22.12.09

Wikipedia und Chaos Computer Club im Gespräch

Wenn man wie ich die Löschdiskussionen und die Blogkommentare, die im Zusammenhang mit den Löschanträgen für die Wikipedia-Artikel MOGiS und Fefes Blog entstanden sind, gelesen hat und vom Ergebnis einer ersten Diskussion zwischen CCClern und Wikipedianern gehört hatte, dann hielt man es kaum für möglich, dass bald darauf ein so fruchtbares Gespräch zwischen diesen Gruppen zustande kommen könnte wie das, über das Juliana da Costa José im Wikipedia:Kurier vom 16.11.2009 unter dem Titel Der große Graben berichtet. Mein Kompliment an alle Teilnehmer und besonders an die Berichterstatterin Juliana.

21.12.09

Unterschiede des Leseeverständnisses bei gedruckten und bei Internettexten

Das Leseeverständnis von Internettexten scheint mehr Kompetenzen zu erfordern als das von gedruckten.
The authors suggest that reading Internet text prompts a process of self-directed text construction that may explain the additional complexities of online reading comprehension.

J. Coiro u. E. Dobler in: Reading Research Quarterly Vol. 42, No. 2, April/May/June 2007

19.12.09

Deines Geistes hab ich einen Hauch verspürt

Der Text wird von Uhland, Sophokles, Schiller (Bürgschaft), Böll, der RAF und den Braunmühlbrüdern handeln.

Was führt König Heinrich II. von England dazu, dass er nach diesen Anfangsworten

"Kamst du, der mit Schwert und Liedern
Aufruhr trug von Ort zu Ort,
Der die Kinder aufgewiegelt
Gegen ihres Vaters Wort?

Steht vor mir, der sich gerühmet
In vermeßner Prahlerei:
Daß ihm nie mehr als die Hälfte
Seines Geistes nötig sei?
Nun der halbe dich nicht rettet,
Ruf den ganzen doch herbei,
Daß er neu dein Schloß dir baue,
Deine Ketten brech entzwei!"

so schließt:

"Meinen Sohn hast du verführt,
Hast der Tochter Herz verzaubert,
Hast auch meines nun gerührt.
Nimm die Hand, du Freund des Toten!
Die, verzeihend, ihm gebührt.
Weg die Fesseln! Deines Geistes
Hab ich einen Hauch verspürt."

Bertran de Born schildert zunächst nur noch einmal, wie er den Aufruhr gegen den König geschürt hat. Wahrlich kein Grund, ihm zu verzeihen. (Dante verbannt Bertran deshalb in seiner Göttlichen Komödie sogar ins Inferno.) Doch dann berichtet Bertrand über den Sohn des Königs:
"Nicht der scharfe, kalte Stahl -
Daß er sterb in deinem Fluche,
Das war seines Sterbens Qual.
Strecken wollt er dir die Rechte
Über Meer, Gebirg und Tal,
Als er deine nicht erreichet,
Drückt er meine noch einmal."

Der König ist betroffen darüber, dass der Konflikt noch über den Tod hinaus andauert, und will im Nachhinein die Hand zur Versöhnung reichen.
Der Konflikt mit seinem Sohne war einer um Macht. Doch fühlt er sich demselben Wertekanon zugehörig. In der Antigone des Sophokles wird dieser gemeinsame Kanon durch das göttliche Gebot, Tote zu begraben, angedeutet, ein Gebot, dem sich Kreon widersetzt, was zum Untergang seiner Familie führt.
In Schillers Bürgschaft zeigt sich der gemeinsame Kanon zwischen Tyrann und Verschwörern darin, dass der König dem Attentäter noch die Möglichkeit gibt, seine Schwester zu verheiraten. Und der Opfermut der Freundschaft bringt ihn dann dazu, sogar mit den Attentätern Freundschaft schließen zu wollen, mit den berühmten Schlussworten: "Ich sei, gewährt mit die Bitte, in eurem Bunde der dritte!"

Heinrich Böll wollte mit seiner Aufforderung, der Roten Armee Fraktion "freies Geleit" anzubieten, deren Angehörigen die Möglichkeit geben, von ihren Verirrungen zurückzufinden. Das war damals von seiten des Staates offensichtlich nicht möglich. Vielmehr war Böll daraufhin vielen häßlichen Angriffen als Terroristenfreund ausgesetzt.
Nach der Ermordung Gerolds von Braunmühl durch die RAF haben seine Brüder das getan, was dem Staat offenbar nicht möglich war. Sie haben den Dialog mit den Mördern ihres Bruders gesucht, um den Zwang, alle Bluttaten vor sich selbst rechtfertigen zu müssen, zu überwinden und die Täter wieder an einen gemeinsamen Konsens heranzuführen. Erst zwölf Jahre später gab die RAF ihren Kampf auf, aber nicht ihre Ideologie.

Schiller und Uhland beschreiben zurückversetzt in Antike und Mittelalter eine Utopie, die sie sich in ihrer Zeit bei den Auseinandersetzungen im Zuge der bürgerlichen Revolutionen erhofften. Doch zwischen den Ständen gab es diese Brücke nicht. Was zwischen Standesgenossen verschiedener Nationen im Mittelalter noch möglich war, ist in Zeiten ideologischer Auseinandersetzungen meist nicht möglich, auch wenn das Instrument der Begnadigung, das im Absolutismus entstand, im Einzelfall doch in diesem Sinne wirksam sein mag.
In Südafrika ist nach der Apartheid in den Wahrheits- und Versöhnungskommissionen aber in erstaunlichem Umfang so etwas wie Versöhnung zustande gekommen. Dagegen stehen dem Weg von Matthias Platzeck, in Brandenburg 20 Jahre nach dem Mauerfall einen ähnlichen Weg zu gehen, erhebliche Hindernisse gegenüber.

Zu Schiller:
Gefragt, welches Werk sie zum Einstieg in Schillers Werke (oder überhaupt) zum Lesen empfehlen würden: antworteten: Diekmann: Der Geisterseher, Felicitas Hoppe: Der Handschuh, Frau Lewitscharoff: Don Carlos.
Minirätsel: Welches Gedicht und welches Drama empfahl Safranski?
(dies und dies)

15.12.09

Seniorenarbeit an Computer und im Internet

"Gestern war Weihnachten...[...] wir bekommen Geld zur Softwarebeschaffung [...]
Ich freu mich riesig, da die Kurse nun mit aktueller Software im Jannuar anlaufen können", so berichtet ein Helfer.
Ich freue mich mit ihm, auch wenn ich bedaure, dass in meiner Heimat noch nicht alles so rund läuft. Vorbild ist mir so manches, was in NRW läuft.

10.12.09

Stimme im Internet

Wir haben wikiwiki für schnell gelernt, wir sollten auch avaaz für Stimme lernen.
Denn Avaaz ist eine internationale Organisation, die sich zur Aufgabe gestellt hat, Menschen international zu vernetzen, um Aktionen zu organisieren.
Avaaz heißt in mehreren Sprachen, z.B. Urdu, Farsi und Hindi, Stimme, und die Organisation will den Interessen der Weltbevölkerung eine Stimme verleihen.
Gegenwärtig organisiert die Organisation eine Fülle von Mahnwachen zum Klimagipfel weltweit am 12.12.09, um den in Kopenhagen versammelten Regierungsvertretern zu demonstrieren, dass ein weltweites Interesse an einem ehrgeizigen und verbindlichen Abkommen besteht.
Da ich selbst eine solche Mahnwache organisiere, höre ich hier mal auf, damit ich mit der Organisation vorankomme.

Zeigefinger Ursprung der Sprache?

Empfehlung von Habermas: Tomasello: Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation.

In der Tat entwickeln gehörlose Kinder in Gemeinschaft rasch eine Gebärdensprache ...
(vgl. Habermas, ZEIT vom 10.12.09, S.45)

Bei Gelegenheit mehr

6.12.09

Freundschaft auf Facebook

Ich habe mich auf Facebook um eine zweite Freundschaft beworben. Bei Henio Zytomirski. Ich scheue mich auch nicht, sein Facebookaccount zu verlinken, obwohl er erst 7 Jahre alt ist. Ihm droht kein Cybermobbing.
Er ist nämlich ein Zeitzeuge für das, was mit ihm und seiner Familie passiert ist, damals in Lublin und dann im KZ Majdanek. Ihm sind viele Facebook-Freunde zu wünschen, denn er hat eine Botschaft, die dadurch, dass man jetzt knapp 70 Jahre nichts mehr von ihm gesehen hat, nicht weniger aktuell geworden ist.
Nachtrag vom 13.11.2012:
Der Link zur Facebookwall von Henio Zytomirski führt mich nicht mehr dorthin. Die virtuelle "Freundschaft" (Verbundenheit) mit ihm ist damit nicht beendet, wohl aber die mit Facebook.

2.12.09

Zeitungssterben - muss das sein?

"Springer wartete 60 Jahre lang darauf, dass die Welt rentabel würde." So heißt es in der ZEIT vom 26.11.09 auf S.25 unter der Überschrift Deutschland, entblättert.
Axel Springer verdiente sein Geld u.a. mit Bild, leistete sich aber den kostspieligen "Luxus" auch mit einer anspruchsvolleren Zeitung Meinung zu machen. Heute steht eine der angesehensten und beliebtesten deutschen Zeitungen, die Süddeutsche Zeitung, die noch vor zwei Jahren 53 Millionen (Vorsteuer-)Gewinn machte, vor der Notwendigkeit, radikal zu sparen, weil ihre Käufer sich mit dem hohen Kredit für den Einkaufspreis von 600 Millionen verspekuliert haben und in zwei Jahren 230 Millionen zurückzuzahlen versuchen.
Die online-Ausgaben der Zeitungen sind weitgehend kostenlos.

Vernichtet das Internet Verdienstmöglichkeiten bei gedruckten Medien?

29.11.09

Wie weit sollte Web 2.0 in den Unterricht integriert sein?

Leoni Schlick berichtet in DNAdigital sehr anschaulich über ihre Erfahrungen mit Computern und Internet im Unterricht und klagt:
Es wird noch immer mehr auf die Rentabilität einer Schule geachtet, als auf die Umsetzung neuer Medien und neuer Lehrmethoden, die vielleicht noch etwas Zeit brauchen, um ihre Wirkung zu zeigen.
Sie fordert (am 3.10.2008):
Lehrer und Führungskräfte müssten besser geschult werden, um bereits Kindern zu zeigen, was das Internet alles bietet.
Wenige, die ich kenne, tauschen sich in Foren aus, obwohl es so eine wundervolle Einrichtung ist, um Fragen zu stellen und Informationen und Hilfe zu erhalten.
Die Kinder kennen es oft nicht oder haben noch keinen Spaß am Schreiben.

Genau ein Jahr darauf äußert sie dann:
Da könnte sich einem schon mal die Frage stellen, was dieser Hype eigentlich soll. Ist es nun wichtig, sich um das "Warum wird es doch nicht so angenommen" zu kümmern oder lieber darum, was die neue Generation (und zwar die gesamte) wirklich will und vor allem braucht?
Müssen der Jugend von heute nun alle Tools auf Teufel komm raus näher gebracht werden oder bleibt man bei den alten Methoden und passt diese nur ein wenig an die heutigen technischen Möglichkeiten an?

Es lohnt sich, die vollständigen Äußerungen zu lesen, weil man selten von Schülerseite Begeisterung für die medialen Möglichkeiten und große Skepsis zur Frage, ob sie wirklich der Schülerschaft insgesamt etwas bringen von ein und derselben Person dargestellt findet.
Ich würde mich freuen, wenn diese Beiträge von Leonie eine Diskussion anregen könnten, und hebe nur eine Formulierung heraus: "Es wird noch immer mehr auf die Rentabilität einer Schule geachtet, als auf die Umsetzung neuer Medien".
Ist das nur der Einfluss neoliberalen Denkens auf seiten der Lehrerschaft oder gibt es noch andere Gründe?

27.11.09

Internetkultur

Geert Lovink: Dark Fiber. Auf den Spuren einer kritischen Internetkultur (Copyright engl. 2001, dt. 2003, jetzt bei der Bundeszentrale für politische Bildung) will "die blinden Flecken der noch herrschenden cyberlibertären Ideologie" aufdecken. Lovink ist ein Insider und selbst 1993 maßgeblich am Aufbau der Digitalen Stadt Amsterdam beteiligt gewesen. Seine Darstellung mäßigt den Optimismus, der in John Gilmores Ausspruch zusammengefasst ist, das Internet "behandelt Zensur als Funktionsstörung und umgeht sie".
Bei Zensur denkt er freilich noch nicht an Administratoren der Wikipedia, denn als er seine Aufsätze schrieb, gab es noch keine Wikipedia, und selbst als das Buchg herauskam, steckte sie noch in den Kinderschuhen.
Vielmehr berichtet Lovink in Fallstudien von Die Digitale Stadt (DDS) und der Mailingliste Nettime aus der Zeit der Entstehung des Internet und vor seiner Kommerzialisierung. Die Digitale Stadt war ein Stadtnetz für Amsterdam (und die weitere Umgebung), an das schon in den achtziger Jahren nahezu alle Amsterdamer Haushalte angeschlossen waren und in dem eine von Bürgern eigenständig entwickelte Netzkultur entstand und von Koordinatoren gefördert wurde. Die Mailingliste Nettime wollte die Vorherrschaft der 1993 gegründeten Zeitschrift Wired bei der Diskussion von Netzproblemen aufbrechen.
Lovink weit auf die Probleme hin, die jedes offene Internetforum hat: Rauschen (eine Fülle relativ nichtssagender Beiträge) und Flame-War (Hassdiskussionen). Faszinierend zu lesen, wie diese Probleme vor der Entstehung von Wikipedia gesehen wurden und daraus darauf zu schließen, was Wikipedia auf diesem Feld gelungen ist: Große Ordnung und Möglichkeit, das Rauschen zu vermeiden, und eine Diskussionskultur, die beleidigende Äußerungen in Grenzen hält (freilich oft recht weit gesteckten Grenzen). Die Gefahr, dass solche Moderierung die Offenheit und Lebendigkeit der Arbeit gefährdet, war freilich in der Wikipedia schon lange sichtbar und ist mit der "Wikipedia-Zensurdebatte" auch einer etwas breiteren Öffentlichkeit bewusst geworden.
Das Buch ist eine Sammlung von Arbeiten, die weitgehend in den 90er Jahren entstanden sind.
In einem Aufsatz stellt er XTime, etoy.TIMEZONE und InternetTime von Swatch vor.

Über diesen Blog

Wenn statt Blogeinträgen hier nur Links eingetragen werden, ist das ein Beweis dafür, dass ich entweder nicht die Zeit habe oder mir nicht die Zeit nehme, etwas, was ich für durchaus bemerkenswert halte, zu kommentieren.
Zur Zeit verbringe ich mehr Zeit als sonst mit Besuchen, auch Klinikbesuchen (Besucher) und Arztbesuchen (Patient), und Gesprächen, auch Telefongesprächen. Ich halte das für richtig, auch wenn der Anlass dafür wenig erfreulich ist.
Ich lese auch mehr Unterhaltungsliteratur und habe über die letzten Monate mehr Bücher aus dem Haus als ins Haus geschafft. Auch das halte ich für richtig.

Dieser Blog ist nicht entstanden, weil ich von meiner Botschaft so überzeugt wäre, dass ich meinte, viel Zeit in sie investieren zu sollen. Vielmehr entstand er, weil ich glaubte, nicht nur mein politisches Tagebuch, sondern auch mein privates zu Teilen sinnvoll öffentlich führen zu können. Bald wurde daraus ein Lehrertagebuch, und das blieb es auch nach meiner Pensionierung. Gegenwärtig ist eine Phase, in der ich deutlich mehr Zeit für anderes brauche als für die Beobachtung der pädagogischen Szene.
Das wird sich vermutlich ändern.

13.11.09

Links

Für spontane Präsentationen die 2-5-1-Methode

Über häusliche Gewalt und die Hilfsorganisation Refuge im Guardian vom 27.11.09

Associated Press
wehrt sich gegen die Verlinkung seiner Nachrichten

Schirrmacher über die Überforderung der Menschen durch das Internet

Seit 1973 wurden 6 Millionen Bilder von Jesu Mafa verschickt, die das Leben Jesu an die afrikanische Kultur angepasst darstellen.

Bischof Enrique Figaredo von Battambang in Kambodscha bezeichnet Rollstühle als das achte Sakrament, weil sie Landminenopfern helfen. Kamboscha hat weltweit die meisten Landminenopfer.

Streikwiki der PH Ludwigsburg

Streikblog PH Ludwigsburg

Zahl der pensionierten Lehrer steigt von Jahr zu Jahr (Lehrerfreund)

Datenmanipulation von Klimaforschern?

Geheimbericht über Irakinvasion

US-Präsident antwortet kubanischer Bloggerin (hier zum Blog)

Monira Rahmans Einsatz für die Opfer von Säureattentaten

Katrin Hartmann: Ende der Märchenstunde (Kritik an der Vermarktung des Bio-Gedankens)

Die russisch-orthodoxe Kirche beendet die Zusammenarbeit mit der EKD (Begründung: Geschiedene Frau als Ratsvorsitzende der EKD für sie nicht tolerierbar)
Offenbar haben die Kirchen noch nicht so zueinander gefunden, wie wir gehofft hatten.

Hölderlin: Heidelberg


Heidelberg: Blick auf Neckar, Brücke und Schloss (aus Wikipedia Commons)




Heidelberg

Lange lieb ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust,
Mutter nennen und dir schenken ein kunstlos Lied,
Du, der Vaterlandsstädte
Ländlichschönste, so viel ich sah.

Wie der Vogel des Waldes über die Gipfel fliegt,
Schwingt sich über den Strom, wo er vorbei dir glänzt,
Leicht und kräftig die Brücke,
Die von Wagen und Menschen tönt.

Wie von Göttern gesandt, fesselt' ein Zauber einst
Auf die Brücke mich an, da ich vorüber ging
Und herein in die Berge
Mir die reizende Ferne schien

Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebne zog,
Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön,
Liebend unterzugehen,
In die Fluten der Zeit sich wirft.

Quellen hattest du ihm, hattest dem Flüchtigen
Kühle Schatten geschenkt, und die Gestade sahn
All' ihm nach, und es bebte
Aus den Wellen ihr lieblich Bild.

Aber schwer in das Tal hing die gigantische,
Schicksalskundige Burg nieder bis auf den Grund,
Von den Wettern zerrissen;
Doch die ewige Sonne goß

Ihr verjüngendes Licht über das alternde
Riesenbild, und umher grünte lebendiger
Efeu; freundliche Bilder
Rauschten über die Burg herab.

Sträuche blühten herab, bis wo im heitern Tal,
an den Hügel gelehnt oder dem Ufer hold,
Deine fröhlichen Gassen
Unter duftenden Gärten ruhn.


Eine Burg hängt, eine Brücke tönt, die Ferne scheint in die Berge, Gassen sind dem Ufer hold.
Adjektive werden von ihren Substantiven getrennt.
Nichtssagende Adjektive wie reizend, freundlich, lieblich und "unds" die Menge.
Verquere Wortstellung, immer wieder getrennte Zusammenhänge.
Und Bilder wie der Strom glänzt vorbei, das Bild bebt aus den Wellen.

Warum gilt dies Gedicht trotz aller Heidelbergromantik als das gelungenste über Heidelberg?

Kellers Strophe zeigt uns die Brücke doch so viel treffender als Hölderlins Bild vom Waldvogel:
Schöne Brücke, hast mich oft getragen,
Wenn mein Herz erwartungsvoll geschlagen
Und mit Dir den Strom ich überschritt
Und mich dünkte, deine stolzen Bogen
Sind in kühnerm Schwunge mitgezogen
Und sie fühlten mein Freude mit.

Warum gräbt man die erste Strophe dieses kunstlosen Liedes in Stein und nicht Goethes
Hintenan, bebuscht und traulich,
Steigt der Felsen in die Höhe;
Und mit hohem Wald umzogen,
Und mit Ritterschloß gekrönet"
Ist es doch ein Schloss und keine Burg, wie es bei Hölderlin heißt. Und was soll das mit der hängenden Burg?

Lange lieb ich und dann beim Blick von der Brücke traurigfroh bereit liebend unterzugehn. Es ist etwas anderes als Beschreibung und mehr als Lob.

Wie das - angeblich kunstlos - erreicht wird, ist genauer zu betrachten.
Es ist eine Ode mit asklepiadeischen Strophen. Das Versmaß fließt dahin, wird aber nicht nur durch die Innenzäsuren der ersten beiden Zeilen, sondern stärker noch durch das Aufeinanderfolgen von zwei Hebungen an Schluss und Anfang der beiden ersten und am Anfang der dritten Zeile bestimmt.

Auf die erste Strophe, die eine Art Einleitung darstellt, folgen zwei Bilder: zum einen Brücke mit Fluss, zum anderen das Schloss (hier Burg genannt). Das sind die beiden Elemente, die noch heute den berühmtesten Blick auf die Stadt prägen. Beide Bilder enthalten ein bewegtes Element: beim ersten ist es der Strom, der in die Ebene zieht. Beim zweiten sind es die Bilder, die über die Burg herab rauschen.
Die Abwärtsbewegung des zweiten Teils ist recht dramatisch gestaltet: Die Burg liegt nicht am Hang, sondern hängt "schwer in das Tal", als ob sie abzustürzen drohte und die Stadt dadurch gefährdete. Zusätzlich wird durch die Voranstellung des "nieder bis auf den Grund" in der folgenden Partizipialkonstruktion zunächst die Assoziation erweckt, die Burg hinge bis auf den Talgrund. (Der Hinweis "von den Wettern zerrissen" bezieht sich übrigens auf den durch zwei Blitzeinschläge verursachten Brand von 1794, der letztlich der entscheidende Grund war, weshalb das Schloss Ruine blieb.)
Das "doch" der nächsten Zeile leitet dann aber nicht nur ein freundlicheres Bild ein, sondern lenkt den Blick wieder neu nach oben, von wo aus dann das Licht gegossen werden kann, die Bilder rauschen, die Sträucher und Gassen den Hang herunter kommen.
Eine Spannung ergibt sich daraus, dass gerade die ewige (und somit uralte) Sonne das vergleichsweise neue Schloss verjüngt. Damit wird die verschönernde und belebende Rolle des Lichts noch stärker hervorgehoben, verstärkt durch das vorangestellte "lebendiger". Während der Pflanzenbewuchs von Mauern an sich eher den Eindruck verstärkt, dass es sich um ein älteres Gebäude handelt, zumal wenn es Mauerreste sind, die überwachsen sind, nimmt Hölderlin den Bewuchs als Zeichen der Verjüngung.
Noch freundlicher wird das Bild dann durch die blühenden Sträucher in den duftenden Gärten.

9.11.09

Tipps für Senioren in Ghana

1. Be committed to your faith
2. Get regular check ups
3. Keep your mind active
4. Volunteer your time, be active for others
5. Develop a positive attitude
6. Eat a healthy and well balanced diet
7. Get regular exercise
8. Practice random acts of kindness
9. SMILE
10. Be open to new experiences an possibilities. Get a hobby.
Den Hinweis verdanke ich Barbara Martin.

31.10.09

Abmahnungen

Die ehemalige Unterstützerin der Hausbesetzerszene und heutige Journalistin Eva C. Schweitzer lässt abmahnen und gibt sich dann wieder großzügig.
Jonny berichtet in Spreeblick und nimmt zu ihrer Stellungnahme Stellung.
Abmahnungen sind eine Methode, Blogger von ihrer Meinungsäußerung im Internet abzuschrecken. Mich empört das weit mehr als die Relevanzkriterien der Wikipedia.
Zur presserechtlichen Situation in diesem Zusammenhang schreibt Thomas Schwenke.
Der Pressekodex im Wortlaut.

In ihrem neusten Blogeintrag stellt Eva Schweitzer fest, dass schon vor meinem Kommentar zu Ihrem letzten Eintrag bereits alles gesagt sei. Daher wiederhole ich hier nur noch das dort offenbar schon Gesagte:
Ich möchte Sie bitten, mir mitzuteilen, ob ich Ihre Stellungnahmen hier kritisieren darf, ohne vorher bei Ihnen anzufragen, ob ich einen kritischen Kommentar schreiben darf.
Des weiteren interessiert mich, ob ich Ihnen 10 Euro zu zahlen habe, falls Sie auf meinen Kommentar antworten.
Schließich interessiert mich, ob der folgende Blogbeitrag Sie kritisieren würde.
(Der damit angesprochene Blogbeitrag ist der, der meinem Hinweis auf Eva Schweitzers Blogeinträge voranging.)

Jüdin beschreibt Rettung durch Nazi

Valentin Beck ist volksdeutscher Nazi in Ostpolen. Bei einem Saufgelage in seinem Haus rühmt sich der Polizist Hans, 72 Juden erschossen zu haben.
Eine jüdische Familie hört es getrennt nur durch ein paar Dielen in ihrem niedrigen Versteck mit. Valentin Beck hat sie versteckt.
Clara Kramer berichtet 65 Jahre darauf in ihrem Buch Eine Handbreit Hoffnung. Die Geschichte meiner wunderbaren Rettung, wie sie in ihrem Versteck überlebt hat.
Beck war ein Säufer, betrog seine Frau, einmal auch mit einer der versteckten Jüdinnen. Seine Frau, die ihn dabei erwischte, bereut, die "Schlange" in ihr Haus aufgenommen zu haben. Doch sie verrät sie nicht.
Beck rettet insgesamt 18 Juden.
1944 wird Beck von Agenten des sowjetischen Geheimdienstes NKWD verhaftet. Clara legt ihnen ihr Tagebuch aus dem Versteck vor, und er wird freigelassen.
Als Clara Kramer ihm nach dem Krieg Geld schickt, schreibt er bald: "Kein Geld mehr".
Denn Kontakte nach Israel waren damals in Polen verdächtig.

23.10.09

Die deutsche Blogosphäre

Der sogenannte Qualitätsjournalismus geht wie ein Tsunami über das Land und dann ist das Wasser wieder weg und kommt in den nächsten 12 Jahren nicht mehr wieder. Genau da können Blogs allgemein und auch deutsche Blogs einen Gegenentwurf liefern, indem sie auch und gerade marginale Themen längerfristig und tiefer betrachten.
schreibt Jörg Wittkewitz in digital public.de
Den Vorteil von Blogs sieht er darin, dass Einzelthemen längerfristig vertieft behandelt werden könnten.
Außerdem bemerkt er m.E. zu Recht, dass Blogs nicht so sehr der Verständigung unter Freunden dienten. Dafür gebe es sozile Netzwerke.
M.E. dienen Blogs der Selbstreflexion, zu der man aber gern andere einlädt.

Robert Basic lobt die Vernetzungsmöglichkeiten
Gerade die Vernetzungssystematik ist eines der herausragendsten Kulturmerkmale der Blogs. Manch einer spricht davon, dass Blogs nur eine Technik seien, ein simples CMS, doch verkennt und vergisst man dabei nur zu schnell um die innewohnenden Kulturtechniken, die sich mit der technologischen Weiterentwicklung der Blogs (ausgehend von den ersten Blog-Systemen) entwickelt haben. Bessere Mensch-Vernetzungs-Maschinerien wird man draußen im Netz kaum finden ...

Er erhält eine sehr positive Reaktion eines Fernsehredakteurs und berichtet über die Möglichkeiten von Bloggern, gemeinsam zu recherchieren. Eine gute Ergänzung seines Beitrages bieten die Reaktionen auf seinen Beitrag, die er hier gesammelt hat.

18.10.09

Aktuelle Links

Schillers Kunstphilosophie besprochen in der SZ

Robert Basic über die soziale Funktion von Blogs als Menschenvernetzungsmaschinen

Einmal mehr: Das Netz vergisst nichts (FAZ)

Bildung hacken: Überblick (weblearn-Wiki) Einzeläußerungen (etherpad)

Wikipedia, Relevanzkriterien, Löschdiskussionen, fefes Blog und Kampf gegen Zensur im Internet

Stasi 2.0 In diesem Wikipediaartikel wird über die sehr zweifelhafte Praxis von Gegnern von online-Computerdurchsuchungen und Internetzensur berichtet, die solches Vorgehen und das Bild des gegenwärtigen Finanzministers mit Stasimethoden in Verbindung bringen. Dagegen scheint mir der Bundestrojaner eine gelungene Art von Kritik.

Abmahnungen

Presserechtsblogbeitrag von Thomas Schwenke

Der Pressekodex im Wortlaut.

"Loch in der Wand" - ein Computer unterrichtet 300 indische Kinder (mit ersten Kommentaren)

Kant, Web 2.0 und Kritik an Abmahnungen

Es gibt kein Rezept für gehirngerechtes Lernen

Schule reformieren genügt nicht. Man muss sie transformieren, sagt Lisa Rosa.

Digitale Medien helfen nicht gegen die gegenwärtigen Probleme der Schule

Verhaltensregeln für Neuronen (über die normative Funktion der Neuronenmetapher)

Aufstellung über "die 50 einflussreichsten englischsprachigen Blogger" nach income diary von Thilo Bonow

(was immer most influential nach Th. Bonow heißen mag)
Bis jetzt mein Favorit aus der Liste: huffington post

Links zu Politik u. Medien

Lernen und Vergessen

eines Tages: Abschied vom Quellekatalog u.a.

weniger aktuell, aber ziemlich einmalig: Spaziergang unter dem Eis der Losse

16.10.09

Um uns zu verlinken ... und Kulturtechniken

... weise ich auf den Professorinnenblog von Kerstin Mayrberger hin, auf den mich lisarosa aufmerksam gemacht hat. Sie schreibt da über e-learning 2009 und bietet auf einem Video ihr Statement auf der Konferenz. Zu Recht weist sie darauf hin, dass für jede Gelegenheit die passende Form zu wählen ist. Für mich passen Videos meist nicht. Vor allem, weil ich sie in den seltensten Fällen bis zum Schluss sehe, nicht zuletzt, weil ich schwerhörig bin, meine Mitbewohner nicht mit störender Geräuschkulisse plagen will und deshalb meist das Video gar nicht erst anklicke. Da die wenigen Fälle, wo ich es getan habe, nur ganz selten etwas boten, was ich nicht schon per Lesen erfahren hatte, bleibt die Kulturtechnik YouToube für mich weiterhin unvertraut.
Doch ich wollte verlinken: J. Hochberg (Gophi), J. Wedekind (konzeptblog/jowede), B. Redel (bei soultank) und natürlich C. Spannagel, der überall unterwegs ist und natürlich über Twitter twittert und dabei auf J.-P. Martin (jeanpol) und die Neuronenmetapher aufmerksam macht.
Wie gesagt, ich sehe ungern Videos, weil ich in denen keine Links finde, die mich weiterführen.

Muss ich noch sagen, dass ich noch schlimmer als Videos im Netz Powerpointpräsentationen im Netz finde? Ich liebe Videos in Realität und sehe mir das Weihnachtsspiel in Oxford oder unsere Jüngste, wie sie eine Ente "verfolgt", gern zehnmal an. Aber Powerpointpräsentationen, die schon in der Realität eine Zumutung sind und im Netz so gut durch einen fortlaufenden Text ersetzt werden könnten, statt einem zum Sklaven sinnloser Spielchen zu ..., ich breche ab. Es gab einmal eine von Beat Döbeli über Web 3.0, die er erstellte, weil als Referent des Vortrags, von dem er sich versprochen hatte, endlich zu erfahren, was es mit dem Hype dazu auf sich habe, er selbst bestellt war. Die war hübsch, weil sie zeigte, wie viel man im Netz (nämlich in seinem eigenen Bibliotheksnetz) finden kann, wenn man schon weiß, dass es drin ist. Aber natürlich blieb am Ende der Präsentation die Frage genauso offen, wie sie dem Referenten am Beginn seiner Präsentation war.
Und jetzt sollte ich noch gestehen, dass ich ohne meinen Ärger über Powerpointpräsentationen im Netz vielleicht nie etwas über Heinz von Foerster, den konstruktivistischen Physikerphilosophen, gelesen hätte, geschweige denn außer Beats Notaten dazu etwas von ihm (Link zu pdf-Datei, englisch). DuSie meinst/meinen: "Wozu soll ich auch Heinz von Foerster lesen?" Ja, das meine ich ja. Man verschwendet nur seine Zeit damit. So wie mit diesem Blogbeitrag und gar den Links, wenn man so blöd sein sollte, ihnen nachzugehen.

Er lernt Schweißen und spricht Deutsch

Freie Tribüne

In Port-Gentil hört man Deutsch nicht so oft. Aber fließendes Deutsch von einem Schweißerlehrling scheint noch viel überraschender. Romeo, 28, hat die Schule in der 12. Klasse aufgegeben. Nach seinem großen Traum, mit Deutsch Karriere zu machen, ist die Wirklichkeit anders geworden. Unser Magazin hat ihn getroffen.

Nachbarschaft: Kannst du uns etwas von dir sagen?
Romeo: Danke. Ich bin Romeo, 28 Jahre alt. Ich stamme aus Kamerun und wohne jetzt in Gabun und besonders in Port-Gentil. Derzeit bin ich Schweißerlehrling.

N: Ein Schweißerlehrling, der aber Deutsch spricht und sogar fließendes Deutsch. Wieso?
R: Mein erster Kontakt mit Deutsch war in meinem Elternhaus in Kamerun. Damals war ich 10 Jahre alt. Meine Mutter hatte Deutsch in der Schule gelernt und sprach es gern. Regelmäßig hörte ich sie reden. In der 9. Klasse musste ich meine zweite Fremdsprache wählen. Da gab es kein Zögern. Ich wählte Deutsch.

N: Und dann...?
R: Ja, und dann war ich in der Klasse in Deutsch sehr begeistert. Zudem hat mir meine Mutter zu Hause geholfen. Als Hausfrau hatte sie viel Zeit und konnte meine „zweite Deutschlehrerin“ sein. Ich kriegte gute Noten und freute mich darauf. Ich wurde oft von meinen Deutschlehrern gelobt.

N: Hast du einmal ein Projekt oder einen Traum mit Deutsch gehabt?
R: Ja, natürlich! Da Deutsch mein Lieblingsfach war, wollte ich Deutsch bis zur Universität studieren und damit Karriere machen, z.B. als Lehrer, Dolmetscher oder etwas anderes. Leider habe ich die Schule früh verlassen.

N: Und warum mußtest du deine Studien so früh abschließen?
R: Wegen der schwierigen wirtschaftlichen Situation in meinem Land ist mein Vater arbeitslos geworden und konnte meine Schulung nicht mehr bezahlen. Es gab keine andere Möglichkeit. Ich musste die Schule widerwillig verlassen.
N: Wie hast du das empfunden?
R: Als sehr peinlich. Ich hatte einen Traum. Ich hatte den Willen und die intellektuellen Fähigkeiten, hatte aber leider keine Hilfe.

N: Trotzdem kannst du Deutsch noch sprechen und sogar fließend…
R: Ja, aber nicht mehr wie früher. Ich habe viel verlernt, da ich die Sprache fast nicht mehr übe.

N: Und wie bist du jetzt nach Gabun gekommen?
R: Meine ältere Schwester wohnt in Gabun. Sie ist verheiratet und mein Schwager hat mich eingeladen, um mir eine zweite Chance zu geben.

N: Das heißt Schweißen zu lernen?
R: Genau. Nach zwei Jahren meiner Ausbildung werde ich bald meine Ausbildung abschließen.

N: Und wie fühlst du dich in deiner neuen Schule?
R: Obwohl sie mir keinen Traumberuf öffnet, mag ich meine Lehre. Ich bedaure nur die Tatsache, dass es hier mehr Theorie als Praxis gibt. Es gibt nicht genug Maschinen und kein modernes Equipment. Ich fühle deswegen die Notwendigkeit, nach der Ausbildung hier noch eine Weiterbildung in einer besseren Berufsschule zu haben.

N: Dafür wird aber noch Geld benötigt. Wird dein Schwäger dich weiter unterstützen?
R: Das ist die Frage. Er hat schon viel für mich getan, und dafür bin ich ihm dankbar. Für eine Weiterbildung muss ich jetzt selbst Geld finden; das heißt einen Job suchen, was derzeit nicht leicht ist. Wenn ich genug gespart habe, kann ich meine Ausbildung bezahlen und warum nicht das Abitur an einer Abendschule vorbereiten?

N: Ist das dein neuer Traum?
R: Sagen wir eine neue Herausforderung.

N: Also, Nachbarschaft wünscht dir viel Glück.
R: Vielen Dank.
Das Gespräch führte Evariste Fosong.

Wenn dieser Gastbeitrag Sie interessiert hat: Im Blog Nachbarschaft können Sie noch weit mehr lesen, was Lehrer und Schüler aus Afrika und Deutsche, die mit ihnen in Kontakt stehen, bewegt.
Übrigens (Nachtrag vom 18.10.12): Dieser Beitrag ist in seinem Ursprungsblog Nachbarschaft unter 10-mal aufgerufen worden, in diesem Blog über 800-mal. Ist das die Wirkung der Exotik?

14.10.09

Gründe für Jugendgewalt

2006 habe ich an anderer Stelle unter dem Titel Banlieues - Vorstädte - Slums geschrieben
"Wenn sie mehr in die Ausbildung der Jungen investieren würden, gäbe es weniger Kriminalität. Denn nach der Schule bleiben viele auf der Strasse. Und da fangen sie an zu stehlen. Die Jungen, die müssen selbst etwas schaffen, um zu merken, dass sie nicht nichts sind." (I. Coutant)
Was uns, die wir weder Slumbewohner noch Forscher sind, wie ein Problem Frankreichs erscheint, könnte ein höchst aktuelles deutsches Problem sein. Mehr und mehr Mitglieder unserer Gesellschaft machen die Erfahrung, dass die Gesellschaft sie nie etwas schaffen lässt, so dass sie merken, dass sie nicht nichts sind. - Gewalt hilft gegen das Gefühl, nichts zu sein.

Die Aussage ist auffallend aktuell geblieben. Was ich am 23.9.09 geschrieben habe, ist zwar ausführlicher, aber die Hauptaussage ist die Gleiche.
Der Unterschied zwischen Unruhen und den Taten einzelner Amokläufer ist freilich, dass eine besondere psychische Disposition und die Möglichkeit, an Waffen zu kommen, zusätzlich vorhanden sein muss, so dass es zu dieser Art von Gewalt kommt. Denn viele Menschen erleben das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, ohne dass sie Amok laufen.
Ein weiterer Unterschied ist freilich, dass Unruhen sich ankündigen, dass Missstände in einem bestimmten Viertel deutlich zu sehen sind, bevor es zu Unruhen kommt. Man fragt sich daher manchmal, weshalb es nicht schon vorher zu Gewalttaten gekommen ist. Dagegen sind Amokläufer häufig ganz unauffällig, auch wenn sie ihre Tat schon lange vorher planen.

12.10.09

Randgruppen werden nicht beachtet

Wer aufmerksam durch die Stadt geht, kann immer wieder einmal Wohnungslose wahrnehmen, auch wenn sie keine Zeitschrift verkaufen. Doch eine Studie im Auftrag der Caritas zeigt, dass sie dennoch - wie andere Randgruppen - kaum in den Blick geraten. Dem versucht der Blog Mitten Am Rand abzuhelfen, auf den wir auf unserer Webseite rechts verweisen. Kürzlich hat er im Blog Blogpatenschaften versucht, allgemeinere Aufmerksamkeit zu gewinnen. Dort schreibt der Betreiber
Ihr Leben spielt sich an den Rändern unserer Gesellschaft ab – von der Mehrheit der Bevölkerung ignoriert. Mit solchen Schicksalen wollen die wenigsten etwas zu tun haben. Angst vor dem eigenen Absturz hält sie auf Distanz zu Obdachlosen, ehemaligen Häftlingen und extrem armen Menschen.

Es ist wohl noch etwas anderes: die Angst vor dem Fremden. Nicht der Absturz, sondern die Unfähigkeit, sich auf etwas einzulassen, was man nicht kennt.
Diese Angst ist uns allen mehr oder minder bekannt. Dagegen hilft nur: Information und Annäherung. Man braucht ja nicht gleich wie Günter Wallraff selbst mit den Wohnungslosen zu wandern.

11.10.09

Wissen

"Wissen steht gerade in meinem Land nicht sehr hoch im Kurs - außer im Zuusammenhang mit besseren Jobs, besseren Einkommen."
Aus welchem Land kommt die Person, die das gesagt hat?
Sie fährt fort:
"Unsere Medien tun ja ihr Bestes dazu, uns dumm zu halten - durch unablässige Unterhaltung dumm zu halten."
Kann das auch auf soziale Netzwerke gemünzt sein? Ist die Wikipedia inzwischen schon so einseitig, dass dies Verdikt zu Recht auch für sie gelten könnte? Gibt es einen Bereich in der digitalen Kommunikation, für den es nicht gilt? Welche Veränderungen durch das Internet (Hier mahnt uns Robert Basic, die früheren Arten des Informationsaustauschs nicht zu vergessen.) gehen in die Richtung Verdummung, welche in Richtung Wissen?
"Mir wird oft gesagt, meine Bücher seien so traurig. Aber ich frage mich, ob diese Sichtweise nicht mit dem geringen Wert zu tun hat, den man dem Wissen generell beimisst. Denn das gibt es in jedem meiner Romane: jemand, der etwas lernen muss, etwas verstehen, das er am Anfang noch nicht kannte. Aber in den meisten Religionen ist Wissen Sünde - es ist schlecht für dich, du must leiden dafür, kommst in die Hölle. Und das gilt, jenseits von Religion, immer noch!" Und auf die Nachfrage "Wird Wissen denn immer durch Leiden erworben?" antwortet die Person: "Durch Leben!"
Sollte es von Hentig sein, der so spricht? Immerhin hat er "Die Menschen stärken, die Sachen klären." geschrieben. Oder muss es ein Autor sein, der fiktionale Texte geschrieben hat?
"Vieles hat mit Obama eine neue Qualität bekommen. Er hat keine Angst vor Fremden, vor dem Fremden."

Zu einem entfernt verwandten Stichwort Hirndoping zunächst nur ein Link. Vielleichtkommt es noch zu einem eigenständigen Beitrag.

7.10.09

Lehrerbildung - Bildungsstandards

Herr Larbig versteht es, interessante Diskussionen anzustoßen. So äußert bei ihm Lisa Rosa:
Die Bildungsstandards Geschichte bspw. widersprechen schon im Ansatz dem Kompetenzmodell “Historisches Denken” von Schreiber/Körber/v. Borries”. Letztere werden darum auch nicht von den Bildungsplanmachern aufgenommen. Wie widersprüchlich die Praxis derzeit aussehen kann: Ich arbeite mit Körber zusammen und biete Lehrerfortbildungen auf der Grundlage des Kompetenzmodells an – und neben mir und über den Hof rüber sitzen die Lehrplangestalter und passen die Lehrpläne an die Bildungsstandards Geschichte an.

Irgendwie verständlich, dass es Lehrer gibt, die weder von Bildungsstandards noch von Kompetenzmodellen etwas hören wollen, obwohl beide intellektuell anregend sind.
Freilich, es gehört schon sehr viel dazu, Franz E. Weinerts Definition von Kompetenz (die ich auch Lisa Rosa verdanke) "evaluierbar" zu machen. Kompentenz sind nach Weinert nämlich „die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.“

Wie stelle ich nun fest, wer diese Kompetenzen für "bestimmte Probleme" hat? Es ist ein ernsthaftes Problem. Nicht zufällig sind alle Pädagogen der Welt nicht mit dem Problem fertig geworden, wie man die verschiedensten Lehrer mit einem einheitlichen System dazu befähigt, die verschiedensten Schüler zu den jeweils von Politikern gesetzten Zielen zu führen.
Ich bitte mir, spät am Abend ein wenig Unernst zu verzeihen:
George W. Bush ist mit dem Problem fertig geworden, wie man über vier Jahre lang die Interessen einer sehr kleinen Gruppe bedient und der Bevölkerungsmehrheit vormacht, es geschähe in ihrem Interesse.
Obama scheint es nicht zu gelingen, die Bevölkerungsmehrheit dazu zu bringen, eine Gesundheitsreform zu akzeptieren, deren Inhalte von über 60% der Bevölkerung gewünscht werden.
Der nahe liegende Schluss: Das zweite Problem ist definitionsgemäß höchst einfach. Wenn Obama damit nicht fertig wird, ist er unfähig. (Deshalb sacken die Zustimmungszahlen für ihn bereits dramatisch ab.)
Oder soll ich jetzt eine saubere Problemschwierigkeitsskala aufstellen, mit deren Hilfe saubere Kompetenzstandards evaluierbar wären?
Wie sagte v. Hentig: "Die Menschen stärken, die Sachen klären" (und zwar in der Reihenfolge). Ich habe nicht den Eindruck, dass das gegenwärtig für die Mehrheit der deutschen Schüler geleistet wird, aber genauso wenig, dass es für die Mehrheut der deutschen Lehrer geleistet wird.
Es soll freilich DirektorInnen geben, die es verstehen, LehrerInnen zu stärken, indem sie universitäre und ministeriale Empfehlungen und Weisungen deutlich tiefer hängen, als es von seiten dieser Institutionen gewünscht wird.
Kein Wunder, dass Ministerien nachher deren Schulen den anderen als Vorbild vorhalten: "Ihr seht doch, es geht!"
Freilich, einfach ist es nie.

4.10.09

Namensgebung

Wie verhält man sich im Netz?
Offen, freundlich, möglichst viel von den eigenen Interessen darstellend, damit andere an einen andocken können, oder vorsichtig, damit nichts gegen einen verwendet werden kann.
Christian Heller plädiert (auf den macdays) für das erste. Er überzeugt Gabi, bis sie dann entdeckt, dass vielleicht doch etwas dabei problematisch ist.
Merkel und Steinmeier kamen im Internet nicht so gut an wie Obama. Lag das nur daran, dass sie die falsche Netzstrategie hatten? Gibt es vielleicht Gründe, weshalb unterschiedliche Personen sich unterschiedlich im Netz verhalten sollten?
Sollten Kinder und Jugendliche nicht eher vorsichtig mit Mitteilungen über sich umgehen, während Ältere ruhig etwas mutiger mit der Darstellung ihrer Interessen sein sollten, damit sie Gleichgesinnte kennen lernen.

3.10.09

Arbeit mit dem Netz

In seinem Vortrag "Die Wissenschaft auf Wolke google 2.0" beschreibt Jörg Kantel den Arbeitstag eines Geisteswissenschaftlers, offenkundig stark angelehnt an den eigenen (nur ist die Zahl der Blogeinträge hier untertrieben.)
Nach Christian Heller lässt sich hier das Ende der Privatheit studieren, J-P. Martin galubt sogar die Gefahr eines Identitätsverlustes zu verspüren.
Das scheint mir persönlich zu skeptisch, denn die Tatsache, dass sich die Identität trotz eines gewissen Verlusts der Privatheit nicht aus dem Netz rekonstruieren lässt, bedeutet noch nicht, dass sie nicht vorhanden wäre. Trotzdem bleibt Martins Empfehlung Handeln (also: sich größere Projekte vornehmen) natürlich völlig überzeugend.
Die Projekte können umso größer sein, mit je mehr Personen man gemeinsam an einem solchen Projekt arbeitet.

29.9.09

Twitter für Lehrer

Ich propagiere Twitter. Freilich nicht als Unterrichtsmedium, sondern als Materialbörse und zur Pflege von Kontakten, die man nicht mit E-Mails überschütten will und kann.
Deshalb ist mir der Beitrag von Andreas Kalt zum Twittereinstieg für Lehrer sehr willkommen.

24.9.09

Europäische Verantwortung

Der Beitrag war überfällig. Und er ist so gut recherchiert, dass ich mit meinen Recherchen dahinter weit weit zurückbleibe. Mein Dank an alle, die an dem Beitrag mitgearbeitet haben!
Gemeint ist der Beitrag "Willkommen in Europa" in der ZEIT vom 24.9. Nr.40, S.13-14

Eine italienische Kirchenzeitung vergleicht das Wegschauen Europas mit dem vor "Zügen voller Deportierter" während der Shoah. Wovon wird weggeschaut? Von einer ganzen Reihe von Umstehenden, als jemand, der Zivilcourage bewies, zu Tode getrampelt wurde. Das ging durch die Presse.
Aber von den meisten verantwortlichen Politikern, von den meisten Journalisten und von der Mehrheit der Bevölkerung wird weggeschaut von dem Flüchtlingsdrama, das an den Grenzen Europas tagtäglich abläuft, von den menschenrechtswidrigen Bedingungen, in denen Flüchtlinge in Griechenland gehalten werden, von den Out-of-area-Einsätzen, mit denen Flüchtlinge nach Libyen zurückgeschafft werden, wo ihnen noch schrecklichere Lagerbedingengen und Transporte über 1500 km ohne Nahrung und ohne Wasser drohen. Jährlich kommen Tausende von Flüchtlingen in Seenot in Mittelmeer und Atlantik um, und die Helfer, die Schiffbrüchige retten, werden mit Gefängnisstrafen bedroht. Der Fall Cap Anamur ist seit Jahren anhängig.
Am 20.8. wurden von 78 Flüchtlingen, die Ende Juli an der lybischen Küste mit einem Schlauchboot aufgebrochen waren, 5 Überlebende von der italienischen Küstenwache gerettet. Mehrere Handelsschiffe waren vorüber gefahren, ohne zu helfen. Die, die halfen, gaben nur Brot und Wasser. Auf Rettung Schiffbrüchiger steht Gefängnisstrafe.

Wie überstehen die Angehörigen der italienische Küstenwache den ständigen Umgang mit ähnlichen Fällen? Was bedeutet es für uns, wenn wir ständig die Augen davor verschließen oder kommentieren "Macht endlich die Grenzen dicht!" oder "Es ist ungemein hart aber Europa kann nicht das Auffangbecken für alle Wirtschaftsflüchtlinge dieser Erde herhalten." (Allein Südafrika, das auch andere Probleme hat, "beherbergt mit 7 Millionen Ausländern ohne Papiere mehr 'Illegale' als die gesamte EU" (ZEIT Nr.40).)

23.9.09

Jugendgewalt - auch Verantwortung unserer Gesellschaft

Amoklauf, Mord an Menschen, die Zivilcourage haben, Mord für 20 Cent. Die Täter sind nicht unschuldig, es sind auch nicht ihre Eltern oder ihre Lehrer verantwortlich zu machen. Aber die Taten sind auch nicht völlig unerklärlich.
Hochbezahlte Manager, die gegen alle ökonomische Vernunft Durchschnittsrenditen von 25% anstreben und dafür geschickten Spekulanten Superprovisionen zahlen. Sie handeln so, nicht weil sie gieriger wären als andere Manager vor ihnen.
Ein Mensch gilt in unserer Gesellschaft nicht um seiner selbst willen, er muss "Leistung" zeigen. Die besteht nicht darin, dass er sein Handwerk versteht und dass er einsatzbereit ist, nein, er muss profitabel einsetzbar sein. Das ist ein Spekulant, nicht aber ein Dozent der Germanistik oder der Indologie. Das war gestern ein Maschinenbauer, heute aber nicht mehr, so lange bis eine boomende Konjunktur wieder mehr Maschinen aus Deutschland nötig macht. Und kein Betrieb leistet sich den Luxus, einen Angestellten voll zu bezahlen, wenn er nur so viel Arbeit für ihn hat, dass er sie in Ruhe und Sorgfalt erledigen kann und immer noch Zeit für ein Schätzchen mit dem Arbeitskollegen hat.
Das ist schlimm genug.
Noch schlimmer aber ist es, dass immer mehr junge Menschen das Gefühl gewinnen, dass diese Gesellschaft sie nicht braucht.
Was ist das für eine Gesellschaft, die hochqualifizierten Examinierten nur Praktikumsplätze zu bieten hat, an denen sie ohne Bezahlung einem Achtstundentag nachgenen sollen, nur deswegen, weil der Staat keine Kurzarbeit für alle finanziert, so dass sich aus den festangestellten Mitarbeitern so viel Arbeitsleistung herauspressen lässt, dass man zur Not auch ohne weitere Arbeitskräfte über die Flaute hinwegkommt?
Unsere Gesellschaft bläut mehr und mehr Menschen die Vorstellung ein, sie seien Versager, wenn sie keinen Arbeitsplatz bekommen. Die meisten geben sich wirklich die Schuld. Aber manche versuchen, sich mit Gewaltphantasien ein brüchiges Selbstvertrauen zu verschaffen. Und nur wenige von denen werden dann wirklich gewalttätig. Wenn aber wieder einer sinnlos gewalttätig wird, suchen wir alle möglichen Schuldigen. Nur die Bereitschaft zuzugeben, dass man nicht ohne Folgen Jahr für Jahr Menschen für überflüssig erklärt, die fehlt.

22.9.09

Nicht nur Wikis!

"Web-2.0-Umgebungen bieten die Möglichkeit, Hochschulseminare öffentlich, das heißt unter Beteiligung von Personen außerhalb der Hochschule, abzuhalten." So hat cspannagel den Inhalt zweier Vorträge zusammengefasst, auf die ich hier hinweisen will.
Hier die Links: Öffentliche Seminare im Web 2.0 (Vorsicht:Pdf-Datei, daher eine gewisse Ladezeit), Folien zum Vortrag (rasch durchgeklickt), Gemeinsam lernen mit Wikis, Weblogs und Twitter (Folien zum Vortrag, teilidentisch mit denen vom vorigen), (Vortragsaufzeichnung, Video mit Folien)
Viel Kritisches kann ich dazu nicht sagen, dafür halte ich den Ansatz für viel zu vielversprechend. So sage ich nur mit Maik Rieken, Herrn Larbig u.a.: Man darf über der Methode aber die Inhalte nicht vergessen. Als ob Christian Spannagel jemals in Versuchung dazu wäre!

Hier noch ein Hinweis darauf, wie Lisa Rosa ihre Referendare dazu angeleitet hat, mit Blogs zu arbeiten, und einer dazu, wie Andreas Kalt die Blogs findet, die er für die Arbeit mit seinen Schülern braucht.

21.9.09

Lasst uns endlich unsere Kinder gemeinsam unterrichten!

Beim Kongress des Grundschulverbandes ist man verzweifelt darüber, was für Lehren Politiker und damit die Schulverwaltung aus wichtigen neuen pädagogischen Erkenntnissen zurechtzubasteln verstehen.
Endlich will man pädagogische Konzepte selbst umsetzen dürfen, statt die Missverständnisse der Politiker nachbeten zu müssen.
So jedenfalls verstehe ich diesen Bericht vom Kongress.

Manches kommt mir bekannt vor. Aber man sollte die Hoffnung auf Lernfähigkeit nie aufgeben, vor allem bei Politikern nicht. Manchmal gibt es erstaunliche Erfolge.

20.9.09

Das Ende von Schule und Expertentum?

Einmal mehr wird die Überflüssigkeit von Schule und Experten angekündigt, diemal von Plomplom. Andererseits wird die Forderung aufgestellt, Generalistenexperten auszubilden und Schüler schon bald darin zu formen.
Meiner Meinung nach ist das erste freilich Vorstellungen, die zu sehr vom Menschen absieht. Menschen lernen nicht zuletzt durch Vorbild und um der Achtung durch andere willen.
Dass ein Generalist vor allem Generalistentum zunächst einmal ein Fachmann auf einem Gebiet sein müsse, wie Dr. Gebel es darlegt, scheint mir dagegen eine durchaus einleuchtendere Vorstellung. Freilich, aus meiner Sicht hilft offene Diskussion und weltweite Vernetzung am ehesten gegen die Gefahren von Spezialistenexperten. Der Generalistenexperte wird nicht systematisch herangezogen werden können. Er wird seine zwanzigjährige Ausbildung nur aus eigenem Interesse und aufgrund selbst gewählter Entscheidungen erreichen können.

Nichts gegen Ideen, die von alten Wegen abgehen und neue weisen. Nur mit solch neuen Ideen lassen sich neue Probleme lösen. So war auch die One-laptop-per-child-Idee anregend und hat zu sinnvollen neuen Konzepten bei der Entwicklung von PCs geführt, auch wenn jetzt das Scheitern der Aktion - wohl zu Recht? - konstatiert wird.

17.9.09

Bildungspolitik

Angela Merkel hat Bildungspolitik angeblich zur Chefsache gemacht. Wenn ja, dann hat sie dabei eine Kombination von Schröders Politik der ruhigen Hand mit Kohls Aussitzen gezeigt. Nur dass Aussitzen bei dem Thema nicht viel bringt. Die Methode wenden schon zu vile Schüler an, weil sie sich von dem Angebot der Schule nicht angesprochen fühlen - warum auch immer.
Die ZEIT beklagt, dass die Parteien keine kompetenten Kandidaten für das Bildungsministerium hätten, und das bei einem solch zentralen Thema. Dabei müsste es doch eigentlich 16 kompetente Kandidatinnen und Kandidaten geben, in Gestalt der Kultusminister. Oder sollte auch da der eine oder die andere nicht voll qualifiziert für den Job sein?

15.9.09

Schweinegrippe

Die Schweinegrippe wurde von mir unterschätzt. Jetzt schon die zweite Schulschließung in Berlin.

10.9.09

Wozu sind Wikis gut?

In der Ausgabe 7 des WissensWert Blog Carnival wird gefragt, wozu Wikis dienen und was Wikis überhaupt bringen.

Als erste Antwort legt es sich mir nahe auf die Qualitäten von Wikipedia zu verweisen: Wikis können aktuelle Informationen gut vernetzt darbieten und zur Mitarbeit sowie zur Diskussion der Ergebnisse einladen. Das ist, wie man aus der Beliebtheit von Wikipedia erkennt, sehr viel.
Als Zweites möchte ich hervorheben, dass Wikis für Gruppen die Möglichkeit schaffen, kontinuierlich an einmal erarbeiteten Materialien weiterzuarbeiten und sie zu verbessern. Das gilt zum Beispiel für das ZUM-Wiki, das Wiki, das prinzipiell für alle deutschsprachigen Lehrer und Schüler im In- und Ausland zur Verfügung steht, aber auch sehr eng mit Wikis für einen beschränkteren Personenkreis zusammenarbeitet.
Drittens sind Wikis sehr geeignet, an einer Schule Schulprogramme und Regelwerke zu erarbeiten, die nicht notwendigerweise für die Öffentlichkeit bestimmt sein müssen. Wikimedia macht so etwas natürlich - auch - öffentlich.
Viertens lässt sich Unterricht mit Hilfe von Wikis gestalten. Beispiele sind die Klassen- und Kursseiten im ZUM-Wiki, aber auch die Kurse in Wikiversity.
Fünftens können Diskussionsbeiträge, Vorträge, aber auch größere Publikationen in Wikis zur Diskussion gestellt werden, um erste Leserreaktionen schon vor der Veröffentlichung außerhalb des Netzes einzuarbeiten. In dieselbe Kategorie gehört auch die Vorbereitung von kleineren und größeren Veranstaltungen.
Sechstens können konkrete Arbeitsprojekte über Wikis organisiert werden (vgl. "Lasst 1000 Wikis sprießen!")
Andrea Back hat in ihrem Blog ihre Nutzung von Wikis vorgestellt.
Hier noch eine hübsche Graphik zum Vorteil von Wikis gegenüber E-Mails und eine etwas ausführlichere Darstellung von Matthias Schwenk in einem Kurzvideo.
Einen schönen Überblick über die Möglichkeiten von Wikis in der Schule findet man hier.

Meine persönlichen Erfahrungen mit Wikis
Zunächst kann ich meine Versuche, Schüler zur Arbeit in Wikipedia anzuleiten, nennen, dann meine Kurs- und Klassenseiten in Geschichte, Deutsch, Politik und Wirtschaft . Ein ehrgeiziges Projekt, das leider nicht den Zuspruch hat, den es haben sollte, ist die Vorbereitung einer von den europäischen Staatsbürgernn selbst geschriebenen EU-Verfassung. Daneben denke ich an meine Projekte in Wikisource, Wikibooks, Wiktionary u.a., wo ich freilich weder unter dem Namen Fontanefan noch unter Fontane44 agiere.
Schließlich habe ich ein Übersetzungsprojekt begonnen, bei dem ich von Netzteilnehmern unterstützt werde. Doch das ist wegen des Copyrights des Originaltextes noch eine ganze Reihe von Jahren nicht reif zur Veröffentlichung. (Man kann also auch sehr sinnvoll ganz privat in Wikis zusammenarbeiten.)
Meine Mitarbeit im Karl-May-Wiki war nur recht marginal. Es mag für weitere kleinere Wikis stehen, wozu ich in diesem Kontext auch das Bildungswiki zähle und besonders die vielen Stadtwikis (Beispiel: Karlsruhe).
Die Fragen, die Andrea Back zur Nutzung der Wikis stellt, sind folgende: Warum und wozu eigentlich ein Wiki? Welche Situation gab den Anstoss? Welche Probleme löst so ein Wiki? Was sagt man kurz und bündig, wenn die oberen Führungskräfte wissen wollen: “Sagen Sie mal, was bringt’s?” Und was brachte Ihr Wiki vielleicht auch an Lerneffekten aus den ersten Erfahrungen mit dieser Art von Software-Anwendung?
Ich kann diese Fragen nicht für jedes Wiki, in dem ich arbeite, beantworten. Aber eine "Führungskraft" legte, als sie von meinen Wikiaktivitäten hörte, eigene Arbeitsseiten an und bekam zu hören: "Warum haben wir das nicht schon früher so gemacht?" (Jedenfalls hat sie mir das so berichtet.)
Was auffällt, ist, dass in Wikis für alle Mitarbeiter deutlich werden kann, dass sie für das Endprodukt mitverantwortlich sind, dass es aber unproblematisch ist, wenn sie Fehler machen, weil die ohne weiteres von anderen ausgeräumt werden können.
Natürlich sind Wikis nicht das einzige Instrument, das so etwas leisten kann.
Eine Fülle von weiteren Beiträgen zu diesem (inzwischen abgeschlossenen) Blog-Carnival findet man hier.

Blogs zum Bereich Bildung

Nachdem Lehrerfreund 70 Lehrerblogs vorgestellt hat (Veteranen, Etablierte, Blogs ab 2007) bietet der Weiterbildungsblog jetzt eine Liste von 50 Blogs zum Bereich Bildung. Interessant sind auch einige der in den Kommantaren vorgestellten Blogs, z.B. Lernenzweinull.

30.8.09

Wie man eine Elite einkauft

In den USA gibt es wie in Europa Akademikerarbeitslosigkeit. Besonders schlimm ist es aber mit dem akademischen Nachwuchs. Wem früher die Habilitation offen stand, für den ist es heute schwer, ein Promotionsstipendium zu bekommen. Glücklicherweise gibt es nun aber in den USA eine Stiftung, die großzügige Promotionsstipendien vergibt, richtige Gehälter, von umgerechnet $ 10 000 im Jahr. Und außerdem arbeitet sie mit einem Institut zusammen, das hervorragende Arbeitsbedingungen bietet: großzügig ausgestattete Labors, die leistungsfähigsten Computer. Natürlich fördert sie nur die begabtesten Studenten, Leute, die in einer normalen Studienzeit zwei bis drei verschiedene Studien abschließen und nebenher noch Zeit zur Einarbeitung in Spezialgebiete finden. Aber auch für den Begabtesten der Begabten sind solche Stipendien natürlich hochattraktiv. So auch für D., mit 23 Jahren bereits Absolvent zweier naturwissenschaftlicher Studiengebiete, außerdem Spezialist für Computer und Laser. Befreundet mit der Studentin E., mit der ihn das politische Engagement gegen die atomare Rüstung verbindet. - Das neue Institut, an dem er arbeitet, steht etwas abseits. Man kann sagen in der Wüste. Seine Freundin kann er nur noch an Wochenenden sehen, wenn überhaupt. Was er ihr vom Computer vorschwärmt, dem leistungsfähigsten, den er, der Computerexperte, je gesehen hat, kann sie nicht verstehen.
Ihre Frage: "Wofür arbeitest du denn?" kann er nicht verstehen, wo doch die Arbeit so hochinteressant und faszinierend ist. Doch antwortet er ihr und versucht ihr die Faszination des Computerprogramms, das er entwirft, klarzumachen. Sie versteht das Programm nicht, aber sie sieht, dass er fasziniert ist. Ihn interessiert ihre politische Arbeit nicht mehr so, das Programm, sein Programm, hat ihn gepackt. Wie Hunderte hochbegabter junger Wissenschaftler (meist unter 30) in diesem Institut lebt er ganz der Arbeit. Nur noch zum Essen verlässt er kurz den Computer. Schnell zum Kühlschrank, ein Brot mit Erdnussbutter bestrichen und weiter. Seine Freundin wird eifersüchtig - auf das Programm. Sie stellt fest, was er inzwischen auch weiß, dass das Institut ganz auf militärische Forschung ausgerichtet ist. Er arbeitet am Star-Wars-Programm (Strategig Defence Initiative - DSI). Sie stellt ihn zur Rede, erinnert ihn an ihre gemeinsamen politischen Überzeugungen - von früher. Er spricht von der Faszination des Programms. Sie hadert mit ihm. Da gelingt ihm der Durchbruch. Der Superlaser, der Laser, der feindlichen Raketen vernichten kann! Er hat ihn erfunden. Präsident Reagan kann seine berühmte Star-Wars-Rede halten. Und er - noch nicht dreißig - erhält höchste wissenschaftliche Anerkennung. Wäre seine Erfindung nicht für das Star-Wars-Programm, er erhielte sicher den Nobelpreis dafür. Die Geschichte - ein modernes Märchen - ist wirklich geschehen. Die E., seine Freundin, hat sie erzählt. Natürlich ist die Freundschaft jetzt zerbrochen. Doch nicht nur das ist es, was sie bekümmert: Die Höchstbegabten des ganzen Landes werden eingekauft, für £ 30.000 pro Stück, eigentlich ganz preiswert. Sie werden geködert mit dem faszinierenden Supercomputer. Und benutzt für die Rüstungsindustrie.

Um die Arbeitslosigkeit, um den Umweltschutz, um die Dritte Welt mögen sich die Zweitklassigen kümmern. Unsere Elite gehört dem Computer und der Rüstung. Sie meinen, so leicht sei es nicht, Menschen einzukaufen? Sind Sie so sicher? Sind Sie jung, intelligent und computerbegeistert, mit Geld etwas verwöhnt, aber im Augenblick noch ohne Stellung? Etwa ein Viertel aller Wissenschaftler der Welt (manche Schätzungen liegen bei einem Drittel) arbeitet direkt oder indirekt an Rüstungsprojekten mit.

Computer und Arbeitslosigkeit

Tausende von Problemen werden mit dem Computer wie spielerisch gelöst; aber die Arbeitslosigkeit zu verhindern, die er schafft, weil er viele Menschen als Problemlöser arbeitslos (redundant, d.h. scheinbar überflüssig) macht, diese Arbeitslosigkeit zu verhindern gelingt ihm nicht. Genauer gesagt: sie ist ein Problem, mit dem die Menschen nicht fertig werden, nicht trotz der Computerhilfe, sondern wegen ihr. Weil sie mit dem Computer nicht fertig werden.

Umweltschutz und Computer

Als der Mensch die Erde zu seiner Sklavin machte, zerstörte der Mensch auch immer mehr ihre Fähigkeit, für sich selbst Vorsorge zu treffen. Er übernahm die Verantwortung, die Natur zu lenken, eine Verantwortung, von der wir heute wissen, dass er sie nicht tragen kann. Umweltschutz ist der Versuch, die Selbststeuerung der Natur wiederzugewinnen. Wir wissen nicht, ob die Tatsache, dass er so wenig Fortschritte macht, nicht vielleicht bedeutet, dass es schon zu spät ist. Die Rohstoffe sind nahezu erschöpft, und das Gleichgewicht der Natur ist erheblich gestört. Da kommt mit den Mikroprozessoren, mit dem Chip, mit dem Computer plötzlich die Chance, Produktivität zu erhöhen, ohne vermehrt Rohstoffe zu verheizen. Die Möglichkeit, Vorgänge berechenbar und damit beherrschbar zu machen, die vordem zu kompliziert dafür erschienen. Die Rettung.

Christentum und Fortschritt

Während viele Kulturen in Kreisläufen denken, an die ewige Wiederkehr des prinzipiell Gleichen, kennt das Christentum einen Zielpunkt der Geschichte. Ob man dabei mehr das Jüngste Gericht oder das Kommen des Herrn im Blick hatte, ein Ende war vorgegeben. Mit Fortschritt im heutigen Sinne hatte das freilich wenig zu tun. Das Reich Gottes kommt - nach christlicher Überzeugung - nicht aufgrund menschlicher Anstrengungen, sondern von Gott.
Erst im Zuge der Säkularisierung, im Kraftgefühl der Befreiung aus alten Bindungen entwickelt sich in der Renaissance und weitergehend in der Aufklärung der Fortschrittsgedanke. Und töricht wäre es, diesen Fortschritt zu leugnen. In den Naturwissenschaften, in der Fähigkeit, Naturvorgänge nach mathematischen Regeln zu beschreiben, und in der Technik, in der Möglichkeit, Naturkräfte und -stoffe in den Dienst des Menschen zu stellen, hat es zweifellos einen Fortschritt gegeben. Und damit steht man in einer gut biblischen Tradition. Das "Macht euch die Erde untertan!" (l.Mose 1,28) ist von den Menschen erfüllt worden wie wohl kaum eine andere biblische Aufforderung.

29.8.09

Wikipedia und Wissenschaft

Zwei bemerkenswerte Beiträge, die sich m.E. inhaltlich gar nicht so sehr widersprechen.
Einer der betont, dass die Wikipedia nicht den Anspruch hat, wissenschaftliche Forschung zu betreiben von Nando Stöcklin, und einer von Klaus Graf, der darauf hinweist, dass es sehr wohl eine ganz erhebliche Anzahl von Artikeln von wissenschaftlichem Niveau gibt. Graf nennt seinen Beitrag "Dummes Zeug von Nando Stöcklin über die Wikipedia" und charakterisiert damit mehr und seinen farbigen Stil als den Beitrag auf, den er sich bezieht.
Ich kann beiden Artikeln zustimmen.

23.8.09

Das Handy zur Verherrlichung der Gewalt

Immer mehr Gewalttaten werden per Handy aufgezeichnet, damit man sich damit brüsten und das Opfer verhöhnen kann. Ja, wie bei der Kinderpornografie werden manche Gewalttaten sogar eigens dazu begangen, um aufgezeichnet zu werden.
Handys sind also nicht nur ein Gesundheitsproblem.

Störsender zur Schaffung künstlicher Funklöcher, damit Hndys im Klassenraum nicht funktionieren, sind in Deutschland nicht erlaubt. Doch es wird darüber diskutiert.

12.8.09

Zum Umgang mit Web 2.0 für Schüler und Lehrer

Ich denke, bloggende Lehrer werden den Wert von Web 2.0 immer mit im Auge haben (retemirabile liefert dafür wieder drei schöne Beispiele).
Für uns ist wichtig, nicht zu übersehen, dass
1. Schüler zwar in den Unterrichtsstunden sehr gut das, was sie nicht interessiert, herausfiltern können (da hilft bekanntlich auch mehrmaliges Wiederholen kaum)
2. Schüler viele Kontakte mit der realen Welt noch nicht hatten, die bei uns vor (!) der Beschäftigung mit den “neuen Medien” stattgefunden haben.
3. das Herausfiltern von Wichtigem eine Arbeit ist, die man sich, wenn man sich auf wichtige Aufgaben konzentrieren muss, einfach dadurch ersparen kann, dass man gewisse Informationskanäle gar nicht erst aufsucht. (dazu vgl. den Beitrag von hokey)

3.8.09

Was Computer leisten

"Die Lehrerinnen und Lehrer haben mehr Zeit, sich erzieherisch mit einzelnen Kindern zu befassen, manchmal eine ganze Viertelstunde lang, ohne daß die anderen von ihren Aufgaben abgelenkt werden. Und trotzdem leidet die unterrichtliche Kommunikation nicht. [...] Lisa und Julian lernen ganzheitlich zu denken und zu handeln. Sie lernen Folgen zu bedenken und ausgewogen zu handeln. [...] Tatsächlich können seit der Jahrtausendwende alleine wegen der Finanzierungsprobleme in Deutschland nicht mehr alle frei werdenden Stellen in der Lehre besetzt werden. Aber die meisten Beteiligten anerkennen, daß diese Einschränkung nicht automatisch zu einem Qualitätsverlust oder einer spürbaren Einschränkung der Studienqualität führte. Im Gegenteil, nach einer angemessenen Zeit der Einstellung auf die neuen Möglichkeiten und Methoden wurde überwiegend ein Zugewinn an Lernqualität anerkannt."
So weit ein Bericht vom 25. Mai 2004.

Abgedruckt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in einem Bericht über die Cebit von 1995. Darüber, was Computer den Lehrern seit 1995 so alles beschert haben, kann man in diesem Blog z.B. unter dem Schlagwort LUSD nachlesen.
Dabei blogge ich viel zu lange und arbeite ich viel zu gern mit Wikis, als dass ich leugnen wollte, dass mit Hilfe von Computer und Internet viele neue Unterrichtsmöglichkeiten hinzugekommen sind. (Web 2.0)
Aber den Prognosen, dass Computer im Bildungsbereich Personal einzusparen helfen würden oder gar Erziehungsprobleme lösen könnten, sollte man besser misstrauen. Nicht zuletzt mein letzter Blogeintrag zu den Folgen der Verbreitung der SMS als Kommunikationsmittel weist in eine andere Richtung.

Ergänzend darf ich auf die Erfahrungen hinweisen, die Microsoft mit neuen Computerprogrammen gemacht hat:
Bob, die intelligente Computersteuerung, Spot, die Uhr, die abhängig von der Uhrzeit dem Besitzer Informationen liefern sollte, die seinen persönlichen Vorlieben entsprechen, Barney, der Comiocsaurier für Lernsoftware, Mira, das Display, mit dem man, statt ein Notebook herumzutragen, seinen Computer aus der Entfernung bedienen können sollte, der MSX-PC, der UMPC Kleinstcomputer und die Tablet PC Edition, alles Flops.

Ein anderes eindrucksvolles Beispiel für Fehlleistungen von Computerprogrammen bieten die Kfz-Zulassungsstellen. Seit dort ein Bearbeitungsprogramm des staatlichen Rechenzentrums eingeführt worden ist, erhöhten sich die Bearbeitungszeiten pro Fall um über 100 Prozent (statt ca. Minuten im Juli 2009 auf ca. 55 Minuten). Im Kreis Darmstadt-Dieburg wurden kurz nach Einführung des Programms "Kfz 21" des Tochterunternehmens des staatlichen Rechenzentrums Ekom 21 200 Kennzeichen-Nummern doppelt vergeben, weil sie fehlerhaft ins Archiv verschoben worden waren. Bei der Umstellung auf ein besseres Programm muss freilich mit Umstellungsschwierigkeiten gerechnet werden, die zwischenzeitlich eine noch höhere Bearbeitungszeit zur Folge haben werden.

29.7.09

SMS ein Gesundheitsproblem?

Einem Bericht der New York Times zufolge hat das Schreiben von SMS in den USA, da es kostenlos geworden ist, im letzten Jahr bei Teenagern so zugenommen, dass sie jetzt im Durchschnitt monatlich 2 272 Botschaften senden und empfangen, das bedeutet 80 pro Tag.
Da es üblich ist, sofort zu antworten, schafft das eine gewaltige Unruhe. Die meisten Jugendlichen stellen das Handy nämlich praktisch nie aus, und viele sind auch nach dem Schlafengehen noch darauf eingestellt, auf eine eintreffende SMS zu reagieren. Als ein Reporter berichtete, dass eine 13jährige über 14 000 Botschaften im Monat erhielt, stieg im nächsten Monat die Zahl ihrer Nachrichten auf über 20 000. Die Eltern glaubten, nun müssten sie doch gezwungen eingreifen. Sie führten die Regel ein, dass sie nicht mehr als 5000 SMS im Monat schreiben dürfe (also "nur" 166 pro Tag) und dass sie wochentags zwischen 21:00 und 6:00 keine SMS schreiben dürfe.
Die Tochter Reina ist unzufrieden und meint: "Meine Mutter ist doch selbst ständig mit dem Handy zugange. Da sollte sie mehr Verständnis haben."
Hat Reina Recht?

11.7.09

Universitätspädagogik und Lehrertätigkeit

In Schulverwaltungen scheint die Vorstellung zu existieren, Lehrer brauchten die Ergebnisse der Universitätspädagogik nur 1:1 umzusetzen. Die Praxis sieht anders aus.
Jean-Pol Martin formuliert es so:
Der Weg ist a) Probleme in der Praxis erleben und unter dem Leidensdruck b) Probleme lösen und das Ganze konzeptualisieren.

Die Konzepte der Wissenschaftler kann man brauchen zum besseren Konzeptualisieren, aber nicht dazu, sie in der Form, wie sie von Ministerien weitergeleitet werden, 1:1 umzusetzen. Die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden hat die Vorschriften des Hissischen Kultusministeriums einfach beiseite gelassen. Jetzt wird sie als Vorzeigebeispiel herumgereicht.
So sehr ich mit Martins Lernen durch Lehren sympathisiere, ich könnte es 1:1 umsetzen, schon weil ich eine andere Lehrerpersönlichkeit bin. Aber dies Konzept scheint mir geeignet, Lehrern, die es nicht einfach übernehmen wollen, ein viel größeres Spektrum an Unterrichtsgestaltung zu eröffnen.
Da in der LdL-Community verschiedene Varianten mit best practice und lessons learned vorgestellt werden, ergibt sich eine weit bessere Voraussetzung für Lehrer, die dazu lernen wollen, aber bisher von Universitätsprojekten, die sich nie unter Normalbedingungen in der Schule bewähren mussten, abgeschreckt worden sind. Es würde nicht schaden, wenn die Ministerien nicht nur einzelne Stichworte aus dem Vokabular des Wirtschaftsmanagements übernehmen würden, sondern wenn sie ernsthaft eine Verbesserungskultur, wie sie im Wissensmanagement entwickelt worden ist, verfolgen würden. (Einige Instrumente sind hier genannt.)

7.7.09

Bildung 2.0 in www.kreativregion.de

Ich erlebte erstmals das Arrangement von Videoübertragung, parallel laufendem Blog und der Einbeziehung von Twitternotizen in diesen Blog und darüber bedingt auch in die Diskussion. Das war interessant. Leider aus Gründen nicht funktionierender Technik (Skype) und weil die Zahl der Studiogäste sehr groß war, auch recht chaotisch.

Ich gebe Melanie Gottschalk recht mit ihrer Aussage:
Web 2.0 bietet Schülern, Lehrern und Gesellschaft größerer Vernetzung. In einer Stunde kann man nicht alle 33 Schüler zu einer Frage zu Wort kommen lassen. Im Weblog können alle 50 Beteiligten einbezogen werden. (Eine Beobachtung, die im Studio bestätigt wurde, weil zu viele zu Wort kamen.)

Dennoch: die Vorstellung, web 2.0 wäre als blended learning die Lösung unseres Bildungsproblems, ist für mich ein Irrtum. Der sinnvolle Umgang mit web 2.0 setzt sehr viel mehr Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, voraus, als sie der Durchschnittslernende in Schule und Medien bisher erwirbt.

Meines Erachtens bleibt von Hentigs Motto richtig: Die Menschen stärken, die Sachen klären.

Die Menschen müssen dadurch gestärkt werden, dass sie genügend persönliche Zuwendung erfahren, dass ihre Neugier über ihr Sicherheitsdenken und ihre Konzentration über die Ablenkungen siegen kann.
Sie müssen dadurch gestärkt werden, dass sie lernen, ihren Lernprozess und den der Gruppe mitzugestalten (Selbstwirksamkeit).

Dann kann greifen, dass das Klären der Sachen technisch erleichtert wird und dass der Kontakt mit ähnlich Interessierten durch das Internet räumlich viel stärker ausgreifen kann, durch die Wikimethode die Zahl der Mitarbeiter an einem Projekt immens erhöht werden kann.

"Noch nie war die Diskussion im Café so asynchron mit der im begleitenden Weblog", stellte der Liveblogger fest. Das lag an der Überforderung der Moderation im Café sowie dem Scheitern der Skype-Interviews und der daraus resultiernden Unruhe im Netz, weil man das Thema web 2.0 vermisste.
cervus brachte es bei Twitter auf die Formel: "die heidelberger kreativregion.de ist leider an skype gescheitert. web2.0 ist noch nicht schulreif."

Doch zu Recht hat er zuvor Sina Kaufmann zitiert mit ihrem Hinweis auf die Chance: "Das Internet kann die allgemeine Resignation vor den großen Aufgaben der Weltgemeinschaft durchbrechen." und ihrer von Adrian Kreye in der SZ übernommenen Warnung vor einer Ideologiesierung des Netzes:
In einem Land aber, in dem die Politik das Internet mit Begriffen wie Sucht, Pornographie und Verbrechen besetzt, wird es schwer sein, das Internet in Schulen zu bringen und dort eine Generation für digitale Berufe zu erziehen. Das aber ist kein kultureller oder gesellschaftlicher, sondern ein volkswirtschaftlicher Schaden, der den Weg in die Bildungs- und Innovationswirtschaft erschwert.

Ein interessanter Abend.

Als das Wünschen noch geholfen hat ...

Es war einmal ein junger Kerl, der ließ sich als Soldat
anwerben, hielt sich tapfer, und war immer der vorderste
wenn es blaue Bohnen regnete. Solange der Krieg dauerte,
gieng alles gut, aber als Friede geschlossen ward, erhielt
er seinen Abschied ...

nachzulesen bei den Brüdern Grimm. Wer will, darf mit korrigieren.

In der Tat durften Offiziere ihre Soldaten immer wieder mal entlassen und für sie den Sold einkassieren. Die Soldaten mussten sich dann als Tagelöhner durchschlagen.

3.7.09

Stolperstein Langstadt-Stern

Karl Langstadt (*12.3.1868 in Vosswinkel), Sohn des Metzgemeisters Joel Langstadt heiratete am 25.10. Johanna Stern (*23.5.1880 in Kamen). Karl war im Vorstand der Synagogengemeinde, Mitglied im Wirtschaftsausschuss des Stadtparlaments, DDP-Fraktion, 1942 nach Westerbork gebracht, am 14.5.1943 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort ermordet.

1.7.09

Twitter und die IMs

Twitter ist ein sehr geeignetes Instrument, um mit Internetbekanntschaften in Verbindung zu bleiben und sich über gegenwärtige Interessen und Arbeiten auszutauschen.
Andererseits hat es als Nachrichtenmedium des Privatmanns die SMS ergänzt. Kamen beim Zusammenbruch des Welthandelszentrums 2001 die letzten SMS aus den Türmen, so wurde bei dem Hotelanschlag in Mumbai getwittert.
Bei Nachrichtenmedium merkt man freilich, dass BILD dabei seine Privatreporter gewonnen hat, die es nicht sehr erfolgreich und begleitet von - berechtigter - Empörung in den Medien gesucht hat.
Twitterer lassen sich wunderbar als informelle Mitarbeiter jedes Beobachtungsdienstes ausbeuten, sei es BILD, sei es Presse allgemein oder ein Staatssicherheitsorgan. Ein Beispiel dafür lieferte ein Tweet von sachark: "Am Nebentisch im ICE sitzen zwei prominente Spielerberater und ein Anwalt. Sie diskutieren seit 15 Minuten einen Ballack-Transfer zum HSV." Ich habe ihn gelesen, kurz "Wer glaubt's?" gedacht und weiter nach etwas Interessantem gesucht.
Binnem kurzen gingen Nachrichten vom Blog Nur der HSV, von BILD, Express und rp-online (ich werde viele übersehen haben) hinaus.
Twitter wird wahrgenommen, und mit seiner Suchfunktion (am rechten Rand dieses Blogs) ermöglicht es, alle Tweets gezielt zu Stichwörtern, die einen interessieren, zu durchsuchen. Hat man jemanden gefunden, der zu dem Stichwort schreibt, das einen interessiert, kann man all seine Tweets auf das hin durchgehen, was einen sonst noch an ihm interessieren könnte. Zum Thema Fluchtabwehr wird man nicht viel finden, aber man könnte ja auch andere Stichwörter eingeben.
Nicht, dass man mit dieser Methode Terroristen herausfinden könnte. Aber sie kann einen vergleichsweise unaufwändig über das informieren, was jetzt zigtausende von Stasiakten füllt: Unbewiesenes, Banales über Privatleben, was man benutzen kann, um zu verunsichern und so seine Ziele gegen den Abgeschöpften durchzusetzen.

Bildungsstreik 2

Einen gewissen Überblick über die Reaktionen auf den Bildungsstreik vermitteln die Nachdenkseiten. Dabei liefern sie auch Links, die freilich vornehmlich auf CDU und RCDS verweisen. Interessant erscheint dabei auch der auf Peter Grottian.

26.6.09

Skype und Lindenduft

Skype ist für Internetfreaks an vielen Punkten an die Stelle des Chattens getreten. Da es im Netz kostenlos ist, hat es einen großen Aufschwung für die Videotelephonie und damit für Videokonferenzen gebracht.
Zunächst waren die Mobilfunkbetreiber noch halbwegs sorglos, doch seit es Handys mit eingebautem Skype gibt, sorgen sie sich, dass die Kostenloskultur des Internets jetzt auf den Mobilfunkbereich überschwappt.
Ein Problem ist freilich, dass auch die innovativen Entwickler neuer Kommunikationsideen kaum Geld verdienen. Skype und Twitter sind Beispiele. Wer finanziert dann die Arbeitsplätze? Landen alle bei Google, Microsoft und Apple?
Kommt bei Videokonferenzen über Web 2.0 und Web 3.0 auch das zur Sprache? Und auch der ungeheure Stromverbrauch von Google, das wegen der schnellen Ausweitung seiner Serverkapazitäten nicht dazu kommt - oder es nicht ernst genug nimmt? -, seinen überholten Maschinenpark zu ersetzen. Der Fehler ist der gleiche wie bei General Motors. Hoffentlich lernt Google schneller!

Das kühle Wetter hat uns eine ungewöhnlich lange Zeit der Lindenblüte beschert, mit herrlichem Duft.

24.6.09

"Waffengleichheit"

Wenn der Anwalt des Internetunternehmens spickmich davon spricht, dass jetzt "Waffengleichheit" hergestellt worden sei, unterstellt er eine Duellsituation. Das mag im politischen Bereich zwischen Regierung und Opposition stimmen, beschreibt die Situation einer Notenentscheidung aber völlig falsch.
Etwas anderes wäre es, wenn Schülerbeurteilungen ausdrücklich in die Beurteilung der päsagogischen Qualifikation von Lehrern durch ihre Vorgesetzten einbezogen würden. Denn wie bei Schülerbenotung geht es dabei um Karriereentscheidungen.

20.6.09

Fremdspachenunterricht

Jean-Pol Martin hat sein Lernen durch Lehren ursprünglich nicht locker vom Hocker im Internet verbreitet, sondern ganz ordnungsgemäß akademisch.
Zum Nachvollziehen: Vorschlag eines anthropologisch begründeten Curriculums für den Fremdspachenunterricht