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3.6.24

Leseerfahrung

1. Was war dein erstes Lieblingsbuch?
2. Was war das erste Buch, das dir persönlich gehörte?
3. Welche Bücher hast du am häufigsten wieder gelesen? Wie oft?
4. Was war das erste Erwachsenenbuch, das dich besonders interessierte und wann hast du es gelesen?
5. Welche Kinderbücher, die dich interessiert hätten, die du aber nicht gelesen hast, gab es schon in deiner Kindheit?
6. Welche Kinder/Jugendbücher haben dich in deiner Erwachsenenzeit am meisten beeindruckt?
7. Kannst du Phasen mit Lieblingsautoren rekonstruieren? 

(eine wiederholte Nachfrage, auf die ich auch meinerseits bei Gelegenheit antworten will)

1. Was war dein erstes Lieblingsbuch?
Sicher bin ich nicht. Ich besinne mich aber, dass zu meinem ersten Leseerfahrungen eine Art Fibel gehörte, in der immer wieder ein Uli vorkam, und dass ich diese Fibel durchaus geschätzt habe. Mein erstes bewusstes Lieblingsbuch war "Ein Kampf um Rom" von Felix Dahn.
2. Was war das erste Buch, das dir persönlich gehörte?
Vielleicht war es trotzt der Lehrmittelfreiheit in Hessen, die bedeutete, dass die Lehrmittel dem Land gehörten und immer nur ausgeliehen waren, die oben genannte Fibel.
Das erste Buch, das ich in meinem Lesetagebuch festgehalten habe, war "Burri" von Marguerite Henry. Das erste Buch, an dessen Lektüre ich mich erinnere, steht im Lesetagebuch an zweiter Stelle. Dort steht am Rande mit Fragezeichen, dass ich es vermutlich als Zehnjähriger gelesen habe: Walter Heichen: James Cook der Weltumsegler.
Im Lesetagebuch sind noch vor 1958 mit Kurzerläuterungen vermerkt auch: T. Uller: Friedrich List Ein Künder Deutscher Einheit; meine Erläuterung: Der dicke Weißgerbersohn F. List wird von Deutschland wegen freiheitlicher Ideen fortgeekelt. Als er in Amerika viel verdient hat, kommt er zurück, versucht für Zollverein und Eisenbahnen zu kämpfen. Mit wechselndem Erfolg. Deswegen nimmt er sich am 30.11.1846 das Leben.      ...
3. Welche Bücher hast du am häufigsten wieder gelesen? Wie oft?
Das waren als Kind "Ein Kampf um Rom" von Felix Dahn und als Erwachsener wahrscheinlich "Der Nachsommer" von Adalbert Stifter.  Den "Kampf um Rom" habe ich wohl zwei, dreimal gelesen und auch nach 50 oder 60 Jahren noch einmal in die Hand genommen und darin gelesen.
Am häufigsten wieder gelesen habe ich aber den "Nachsommer". Bei der ersten Lektüre habe ich ihn bei ca. Seite 200 abgebrochen, weil er so sterbenslangweilig war. Dann habe ich als Erwachsener ihn einmal durchgelesen und langsam seine Qualitäten erkannt. Danach habe ich ihn jahrelang als Bettlektüre geschätzt, weil er so schön langweilig, ganz ohne Konflikte war über hundert Mal ist also das Allermindeste, das ich ihn wieder gelesen habe, wahrscheinlich weit über 300 x.
4. Was war das erste Erwachsenenbuch, das dich besonders interessierte und wann hast du es gelesen?
Nun, der "Kampf um Rom" war auch schon kein Kinderbuch, aber bleibende Erinnerung als wichtige Lebenserfahrung waren "Buddenbrooks" von Thomas Mann und das Tagebuch der Anne Frank. Ich habe beide mit 16 Jahren gelesen. Davor freilich schon mit 10 Jahren Schillerdramen, "Das Käthchen von Heilbronn" von Kleist, später als Schullektüre Schillers "Wilhelm Tell", "Die schwarze Spinne" von Jeremias Gotthelf und und und
5. Welche Kinderbücher, die dich interessiert hätten, die du aber nicht gelesen hast, gab es schon in deiner Kindheit?
Astrid Lindgrens Bücher, aber von denen hielt meine Mutter nichts, weil zu befürchten wäre, dass Kinderglauben könnten, dass die Berichte über sie wahr seien und deshalb unmögliche Sachen versuchen und dabei zu Schaden kommen könnten. Natürlich gab es auch all die anderen Kinderbücher, die ich erst später kennengelernt habe. Aber die "Träumereien an französischen Kaminen", die heute nicht allgemein geläufig sind, habe ich schon als Kind kennengelernt und geschätzt.
6. Welche Kinder/Jugendbücher haben dich in deiner Erwachsenenzeit am meisten beeindruckt?
Krabat und weil sie für Lesebegeisterung für Kinder gesorgt haben, die Harry Potter Romane.
7. Kannst du Phasen mit Lieblingsautoren rekonstruieren? 
Kampf um Rom und Heldensagen (germanisch und griechisch); Schillerdramen; Novellen von Storm, Meyer und Keller; Thomas Mann; Fontane; Jane Austen in England; 19. Jahrhundert; Biographien, z.B. Flora Thomson und Christa Wolf  [eine sehr grobe Angabe, die einer sehr ausführlichen Erläuterung bedürfte; aber ich werde auch in Zukunft noch wissen, was ich damit meinte] 
Sieh auch den Blog Weites Feld

10.1.10

Schullektüren aus Schülersicht

Eine Twitterumfrage von 2018 erbrachte dies Ergebnis:

Am beliebtesten Faust I, am unbeliebtesten Fontanes Effi Briest. Beide mit Abstand.

Mehr dazu: hier

Der Jugendseite einer Lokalzeitung entnehme ich:

Lieblingslektüren:

Der Vorleser "ein interessantes und zugleich bedrückendes Buch, das einen auch nach der letzten Seite nicht loslässt"

Faust I "Die Kunst, eine solch komplexe Erzählung in Reimform niederzuschreiben [...] verdient auch heute [...] höchsten Respekt"

Der Sandmann "Man denkt nach dem Lesen auch privat darüber nach. Oft vergisst man die Handlung von Schullektüren und Klassikern schnell - der Sandmann hinterlässt eine bleibende Frage: warum?"

Maria Stuart "Alles zusammen, herrlich übertriebenes Pathos inklusive, machen das Schillersche Drama zu einer spannenden, abwechslungsreichen und durchaus ertragbaren Lektüre. [...] wenn der Kurs eine Szene nachspielen soll, sind Lachanfälle vorprogrammiert."

Mark Haddon: The Curious Incident of the Dog in the Nighttime "eines von den Interessanteren [...] Der Roman besticht durch sehr viel geistreichen Witz und Spannung"

Mutter Courage und ihre Kinder "bereichert meiner Meinung nach jeden Unterricht"

Hasslektüren:

Der zerbrochene Krug "weder lustig noch besonders tiefgehend"

Wilhelm Tell "Es ist schwer geschrieben und auch ein bisschen langweilig."

Vanderbeke: Das Muschelessen "nicht einmal Thomas Manns Buddenbrooks lesen sich so schleppend" "dauert ewig" "langweiligste Buch der gesamten Welt" "Stil [...] einfach nervenaufreibend" "ein Satz mit x-fachen Wiederholungen häufig über mehrere Seiten"

Morthon Rhue; The Wave "übertrieben und einfach nur schlecht dargestellt"

Die Buddenbrooks "Das Buch ist ein Wälzer von 650 Seiten. Da fängt es schon an. Man muss eigentlich fast nichts mehr sagen."

Michael Kohlhaas "die bisher schlimmste Schullektüre für mich" "äußerst schwer zu lesen und zu verstehen"

Seit ich für einen Engländer in Michael Kohlhaas in einem Satz vergeblich das Subjekt gesucht habe, kann ich das Urteil über diese Lektüre leicht nachvollziehen. Bei Wilhelm Tell kennt man das Problem schon lange. Viel zu früh behandelt. Das Freiheitsthema kann kaum nachvollzogen werden.
Mir verwunderlich das Urteil über The Wave. Ich habe die Lektüre öfters im Deutschunterricht behandelt und sie ungern an das Fach Englisch abgegeben. Beim Nachspielen des extrem autoritären Unterrichts waren meine Schüler fasziniert und konnten die Faszination der amerikanischen Schüler gut nachvollziehen.
Die Buddenbrooks habe ich "mit heißen Ohren" gelesen, statt Hausaufgaben zu machen. Freilich, ich hatte vorher den Film mit Lilo Pulver und Hanns Lothar gesehen und die Charaktere fand ich danach nicht "zum Schreien", sondern faszinierend.
Der Vorleser hat viele Qualitäten, aber dass er nach Dürrenmatt und Frisch die erste "gut gehende" Schullektüre geschrieben hat, ist für einen Deutschlehrer nicht die unwichtigste. Wir schöpfen nicht so aus dem Vollen wie die Anglisten.
Das Urteil zum Faust darf man zweimal lesen. Natürlich hat Georg Lukacz seine Kriterien zum Roman so formuliert, dass Faust II sie weit besser erfüllt als etwa Homo Faber.
Aber ist die Sprachform der Zeilen
O daß dem Menschen nichts Vollkommnes wird,
Empfind ich nun. Du gabst zu dieser Wonne,
Die mich den Göttern nah und näher bringt,
Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr
Entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech,
Mich vor mir selbst erniedrigt und zu Nichts,
Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt.
Er facht in meiner Brust ein wildes Feuer
Nach jenem schönen Bild geschäftig an.
So tauml ich von Begierde zu Genuß,
Und im Genuß verschmacht ich nach Begierde.

so ganz vergessen worden? Dabei kann man auf die Wette kaum eingehen, ohne auf im Genuß verschmacht ich nach Begierde zu sprechen zu kommen.
Doch wenn ich ehrlich bin, ich hätte - bei der Vielzahl von Metren, die Goethe einsetzt - nicht gedacht, dass nur so wenige Zeilen nicht gereimt sind. Und die schöne Stelle aus der Helenatragödie wird heute ja kaum noch gelesen:
Helena: So sage denn, wie sprech' ich auch so schön?
Faust: Das ist gar leicht, es muß von Herzen gehn.
Und wenn die Brust von Sehnsucht überfließt,
Man sieht sich um und fragt –
Helena: wer mitgenießt.
Faust: Nun schaut der Geist nicht vorwärts nicht zurück,
Die Gegenwart allein –
Helena: Ist unser Glück.