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20.4.17

Einflüsse auf Schulleistungen

Pisa-Studie zum Wohlbefinden: Wie ein Abendessen am Familientisch die Leistung der Schüler verbessern kann SPON 19.4.17

Am härtesten trifft es die Migranten SPON 6.12.2007
"Im deutschen Schulsystem werden Migranten früh abgehängt. Die Pisa-Studie zeigt: Einwandererkinder, die in Deutschland aufwachsen, schneiden sogar schlechter ab als im Ausland geborene Schüler." 

Naturwissenschaften machen keinen Spaß von 6. Dezember 2016

"Deutsche Jugendliche sind laut neuer Pisa-Studie nach wie vor gute Schüler. Verbessert haben sie sich aber kaum – und wenig Lust auf Technik und Naturwissenschaften."

7.10.15

Wie umgehen mit Migranten? (2)

Fortsetzung des Artikels Wie umgehen mit Migranten?

Jens Schneider, Migrationsforscher an der Universität Osnabrück, schreibt in seinem  Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 6.10.15 auf Seite 31 auch Folgendes:
"Auf alle Ebenen trifft man auf Menschen, die in wichtigen Aspekten "anders" sind als man selbst und mit denen man gleichzeitig auch vieles gemeinsam hat [...]Unterschiede und Gemeinsamkeiten sind nicht mehr allgemein, sondern kontext- und situationsgebunden. Das zu lernen und souverän zu meistern ist eine Herausforderung, die die Noch-Mehrheitsgesellschaft nicht weniger betrifft als Migranten und Flüchtlinge." (Hervorhebung von mir)

Hier stimme ich Schneider unbedingt zu. Vielleicht berücksichtigt er aber nicht genug, dass die Flüchtlinge sich für die Situation, in die sie hineinkommen entschieden haben (freilich meist aufgrund einer völlig unerträglichen Alternative).

Umso wichtiger ist es, dass Migranten im Gastland auf Personen treffen, die sich ihrerseits bewusst entscheiden, auf Menschen, die anders sind, zuzugehen. 
Dazu möchte ich auf eine Studie von Misun Han-Broich hinweisen, die in ihrem Aufsatz 

"Engagement in der Flüchtlingshilfe – eine Erfolg versprechende Integrationshilfe" auf die besondere Bedeutung der Motivation der ehrenamtlichen Helfer hinweist:

 "Durch den Aufbau persönlicher Beziehungen stehen die Ehrenamtlichen den Flüchtlingen insbesondere bei der Überwindung ihrer seelisch belastenden Vergangenheits- und Gegenwartsprobleme zur Seite. Obwohl Ehrenamtliche nach ursprünglicher Aufgabenvereinbarung keine therapeutische beziehungsweise psychosoziale Arbeit explizit zu leisten haben, sondern eher konkrete Hilfestellungen (Bildungs- und Betreuungsarbeit, Begegnung, praktische Lebenshilfe und so weiter) geben sollen, zeigt sich die größte Wirkung ihrer Arbeit gerade nicht in diesen (die praktische Integration betreffenden) kognitiv-kulturellen und sozial-strukturellen Bereichen, sondern vielmehr im seelisch-emotionalen Bereich. [...] Sie können durch die persönliche Art ihrer Kontakte eine einzigartige Beziehung zu Flüchtlingen aufbauen, indem sie gezielt auf Menschen zugehen, persönliche Berührungspunkte herstellen und mit den Flüchtlingen eine ganzheitliche Begegnung [10] erleben. So tragen sie zur seelisch-emotionalen Stabilisierung und Integration insbesondere auch der traumatisierten Flüchtlinge bei. In der Ehrenamtsbeziehung findet eine Begegnung statt, in der sich Ich und Du als gleichberechtigte Subjekte begegnen und keiner dem anderen bewertend gegenübersteht. [...] Intrinsisch motivierte Ehrenamtliche können nachhaltige patenschaftsähnliche Beziehungen – im Sinne der Ersatz- und Therapiebeziehung – zu jungen Flüchtlingen aufbauen, sie seelisch-emotional stabilisieren und dann auf allen weiteren Stufen des Integrationsprozesses wirkungsvoll begleiten und unterstützen. Hierfür muss ein konzeptioneller Rahmen geschaffen werden, der eine professionelle Zusammenarbeit der Ehrenamtlichen mit den hauptamtlichen Flüchtlingsbetreuern ermöglicht."
Auch sie tendiert dazu, die Möglichkeiten der Helfer etwas zu optimistisch zu sehen. In nicht wenigen Fällen dürften Personen ohne professionellen Hintergrund und ein professionelles Umfeld überfordert sein. Deshalb plädiere ich dafür, dem Ausbau dieser Strukturen eine weit höhere Priorität zu geben, als bisher erkennbar ist. 
Ohne eine in die Breite gehende Bereitschaft, auf Flüchtlinge zuzugehen, wird die Aufgabe aber auch nicht gelöst werden können.


"Man muss die Integrationssysteme Bildung und Arbeitsmarkt öffnen [...] Hier besteht die Möglichkeit, der problematischen demographischen Entwicklung in Deutschland, der Überalterung der Gesellschaft, entgegenzusteuern." fordert Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln.
Diese Möglichkeit, eine wirklich großartige Chance, besteht aber nur, wenn die personellen Voraussetzungen dafür geschaffen sind, dass sich die Menschen in diesen "Integrationssystemen" nicht permanent überfordert fühlen. Die Inklusion aller Behinderten und die Integration aller eintreffenden Flüchtlinge wird nicht gelingen, wenn das Bildungssystem unter dem Diktat der schwarzen Null und der Minimalsteuern für Unternehmen ausgehungert wird. 

Chrismon: Migration


6.10.15

Wie umgehen mit Migranten?

Jens Schneider*, Migrationsforscher an der Universität Osnabrück, schreibt einen bedenkenswerten Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 6.10.15, S.30/31.

Darin heißt es u.a.:
Erfahrene Einwanderungsgesellschaften [...] machen sich keine Gedanken über "Parallelgesellschaften" oder "Integrationsverweigerer", weil sie wissen, dass die Erwartungen an die erste Generation nicht allzu hoch sein können. [...]
Ganz anders ist dagegen die Haltung gegenüber der zweiten Generation: Die im Land groß werdenden Kinder sollen sich zugehörig fühlen. Es wird auf sie gewissermaßen ein Anspruch erhoben, weil mit dem Zugeständnis der ungeteilten Zugehörigkeit auch Forderungen und Erwartungen einhergehen können [...]
Ich stimme zu, empfehle die Lektüre des gesamten Artikels und möchte doch dem gegenüber einen etwas andere Analyse anbieten. Die liefere ich in der Fortsetzung dieses Artikels nach (sieh unten!).

Nur eins schon jetzt: Je geringer die Erwartungen an die erste Generation sind, desto problematischer sind deutlich höhere an die zweite. Die Schule kann nur bedingt gegen eine häusliche Kultur der Fremdheit Erfolg haben. Das gilt besonders für die sogenannten "bildungsfernen" Migranten.
Natürlich ist die vorbildliche Rolle, die Navid Kermani in der Bundesrepublik als Angehöriger der zweiten Generation spielt, so und so eine extreme Ausnahme. Aber alles, was nur in diese Richtung geht, setzt im Regelfall voraus, dass schon die erste Generation aufgeschlossen war und sich nicht ganz abgeschottet hat.

*  sieh auch: Jens Schneider, Maurice Crul, Frans Lelie: generation mix. Die superdiverse Zukunft unserer Städte und was wir daraus machen.

In einer Vorstellung des Buches heißt es:
[...] Im Zentrum steht einmal die Frage, unter welchen Umständen sich die zweite Generation am wirkungsvollsten entfalten kann. Zum anderen geht es um die Frage nach der sozio-kulturellen Integration. Wie stark fühlen sich die Angehörigen der zweiten Generation mit der Gesellschaft verbunden, in der sie leben, wie sehen die sozialen Beziehungen in den immer diverser werdenden Städten aus und welche Sichtweisen auf interethnische und interreligiöse Beziehungen herrschen vor? [...]
Während im Buch noch Fragen zur Beschreibung gestellt werden, werden im Artikel schon "Forderungen und Erwartungen" an die zweite Generation gestellt. Sind diese ohne weiteres berechtigt, nur weil es um die zweite Generation geht? Kann nicht "Migrationshintergrund" eben doch ein entscheidender Faktor für unzureichende Integration der zweiten Generation sein?

Bei Personen mit guten Bildungsvoraussetzungen wird schon in der ersten Generation eine befriedigende Integration gelingen. So ist bei Flüchtlingen aus der DDR, die in die BRD kamen, fast ausnahmsweise die Integration gut gelungen. Entsprechendes gilt praktisch durchweg für die Generation von DDR-Bürgern, die als Kinder oder in der Ausbildungsphase die Einigung erlebten. Entsprechendes sehe ich im Bekannten- und Verwandtenkreis hinsichtlich der Integration in nicht allzu fremde Kulturen im Laufe weniger Jahre.
(Ein Sonderbeispiel sind die Brüder Thomas und Heinrich Mann, für die sich ein eigener Artikel lohnen würde.)
Aber wie steht es mit Bauern aus Anatolien, die nach Istanbul zogen? Sie ziehen nur innerhalb ihres Landes um, aber integrierte Großstädter werden sie nicht, häufig auch nicht die zweite Generation. Wie es mit darauf folgenden Generationen steht, mag die darauf spezialisierte Forschung beantworten. Entsprechendes gilt aufgrund der Erfahrungen, die Deutschland mit den "Gastarbeitern" gemacht hat. - Lag es immer nur daran, dass ihnen das Stigma Migrationshintergrund anhing?
Gelingt es denn allen nativen Deutschen, sich auf die Einwanderungsgesellschaft einzustellen? Ist allein Schulunterricht für das Gelingen oder Nichtgelingen verantwortlich zu machen?
(zur Fortsetzung dieses Artikels)

Grundlegende Probleme im Zusammenhang mit Flüchtlingen und Flucht schneidet der Friedensforscher Harald Müller (bis Ende September Leiter der HSFK) in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau vom 4.10.2015 an.

23.5.15

Digitale soziale Netzwerke

Das Netz bist du!  ZEIT, 17.5.15 von  

Um es vorweg zu nehmen: Ich halte die Untersuchungen für interessant. Trotiers Artikel überzeugt mich aber nicht nicht.
Völlig anders wirkt auf mich das Interview, das Publik-Forum mit Mirca Madianou, einer Soziologin aus dem Umfeld von Daniel Miller, geführt hat.

Zitat aus dem Interview mit Madianou:
"Eine Webcam kann vieles. Menschen können miteinander lachen und miteinander weinen [...]. Küssen geht nicht. Nicht für Liebespaare, die getrennt sind, nicht für Kinder, die ohne Eltern aufwachsen. Familien, die über neue Medien verbunden sind, müssen sich neue Rituale schaffen. Die Sehnsucht nach Hautkontakt [...] kann kein Computer befriedigen."
Am Schluss meines Artikels folgen weitere Zitate aus dem Interview.

Zitate aus Trotiers Artikel:
"Daniel Miller ist Anthropologe. Er arbeitet als Professor am University College London. Dort hat er das weltweit erste Programm für digitale Anthropologie entwickelt."

"Deshalb hat er das größte Social-Media-Projekt der Welt gegründet: Acht Anthropologen forschen gleichzeitig in acht Ländern. England, Trinidad, Türkei, Brasilien, Chile, Italien, Indien, China. Fünf Jahre lang beobachten, begleiten, analysieren, interpretieren sie Menschen und ihre Sozialen Medien. Global Social Media Impact Study, eine globale Studie zum Einfluss der Sozialen Medien. "

"Miller will vergleichen können, ohne kulturelle Eigenheiten einzuebnen. Deshalb muss seine Studie global angelegt sein. Seine Mitarbeiter leben an Orten, die eigentlich niemanden interessieren, weil sie zu normal sind. Sie leben in einem türkischen Dorf, einer Einwandererstadt im Norden Chiles, einem Zentrum für IT-Arbeiter in Indien, einer kleinen Touristenstadt an der brasilianischen Küste."

"Viele der Arbeiter hätten zuvor in einer berühmten Keramikfabrik getöpfert, schreibt Wang in einem Blog, in dem die Anthropologen alle paar Wochen von ihren Erlebnissen erzählen. Jetzt fahren sie Gabelstapler. Die Arbeit hat weniger Prestige, aber in den Gesprächen, die Wang führt, sagen alle, sie seien glücklicher. Sie freuen sich über die kleinen Pausen, die sie zwischen den Fahrten haben. In jeder freien Minute surfen sie mit ihren Smartphones durch das chinesische Soziale Netzwerk QQ, spielen, lesen Posts von Freunden, schreiben Nachrichten.
Als sie die Arbeiter kennenlernte, schreibt die Anthropologin Wang, habe sie vermutet, sie seien vor der Armut geflohen und würden sich vor allem mit ihrer Familie und ihren Freunden zu Hause schreiben. Natürlich gibt es das auch. Die meisten aber sind migriert, weil sie etwas anderes erleben wollten. Sie mussten nicht raus, sie wollten. Sie chatten über Soziale Netzwerke auch mehr mit neuen Freunden, die in derselben Stadt wohnen, weniger mit ihrer Familie."
"Der Anthropologe Daniel Miller sieht den Menschen nicht als Opfer seiner Technik an, nicht als unmündigen User, als Spielball der Großkonzerne. Denn Technik kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie jedem Individuum an jedem Ort zu jeder Zeit nutzt. Und wenn der Mensch sie so nutzen kann, wie er es will."  (Das Netz bist du!)
Eine Logik des letzten Absatzes erschließt sich mir nicht. Ich glaube gern, dass Miller "den" Menschen nicht als Opfer "seiner" Technik ansieht. Das braucht er überhaupt nicht zu sein, damit Milliarden von Menschen Spielball "der" Großkonzerne werden. 
Kommerziell erfolgreich sein kann Technik, wenn genügend Personen glauben, sie nütze ihnen. Sie werden diesen Glauben nicht aufzugeben brauchen, wenn ein Großkonzern diesen Gauben "so nutzen kann, wie er es will". 

KILIAN TROTIER lullt durch die Art seiner Berichterstattung ein. Überzeugen kann er mich dadurch nicht. 
Weitere Zitate aus dem Artikel (für die Argumentation von weniger Bedeutung):
"Wer eine gute Beziehung zu Gegenständen hat, hat sie auch zu Menschen. Dinge stehen nicht zwischen Menschen, sie verbinden sie."
"Die Webcam wird zu einem eigenen Ort, der Unzusammenhängendes zusammenschiebt. Zur Heimat für Getrennte."

Weitere Zitate aus dem Interview mit Madianou:
Publik Forum: "Trotzdem sagen Sie, dass soziale Netzwerke wie Facebook [...] eine Revolution sind."
Madianou: Das ist so. [...] Als Donna [...] vor dem Laptop mit ihrer acht Monate alten Tochter "Kuckuck!" spielte, so wie anderer Mütter mit einem Tuch beim Wickeln. So etwas ist herzerfrischend und traurig zugleich. Eine andere Mutter hat die Webcam einmal ganz plötzlich ausgeschaltet, weil sie weinen musste und nicht mehr aufhören konnte, so sehr hat sie die Sehnsucht in diesem Moment ereilt. [...] Es bleibt ein Drama, wenn Menschen, die sich sehr lieben, über lange Zeit getrennt sind."

Madianou und Miller haben ein gemeinsames Buch veröffentlicht: Migration and New Media: transnational families and polymedia, 2012

Zitat aus dem Abstract:
"The way in which transnational families maintain long distance relationships has been revolutionised by the emergence of new media such as email, instant messaging, social networking sites, webcam and texting. A migrant mother in London can now call and text her left-behind children in the Philippines several times a day, peruse social networking sites and leave the webcam for 12 hours achieving a sense of co-presence."

13.12.14

Deutschland postmigrantisch

 Die Studie "Wer gehört zum deutschen Wir?" des „Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM)“ der Humboldt-Universität zu Berlin fasst Naika Foroutan zusammen: 
„Deutschland ist durch Migration demografisch vielfältiger geworden, und die Gesellschaft handelt ihre kollektive Identität neu aus. ‚Postmigrantisch‘ richtet den Blick auf die Gestaltung der Gesellschaft nach erfolgter Einwanderung“, so Dr. Naika Foroutan, stellvertretende Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) und Leiterin der Forschungsgruppe JUNITED, die diese Studie an der Humboldt-Universität zu Berlin durchgeführt hat.

Studie: Deutschland postmigrantisch: Wer gehört zum neuen "Wir"?, BR.de 7.12.2014
"Wer ist deutsch und wonach bestimmt sich das? Diese Fragen versucht eine aktuelle Studie zu beantworten. Die Ergebnisse sind zum Teil überraschend. Viel Gemeinsames verbindet Menschen mit und ohne Migrationshintergrund."

dazu auch:
Naika Foroutan: Rassismus hat in Deutschland Strukturen, FR 8.5.2013
Naika Foroutan: Neue Deutsche, Postmigranten und Bindungs-Identitäten. Wer gehört zum neuen Deutschland? In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 46-47/2010.
Naika Foroutan u. Isabel Schäfer: Hybride Identitäten in Deutschland – muslimische Migrantinnen und Migranten in Deutschland und Europa. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 05/2009.
Ingrid Tucci und Olaf Groh-Samberg (2008): Das enttäuschte Versprechen der Integration - Migrantennachkommen in Frankreich und Deutschland Swiss Journal of Sociology, 34(2), S. 307-333..

6.12.14

Noch einmal TTIP: Zu den Auswirkungen auf das Klima und das Recht der Kommunen zu TTIP Stellung zu nehmen

Im Kontext der Behandlung des menschengemachten Anteils des Klimawandels wird immer wieder angesprochen, dass Verkehr eine wichtige Rolle für die Erhöhung von CO2-Ausstoß und anderen klimschädlichen Gasen hat. Nur wenn man von Welthandel und Deutschlands Rolle als Exportweltmeister spricht, scheint man das zu vergessen. Daher ist es wichtig, dass Albrecht Müller am 3.12.14 auf den Nachdenkseiten ausführlicher auf da Thema eingegangen ist. Er schreibt u.a.:
Export ist mit hohen Verkehrsleistungen verbunden. Die Maschinen zum Beispiel, die nach China oder nach Kanada oder Australien verkauft werden, werden über Straßen und Schienen zu den Häfen vornehmlich in Deutschland und Holland transportiert und dort verschifft. Große Mengen von Gütern werden innerhalb Europas auf den Straßen von LKWs transportiert. Die hohen Importe aus China, aus Indien, aus Bangladesch und sonst wo her werden entweder mit Flugzeugen oder über die erwähnten Häfen in Deutschland angelandet und dort wiederum mit LKWs und der Bahn verteilt, weniges auch per Schiff.
Die Flugzeuge fliegen ohne Kerosinbesteuerung. Der Bau und die Entwicklung von Flugzeugen ist zudem oft öffentlich subventioniert. Die LKWs zahlen auch nicht andeutungsweise die Kosten, die sie durch Lärm, durch Dreck und Verpestung der Luft und durch Flächenverbrauch verursachen. Die Transportleistungen wie auch die Schädigung der Umwelt und wie auch die nachgekarteten Versuche zur Rettung der Umwelt und auch der Straßenbau gehen in die Berechnung des Bruttoinlandsprodukts ein und schlagen sich als Anteil an Wachstum des BIP nieder. Kein sinnvolles Wachstum!
Das ist eine rundum falsche Entwicklung der weltwirtschaftlichen Struktur. Es ist wahrlich nichts dagegen zu sagen, dass wirklich sinnvoll eingesetzte Güter und Dienstleistungen exportiert werden und importiert werden. Aber es spricht alles dagegen, dass dieser Wahnsinn auch noch subventioniert wird und durch Geheimverhandlungen gefördert wird.
Verkehrsvermeidung und Regionalisierung – das wären sinnvolle Arbeitsfelder der Europäischen Kommission, jedenfalls um vieles sinnvoller als Geheimverhandlungen mit den USA und Kanada über Freihandelsabkommen. (Der weit überschätzte Welthandel und die daraus folgende weltweite Verschwendung von Ressourcen statt stärkerer Regionalisierung und Verkehrsvermeidung)
Bemerkenswert sind auch die Leserbriefe, die Müller daraufhin erhielt. So schreibt E.S.:
auf diesem Felde habe ich mich viele Jahre im Rahmen der Verkehrs- und Energiepolitik der EU “tummeln” dürfen.
Ich kann Dir nur zustimmen, was Subventionierung und fehlende Anlastung der externen Kosten des Verkehrs angeht. Ich kann im Rückblick die Strategiepapiere in Bezug auf Letzteres nicht mehr zählen: Im Gestrüpp der Arbeit einflussreicher Lobbies ist bis heute jeder Durchbruch verhindert worden. Es gab sogar ‘mal einen Verkehrskommissar (Neil Kinnock) , der dies zum Leitmotiv seiner Arbeit zu machen versuchte. Aber leider war das geduldige Bohren dicker Bretter nicht Neil’s Ding…..und ohne Durchhaltevermögen vis-à-vis einflussreicher Partikularinteressen ist man chancenlos.
In Bezug auf die Subventionierung von Exporten muss die Agrar- und Fischereipolitik an vorderster Stelle erwähnt werden: Europäer und Amerikaner werfen ihre Überschüsse oft zu Dumpingpreisen auf Dritte Märkte, und der gegenwärtige Migrationsdruck hat hier, neben kriegerischen Konflikten, eine wesentliche Ursache. (Leserbrief am 5.12.14 veröffentlicht)
Da ich auf diesem Blog noch nicht über die Gefahren von Exportüberschuss geschrieben habe, verlinke ich hier noch auf einen Artikel von mir aus dem Jahr 2010.

H. Klimenta: TTIP muss sterben, heise.de 30.12.14

Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages zum Recht von Kommunalvertretungen, sich mit TTIP zu befassen, ZEIT online 4.3.15
 In bundesweit 113 Gemeinden, so das Umweltinstitut München, sei in den Kommunalvertretungen bereits über das Freihandelsabkommen diskutiert worden. Einige verfassten ablehnende Resolutionen oder sammelten Unterschriften gegen TTIP, die sie an ihre Abgeordneten oder den Bundestagspräsidenten versandten. Sie alle hätten, sollte sich die im Gutachten postulierte Rechtauffassung durchsetzen, widerrechtlich gehandelt.

attac zu diesem Gutachten:
Wir halten diese Art wohlverstandener Einmischung nicht für "rechtswidrig", sondern für zwingend notwendig - dagegen aber Wahlens Rechtsauslegung für entsprechend einseitig. Wir rufen dazu auf, sich von solchen behördlichen Einschüchterungsversuchen nicht beirren zu lassen: Gegen den Durchmarsch der Profitinteressen braucht es Aufbegehren - gerade auch in den Kommunen.

Auf rein praktischer Ebene bietet es sich dennoch an, ein oder mehrere örtliche Beispiele für betroffene Strukturen in der Resolution aufzuführen, um so besser argumentieren zu können. Und selbst wenn die Resolution formal ungültig sein sollte, ändert das nichts an ihrer politischen Wirkung. KeinE BürgermeisterIn wird vor Gericht verurteilt werden, weil der Gemeinderat eine Resolution über Freihandelsabkommen beschlossen hat.
Damit auch eine Argumentation für Deutschland als Exportweltmeister verglichen werden kann, hier Uwe Jean Heuser "Böser, böser deutscher Export" vom 12.7.2017

3.1.12

Götz Aly über abhängig Beschäftigte und Rechtsterrorismus

Götz Aly ist ein verdienter und mutiger Historiker, der in der Frankfurter Rundschau vom 3.1.2012 sein verbrieftes Recht auf Meinungsfreiheit zu einem Kommentar nutzt. Er schreibt u.a.:
Anno 1907 arbeiteten von hundert städtischen Erwerbstätigen in Deutschland 4,5 Prozent der Protestanten und drei Prozent der Katholiken als Selbstständige, aber von den Juden wirtschafteten 37 Prozent auf eigene Rechnung und ohne einen Chef vor der Nase. Den Mehrheitsdeutschen fehlte es an Mut zur wirtschaftlichen Freiheit, oft auch an Geschick und Wissen. Auch deshalb erklärten sie (jüdische) Unternehmer zu Hassfiguren.
Solche Deutsche gibt es auch heute noch. Sie maulen vor sich hin: Risiko, nein danke! Staatshilfe, ja bitte! Ihnen macht Eigenverantwortung mehr Angst als Freude, sie empfinden Freiheit als Unbequemlichkeit, beneiden den unternehmerisch erfolgreichen Nachbarn, bevorzugen jedoch für sich selbst die abhängige Beschäftigung als die mit Abstand gemütlichste Lebensform. Hauptsache sie „wahren ihre Ansprüche“ auf Lohn-, Arbeitsplatz- und Rentengarantie, haben ihr Bierchen und ihr Kassler, wahlweise ihre Ökopastinaken und ihr leckeres Bioei.
Jeder kennt diese garantiert germanischen Urdeutschen, die allerorten in den Angestelltenetagen – zugleich meckernd, initiativarm und bequem – die gute Laune stören oder in steril gewordenen Universitätsinstituten, Behörden, quasi staatlichen Stiftungen oder Wohlfahrtsorganisationen vergessen, wer die Steuergelder erwirtschaftet, von denen sie leben. [...]
Nüchtern stellte die Industrie- und Handelskammer Berlin vergangene Woche fest: „Die Selbstständigkeit ist im Ausland häufig höher angesehen als in Deutschland.“ Sie wird sogar verachtet – und in dieser geistigen Brühe schwimmen unsere rechtsterroristischen Fische.
In Südengland habe ich es erlebt, dass eine Baugesellschaft mit nur 4 Angestellten innerhalb eines Jahres über 60 Häuser hochgezogen hat. Alle anderen dort Beschäftigten firmierten als selbständige Unternehmer, die sich ihre Aufträge suchen mussten.
Die Regelung, dass ein Asylbewerber nur dann einen Arbeitsplatz erhält, wenn kein Deutscher an dem Arbeitsplatz interessiert ist, führt dazu, dass viele Migranten als Selbständige arbeiten müssen.
Als Sozialdemokrat bin ich gegen solches Abdrängen in Scheinselbständigkeit und wehre mich gegen eine Verklärung solcher Zustände.
Götz Aly mag es von Talkshows gewöhnt sein, dass man nur mit überspitzten Thesen erreicht, wieder eingeladen zu werden. Ich gönne ihm das Geld, das er auf diese Art und Weise "selbständig" erwirtschaftet.
Dass er Personen, die für gewerkschaftliche Forderungen eintreten, Begünstigung des Rechtsterrorismus vorwirft, geht freilich entschieden zu weit. Seiner Sache erweist er damit einen Bärendienst.

Ich weiß, dass Götz sich bei diesen Hinweisen missverstanden fühlen wird. Er würde sich aber auch missverstanden fühlen, wenn ich darauf hinwiese, dass die Altenpflegerinnen bei der Arbeiterwohlfahrt nicht sinnvoll alle selbständige Pflegebetriebe aufmachen können und dass sie mehr von gesellschaftlich notwendiger Arbeit leisten als Mark Zuckerberg als Begründer von Facebook, der laut Aly im Unterschied zu ihnen, den schmarotzenden Geringverdienerinnen, "die Steuergelder erwirtschaftet, von denen sie leben".

Aus dem Leserbrief von Carsten Neumann, Frankfurt in der FR vom 6.1.12:
"Dabei ist ein Menschenbild, das den Mensch erst existieren lässt, wenn er Existenzgründer geworden ist, genauso unrealistisch, zynisch und verhängnisvoll wie der Glaube an die gerechte Macht der Märkte."

Die Formulierung wird Aly nicht unbedingt gerecht, aber in ihrer Überspitzung weist sie auf ein Problem hin, das in Alys Argumentationsweise steckt.