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13.6.24

Blogparade Antifaschismus

 Vorbemerkung: Eine Reihe von bildungsaffinen Bloggern hat sich zum Ziel gesetzt, 2024 häufiger thematisch gemeinsam zu bloggen. Die Themenvorschläge werden an dieser Stelle gesammelt, alle Beiträge zum aktuellen Thema werden unter dem Beitrag gesammelt.

Bisherige Beiträge:  Herr Mess, Jan-Martin Klinge, Fengler, LehrerInnenzimmer

Meine ältere Tochter hat mit 9 Jahren den SS-Staat von Eugen Kogon gelesen, meine jüngere mit 8 Jahren für sich Anne Frank und das Problem der Judenverfolgung entdeckt. Im Urlaub hat sie in dem Alter im Museum nicht die Dinosaurier oder sonstige Kinderthemen sehen wollen, sondern die Ausstellung zur Judenverfolgung, die weitgehend aus Schriftdokumenten bestand. Einen Versuch, sie irgendwie zu Antifaschismus zu erziehen, habe ich meiner Erinnerung nach nicht gemacht. 

In der Schule war sie enttäuscht, dass mehr die Struktur des NS-Staates als seine Verbrechen behandelt wurden.  

Unser Sohn ließ sein Kuscheltier schon früh die Rechte anfordern, die es in einem freien Land erwartete. Natürlich davon ausgehend, dass sie auch für ihn selbst galten.

Antifaschismus kannte ich vor allem aus der DDR und auf die große Rolle, die er in den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern spielte, bin ich durch die neuerliche Lektüre von Helmut Gollwitzers "Und führen, wohin du nicht willst" wieder aufmerksam geworden.

Die Aggressivität mancher Antifa-Gruppen empfinde ich als problematisch. 

Aber selbstverständlich ist für jemanden, der während der Studentenbewegung intensiv über autoritäre Strukturen nachgedacht hat, politische Bildung immer mit der Erziehung zu Kritikfähigkeit und Mündigkeit einhergegangen. 

Da ich seit 2007 nicht mehr unterrichte, denke ich freilich nicht mehr über Unterrichtsreihen zur Bekämpfung faschistischer Tendenzen nach, sondern versuche im täglichen Netzdialog, etwas gegen Einseitigkeit und Niedermachen abweichender Meinungen zu unternehmen.

Freilich gibt es auch einige grundsätzliche Voraussetzungen, von denen aus ich argumentiere: Dass man für seine eigenen Handlungen verantwortlich ist, dass man für die politische Verfassung, die sich das Gemeinwesen gibt, mitverantwortlich ist und dass man die prinzipielle Gleichwertigkeit aller Menschen akzeptiert.

Was ich zur Blogparade vielleicht noch ergänzend beitragen kann, versuche ich aus den eingehenden Blogbeiträgen zu erschließen.

Hier aber zunächst meine Reaktion auf einen ZEIT-Artikel vom 12.6.24, der den Schulen Empfehlungen gibt. 

Da heißt es: "Die Schulen müssen ihren Schülern in Zukunft etwas beibringen, ohne das die Demokratie nicht überleben kann: die Fähigkeit sich kompetent zu informieren und im Internet Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Hier müssen die Schüler lernen, dass jede neue Nachricht, um glaubwürdig zu sein, mindestens zwei Quellen braucht, jede Meinung eine Gegenmeinung. Dass man auch Posts von guten Freunden nicht ungeprüft weiterleitet."

Meine Überzeugung ist: Wenn die Schulen das versuchen würden, würde der Kampf gegen Faschismus und für die Erhaltung der Demokratie gewiss scheitern.

Sich kompetent zu informieren, Nachrichten nur dann zu glauben, wenn man mindesten zwei Quellen dafür hat, das ist Aufgabe der Journalisten. 

Der Normalbürger kann das nicht leisten. Wenn er halbwegs informiert sein will, muss er so viele Informationen aufnehmen, dass er keineswegs alle prüfen kann. Was Schüler lernen müssten, wäre, nicht alles, was ihnen in den Kram passt, für bare Münze zu nehmen und nicht jede Nachricht, die nicht zu ihrem Weltbild passt, auszublenden. Das ist schwer genug. Hilfreich dafür kann gerade die Mitteilung eines guten Freundes sein, wenn er nämlich etwas mitteilt, womit er und sein Freund nicht gerechnet hätten. 

Und jetzt kommt das, was helfen kann, das zu lernen, und was man versuchen kann, ihnen beizubringen: Nicht immer dieselben Quellen lesen: nicht nur das Lokalblatt, nicht nur die Qualitätszeitung, sondern auch mal Boulevardzeitung und mal Bild. Denn erst dann kann man merken, wo das Interesse des Autors ist, zu informieren und wo es darum geht, zu manipulieren. Als Schüler ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, als ich in der Qualitätszeitung den Manipulationsversuch und in der Bildzeitung die wahrheitsgetreue Information las. Das Unerwartete hilft, sich etwas kompetenter zu informieren.

Deshalb ist es gut, wenn im Sprachunterricht Zeitungstexte aus verschiedenen Ländern und von unterschiedlicher Ausrichtung (wie etwa World and Press) gelesen werden.

Und jetzt kurz etwas speziell zum Kampf gegen Faschismus: Wenn man gelernt hat, was Autoren tun, um einen zu manipulieren, wenn man gelernt hat, dass irgend etwas nicht stimmt, wenn man immer nur Nachrichten aufnimmt, die die eigene Sicht bestätigen, dann ist ein wichtiger Schritt zur Informationsaufnahme in der Demokratie getan. 

Dazu gehört aber auch, dass man sich darüber im klaren ist, dass ein Gutteil der Informationen, die man aufnimmt, wenn nicht falsch, so doch immerhin verfälscht ist. Welcher Teil das ist, wird man als Normalbürger raten müssen und nur im Ausnahmefall prüfen können. Freilich eins sollte man schon wissen: Dass im Kriegsfall beide Seiten lügen und den Informationen der eigenen Seite nur weit weniger getraut werden darf als im Normalfall. Ja, man sollte wissen, dass Informationen der Gegenseite mal korrekt sein können und dass insofern eine neutrale Stimme sehr hilfreich sein kann. 

Nützlich ist dafür eine Sammlung europäischer Pressestimmen wie etwa euro|topics, wobei aber möglichst oft auch Stimmen aus neutralen oder BRICS-Staaten hinzugezogen werden sollten. 

Was ich hier nicht bieten kann, sind Vorschläge, wie man in Klassen oder Kursen mit einer Mehrheit von Rechtspopulistischen arbeiten kann. Das habe ich nie in der Praxis erprobt. Da ist es gewiss sinnvoll, die Stimmen von Spezialisten zu hören. Die würden gewiss auch unserer Blogparade guttun.

24.2.16

Blauäugigkeit ist kein Ersatz für Tatkraft

Die allgemeine Euphorie, die in den Medien ausbrach, als deutlich wurde, wie groß die Bereitschaft zu ehrenamtlicher Hilfe für Flüchtlinge war, war kein gutes Zeichen; denn sie übertönte den Ruf nach Aufstockung des professionellen Personals für diesen Bereich.
Die Forderung, die Polizei muss den Schutz von Flüchtlingen sicherstellen, Punktum, ist kein gutes Zeichen, denn sie verschließt die Augen davor, dass die Polizei in der gegenwärtigen Situation insgesamt, vor allem aber in einzelnen Krisensituation wegen Personalmangels überfordert ist.

Die simple Forderung "Stellt mehr Lehrer für Deutsch als Fremdsprache ein!" wäre auch kein gutes Zeichen, denn die systematische Sparpolitik im Bildungsbereich hat dazu geführt, dass ausgebildete Deutsch- und Fremdsprachenlehrer in andere Berufe abgewandert sind. Lehrer für Deutsch als Fremdsprache gab es schon vorher nicht reichlich, für die jetzigen Bedürfnisse  aber sind sie selbst für eine Notversorgung zu wenige. Ehrenamtliche reichen nicht einmal aus, den allerdringlichsten Bedarf zu decken.

Zu viele unter uns haben die Flüchtlingskrise, die schon vor dem August 2015 bestand, nicht wahrgenommen und glauben deshalb an fehlenden guten Willen.
Zwar ist es völlig richtig, dass jetzt erheblich mehr in den Bildungsbereich investiert werden muss, dass mehr Polizisten eingestellt werden müssen und dass der Einsatz von Ehrenamtlichen unverzichtbar ist. Doch auch dann wird immer wieder einmal eine Überlastungssituation eintreten, für die man nicht einzelne Personen verantwortlich machen darf, sondern die auf unzureichende Vorbereitung zurückzuführen ist.

Nicht nur Blauäugigkeit, sondern geradezu Blindheit ist es, wenn man den Sachsen vorwirft, sie hätten nicht genügend gegen Rechtsradikale und Rechtspopulisten in ihrem Land getan.
Ist der nationalsozialistische Untergrund (NSU) etwa nur in Sachsen nicht zureichend verfolgt worden? Hat man die Vielzahl von Meldungen über "befreite Zonen" in den neuen Bundesländern ganz übersehen, wo nur noch kleine Minderheiten von Demokraten gegen überwältigende Mehrheiten von Rechtsradikalen stehen? Gab es bundesweite Förderprogramme zur Unterstützung der Regionen beim Kampf gegen Rechtsradikale, als das Problem in den frühen 90er Jahren deutlich wurde?
Nein, man hat das Asylrecht eingeschränkt, ja nahezu abgeschafft  und gab vor, das wäre eine Problemlösung.

Wir stehen vor einem Problem unserer Gesamtgesellschaft, und die Sachsen oder die Polizei oder sonst eine Gruppe unserer Gesellschaft zu Sündenböcken abzustempeln, hilft nicht weiter.

Schließlich: Wie sieht die Situation in Europa aus? Immer wieder hört und liest man in den Medien, es fehle die europäische Solidarität in der Flüchtlingskrise. Was will man von Esten und Litauern erwarten, wenn wir im wohlhabenden Deutschland nicht genügend Ressourcen aufbringen, um einzelne Gemeinden und Regionen zureichend zu unterstützen, dass sie mit den anfallenden Aufgaben fertig werden?
Und wie stand es und steht es um unsere Solidarität mit Griechenland?
Massiv waren die Forderungen nach Personalabbau in der öffentlichen Verwaltung; aber mit den Flüchtlingsströmen hätten die Griechen besser fertig werden sollen. Wie viel guter Wille ist dennoch immer noch auf den griechischen Inseln zu finden, wo jetzt Hotspots eingerichtet werden. Aber kann der erhalten bleiben, wenn die Bewohner keinerlei Solidarität von Deutschland erfahren, sondern statt dessen durch zwangsweisen Souveränitätsverzicht durch Frontexkommandos beglückt werden?

Zum Glück gibt es aber nicht nur Blauäugigkeit, sondern daneben auch ein hohes Engagement für Flüchtlinge und ihre Integration. Statt vieler Beispiele nur ein Link.

In diesen Kontext gehören auch:
Kriminalisierung von Fluchthelfern ersetzt nicht die Beseitigung von Fluchtursachen

Clausnitz: Deutschland dezivilisiert sich. von Andrea Hanna Hünniger ZEIT online 26.2.2016
"Sachsen abschieben oder lieber auswandern, weil man mit den Menschenfeinden ja nichts zu tun hat: Woher kommt die selbstgefällige Barbarei der Gutsituierten?"

Clausnitz: Wir Sachsen und die Wut.  Sieben Vorschläge von Einheimischen, Zugereisten und Ausgewanderten. Von Jana Hensel, Anne Hähnig, Robert Koall, Stefan Schirmer, Thomas Rosenlöcher, Patrik Schwarz und Martin Machowecz 25.2. 2016
"Nach den Ausschreitungen von Clausnitz ist dies das unbeliebteste Bundesland der Republik – und zwar völlig zu Recht. Was können die Sachsen jetzt tun?"

Aus dem insgesamt sehr sachsen-selbstkritischen Text möchte ich ein Zitat hervorheben:
"Auf Sachsen blickt der Rest der Republik in Zeiten politischer Radikalisierung mit unfassbarer Hysterie. Sachsen tut natürlich das Übrige dafür, von Hoyerswerda bis Clausnitz. Dennoch ist es auffällig, wie schnell der Reflex ist, Sachsen am Nasenring durch die Manege zu führen, während gleichzeitig auch in der übrigen Republik Asylbewerberheime brennen, in Köln die Oberbürgermeisterin von einem Neonazi fast getötet wird, die AfD Höchstwerte erzielt und die sogenannte bürgerliche Mitte schon längst nur noch ein romantischer Begriff ist."

dazu auch:
Unser Ruf steht auf dem Spiel von ZEIT online 29.2.16
"Das Vertrauen in die Medien schwindet, nicht nur bei Pegida und der AfD. Es ist Zeit für Selbstkritik – und jede Menge Mut!"
(Die "Dresdner Rede")

Bloß keine Kritik! von Thomas E. Schmidt DIE ZEIT Nr. 9/2016, 18.2. 2016 (online am 5.3.16)
"Fast alle Qualitätsmedien schwangen sich in der Flüchtlingskrise zu einseitigen gesellschaftspolitischen Akteuren auf. Das vergiftete die Debatten enorm."

Zu Th.E.Schmidt:
So sehr ich die anfängliche Euphorie über das ehrenamtliche Engagement kritisiere. Eine einzelne Zeitung darf durchaus eine deutliche Position vertreten. Fragwürdig war nur die von allen zur Schau gestellte (vorgetäuschte?) Blauäugigkeit. Die allein freilich "vergiftete" die Debatten noch nicht.