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7.10.17

Ich war aufgewachsen, wie eine Rebe ohne Stab, ...

Ich war aufgewachsen, wie eine Rebe ohne Stab, und die wilden Ranken breiteten richtungslos über dem Boden sich aus. Du weißt ja, wie so manche edle Kraft bei uns zu Grunde geht, weil sie nicht genützt wird. Ich schweifte herum, wie ein Irrlicht, griff alles an, wurde von allem ergriffen, aber auch nur für den Moment, und die unbehülflichen Kräfte matteten vergebens sich ab. Ich fühlte, daß mirs überall fehlte, und konnte doch mein Ziel nicht finden. So fand er mich.
Er hatt an seinem Stoffe, der sogenannten kultivierten Welt, lange genug Geduld und Kunst geübt, aber sein Stoff war Stein und Holz gewesen und geblieben, nahm wohl zur Not die edle Menschenform von außen an, aber um dies wars meinem Adamas nicht zu tun; er wollte Menschen, und, um diese zu schaffen, hatt er seine Kunst zu arm gefunden. Sie waren einmal da gewesen, die er suchte, die zu schaffen, seine Kunst zu arm war, das erkannt er deutlich. Wo sie da gewesen, wußt er auch. Da wollt er hin und unter dem Schutt nach ihrem Genius fragen, mit diesem sich die einsamen Tage zu verkürzen. Er kam nach Griechenland. So fand ich ihn. [...]
O es sind goldne unvergeßliche Tage, voll von den Freuden der Liebe und süßer Beschäftigung! [...]
Ach! es kann ja nicht einmal ein schöner Traum gedeihen unter dem Fluche, der über uns lastet. Wie ein heulender Nordwind, fährt die Gegenwart über die Blüten unsers Geistes und versengt sie im Entstehen. [...]
Du wirst einsam sein, mein Liebling! sagte mir damals Adamas auch, du wirst sein wie der Kranich, den seine Brüder zurückließen in rauher Jahrszeit, indes sie den Frühling suchen im fernen Lande. 
Und das ists, Lieber! Das macht uns arm bei allem Reichtum, daß wir nicht allein sein können, daß die Liebe in uns, so lange wir leben, nicht erstirbt.[...]
Aber sage nur niemand, daß uns das Schicksal trenne! Wir sinds, wir! wir haben unsre Lust daran, uns in die Nacht des Unbekannten, in die kalte Fremde irgend einer andern Welt zu stürzen, und, wär es möglich, wir verließen der Sonne Gebiet und stürmten über des Irrsterns Grenzen hinaus. Ach! für des Menschen wilde Brust ist keine Heimat möglich; und wie der Sonne Strahl die Pflanzen der Erde, die er entfaltete, wieder versengt, so tötet der Mensch die süßen Blumen, die an seiner Brust gedeihten, die Freuden der Verwandtschaft und der Liebe. [...] (Hölderlin: Hyperion 1797/99, 6. Kapitel, zitiert in Eva-Maria Hagen: Eva und der Wolf, 1998, S.201/02)

"Voll Lieb und Geist und Hoffnung wachsen seine Musenjünglinge dem deutschen Volk heran; du siehst sie sieben Jahre später, und sie wandeln, wie die Schatten, still und kalt, sind, wie ein Boden, den der Feind mit Salz besäete, daß er nimmer einen Grashalm treibt; und wenn sie sprechen, wehe dem! der sie versteht, der in der stürmenden Titanenkraft, wie in ihren Proteuskünsten den Verzweiflungskampf nur sieht, den ihr gestörter schöner Geist mit den Barbaren kämpft, mit denen er zu tun hat." (Hölderlin: Hyperion 1797/99,  67. Kapitel, zitiert in: Wolf Biermann: Warte nicht auf bessre Zeiten, 2016, S.142)

Ob wir rothe, gelbe Kragen,
Hüte oder Helme tragen,
Stiefeln oder Schuh’;
Oder, ob wir Röcke nähen,
Und zu Schuh’n die Fäden drehen –
Das thut nichts dazu.
Ob wir können decretiren,
Oder müssen Bogen schmieren
Ohne Rast und Ruh;
Ob wir just Collegia lesen,
Oder ob wir binden Besen –
Das thut nichts dazu.
Ob wir stolz zu Rosse reiten,
Ob zu Fuß wir fürbaß schreiten
Unsrem Ziele zu;
Ob uns vorne Kreuze schmücken,
Oder Kreuze hinten drücken –
Das thut nichts dazu.
Aber, ob wir Neues bauen,
Oder’s Alte nur verdauen
Wie das Gras die Kuh –
Ob wir für die Welt was schaffen,
Oder nur die Welt begaffen –
Das thut was dazu.
Ob im Kopf ist etwas Grütze
Und im Herzen Licht und Hitze,
Daß es brennt im Nu;
Oder, ob wir friedlich kauern,
Und versauern und verbauern –
Das thut was dazu.
Ob wir, wo es gilt, geschäftig
Großes, Edles wirken, kräftig
Immer greifen zu;
Oder ob wir schläfrig denken:
Gott wird’s schon im Schlafe schenken –
Das thut was dazu.
Drum ihr Bürger, drum ihr Brüder,
Alle eines Bundes Glieder,
Was auch jeder thu’ –
Alle, die dies Lied gesungen
So die Alten wie die Jungen –
Thun wir denn dazu."
(Adalbert Harnisch 1845, von Hannes Wader in den 1960er Jahren in sein Programm aufgenommen (Schallplatte von 1975), von Fontanefan in den 1980er Jahren in Oxford umgedichtet, von Albrecht Müller am 6.10.2017 in den Nachdenkseiten aufgegriffen)

Warum wurden diese Texte, der erste nach den Erfahrungen der Französischen Revolution, aber noch vor dem Aufstieg Napoleons geschrieben, der zweite kurz vor der gescheiterten deutschen Revolution von 1848 verfasst, in den 1960er Jahren so populär?
Welche Gründe gibt es sie wieder aufzugreifen und 2016 und 2017 zu zitieren?
Nicht zu vergessen, Hölderlin wird zu Recht immer wieder zitiert, war aber in Deutschland wohl nie so populär wie im 1. Weltkrieg. ("So kam ich unter die Deutschen ..." spricht freilich nicht gerade für einen deutschen Nationalismus Hölderlins.)
Zunächst stelle ich hier nur die Frage und ein Stichwort: Bundestagswahl 2017.



4.9.13

Ist Merkel marktkonform und alternativlos?

"Marktkonforme" Demokratie und "alternativlose" Bankenrettungen sind die zwei Begriffe, mit denen Angela Merkel meiner Meinung nach sehr präzis beschrieben hat, wie sie den Stellenwert ihrer Politik im Kontext von Gesellschaft und Wirtschaft sieht.
Wie nach Lenin die Gewerkschaften der Transmissionsriemen der Politik zur Masse der Werktätigen sein sollten, so versteht sie sich offenbar als Transmissionsriemen, der Forderungen "der" Wirtschaft (will sagen: der mächtigsten* Konzerne) möglichst effektiv umsetzt und Reibungsverluste, die durch Bedenken in der Bevölkerung entstehen könnten, verhindert.

Carolin Emcke hat nun mit Hilfe einer Sprachuntersuchung von ca. 2800 im Internet greifbarer Äußerungen Merkels herausgearbeitet, dass sie das Aufkommen von Widerspruch und Bedenken vor allem durch Unschärfe erreicht.
Emcke formuliert "Merkels Sprache arbeitet mit einer permanenten Immunisierung gegen [...] jeden Zweifel" und weist darauf hin, dass sie damit ihre rhetorische Forderung nach "Freiheit in Verantwortung" durch ständiges Weichspülen aller Kontroversen und die Unterstellung, all ihre Entscheidungen seien "alternativlos" als Worthülse entlarvt.

Meine Antwort auf die Titelfrage lautet also: Merkel ist marktkonform, aber nicht alternativlos.
Das gilt m.E. sogar innerhalb der CDU. Doch so lange sie noch Wahlen gewinnt, wird das kein CDU-Mitglied zugeben.

Um den Appetit auf Carolin Emckes Beitrag noch etwas zu steigern, hier noch zwei Zitate.
Das erste stammt von Angela Merkel und bezieht sich auf die Frage, ob sie das Entstehen einer nationalistischen Bewegung befürchte.
Merkel:  "Wir befinden uns in einem sehr komplizierten Prozess, in dem viele Menschen daran zweifeln, dass alles ein gutes Ende nehmen wird. In solchen Momenten wird die Sehnsucht nach einfachen kurzen Lösungen groß. Die aber gibt es nicht, sondern nur einen Prozess aufeinanderfolgender Maßnahmen."
 Carolin Emcke dazu:  "Angela Merkel weiß [die] Duldung der Beherrschten durch eloquente Dethematisierung kontroverser Themen zu erzielen."

 Spannend ist auch, was Emcke über Merkels Verwendung des Wortes "spannend" zu sagen weiß.

*Mir ist klar, dass meine Aussage, Merkel orientiere sich an den "mächtigsten Konzernen" ihrerseits unter Unschärfe leidet. Natürlich liegt das an fehlendem Insiderwissen. Ich weiß nicht, wer den größten Einfluss auf Merkel hat. Schwerlich weiß sie es selbst.
Etwas präziser wird die Aussage aber, wenn man festhält, dass die Konzerne mit der mächtigsten Lobby, nicht die mit der größten Bilanzsumme, gemeint sind. Dabei dürfte es klar sein, dass es nicht um Bestechung geht. Angela Merkel besticht man nicht mit Geld und nicht mit Jobs. (Darin unterscheidet sie sich meiner Überzeugung nach von manchem anderen Politiker.) Mächtig wird eine Lobby aber durch Definitionsmacht. Wenn es gelingt, Merkel etwas als wirtschaftlich alternativlos darzustellen, dann wird sie dem folgen.
Insofern dürfte Josef Ackermann lange Zeit einer der mächtigsten Lobbyisten in Berlin gewesen sein, wenn nicht der mächtigste. Beim Umgang mit der Eurokrise orientiert sie sich gewiss an ihrem Beraterstab, doch werden der und sie bestimmt wesentlich durch Experten aus Bankenkreisen beeinflusst. (Es gibt dafür eine ganze Reihe von Hinweisen, die durch die Presse gegangen sind.)
Genauer kann ich nicht bestimmen, was die mächtigsten Vertreter der Wirtschaft sind.

2.9.13

Merkel gibt Missstände zu und wirbt damit um Vertrauen

Ich habe nicht gezählt, wie oft Angela Merkel im gestrigen Doppelinterview mit Peer Steinbrück erklärt hat, dass die gegenwärtige Situation alles andere als befriedigend sei und dass "wir" deshalb weiter daran arbeiten "müssen". Aber es war ihre durchgängige Verteidigungsstrategie.
Selbst der Hinweis darauf, dass Horst Seehofer schon jetzt eine Koalition ausgeschlossen hat, wenn Merkel sich nicht seinen Vorstellungen fügt, brachte sie nicht davon ab, weiter zu behaupten, dass die schwarz-gelbe Koalition die bestmögliche sei, auch wenn sie erkennbar mit einer Großen Koalition liebäugelte und das schon deswegen, weil Steinbrück sie für sich ausschloss. - Wenn die Union erst einmal genügend Stimmen bekommen habe, werde man ja schon sehen, wie die Koalitionsverhandlungen mit der CSU laufen würden.

Steinbrück wirkte durchweg informiert, hatte eine große Zahl von Argumenten, auf die Merkel nur mit ihrer Standardantwort "wir müssen noch daran arbeiten" reagierte. Aber ich hatte nicht den Eindruck, dass sie deshalb beunruhigt wäre. Unbesorgt gesteht sie ihre Unwissenheit zu. Wer wird von einer schwäbischen Hausfrau schon erwarten, dass sie über amerikanische Geheimdienste Bescheid weiß oder gar von einer Physikerin, dass sie etwas davon versteht, wie das Internet funktioniert.

Dennoch hörte man auch von Merkel Klartext:

  • Wir werden den Arbeitnehmern helfen, in dem wir die Arbeitgeber "ermuntern zu Reformen".
  • Jeder muss von seiner Arbeit leben können, doch die Bundesregierung wird sich da nicht einmischen.
  • Jeder, der sich ungerecht behandelt fühlt, kann das bei der Bundesregierung melden. 

Zwar gibt es viele Missstände, doch die Bundesregierung wird nicht mehr tun, als andere dazu aufzufordern, sie abzustellen. Dafür dass sie das tun kann, bittet Angela Merkel um zwei Stimmen für ihre Partei.

Wer das "Duell" als Boxkampf sehen wollte, sah eine Titelverteidigerin mit schier unendlichen Nehmerqualitäten.
Wer es als Show sehen wollte, sah Stefan Raab als Sieger.
Wer das Interview als politische Veranstaltung gesehen hat, sah die Medienberichterstattung über den Fettnäpfchenkönig Steinbrück durch diesen widerlegt. Doch Informationen waren ziemlich rar: Merkel ist gegen die Pkw-Maut, Seehofer dafür. Steinbrück ist für einen allgemeinen Mindestlohn, Merkel dagegen.
Wer sich kurz und knapp darüber informieren lassen will, welche Partei am meisten mit seinen eigenen Vorstellungen übereinstimmt, kann das beim Wahl-O-Mat tun.
Wer mehr Zeit hat, kann nachlesen bei CDU, SPD, Grünen, FDP, Piratenpartei, die Linke oder gleich alle bei der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg verlinkten Wahlprogramme nachlesen.

Wer die gegenwärtige Bundesregierung als die erfolgreichste der Geschichte der Bundesrepublik angesehen hat, wird sich von diesem Doppelinterview nicht beirren lassen. Warum auch?

Nachbetrachtung zum Doppelinterview von Internet-Law, 2.9.13