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29.1.11

Wie kann die deutsche Sprache erhalten bleiben? (2)

Die deutsche Sprache verliert die Verlässlichkeit ihrer Bildungsregeln (ihres Codes), weil diese in zunehmendem Umfang durch Bildungsregeln der englischen Sprache ersetzt werden (Codesprung). Dadurch wird der Hörer immer mehr zum Raten gezwungen, welche Bildungsregeln gerade verwendet werden. Es geht Verständlichkeit verloren und dadurch auch die Möglichkeit, etwas differenziert und schön zu sagen.

Um das Deutsche lebendig zu erhalten, brauchte weder die Aufnahme von Fremdwörtern gestoppt zu werden noch müssten alle energisch eingedeutscht zu werden.
Es müßte in den von der Anglisierung betroffenen gemeinsprachlichen Bereichen  nur die Menge der Codesprünge vermindert werden, so daß insgesamt der deutsche Code gefestigt würde. Hier eine Übersetzung, dort eine lautliche oder orthographische Anpassung, mit dem Ziel, die zugereisten Wörter in sämtlichen grammatischen Zusammenhängen frei gebrauchen zu können - schon das würde viel bewirken.
(Zimmer: Deutsch und anders, S.85)
Zimmer glaubt freilich nicht recht daran, dass dies gelingen kann, denn das setze ja "den gemeinsamen Willen voraus, das Deutsche an der deutschen Sprache zu erhalten". Dieser Wille aber sei "nicht vorhanden" und wo er vorhanden sei, würde er "sofort als Deutschtümelei ausgepfiffen".

Das schrieb er, bevor die Debatte um die deutsche Leitkultur ausgebrochen war und bevor Angela ein Ende von Multikulti ansagte, wobei beide Male die deutsche Sprache nicht mit in den Blick kam. Dennoch scheint mir seine Skepsis angebracht, wenn auch nicht totale Resignation.

Wer hat schon die sprachliche Sensibilität, die 10 Veränderungen der deutschen Sprache, die er anführt,  zu erkennen (das tun relativ viele) und die Gefährdung, die dem Deutschen aus diesen Veränderungen erwächst zu erkennen.

Welche Veränderungen mögen das wohl sein? Nicht die massenhafte Einreise von Wörtern, auch nicht die Übernahme idiomatischer Redeweisen wie "das macht Sinn", sondern ...
Hier mag man nachdenken, bei Zimmer nachschlagen oder auf meinen nächsten Beitrag warten.

Nachsatz:
Angela Merkel hat schon früh betont, dass Ausländer Deutsch lernen müssten. Insofern war Deutsch im Zusammenhang von Leitkultur und Multikulti sehr wohl im Gespräch. Aber dass den Deutschen in ihrer Gesamtheit die Fähigkeit verloren gehen könne, sich der Bildungsregeln des Deutschen sicher zu sein, das kam in diesen Diskussionen nicht zur Sprache.

27.1.11

Wie kann die deutsche Sprache erhalten bleiben?

In zwei grundlegenden Aufsätzen in der ZEIT hat Dieter E. Zimmer 1995 Gefährdungen der deutschen Sprache formuliert. Ich habe die Aufsätze schon damals als bedeutsam erkannt, aber erst die Erfahrungen mit der deutschen Sprache, die ich seitdem gemacht habe, zusammen mit der Möglichkeit der Veröffentlichung im Blog  haben dazu geführt, dass ich ihre Hauptgedanken bewusst weiterverbreiten möchte. Es wird in kleinen Schritten geschehen.
Eine zentrale Erkenntnis hat Zimmer wie folgt formuliert:
Nicht der reichliche Einstrom fremder Wörter ist es, der verschiedene europäische Sprachen bedroht, sondern ihre Unfähigkeit und Unwilligkeit, die eingereisten Fremden zu assimilieren und ihnen damit volle Bewegungsfreiheit in ihrem eigenen Regelsystem zu verschaffen.
Auf den einen der beiden Aufsätze kann ich hier verlinken: Begegnung mit dem Deutsch von morgen (pdf-Datei). Die Gedanken beider Aufsätze sind zusammengefasst und ergänzt in dem Buch Deutsch und anders von 1997. Die Taschenbuchausgabe kam 1998 heraus. Der zitierte Gedanke findet sich auf den Seiten 73/74.
Ich werde in weiteren Beiträgen seine Gedanken vorstellen und erläutern.
Hier zunächst noch der Verweis auf eine Seite, wo er an eine ganze Reihe seiner Aufsätze erinnert.

Im Deutschen müssen Substantive ein Geschlecht haben und Verben konjugiert werden können. Adjektive sollten gesteigert werden können. Wo der Sinn es ausschließt - wie bei "schwanger", ist es nicht erforderlich, dennoch lässt die Sprache es ohne weiteres zu (schwanger, schwangerer, am schwangersten).

An Zimmers Erkenntnis mag befremden, dass Sprachen darin wie handelnde Subjekte auftauchen. Natürlich hält er sie nicht für Subjekte. Seine Redeweise versucht dem komplizierten Sachverhalt gerecht zu werden, dass unsere Sprache Bildungsgesetze (einen Code) hat, die uns nicht bewusst sind, die aber von allen Sprechern der deutschen Sprache im wesentlichen eingehalten werden.
Wenn ein Teil der Wörter, die wir verwenden, diesen Bildungsgesetzen nicht gehorchen kann, mindert das die Verständlichkeit der Sprache insgesamt.
Das gilt es im einzelnen aufzuzeigen.