Dass Wissenschaft nicht endgültige
Wahrheiten erschließen kann, sondern immer nur vorläufiges Wissen
produziert, das erfolgreiches Handeln begünstigt und die
Früherkennung von Fehlentwicklungen ermöglicht, gehört schon seit
Jahrzehnten zur Schulweisheit.
Deshalb ist es bedauerlich, dass bei
der Kampagne gegen Trumps Abwertung und finanzielle Strangulierung
von Wissenschaft immer wieder ein falscher Zungenschlag aufkommt, als
könnte Wissenschaft unbezweifelbare "Fakten" feststellen.
(mehr dazu in Fontanefans Schnipsel)
Dabei hat schon Shakespeare solche
Wissenschaftsgläubigkeit gegeißelt.*
Und in neuerer Zeit haben Philosophen
von so unterschiedlicher Couleur wie Popper und Habermas beide sehr
deutlich gemacht, dass Wissenschaft als Religionsersatz völlig
ungeeignet ist.
Umso ärgerlicher ist es, dass die
seriöse Presse und selbst Wissenschaftler, die es besser wissen, vom
"postfaktischen Zeitalter" reden, als gäbe es so etwas wie
unbezweifelbare Fakten und Wissenschaft hätte aufgehört, sich durch
ständiges Infragestellen des herkömmlichen Wissens weiter zu
entwickeln.
Trumps Fehler ist nicht, dass er nicht
an unbezweifelbare Wissenschaftsresultate glaubt.
Wissenschaftsgläubigkeit
ist gefährlich. Sein
Fehler ist, dass er - nur scheinbar? - meint, dass er Warnungen vor
Fehlentwicklungen ungestraft außer Acht lassen könnte. Und
politisch gefährlich wird er daduch, dass er seinen Anhängern -
noch immer ziemlich erfolgreich - vorzugaukeln versucht, sie
brauchten wirtschaftliche und politische Zusammenhänge nur zu
leugnen, damit sie bedeutungslos würden.
Was
nutzt es, wenn man vor Trugbildern warnt und dann nur andere an ihre
Stelle setzt?
Man
muss aufzeigen, dass Trumps Politik der großen Mehrheit der
Bevölkerung und besonders seinen Wählern schadet. Wenn man damit
wartet, bis es für alle offen zutage liegt, dürfte es zu spät
dafür sein, ihre Folgen einzudämmen. Das Beispiel Bush junior und
das Chaos im Nahen Osten, das er mit seinen Interventionen
angerichtet hat, sollte uns Lehre genug sein.
*There are more things in heaven and earth, Horatio,
Als eure Schulweisheit sich träumen lässt, Horatio)
Zur Ergänzung dieses Artikels möchte ich auf die Diskussion dieses Themas auf dem fr-blog verweisen, in deren Einleitung es heißt:
"Von der Wissenschaft darf man keine „ewigen Wahrheiten“ erwarten. Wissenschaft ist das Ringen um Erkenntnis. Wissenschaftlicher Fortschritt passiert sogar im Grunde ausgerechnet immer dann, wenn eine Theorie als widerlegt betrachtet und zu den Akten gelegt werden muss, denn dann muss ein neuer Lösungsansatz her. Man kann wissenschaftlichen Fortschritt als eine Evolution von Ideen betrachten."
Und in der Henning Flessner am 25.4. 'sagte':"Wenn man das Wort Fakten googelt und nach einem Wikipedia-Eintrag sucht, wird man auf den Begriff Tatsachen umgeleitet. Es gibt bei Tatsachen zwei Unterkapitel: 1. Rechtswissenschaft und 2. Philosophie und Theologie. Ein Unterkapitel Naturwissenschaft gibt es nicht.
Durch die Klimaforschung hat eine wahrscheinlich bisher einmalige Politisierung der Naturwissenschaft stattgefunden. Plötzlich ist in der Naturwissenschaft von Fakten, bei denen implizit immer mitschwingt, dass sie beweisbar sind und Wahrheiten die Rede. Man kann aber und will in der Naturwissenschaft auch gar nichts beweisen. Die Naturwissenschaft entwickelt Theorien zur Beschreibung der Phänomene mit dem Ziel der Vorhersagbarkeit." (Hervorhebung von Fontanefan - Herrn Raus Kommentar verdanke ich es, dass ich in der Diskussion noch etwas weiter nachgelesen habe, so dass ich hier anführen kann, was ich selbst nicht so klar hätte formulieren können.)
Am 26.4. formuliert Flessner:
"Die Relativitätstheorie hat sich in der Beschreibung der Phänomene tadellos bewährt, genau wie die Quantentheorie. Dummerweise können nicht beide richtig sein. Aber sie sind beide extrem gut brauchbar und das ist das Entscheidende."
Es lohnt sich, diese Diskussion noch weiter zu verfolgen. Freilich geht es dabei auch um manche Feinheiten, die man nicht unbedingt dauerhaft parat zu haben braucht.