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15.4.14

norberto42 oder intellektuelle Redlichkeit

Mich persönlich interessiert die Frage, ob sich Nietzsches oder Husserls Philosophie mit dem christlichen Glauben vereinbaren lassen, herzlich wenig. Wie norberto42 diese Frage aber mit seinen Versuchen, sich das Rauchen abzugewöhnen, in Verbindung bringt, zeugt nicht nur von großer Schreibkunst, sondern auch davon, dass ihm intellektuelle Redlichkeit kein abstraktes Konzept im Umgang mit Philosophie ist.

Mit ähnlicher Präzision nähert er sich literarischen Texten. Ich werde versuchen, hier nach und nach einige von seinen literarischen Analysen vorzustellen, zunächst die zu Eichendorffs eher unbekanntem Gedicht "Der Unbekannte".
Als Ergänzung der eigenen Interpretation sind seine Analysen nach meinem Eindruck für den Deutschunterricht sehr nützlich. Wer trägt schon bei jeder Stundenvorbereitung so viel Sekundärliteratur zusammen! Ich müsste lügen, wollte ich behaupten, ich läse seinen Blog regelmäßig; aber unter den Lehrerbloggern gehört norberto42 zu den intellektuellen Schwergewichten.


30.1.11

Wie kann die deutsche Sprache erhalten bleiben? (3)

In den vorhergehenden Beiträgen habe ich darauf hingewiesen, dass die deutsche Sprache durch mancherlei Veränderungen gefährdet ist.

Welche Änderungen sind das wohl? Dieter E. Zimmer führte in seinen Beiträgen von 1995 bis 1997 u. a. folgende Veränderungen an:

1. Mal werden Wörter übersetzt, mal nicht.
Das ist im Grunde natürlich richtig, weil manche Wörter unübersetzbar sind und ihre Bedeutung nur recht aufwendig erklärt werden kann, wenn überhaupt.
Problematisch wird es aber, wenn Wörter wie backup und restore beibehalten werden, obwohl es gute deutsche Entsprechungen gibt (sichern und wiederherstellen), dafür aber kaum übersetzbare in unverständliches Deutsch übertragen werden. So etwa, wenn smart decoy mit "Köder" Kopie wiedergegeben wird.

2. Manchmal werden ähnlich klingende Wörter aus dem Deutschen gewählt, die aber eine andere Bedeutung haben. Dann bleibt die "Übersetzung" so lange unverständlich, bis das deutsche Wort die neue Bedeutung mit aufgenommen hat und dadurch freilich missverständlicher wird. Ein Beispiel dafür ist die Wiedergabe von restore mit restaurieren statt mit wiederherstellen.

3. Richtig kritisch kann es dann werden, wenn die englische Idiomatik übernommen wird.
Relativ harmlos ist es, wenn man statt "Goethe wurde 1749 geboren" schreibt "in 1749". Auch wenn man Katzen und Hunde regnen lässt, ist es eher lustig als missverständlich. Aber wenn man "danke für diese Anweisungen" liest und gemeint ist "dank dieser Anweisungen", dann wird es schon schwieriger.

4. Die nächste Änderungstendenz greift noch tiefer in die Sprache ein, da sie sogar die Syntax verändert.
Das zeigt sich am stärksten bei den Adjektiven. Manchmal wird die englsche Umschreibung der Steigerungsformen übernommen: das ist mehr interessant, am meisten nützlich. Hufiger ist freilich die Schaffung von Scheiandjektiven, indem zusammengesetzte Wörter (Komposita) wie Standardtreiber auseinandergenommen und im ersten Bestandteil klein, im zweiten groß geschrieben werden: standard Treiber.
Bei Bildungen wie Urlaub exklusiv ist dann noch nicht einmal klar, ob das klein geschriebene exklusiv Adjektiv oder Adverb sein soll. Es geht aber auch noch anders: Aus der Film ist Klasse, der Comic ist Spitze wird der klasse Film, der spitze Comic. Obwohl diese Scheinadjektive von ihrem Ursprung als Substantive eine Endung bei sich tragen, sind sie aber nicht deklinierbar, also Fremdlinge in der deutschen Spache.

5. Änderung der Aussprache innerhalb eines Wortes, manchmal sogar mehrmalige Änderung; vgl. Lifestyle-Debut-Plan (englisch-französisch-deutsch).

6. Auseinandernehmen zusammengesetzter Substative und unverbundenes Nebeneinanderstellen der Bestandteile; vgl. Windows Anfänger.

7. Demgegenüber harmlos ist die Bezeichnung der ursprünglichen Wortgrenzen durch Binnengroßbuchstaben; vgl. LandesBank, InterCityTreff.

8. Einführung des englischen sächsischen Gentivs nicht nur bei Namen (Rita's statt Ritas), sondern auch bei anderen Substantiven (Manager's statt Managers), vereinzelt sogar anstelle eines Plurals (Auto's statt Autos).

9. Völlig ungrammatische Setzung von Kommata, die ganz am zufälligen Sprechrhythmus orientiert ist; vgl. Für, in der Shell installierte Objekte.

10. Völlig unmotiviertes Auseinanderreißen von Wörtern durch mangelhafte Trennprogramme: Bluter-güsse, Kreb-stiere, Waldst-erben.

Ich habe hier nicht alle Änderungen angeführt, die Zimmer 1995 in der Übersetzung eines Computerhandbuchs entdeckte und die er in einem Aufsatz über das Deutsch von morgen anführte, dafür aber andere aus seinem Buch von 1997 Deutsch ist anders - die Sprache im Modernisierungsfieber. Auch habe ich, wo sie mir aussagekräftiger erschienen, eigene Belege verwendet und die Reihenfolge der Veränderung gemäß der Wichtigkeit, die sie in meinen Augen haben, umgestellt.

Freilich hat es auch Vorzüge, wenn Sprachen sich vereinheitlichen. Wer wollte heute noch beklagen, dass Luther mit seiner Bibelübersetzung den wesentlichen Schub zur Schaffung eines einheitlichen Schriftdeutschen geleistet hat.
Warum sollten also Wörter, die sich auf neuste weltweite Entwicklungen beziehen, sich nicht weltweit gleichen. Gefährlich wird es aber, wenn einer Sprache die Baugesetze verlorengehen, so dass man vom Verstehen mehr und mehr zum Raten übergehen muss. Insofern kann ich Jean-Pol Martin zustimmen, wenn er in seinem Kommentar sagt: "Verständigungsprobleme gibt es genug." - Man sollte nicht mehr als nötig hinzufügen.

29.1.11

Wie kann die deutsche Sprache erhalten bleiben? (2)

Die deutsche Sprache verliert die Verlässlichkeit ihrer Bildungsregeln (ihres Codes), weil diese in zunehmendem Umfang durch Bildungsregeln der englischen Sprache ersetzt werden (Codesprung). Dadurch wird der Hörer immer mehr zum Raten gezwungen, welche Bildungsregeln gerade verwendet werden. Es geht Verständlichkeit verloren und dadurch auch die Möglichkeit, etwas differenziert und schön zu sagen.

Um das Deutsche lebendig zu erhalten, brauchte weder die Aufnahme von Fremdwörtern gestoppt zu werden noch müssten alle energisch eingedeutscht zu werden.
Es müßte in den von der Anglisierung betroffenen gemeinsprachlichen Bereichen  nur die Menge der Codesprünge vermindert werden, so daß insgesamt der deutsche Code gefestigt würde. Hier eine Übersetzung, dort eine lautliche oder orthographische Anpassung, mit dem Ziel, die zugereisten Wörter in sämtlichen grammatischen Zusammenhängen frei gebrauchen zu können - schon das würde viel bewirken.
(Zimmer: Deutsch und anders, S.85)
Zimmer glaubt freilich nicht recht daran, dass dies gelingen kann, denn das setze ja "den gemeinsamen Willen voraus, das Deutsche an der deutschen Sprache zu erhalten". Dieser Wille aber sei "nicht vorhanden" und wo er vorhanden sei, würde er "sofort als Deutschtümelei ausgepfiffen".

Das schrieb er, bevor die Debatte um die deutsche Leitkultur ausgebrochen war und bevor Angela ein Ende von Multikulti ansagte, wobei beide Male die deutsche Sprache nicht mit in den Blick kam. Dennoch scheint mir seine Skepsis angebracht, wenn auch nicht totale Resignation.

Wer hat schon die sprachliche Sensibilität, die 10 Veränderungen der deutschen Sprache, die er anführt,  zu erkennen (das tun relativ viele) und die Gefährdung, die dem Deutschen aus diesen Veränderungen erwächst zu erkennen.

Welche Veränderungen mögen das wohl sein? Nicht die massenhafte Einreise von Wörtern, auch nicht die Übernahme idiomatischer Redeweisen wie "das macht Sinn", sondern ...
Hier mag man nachdenken, bei Zimmer nachschlagen oder auf meinen nächsten Beitrag warten.

Nachsatz:
Angela Merkel hat schon früh betont, dass Ausländer Deutsch lernen müssten. Insofern war Deutsch im Zusammenhang von Leitkultur und Multikulti sehr wohl im Gespräch. Aber dass den Deutschen in ihrer Gesamtheit die Fähigkeit verloren gehen könne, sich der Bildungsregeln des Deutschen sicher zu sein, das kam in diesen Diskussionen nicht zur Sprache.

27.1.11

Wie kann die deutsche Sprache erhalten bleiben?

In zwei grundlegenden Aufsätzen in der ZEIT hat Dieter E. Zimmer 1995 Gefährdungen der deutschen Sprache formuliert. Ich habe die Aufsätze schon damals als bedeutsam erkannt, aber erst die Erfahrungen mit der deutschen Sprache, die ich seitdem gemacht habe, zusammen mit der Möglichkeit der Veröffentlichung im Blog  haben dazu geführt, dass ich ihre Hauptgedanken bewusst weiterverbreiten möchte. Es wird in kleinen Schritten geschehen.
Eine zentrale Erkenntnis hat Zimmer wie folgt formuliert:
Nicht der reichliche Einstrom fremder Wörter ist es, der verschiedene europäische Sprachen bedroht, sondern ihre Unfähigkeit und Unwilligkeit, die eingereisten Fremden zu assimilieren und ihnen damit volle Bewegungsfreiheit in ihrem eigenen Regelsystem zu verschaffen.
Auf den einen der beiden Aufsätze kann ich hier verlinken: Begegnung mit dem Deutsch von morgen (pdf-Datei). Die Gedanken beider Aufsätze sind zusammengefasst und ergänzt in dem Buch Deutsch und anders von 1997. Die Taschenbuchausgabe kam 1998 heraus. Der zitierte Gedanke findet sich auf den Seiten 73/74.
Ich werde in weiteren Beiträgen seine Gedanken vorstellen und erläutern.
Hier zunächst noch der Verweis auf eine Seite, wo er an eine ganze Reihe seiner Aufsätze erinnert.

Im Deutschen müssen Substantive ein Geschlecht haben und Verben konjugiert werden können. Adjektive sollten gesteigert werden können. Wo der Sinn es ausschließt - wie bei "schwanger", ist es nicht erforderlich, dennoch lässt die Sprache es ohne weiteres zu (schwanger, schwangerer, am schwangersten).

An Zimmers Erkenntnis mag befremden, dass Sprachen darin wie handelnde Subjekte auftauchen. Natürlich hält er sie nicht für Subjekte. Seine Redeweise versucht dem komplizierten Sachverhalt gerecht zu werden, dass unsere Sprache Bildungsgesetze (einen Code) hat, die uns nicht bewusst sind, die aber von allen Sprechern der deutschen Sprache im wesentlichen eingehalten werden.
Wenn ein Teil der Wörter, die wir verwenden, diesen Bildungsgesetzen nicht gehorchen kann, mindert das die Verständlichkeit der Sprache insgesamt.
Das gilt es im einzelnen aufzuzeigen.

12.5.10

Jede Sprache hat das Recht ...

verändert zu werden, wenn sie lebendig ist, aber auch in ihren Möglichkeiten ausgenutzt zu werden.
Sie meinen, Sprachen hätten keine Rechte? Aber Sie haben ein Recht, sich ausdrücken zu können.
Ich finde es nicht schlecht, dass meine Meinung nicht von Bild gebildet wird und dass ich nicht auf Chatseiten und in Wikipediadiskssionen Deutsch lernen musste.
Auf welchem Niveau getwittert und gebloggt werden kann, das unterschätzt Wolf Schneider vielleicht. Aber dass es genügend Profis gibt, die etwas Nachhilfe gebrauchen könnten, das will ich nicht bestreiten.

27.1.10

Bad & Beauty

"Schön und verrucht" oder doch nur "Badezimmerschönheit"? Auf den ersten Blick lässt der Werbespruch es offen. Insofern ist geschickt das & eingesetzt, das die Sprache offen lässt. Ein "und" hätte die Assoziation "verrucht" vielleicht gleich unterdrückt. Der Sprachmix an sich soll Aufmerksamkeit wecken, dass mit der Doppeldeutigkeit von "Bad" gespielt wird, noch mehr.
Solche Sprachspiele bereichern die Sprache, solange das Deutsche die Regeln vorgibt. Sobald ein Mix von englischen und deutschen grammatischen Regeln in die Alltagssprache einwandert, ist die Gefahr zur Entwicklung eines Deutsch-Pidgin gegeben.

10.1.10

Schullektüren aus Schülersicht

Eine Twitterumfrage von 2018 erbrachte dies Ergebnis:

Am beliebtesten Faust I, am unbeliebtesten Fontanes Effi Briest. Beide mit Abstand.

Mehr dazu: hier

Der Jugendseite einer Lokalzeitung entnehme ich:

Lieblingslektüren:

Der Vorleser "ein interessantes und zugleich bedrückendes Buch, das einen auch nach der letzten Seite nicht loslässt"

Faust I "Die Kunst, eine solch komplexe Erzählung in Reimform niederzuschreiben [...] verdient auch heute [...] höchsten Respekt"

Der Sandmann "Man denkt nach dem Lesen auch privat darüber nach. Oft vergisst man die Handlung von Schullektüren und Klassikern schnell - der Sandmann hinterlässt eine bleibende Frage: warum?"

Maria Stuart "Alles zusammen, herrlich übertriebenes Pathos inklusive, machen das Schillersche Drama zu einer spannenden, abwechslungsreichen und durchaus ertragbaren Lektüre. [...] wenn der Kurs eine Szene nachspielen soll, sind Lachanfälle vorprogrammiert."

Mark Haddon: The Curious Incident of the Dog in the Nighttime "eines von den Interessanteren [...] Der Roman besticht durch sehr viel geistreichen Witz und Spannung"

Mutter Courage und ihre Kinder "bereichert meiner Meinung nach jeden Unterricht"

Hasslektüren:

Der zerbrochene Krug "weder lustig noch besonders tiefgehend"

Wilhelm Tell "Es ist schwer geschrieben und auch ein bisschen langweilig."

Vanderbeke: Das Muschelessen "nicht einmal Thomas Manns Buddenbrooks lesen sich so schleppend" "dauert ewig" "langweiligste Buch der gesamten Welt" "Stil [...] einfach nervenaufreibend" "ein Satz mit x-fachen Wiederholungen häufig über mehrere Seiten"

Morthon Rhue; The Wave "übertrieben und einfach nur schlecht dargestellt"

Die Buddenbrooks "Das Buch ist ein Wälzer von 650 Seiten. Da fängt es schon an. Man muss eigentlich fast nichts mehr sagen."

Michael Kohlhaas "die bisher schlimmste Schullektüre für mich" "äußerst schwer zu lesen und zu verstehen"

Seit ich für einen Engländer in Michael Kohlhaas in einem Satz vergeblich das Subjekt gesucht habe, kann ich das Urteil über diese Lektüre leicht nachvollziehen. Bei Wilhelm Tell kennt man das Problem schon lange. Viel zu früh behandelt. Das Freiheitsthema kann kaum nachvollzogen werden.
Mir verwunderlich das Urteil über The Wave. Ich habe die Lektüre öfters im Deutschunterricht behandelt und sie ungern an das Fach Englisch abgegeben. Beim Nachspielen des extrem autoritären Unterrichts waren meine Schüler fasziniert und konnten die Faszination der amerikanischen Schüler gut nachvollziehen.
Die Buddenbrooks habe ich "mit heißen Ohren" gelesen, statt Hausaufgaben zu machen. Freilich, ich hatte vorher den Film mit Lilo Pulver und Hanns Lothar gesehen und die Charaktere fand ich danach nicht "zum Schreien", sondern faszinierend.
Der Vorleser hat viele Qualitäten, aber dass er nach Dürrenmatt und Frisch die erste "gut gehende" Schullektüre geschrieben hat, ist für einen Deutschlehrer nicht die unwichtigste. Wir schöpfen nicht so aus dem Vollen wie die Anglisten.
Das Urteil zum Faust darf man zweimal lesen. Natürlich hat Georg Lukacz seine Kriterien zum Roman so formuliert, dass Faust II sie weit besser erfüllt als etwa Homo Faber.
Aber ist die Sprachform der Zeilen
O daß dem Menschen nichts Vollkommnes wird,
Empfind ich nun. Du gabst zu dieser Wonne,
Die mich den Göttern nah und näher bringt,
Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr
Entbehren kann, wenn er gleich, kalt und frech,
Mich vor mir selbst erniedrigt und zu Nichts,
Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt.
Er facht in meiner Brust ein wildes Feuer
Nach jenem schönen Bild geschäftig an.
So tauml ich von Begierde zu Genuß,
Und im Genuß verschmacht ich nach Begierde.

so ganz vergessen worden? Dabei kann man auf die Wette kaum eingehen, ohne auf im Genuß verschmacht ich nach Begierde zu sprechen zu kommen.
Doch wenn ich ehrlich bin, ich hätte - bei der Vielzahl von Metren, die Goethe einsetzt - nicht gedacht, dass nur so wenige Zeilen nicht gereimt sind. Und die schöne Stelle aus der Helenatragödie wird heute ja kaum noch gelesen:
Helena: So sage denn, wie sprech' ich auch so schön?
Faust: Das ist gar leicht, es muß von Herzen gehn.
Und wenn die Brust von Sehnsucht überfließt,
Man sieht sich um und fragt –
Helena: wer mitgenießt.
Faust: Nun schaut der Geist nicht vorwärts nicht zurück,
Die Gegenwart allein –
Helena: Ist unser Glück.

16.10.09

Er lernt Schweißen und spricht Deutsch

Freie Tribüne

In Port-Gentil hört man Deutsch nicht so oft. Aber fließendes Deutsch von einem Schweißerlehrling scheint noch viel überraschender. Romeo, 28, hat die Schule in der 12. Klasse aufgegeben. Nach seinem großen Traum, mit Deutsch Karriere zu machen, ist die Wirklichkeit anders geworden. Unser Magazin hat ihn getroffen.

Nachbarschaft: Kannst du uns etwas von dir sagen?
Romeo: Danke. Ich bin Romeo, 28 Jahre alt. Ich stamme aus Kamerun und wohne jetzt in Gabun und besonders in Port-Gentil. Derzeit bin ich Schweißerlehrling.

N: Ein Schweißerlehrling, der aber Deutsch spricht und sogar fließendes Deutsch. Wieso?
R: Mein erster Kontakt mit Deutsch war in meinem Elternhaus in Kamerun. Damals war ich 10 Jahre alt. Meine Mutter hatte Deutsch in der Schule gelernt und sprach es gern. Regelmäßig hörte ich sie reden. In der 9. Klasse musste ich meine zweite Fremdsprache wählen. Da gab es kein Zögern. Ich wählte Deutsch.

N: Und dann...?
R: Ja, und dann war ich in der Klasse in Deutsch sehr begeistert. Zudem hat mir meine Mutter zu Hause geholfen. Als Hausfrau hatte sie viel Zeit und konnte meine „zweite Deutschlehrerin“ sein. Ich kriegte gute Noten und freute mich darauf. Ich wurde oft von meinen Deutschlehrern gelobt.

N: Hast du einmal ein Projekt oder einen Traum mit Deutsch gehabt?
R: Ja, natürlich! Da Deutsch mein Lieblingsfach war, wollte ich Deutsch bis zur Universität studieren und damit Karriere machen, z.B. als Lehrer, Dolmetscher oder etwas anderes. Leider habe ich die Schule früh verlassen.

N: Und warum mußtest du deine Studien so früh abschließen?
R: Wegen der schwierigen wirtschaftlichen Situation in meinem Land ist mein Vater arbeitslos geworden und konnte meine Schulung nicht mehr bezahlen. Es gab keine andere Möglichkeit. Ich musste die Schule widerwillig verlassen.
N: Wie hast du das empfunden?
R: Als sehr peinlich. Ich hatte einen Traum. Ich hatte den Willen und die intellektuellen Fähigkeiten, hatte aber leider keine Hilfe.

N: Trotzdem kannst du Deutsch noch sprechen und sogar fließend…
R: Ja, aber nicht mehr wie früher. Ich habe viel verlernt, da ich die Sprache fast nicht mehr übe.

N: Und wie bist du jetzt nach Gabun gekommen?
R: Meine ältere Schwester wohnt in Gabun. Sie ist verheiratet und mein Schwager hat mich eingeladen, um mir eine zweite Chance zu geben.

N: Das heißt Schweißen zu lernen?
R: Genau. Nach zwei Jahren meiner Ausbildung werde ich bald meine Ausbildung abschließen.

N: Und wie fühlst du dich in deiner neuen Schule?
R: Obwohl sie mir keinen Traumberuf öffnet, mag ich meine Lehre. Ich bedaure nur die Tatsache, dass es hier mehr Theorie als Praxis gibt. Es gibt nicht genug Maschinen und kein modernes Equipment. Ich fühle deswegen die Notwendigkeit, nach der Ausbildung hier noch eine Weiterbildung in einer besseren Berufsschule zu haben.

N: Dafür wird aber noch Geld benötigt. Wird dein Schwäger dich weiter unterstützen?
R: Das ist die Frage. Er hat schon viel für mich getan, und dafür bin ich ihm dankbar. Für eine Weiterbildung muss ich jetzt selbst Geld finden; das heißt einen Job suchen, was derzeit nicht leicht ist. Wenn ich genug gespart habe, kann ich meine Ausbildung bezahlen und warum nicht das Abitur an einer Abendschule vorbereiten?

N: Ist das dein neuer Traum?
R: Sagen wir eine neue Herausforderung.

N: Also, Nachbarschaft wünscht dir viel Glück.
R: Vielen Dank.
Das Gespräch führte Evariste Fosong.

Wenn dieser Gastbeitrag Sie interessiert hat: Im Blog Nachbarschaft können Sie noch weit mehr lesen, was Lehrer und Schüler aus Afrika und Deutsche, die mit ihnen in Kontakt stehen, bewegt.
Übrigens (Nachtrag vom 18.10.12): Dieser Beitrag ist in seinem Ursprungsblog Nachbarschaft unter 10-mal aufgerufen worden, in diesem Blog über 800-mal. Ist das die Wirkung der Exotik?

29.9.07

Ende der deutschen Hochsprache?

Jürgen Trabant (FAZ vom 29.9.07) meint einen deutschen Sonderweg von der "Sprachscham" über die "gebellte Sprache" der NS-Zeit zur Ersetzung der deutschen Hochsprache durch Englisch wahrgenommen zu haben.

Sie [die Immigranten] suchen eine Arbeitssprache. Aber da, wo sie hinwollen, zu einer Arbeitssprache nämlich, ist in der deutschen Schule zunehmend die große weite Welt, no man's land. Deutschland ist da jedenfalls nicht mehr.' Die deutsche Schul﷓Sprachpolitik' verhindert die Ankunft der Immigranten in diesem Land. (J. Trabant)

24.8.07

Sprachentwicklung

Zeitungsüberschrift: "Sender gedenken Prinzessin Diana"

Ich gedenke dich.
Du gedenkst mich.
So haben wir uns gedacht.