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23.12.15

Flucht und Befreiung

"Das Gefühl der Befreiung, wenn man deutschen Boden verlassen hatte, [!] und über die Grenze in ein freies Land fuhr, war damals so überwältigend, daß noch heute, nach 28 Jahren, ein Echo dieses Gefühls in mir aufsteigt, wenn ich über die deutsche Grenze in die Schweiz fahre." (Marianne Leibholz, die 1938 als 11-Jährige mit ihren Eltern in die Schweiz und von dort nach Großbritannien ging, zitiert nach: Sabine Leibholz-Bonhoeffer "vergangen, erlebt, überwunden. Schicksale der Familie Bonhoeffer" 1970, S.116)

Marianne Leibholz schrieb mit 27 Jahren (1954) das  Gedicht:

 Exil II

Und wie er schaudernd stand, gejagt, vertrieben
aus einer Heimat, die er sehr geliebt,
hat sich der Himmel über ihm geweitet,
ihm deutend wie es keine Grenzen gibt.
Jetzt in der wirren Vielfalt der Symbole
brennt klare Schrift wie er sie nie gesehen.
Er weiß die gleichen Zeichen in der Helle
und in den schnellen Schatten stehn.
Und wie er Raum um Raum verlassen lernte,
lernt er verlassen in der Zeit,
spürt alles von Vergänglichkeit durchleuchtet,
horcht, ist zum Abschied sehr bereit.
Kraft strömt ihm zu. Kennt keine Fremde,
nur Vaterland, soweit der Himmel reicht.
Wird nie mehr wie vorzeiten Heimat finden.
Er ahnt es, dankbar. Und sein Herz ist leicht.
Dazu stellt sich Brechts Gedicht "Über die Bezeichnung Emigranten" mit den Zeilen
"[...] Jeder von uns
Der mit zerrissenen Schuhn durch die Menge geht
Zeugt von der Schande, die jetzt unser Land befleckt.
Aber keiner von uns
Wird hier bleiben. Das letzte Wort
Ist noch nicht gesprochen."
Zu Recht wird im Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Flüchtlingsstrom immer wieder daran erinnert, weshalb der Artikel 16, der 1949 ins Grundgesetz aufgenommen wurde, noch den Satz "Politisch Verfolgte genießen Asylrecht." enthielt und weshalb der heutige Artikel 16a, der mit dem gleichen Satz beginnt, der damaligen Intention nicht gerecht wird.
Es ist zu hoffen, dass möglichst viele der heutigen Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, noch nach Jahren ein Echo des Gefühls der Befreiung empfinden werden und dass möglichst wenige daran denken werden, sich und ihren Kindern Zyankali zu geben, weil sie zurückgewiesen werden. 
Eine jüdische Mutter sagte mir, das sei ihr Plan gewesen, für den Fall, dass sie nach ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland kein Asyl in Großbritannien fände.
Wo hat sie mir das erzählt? In der Deutschen Evangelischen Gemeinde Oxford, die am 3. September 1939, dem Tag des Kriegsausbuchs,  ihren Anfang nahm. Das Oxforder Mansfield College hatte seine Kapelle zur Verfügung gestellt, damit ein deutscher Pfarrer für die Exilgemeinde predigen könne. Frieder Ludwig hat die Geschichte dieser Gemeinde erzählt.

23.11.15

"Die Mauer muss weg."

"Die Mauer muss weg." Der Spruch ist über 27 Jahre alt.
Die Berliner Mauer, auf den er sich bezog, ist über 25 Jahre weg.
Seitdem hat die Zahl der Grenzsperranlagen von weltweit 16 auf inzwischen 65 zugenommen. Fast täglich hört man von Plänen für neue Anlagen.
Während die "Festung Europa" sich noch darauf beschränkte, unwillkommene Einreise zu verhindern, sind europäische Regierungschefs jetzt unterwegs und bieten Diktatoren Geld dafür an, dass sie ihre Bevölkerung an der Flucht hindern.
Man stelle sich vor, Kohl hätte Honnecker Milliarden dafür geboten, die Mauer zu errichten, statt Häftlinge aus DDR-Haft freizukaufen. 1989 wäre das noch undenkbar gewesen. Heute sind wir nicht mehr weit davon entfernt. Natürlich nicht davon, Honnecker Geld anzubieten, aber die Ähnlichkeit ist doch groß.

Ich bin weit davon entfernt, abzustreiten, dass das Problem, dem sich die Bundesrepublik gegenwärtig gegenübersieht, einfach zu lösen wäre.
Ja, wir kommen sicher um schmerzhafte Maßnahmen nicht herum. Und ich plädiere in keiner Weise dafür, dass wir versuchen sollten, Flüchtlingszahlen von 10% oder 20% unserer Bevölkerung zu akzeptieren - Verhältnisse, mit denen der Libanon seit Jahren lebt.

Aber es muss doch Lösungen geben, wozu auch die, denen es gut geht, fühlbar beitragen.
Ab wann fühlen Multimilliardäre, dass ihnen etwas abgeht?

28.4.13

Was wir mit dem Asylrecht verloren haben

Nach der Erfahrung des Holocausts schrieben die Väter und Mütter des Grundgesetzes die Menschenrechte ausdrücklich als geltendes Recht in unsere Verfassung hinein. Darunter auch den Artikel 16 mit dem Satz "Politisch Verfolgte genießen Asylrecht".
Heute steht dieser Satz an erster Stelle im Artikel 16a. Doch im weiteren Text des Artikels wird der Satz dort so weit eingeschränkt, dass er im Grunde eine Aufhebung des Asylrechts bedeutet.
Ich habe immer wieder gegen diese "Fluchtabwehr" geschrieben und darauf hingewiesen, wie sehr wir damit die Menschenrechte anderer verletzen.
Trotzdem traf es mich wie ein Schlag, als ich heute bei Stefan Zweig las, wie er sein Schicksal als Emigrant in England erlebte.

Ich war in eine mindere, wenn auch nicht unehrenhafte Kategorie hinabgedrückt. Außerdem mußte jedes ausländische Visum auf diesem weißen Blatt Papier von nun an besonders erbeten werden, denn man war mißtrauisch in allen Ländern gegen die ›Sorte‹ Mensch, zu der ich plötzlich gehörte, gegen den Rechtlosen, den Vaterlandslosen, den man nicht notfalls abschieben und zurückspedieren konnte in seine Heimat wie die andern, wenn er lästig wurde und zu lange blieb. Und ich mußte immer an das Wort denken, das mir vor Jahren ein exilierter Russe gesagt: »Früher hatte der Mensch nur einen Körper und eine Seele. Heute braucht er noch einen Paß dazu, sonst wird er nicht wie ein Mensch behandelt.« [...]
Vor 1914 hatte die Erde allen Menschen gehört. Jeder ging, wohin er wollte und blieb, solange er wollte. Es gab keine Erlaubnisse, keine Verstattungen, und ich ergötze mich immer wieder neu an dem Staunen junger Menschen, sobald ich ihnen erzähle, daß ich vor 1914 nach Indien und Amerika reiste, ohne einen Paß zu besitzen oder überhaupt je gesehen zu haben. Man stieg ein und stieg aus, ohne zu fragen und gefragt zu werden, man hatte nicht ein einziges von den hundert Papieren auszufüllen, die heute abgefordert werden. Es gab keine Permits, keine Visen, keine Belästigungen; dieselben Grenzen, die heute von Zollbeamten, Polizei, Gendarmerieposten dank des pathologischen Mißtrauens aller gegen alle in einen Drahtverhau verwandelt sind, bedeuteten nichts als symbolische Linien, die man ebenso sorglos überschritt wie den Meridian in Greenwich. Erst nach dem Kriege begann die Weltverstörung durch den Nationalsozialismus, und als erstes sichtbares Phänomen zeitigte diese geistige Epidemie unseres Jahrhunderts die Xenophobie: den Fremdenhaß oder zumindest die Fremdenangst. Überall verteidigte man sich gegen den Ausländer, überall schaltete man ihn aus. [...] 
Es sind Kleinigkeiten, immer nur Kleinigkeiten, ich weiß es, Kleinigkeiten in einer Zeit, wo der Wert des Menschenlebens noch rapider gestürzt ist als jener der Währungen. Aber nur, wenn man diese kleinen Symptome festhält, wird eine spätere Zeit den richtigen klinischen Befund der geistigen Verhältnisse und der geistigen Verstörung aufzeichnen können, die unsere Welt zwischen den beiden Weltkriegen ergriffen hat. 

Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Die Agonie des Friedens
Diese "geistige Verstörung" ist offenbar zu uns zurückgekehrt. Der Versuch der Verfasser des Grundgesetzes ist gescheitert. Es gilt wieder: "Früher hatte der Mensch nur einen Körper und eine Seele. Heute braucht er noch einen Paß dazu, sonst wird er nicht wie ein Mensch behandelt."
Und es muss auch der richtige Pass sein.

Freilich, es gibt gute Gründe dafür. Die Welt von heute ist eben eine andere als die aus Stefan Zweigs jungen Mannesjahren.
Aber dass wir "gute Gründe" haben, lieber tausende Flüchtlinge ertrinken zu lassen, als ihnen Zutritt zur Festung Europa zu gewähren, beschämt mich. Dürfen wir eine Trennungslinie zwischen Menschen und deutschen Staatsbürgern errichten? Was gewinnen wir dadurch, was geht uns dadurch verloren?


Was würde Stefan Zweig über unser heutiges Europa sagen?