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22.4.13

Never Let Me Go - Verlass mich nicht

Im Roman Never Let Me Go (auf Deutsch: Alles, was wir geben mussten) erweist sich der englische Autor japanischer Herkunft Kazuo Ishiguro als ein Meister in der Schilderung der Psyche von Kindern und Jugendlichen.
Ich mag es, wenn Autoren ihre Figuren lieben, weil das die beste Voraussetzung dafür ist, dass wir uns in sie einfühlen können. Für diesen Roman, eine Dystopie von einem England, in dem die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, indem man eine besondere Klasse von Menschen schafft, die entgegen Kants kategorischem Imperativ keinen Wert für sich haben sollen, sondern nur Mittel sein sollen, ist das besonders wichtig.
Wir lernen Menschen lieben, denen andere das Menschsein abgesprochen haben (vgl. Primo Levi: Ist das ein Mensch?).
Die Zentralszene, wo die Erzählerin ein Kissen im Arm hält und zu der Zeile "Oh baby, baby, never let me go" singt und von einer Erwachsenen ("Madame") von außen beobachtet wird, die darüber in Schluchzen ausbricht, ist von großer Aussagekraft.
Wenn ich dabei an den sterbenden Jesus denke mit seinen Worten "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen" habe, so ist das vom Autor wohl nicht beabsichtigt. Aber aufgrund der Mehrdeutigkeit, die er der Zeile gibt, ist auch diese Mitbedeutung nicht ausgeschlossen.
Nach einer recht verbreiteten theologischen Auffassung wird Jesus, der sich von Gott verlassen fühlt,  als Werkzeug der Erlösungstat Gottes gesehen. Man könnte also die Erzählerin, der von der Gesellschaft die Menschenwürde verweigert wird, als die Vertreterin wahrer Menschlichkeit verstehen. (mehr dazu weiter unten)
Wie platt dagegen die deutsche Fassung des Titels "Alles, was wir geben mussten".*

*Die Übersetzung "Lass mich niemals los!" ist natürlich korrekter als die mit "Verlass mich nicht!", die ich um der Assoziation zur Kreuzesszene willen gewählt habe.

Susanne Mayer schreibt am Schluss ihrer Rezension des Romans: "Solche Bilder zu ertragen, muss man fast eine Figur aus einem Ishiguro-Roman sein, ergeben und ohne jeden Keim von Widerstand."

Ich denke eher: Wer das nur als literarische Dystopie liest und sich nicht empört über unsere Gesellschaft (Hessel: Empört Euch!"), die sich in mancherlei Hinsicht auf eine solche Gesellschaft zu bewegt (vgl. "Festung Europa"), dem fehlt etwas von der Moral der Hauptperson diese Romans.

Primo Levi hat in der Einleitung zu seinem Buch über Auschwitz formuliert:
Denket, daß solches gewesen.
Es sollen sein diese Worte in eurem Herzen.
Ihr sollt über sie sinnen, wenn ihr sitzet
In einem Hause, wenn ihr geht auf euren Wegen,
Wenn ihr euch niederlegt and wenn ihr aufsteht;
             Ihr sollt sie einschärfen euern Kindern.
             Oder eure Wohnstatt soll zerbrechen,
             Krankheit soll euch niederringen,
             Eure Kinder sollen das Antlitz von euch wenden.

Im Blick auf Never Let Me Go müsste es freilich heißen: "Bedenkt, dass ihr auf solch eine Gesellschaft zugeht, wenn ihr die Entwicklung weiter laufen lasst!"

Meine persönliche Haltung zur Organspende habe ich hier formuliert.

Nach diesen allgemeinen Überlegungen etwas zum Inhalt:
Die Erzählerin, Kathy, hilft einem Jungen, Tommy, der in Hailsham, dem Internat, in dem sie leben, von allen Mitschülern gemobbt wird (auch wenn die Aussage einer Betreuerin für ihn vielleicht noch wichtiger ist.) Obwohl  er der einzige Junge ist, der ihr wichtig ist, und obwohl es ihr einen Stich gibt, als ihre beste Freundin, Ruth, sich mit ihm anfreundet, übernimmt sie es, als dies Verhältnis gestört ist, in Ruths Auftrag, es wieder anzuknüpfen. (In gewisser Hinsicht ähnelt das der Situation in Sense and Sensibility, wo Elinor dem von ihr geliebten Mann die Möglichkeit geben soll, die Frau zu heiraten, die er nicht liebt. Das heißt: Die liebende Frau wird aufgefordert, sich und ihren Geliebten unglücklich zu machen, und lässt sich darauf ein, weil sie glaubt, das sei das Moralischste.)
Ruth weiß freilich, dass Kathy Tommy besonders nahe steht und ihn besser versteht als alle anderen.
Dennoch hält Kathy sich zurück, als sie merkt, dass Tommy ihr mehr vertraut als Ruth, und verschweigt ihr gegenüber aus schlechtem Gewissen diese Vertrauensbeweise.
Dies wird sehr eindrücklich geschildert, ohne dass es thematisiert wird. Wieder spielt dabei der Song "never let me go" eine wichtige Rolle. Tommy hilft Kathy, die Kassette mit dem Song, die sie verloren hatte, wieder zu finden und zwar in Norfolk, das die Internatsschüler seit frühen Tagen mit einem Fundbüro assoziieren. So finden auch Kathy und Tommy ihr "verlorenes" Vertrauensverhältnis zueinander wieder.

Ein Zitat dazu:
That moment when we decided to go searching for my lost tape, it was like suddenly every cloud had blown away, and wie had nothing but fun and laughter before us.
 Deshalb zögert Kathy sogar, als sie die Kassette findet, diese zu kaufen, um nicht die neue Gemeinsamkeit zu zerstören. Als schließlich Tommy ihr die Kassette kauft, bekommt der Song "Oh baby, baby, never let me go" seine ursprüngliche, nicht auf ein Baby gerichtete Bedeutung wieder: Geliebte, lass mich nicht von dir gehen.

Am Ende ihrer Internatszeit erfahren die Schüler, dass sie keine Eltern haben und nur geklont worden sind, um als Organspender zu dienen. Kathy arbeitet zunächst als Betreuer der Organspender und trifft dabei wieder mit Ruth zusammen. Sie versöhnen sich, und Ruth fordert sie auf, zusammen mit Tommy "Madame" (die Frau aus der Außenwelt von der ersten Song-Szene) aufzusuchen und für sich für eine Zeit des Aufschubs zu bitten, damit sie eine Zeit als Paar zusammenleben können.
Als ihnen das gelingt, erfahren sie, dass die menschliche Behandlung, die sie in Hailsham erfahren haben, nur dem politischen Einsatz einer Gruppe um "Madame" und ihre Schulleiterin zu verdanken war. Seit es aber einem Forscher gelungen ist, den Klonen eine höhere Intelligenz als Normalmenschen zu verleihen, hat die Gesellschaft jede Ausbildung der Klone verboten, weil befürchtet wird, dass die Klone die Herrschaft übernehmen könnten. Der Versuch, den Klonen zumindest zeitweise eine menschenwürdige Behandlung zuzugestehen, ist gescheitert.

Die Begegnung der beiden Klone mit den Betreuern, die sich für sie eingesetzt haben, wird wie ein Theaterstück gestaltet. Da aber weiterhin alles aus Kathys Sicht geschildert wird, erhält der Leser keinen Einblick darein, durch welche Kontrollmaßnahmen die Klone, die sich frei bewegen dürfen, gezwungen werden, sich immer neuen Organspenden zu unterwerfen. Die Kritik beschränkt sich somit ganz auf die Vorenthaltung der Menschenrechte, nicht auf den totalitären Charakter der Gesellschaft im einzelnen.

Am Ende des Romans fährt Kathy ein paar Wochen nach Tommys Tod wieder nach Norfolk und hält an einer Stelle, wo außer einem Stacheldraht und ein paar Bäumen sich nichts dem Wind und dem Müll, den er über die Felder treibt, in den Weg stellt.
I was thinking about the rubbish, the flapping plastic in the branches, the shore line of odd stuff caught along the fencing, and I half-closed my eyes and imagined this was the spot where everything I'd ever lost since my childhood had washed up, and I was now standing here in front of it, and if I waited long enough, a tiny figure would appear on the horizon across the field [...]  I just waited a bit, the turned back to the car, to drive off to whatever it was I was supposed to be.
Der Roman ist eine Dystopie, die unsere Empörung wachrufen soll, aber er schildert sie uns in einer Weise, dass wir uns selbst in ihr wiederfinden können, mit unseren Hoffnungen, unseren Enttäuschungen und der Art, wie wir damit umgehen.

Ich sehe eine große Ähnlichkeit von Anne Franks Versteck und dem Internat Hailsham. Die totalitäre Gesellschaft, vor der dieses Refugium schützen soll, wird freilich nicht gezeigt, Die Klone bewegen sich in der  sie unterdrückenden, nicht nur ausbeutenden, sondern regelrecht ausweidenden Gesellschaft wie in einem unsichtbaren Getto.
Die Nähe zur Behandlung von Asylbewerbern (keine Arbeitserlaubnis, Pflicht, sich in einem engen Bezirk aufzuhalten) und Gefangenen (Fußfesseln) ist erkennbar.

Trotz der deutlichen Gesellschaftskritik trifft m.E. folgende Charakteristik des Romans durch Susanne Meyer zu:
Da ist ein Klang von Stille. Mit den ersten Zeilen wird dieser Ton angeschlagen, wie in der Eröffnung einer Cellosonate, drängender Abstieg in gefasste Melancholie. Vorsichtig, zurückhaltend setzen sie ein, die Romane von Ishiguro, aber sie alle variieren ein einziges überwältigendes Thema – was der Mensch ist in seiner Ungeschütztheit, wie er sich darin bewähren kann, vor allem vor sich selbst.
Dieser Text ist eine leicht veränderte Fassung eines Artikels, den ich an abgelegenerer Stelle im August 2012 veröffentlicht habe. Als ich ihn kürzlich wieder gelesen habe, gefiel er mir besser, als das meiste, was ich in letzter Zeit verfasst habe. Deshalb nehme ich ihn in diesen Blog auf, auch wenn die Thematik über pädagogische Fragen hinaus geht. 

29.10.12

Fördern Organspenden den Mangel an Organspendern?

Axel W. Bauer, Medizinhistoriker, Wissenschaftstheoretiker und Medizinethiker, schreibt am 28.10.12 in der FAS (S.15):
Der "Organmangel ist keine Naturkonstante, sondern eine Folge davon, dass aufgrund von wissenschaftlichen und medizintechnischen Fortschritten mehr transplantiert wird. Man kann daher die Prognose wagen: Je erfolgreicher die Transplantationsmedizin in qualitativer und quantitativer Hinsicht künftig wird, desto größer wird ihr Bedarf an Organen und damit der relative Organmangel werden."

Über Organspender schreibt er:
"Das Interesse an seinen Organen führt zu einer Konzentration auf die Vitalerhaltung dieser Organe über den Zeitpunkt eines menschenwürdigen Sterbens hinaus."

Sein Schluss:
"Einen rechtlichen oder gar moralischen Anspruch auf die Überlassung von fremden Organen, die konstitutiver Teil einer anderen Person waren, kann es um der Würde des Menschen, die auch die Würde des Organspenders mit umfasst, nicht geben. Insofern müssen sich Medizin und Gesellschaft bei allem Fortschrittsoptimismus auf diesem Feld auch künftig in eine gewisse Selbstbegrenzung ihrer Wünsche fügen."

Ein Ausweg aus dem Dilemma wäre, wenn man Wesen mit menschlichen Organen herstellte, die laut gesellschaftlicher Definition keine Menschen wären.
Was das für die Gesellschaft, die solche Definitionen vornimmt, bedeutet, hat Kazuo Ishiguro mit viel Einfühlung in die gutmeinenden Täter und die menschlichen Opfer beschrieben. Zum Roman und zu dem Zusammenhang des Themas mit dem der KZs des Naziregimes habe ich mich hier geäußert.

Ich war schon lange dagegen, ein Organ gespendet zu bekommen, und gegen einen Druck in Richtung Bereitschaft zur Organspende. Bauers Argumentation läuft darauf hinaus, dass aber auch freiwillige Organspende für den Todesfall ausgeschlossen werden sollte, weil sie den Verzicht auf Menschenwürde darstellte.
Ich habe meine hier begründete Bereitschaft zu freiwilliger Organspende nach ca. 30 Jahren, in denen ich einen Organspenderausweis bei mir getragen habe, jetzt beendet.
Dass Organtransplantationen unsozial sind, weil die Organspender nicht selten aus finanziellen Notlagen heraus spenden und die Empfänger hohe Summen für die Organe bezahlen, war mir bekannt. Mit meiner Spende wollte ich einen - zugegebenen minimalen - Beitrag dagegen leisten. Ein menschenunwürdiges Sterben zu provozieren bin ich dafür aber nicht bereit.

Das Thema wird seit 2007 (oder früher?) auf breiter Basis diskutiert. Ich habe nicht den Eindruck, dass den Argumenten von A. W. Bauer schon genügend Aufmerksamkeit geschenkt worden ist.

Mehr Artikel zu dem Thema findet man in meinen Blogs unter dem Suchwort (Tag, Label) "Organspende".
Auf den Gastbeitrag zu diesem Thema möchte ich aber ausdrücklich hinweisen.

21.7.12

Organspende aus christlicher Sicht

Der folgende Beitrag ist ein Gastbeitrag. Ich persönlich vertrete eine andere Position, die Argumente dieses Beitrags scheinen mir aber so wichtig, dass ich sie hier aufnehmen möchte.

Der Tod des Menschen ist für mich klar definiert:
Der Zeitpunkt, an dem die Seele ihren Körper verlassen hat.
Medizinisch lässt sich dieser Zeitpunkt aber nicht feststellen. Deshalb wählt man einen spezifisch definierten Hirntod als offiziell definierten Todeszeitpunkt, hält aber zum Zwecke der Organtransplantation die übrigen Organe am Leben.
Diesen Zeitraum zwischen Leben und Tod nutzt man dann, um den Körper eines Menschen auszuschlachten, um ihm Organe zur Rettung des Körpers anderer Menschen zu entnehmen.
Nach meiner Auffassung haben aber sowohl die Organspender wie die Organempfänger eine Seele, die nicht stirbt. Das Leben dieser Menschen ist also gar nicht in Gefahr. Es geht also nur um die Gesundheit ihres sterblichen Körpers.
Wenn die Kirchen dennoch die Organspende befürworten und sogar als Akt der Nächstenliebe preisen, müssen die Kirchen wohl davon ausgehen, dass der Mensch keine Seele hat, auf die man Rücksicht nehmen muss, sondern nur aus einem sterblichen Körper besteht, den man durch Organentnahme bei anderen Menschen "retten" muss. Oder sie meinen, die Seele würde präzis zum Eintritt eines spezifisch definierten Hirntodes sterben und durch das Ausschlachten des Körpers gar nicht betroffen.

Ich fürchtete, ich hätte diese mir neue Lehre verschlafen und gehörte nun zu einer altmodischen Minderheit. Laut Statistik in der ZEIT vom 4. April 2012, S.64 sind aber 89% aller Deutschen davon überzeugt, dass der Mensch eine Seele hat.

Erstaunlich scheint mir nun, dass offenbar gerade christliche Theologen in der Mehrheit nicht an eine Seele zu glauben scheinen.
Dennoch dürften sie vielleicht so viel christliche Nächstenliebe aufbringen, dass sie wie Seelenhirten auf die Gläubigen Rücksicht nehmen, die am Glauben an eine Seele festhalten.

[Nachtrag von Fontanefan vom 29.3.24: Der Gastbeitrag stammt von meiner älteren Schwester.]

Einen Überblick zum Sachzusammenhang liefert die Wikipedia.

Persönliche Anmerkung:
Fontanefan hatte sich aus persönlichen, vielleicht nicht sonderlich rationalen Gründen* entschlossen, Organspender zu sein und wird wohl auch dabei bleiben, auch wenn nicht nur die gegenwärtigen Nachrichten aus Göttingen darauf schließen lassen, dass - um es vorsichtig zu sagen - nicht alle Mediziner, die an Organtransplantationen beteiligt sind, nur aus Gründen der Nächstenliebe handeln. 

*Die Gründe, weshalb er seine Organe spenden, aber keine erhalten wollte, legte er hier dar. Inzwischen hat er ein Vorwort hinzugefügt, aus dem hervorgeht, dass er seine Spendenbereitschaft wegen veränderter Informationslage zurückzieht.



1.9.07

Kid Nation

Alternative zu Big Brother oder Weg zur Wiederholung von "Herr der Fliegen"? Auf Kid Nation machte mich dankenswerterweise Herr Rau aufmerksam. Der Voyeurismus, der sich als Experiment gibt, nimmt Formen an. Kein Wunder, dass so viele an die Geschichte vom Wettbewerb um die Spenderniere glaubten.

2.6.07

Irreführende Fiktion

Das Hörspiel vom Krieg der Welten haben 1938 Tausende ernst genommen. Ebenso die TV-Show vom fingierten Wettbewerb um eine Spenderniere.
War die Irreführung gerechtfertigt? Rechtfertigt der Zweck das Mittel?
Dass das Ungeheuerliche für wahr gehalten wird (auch von mir für wahr gehalten wurde), sagt etwas über die Ängste, die in einer Gesellschaft bestehen. Meiner Meinung nach sind es sehr begründete Ängste. Deshalb kann ich die Irreführung im Nachhinein billigen.
Moralisches Erschrecken kann heilsam sein. Nur darf das Mittel nicht zu viel angewendet werden. Es darf nicht dazu kommen, dass man abgebrüht wird und auf Ungeheuerlichkeiten nur noch reagiert mit "wird schon ein Fake sein".
Die Show war viel zu erfolgreich, als dass ich vom angeblichen Hauptzweck, Hinweis auf das Problem, überzeugt bin.
Wohin treiben die Medien?