15.8.18

Nicht Bildung, sondern ein laufend diskutierter und erneuerter Kanon der Allgemeinbildung?

Thomas Kerstan wünscht sich einen solchen Kanon.

Hier begründet er seinen Wunsch:
https://www.zeit.de/2018/34/allgemeinwissen-kanon-globalisierung-digitalisierung-jugend-bildung/komplettansicht
"[...] Mein Kanon entspricht nicht der reinen Lehre, gewiss. Er ist angreifbar, er macht mich angreifbar. Einen Kanon entwerfen heißt nämlich immer auch: zeigen, wer man selbst ist. Aber er schafft Unterhaltung und Austausch. Und gegenseitiges Befremden. Und das geteilte Glück über Werke, die alle gleichermaßen bewegen. Gelungen wäre dieser Kanon, wenn wir ihn nicht abarbeiten, sondern immer wieder umbauen. Gemeinsam."

Hier ist Gelegenheit, Vorschläge dafür zu machen:
https://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2018-08/allgemeinbildung-kanon-schule-werke

So sehr ich gegen die Vorstellung bin, ein Kanon von Wissen könnte Bildungsziel sein, so sehr hat mich schon seit langem Kanonbildung interessiert.**
Deshalb bin ich auch an diesem Vorstoß interessiert.
Besonders erfreulich: nicht nur künstlerisch-ästhetische und
sprachlich-kommunikative sowie historisch-philosophische Werke sollen aufgenommen werden (wie bei Schwanitz), sondern auch mathematisch-naturwissenschaftliche. Nicht nur schriftliche, sondern auch bildende Kunst und Musik, nicht nur lang bewährte, sondern auch hoch-aktuelle.*

Meine Überzeugung ist, dass es bessere Kriterien für gelungene menschliche Entwicklung gibt als Allgemeinwissen, aber an Anregungen bin ich sehr interessiert. Auch wenn es nie einen allgemein gültigen Kanon geben sollte, ein Nachdenken über einen sinnvollen Kern allgemeinen Wissens ist m.E. immer wieder nützlich. 

Ich schlage daher eine Blogparade zu diesem Kanon vor und nenne hier schon versuchsweise einige kurze Texte/Aufgabenstellungen aus verschiedenen Wissensgebieten, um eine Reihe von Anregungen zu bieten. Ein Hinweis noch vorweg: Gerade bei Kunst geht es nicht um Wissen, sondern um Kennen:

Das Ziegenproblem
Das Milgramexperiment
Kleist: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden
Kafka: Vor dem Gesetz
Kant: Was ist Aufklärung?
Bonhoeffer: Was heißt: Die Wahrheit sagen?
Primo Levi: Ist das ein Mensch?
Claudius: Der Mond ist aufgegangen
Verlaine: Il pleure dans mon coeur
Matsuo Bashō: Das Frosch Haiku
...***

Hier kritisiere und lobe ich einzelne Titel aus Kerstans Kanon und schlage auch andere vor.

*Gut-informierte Personen haben eine völlig überholte Sicht auf die heutige Welt. Bei Faktenwissen geht es daher um aktuelles Wissen und um die Fallen, die uns Wissen vorgaukeln.

Es heißt, Georg Büchners Lehrer hätten gefordert, er solle die Klassiker lesen, statt sich mit nur tagesaktuellen Schriftstellern wie Goethe und Schiller zu beschäftigen.

** Deshalb habe ich z.B. schon einen eurozentristischen Blick auf die Weltgeschichte schon seit Jahrzehnten zu überwinden versucht, deshalb habe ich die Versuche einer Kanonbildung etwa durch die diversen Listen von ZEIT und europäischen Zeitungen mit Interesse verfolgt. 

***Kunstwerke, die man kennen sollte, stehen m.E. nicht selten für Erfahrungen, die man machen sollte*****. Es gibt aber außer den - ganz wichtigen ästhetischen - Erfahrungen auch andere, die wichtig, zum Teil vielleicht noch wichtiger,  sind: Selbstwirksamkeit, Hilflosigkeit, Dankbarkeit (für etwas, was man erhalten hat), Dankbarkeit eines anderen (für etwas, was man gegeben hat), Liebe und geliebt werden (was all die vorher genannten Erfahrungen einschließt), und allein in der Natur sein.# 

      Bei der ursprünglichen Abfassung des Artikels kannte ich Kerstans Kanon noch nicht. Er gefällt mir besser, als ich erwartet hätte. Ich freue mich, einen Teil meines Kanons, den ich hier noch nicht festgehalten habe, zu finden, noch mehr aber über die Anregungen.
Dennoch habe ich natürlich viel daran auszusetzen.
Warum den ganzen Ulysses, und Ilias und Odyssee,  wenn dafür (über dem Fetisch 25% der Titel für jeden "Wissens"-bereich) ungezählte Kulturen unterdrückt werden. Warum nicht ein einziges Haiku, kein Ghasel, nicht wenigstens eine Erzählung (wenn schon kein Roman) von Tolstoi oder Dostojewski? Kann es wirklich sein, dass er Jung Chang als einzige chinesische Stimme zu Wort kommen lässt, von Indien zu schweigen?
Doch mit Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus trifft er eine subjektive Vorliebe von mir so gut, dass ich mich wieder freue über die so subjektive Auswahl. 
Denn der Sinn eines solchen Kanons ist ja der, dass man sich darüber streitet.

*****Kunsterfahrung:"Einmal/ lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht." (Hölderlin)

# Zur Naturerfahrung schreibt Prinzessin Märtha Louise von Norwegen im ZEIT-Magazin vom 16.8.18, S.27: "Oft bin ich auf meinen Lieblingsbaum geklettert, so hoch hinauf, dass kein Erwachsener mir folgen konnte. Der Baum war mein Schutzraum. Die Natur zu spüren und ein Teil von ihr zu sein war wunderbar [...] Die Vorstellung, dass viele Kinder und Jugendliche heutzutage ohne Raum für Tagträume aufwachsen, finde ich beängstigend. Ohne Träume verkümmert unsere Kreativität, wir verarmen innerlich."
Naturerfahrung für Tagträume ist etwas anderes als in der Natur - weitab von jeder Zivilisation. Aber Erfahrung von Natur, die mehr ist als "Pflanzenzoo" innerhalb unserer Zivilisation, kann heutigen Jugendlichen nur noch mit bewusster Anstrengung vermittelt werden. Sie ergibt sich für Smartphonebenutzer nicht mehr von selbst.


Mehr dazu:
Eine Argumentation dafür, dass alles Wissen nur vorläufig ist.
Ein Beispiel für relevantes Abiturwissen (hier nur für Deutsch)
Sollte man eines der 50 beliebtesten Touristenziele besucht haben?