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20.11.16

Blogparade Jugendsprache und Sprachentwicklung

Die Jury hat sich für "fly sein" als Jugendwort des Jahres entschieden. In der online-Abstimmung lag "isso" vorne. "Vollpfostenantenne" wurde abgelehnt, weil niemand mehr "Vollpfosten" sage, "Hopfensmoothie", um nicht für Alkohol Reklame zu machen.
Jeder hat andere Gründe, weshalb er sich mit dem Wettbewerb beschäftigt.
Mir ging es, als ich das Thema Jugendsprache im Unterricht behandelte, darum, den Jugendlichen ein Bewusstsein dafür zu vermitteln, dass Sprache nichts Festes ist, sondern sich entwickelt. (So z.B. bei dem Wandel der Nebensatzkonjunktion "weil" zur Hauptsatzkonjunktion sowie bei der Auflösung des Unterschiedes zwischen Genitiv und Dativ.)
Da ich Jugendsprache im Ausland behandelte, ergab sich ein bemerkenswertes Phänomen: Die Schüler nannten mir praktisch durchweg Beispiele, die ich selbst kannte. Als ich nachfragte, ob die Wörter wirklich über Jahrzehnte hin Jugendsprache geblieben seien, stellte sich heraus, dass sie keine Jugendsprache hatten. Die Beispiele, die sie genannt hatten, hatten sie - in Ermangelung eigener Kenntnisse, wie man das so macht - von ihren Eltern erfragt.
In der Oberstufe stellte ich dagegen relativ häufigen Gebrauch von Jugendsprache fest.
Meine Erklärung: Vor einigen Wochen war ein Schüler aus Deutschland gekommen, und seine jugendsprachlichen Ausdrücke hatten seine Klassenkameraden im Nu aufgegriffen.

Daraus habe ich geschlossen: Jugendsprache setzt eine größere Sprachgemeinschaft voraus, weil erst da sich genügend Kreativität entfalten kann. - Der Schluss scheint dadurch widerlegt, dass es ja durchaus familieninterne Sprachgebräuche gibt, also Sondersprache im kleinsten Sprachumfeld. Als ich dem nachging, habe ich freilich aus meinen Beobachtungen geschlossen, dass viele Ausdrücke aus den Familiensprachen der Herkunftsfamilien der Partner mitgebracht werden oder, wenn das nicht der Fall ist, dass es ein besonders kreatives Familienmitglied gibt, dessen Ausdrücke in der Familie aufgegriffen werden, und das sich dadurch zu weiterer Kreativität angeregt fühlt.

Gerade dass die "Jugendwörter des Jahres" durchaus sehr umstritten sind, ist offenbar das, was den "Wettbewerb" sinnvoll macht: Es wird am Beispiel von Jugendsprache über Sprache gesprochen, und die pädagogische Absicht, die bei der Ablehnung des Wortes "Hopfensmoothie" mir so sauer aufstieß, ist dadurch - jedenfalls aus meiner Sicht - glänzend gerechtfertigt. Weil erst das Ungewöhnlich und Strittige weckt die Aufmerksamkeit und damit die Reflexion. Oder war das schon zu viel der Spekulation und dem Nachspüren von Sprachentwicklung?

Bei der Jugendsprache stimmt meiner Meinung nach, was man dem Volkslied zu Unrecht nachgesagt hat. Sie entsteht nicht durch präzis festzumachende Personen, sondern aus der Gemeinschaft heraus. Denn erst wenn ein Ausdruck von mehreren aufgegriffen wird, wird er Jugendsprache.
Freilich: Auch wenn bei vielen Volksliedern der Verfasser durchaus bekannt ist - so wie bei "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ...", wo in Nazi-Anthologien "Verfasser unbekannt" stand: Erst der wiederholte Gebrauch der Vielen macht aus der individuellen Schöpfung Volksgut, das dann kreativ weiterentwickelt und "zersungen" werden kann. (Das eindrucksvollste Beispiel, das ich kenne, ist: Es regnet ...".)
All das sind freilich höchst subjektive Überlegungen, durch keinerlei statistische Untersuchungen belegt. Wie wäre es mit einer Blogparade*, in der jeder seine Erfahrungen mit Sondersprachen und Sprachentwicklung darstellt?

* Wie "Stöckchen" ein Wort aus der Blogosphäre, so wie "omatauglich" ein Wort der Wikipedianer ist. (Bei einem Werbekurs für "Wikipedia über 50" wurde das Wort von den äußerst versierten, meist weiblichen Internetcafébetreuern mit Empörung aufgenommen.)

Tweets zu Jugendsprache, jugendwortdesjahres, Sprachentwicklung, Blogparade

29.1.11

Wie kann die deutsche Sprache erhalten bleiben? (2)

Die deutsche Sprache verliert die Verlässlichkeit ihrer Bildungsregeln (ihres Codes), weil diese in zunehmendem Umfang durch Bildungsregeln der englischen Sprache ersetzt werden (Codesprung). Dadurch wird der Hörer immer mehr zum Raten gezwungen, welche Bildungsregeln gerade verwendet werden. Es geht Verständlichkeit verloren und dadurch auch die Möglichkeit, etwas differenziert und schön zu sagen.

Um das Deutsche lebendig zu erhalten, brauchte weder die Aufnahme von Fremdwörtern gestoppt zu werden noch müssten alle energisch eingedeutscht zu werden.
Es müßte in den von der Anglisierung betroffenen gemeinsprachlichen Bereichen  nur die Menge der Codesprünge vermindert werden, so daß insgesamt der deutsche Code gefestigt würde. Hier eine Übersetzung, dort eine lautliche oder orthographische Anpassung, mit dem Ziel, die zugereisten Wörter in sämtlichen grammatischen Zusammenhängen frei gebrauchen zu können - schon das würde viel bewirken.
(Zimmer: Deutsch und anders, S.85)
Zimmer glaubt freilich nicht recht daran, dass dies gelingen kann, denn das setze ja "den gemeinsamen Willen voraus, das Deutsche an der deutschen Sprache zu erhalten". Dieser Wille aber sei "nicht vorhanden" und wo er vorhanden sei, würde er "sofort als Deutschtümelei ausgepfiffen".

Das schrieb er, bevor die Debatte um die deutsche Leitkultur ausgebrochen war und bevor Angela ein Ende von Multikulti ansagte, wobei beide Male die deutsche Sprache nicht mit in den Blick kam. Dennoch scheint mir seine Skepsis angebracht, wenn auch nicht totale Resignation.

Wer hat schon die sprachliche Sensibilität, die 10 Veränderungen der deutschen Sprache, die er anführt,  zu erkennen (das tun relativ viele) und die Gefährdung, die dem Deutschen aus diesen Veränderungen erwächst zu erkennen.

Welche Veränderungen mögen das wohl sein? Nicht die massenhafte Einreise von Wörtern, auch nicht die Übernahme idiomatischer Redeweisen wie "das macht Sinn", sondern ...
Hier mag man nachdenken, bei Zimmer nachschlagen oder auf meinen nächsten Beitrag warten.

Nachsatz:
Angela Merkel hat schon früh betont, dass Ausländer Deutsch lernen müssten. Insofern war Deutsch im Zusammenhang von Leitkultur und Multikulti sehr wohl im Gespräch. Aber dass den Deutschen in ihrer Gesamtheit die Fähigkeit verloren gehen könne, sich der Bildungsregeln des Deutschen sicher zu sein, das kam in diesen Diskussionen nicht zur Sprache.

27.1.11

Wie kann die deutsche Sprache erhalten bleiben?

In zwei grundlegenden Aufsätzen in der ZEIT hat Dieter E. Zimmer 1995 Gefährdungen der deutschen Sprache formuliert. Ich habe die Aufsätze schon damals als bedeutsam erkannt, aber erst die Erfahrungen mit der deutschen Sprache, die ich seitdem gemacht habe, zusammen mit der Möglichkeit der Veröffentlichung im Blog  haben dazu geführt, dass ich ihre Hauptgedanken bewusst weiterverbreiten möchte. Es wird in kleinen Schritten geschehen.
Eine zentrale Erkenntnis hat Zimmer wie folgt formuliert:
Nicht der reichliche Einstrom fremder Wörter ist es, der verschiedene europäische Sprachen bedroht, sondern ihre Unfähigkeit und Unwilligkeit, die eingereisten Fremden zu assimilieren und ihnen damit volle Bewegungsfreiheit in ihrem eigenen Regelsystem zu verschaffen.
Auf den einen der beiden Aufsätze kann ich hier verlinken: Begegnung mit dem Deutsch von morgen (pdf-Datei). Die Gedanken beider Aufsätze sind zusammengefasst und ergänzt in dem Buch Deutsch und anders von 1997. Die Taschenbuchausgabe kam 1998 heraus. Der zitierte Gedanke findet sich auf den Seiten 73/74.
Ich werde in weiteren Beiträgen seine Gedanken vorstellen und erläutern.
Hier zunächst noch der Verweis auf eine Seite, wo er an eine ganze Reihe seiner Aufsätze erinnert.

Im Deutschen müssen Substantive ein Geschlecht haben und Verben konjugiert werden können. Adjektive sollten gesteigert werden können. Wo der Sinn es ausschließt - wie bei "schwanger", ist es nicht erforderlich, dennoch lässt die Sprache es ohne weiteres zu (schwanger, schwangerer, am schwangersten).

An Zimmers Erkenntnis mag befremden, dass Sprachen darin wie handelnde Subjekte auftauchen. Natürlich hält er sie nicht für Subjekte. Seine Redeweise versucht dem komplizierten Sachverhalt gerecht zu werden, dass unsere Sprache Bildungsgesetze (einen Code) hat, die uns nicht bewusst sind, die aber von allen Sprechern der deutschen Sprache im wesentlichen eingehalten werden.
Wenn ein Teil der Wörter, die wir verwenden, diesen Bildungsgesetzen nicht gehorchen kann, mindert das die Verständlichkeit der Sprache insgesamt.
Das gilt es im einzelnen aufzuzeigen.

10.12.09

Zeigefinger Ursprung der Sprache?

Empfehlung von Habermas: Tomasello: Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation.

In der Tat entwickeln gehörlose Kinder in Gemeinschaft rasch eine Gebärdensprache ...
(vgl. Habermas, ZEIT vom 10.12.09, S.45)

Bei Gelegenheit mehr

24.8.07

Sprachentwicklung

Zeitungsüberschrift: "Sender gedenken Prinzessin Diana"

Ich gedenke dich.
Du gedenkst mich.
So haben wir uns gedacht.