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2.6.15

Schülerfrage

Ein Schüler fragt:
"Aber wäre es nicht wenigstens mal eine Überlegung wert, anstatt den Schülern mit dem ständigen G8-G9-Hin-und-Her-Gerudere auf die Nerven zu gehen, eine Individualisierung der Stundenpläne von Oberstufenschülern in Betracht zu ziehen?"
Bestimmt gibt es jemanden, der auf diese Frage hin fordern würde, ein Fach "Geschichte der Schulreformen in Deutschland" einzuführen, oder doch wenigstens ein Modul in der Lehrerausbildung mit diesem Gegenstand. 

Vermutlich reichte es aber, wenn man zurückfragte: Was spricht wohl gegen "Individualisierung der Stundenpläne von Oberstufenschülern"? 

Nur dann müsste Die Welt ohne diesen Artikel auskommen. 

11.12.13

Alphabet - der Film

Der Film Alphabet wird beworben mit dem Satz "Bei ihrer Geburt sind 98% der Menschen hochbegabt."

Natürlich ist das eine unbegründbare Aussage, denn es gibt keine Möglichkeit, unter der Geburt einen Intelligenztest durchzuführen. 
Im Film wird dann auch nur noch berichtet, dass Kinder, je jünger sie sind, desto unangepasster denken. Danach wird Unangepasstheit als Hochbegabung definiert und danach auch noch mit Genialität gleichgesetzt.

Der Film enthielt aber wunderschöne Natur- und Kinderbilder und zeigte einen lebensprühenden Hochschulabsolventen mit Down Syndrom.

Die Erwachsenen denken - nach Durchlaufen von Schule und Ausbildung - zu 98% angepasst, berichtet der Film.

Der Film war freilich zu mindestens 99% auf eine Meinung ausgerichtet und bot Argumenten der Gegenseite weniger als 1% der Zeit.

Wenn aber Zuschauer durch die schönen Bilder und durch die sympathischen Menschen von einer wichtigen Aussage im Film überzeugt werden, soll es mir recht sein.

"Die Verkürzung des Lebens auf die Ökonomie ist eine der schlimmsten Entwicklungen in unserer heutigen Welt", sagt  (dem Sinne nach) der Telekom-Manager Thomas Sattelberger mit jahrzehntelanger Erfahrung als Personalchef. 

Man könnte dafür triftigere Argumente finden als der Manager und als der Film. Aber schließlich ist der Film ein Medium der Überwältigung, nicht der Argumentation.

Und ich erspare es mir am späten Abend, die Argumente, die ich in meinen Blogs verstreut dafür genannt habe, zusammenzusuchen, und wiederhole nur:

"Die Verkürzung des Lebens auf die Ökonomie ist eine der schlimmsten Entwicklungen in unserer heutigen Welt."

Übrigens war das Kino gerammelt voll. Hoffentlich kommt die Botschaft an, trotz aller Defizite des Films.

Vielleicht hilft dazu das Unterrichtsmaterial (pdf), das Presseheft mit Interviews mit  Gerald Hüther und Thomas Sattelberger, einem Statement des Regisseurs Erwin Wagenhofer und manchen anderen Infos oder gar das Rundschreiben eines Ministeriums oder das Lob einer Ministerin.

Bemerkenswert erscheint mir, was unter dem Label "Worum geht es?" erscheint: 
... neuerdings weht an den Schulen ein rauer Wind. „Leistung“ als Fetisch der Wettbewerbsgesellschaft ist weltweit zum unerbittlichen Maß aller Dinge geworden. Doch die einseitige Ausrichtung auf technokratische Lernziele und auf die fehlerfreie Wiedergabe isolierter Wissensinhalte lässt genau jene spielerische Kreativität verkümmern, die uns helfen könnte, ohne Angst vor dem Scheitern nach neuen Lösungen zu suchen. [...] Fast alle Bildungsdiskussionen sind darauf verkürzt, in einem von Konkurrenzdenken geprägten Umfeld jene Schulform zu propagieren, in der die Schüler die beste Performance erbringen. Wagenhofer hingegen begibt sich auf die Suche nach den Denkstrukturen, die dahinter stecken. [...] wie wir lernen, prägt unser Denken.

Diese Art von Kritik an bürokratischem Denken und an Ökonomisierung hat m.E. Sinn. Indoktinierung schreckt mich ab.

Ausführlicher kritisiert Der Tagesspiegel.

Die Süddeutsche ergänzt:
In "Alphabet" erzählt der spanische Lehrer und Schauspieler Pablo Pineda Ferrer, der trotz Down-Syndrom einen Hochschulabschluss geschafft hat, charmant vom Widerstand dagegen, sich "hinten anzustellen"; und von denen, die ihm auf seinem Weg geholfen haben.
Er ging auf eine Standardschule.

Wer wird es Pablo Pineda Ferrer übelnehmen, dass auch er in Konkurrenzkategorien denkt und sich nicht damit zufrieden gibt, das zu tun, was er kann, sondern auch gesellschaftliche Anerkennung dafür fordert?

Ergänzung vom 18.12.13:
Die Kritik an der Überbewertung des Dauervergleichs durch die PISA-Studien erscheint umso berechtigter, wenn man berücksichtigt, dass die seit 10 Jahren diskutierten Ergebnisse für Deutschland so wenig abgesichert sind, dass alle Veränderungen, die in diesem Jahrzehnt festgestellt worden sind, streng genommen nichts aussagen, da sie innerhalb des Messfehlerbereiches liegen. (vgl. dazu TeachersNews: Unstatistik des Monats)

4.5.13

Hüther und Hattie

Prechts Schulkritik (hier zwei Kommentare von erfahrenen Lehrern) kann man als Lehrer vielleicht ignorieren, er ist kein Fachmann. Aber Hüther und Hattie sind - jeder in seiner Weise - Spezialisten für Lernen. Ihre Erkenntnisse und Überlegungen sollte man zumindest zur Kenntnis nehmen. Zu Hattie habe ich mich schon geäußert, doch werde ich weiter unten auf sein Interview in der ZEIT vom 2.5.13 zurückkommen. Zu Gerald Hüther (Neurobiologe) finden sich zwei Blogposts bei Lehrerfreund:
*  Gerald Hüther über das System Schule
* »Warum ich mich Gerald Hüther nicht (gleich) an die Brust werfe«
Hüthers Positionen sehe ich kritischer als die von Hattie und begnüge mich deshalb mit dem Hinweis auf diese beiden Texte.

John Hattie (Visible Learning) überzeugt mich mit dem Hinweis auf die wichtige Rolle des Lehrers und mit seinem Hinweis,dass er mehr sein muss als nur Moderator (Hattie spricht davon, er solle Regisseur des Lernprozesses sein).
Er muss nämlich bei den Schülern das Gefühl von Selbstwirksamkeit erreichen (der beste Schutz vor Demotivierung) und dazu gehört, dass die Schüler nicht zu stark angeleitet werden (dazu sehr energisch J-M Klinge), aber auch, dass sie nicht unterfordert oder wesentlich überfordert werden.
Dafür muss der Lehrer den Schülern Feedback geben. Zum einen, damit sie immer neue Aufgaben vor sich sehen, zum anderen, damit sie nach Misserfolgen nicht sich als Person die Schuld geben, sondern Fehlerquellen erkennen und Instrumente zur Beseitigung gewiesen bekommen.
Er muss aber auch das Feedback der Schüler einholen, um für seine Arbeit ganz entsprechend Verbesserungspotentiale zu erschließen. Dazu gehört auch der Austausch mit Kollegen, damit er nicht nur aus eigenen Erfolgen und Misserfolgen, sondern auch aus denen von Kollegen lernen kann.

Bei zwei anderen Positionen Hatties stimme ich nur bedingt zu:
Dass die Variable Klassengröße unwichtiger ist als die Variable Lehrer, gebe ich ohne weiteres zu.
Die Studien, die das ergeben, zweifle ich in keiner Weise an. Denn ein sehr guter Lehrer wird auch bei 40 oder 50 Schülern weit erfreulichere Ergebnisse erzielen als ein Lehrer mit 15 Schülern, der sie demotiviert.
Aber wie wichtig ist die Klassengröße für die Möglichkeit von gegenseitigem Feedback? Bei 30 Schülern braucht es mehr Zeit als bei 20, von dem Vergleich zwischen 15 und 40 zu schweigen.
Außerdem: Könnte es nicht sein, dass ein Lehrer, der nie Klassen von mehr als 25 Schülern zu unterrichten hatte, auch noch nach 35 Jahren ein sehr guter Lehrer im Sinne von Hatties Studie ist, einer, der ständig 30 bis 35 zu unterrichten hatte, aber schon nach 15 Jahren nicht mehr so rundum alle Kriterien des sehr guten Lehrers erfüllt?
Der beste Lehrer, den ich je kennengelernt habe, schied deutlich vor seinem 50. Lebensjahr wegen Arbeitsunfähigkeit aus dem Dienst.
Dann zur Gruppenarbeit: In Lerngruppen in England finden laut Hattie "nur in zwei  Prozent der Unterrichtszeit tatsächlich auf Lernziele ausgerichtete Gruppenaktivitäten" statt. - Wie viel Prozent sind es bei anderen Unterrichtsformen, wie produktiv ist das, was in den genannten 2% stattfindet?
Vor allem aber: Ist der Lehrer wirklich überzeugt, dass Gruppenarbeit erforderlich ist, oder setzt er sie nur ein, weil es von ihm erwartet wird? (vgl. Evaluation an deutschen Schulen und die gegenwärtige Praxis an Hochschulen)
Lange Zeit war ich recht unzufrieden mit der Effektivität von Gruppenarbeit, schon der häufigere Einsatz des Gruppenpuzzles hat sie (aus meiner Sicht) deutlich erhöht. - Aber dies ist ein Kapitel, das so rasch nicht erschöpft werden kann.

Nachtrag vom 8.5.13:
Ein Bericht der SZ über Precht bei Jauch

6.12.11

Daniel Bernsen zu Schule im "digitalen Zeitalter"

"Wir brauchen Lernsettings, eine neue Aufgabenkultur und vor allem neue Prüfungsformate. Über die Zulassung alternativer Bewertungen wird sich das Lernen und Lehren in Schulen grundlegend verändern. So lange zentral immer noch Klassenarbeiten und Klausuren stehen, die eine Wiedergabe auswendig gelernten Wissens verlangen, wird sich auch Unterricht nicht grundlegend verändern. Das Zentralabitur wirkt sich hier hemmend aus. Ein großer Schritt wäe auch die Zulassung von Open Educational Resources als reguläre „Schulbücher“ durch die Behörden der Bundesländern. In anderen Ländern, wie z.B. Kalifornien, passiert das bereits ..."
So eine seiner Reaktionen auf das Speedlab2 in Köln.

Und ein interessantes Zitat aus einem seiner Kommentare:
Schule "ist unreformierbar, weil niemand über die schule-wie-sie-ist redet, sondern über symbolische eckpunkte des jeweiligen weltbilds, deren aufgabe als psychologische katastrophe erfahren würde."

Sicher lässt sich Schule doch reformieren, aber es gibt viele Diskussionen von angeblich an Schulreform Interessierten, die im von Daniel beschriebenen Sinn ablaufen.

25.9.10

Für mehr professionielle Unterstützung der Schulen bei der Aufarbeitung von Erziehungsdefiziten

Ich fühle mich nicht berufen, die Reformpädagogik gegen die überzogenen Angriffe von Gabriele Behler, der ehemaligen NRW-Kultusministerin, in der heutigen ZEIT zu verteidigen. Das mögen Kompetentere tun.
Statt dessen greife ich heraus, dass hier einmal von kultusministerieller Seite darauf hingewiesen wird, dass ein Gegensatz besteht zwischen liebevoller Erziehung und den durch die Institution vorgegebenen Anforderungen, etwa der verkürzten Schulzeit und den Bildungsstandards.
Ausnahmepersönlichkeiten mag es dennoch in bewundernswürdigem Maße gelingen, beises zu vereinen. Im Regelfall kann eine solche Forderung m.E. nur zu Resignation, Heuchelei oder Burnout führen.
Es hilft aber nicht, Erziehungsdefizite zu leugnen. Deshalb brauchen die Schulen zur Unterstützung Schulpsychologen, die nicht wegen Überlastung nur konstatieren, sondern, die auch zu helfen können. (Stichworte: Finnland, PISA)
Es hat aber auch keinen Sinn, die Schuld an Problemen zu individualisieren (im Sinne von: Saufende oder gar rauchende Hartz IV-Empfänger versauen mir meine Schüler). Probleme aufgrund unzureichender Integration von Migranten, des übermäßigen Drucks aufgrund von Mobilitäts- und Flexibilitätsforderungen aus der Arbeitswelt bestehen unabhängig von im Einzelfall durchaus auch nicht zu bestreitender Individualschuld.

Neue Formen Unterrichtsorganisation und neue Methoden (z.B. individualisiertes Lernen, LdL, Web 2.0) bieten manche Chancen. Man sollte sich aber von keiner die Lösung aller Probleme versprechen.
Angesichts der gegenwärtigen Problemkonstellation braucht die Schule mehr professionelle Unterstützung.

Wenn in der Öffentlichkeit mit Zahlenspielen gearbeitet wird, die die Ausgaben für Forschung und Bildung künstlich hochrechnen, etwa indem man wie die Ausgaben für die Untersuchung von Gorleben als Endlagerungsstelle für Atommüll dazu rechnet, so hilft das letztlich niemandem, nicht einmal den Politikern, die die Zahlenspiele in Auftrag geben. Was wir brauchen, ist eine eindeutige Prioritätensetzung für Bildung (und Erziehung!), die verhindert, dass 20% der kommenden Generationen aus der Arbeitswelt herausfallen, weil ihnen nie eine echte Chance gegeben worden ist.
Wer meint, alle erfolgreichen Absolventen der Odenwaldschule hätten in einer Regelklasse mit 33 Schülern im G8-System genauso gut gefördert werden können wie dort, mag das freilich anders sehen. (Ich erinnere mich an den Fall einer Schülerin, die, weil sie das Versetzungsziel nicht erreichte, eine Klasse überspringen durfte, um sie wieder zu motivieren, und die dann eine glänzende Berufskarriere absolvierte. Regelschulen kann ich dies Beispiel nicht zur Nachahmung empfehlen.)

4.6.08

Beschulung des Nachmittags oder Entschulung?

Dass man mit der G8-Regelung die Zeiten für freiwillige Aktivitäten gerade in den Zeiten der Pubertät, wo Jugendliche Freiräume brauchen, wegnimmt, beweist, dass man die Argumentation, mit der Hartmut von Hentig, der vielleicht wichtigste Reformpädagoge der Bundesrepublik, für Entschulung eingetreten ist, nicht nur nicht ernst nimmt, sondern, dass man selbst seine Beschreibung der sozialen Wirklichkeit nicht zu registrieren bereit ist.
Über die Mittel zur Behebung der Krise mag man streiten. Dass die entscheidende Gefahr ist, dass den Jugendlichen die Motivation wegbricht, das sollte man bemerkt haben.
Wenn sich Jugendliche auch durch große Bildungsanstrengungen keinen Arbeitsplatz sichern können, dann muss entweder diese Situation beseitigt werden oder eine neue Basis für Motivation geschaffen werden. Sonst hat über kurz oder lang das gesamte Schulsystem die Probleme, mit denen die Hauptschule sich gegenwärtig herumschlägt.

24.5.08

Schule kann gelingen

Herr Rau schreibt über den Bericht Enja Riegels über die Helene-Lange-Schule, dass er einerseits etwas neidisch ist, andererseits etwas enttäuscht, dass er nicht mehr über den Weg zum Erfolg erfährt. (So ging es mir bei der Lektüre auch.) Dann fährt er aber zu Recht fort: “Das Buch von Riegel sagt leider nicht, wie man dorthin kommt, wo die Helene-Lange-Schule ist, und auch das hat schließlich zwanzig Jahre gedauert - aber es zeigt, dass es möglich ist. Man muss wohl ein Ziel haben, auf das man nach und nach hinarbeitet.”

Wichtig ist aber ein zweites, worauf er hinweist: “Ansonsten, und das ist das, was ich von dem Buch vor allem mitnehme, gelten für diese öffentliche Schule im Prinzip die gleichen Lehrpläne, Vorschriften, Erlasse wie für alle anderen Schulen. Manche davon muss man kreativ erfüllen, andere umgehen. Und das kann man anscheinend, wenn man will.”

Damit man das erreichen kann, was Kultusminister mit ihren Vorschriften erreichen wollen, muss man bereit sein, diese Vorschriften zu umgehen.

Das ist leider nicht ungewöhnlich, aber es macht es nicht einfacher, sich mit gutem Gewissen an solche Vorschriften zu halten.