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7.9.16

Lehrer und die Einwanderungsgesellschaft: Überfordert und alleingelassen

Lehrer und die Einwanderungsgesellschaft: Überfordert und alleingelassen Spiegel online 6.9.16

Verkürzt gesagt heißt es in dem Artikel, die Lehrer seien mit der der Erwartung, "die gestiegene Zahl junger Flüchtlinge und förderungsbedürftiger Kinder und Jugendlicher individuell" zu unterstützen überfordert, weil sie nicht genügend dafür ausgebildet seien und weil die Ausbildung, die es gebe, oft den notwendigen Standard nicht erreiche.
Dem könnte ich recht geben, wenn nicht darin impliziert wäre, dass es eine Ausbildung gäbe, die die Lehrer zureichend für diese Aufgabe qualifizieren könnte. 
An diese implizite Voraussetzung glaube ich leider nicht. 
Ich habe jahrzehntelang Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, nicht selten auch Schülern mit multikulturellem Hintergrund, ich habe auch immer wieder (nicht ständig) Freude daran gehabt. Den Anforderungen, die in der gegenwärtigen Situation gestellt werden, könnte ich aber nicht gerecht werden.
Ich zweifle überhaupt nicht daran, dass man diesen Anforderungen gerecht werden kann, aber das wird nur Ausnahmetalenten oder hervorragend aufeinander eingespielten Lehrerteams gelingen. Ausbildung allein kann das nicht erreichen. Dafür sind die Anforderungen an Inklusion, Vergleichsarbeiten, bürokratische Nebentätigkeiten usw. zu hoch.

Das ist kein stichhaltiges Argument, schon gar nicht ist es eine empirisch belegte Aussage. Es ist die gefühlsmäßige Reaktion eines pensionierten Lehrers, der sich jahrzehntelang darum bemüht hat, Flüchtlingen bei der Integration zu helfen, und der froh ist, nicht mehr die Anforderungen erfüllen zu müssen, die Wissenschaftler glauben, an Lehrer und ihre Ausbilder stellen zu dürfen. 

Ich will aber keinesfalls schließen, ohne auf das ZUM-Wiki für  für den Deutschunterricht mit Flüchtlingen hinzuweisen und auf die hervorragende Arbeit, die Ralf Kloetzke und Karl Kirst dort geleistet haben. 

Zusatz:
Ich nehme hier den Kommentar von Hauptschulblues auf: 
Schulentwicklung ist die Lösung.
Für das ganze Kollegium plus Kooperationspartner, Eltern und Schüler.
http://hauptschulblues.blogspot.de/2016/09/interkulturelle-fortbildung-schulen.html


Außerdem verweise ich auf folgende Initiativen:
und überhaupt auf alle Projekte, die im ZUM-Wiki unter "Hilfen für die Intergration" angeführt werden.

Etwas von dem Geist dieser Projekte wünscht man jeder Schule, nicht nur in Sachen Flüchtlingsintegration. Er ist aber durch Ausbildung allein nicht zu schaffen. Dazu braucht es das richtige soziale Umfeld, zumindest in der Schule, am besten lokal und national. 
Merkels "Wir schaffen das" hat das nationale Umfeld gegenüber den Jahren, als ich angefangen habe, mit Asylbewerbern zu arbeiten und den Jahren 2012/13, als die hier angeführten Projekte entstanden, enorm verbessert.
Leider haben sie auch die Gegenbewegung von Pegida und AfD zu ihrer extremen Flüchtlingsabwehr motiviert, weil das staatliche Handeln kein Äquivalent zu dem ehrenamtlichen Einsatz der "Willkommenskultur" entwickelte (entwickeln konnte?).

Mein Eindruck ist, dass eine weit größere Zahl von Menschen hinter dem steht, was man - nicht ganz treffend - Willkommenskultur genannt hat, als hinter der extremen Flüchtlingsabwehr. Natürlich überwiegt bei einem Großteil der Bevölkerung die Skepsis. Sie kann nur durch realistische Problemdarstellung und sachangemessenes Handeln überwunden werden.

17.1.16

Wie umgehen mit den Problemen, die mit der Zuwanderung von Flüchtlingen auf uns zukommen?

Die Vorgänge in der Silvesternacht 2015/16 am Kölner Hauptbahnhof und anderswo wurden rasch willkommen geheißen von denen, die sagen können wollten: "Wir haben es doch schon immer gesagt!" um daraus politisches Kapital zu schlagen.
Das war zu erwarten. Deshalb habe ich die mediale Begeisterung für die Willkommenskultur für Flüchtlinge nur in den ersten Tagen begrüßt, als ich froh war, dass endlich die Schuld erkannt wurde, die Deutschland durch die Einschränkung des Asylrechts durch Artikel 16a des Grundgesetzes auf sich geladen hatte und die die EU insgesamt aufgrund ihrer Hinderung von Flüchtlingen an der Einreise (Fluchtabwehr) zu verantworten hatte.
Als vergiftet fand ich freilich schon sehr früh das Lob der Willkommenskultur (die ich sehr schätze) durch Politiker, die jahrzehntelang jede Auseinandersetzung mit dem Problem der Integration von Flüchtlingen verweigert hatten. Zu lange schon sah ich die, die sich um Flüchtlinge kümmerten, von Politikern fast aller Richtungen allein gelassen.

Deshalb fand ich das Verschweigen oder Kleinreden von Problemen, die die Aufnahme einer hohen Zahl von Flüchtlingen unweigerlich mit sich bringen musste, hoch problematisch.
Und darum freut es mich, jetzt in der ZEIT zu lesen:

"Dieses Nicht-sagen-Wollen enthüllt ein politisch fatales Vorurteil, das viele bei der Polizeiführung und in den Medien, man könnte auch sagen, das erhebliche Teile der Elite über das Volk der Deutschen hegen: dass es nämlich nach wie vor ein gefährliches und gefährdetes Volk ist, dem man bestimmte Wahrheiten über Fremde nur wohldosiert, pädagogisiert und auf Zimmertemperatur abgekühlt verabreichen kann, weil es sonst gleich seine zivilisatorische Contenance verliert und flugs zurückfällt in die Barbarei, die tief in ihm steckt (nicht aber in seinen Eliten, versteht sich).
Es gibt dieses Vorurteil in einer rechten und in einer linken Variante. Erstere möchte den Deutschen möglichst wenige Flüchtlinge zumuten, Letztere möglichst wenige verstörende Tatsachen über Flüchtlinge. Beides wird jedoch nicht gehen, die Million Flüchtlinge werden so bald nicht wieder weggehen, die Zahl der Neuankömmlinge lässt sich auch in diesem Jahr gewiss nicht auf, sagen wir, 200.000 drücken. Andererseits muss eine von oben verordnete Willkommenskultur, die sich vor der Wahrheit und vor der Mehrheit fürchtet, früher oder später scheitern." (Bernd Ulrich: "Wer ist der arabische Mann? Wer für Flüchtlinge ist, muss sich auch den Problemen stellen, die sie mitbringen." ZEIT online 17.1.2016)
Weil bei vielen der Ton bei der Frage "Wer ist der arabische Mann?" auf arabisch liegt, habe ich mich gefreut, auf folgendes Wort von Hildegard von Bingen zu stoßen: "[...] muss auf den jungen Mann sehr scharf aufgepasst werden [...] Vom fünfzigsten Lebensjahr an lässt der Mann von seinem kindlichen, unausgeglichenen Benehmen ab und bekommt einen festen Charakter." (in ihrer Schrift über Heilkunst: Causae et curae)

Von der Männerwelt wird diese Einschätzung ungern gesehen worden sein. So ist es kein Wunder, dass Hildegard zwar eine Volksheilige geworden, aber von den kirchlichen Autoritäten nicht als Kirchenlehrerin anerkannt worden ist.
Man braucht nicht allein an die Behandlung der Regensburger Domspatzen durch Kleriker und an einen bekannten FDP-Politiker zu denken, der den Hashtag #aufschrei provozierte, um zu sehen, dass es nicht nur an einem überholten Frauenbild und nicht nur an einem Alter unter fünfzig liegen muss, wenn Männer übergriffig werden. Aber ganz gewiss ist Hildegard von Bingen nicht durch arabische Flüchtlinge zu ihrer Einschätzung gekommen.

Aber natürlich gibt es viele junge Kriminelle in Nordafrika, die sich von der Toleranz europäischer Gesellschaften und der Anonymität in Großstädten eine leichtere Erfüllung ihrer Bedürfnisse versprechen als von der weit restriktiveren Kultur ihrer Herkunftsgesellschaft.

Die Aufgabe, die vor den europäischen Gesellschaften liegt, darf nicht klein geredet werden. Und schon gar nicht dürfen wir die Verantwortung immer auf andere, sei es Nationen oder Berufsgruppen abschieben.
Aber wer politische oder wirtschaftliche Macht hat, hat auch dementsprechend mehr Verantwortung. Und wer sich von mehr Einwanderung hauptsächlich eine Aufweichung des Mindestlohns und allgemein niedrigere Arbeitskosten verspricht, sollte sich vor dem Kleinreden von Problemen und billigem Lob ehrenamtlicher Willkommenskultur in Acht nehmen. Die Aufgabe erfordert den Einsatz aller Kräfte unserer Gesellschaft, wenn wir nicht am Tod von weiteren Zehntausenden von Menschen mitschuldig werden wollen.