchschnittliche Steigerung ergibt sich, weil das reichste Prozent extrem profitiert hat (und  von diesem reichsten Prozent das allerreichste irrsinnig viel). 
Hoffnung käme auf, wenn der Eindruck entstünde, dass sich das ändern könnte. - Da das aber kaum einer glaubt (Die Allerreichsten schon gar nicht. Warren Buffet gehört zu den Ausnahmen, die die Regel bestätigen.), kommt ein zweites hinzu.
Von den Veränderungen der letzten Zeit haben auch Benachteiligte profitiert, wie Kahane zu recht aufzählt: Frauen, Migranten, Homosexuelle und andere.
Wieder hat die große Mehrheit nichts davon. Sie merkt nur, dass sie ein Stück Vorrechte gegenüber den Benachteiligten abgeben musste. (Wer gerne Vorrechte abgibt, weil er weiß, dass es gut für ihn ist, gehört erfahrungsgemäß nicht zur Mehrheit.)

Weil die Mehrheit - nicht unbegründet - glaubt, gegen die Reichsten und Allereichsten keine Chance zu haben, wendet sie sich nicht gegen die, die ihr den Hauptnachteil verschafft haben, sondern gegen die, die noch zu den Schwächeren gehören. 

Kahane meint nun, sie hätten mit ihrem "Rückzugskampf gegen die offene Gesellschaft" keine Chance und schließt optimistisch: "Die [offene Gesellschaft] lässt sich nicht mehr schließen. Nicht in einer Demokratie."

Eines scheint sie nicht bedacht zu haben: Die Demokratie ist nicht so stark, wie sie meint. Wenn die große Mehrheit zu der Überzeugung kommt, ihre Benachteiligung gegenüber den Reichen und Allerreichsten und ihr (relativer) Abstieg gegenüber den bisher Benachteiligten, lasse sich in einer Demokratie nicht beseitigen, dann wird sie die Demokratie beseitigen wollen. Und dafür wird sich gewiss jemand finden.
Jedenfalls gibt es auf der Welt genügend Beispiele dafür.

Deswegen warne ich davor, Pegida undifferenziert schlecht zu machen und als bösartig, dumm oder sonst etwas zu bezeichnen. Denn - wie Kahane zu recht feststellt:

" 'Pegida' hat vollkommen recht: Die Regierung hat das Volk belogen."

mehr zu Pegida
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Selbst ihr Weihnachtsmann ist wütend
Pegida ist erotisch

Dresden will Pegida nicht zum Feind
Viele Dresdner, die nicht Pegida sind, versuchen in diesen Wochen einen Spagat. Ablehnen, was an Pegida ausländerfeindlich ist, aber auf diejenigen zugehen, die da jeden Montag rumstehen – also mit ihren Füßen der Ausländerfeindlichkeit doch zustimmen; aber denen es doch vielleicht um etwas anderes geht, um Sorgen und Ängste; die es vielleicht gar nicht so meinen und die das vielleicht einsehen, wenn man mit ihnen redet und sich um sie kümmert. (ZEIT online 23.12.14
Ich frage mich: Wer legt fest, wofür jemand "mit den Füßen" stimmt? Im Zweifelsfall wird darüber in einem Rechtsstaat weder die Obrigkeit noch die Presse entscheiden, aber auch nicht die Person, die mit ihren Füßen etwas tut, sondern nach einem ordnungsgemäßen Verfahren ein unabhängiger Richter.

Gauck fordert mehr Schutz für Flüchtlinge  24.12.14
Flüchtlinge müssen eng zusammenrücken FR 24.1.214
Kretschmann will Dialog mit Pegida-Anhängern 26.12.14

Pegida gegen Journalisten: Wir machen dich platt! 30.12.14
"Die Pegida-Demonstranten wenden sich nicht nur gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes, die „Patriotischen Europäer“ machen auch Front gegen die etablierten Medien: Was Journalisten bei Pegida-Demos erleben."

 Sascha Lobo: Soziale Netzwerke: Mit "uns" ist es vorbei 31.12.14
"Denn gerade im Zusammenhang mit den Pegida-Demonstrationen und deren im Internet nachprüfbaren Äußerungen ist überdeutlich geworden, dass es mit allzuvielen Inhabern einer solchen "nationalen Identität" kein gemeinsames Wertefundament gibt: "Abendland" ist nur ein Ort. Mit jemandem, der Journalisten droht, ihnen "Isis-mäßig die Kehle durchzuschneiden", möchte man nicht "wir" sein. Genauso wenig wie mit den Mördern des Islamischen Staats selbst."

Thomas Assheuer: PEGIDA – VEREINT IN WUT UND ANGST: Die nationale Querfront, ZEIT online 2.1.15
"Forscher erklären den Zulauf für populistische Bewegungen mit dem Gefühl, man dürfe als Bürger bei entscheidenden Fragen nicht mehr mitreden, man sei nicht mehr "repräsentiert". Es ist das Gefühl, ein Bündnis aus politischen und wirtschaftlichen Eliten regiere über die Köpfe der Menschen hinweg und lasse über Dinge abstimmen, die vorab "alternativlos" entschieden worden seien. [...]
Für Bundeskanzlerin Merkel existiert zur "marktkonformen Demokratie" ohnehin keine Alternative, ebenso wenig zu ihrem Exportschlager, der Austeritätspolitik. Vermutlich wird auch Sigmar Gabriel bald verkünden, zum Freihandelsabkommen mit den USA gebe es "keine Alternative", obwohl er dessen Schiedsgerichte im Wahlkampf noch heftig bekämpft hatte. Dabei weiß Gabriel genau, dass solche Schiedsgerichte die Demokratieverdrossenheit weiter anheizen, weil sie ganze Staaten zu Schadensersatz zwingen können: Was ist die Stimme des nationalen Wählers gegen das Drohpotenzial internationaler Finanzinvestoren?"

Weitere Erklärungsversuche zum Phänomen Pegida journalistisch aufbereitet in der ZEIT.
Trocken referiert in der Wikipedia.

Mehr zur angeblichen "Alternativlosigkeit" extremer sozialer Ungleichheit im Kapitalismus: Piketty: Das Kapital im 21. Jh.

Woran ich mich immer wieder erinnern will: Flüchtlingselend



Ich verlinke gern auch zu Texten, die meiner Auffassung widersprechen.

Zwei Seelen

"Wenn man sich als Mensch verstehen will, wenn man mit Menschen umgeht und sie anleiten will, muss man wissen, dass sie als Systeme nie im Gleichgewicht sind." (jeanpol: Antinomische Bedürfnisse)

"Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust." (Goethe: Faust)

Jean-Pol Martin fährt fort:
 "Psychologisch übersetzt heißt es, dass sie nie zufrieden sein können, denn die Befriedigung eines Bedürfnisses enthält potenziell die Nichtbefriedigung des gegenteiligen. Der Einblick in die Grundbedürfnisse des Menschen und in die antinomische Struktur von Bedürfnistendenzen erleichtert das Verständnis menschlichen Handelns und erhöht die Kontrollkompetenz des Einzelnen im Umgang mit sich selbst und mit anderen Menschen." (jeanpol: Antinomische Bedürfnisse)
 "Kontrollkompetenz des Einzelnen im Umgang [...] mit anderen Menschen" klingt nach Anweisung für  Folterersatz, d.h. danach, dass man die Menschen danach zwingen kann, zu tun, was man will. Das ist aber nicht gemeint, sondern, dass man lernt, selbstgesteuert und zielführend zu handeln. (vgl. jeanpol zu Kontrollkompetenz)
Es geht also um Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit, Ichstärke.

Was bei Jean-Pol Martins These über Goethe hinausführt, ist der Gedanke, dass jeder Mensch "kein ausgeklügelt Buch, sondern ein Mensch mit seinem Widerspruch" ist und dass es für jeden der Normalzustand sei, nicht die Ausnahmesituation.
Dass dieser "Normalzustand" durch Frustrationserfahrungen im Normalmenschen meist längst verschüttet ist, macht die Aufgabe des Lehrens so mühsam und reizvoll.

Meine These dazu: Es ist nicht Schuld "der Schule", sondern des Normallebens in normalen Gesellschaften, dass Normalmenschen nur ausnahmsweise Selbstwirksamkeit in so hohem Maße erfahren, dass sie in Flow geraten. (zu Flow bei jeanpol)
Als Pädagoge lässt sich Jean-Pol Martin aber nicht davon abschrecken. Andere Pädagogen sollten sich auch nicht abschrecken lassen. 
Dafür kann man immer wieder Vorbilder gebrauchen, an denen man sieht, dass man Menschen dazu bringen kann, ihr "fehlendes Gleichgewicht" produktiv für sich und andere zu nutzen. 
Eine Weise, wie das geht, beschreibt LdL.

13.12.14

Deutschland postmigrantisch

 Die Studie "Wer gehört zum deutschen Wir?" des „Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM)“ der Humboldt-Universität zu Berlin fasst Naika Foroutan zusammen: 
„Deutschland ist durch Migration demografisch vielfältiger geworden, und die Gesellschaft handelt ihre kollektive Identität neu aus. ‚Postmigrantisch‘ richtet den Blick auf die Gestaltung der Gesellschaft nach erfolgter Einwanderung“, so Dr. Naika Foroutan, stellvertretende Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) und Leiterin der Forschungsgruppe JUNITED, die diese Studie an der Humboldt-Universität zu Berlin durchgeführt hat.

Studie: Deutschland postmigrantisch: Wer gehört zum neuen "Wir"?, BR.de 7.12.2014
"Wer ist deutsch und wonach bestimmt sich das? Diese Fragen versucht eine aktuelle Studie zu beantworten. Die Ergebnisse sind zum Teil überraschend. Viel Gemeinsames verbindet Menschen mit und ohne Migrationshintergrund."

dazu auch:
Naika Foroutan: Rassismus hat in Deutschland Strukturen, FR 8.5.2013
Naika ForoutanNeue Deutsche, Postmigranten und Bindungs-Identitäten. Wer gehört zum neuen Deutschland? In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 46-47/2010.
Naika Foroutan u. Isabel SchäferHybride Identitäten in Deutschland – muslimische Migrantinnen und Migranten in Deutschland und Europa. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 05/2009.
Ingrid Tucci und Olaf Groh-Samberg (2008): Das enttäuschte Versprechen der Integration - Migrantennachkommen in Frankreich und Deutschland Swiss Journal of Sociology, 34(2), S. 307-333..

10.12.14

Inklusion: einerseits hervorragende Ergebnisse, andererseits Lehrerhorror. Wieso?

Hervorragende Ergebnisse bei Inklusion gibt es in der Schule Berg Fidel in Münster. Freilich gibt es da 8 Betreuer für eine Klasse mit Schülern mit den unterschiedlichsten Handicaps [Inklusion – Revolution mit AnsageMagazin Schule] Ein Film berichtet mehr dazu (die Regisseurin auf Youtube).

Wenn allerdings auf die notwendigen Voraussetzungen für solchen Unterricht keine Rücksicht genommen wird, sieht es anders aus:
Bereits mehr als die Hälfte aller Schüler mit Förderbedarf lernen an Regelschulen. [...] Fragt man dort Lehrer nach Inklusion, so erzählen sie vom „ganz normalen Wahnsinn“. Jedenfalls wenn sie nicht gerade an einer Modellschule arbeiten. So kann der Inklusionsalltag auch aussehen: Ein todkranker Schüler erhält von der Mutter regelmäßig Infusionen im Kopierraum nebenan. Ein zweiter rastet gern aus. Ein dritter macht ständig nervtötende Geräusche mit dem Mund. Ein vierter ist Autist. Ein fünfter hat Eltern, die sich dauernd bei der Schulleitung beschweren, dass die Klasse im Stoff so weit hinterherhinkt. Verständlich, dass der Lehrer „komplett am Rad dreht“. Unter seinen restlichen Schülern haben zwei Legasthenie, mindestens einer ADHS. Die Kinder gibt es nämlich auch noch: die mit zum Teil erheblichen Problemen, aber ohne ausgewiesenen Förderbedarf.  (Inklusion – Revolution mit Ansage)
Zur Skepsis gegenüber Inklusion  (SZ 3.9.15)


Inklusion ohne Ideologie – zum Wohl aller Schüler (Bildungsklick 30.9.15)


Kongress "inklusiv politisch bilden" 21./22.9.15

6.12.14

Noch einmal TTIP: Zu den Auswirkungen auf das Klima und das Recht der Kommunen zu TTIP Stellung zu nehmen

Im Kontext der Behandlung des menschengemachten Anteils des Klimawandels wird immer wieder angesprochen, dass Verkehr eine wichtige Rolle für die Erhöhung von CO2-Ausstoß und anderen klimschädlichen Gasen hat. Nur wenn man von Welthandel und Deutschlands Rolle als Exportweltmeister spricht, scheint man das zu vergessen. Daher ist es wichtig, dass Albrecht Müller am 3.12.14 auf den Nachdenkseiten ausführlicher auf da Thema eingegangen ist. Er schreibt u.a.:
Export ist mit hohen Verkehrsleistungen verbunden. Die Maschinen zum Beispiel, die nach China oder nach Kanada oder Australien verkauft werden, werden über Straßen und Schienen zu den Häfen vornehmlich in Deutschland und Holland transportiert und dort verschifft. Große Mengen von Gütern werden innerhalb Europas auf den Straßen von LKWs transportiert. Die hohen Importe aus China, aus Indien, aus Bangladesch und sonst wo her werden entweder mit Flugzeugen oder über die erwähnten Häfen in Deutschland angelandet und dort wiederum mit LKWs und der Bahn verteilt, weniges auch per Schiff.
Die Flugzeuge fliegen ohne Kerosinbesteuerung. Der Bau und die Entwicklung von Flugzeugen ist zudem oft öffentlich subventioniert. Die LKWs zahlen auch nicht andeutungsweise die Kosten, die sie durch Lärm, durch Dreck und Verpestung der Luft und durch Flächenverbrauch verursachen. Die Transportleistungen wie auch die Schädigung der Umwelt und wie auch die nachgekarteten Versuche zur Rettung der Umwelt und auch der Straßenbau gehen in die Berechnung des Bruttoinlandsprodukts ein und schlagen sich als Anteil an Wachstum des BIP nieder. Kein sinnvolles Wachstum!
Das ist eine rundum falsche Entwicklung der weltwirtschaftlichen Struktur. Es ist wahrlich nichts dagegen zu sagen, dass wirklich sinnvoll eingesetzte Güter und Dienstleistungen exportiert werden und importiert werden. Aber es spricht alles dagegen, dass dieser Wahnsinn auch noch subventioniert wird und durch Geheimverhandlungen gefördert wird.
Verkehrsvermeidung und Regionalisierung – das wären sinnvolle Arbeitsfelder der Europäischen Kommission, jedenfalls um vieles sinnvoller als Geheimverhandlungen mit den USA und Kanada über Freihandelsabkommen. (Der weit überschätzte Welthandel und die daraus folgende weltweite Verschwendung von Ressourcen statt stärkerer Regionalisierung und Verkehrsvermeidung)
Bemerkenswert sind auch die Leserbriefe, die Müller daraufhin erhielt. So schreibt E.S.:
auf diesem Felde habe ich mich viele Jahre im Rahmen der Verkehrs- und Energiepolitik der EU “tummeln” dürfen.
Ich kann Dir nur zustimmen, was Subventionierung und fehlende Anlastung der externen Kosten des Verkehrs angeht. Ich kann im Rückblick die Strategiepapiere in Bezug auf Letzteres nicht mehr zählen: Im Gestrüpp der Arbeit einflussreicher Lobbies ist bis heute jeder Durchbruch verhindert worden. Es gab sogar ‘mal einen Verkehrskommissar (Neil Kinnock) , der dies zum Leitmotiv seiner Arbeit zu machen versuchte. Aber leider war das geduldige Bohren dicker Bretter nicht Neil’s Ding…..und ohne Durchhaltevermögen vis-à-vis einflussreicher Partikularinteressen ist man chancenlos.
In Bezug auf die Subventionierung von Exporten muss die Agrar- und Fischereipolitik an vorderster Stelle erwähnt werden: Europäer und Amerikaner werfen ihre Überschüsse oft zu Dumpingpreisen auf Dritte Märkte, und der gegenwärtige Migrationsdruck hat hier, neben kriegerischen Konflikten, eine wesentliche Ursache. (Leserbrief am 5.12.14 veröffentlicht)
Da ich auf diesem Blog noch nicht über die Gefahren von Exportüberschuss geschrieben habe, verlinke ich hier noch auf einen Artikel von mir aus dem Jahr 2010.

H. Klimenta: TTIP muss sterben, heise.de 30.12.14

Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages zum Recht von Kommunalvertretungen, sich mit TTIP zu befassen, ZEIT online 4.3.15
 In bundesweit 113 Gemeinden, so das Umweltinstitut München, sei in den Kommunalvertretungen bereits über das Freihandelsabkommen diskutiert worden. Einige verfassten ablehnende Resolutionen oder sammelten Unterschriften gegen TTIP, die sie an ihre Abgeordneten oder den Bundestagspräsidenten versandten. Sie alle hätten, sollte sich die im Gutachten postulierte Rechtauffassung durchsetzen, widerrechtlich gehandelt.

attac zu diesem Gutachten:
Wir halten diese Art wohlverstandener Einmischung nicht für "rechtswidrig", sondern für zwingend notwendig - dagegen aber Wahlens Rechtsauslegung für entsprechend einseitig. Wir rufen dazu auf, sich von solchen behördlichen Einschüchterungsversuchen nicht beirren zu lassen: Gegen den Durchmarsch der Profitinteressen braucht es Aufbegehren - gerade auch in den Kommunen.

Auf rein praktischer Ebene bietet es sich dennoch an, ein oder mehrere örtliche Beispiele für betroffene Strukturen in der Resolution aufzuführen, um so besser argumentieren zu können. Und selbst wenn die Resolution formal ungültig sein sollte, ändert das nichts an ihrer politischen Wirkung. KeinE BürgermeisterIn wird vor Gericht verurteilt werden, weil der Gemeinderat eine Resolution über Freihandelsabkommen beschlossen hat.

2.12.14

Klassenchats

Philippe Wampfler schreibt in "Klassenchat – oder die schwierige Ökologie sozialer Netzwerke":
Wer sich mit Klassenchats auseinandersetzt, wird bemerken, wie falsch viele Vorstellungen von »Digital Natives« sind. So selbstverständlich Neue Medien genutzt werden, so viele Schwierigkeiten bringen sie mit sich. Jugendliche haben ein differenziertes Bewusstsein von den Problemen, die Klassenchats schaffen können. Sie werden damit aber völlig allein gelassen, weil die Schule daran offiziell nicht beteiligt ist und die Eltern diese Chats als paraschulische Aktivität tolerieren müssen, weil sie eine Bedingung der Teilnahme an wichtigen Lernprozessen im Peer-Bereich geworden sind.
Wollen Lehrpersonen hier aktiv werden, bitte ich sie, mit jeder Klasse eine Lektion über ihren Chat zu sprechen. Am Schluss könnte eine Art Verpflichtung stehen, wie die Qualität des Austausches verbessert werden kann.
Dazu zunächst zwei Ausschnitte aus Kommentaren:
1. Mir scheint das Thema in Schule und Elternhaus von ausserordentlicher Bedeutung und bisher noch nicht wirklich geklärt, wohl auch weil die Zuständigkeit zwischen Stuhl und Bank fällt (zwischen öffentliche Schule und privatem Zuhause).
2. Ich frage die Klasse:”Können wir das … in eurem Klassenchat (WhatsApp, what else?) lösen?” – die Klasse:”Wollen Sie das wirklich?” – Ich:”Grundsätzlich nein, einfach kurz zur Lösung dieses Problems” – die Mädchen:”d’Buebe sind nid (nümme) i de Gruppe!”

Man merkt, dass dies Diskussionen im Schweizer Raum sind. Die Probleme sind aber mit Sicherheit überall ähnlich.
Meine Ansicht: Die Klassenchats gehören gewiss in das Gespräch im Lehrerzimmer (und in Lehrerblogs). Die Entscheidung, wie man darauf reagiert, gehört zur pädagogischen Verantwortung. Ob Lehrerkonferenzen und Ministerien dazu bindende Beschlüsse fassen sollten, kann ich ohne genauere Kenntnis der Situation vor Ort nicht beurteilen. Der Hinweis von Philippe Wampfler scheint mir aber bedenkenswert.

Links:
Eine aktuelle Schülerfrage in gutefrage.net mit Antworten;

Zeitungsartikel
Klassenchat kann schnell zu Mobbing führen, in http://www.wz-newsline.de/, 27.11.14
Whats App: Klassen-Chat eskaliert, 2.10.2013

27.11.14

Inklusion in NRW ein Kostensparprojekt?

Der „Rheinischen Post“ liegt ein Brief vor, in dem die Bezirksregierung Köln als Schulaufsichtsbehörde die Schulträger auffordert
dem gemeinsamen Unterricht generell zuzustimmen, um „Verwaltungsaufwand“ zu begrenzen.
Es geht dabei um die besonders förderungsbedürftige[n] Kinder der Bereiche Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung. Schließlich, so heißt es in dem Brief, sei für diese Kinder „in der Regel zusätzliche sächliche oder personale Ausstattung nicht vonnöten“. (Wirtschaftswoche 27.11.14)
Zu beachten ist in den Berichten, wie positiv die Erfahrungen gesehen werden und wie viele zusätzliche Lehrerstunden eingeplant werden.

Hervorragende Ergebnisse bei Inklusion mit 8 Betreuern für eine Klasse mit unterschiedlichsten Handicaps in der Schule Berg Fidel in Münster (Youtube) [Inklusion – Revolution mit Ansage, Magazin Schule]

Wo auf die notwendigen Voraussetzungen für solchen Unterricht nicht geachtet wird, sieht es anders aus:
Bereits mehr als die Hälfte aller Schüler mit Förderbedarf lernen an Regelschulen. [...] Fragt man dort Lehrer nach Inklusion, so erzählen sie vom „ganz normalen Wahnsinn“. Jedenfalls wenn sie nicht gerade an einer Modellschule arbeiten. So kann der Inklusionsalltag auch aussehen: Ein todkranker Schüler erhält von der Mutter regelmäßig Infusionen im Kopierraum nebenan. Ein zweiter rastet gern aus. Ein dritter macht ständig nervtötende Geräusche mit dem Mund. Ein vierter ist Autist. Ein fünfter hat Eltern, die sich dauernd bei der Schulleitung beschweren, dass die Klasse im Stoff so weit hinterherhinkt. Verständlich, dass der Lehrer „komplett am Rad dreht“. Unter seinen restlichen Schülern haben zwei Legasthenie, mindestens einer ADHS. Die Kinder gibt es nämlich auch noch: die mit zum Teil erheblichen Problemen, aber ohne ausgewiesenen Förderbedarf.  (Inklusion – Revolution mit Ansage)

24.11.14

Lisa Rosa: Die Zukunft des Lernens: Sinnbildung im 21. Jahrhundert

Ich zitiere absichtlich zuerst das, wo ich unbedingt zustimme:
• Sinn ist nicht von außen gegeben, sondern wird intern erzeugt. Wer Depressionserfahrung hat, weiß sehr gut, was es heißt, nicht mehr in der Lage zu sein, Sinn zu erzeugen.
• Sinn ist nicht abstrakt und für alle gleich, sondern immer konkret und
persönlich. 
und:
Das Notwendige heute sind die 4 K:
• Kreativität
• Kritisches Denken
• Kommunikation
• Kollaboration 
Die ersten zwei Aussagen hat Lisa Rosa formuliert, Die 4 Ks, die Rosa zustimmend zitiert, stammen vom PISA-Koordinator Andreas Schleicher.

Jetzt ist hoffentlich Ihr Interesse an Rosas Vortag geweckt:

23.11.14

Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt

Bisher habe ich auf Fontanefans Schnipsel vor allem Zitate aus Osterhammels "Verwandlung der Welt", einem "Meilenstein der deutschsprachigen Geschichtsschreibung" (Andreas Eckert) gesammelt und werde es dort auch weiter tun. Nachdem ich inzwischen einen Eindruck von den ersten fünf Abschnitten des Werks gewonnen habe, möchte ich die vorliegenden Rezensionen (z.B. bei Perlentaucher) durch meine eigenen Eindrücke ergänzen.

Osterhammel setzt mit seinem Beispiel für weltgeschichtliche Betrachtung (wie vor ihm Bayly in "Die Geburt der modernen Welt", 2006) zu einem Zeitpunkt an, wo die Globalisierung schon so weit voran geschritten ist, dass die Menschheitsgeschichte schon starke und mehr und mehr weltweite Wirkungszusammenhänge erkennen lässt.
Dabei vermeidet er es sorgfältig, die Geschichte des 19. Jahrhunderts zu erzählen. Vielmehr geht er sie unter der Überschrift Annäherungen bewusst unter streng ausgewählten Aspekten an: zunächst unter dem des Selbstbildes der Zeit, dann unter dem der Kategorien Zeit und Raum.

Bei der Betrachtung des Selbstbildes und unter dem Zeitaspekt sieht er das 19. Jahrhundert immer in Bezug auf seine charakteristischen Unterschiede zu den früheren Jahrhunderten und auf die Wandlungen, die die Strukturen des 20. Jahrhunderts herbeiführten. Dafür kann der Satz "Vor dem 20. Jahrhundert kann kein einziges Jahr als epochal für die gesamte Menschheit betrachtet werden" als beispielhaft gelten. Das 19. Jahrhundert wird in die Kontinuität der vorhergehenden Jahrhunderte  gestellt und andererseits deutlich von dem Globalisierungsgrad des 20. abgehoben. 

Das gilt auch für seine Aussagen über den Raum. Sorgfältig achtet er darauf, dass uns geläufige Termini nicht ungeprüft als schon im 19. Jahrhundert gültig verwendet werden:
"Die Sammelbezeichnung 'Südostasien' entstand während des Ersten Weltkriegs in Japan." (S.137)"Die Kategorie des 'Westens' etwa [...] findet sich als dominante Denkfigur nicht vor den 1890er Jahren." (S.143)"Im langen 19. Jahrhundert war viel häufiger als vom 'Westen' von der 'zivilisierten Welt' die Rede. [...] In Japan wurde es sogar zum Ziel nationaler Politik, als zivilisiertes Land akzeptiert zu werden." (S.144)

Danach gibt Osterhammel unter der Überschrift Panoramen ohne Vollständigkeitsanspruch einen Überblick über acht große Wirklichkeitsbereiche, die wesentliche Elemente der Gesamtgeschichte des 19. Jahrhunderts erfassen sollen:
Sesshafte und Mobile
Lebensstandards
Städte
Frontiers
Imperien und Nationalstaaten
Mächtesysteme, Kriege, Internationalismen
Revolutionen
Staat

Die Panoramen durchaus nicht so klar gegliedert und ähnlich gleichwertig wie die Annäherungen. Vielmehr gibt es große Überschneidungen zwischen Lebensstandards  und Mobilität; denn während der Sklavenexport die Betroffenen in Lebensstandard und Lebensqualität meist auf Generationen zurückwarf, wurde die freiwillige Migration meist von Personen der Unterschicht gewählt, die hoffen durften, mittelfristig ihren Lebensstandard zu verbessern, auch wenn sie im Falle der Indentur zwischenzeitlich zu Arbeit ohne (oder zu nur sehr geringem) Lohn verpflichtet waren. 

(Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, 2009)

Zitate aus Jürgen Osterhammel "Verwandlung der Welt"

15.11.14

TTIP verhindert Ziele der schwarz-roten Koalition

Das Transatlantische Freihandelsabkommen trägt einerseits nichts zum Wirtschaftswachstum bei, andererseits würde es die schwarz-rote Koalition an der Verwirklichung ihrer festgeschriebenen politischen Ziele hindern.
Zu diesem Ergebnis kommt der wissenschaftliche Dienst des deutschen Bundestages.
Dazu berichtet Spiegel online am 14.11.14: Freihandelsabkommen hebelt deutsche Gen-Politik aus.

Inzwischen fragt sich, welche Ziele hinter dem TTIP stehen, wenn die öffentlich behaupteten (Wirtschaftswachstum) nicht gelten und die wahrscheinlichen Folgen der erklärten Politik widersprechen.
Was verschweigt die Bundesregierung?

14.11.14

Gibt es heutzutage keinen Kolonialismus mehr?

Nach dem 2. Weltkrieg wurden viele Staaten unabhängig. Besonders viele im Jahr 1960, dem Jahr Afrikas.
Ein Staat, der Mitglied der UNO ist, genießt den Schutz der Völkergemeinschaft. Es sieht einfach schlecht aus, wenn man ihn zur Kolonie machen will.
Es gibt aber noch Gebiete, die von einstigen Kolonialherren abhängig sind: Überseegebiete Frankreichs und Großbritanniens, z.B. die Falklandinseln, die Großbritannien noch 1982 in einem aufwändigen Krieg gegen Argentinien verteidigte, Militärstützpunkte Großbritanniens und der USA, z.B. Gibraltar und Guantanamo Bay Naval Base.
Schließlich finden auch gegenwärtig immer wieder Kämpfe um Einflusssphären weit jenseits der Grenzen des "Einflusslandes" statt. Man beachte die Rivalität der europäischen ehemaligen Kolonialstaaten, der USA und Chinas bei ihrem Kampf um Bodenschätze, Absatzmärkte und landwirtschaftliche Flächen in Afrika (Land Grabbing).
Weshalb wohl ist das Verhältnis zwischen USA, EU und Russland so schlecht geworden, als es darum ging, wer den entscheidenden Einfluss in der Ukraine bekommt? Gegenwärtig herrscht dort Krieg. Wäre es dazu auch gekommen, wenn nicht mehrere Länder die Ukraine für ihre Einflusssphäre bewahren bzw. gewinnen wollten?

13.11.14

Mehr Wachstum durch TTIP ist ein Märchen

Jetzt gesellt sich sogar schon die ZEIT den TTIP-Kritikern zu (12.11.2014) und zwar deshalb, weil offensichtlich wird, dass TTIP, die Transatlantische Freihandelszone, nicht das Wachstum der beteiligten Volkswirtschaften fördert, sondern nur die Gewinnmarge der beteiligten Unternehmen erhöhen wird, weil sie entgangene Gewinne bei den beteiligten Staaten einklagen können.

Mehr zum Thema

8.11.14

So wichtig sind Gewerkschaften

In Großbritannien liegt der Mindeststundenlohn bei (umgerechnet)
$ 10,24, in New York bei $ 8.-.

Verdient ein Zimmermädchen in London mehr oder weniger als eins in New York?

Die Antwort ist: Ein Zimmermädchen in London verdient im Durchschnitt ca.  (umgerechnet) $ 10,30 in New York 28,50. Wieso?
In London sind ca. 3% der Zimmermädchen in einer Gewerkschaft, in New York 70%.

Raten Sie mal, ob Londoner Hotels einen Streik fürchten, der von einer Zimmermädchengewerkschaft ausgerufen wird, und ob New Yorker Hotels Streiks einer Zimmermädchengewerkschaft fürchten.

Mehr dazu im Guardian:
Poverty pay isn’t inevitable., 8.9.2014

Ist vielleicht jemand der Ansicht, jetzt sei ihm klar, weshalb die Bahn sich weigert, mit der GDL in ernsthafte Verhandlungen einzusteigen?
Nur nicht voreilig! Seit die GDL Erfolge erzielt hat, ist auch Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), nicht mehr so handzahm wie ihre Vorgängerin Transnet, deren Vorsitzender die Privatisierung der Bahn unterstützte und dafür mit einem Managerposten bei der Bahn mit Millionengehalt belohnt wurde.

Aber es könnte schon sein, dass die 6 - 7 mal größere EVG mehr Schwierigkeiten hat, ihre Mitglieder für eine geschlossene Streikfront zu gewinnen als die GDL. Und bisher hat noch kein GDL-Vorsitzender einen Managerposten bei der Bahn angenommen.


5.11.14

Rentner und Pensionäre an der Universität

"Wir müssen draußen bleiben!"-Schilder sollten die Universitäten gewiss nicht aufhängen, um Senioren von der Uni fernzuhalten. So problematisch ist das Miteinander von vorberuflichen und nachberuflichen Studenten nicht. Aber kann man angesichts der Überfüllung der Universitäten wirklich ganz unbesorgt davon ausgehen, dass 1% Gasthörer eher beleben als stören?

Prof. Dr. Jörg Tremmel, Politikwissenschaftler an der Universität Tübingen mit Forschungsschwerpunkt Generationengerechtigkeit, vertritt eine andere Meinung: "Die Hochschulen müssen sich auf die Ausbildung der jungen Erststudierenden konzentrieren. Sie vor allem müssen gute Studienbedingungen vorfinden." Und: Wer im Alter noch studieren wolle – sei es regulär oder als Gaststudent –, solle dafür auch eine der Leistung angemessene Gebühr zahlen. Tremmel rechnet in seiner Studie mit dem Titel "Generationengerechte und nachhaltige Bildungspolitik" vor: Seniorenstudierende, die in den meisten Fällen bereits Rentner sind und keiner steuerpflichtigen Tätigkeit mehr nachgehen, geben dem Staat deutlich weniger von dem über die Hochschulen in sie investierten Geld zurück als junge Studierende. (OFFENE HOCHSCHULE. Die Grauen da vorne, bildungsklick, 4.11.14)
Ein ergänzendes Zitat aus der ZEIT:
Die Universitäten sind überfüllt, ein Professor kümmert sich im Schnitt um 64 Studenten. Auf die Raumnot haben die Hochschulen reagiert, indem sie Seminare abends bis 22 Uhr und samstags stattfinden lassen. Wo der Platz nicht reicht, werden Kinosäle, Kirchen und Container angemietet. Die Uni Göttingen mag aktuell ihren 14. Nobelpreisträger hervorgebracht haben, aber Erstsemester müssen in der Stadt auf Feldbetten in alten Schulgebäuden schlafen. (Bildungsbürgertum, 5.11.14)
Ich bin jedenfalls recht froh, dass ich in MOOCs, in Barcamps, von Bloggern und Autoren der Wikipedia und des ZUM-Wikis oder auch in frei gebildeten Gruppen lernen kann, ohne das Zahlenverhältnis zwischen Professoren und Studenten ohne Not weiter zu verschlechtern.
Freilich wird das nicht für jeden ausreichen.

Jedenfalls sind m.E. die 7 goldenen Regeln für ältere Gasthörer (an der Universität Oldenburg) durchaus beherzigenswert:
1. Wir sind Gäste der Universität, die willkommen und nicht nur geduldet sind.
2. Wir haben Spaß an einem offenen und respektvollen Umgang mit den jungen Studierenden.
3. Wir profitieren von den menschlichen und fachlichen Kontakten mit den jungen Studierenden.
4. Wir stehen gegenüber den jungen Studierenden zurück, wenn es räumlich eng wird, wenn Veranstaltungen überbelegt sind und wenn bei fortgeschrittener Zeit diskutiert wird.
5. Wir sind keine „Besserwisser“ und lassen deshalb den jungen Studierenden in der Diskussion den Vortritt und drängen unser Wissen und unsere Erfahrung nicht auf.
6. „Schwarzhören“ ist kein Kavaliersdelikt, sondern eine Bereicherung auf Kosten Anderer.
7. Wir begegnen uns untereinander als Gasthörende freundlich und tragen damit zu einer positiven Atmosphäre bei den Universitätsveranstaltungen bei.

31.10.14

Wie viel Optimismus ist erlaubt?

Von sozialen Heilsversprechen wissen wir, dass sie um so mehr geeignet sind, Unmenschlichkeit zu rechtfertigen, je größer das versprochene Heil ist.

Wie steht es mit technologischen Versprechen?
Sie werden umso eher zu folgenreichen Investitionsumlenkungen führen, je größer das Potential an wirtschaftlichem Gewinn erscheint. Entsprechend werden auch Risiken umso eher vernachlässigt werden.

Das eindrucksvollste Beispiel war sicher die friedliche Nutzung der Kernkraft.
Das Versprechen war unbegrenzt viel billige Energie. Wie hätte man dies Versprechen ungehört ausschlagen können?
Und wirklich dauerte es einige Jahrzehnte, bis deutlich wurde, dass der größte anzunehmende Unfall deutlich häufiger auftreten würde, als die Berechnungen der Fachleute aussagten.

Wie ist gegenwärtig die Gentechnik einzuschätzen?

Dazu gibt es einen interessanten Aufsatz in der ZEIT vom 23.10.14 von Ulrich Bahnsen und Andreas Sentker.

Die Autoren tun so, als wären sie sich der Verantwortung der Gentechniker bewusst, und dennoch kritisieren sie die Vorsichtigen, als hätten die noch nicht begriffen, was der neuste Stand der Gentechnik ist.

Aber auch für Gentechnik gilt:
Heilsversprechen sind um so mehr geeignet, unverantwortbare Risiken zu rechtfertigen, je größer das versprochene Heil ist.

Das heißt nicht, dass die neusten Verbesserungen nicht dazu beigetragen hätten, manche Risiken zu beseitigen. Aber in den 50er Jahren hätte auch der informierteste Atomphysiker nicht voraussagen können, weshalb die Katastrophe von Fukushima möglich werden könnte.

Die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) und die Tarifeinheit

Flächentarife und Tarifeinheit scheinen mir ein deutliches Plus der deutschen Gewerkschaftslandschaft. Wir verdanken sie der britischen Labour Party, die nach 1945 versuchte, Deutschland die Zersplitterung in viele kleine Berufsgewerkschaften, wie sie in Großbritannien im Zuge der frühen Gewerkschaftsentwicklung im 19. Jh. entstanden sind, zu ersparen.

Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer erschwert durch ihre Auseinandersetzung mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) diese Tarifeinheit im Bereich der Deutschen Bahn.  Wie ist das zu bewerten?

Als die Privatisierung der Deutschen Bahn von Mehdorn vorangetrieben wurde, widersetzte sich die GDL diesem Vorhaben, während die Vorgängerin der EVG, die Transnet, sie unterstützte. 

Dazu Jens Berger auf den NachDenkSeiten:

Zum großen Zusammenstoß mit der GDL kam es 2007, als Transnet einen Tarifvertrag mit der Deutschen Bahn unterzeichnete, der es der Bahn gestattete, über fragwürdige Vertragsbedingungen neue Lokführer zu Stundenlöhnen von 7,50 Euro einzustellen. Nicht die „Lokführergewerkschaft“, sondern Transnet war laut Vertrag für diese „Lokführer zweiter Klasse“ verantwortlich, die formaljuristisch als „Mitarbeiter mit eisenbahnspezifischer Ausrichtung“ bezeichnet wurden. [...] Durch einen langwierigen Arbeitskampf konnte die GDL 2008 ihren ersten großen Sieg erringen und musste von der Deutschen Bahn in einem eigenständigen Tarifvertrag als vollwertige Arbeitnehmervertreterin anerkannt werden. Im gleichen Jahr unterzeichnete die Konkurrenz von Transnet ihren moralischen Offenbarungseid – der Gewerkschaftsvorsitzende Norbert Hansen wechselte ohne jegliche Übergangszeit mit fliegenden Fahnen die Seiten und heuerte im Vorstand der Deutschen Bahn AG als neuer Arbeitsdirektor an. Der Gewerkschafter, der zuvor seine Kollegen an die Deutsche Bahn verraten hatte, kassierte nun auf der Arbeitgeberseite seinen Judaslohn. Für die nicht einmal zwei Jahre, die er im Vorstand der Deutschen Bahn AG verbrachte, überwies ihm das Staatsunternehmen inkl. Abfindung stolze 3,3 Millionen Euro. Einen derart massiven Fall von Korruption (nicht juristisch, aber sehr wohl moralisch) hat es in der deutschen Gewerkschaftsgeschichte wohl noch nie gegeben.(Jens Berger: Bahnstreik – Ich bin ein GDL-Versteher!)
Mehr dazu bei Stephan Hebel: Tarifeinheit von oben geht nicht, FR vom 31.10, 14, S.11
"Es ist ein großer Unterschied, ob man einen Mindestlohn gesetzlich erzwingt oder die Einheit der Arbeiterbewegung. Den Mindestlohn selbst durchzusetzen, waren die Gewerkschaften objektiv zu schwach. Die Einheit in den Betrieben selbst herzustellen, waren und sind sie zu verblendet und manchmal zu dumm. [...] Hier geht staatliches Eingreifen zu weit."
Ergänzungen 
Jakob Augstein: Bahn-Streik: Ein Dank an die Lokführer, Spiegel online, 6.11.14
Der Philosoph Byung-Chul Han hat geschrieben: "Der Neoliberalismus formt aus dem unterdrückten Arbeiter einen freien Unternehmer, einen Unternehmer seiner selbst. Jeder ist heute ein selbstausbeutender Arbeiter seines eigenen Unternehmers. Jeder ist Herr und Knecht in einer Person. Auch der Klassenkampf verwandelt sich in einen inneren Kampf mit sich selbst. Wer heute scheitert, beschuldigt sich selbst und schämt sich. Man problematisiert sich selbst statt die Gesellschaft."
 Der Klassenkampf findet nicht mehr auf der Straße statt, sondern im Inneren. Margaret Thatcher musste die Gewerkschaften noch mit Polizeigewalt bekämpfen. Das übernehmen bei uns heute die Medien.
Jens Berger: Worum geht es im GDL-Streik eigentlich? NachDenkSeiten 7.11.14
Um den Hintergrund des GDL-Streiks zu verstehen, ist es zunächst wichtig, die Begriffe Tarifeinheit und Tarifpluralität zu definieren. Die Tarifeinheit wird im Kern durch den Satz „Ein Betrieb, ein Tarif“ beschrieben. Der Grundsatz der Tarifeinheit wird vor allem dann bemüht, wenn es aus verschiedenen Gründen innerhalb eines Betriebes mehrere gültige Tarife gibt. In einem solchen Fall wurde bis 2010 von den Arbeitsgerichten der Fall nach dem Grundsatz der „Spezialität“ behandelt: Danach gilt der Tarifvertrag, der dem Betrieb räumlich und fachlich am nächsten steht. Diesen Zwang zur Tarifeinheit hat das Bundesarbeitsgericht jedoch im Jahre 2010 unter Berufung auf die im Grundgesetz zugesicherte Koalitionsfreiheit abgeschafft. Heute gilt stattdessen der Grundsatz der Tarifpluralität, nach dem in einem Betrieb verschiedene Tarifverträge gestattet sind. Ein Arzt kann also z.B. nach dem Tarifvertrag von ver.di oder nach dem Tarifvertrag des Marburger Bundes entlohnt werden – je nachdem, in welcher Gewerkschaft er ist.
Das Gleiche gilt für Lokführer, die entweder in der GDL oder in der EVG organisiert sein können. Nun will die GDL erstmals diesen Grundsatz auch auf die in der GDL organisierten Mitarbeiter des Zugpersonals geltend machen. Dazu zählen unter anderem Zugbegleiter (also Schaffner) und Mitarbeiter in der Bordgastronomie. Die Deutsche Bahn beschäftigt in diesem Bereich 37.000 Mitarbeiter, von denen 10.000 keiner Gewerkschaft angehören und 8.000 Mitglied der EVG sind. Die GDL will nun für die ihre 19.000 Mitarbeiter in diesem Bereich (die 51%, von denen seitens der GDL immer die Rede ist) Tarifverhandlungen führen. 

26.10.14

Passiver Widerstand gegen den Holcaust

Ich kann gegenwärtig nicht konzentriert arbeiten, doch da ich schlecht schlafe, stehen mir Nachtstunden zur Verfügung, die ich für Blogartikel verwenden kann, die keine große Konzentration voraussetzen. (Hilfreich war, dass in diesem Fall eine Anregung von gutefrage.net zu einem Thema  kam, mit dem ich mich schon beschäftigt, aber zu dem ich noch keinen Artikel geschrieben hatte.)

Den bekanntesten erfolgreichen passiven Widerstand haben die deutschen Frauen tausender Juden geleistet, die in die Vernichtungslager deportiert werden sollten, indem sie tagelang die Berliner Rosenstraße besetzt haben, bis die Nazis auf den Transport verzichtet haben. Die Wikipedia schreibt dazu: "Der Rosenstraße-Protest war die  größte spontane Protestdemonstration im Deutschen Reich während der Zeit des Nationalsozialismus. Ende Februar/Anfang März 1943 verlangten „arische“ Ehepartner aus „Mischehen“ und andere Angehörige von verhafteten Juden in Berlin deren Freilassung."  


Den umfassendsten passiven Widerstand haben die Judenräte geleistet, die von den Nazis dazu gezwungen wurden, ihnen bei der Erfassung und Ermordung ihrer Schicksalsgenossen zu helfen.
Zitat aus dem Wikipediaartikel: 
"Die ersten Judenräte mussten für sie vor allem die jüdische Bevölkerung ihres Ortes zählen, Wohnungen räumen lassen und ihnen übergeben, Zwangsarbeiter zur Verfügung stellen, Wertsachen konfiszieren, Tribute sammeln und auszahlen.
Durch diese Maßnahmen der Besatzer, die zudem alle staatlichen Dienstleistungen strichen und verhinderten, entstanden enorme Versorgungsprobleme in den jüdischen Gemeinden. Daher nahmen die Judenräte auch am Aufbau eigener Ersatzinstitutionen teil. Sie versuchten, die Lebensmittelverteilung zu organisieren, Krankenstationen, Altenheime, Waisenhäuser und Schulen aufzubauen. Zugleich versuchten sie mit den ihnen verbliebenen Möglichkeiten, den Zwangsmaßnahmen entgegenzuwirken und Zeit zu gewinnen. 
Dazu verzögerten sie die Umsetzung der Befehle und bemühten sich, diese abzuschwächen, indem sie Rivalitäten verschiedener Besatzungsstellen auszunutzen versuchten. Sie stellten ihre Arbeitskräfte als möglichst unentbehrlich für die Deutschen dar, um ihre Versorgungslage zu verbessern und die Deutschen zur Rücknahme einiger Kollektivstrafen zu bewegen." (Hervorhebung von mir)
Diese Arbeit war eine, die in ein fürchterliches moralische Dilemma hineinführte. Claude Lanzmann hat erst ganz am Ende seiner jahrzehntelangen Arbeiten über die Judenverfolgung eine Verteidigung der Judenräte geschrieben (Zitat aus dem Wikipediaartikel zu Lanzmann: "Mit der Dokumentation Der letzte der Ungerechten von 2013 wollte er nach eigenem Bekunden Benjamin Murmelstein, dem letzten Vorsitzenden des Judenrates von Theresienstadt, ein Denkmal setzen, da dessen Rolle bislang „sehr ungerecht“ dargestellt worden sei.[12]), weil er überzeugt war, dass ohne jahrzehntelange Kenntnis der ganzen Grausamkeit und Perfektion der Nazimordmaschine die Öffentlichkeit nie imstande sein werde, die Tragik und Leistung bedeutender Judenräte zu erfassen. "
Wolf Murmelstein hat am Beispiel seines Vaters Benjamin, der unter den Juden sehr "umstritten" (genauer gesagt: verständlicherweise, aber sehr zu Unrecht sogar verachtet und wohl manchmal auch gehasst (?) war) diese unsäglich furchtbare Arbeit geschildert (http://www.hagalil.com/archiv/2004/10/murmelstein.htm)
 vgl. Lanzmanns Artikel in der ZEIT vom 7.5.2015: In der Hölle über Benjamin Murmelstein
Ein wichtiger Hinweis noch zum Dilemma der Judenräte:
Während wir heute wissen, dass das gewaltigste Verbrechen der Menschheitsgeschichte über Jahre hin erfolgreich betrieben werden konnte, dann aber mit der Niederlage der Verbrecher endete, konnten die Judenräte nicht wissen, ob nicht vielleicht a) die Aktion relativ begrenzt wäre, regional und zeitlich b) oder völlig erfolgreich mit den Nazis als Weltherrschern am Ende.
In beiden Fällen wäre ein zwischenzeitlicher, begrenzter Erfolg weit wichtiger gewesen, als von heute aus gesehen erkennbar.
Man nehme den Vergleich der politischen KZs. Widerständler haben sich an der Häftlingsverwaltung beteiligt, um die durch der verbrecherischen Kapos so weit als möglich auszuschalten, und haben vielen Personen das Leben retten können. Das vielleicht interessanteste Beispiel ist Eugen Kogon. Er überlebte und schrieb dann nach der Befreiung das erste wissenschaftliche Werk über den SS-Staat, lange Zeit das beste Standardwerk und bis heute das einzige, das aus äußerst intimer Kenntnis des Systems von innen geschrieben wurde.
Judenräte haben dazu beigetragen, dass etwa Marcel Reich-Ranicki gerettet wurde und seine Autobiographie mit dem höchst informativen Teil über das Warschauer Ghetto schreiben konnte.
Und eine ganz ausführliche, unwiderlegliche Chronik des Ghettos Lodz ist auf diese Weise entstanden: http://www.getto-chronik.de/de
Dazu heißt es auf der dortigen Webseite: "Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch."
Sie durften die Hoffnung haben, dass selbst nach einer Weltherrschaft der Nazis nicht jede Moral aus der Menschheit verschwinden würde und dass - wenn ihre Überlieferung irgendwann bekannt würde - ein Widerstand gegen solch ein System entstehen würde (man vergleiche die vielen Widerstandsgruppen unter der NS-Herrschaft, die auch ohne jede realistische Erfolgsaussicht das Menschenmögliche an Widerstand versucht haben). Dieser Widerstand hätte noch nach einer jahrzehntelangen Fortdauer einer Nazi-Weltherrschaft eine Veränderung herbeiführen können, so wie es Gorbatschow mit dem Sowjetregime gelungen ist. Und ihre Chronik hätte zur moralischen Begründung eines solchen Wechsels beitragen können.
Diesen inneren Zwiespalt: mitzuarbeiten, um wenigstens passiv aufhalten zu können, und die Bewahrung eines Rests von Hoffnung halte ich für einen bis heute noch nicht genügend öffentlich gewürdigten Aspekt der Geschichte des Holocausts.

Ob man das Verstecken von Juden als passiven oder aktiven Widerstand oder einfach als Werk der Menschlichkeit bezeichnen will, mag jeder selbst entscheiden. Doch kurz auch etwas dazu:
Es wurden nur verhältnismäßig wenige Juden (immerhin über 10 000) in Deutschland versteckt, aber nach groben Schätzungen waren weit über 100 000 Deutsche bei diesem Verstecken beteiligt, denn manchmal bedurfte es Hunderte von Helfern, um "nur" eine Person zu verstecken. Ein eindrucksvolles Beispiel ist Konrad Latte.
Dazu die Wikipedia: "Während seine Schwester Gabi an Scharlach starb und seine Eltern Margarete und Manfred Latte im KZ Auschwitz ermordet wurden, überlebte Konrad Latte die Kriegsjahre im Untergrund. Unter seinen prominenten Helfern waren der Komponist Gottfried von Einem, Pfarrer Harald Poelchau, der Pianist Edwin Fischer, der DirigentLeo Borchard, die Journalistin Ruth Andreas-Friedrich, die Schauspielerin Ursula Meißner und Anne-Lise Harich." Das sind freilich nur die prominenten Helfer.
Eine sehr eindrucksvolle Arbeit Peter Schneiders zu Latte handelt auch von der allgemeinen Problematik dieser Art passiven Widerstandes (Peter Schneider: Und wenn wir nur eine Stunde gewinnen. Wie ein jüdischer Musiker die Nazi-Jahre überlebte. Rowohlt, Berlin, ISBN 978-3-87134-431-2)
 Unter dem Stichwort Judenretter findet man in der Wikipedia einige weiterführende Literatur zum Thema.

25.10.14

Im Krankenhaus

Die Tür des Krankenzimmers öffnet sich, man sieht den Teil einer Glatze, einen leichten Haarkranz darum und das Bett, auf dem der Mann mit dem Kopf zuerst ins Zimmer geschoben wird.

"Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen guten Morgen! Ich sehe Sie zwar nicht ..."

So zugewandt war mein Bettnachbar meistens, auch wenn er Anlass genug gehabt hätte, in seinen Problemen zu versinken: Vier Organe waren ihm heraus operiert worden, er hatte Krebs eines fortgeschrittenen Stadiums, musste wegen der fehlenden Organe zusätzliche Medikamente zu genau vorgeschriebenen Gelegenheiten zu sich nehmen, musste lernen, sich Insulin zu spritzen, dafür natürlich sich in den Finger stechen, mit dem Minicomputer den Zuckergehalt des Blutes bestimmen, auf einer Tabelle ablesen, wie viele Einheiten Insulin zu spritzen waren und sich mit der korrekten Nadelhaltung mit dem korrekten Tempo spritzen. Entsprechend musste er den Umgang mit seinem Stoma lernen.

Zugewandt war er und fröhlich. Beides waren hervorstechende Eigenschaften; aber seine Musikbegeisterung stand dem nicht nach.
Ein frisch Operierter jenseits der 75 wird im Krankenbett nicht Opernarien schmettern. Aber von Anfang an hörte man ihn immer wieder die Musik, die er gerade in seinem geliebten Bayern Klassikradio hörte, mitsingen. Wenn er von Werken sprach, die er besonders schätzte, sang er immer wieder Tonbeispiele dazu, und bei aller Wertschätzung von Beethovens Sinfonien, die er teilte ("Ich höre gerade die Eroica." Und dazu brachte er wieder die wichtigen Themen zu Gehör.). Dass Schuberts große C-Dur-Sinfonie* zu den bedeutendsten Sinfonien überhaupt gehöre, das wollte er seinem musikalisch weniger gebildeten Zimmergenossen nicht vorenthalten.

Dass meine erste persönliche Begegnung im Krankenhaus so ausfallen würde, hätte ich nach der bestürzenden Information nach der Vorsorgeuntersuchung nicht erwartet.

Als dann am Sonntag Morgen der Posaunenchor spielte, sang er jedes Kirchenlied mit und teilte allen, die ihn anriefen, aber auch dem Pflegepersonal mit: "Ich habe eine wunderbare Erfahrung gemacht. Heute morgen hat ein Posaunenchor gespielt!"

Natürlich hatte er Zeiten, wo seine ständige Appetitlosigkeit, die Aufforderung, sich einer "aggressiven Chemo" zu unterziehen, und anderes ihn einmal schweigsamer werden ließen. Aber seine Begeisterungsfähigkeit brachte es bald dazu, dass wir vor dem Frühstück erst einmal ein paar Choräle sangen.

So kleinmütig ich oft bin und auch diesmal immer wieder einmal war: Ein solches Vorbild ist eine große Stärkung.

*Diese Sinfonie wurde zu Schuberts Lebzeiten nicht aufgeführt. Erst Robert Schumann entdeckte sie wieder und konnte Felix Mendelssohn-Bartholdy dafür gewinnen, sie 1839 aufzuführen. Schumann schrieb über die „himmlische Länge der Symphonie" "wie ein dicker Roman in vier Bänden etwa von Jean Paul, der auch niemals endigen kann und aus den besten Gründen zwar, um auch den Leser hinterher nachschaffen zu lassen“. 



12.10.14

Wie hilft man sich, wenn Wikipedia Artikel löscht, die stark nachgefragt sind?

Auf gutefrage.net fragt jemand: 
Wieso lernt man im Geschichtsunterricht NUR etwas über westliche Kulturen? [...] Ist/war das bei euch an der Schule auch so? Lernen die Geschichtslehrer im Studium überhaupt etwas in die "andere" Richtung?

Meine Antwort:
"Zunächst: In den meisten Geschichtsbüchern steht eine ganze Menge über den Nahen Osten, ein bisschen über das mittelalterliche China und etwas über die Mongolen. Andere enthalten noch ein wenig mehr.Das ist natürlich viel zu wenig. Aber das ist darauf zurückzuführen, dass die Zusammenhänge zwischen den Kulturen nicht ganz einfach darzustellen sind. Zum Glück gibt es aber im Internet vielfältige Möglichkeiten, sich über die Geschichte Asiens, Afrikas usw. zu informieren. Einen kurzen Überblick gibt der folgende Artikel:http://de.pluspedia.org/wiki/Menschheitsgeschichte. Über die roten Links, die ins Leere führen, brauchst du dich nicht zu ärgern. Denn all die Artikel, auf die dort verwiesen wird, stehen in der Wikipedia. Sobald du in der Kommandozeile pluspedia durch wikipedia ersetzt, wird der passende Artikel aufgerufen.
Außerdem findest du in dem genannten Artikel viele Literaturhinweise. Besonders empfehlenswert ist: Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. C. H. Beck Verlag, München 2008.
Aber das Buch ist nicht billig und auch nicht ganz leicht zu lesen. Deshalb versuch es erst einmal mit den Artikeln im Internet."

Ich hätte natürlich auch darauf verweisen können, dass in der Tat die Universitäten heute meist noch die außerwestlichen Kulturen primär den archäologischen und den sprachwissenschaftlichen Lehrstühlen zuweisen und die Prüfungsordnungen sie ausklammern. Aber geklagt wird über diese Situation ohnehin. Wichtig ist meiner Meinung nach, dass auf Ansätze zur Veränderung hingewiesen wird. 
Ich hätte natürlich auch darauf hinweisen können, weshalb die Wikipedia ihren früheren Artikel gelöscht hat; aber das gehört nicht zum Thema Geschichtsunterricht und ich habe anderswo darüber berichtet.