Wissenschaftliche Arbeit besteht mehr und mehr in Zusammenarbeit.
Die "Fotografie" des (Schattens des) schwarzen Lochs bietet ein schönes Beispiel: Mehrere "Teleskope", zwischen denen ein Abstand von rund 10 000 km bestand, haben jeweils einen Teil zu dem "Foto" beigetragen. Die Auflösung eines einzigen Teleskops mit "nur" 50 m Durchmesser wäre dafür viel zu gering gewesen.
Natürlich ist nicht fotografiert worden, sondern es sind Daten ermittelt worden, die von mehreren Teams zusammengetragen wurden und dann von einem Team ausgewertet wurden, das mit einer Software arbeitete, die in Teamwork erstellt wurde.
Auch wer an einem großen Teil der Arbeitsvorgänge teilgenommen hat, wird im Normalfall nicht beurteilen können, wer die wichtigste Einzelleistung erbracht hat.
Freilich spricht viel dafür, dass die wesentlichste Einzelleistung der Entwurf der gesamten Konzeption ist. Meist schreibt man den wohl dem zu, der die Konzeption den Institutionen vorlegt, die die notwendigen Forschungsmittel zur Verfügung stellen.*
Beispiele zu Forschung, Lehre, Publikation und zur Beurteilung des Leistungsanteils:
Ein Professor verteilt Themen zu mehreren Seminararbeiten. Danach übernimmt er Argumentationen und Formulierungen daraus.
Ein Professor bespricht mit einer Person, die eine Doktorarbeit schreibt, dessen fortlaufende Arbeit und greift einen Teil dessen, was er sich in diesen Gesprächen erarbeitet hat, in einem Aufsatz auf.
Ein Professor führt in der Vorlesung vor, wie er Quellen interpretiert, danach verteilt er eine Reihe von Themen, zu deren Bearbeitung im wesentlichen diese Interpretationstechniken herangezogen werden müssen.
Ein Professor setzt eine von seinem Institut bezahlte Hilfskraft ein, um festgelegte Arbeitsschritte zu erledigen und dann ein Ergebnis zu formulieren.
Wer kann beurteilen, wie groß der Anteil der verschiedenen Personen am Endergebnis ist?
Mir unvergessen:
Beim wörtlichen Zitat wurde kein Hinweis auf das Urheberrecht am Zitat und kein Hinweis auf die Bearbeitung des Themas in einem Seminar gegeben.
Von den Arbeitsergebnissen der bezahlten Hilfskraft wurde kein Ergebnis irgendeines eines Arbeitsschritts verwertet, aber für ihre (angebliche) Mitarbeit an dem Buch wurde ihr dort gedankt.
Diese Hilfskraft war ich, und unvergessen ist mir auch die Bezeichnung "Lehramtskandidat", mit der ich genannt wurde, um klar zu machen, dass es nicht um eine "nur" studentische Hilfskraft ging.
Dagegen hatte ich, bevor ich es eben nachgelesen habe, nicht mehr im Kopf, dass ich in der Einleitung zu einer Quellensammlung zur Königserhebung, die ich herausgegeben habe, genau die Prinzipien der Behandlung des Themas wiedergegeben habe, die ich zuvor in Vorlesung und Seminar des Professors gelernt hatte, selbstverständlich (?), ohne sie als sein Gedankengut zu kennzeichnen, da ich ja erwähnt hatte, dass die Sammlung aus seiner Seminarübung hervorgegangen war. Heute gibt es da andere Vorstellungen von Plagiat.
Wie ist der Anteil von Greta Thunberg an der Entstehung der weltweiten Schülerstreiks zu bewerten?
Gewiss stammt die Konzeption der weltweiten Organisation nicht von ihr, aber auch nicht die publizistische Arbeit, die erforderlich war, dass ihr Schulstreik national und international so bekannt wurde, dass sie bei der Weltklimakonferenz und beim Weltwirtschaftsforum sprechen und ihre Initiative weltweit bekanntmachen konnte.
Andererseits ist aber schwer vorstellbar, dass ohne das vorbildhafte Praxisbeispiel einer 16-Jährigen der Gedanke eines Schülerstreiks hätte Fuß fassen können.
Dass sie monatelang Einzeltäterin war, unterscheidet sie von so viel beredteren Sprecherinnen der Gelbwestenproteste und der Klimaaktivisten.
* Im Fall des "Fotos" des schwarzen Lochs hat man freilich der 29-jährigen Katie Bouman eine wichtige Rolle bei der Erstellung der nötigen Software zugeschrieben und damit einen Shitstorm gegen sie ausgelöst. Ich nehme an, dass Andrew Chael ihre Leistung besser beurteilen kann als diejenigen, die sie jetzt angreifen. Ich selbst kann es natürlich nicht beurteilen. - Freilich könnte die Berühmtheit von Greta Thunberg begünstigt haben, dass man im Kontext mit dieser wissenschaftlichen Leistung eine Frau besonders herausgestellt hat. Katie Bouman ist freilich primär eine hochqualifizierte Wissenschaftlerin, nicht eine Aktivistin, die die Mehrzahl der Regierungen der Welt angreift. Bei ihr gilt wohl eher "Eine kluge Frau hat Millionen geborene Feinde: alle dummen Männer." (Marie von Ebner Eschenbach), während Greta angegriffen wird, weil sie den Leugnern des menschengemachten Anteils des Klimawandels das Leben etwas schwerer macht und 14-jährige Mädchen (Beispiel) dazu "verführt" hat, sich für Politik zu interessieren.
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14.4.19
4.5.13
Hüther und Hattie
Prechts Schulkritik (hier zwei Kommentare von erfahrenen Lehrern) kann man als Lehrer vielleicht ignorieren, er ist kein Fachmann. Aber Hüther und Hattie sind - jeder in seiner Weise - Spezialisten für Lernen. Ihre Erkenntnisse und Überlegungen sollte man zumindest zur Kenntnis nehmen.
Zu Hattie habe ich mich schon geäußert, doch werde ich weiter unten auf sein Interview in der ZEIT vom 2.5.13 zurückkommen.
Zu Gerald Hüther (Neurobiologe) finden sich zwei Blogposts bei Lehrerfreund:
* Gerald Hüther über das System Schule
* »Warum ich mich Gerald Hüther nicht (gleich) an die Brust werfe«
Hüthers Positionen sehe ich kritischer als die von Hattie und begnüge mich deshalb mit dem Hinweis auf diese beiden Texte.
John Hattie (Visible Learning) überzeugt mich mit dem Hinweis auf die wichtige Rolle des Lehrers und mit seinem Hinweis,dass er mehr sein muss als nur Moderator (Hattie spricht davon, er solle Regisseur des Lernprozesses sein).
Er muss nämlich bei den Schülern das Gefühl von Selbstwirksamkeit erreichen (der beste Schutz vor Demotivierung) und dazu gehört, dass die Schüler nicht zu stark angeleitet werden (dazu sehr energisch J-M Klinge), aber auch, dass sie nicht unterfordert oder wesentlich überfordert werden.
Dafür muss der Lehrer den Schülern Feedback geben. Zum einen, damit sie immer neue Aufgaben vor sich sehen, zum anderen, damit sie nach Misserfolgen nicht sich als Person die Schuld geben, sondern Fehlerquellen erkennen und Instrumente zur Beseitigung gewiesen bekommen.
Er muss aber auch das Feedback der Schüler einholen, um für seine Arbeit ganz entsprechend Verbesserungspotentiale zu erschließen. Dazu gehört auch der Austausch mit Kollegen, damit er nicht nur aus eigenen Erfolgen und Misserfolgen, sondern auch aus denen von Kollegen lernen kann.
Bei zwei anderen Positionen Hatties stimme ich nur bedingt zu:
Dass die Variable Klassengröße unwichtiger ist als die Variable Lehrer, gebe ich ohne weiteres zu.
Die Studien, die das ergeben, zweifle ich in keiner Weise an. Denn ein sehr guter Lehrer wird auch bei 40 oder 50 Schülern weit erfreulichere Ergebnisse erzielen als ein Lehrer mit 15 Schülern, der sie demotiviert.
Aber wie wichtig ist die Klassengröße für die Möglichkeit von gegenseitigem Feedback? Bei 30 Schülern braucht es mehr Zeit als bei 20, von dem Vergleich zwischen 15 und 40 zu schweigen.
Außerdem: Könnte es nicht sein, dass ein Lehrer, der nie Klassen von mehr als 25 Schülern zu unterrichten hatte, auch noch nach 35 Jahren ein sehr guter Lehrer im Sinne von Hatties Studie ist, einer, der ständig 30 bis 35 zu unterrichten hatte, aber schon nach 15 Jahren nicht mehr so rundum alle Kriterien des sehr guten Lehrers erfüllt?
Der beste Lehrer, den ich je kennengelernt habe, schied deutlich vor seinem 50. Lebensjahr wegen Arbeitsunfähigkeit aus dem Dienst.
Dann zur Gruppenarbeit: In Lerngruppen in England finden laut Hattie "nur in zwei Prozent der Unterrichtszeit tatsächlich auf Lernziele ausgerichtete Gruppenaktivitäten" statt. - Wie viel Prozent sind es bei anderen Unterrichtsformen, wie produktiv ist das, was in den genannten 2% stattfindet?
Vor allem aber: Ist der Lehrer wirklich überzeugt, dass Gruppenarbeit erforderlich ist, oder setzt er sie nur ein, weil es von ihm erwartet wird? (vgl. Evaluation an deutschen Schulen und die gegenwärtige Praxis an Hochschulen)
Lange Zeit war ich recht unzufrieden mit der Effektivität von Gruppenarbeit, schon der häufigere Einsatz des Gruppenpuzzles hat sie (aus meiner Sicht) deutlich erhöht. - Aber dies ist ein Kapitel, das so rasch nicht erschöpft werden kann.
Nachtrag vom 8.5.13:
Ein Bericht der SZ über Precht bei Jauch
* Gerald Hüther über das System Schule
* »Warum ich mich Gerald Hüther nicht (gleich) an die Brust werfe«
Hüthers Positionen sehe ich kritischer als die von Hattie und begnüge mich deshalb mit dem Hinweis auf diese beiden Texte.
John Hattie (Visible Learning) überzeugt mich mit dem Hinweis auf die wichtige Rolle des Lehrers und mit seinem Hinweis,dass er mehr sein muss als nur Moderator (Hattie spricht davon, er solle Regisseur des Lernprozesses sein).
Er muss nämlich bei den Schülern das Gefühl von Selbstwirksamkeit erreichen (der beste Schutz vor Demotivierung) und dazu gehört, dass die Schüler nicht zu stark angeleitet werden (dazu sehr energisch J-M Klinge), aber auch, dass sie nicht unterfordert oder wesentlich überfordert werden.
Dafür muss der Lehrer den Schülern Feedback geben. Zum einen, damit sie immer neue Aufgaben vor sich sehen, zum anderen, damit sie nach Misserfolgen nicht sich als Person die Schuld geben, sondern Fehlerquellen erkennen und Instrumente zur Beseitigung gewiesen bekommen.
Er muss aber auch das Feedback der Schüler einholen, um für seine Arbeit ganz entsprechend Verbesserungspotentiale zu erschließen. Dazu gehört auch der Austausch mit Kollegen, damit er nicht nur aus eigenen Erfolgen und Misserfolgen, sondern auch aus denen von Kollegen lernen kann.
Bei zwei anderen Positionen Hatties stimme ich nur bedingt zu:
Dass die Variable Klassengröße unwichtiger ist als die Variable Lehrer, gebe ich ohne weiteres zu.
Die Studien, die das ergeben, zweifle ich in keiner Weise an. Denn ein sehr guter Lehrer wird auch bei 40 oder 50 Schülern weit erfreulichere Ergebnisse erzielen als ein Lehrer mit 15 Schülern, der sie demotiviert.
Aber wie wichtig ist die Klassengröße für die Möglichkeit von gegenseitigem Feedback? Bei 30 Schülern braucht es mehr Zeit als bei 20, von dem Vergleich zwischen 15 und 40 zu schweigen.
Außerdem: Könnte es nicht sein, dass ein Lehrer, der nie Klassen von mehr als 25 Schülern zu unterrichten hatte, auch noch nach 35 Jahren ein sehr guter Lehrer im Sinne von Hatties Studie ist, einer, der ständig 30 bis 35 zu unterrichten hatte, aber schon nach 15 Jahren nicht mehr so rundum alle Kriterien des sehr guten Lehrers erfüllt?
Der beste Lehrer, den ich je kennengelernt habe, schied deutlich vor seinem 50. Lebensjahr wegen Arbeitsunfähigkeit aus dem Dienst.
Dann zur Gruppenarbeit: In Lerngruppen in England finden laut Hattie "nur in zwei Prozent der Unterrichtszeit tatsächlich auf Lernziele ausgerichtete Gruppenaktivitäten" statt. - Wie viel Prozent sind es bei anderen Unterrichtsformen, wie produktiv ist das, was in den genannten 2% stattfindet?
Vor allem aber: Ist der Lehrer wirklich überzeugt, dass Gruppenarbeit erforderlich ist, oder setzt er sie nur ein, weil es von ihm erwartet wird? (vgl. Evaluation an deutschen Schulen und die gegenwärtige Praxis an Hochschulen)
Lange Zeit war ich recht unzufrieden mit der Effektivität von Gruppenarbeit, schon der häufigere Einsatz des Gruppenpuzzles hat sie (aus meiner Sicht) deutlich erhöht. - Aber dies ist ein Kapitel, das so rasch nicht erschöpft werden kann.
Nachtrag vom 8.5.13:
Ein Bericht der SZ über Precht bei Jauch
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Neurobiologie,
Precht,
Schulkritik,
Schulreform
18.2.11
Über den Nutzen von Gruppenarbeit
Nicht nur die friedlichen Revolutionäre aus Tunesien, Serbien und Ägypten haben zusammengearbeitet, auch die Leser von zu Guttenbergs Dissertation arbeiten zusammen, um die Plagiate zu sammeln (in dem Wiki Guttenplag).
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