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23.4.21

Erinnerungskultur: Holocaust und Kolonialismus

 Enttabuisiert den Vergleich! ZEIT 31.3.21

Die Geschichtsschreibung globalisieren, das Gedenken pluralisieren: Warum sich die deutsche Erinnerungslandschaft verändern muss. (Von  und )
"[...] Wir verneinen keineswegs die singulären Elemente des Holocausts, allerdings glauben wir nicht, dass sie vergleichende Ansätze zur Geschichte und Erinnerung des Holocausts allgemein verhindern. Im Gegenteil: Vergleichende Perspektiven, die Ähnlichkeiten und Unterschiede herausarbeiten, bieten die besten Voraussetzungen dafür, zu verstehen, was am Holocaust singulär war. Und sie bieten somit die besten Chancen zur Prävention von Genoziden. [...]" 
 Thomas Schmid: Der Holocaust war kein Kolonialverbrechen Aktivismus und Wissenschaft gehören nicht zusammen. Eine Erwiderung auf Michael Rothberg und Jürgen Zimmerer, ZEIT Nr.15 8.4.21
"[...] Denn nur wer vergleicht, kann Unterschiede erkennen, Gemeinsamkeiten wahrnehmen. Kann sehen, dass beide, Holocaust und Gulag, Massenmorde waren. Aber auch den grundlegenden Unterschied erkennen: In den Gulag wurden Menschen deportiert, weil sie Kulaken oder Händler oder Intellektuelle oder "Konterrevolutionäre" waren. Obwohl ihr Tod in Kauf genommen wurde, war der Zweck des Unternehmens nicht ihre Vernichtung. Im Holocaust dagegen wurden Juden allein deswegen ermordet, weil sie Juden waren. Dieser Wille der Deutschen, ein ganzes Volk auszulöschen, ist einmalig in der Geschichte. So blutig und mörderisch der Kolonialismus auch war – Ziel war nicht die Vernichtung um der Vernichtung willen. Deswegen ist der Holocaust singulär. Er war ein antisemitischer Genozid.
Wie kommen die beiden Autoren auf die abwegige Idee, wer dieser Meinung sei, betreibe damit absichtlich das Herunterspielen, Verharmlosen und Verleugnen der kolonialistischen Verbrechen? Ihre These lautet, dass es "diskursive Kontinuitäten und Funktionsäquivalenzen" zwischen Holocaust und Kolonialismus gibt. Holt man die wolkige Formulierung auf den Boden zurück, dann ist damit nichts anderes als dies gemeint: Nicht der Holocaust ist der große Zivilisationsbruch, sondern der ihm vorausgehende und ihn einschließende Kolonialismus. Der Holocaust wäre dann nur ein Spezialfall des Kolonialismus, ginge gewissermaßen in diesem auf. Gegen diese Sichtweise spricht die Tatsache, dass Hitler zwar den Osten unterwerfen, aber nie ein Kolonialreich errichten wollte. Und die Juden nicht unterwerfen und ausbeuten, sondern vernichten wollte. [...]"
Schmid verzichtet dabei darauf, auf Hannah Arendt einzugehen, die die Wurzel des nationalsozialistischen Totalitarismus im kolonialistischen Rassismus sieht, ob aus Unkenntnis oder weil ihre Analyse nicht zu seiner Argumentation passt, vermag ich nicht zu beurteilen. 
"Der kontinentale Imperialismus findet seinen Ausdruck im völkischen Nationalismus der „verspäteten Nation“. Besonders die Nationen in Ost- und Mitteleuropa konnten noch auf keine nationale Geschichte zurückblicken. Hier finden nach Arendt diejenigen politischen Kräfte ihre Anliegen wieder, denen es nicht gelang, sich bisher national zu emanzipieren. Sie erläutert in diesem Zusammenhang, wie der demokratische Volksbegriff der Aufklärung seitens der völkischen Bewegung abgelehnt und romantisch aufgeladen wird und zeigt auf, wie dieser völkische Nationalismus den Antisemitismus biologistisch, rassistisch werden lässt, den Rassismus antisemitisch und in einem Antisemitismus der Vernichtung mündet. Aus dem Völkischen Nationalismus konnte sich die Ideologie der „Volksgemeinschaft“ entwickeln." (Arendt und Geschichte des völkischen Nationalismus)
Mehr zur Debatte:
Diskussion über die Jerusalem Declaration: Die Missgeschicke des Bewusstseins sind vielfältig von M. Brumlik u. G. Krell, FR 22./23.4.21
darin zu Thomas Schmid (s.o.): "[...] Dagegen wendet Schmid ein, der Holocaust sei kein Kolonialverbrechen, das Projekt einer „multidirektionalen Erinnerung“ somit wissenschaftlich nicht seriös. Nun sprechen die beiden Autoren an keiner Stelle von einer Kausalbeziehung zwischen Kolonialismus und Holocaust und betonen immer wieder, es gehe ihnen darum, das Spezifische einer Gewaltgeschichte zu erinnern, ohne eine andere zum Schweigen zu bringen. Sie möchten gleichwohl Parallelen oder auch Zusammenhänge zwischen diesen Verbrechen eruieren, so vor dem Hintergrund der europäischen Ideengeschichte. So ist die Ab- und Entwertung von Juden, aber auch von anderen Gruppen von Menschen, häufig außerhalb von Europa, schon seit Reformation und Aufklärung ein verbreiteter Aspekt in der politischen Theorie und der Philosophie. 
 Muss man Thomas Schmid daran erinnern, dass die Nazis in den Dreißigerjahren Funktionäre in die USA schickten, um die dortigen Rassegesetze zu studieren und teilweise wörtlich zu übernehmen? Oder an Hannah Arendt, die im europäischen Imperialismus in Afrika Ansatzpunkte für den Vernichtungsrassismus der Nazis sah? [...]
Damit keine Missverständnisse entstehen: Die Formulierung, die Thomas Schmid aus aktuellen Diskussionen referiert, der Holocaust sei ein „white on white crime only“, stufen auch wir als rassistisch ein. Wenn weiße oder schwarze Linke meinen, es gebe keinen schwarzen Rassismus (auch unter Schwarzen), dann regen wir an, einmal bei Frantz Fanon das Kapitel „Missgeschicke des nationalen Bewusstseins“ nachzulesen. Und natürlich gibt es historische und aktuelle Menschheitsverbrechen nicht nur vom „Westen“ oder von Weißen. 
 Wir sind dafür, Antisemitismus entschieden zu bekämpfen, aber auch, die israelische Besatzung und die weitere Landnahme von Gebieten, die völkerrechtlich den Palästinensern zugesprochen worden sind, zu kritisieren. Und wir plädieren dafür, postkoloniale Kritik ernst zu nehmen und fair zu rezipieren sowie mit ihr selbst kritisch und selbstkritisch umzugehen."

27.1.16

Holocaustgedenken

Chronik des Ghettos Lodz/Litzmannstadt (das letzte Jahr)

Jüdischer Widerstand

Holocaust (Wikipedia)

Zum Gedenktag:
Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert an alle Opfer eines beispiellosen totalitären Regimes während der Zeit des Nationalsozialismus: „Juden, Christen, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle, politisch Andersdenkende sowie Männer und Frauen des Widerstandes, Wissenschaftler, Künstler, Journalisten, Kriegsgefangene und Deserteure, Greise und Kinder an der Front, Zwangsarbeiter und an die Millionen Menschen, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entrechtet, verfolgt, gequält und ermordet wurden.“[2]
Der Gedenktag wurde am 3. Januar 1996 durch Proklamation des Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführt und auf den 27. Januar festgelegt.[3] Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee die Überlebenden des KZ Auschwitz-Birkenau, des größtenVernichtungslagers des Nazi-Regimes.
In seiner Proklamation führte Herzog aus:
„Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“
(Wikipedia: Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus)
Holocaust (meine Blogbeiträge A)
Holocaust (meine Blogbeiträge B)

15.8.15

Haben die Deutschen den 2.Weltkrieg "verarbeitet"?

"verarbeitet"?
Es ist eindrucksvoll, wie viele Jahrzehnte vergehen mussten, bis einzelne Problemkomplexe in der öffentlichen Meinung wahrgenommen wurden: Rolle der Wehrmacht, des auswärtigen Amtes, der deutschen Historiker ...
Im Zusammenhang mit der Eurokrise werden wir daran erinnert, dass Deutschland trotz seiner Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches von 1933 bis 1945 die damaligen Zwangskredite, die der NS-Staat von den besetzten Feindstaaten eingetrieben hat, nicht zurückgezahlt hat. Mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag ist das für rechtens erklärt worden. "Verarbeitet" ist die Beschlagnahmung jüdischen Eigentums (Gurlitt), die Ausbeutung von Zwangsarbeitern, die Vielzahl der Verbrechen an Juden, an Homosexuellen, an Roma und Sinti und anderen Minderheiten nicht. 
Worauf es gegenwärtig aber mehr ankommt als auf "Verarbeitung" ist, dass nicht eine neue Welle der Ausgrenzung von Minderheiten und massiven Angriffen auf sie überhand nimmt. Die Verantwortung dafür hat jeder mündige Bürger, unabhängig davon, ob er sich über die Verbrechen des Nazi-Regimes und darüber, dass die Deutschen als Gesamtheit im Zweiten Weltkrieg von der Ausbeutung der besetzten Gebiete profitiert haben (vgl. Götz Ali: Hitlers Volksstaat), informiert oder nicht. 
Auch das Grauen der Bombennächte, die traumatischen Erlebnisse auf der Flucht haben die, die sie erlebt haben, gewiss nicht alle "verarbeitet". Wer versucht, heutigen Flüchtlingen und Kriegsopfern zu helfen, kann aber zu Verarbeitung beitragen, vielleicht sogar bei der des selbst Erlebten. 
Die Frage wurde auf gutefrage.net gestellt.

Die Gefahr der "Überfütterung" von Jugendlichen besteht, die Gefahr von Selbstgerechtigkeit statt Empathie ist bei den meisten Menschen freilich nicht geringer. 
Wie findet man den richtigen Weg? Ich würde mich, wenn ich aktuell noch zu unterrichten hätte u.a. bei Daniel Bernsen zu informieren suchen. 
Außerdem: z.B. Quellen, eigener Versuch (ohne didaktische und methodische Hinweise)

25.4.15

Nicht jedes Umdenken zeugt von einem Lernprozess

In der Flüchtlingsfrage hat das Unglück vor Lampedusa und der Appell des Papstes ein Umdenken in der Öffentlichkeit bewirkt. Die Politiker gaben nur Lippenbekenntnisse ab und änderten nichts und wenn, dann nur etwas zum Schlechteren. Von "Mare Nostrum" zu "Triton".
Das neue 10-Punkte-Programm der EU zeigt, dass auch die neuen Unglückfälle die EU nicht wirklich von ihrer Politik der Abschottung der Festung Europa abgebracht haben.  

Ein Umdenken gab es in Fragen der sexuellen Orientierung. War früher ausgeübte Homosexualität beim männlichen Geschlecht über den §175 gleich strafbewehrt, egal ob unter Erwachsenen oder zwischen Erwachsenen und Kindern, so kann man heute stolz darauf sein, homosexuell zu sein. Wer aber pädosexuell ist, erfährt gesellschaftliche Ausgrenzug, auch wenn er alles Menschenmöglche tut, seine Veranlagung nicht auszuleben. Dagegen scheint jedwede andere Spielart von Veranlagung - auch solche, die bis vor wenigen Jahren noch völlig unbekannt waren - für besonderer Förderung wert gehalten zu werden.

Konnte nach 1966 der Bundesgerichtshof der Ehemann von seiner Ehefrau fordern, dass sie bei der Erfüllung ihrer "ehelichen Pflichten" "keine Gleichgültigkeit zur Schau" trage, so kann seit 1997 ein Ehemann, der - unter Ausnutzung einer ökonomischen Abhängigkeit seiner Frau oder durch sonstigen Druck - ehelichen Beischlaf als sein Recht einfordert, wegen Vergewaltigung in der Ehe bestraft werden.  Im Prinzip ein Fortschritt, wie das justiziabel gemacht werden soll, bleibt freilich unklar. Zumal andererseits alleinerziehenden Müttern eine Unterstützung durch einen Unterhaltsbeitrag des früheren Ehemannes genommen worden ist. Die ökonomische Abhängigkeit ist also wieder erhöht worden.

Oskar Gröning war in der Nachkriegszeit noch in einem Prozess gegen einen SS-Mann von Auschwitz "als Zeuge geladen". Hatte er noch 1985 gegen Holocaustleugnung mit einem deutlichen "Ich habe alles gesehen" protestiert, so wird ihm heute der Prozess gemacht, weil er zwar nicht unmittelbar an der Tötung von Menschen beteiligt, aber Teil der Maschinerie war, die 300 000 Menschen zu Tode brachte.  Denn die Justiz hat seit dem Prozess gegen John Demjanjuk 2011 umgedacht und rechnet auch indirekte Beteiligung als Schuld an. Da nützt es Gröning nicht, dass er dreimal (und schließlich erfolgreich) einen Versetzungsantrag an die Front gestellt hat, um nicht mehr Teil des Vernichtungssystem zu sein.*
So rasch denken wir um. Aber selten gestehen wir anderen das Recht zu, langsamer im Umdenken zu sein. - Zu Recht oder zu Unrecht?*

Geradezu Schallgeschwindigkeit im Umdenken hat Angela Merkel entwickelt. Als Umweltministerin machte sie zaghafte Schritte auf dem Weg zum Umweltschutz. In der Opposition machte sie sich stark für den Ausstieg aus dem Atomausstieg. In der Regierung setzte sie diesen Ausstieg um. Nach Fukushima machte sie eine Kehrtwende und trat für den Atomausstieg ein. Jetzt tut sie aber alles, um die Konkurrenz von nachhaltiger Energieherstellung zu stärken. Von Energiewende keine Spur. Die Emissionszertifikate, die die fossile Energie auf sanftem Wege weniger rentabel machen sollten, lässt sie zu Minimalpreisen verschleudern. Kohlekraftwerke mit einem Höchstmaß an CO2-Ausstoß schützt sie vor Kritikern und selbst äußerst zaghafte Versuche, wenigstens die exzessivsten Dreckschleudern abzuschalten, genießen bei ihr keinerlei Unterstützung. 

Was wird es nützen, wenn sie - nachdem die letzte Chance für eine selbstbestimmte Energiewende vertan ist - in einer neuen Kehrtwende beklagen wird, dass ihr Energiewendekurs leider nicht genügend Unterstützung erfahren habe?

Dieser Artikel ist auf Fontanefans Schnipsel entworfen worden. Er enthält noch nicht all die Links, die ein mit den Diskussionen Unvertrauter gebrauchen könnte; aber dafür reicht  - zumindest im Augenblick - nicht die Zeit. 

* Die Ergebnisse des laufenden Prozesses stehen freilich noch aus. Es scheint so, als seien manche früheren Annahmen so nicht mehr zu halten.  *
FR 21.4.15; FR 23.4.15; FR 6.5.15; ich sehe den Zusammenhang anders als Bommarius in seinem FR-Kommentar vom 18.5.15. Was für die Gesellschaft ein notwendiges Umdenken ist, ist nicht notwendig Gerechtigkeit für den einzelnen.

9.1.14

Lehren des Ersten Weltkrieges?

Plötzlich entdeckt die deutsche öffentliche Meinung: Wir waren nicht schuld am 1. Weltkrieg, der Zweite Weltkrieg ist "bewältigt". An der deutschen Wirtschaftspolitik soll Europa genesen. [Früher hieß es noch: "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen." - Übrigens haben nicht die Nazis den Spruch erfunden, sondern Emanuel Geibel.]

So einfach ist es nicht:
1. Fritz Fischer hat festgestellt, dass wesentliche Teile der deutschen Führung (notwendigerweise schwammig ausgedrückt, Präziseres würde zu ausführlich) den Krieg zumindest billigend in Kauf genommen haben oder doch gemeint haben, da er sowieso nicht zu verhindern sei, dann besser früher als später.

Clark hat - mit umfangreicherem Quellenhintergrund - in "Die Schlafwandler" festgestellt (was in der Debatte über Fischers Thesen schon als Möglichkeit angedeutet wurde), dass das nicht nur auf deutscher Seite so war, sondern mehr oder minder für alle europäischen Großmächte galt.

Deutschland war nicht "unschuldig", nur: die anderen waren es auch nicht.

2. Die Fehler der europäischen Mächte von vor 1914 sind von den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges zum Teil revidiert worden, auch die Fehler des Vertrages von Versailles. Aber wesentliche Fehler werden beibehalten.

3. Der Zweite Weltkrieg und was zum Holocaust geführt hat, ist mitnichten "bewältigt". Noch weniger als der Erste Weltkrieg und was zu ihm geführt hat.

Im Augenblick will ich hier nicht mehr dazu sagen. Ich würde mich aber freuen, wenn kritische Kommentare mir Anlass gäben, manches genauer zu erläutern.

Anlass zu diesem Einwurf ist der Leitartikel Jahrhundertkrieg von Jens Jessen  in der ZEIT vom 9.1.14


27.10.13

Erinnerungskultur im Kontext von Holocaust und NS-Herrschaft

Da ich heute veranlasst worden bin, mich ein wenig mit dem Thema Erinnerungskultur zu beschäftigen, ist mir aufgefallen, wie wenig ich auf dem Höhepunkt der gegenwärtigen Diskussion bin und wie wenig die verschiedenen Diskussionen aufeinander Bezug nehmen. Das eine ist mein Problem, das andere werde ich nicht ändern.
Aber vielleicht gibt es Interessierte, die ein paar Hinweise auf Diskussionszusammenhänge interessant finden.

Deshalb hier ganz kurz:
Erinnerungskultur (vgl. auch: Gegen das Vergessen) ist ein Konzept, das sich deutlich von den Konzepten Geschichtskultur (vgl. Hinweise zur Abgrenzung von Erinnerungskultur), Geschichtsbewusstsein  und Globales Geschichtsbewusstsein unterscheidet.

In Deutschland wird mit Erinnerungskultur meist das Gedenken an Holocaust und NS-Zeit assoziiert, z.B. Mahnmale, die an die Deportation von Juden aus Deutschland erinnern.
Aber es gibt auch andere institutionalisierte Erinnerungen daran wie
Zur Erinnerung an den Holocaust ein paar eigene Texte:
Ein Geheimnis (Vorstellung einer Erzählung)

Zur Erinnerung an Widerstand in der NS-Zeit:
Friedrich: Wer wir sind (Umfassende Darstellung zu Personen des Widerstands) 
Zum Diskussionszusammenhang Erinnerungskultur nenne ich noch:
Geschichtspolitik Geschichtsperspektive  Historisierung
Geschichtlichkeit  Identitätsbewusstsein  
        

7.10.13

Zeitzeugen - Tonbandprotokolle vom Frankfurter Auschwitz-Prozess 1963-1965

Es gibt immer weniger Holocaustüberlebende, die als Zeitzeugen von den Lagern berichten können.
Doch jetzt sind die Tonbandprotokolle vom Frankfurter Auschwitzprozess online gestellt worden.
181 Holocaustüberlebende waren damals nach Frankfurt gereist, um ihre persönlichen Erfahrungen darzustellen.

Ich teile nicht den Optimismus, dass schon bald alle in die Kultur des selbstverantwortlichen Lernens entlassen werden könnten, ohne dass dadurch für unsere Kultur ein Verlust entstünde. Selbst für Habermas dürfte nicht nur Adorno als Vorbild und Lehrer wichtig gewesen sein.
Aber ich bin froh, dass jetzt vermehrt Jugendlichen wie Erwachsenen auch der Weg zu Originalquellen und eigener Nachforschung erleichtert wird.


In diesem Kontext nenne ich:

Kollektives Gedächtnis (LeMO, Zeitzeugenberichte vom 1. Weltkrieg bis heute)
Das Generationenprojekt

und verweise im übrigen auf den Artikel Zeitzeugen im Geschichtsunterricht im ZUM-Wiki.

Zur Arbeit mit Zeitzeugen allgemein verweise ich auf die kritische Anmerkung von Hans Mommsen in der ZEIT vom 30.8. 2012, S. 4 zum Thema „Der Wille zur Erinnerung“:
 „Unabhängig davon, dass die Zuverlässigkeit des Gedächtnisses von Zeitzeugen begrenzt ist und sie die infrage stehenden Handlungskomplexe schwerlich überschauen können – dies ist eben die Aufgabe des historischen Fachmanns – tendiert das sich auf sie abstützende Gedächtnis dazu, komplexe historische Zusammenhänge zu personalisieren und indirekt nationale Gesamtverantwortung zu verdrängen. […] Die Versuchung, die anstehende Erinnerungsarbeit [gemäß Kontext: seitens der nachfolgenden Generation] primär Zeitzeugen zu überlassen, impliziert ein apologetisches Element.“
Das "apologetische Element"  dürfte freilich gerade bei den Holocaustüberlebenden schwerlich den Wert des Zeitzeugnisses mindern.


2.3.12

Warum die Deutschen? Warum die Juden?

Götz Alys große Leistung für die Erforschung der Zeit des Nationalsozialismus war, dass er mit seinem Buch "Hitlers Volksstaat" zum Bild der Herrschaft durch Gleichschaltung und Terror auch das der Herrschaft durch das Zuckerbrot der sozialen Wohltaten (besonders während des Krieges) hinzugefügt hat. Er hat geholfen, diese Zeit differenzierter zu sehen. In seinem neuen Buch "Warum die Deutschen? Warum die Juden? -Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800 - 1933" (Frankfurt 2011, 352 S.) versucht er sich am Gegenteil: Das differenzierte Bild von der Entwicklung vom mittelalterlichen religiösen Antisemitismus über den Rassenantisemitismus des späten 19. Jahrhunderts bis hin zu den Vernichtungsplänen im nationalsozialistischen Deutschland versucht er mit der Hypothese eines seit der Judenemanzipation durchgehenden Sozialneids zu vereinheitlichen.
Nun ist es heute schon schwer, monokausale historische Theorien zu verkaufen. Doch er erschwert es sich unnötig. Mit Hilfe des eindrucksvollen Quellenmaterials, das er ausbreitet und das - jedenfalls für den Nicht-Fachmann - bisher Unbekanntes enthält, könnte er ja den Eindruck erwecken, dass er eine bisher unbekannte Seite des Antisemitismus im 19. Jahrhunderts entdeckt habe. Doch statt die Quellen sprechen zu lassen und durch sorgfältige Analyse Argumente zur Unterstützung seiner These herauszuarbeiten, gefällt sich Aly darin, die Werte, die die historischen Personen vertraten, nicht zu kritisieren, sondern sie emotional abzuwerten.
Ein Beispiel:
Ernst Moritz Arndt bezeichnet "das Scharfe, das Spitzige, das Geistige, das Schlaue und Pfiffige" (Arndt zitiert nach Aly, S.57) als typisch jüdisch und stellt es den - angeblich "deutschen Tugenden" - Treue, Einfalt, Ordnungsliebe und Frömmigkeit gegenüber. Statt nun aufzuzeigen, dass diese angeblichen Tugenden nicht ganz unproblematische Charakterzüge sind, formuliert Aly: "Arndt und seine Anhänger verherrlichten das Bedächtige, legitimierten den Hass des Tölpels und der Transuse auf die Regsamen und Behänden." (Aly, S.57 - Hervorhebung von Fontanefan). Doch damit nicht genug. Auf diese emotionalisierte Verzerrung baut er seinen Schluss auf: "Sie schufen den Boden, aus dem der spezifisch deutsche Antisemitismus erwuchs: national eintöniges Gleichheitsgebrause, Engherzigkeit und grämlicher Neid [...]" (S.57).
Was daran sollte denn "spezifisch deutsch" sein? Das Eintönige, das Gebrause oder die Grämlichkeit? Denn Sozialneid hat es nicht nur in Deutschland gegeben. Jedenfalls mach Aly keinerlei Versuch, das zu widerlegen.
Ein zweites Beispiel:
Die Marseillaise, in der bekanntlich unter anderem dazu aufgefordert wird, dafür zu sorgen, dass "ein unreines Blut unsere Saaten düngt", beschreibt Aly, wie folgt:
"In der französischen Hymne brechen Menschen auf, greifen zu den Waffen, streiten für die Freiheit, überwinden Tyrannen in der Revolution." (S.67)
Dagegen charakterisiert er die deutsche Nationalhymne, wie folgt: "Das Lied der Deutschen besingt die Kuhwärme nationaler Gemeinschaft [...]" (S.67)
Bei dieser Argumentationsweise fällt es schwer, ihm zu glauben, dass Aly etwas Neues herausgefunden hat, wenn er schreibt: "Auch deutsche Freiheitshelden und Demokraten ebneten Wege, die am Ende nach Auschwitz führten." (S.70)
Es ist bekannt, dass die deutsche Geschichte um Aufstieg des Nationalsozialismus und dann zur Schoa führte. Sie führte auch zu Luthers Reformation, zu den Angriffskriegen Friedrichs II. von Preußen, zu Hindenburgs Schlachten in Ostpreußen. Eine Kausalkette von Luther zu Hitler oder von der "Kuhwärme" des Deutschlandliedes zu Auschwitz zu ziehen, dazu berechtigt der historische Zusammenhang freilich noch nicht. Jedenfalls nicht, wenn nicht etwas präziser argumentiert wird.

Nun ist es nicht so, dass Aly nirgendwo ernsthaft argumentierte. Seine Behauptung, die Stärke der Sozialdemokratie habe "indirekt die innere Bereitschaft von Millionen deutschen Arbeitern, die Partei Hitlers zu wählen" gefördert (S.130) versucht er durch sechs Argumente zu erhärten:
1. Die SPD förderte durch "die Zwischentöne ihrer antikapitalistischen Programmatik das Gefühl, dass die Juden [...] stark genug seien, sich selber gegen Angriffe zu wehren." (S.130)
2. Die Sozialdemokraten förderten "den geistigen und materiellen Aufstieg ihrer Anhänger". "In der historischen Rückschau wird deutlich, dass deutsche Proletarier, die sich auf den Weg des Aufstiegs gemacht hatten, [...] in der Generation ihrer Kinder zu Anhängern der NSDAP werden konnten - einer Partei der Aufsteiger." (S.131)
3. Die Sozialdemokraten förderten durch die Forderung nach Umverteilung Neid und damit "einen Faktor, der, wie im Vorangegangenen gezeigt, das Entstehen der modernen Judenfeindschaft [...] in Deutschland angeheizt hatte" (S.131)
4. Die Sozialisten waren gegen Liberalismus. Durch ihre Forderung nach sozialer Gerechtigkeit "relativierten sie notwendigerweise die Werte der individuellen Freiheit" (S.131). Mit ihrer Formel vom Klassenkampf gewöhnten sie ihre Anhänger an eine "Freund-Feind-Optik" (S.132).
5. "Ersetzte man die Vorstellung vom entrechteten Proletariat durch die Vorstellung vom entrechteten und bedrohten deutschen Volk [...] war der Weg zur nationalsozialistischen Utopie nicht weit." (S.132)
6. Nach Plessner (1936) ist die Basis-Überbau-Theorie für andere Ideologien nutzbar.
Daraufhin kommt er zu dem Schluss: "An alle sechs der hier aufgeführten Grundelemente [...] knüpften [...] rechtsnationalistische Bewegungen an, teils mit veränderten Inhalten, teils mit verwandten." (S.133)

Alys Buch enthält eine Fülle von interessanten Informationen.
Aus meiner Sicht verbaut er sich freilich eine überzeugende Argumentation durch unnötige Emotionalisierung und vorschnelle Schlüsse.
Denn natürlich sehe ich in der Forderung nach Gerechtigkeit eine Relativierung der "Werte der individuellen Freiheit", nämlich genau in dem Sinn, dass Freiheit immer durch die Freiheit des anderen eingeschränkt ist.
Dazu sollte ich freilich eingestehen, dass für mich die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit aufgrund der Finanzkrise wieder sehr aktuell geworden ist und dass diese Forderung meiner Meinung nach durchaus nicht den Weg nach Auschwitz ebnen hilft. Ein weniger voreingenommener Leser wird von der Lektüre des Buches noch mehr profitieren, als ich es getan habe.

Diese Besprechung ist zuvor schon bei ZUM-Buch erschienen.

1.3.12

Gauck, Götz Aly und der Holocaust

Joachim Gauck hat in einem Vortrag von 2006 gesagt, für Menschen, die das "Koordinatensystem religiöser Sinngebung verloren haben" könne ein paradoxer und unbewusster "psychischer Gewinn" darin liegen, im Holocaust einen negativen Fixpunkt zu sehen.
Götz Aly verteidigt ihn in der ZEIT vom 1.3.12 gegen die daraufhin gegen ihn von Deniz Yücel in der taz erhobenen Vorwürfe.
Gerade weil ich manche Positionen von Gauck und manche von Aly für fragürdig halte - nicht zuletzt aufgrund der Art, wie sie sie begründen bzw. nicht begründen, möchte ich aussprechen, dass ich Gaucks Überlegungen als von einem christlichen Standpunkt her gut nachvollziehbar und Alys Verteidigung für berechtigt halte.
Übrigens auch deswegen, weil ich sonst nicht selten mit in der taz vertretenen Positionen übereinstimme.

Die inzwischen nachgeholten Links verdanke ich dem von Aly kritisierten taz-Artikel, der die von ihm kritisierten Aussagen Gaucks vorbildlich verlinkt und außerdem in seinem Beitrag im Zusammenhang wiedergibt.
Er verweist auch auf die Argumentation von Clemens Heni, die ihn offenbar angeregt hat und die Heni schon am 3.6.2010 in einem Blogbeitrag vorgetragen hat und in der er als Kern der Prager Deklaration von 2008 herausstellte:
"[...] der Holocaust war demnach kein präzedenzloses Verbrechen, der Antisemitismus der Deutschen und ihrer Helfer war nichts Besonderes, vielmehr ‚typisch‘ für ‚totalitäre Regime‘ wie dem Nazismus und Kommunismus. Der Holocaustgedenktag soll abgewertet bzw. ersetzt werden! Das sind das Ziel und die Konsequenz der neuen antisemitischen Bewegung in Europa und kaum jemand nimmt davon in Deutschland Notiz."(sieh Henis Beitrag!)
Die Erstunterzeichner der Prager Deklaration "der frühere Präsident der Tschechischen Republik Vaclav Havel, der ehemalige Leiter der Gauck-Behörde, Joachim Gauck, der frühere Präsident von Litauen Vytautas Landsbergis, der schwedische konservative Politiker Göran Lindblad, sowie die beiden tschechischen Politiker Jana Hybaskova und Martin Mejstrik" seien also Vertreter eines neuen Antisemitismus.
Heni begründet seine Behauptung mit der Aussage "Ohne den Kampf der Sowjetunion wäre der Holocaust nicht beendet worden". Danach wäre offenbar Kritik am Stalinismus eine Spezialform des Antisemitismus. Meiner Meinung nach eine allzu steile These.

Dies möchte ich festgehalten haben, damit meine Kritik an Positionen von Gauck und von Aly nicht in einen falschen Kontext gestellt wird.

Nachtrag vom 5.3.12:
Harry Nutt von der FR weist darauf hin, dass Yücel von der taz mit seiner Position durchaus nicht alleine steht, vertritt aber seinerseits auch die Position, dass Aly mit seiner Verteidigung Gaucks Recht hat.

12.4.11

Tsunami und Erinnerungskultur: Manchmal kann man aus der Geschichte lernen.

Die Gefahren, die von der Atomkraft ausgehen, sind historisch einmalig. Es ist unsere Generation, die aus den Atombombenabwürfen, aus der Strahlenverseuchung durch Atomtests und aus Unfällen in Atomkraftwerken hätte lernen müssen.
Aber Erfahrungen mit Erdbeben und Tsunamis hat die Menschheit schon früher gemacht. Und speziell in Japan haben frühere Generationen ihre Nachfahren davor zu warnen versucht.

"Hunderte der Wegsteine stehen in Nordjapan, manche sind älter als 600 Jahre. Viele sind freilich kaum zu entdecken, sie stehen abseits der Straßen, überwuchert im Dickicht", berichtet Spiegel online.

Auf den Steinen stehen Mahnungen wie "Erinnert das Unheil der Tsunamis. Baut nicht unterhalb dieses Punktes." und "Hohe Gebiete sind Friede und Harmonie der Nachgeborenen." sowie "Wenn ein Erdbeben kommt, nimm Dich vor Tsunamis in Acht."
Erfahrungsgemäß verblassen solche Erinnerungen freilich schon im Lauf von drei Generationen so, dass sie nicht mehr erst genommen werden. Es bedarf einer bewussten Erinnerungkultur, das Bewusstsein für solche Gefahren lebendig zu halten. Im japanischen Dorf Aneyoshi haben die Bewohner gelernt und überlebt. Hier haben, berichtet Spiegel online, die "meisten Leute ihr Haus oberhalb der steinernen Mahnmale gebaut. 'Jeder hier kennt die Steine', sagt die Zwölfjährige Yuto Kimura, 'wir haben sie in der Schule durchgenommen'. Bevor am 11. März die Tsunamis kamen, sei das Dorf geschlossen auf Anhöhen geflüchtet."
Es gibt gute Gründe, die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus und an den Holocaust wachzuhalten, gerade auch dann, wenn die letzten Zeitzeugen weggestorben sein sollten.
Wir sind es unseren Nachfahren schuldig.

Dirk Franke hat einen anderen Blick auf die Nachricht von Spiegel online.

6.12.09

Freundschaft auf Facebook

Ich habe mich auf Facebook um eine zweite Freundschaft beworben. Bei Henio Zytomirski. Ich scheue mich auch nicht, sein Facebookaccount zu verlinken, obwohl er erst 7 Jahre alt ist. Ihm droht kein Cybermobbing.
Er ist nämlich ein Zeitzeuge für das, was mit ihm und seiner Familie passiert ist, damals in Lublin und dann im KZ Majdanek. Ihm sind viele Facebook-Freunde zu wünschen, denn er hat eine Botschaft, die dadurch, dass man jetzt knapp 70 Jahre nichts mehr von ihm gesehen hat, nicht weniger aktuell geworden ist.
Nachtrag vom 13.11.2012:
Der Link zur Facebookwall von Henio Zytomirski führt mich nicht mehr dorthin. Die virtuelle "Freundschaft" (Verbundenheit) mit ihm ist damit nicht beendet, wohl aber die mit Facebook.
Nachtrag vom 31.1.2019:
Hier der Wikipediaartikel zu: Henio_Zytomirski 

31.10.09

Jüdin beschreibt Rettung durch Nazi

Valentin Beck ist volksdeutscher Nazi in Ostpolen. Bei einem Saufgelage in seinem Haus rühmt sich der Polizist Hans, 72 Juden erschossen zu haben.
Eine jüdische Familie hört es getrennt nur durch ein paar Dielen in ihrem niedrigen Versteck mit. Valentin Beck hat sie versteckt.
Clara Kramer berichtet 65 Jahre darauf in ihrem Buch Eine Handbreit Hoffnung. Die Geschichte meiner wunderbaren Rettung, wie sie in ihrem Versteck überlebt hat.
Beck war ein Säufer, betrog seine Frau, einmal auch mit einer der versteckten Jüdinnen. Seine Frau, die ihn dabei erwischte, bereut, die "Schlange" in ihr Haus aufgenommen zu haben. Doch sie verrät sie nicht.
Beck rettet insgesamt 18 Juden.
1944 wird Beck von Agenten des sowjetischen Geheimdienstes NKWD verhaftet. Clara legt ihnen ihr Tagebuch aus dem Versteck vor, und er wird freigelassen.
Als Clara Kramer ihm nach dem Krieg Geld schickt, schreibt er bald: "Kein Geld mehr".
Denn Kontakte nach Israel waren damals in Polen verdächtig.