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27.3.13

Vergiss mein nicht

Bewegend die Szene, wo die 96-jährige Mutter des Mannes (Malte Sieveking) nachfragt, wie alt seine Frau Gretel ist. Als sie erfährt, dass sie 73 Jahre alt ist, meint sie: "Aber das kann mein Sohn doch nicht machen, ihr könnt ihn doch nicht so verbrauchen."

Dabei spielt gewiss eine Rolle, dass sie im Heim ist und er sie seltener besucht, weil er sich ständig um seine Frau kümmern muss. Sicher spielen dabei die Jahrzehnte (zwei oder gar fünf?) eine Rolle, wo sie sich mit Kontaktwünschen zurückgehalten hat, um ihrem Sohn, dem Mathematikprofessor, Zeit für seine Arbeit und die notwendige Erholung zu lassen. Gewiss ist sie eifersüchtig auf ihre Schwiegertochter, die so viel Zuwendung erfährt und sie doch gar nicht richtig nutzen kann, weil sie schon im nächsten Moment vergessen hat, dass sie sie erfahren hat. Und sie, die Mutter, die doch Jahrzehnte so für ihren Sohn da war, wird von ihm so vernachlässigt.
Aber sicher spielt auch hinein, dass sie sieht, wie fordernd die Arbeit in der Altenpflege ist, und dass sie es bedauert, dass sie anderen so viel Arbeit macht, weil sie nicht mehr zureichend für sich selbst sorgen kann.
Und dann die Vorstellung, der geliebte Sohn, dessen Wohlergehen ihr seit seiner Geburt so wichtig war, könnte vom Status des angesehenen Professors, der endlich Zeit hat, seinen eigenen Interessen nachzugehen, in den Status eines Vollzeit-Altenpflegers zurückfallen und diese Tätigkeit mit schwindenden Kräften immer weiter ausüben müssen, bis er selbst pflegebedürftig wird.

Bewegend aber auch die strahlende Dankbarkeit der Frau, wenn sie wahrnimmt, dass sie anderen so wichtig ist, dass sie sich die Mühe machen, genau das für sie zu tun, was sie gerade haben will.

Aus einem meiner früheren Artikel möchte ich hier noch anführen:
Tiere sind weit besser darin, Menschen zu verstehen, die sich nicht erklären können. Nicht selten finden auch Kinder zu solchen Menschen einen leichteren Zugang als Erwachsene, aber ganz unabhängig von sinnwidriger sprachlicher Kombination sind Tiere am besten geeignet. 
Wegen diesen unmittelbaren Zugangs zur Psyche des Menschen sind Tiere besonders für alte und junge Menschen so wichtig.

http://vergissmeinnicht-film.de/
http://www.spiegel.de/kultur/kino/dokumentarfilm-vergiss-mein-nicht-von-david-sieveking-a-880585.html
http://www.sueddeutsche.de/kultur/vergiss-mein-nicht-im-kino-vorgefuehrt-im-verfall-1.1592413

21.5.12

Reisen mit Demenzkranken

"Da kommen plötzlich Dinge wieder zum Vorschein, welche die traurigen Angehörigen längst für auf immer und ewig verloren glaubten", heißt es auf Alzheimerinfo
Der Demenzwegweiser Düsseldorf führt eine ganze Liste (pdf) geeigneter Erholungsstätten an.
Unterstützung findet man auch bei Alzheimergesellschaften, z.B. bei der von Hamburg und der von Schleswig-Holstein.
Diese Hinweise nehme ich freilich nicht auf, weil ich glaube, den Angehörigen von Demenzkranken wesentlich neue Informationen zu geben, sondern um dem Umgang mit Demenz etwas von dem Bedrohlichen zu nehmen, was er für viele hat.
Vgl. auch meinen Artikel: Bleibt Fontanefan Fontanefan?
Zwangsbehandlung für Demente erlaubt? (Gesetzesplanung, 24.1.13)
Im Dorf des Vergessens - ein Dorf für Demente, ZEIT, 24.1.13, S.27

30.8.11

Bleibt Fontanefan Fontanefan?

"Richard ist immer noch Richard", so heißt ein Artikel im neusten Heft von Publik-Forum über ein Gespräch mit Richard Taylor, einem Alzheimer-Aktivisten. Dort heißt es auf Seite 47:

Bevor bei ihm mit 58 Jahren Demenz diagnostiziert wurde, lehrte er Psychologie an einer texanischen Universität. Richard Taylor ist inzwischen beinahe siebzig Jahre alt. Und immer noch ein gefragter Redner. Kürzlich beendete er eine Vortragsreise durch Europa, auf der er auch sein Buch mit dem Titel »Alzheimer und ich« vorstellte. Mit großem Vergnügen gibt er Interviews. Da er nicht mehr allein reisen kann, begleitete ihn seine Frau. Sie ist auch bei unserem Treffen in Hamburg dabei. Richard Taylor ist ein vollendeter Gastgeber, er stellt uns vor, holt Getränke, schenkt ein … (nachzulesen auf www.publik-forum.de)

Der Artikel macht Mut, ohne zu verschweigen, was man als Dementer braucht: "ein informiertes soziales Netzwerk", "ein Netzwerk aus Menschen, die wissen, dass ich dement bin. Und die Demenz verstehen. [...] Er verliert seine Fähigkeit, uns zu erklären, wer er ist. Aber wir haben ja noch unsere Fähigkeit, ihn zu verstehen. Das Verständnis geht über von mir zu ihnen. Aber wir mögen Richard immer noch." (S.50)
Für einen Psychologen ist es freilich weit leichter, so ein Netzwerk aufzubauen. Und wenn man erst einmal neunzig ist und alle Bekannten sind einem weggestorben, ja, dann braucht man wohl schon verständnisvolle Pfleger. Das fürchte ich schon.
Wenn man's genau nimmt, braucht man ja schon vorher so ein Netzwerk, von Menschen, die einen verstehen.
Bei mir ist es z.B. neben den eher peinlichen Schwächen, die ich hier nicht nenne, dass ich lieber Blogartikel schreibe und in der Wikipedia herumfuhrwerke statt fernzusehen, dass ich nur wenige Gerichte kochen kann und überhaupt nicht ausdauernd in Hausarbeit bin ...
Was man noch alles bei mir in Kauf nehmen muss, weiß ich - abgesehen davon, dass ich es nicht zugeben würde - schon jetzt nur unvollständig.
Als Demenzkranker werde ich zunächst sehr viel mehr darüber wissen und darüber traurig und wütend werden und oft nicht wissen, wie ich daraus herauskomme. Aber weiß ich es heute?
Über die ganz wichtige Rolle von Musik, über Kinder und mehr kann man im Aufsatz weit mehr lesen.
Was fehlt, ist, dass Tiere fast noch besser darin sind als Kinder, Menschen zu verstehen, die sich nicht erklären können. Aber das kann man sich ja auch selber denken. Oder?