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5.8.22

Von der Empörung über Verachtung zum Hass? Über die Gefahren gesellschaftlicher Enthemmung

 Drei Twitterzitate als Ausgangspunkt:

"Ich bin die einzige, die eine Maske trägt. Die einzige von ca. 30 Leute im Laden. Die #Maskenpflicht fallen zu lassen war ein Ausbund falsch verpackter "FREIHEIT" und sowas von wissenschaftsfeindlich. Der Herbst wird noch so richtig "lustig"."

"Ich werde nie wieder Maske tragen! Ich werde nie wieder einen Test machen! Und vor allem: Werde ich mich nie wieder derart gängeln lassen wie die letzten 2,5 Jahre  Bin ein freier, selbstbestimmender Mensch, der am besten weiß, was wichtig & richtig ist #ichmachenichtmehrmit"

"Und Sie werden nie wieder auch nur einen Funken Verantwortungsgefühl für Ihre Mitmenschen aufbringen. "Humanität" ist aus Ihrem Wörterbuch gestrichen! Dafür habe ich nur eines: Verachtung." (Belege hier)

Empörung über den Fortfall der Maskenpflicht, Empörung über die Maskenpflicht und Verachtung für Nichtachtung der Ängste anderer.

Harry Nutt analysiert diese Entwicklung in folgendem Beitrag:

Lust an der Empörung v. Harry Nutt FR 5.8.22

"Wir machen mit im Karneval der Affekte, erschrecken aber, wenn uns aus den sozialen Medien Hass entgegenschlägt."

Nicht mehr sind "Erkenntnis und Aufklärung eine Richtschnur für politische Entscheidungen und soziales Handeln [...] Stattdessen kostümieren wir uns in den in rasantem Tempo einander ablösenden gesellschaftspolitischen Debatten für einen Karneval der Affekte, in dem die Gebote zu rationaler Begründung geringe Aussichten haben, befolgt zu werden."

Empörung wurde 2010 durch die Schrift "Empört euch!" der 93-jährigen Stéphane Hessel als positiver Affekt bezeichnet. Harry Nutt schreibt dazu:

 „Wir müssen radikal mit dem Rausch des Immer noch mehr brechen“, heißt es in Hessels Bestseller, „in dem die Finanzwelt, aber auch Wissenschaft und Technik die Flucht nach vorn angetreten haben.“ Es sei höchste Zeit, dass Ethik, Gerechtigkeit, nachhaltiges Gleichgewicht unsere Anliegen werden."

Das, was Hessel zu Recht gegen Handeln der eigenen Regierung gefordert hat, wurde 2018 mit steigendem Erfolg von Greta Thunberg gegen das Nicht-Handeln der Regierungen in aller Welt gefordert.

Im Zuge der Corona-Pandemie machten sich die Maßnahmenkritiker diesen Anspruch auf Empörung zu eigen, indem sie für sich Meinungsfreiheit und Recht auf passiven Widerstand forderten. Dazu kamen, wie Harry Nutt es formuliert "entfesselte Ausdrucksformen [...] die weitgehend ohne Etikette auskommen"  Das wiederum rief  auf der Seite derer, die die Regierungsmaßnahmen für angemessen oder sogar nicht energisch ansehen, entsprechende Reaktionen - jetzt aber nicht gegen die Regierung, sondern gegen Personen hervor.

Dabei entsteht immer die Gefahr, dass solche Enthemmung in Hass umschlägt. Von der "Verachtung" ist der Weg nicht mehr sehr weit. - Auf beiden Seiten. 


Zur Erinnerung: Hessel schrieb 2010: "Den jungen Menschen sage ich: Seht euch um, dann werdet ihr die Themen finden, für die Empörung sich lohnt." (S.15) (Greta Thunberg hat gefunden.)

Hessel: "Ich habe [...] bemerkt, wie die israelische Regierung reagiert, wenn die Bürger von Bil'in jeden Freitag gewaltlos*, ohne Steine zu werfen, an die Mauer gehen, die der Gegenstand des Protestes ist. Die israelischen Behörden haben diesen Marsch als 'gewaltlosen Terrorismus' charakterisiert." (S.19)

(Man beachte Freitagsdemonstationen, weil das der muslimische Feiertag ist. - *Die Proteste, die 2005 gewaltlos begannen, blieben es - auf beiden Seiten - nicht, nachdem israelisches Militär eingriff. - Hessel war Mitglied der Kommission, die ab 1946 - seit 1947  unter der Leitung von Eleanor Roosevelt eine allgemeine Erklärung der Menschenrechte ausarbeitete.)


 

26.1.18

Haltung, Empörung, Konsens, Verantwortung

Mehr Haltung als Voraussetzung für einen großen gesellschaftlichen Konsens fordert Nico Hofmann in der zweiten Mannheimer Rede. (Mannheimer Morgen 26.1.2018, S.F4)

Recht gebe ich ihm insofern, als eine gesellschaftliche Diskussion nur dann voranbringen kann, wenn auf beiden Seiten Lernbereitschaft besteht (oder entsteht). Abwertung des Widerparts trägt nur zur Spaltung bei.
Das ist die gefährliche Entwicklung, die wir gegenwärtig beobachten.

Und doch hat Hessel recht, wenn er auffordert: "Empört euch!"
Wenn bei den Entscheidungsträgern eine Fehlentwicklung entsteht, besteht zunächst keine Gesprächsbereitschaft mit Kritikern. Dann braucht es einen "Aufschrei" der Empörung, damit das Gespräch erst in Gang kommt.
Ein Musterbeispiel ist Stuttgart 21.* Die Empörung führte zu einer Mediation mit einem - angesichts des damaligen öffentlichen Kenntnisstandes - vernünftigen Konsens.
Der entscheidende Fehler passierte, als die Entscheidungsträger sich - angesichts neuer, ihre Kritiker bestätigender Erkenntnisse - über die Vereinbarung (4,5 Mrd Höchstkosten) hinwegsetzten und selbst jetzt bei geschätzten über 8 Mrd nicht die Kraft zum Aufhören aufbringen.
Da ist es dann zu spät für Gespräche. Dann müssen die Entscheidungsträger zur Verantwortung gezogen werden. (Weshalb das nicht geschehen ist, ist ein eigenes Thema.)

*mehr dazu: Wikipediaartikel;   Fontanefans Schnipsel


Video mit Kurzauschnitten und Kurzcharakterisierung der Gesamtaussage.
unter anderem:
Soziale Medien als "Abfallgrube de eigenen Emotion", aber auch Voraussetzung für die Entstehung von großen Debatten. [von Hofmann nicht ausdrücklich genannt: #MeToo und #Aufschrei]


Schriftliche Kurzdarstellung zur Rede:
"Im Zentrum der "Mannheimer Rede" spricht Nico Hofmann von den Zusammenhängen zwischen Geschichte und dem Bewusstsein, das wir ihr gegenüber entwickeln. "Ich bin der festen Überzeugung, dass es ohne eine Beschäftigung mit unserer Vergangenheit und ein Lernen daraus kein Verständnis für die Probleme der Gegenwart und vor allem keine seriöse Gestaltung von Zukunft geben kann", sagt er. Er halte es für dringend geboten, "dass wir nicht aufhören, uns darüber bewusst zu werden, mit welcher Vorgeschichte und auf welcher geschichtlichen Basis die Gesellschaft, in der wir leben und die wir täglich weiter gestalten müssen, aufgebaut ist." Hofmann betont: "Ich halte es geradezu für eine Verpflichtung, dass wir die Deutung dieser Geschichte – auch und besonders, was die Zeit des Nationalsozialismus angeht – dabei nicht den Populisten überlassen."
"Aussagen von Björn Höcke sind brandgefährlich"
Wenn Gruppierungen wie die AfD anfingen, Terrains unserer Geschichte "nach ihrem Belieben wieder nationalistisch zu belegen" und mit "einem Gedankengut zu unterfüttern, das es in leidvoller Weise schon einmal gab", dann müssten Menschen wie Hofmann, die sich mit demselben Themenspektrum beschäftigen und über öffentliche Aufmerksamkeit verfügen, öffentlich Position beziehen.
Nicht nur, so Hofmann, weil er die Ansichten der AfD ablehne. Auch, so sagte er, "weil ich Aussagen, wie wir sie von jemandem wie Björn Höcke hören, für brandgefährlich halte." Seiner Meinung nach bedienen sie "genau die Mechanismen der Menschenverachtung und der Ausgrenzung, die schon einmal zu Faschismus und Verfolgung geführt haben." Auf diese Weise würden sie auch genau die nationalistischen Ressentiments schüren, die Europa und die Welt schon einmal ins Unglück gestürzt hätten.
Zum Schluss seiner Rede spricht Hofmann dann über die Diversität in unserer Gesellschaft, die "bunt und vielfältig" sei, "offen und durchlässig", und auch über intellektuelle Debatten. Schade sei, dass sich "Vielfalt in vielen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens noch längst nicht so abbildet, wie es notwendig wäre." Dafür müsse jeder Einzelne beitragen. Hofmann: "Dafür zu sorgen, dass sich das ändert und dass wir unsere Gesellschaft auch so gestalten, dass sie ihrer eigenen Zusammensetzung gerecht wird, liegt im Verantwortungsbereich jedes Einzelnen von uns – je nach seinen Möglichkeiten."
Auch Hofmann fühlt sich dabei nicht nur als Privatperson gefordert. Ihm komme "auch durch meinen Beruf und meine Position, eine besondere Verantwortung zu. Auch in der UFA - in der rund 1800 Mitarbeiter fest angestellt arbeiten und in der durch die einzelnen Filmdrehs und Teams jährlich noch einmal 8000 Menschen dazu kommen - aber auch in unserer gesamten Branche bildet sich diese Diversität noch nicht so ab, wie es der Gesellschaft, in der wir leben, entsprechen würde." "