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11.7.17

Moderne Didaktik - Kompetenzorientierung

Bildungskatastrophe: Abiturienten scheitern schon am Bruchrechnen Wirtschaftswoche 10.7.2017

Die Klage über die Unkenntnis der neuen Generation ist schon Jahrtausende alt. Insofern ist die Kritik eines emeritierten Fachdidaktikers an seinen jungen Fachkollegen kein Wunder.
Dennoch sind mit jeder Modernisierung früher beherrschte Fähigkeiten verloren gegangen. Was ein jungsteinzeitlicher Handwerker konnte, eignen sich experimentelle Archäologen heute mühsam an.
Mit jeder neuen Zivilisations- und Kulturstufe geht ein Stück Fähigkeit, ohne sie auszukommen, verloren. (Lars Gustafsson: Die Stille der Welt vor Bach)

Ich will hier nur an das Problem erinnern, es nicht genauer erörtern. Zu Beginn meiner Studienzeit klagte Walther Killy über den "mittleren Studenten"*. Ich war ein solcher Student und habe doch lange geglaubt, man müsse als Deutschlehrer auch die pädagogische Provinz (Wilhelm Meister) und die Campagne in Frankreich kennen.
Zukünftige deutsche Kommunikationswissenschaftler (die Germanistik geht gegenwärtig offenbar in diesem umfassenderen Wissensgebiet auf) werden sicher alle noch Goethe dem Namen nach kennen, aber gewiss nur noch wenige seiner Werke gelesen haben. Früher oder später aber wird die Fähigkeit, flüssig von Hand zu schreiben, nur noch von wenigen Spezialisten der historischen Kommunikationswissenschaft weitergegeben werden.

Jede neue Generation wird darüber entscheiden müssen, an welcher Überlieferung festgehalten werden soll und welche man in "Orchideenwissenschaften" im elfenbeinernen Turm verwahrt, bis sie wie heute die Islamwissenschaften wieder brandaktuell werden.

Als Pensionär mache ich hier keinen Versuch, ein fundiertes Urteil über Kompetenzorientierung abzugeben.
Ich halte nur fest, ich bin alt genug, ihr kritisch gegenüber zu stehen, und zu jung, um zu meinen, dass alles, was einmal zum Mittelstufenstoff gehörte, auch in künftigen Jahrzehnten noch von allen Abiturienten beherrscht werden müsste. (Ich verweise dazu auf das "Säbelzahn-Currikulum"*.)

Bruchrechnung war schon lange nicht jedermanns Sache, Es gibt aber immer noch Optimisten, die meinen, dass nicht nur besonders Begabte sie frustfrei lernen können.

Manche Sprache, die schon ausgestorben schien, wurde neu belebt; aber gleichzeitig verwandeln sich lebende Sprachen bis zur Unkenntlichkeit.
Ich hätte mir als Fünftklässler ("Sextaner") nicht vorstellen können, welche Schwierigkeiten heute hochqualifizierte Journalisten mit der Unterscheidung von Genitiv und Dativ haben. Dabei ist das Deutsche im Verhältnis zum Englischen ja noch stabil; denn es wird nur von - vergleichsweise - wenigen Millionen als Zweit- oder Drittsprache verwendet.

Zwei Fragen:
Ist die Fähigkeit zur Unterscheidung von Fällen im Deutschen noch eine Kompetenz oder gehört sie schon zur überholten "Stoffdidaktik"?

Muss man das Säbelzahn-Curriculum kennen, um zu verstehen, dass schon altsteinzeitliche Jäger kompetenzorientiert lernten, aber auch über einen umfassenden Fundus an Kenntnissen über Pflanzen, Tiere, Geräusche ... hatten. (Auch wenn ihre Pflanzenkenntnis geringer gewesen sein wird als die der Sammlerinnen.)

* Der mittlere Student (1963) in: Killy, Walther: Bildungsfragen München 1971

*"Aber - aber jedenfalls müssen Sie zugeben, daß sich die Zeiten geändert haben. Könnten Sie es mit diesen modernen Dingen nicht wenigstens versuchen? Vielleicht haben sie doch einen gewissen erzieherischen Wert?!" Selbst die anderen Radikalen meinten, daß er nun zu weit gegangen sei. Die weisen Alten wurden böse. Ihr freundliches Lächeln verschwand. "Wenn du selbst eine Erziehung hättest", sagten sie ernst, "dann würdest du wissen, daß die Wirkung einer wahren Erziehung zeitlos ist. Es ist etwas, das auch unter veränderten Bedingungen andauert wie ein Felsbrocken inmitten eines reißenden Flusses. Du mußt wissen, daß es einige ewige Wahrheiten gibt, und das Säbelzahn-Curriculum ist eine davon". (H. Benjamin)

7.10.09

Lehrerbildung - Bildungsstandards

Herr Larbig versteht es, interessante Diskussionen anzustoßen. So äußert bei ihm Lisa Rosa:
Die Bildungsstandards Geschichte bspw. widersprechen schon im Ansatz dem Kompetenzmodell “Historisches Denken” von Schreiber/Körber/v. Borries”. Letztere werden darum auch nicht von den Bildungsplanmachern aufgenommen. Wie widersprüchlich die Praxis derzeit aussehen kann: Ich arbeite mit Körber zusammen und biete Lehrerfortbildungen auf der Grundlage des Kompetenzmodells an – und neben mir und über den Hof rüber sitzen die Lehrplangestalter und passen die Lehrpläne an die Bildungsstandards Geschichte an.

Irgendwie verständlich, dass es Lehrer gibt, die weder von Bildungsstandards noch von Kompetenzmodellen etwas hören wollen, obwohl beide intellektuell anregend sind.
Freilich, es gehört schon sehr viel dazu, Franz E. Weinerts Definition von Kompetenz (die ich auch Lisa Rosa verdanke) "evaluierbar" zu machen. Kompentenz sind nach Weinert nämlich „die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.“

Wie stelle ich nun fest, wer diese Kompetenzen für "bestimmte Probleme" hat? Es ist ein ernsthaftes Problem. Nicht zufällig sind alle Pädagogen der Welt nicht mit dem Problem fertig geworden, wie man die verschiedensten Lehrer mit einem einheitlichen System dazu befähigt, die verschiedensten Schüler zu den jeweils von Politikern gesetzten Zielen zu führen.
Ich bitte mir, spät am Abend ein wenig Unernst zu verzeihen:
George W. Bush ist mit dem Problem fertig geworden, wie man über vier Jahre lang die Interessen einer sehr kleinen Gruppe bedient und der Bevölkerungsmehrheit vormacht, es geschähe in ihrem Interesse.
Obama scheint es nicht zu gelingen, die Bevölkerungsmehrheit dazu zu bringen, eine Gesundheitsreform zu akzeptieren, deren Inhalte von über 60% der Bevölkerung gewünscht werden.
Der nahe liegende Schluss: Das zweite Problem ist definitionsgemäß höchst einfach. Wenn Obama damit nicht fertig wird, ist er unfähig. (Deshalb sacken die Zustimmungszahlen für ihn bereits dramatisch ab.)
Oder soll ich jetzt eine saubere Problemschwierigkeitsskala aufstellen, mit deren Hilfe saubere Kompetenzstandards evaluierbar wären?
Wie sagte v. Hentig: "Die Menschen stärken, die Sachen klären" (und zwar in der Reihenfolge). Ich habe nicht den Eindruck, dass das gegenwärtig für die Mehrheit der deutschen Schüler geleistet wird, aber genauso wenig, dass es für die Mehrheut der deutschen Lehrer geleistet wird.
Es soll freilich DirektorInnen geben, die es verstehen, LehrerInnen zu stärken, indem sie universitäre und ministeriale Empfehlungen und Weisungen deutlich tiefer hängen, als es von seiten dieser Institutionen gewünscht wird.
Kein Wunder, dass Ministerien nachher deren Schulen den anderen als Vorbild vorhalten: "Ihr seht doch, es geht!"
Freilich, einfach ist es nie.

22.9.09

Nicht nur Wikis!

"Web-2.0-Umgebungen bieten die Möglichkeit, Hochschulseminare öffentlich, das heißt unter Beteiligung von Personen außerhalb der Hochschule, abzuhalten." So hat cspannagel den Inhalt zweier Vorträge zusammengefasst, auf die ich hier hinweisen will.
Hier die Links: Öffentliche Seminare im Web 2.0 (Vorsicht:Pdf-Datei, daher eine gewisse Ladezeit), Folien zum Vortrag (rasch durchgeklickt), Gemeinsam lernen mit Wikis, Weblogs und Twitter (Folien zum Vortrag, teilidentisch mit denen vom vorigen), (Vortragsaufzeichnung, Video mit Folien)
Viel Kritisches kann ich dazu nicht sagen, dafür halte ich den Ansatz für viel zu vielversprechend. So sage ich nur mit Maik Rieken, Herrn Larbig u.a.: Man darf über der Methode aber die Inhalte nicht vergessen. Als ob Christian Spannagel jemals in Versuchung dazu wäre!

Hier noch ein Hinweis darauf, wie Lisa Rosa ihre Referendare dazu angeleitet hat, mit Blogs zu arbeiten, und einer dazu, wie Andreas Kalt die Blogs findet, die er für die Arbeit mit seinen Schülern braucht.