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8.2.18

Supercomputer zielen auf Hirne von Kindern

Computeroptimierte Werbung  könnte exploratives Verhalten von Kindern zerstören.

In der ZEIT:

"Bridle steht nicht im Verdacht, ein Technikfeind zu sein. Seit seinem 13. Lebensjahr nutzt der heute 30-Jährige das Internet; im Selbststudium hat er sich die Techniken beigebracht, mit denen selbstfahrende Autos funktionieren. Sein Zorn richtete sich auch nicht primär gegen mangelnden Datenschutz oder nervige Online-Werbung. James Bridle, selbst kinderlos, sorgte sich um die Kinder." (ZEIT)
"Tristan Harris, der früher als Ethiker bei Google gearbeitet hat, sagte der New York Times: "Die größten Supercomputer der Welt stehen in zwei Konzernen – bei Google und Facebook – und worauf sind sie gerichtet? Wir zielen damit auf die Hirne von Menschen, von Kindern."" (ZEIT)

Original:
https://medium.com/@jamesbridle/something-is-wrong-on-the-internet-c39c471271d2

"As someone who grew up on the internet, I credit it as one of the most important influences on who I am today. I had a computer with internet access in my bedroom from the age of 13. It gave me access to a lot of things which were totally inappropriate for a young teenager, but it was OK. The culture, politics, and interpersonal relationships which I consider to be central to my identity were shaped by the internet, in ways that I have always considered to be beneficial to me personally. I have always been a critical proponent of the internet and everything it has brought, and broadly considered it to be emancipatory and beneficial." (Bridle in Medium)

In der ZEIT:

Die Kritik, die hier geübt wird, ist etwas anderes als die Kritik daran, kritiklos auf die Leistung von Computern zu vertrauen, oder die Warnung vor der Verführbarkeit unserer intellektuellen Elite durch extrem interessante und extrem anspruchsvolle Aufgaben und auch als die Warnung vor der "Wüste Internet", die mediale Erfahrungen an die Stelle von Erfahrungen aus der Lebenswelt setzt. (Es gibt gute Gründe, weshalb es nicht sinnvoll ist, auf einem Planeten mit einer Bevölkerung von etwa 7,5 Mrd. Menschen in denen die Liebe zur unberührten Natur zu wecken. Denn je mehr Menschen diese Liebe entdecken, desto rascher wird selbst die scheinbar unberührte (Klimawandel, Plastik) verschwunden sein. Diese Natur darf also nur medial vermittelt werden.)

Hier geht es darum, dass vermutlich Kleinkindern ihr exploratives Verhalten in ihrer Lebenswelt abtrainiert wird und das computergesteuert. Das bedeutete, dass eine Internetsucht erzeugt würde, bevor der in unserer Zivilisation inzwischen für den Durchschnittsmenschen unvermeidliche Umgang mit dem Internet überhaupt einsetzt. 

Ist auch das eine Kritik, die die großen Segnungen des wertneutralen Werkzeugs Internets verkennt?

22.2.12

Disziplin durch Prügel?

Als in den Befreiungskriegen die preußischen Freiwilligenheere gegen Napoleon in den Krieg zogen, zweifelten die alten Offiziere der Armee Friedrichs II., ob unter diesen Soldaten ohne Gassenlaufen Manneszucht zu halten sei.
Ganze Generationen der männlichen britischen Elite sind in den Internaten der Public Schools der offiziellen Disziplinierung durch ihre Mitschüler unterworfen gewesen, nicht zuletzt der Prügelstrafe.
Jeder Karl-May-Leser kennt die Prügel, die der friedliebende Old Shatterhand an seinen Gegnern zu ihrer Bestrafung vollziehen lässt. Es widerspricht ihrer Ehre, aber etwas Nilpferdpeitsche, zumindest als Androhung, gehört im Orient auch für Kara Ben Nemsi zu den Methoden, sich bei Widerspenstigen Respekt zu verschaffen.

Vielleicht fragen sich manche aus der älteren Generation auch noch, ob nicht ein Rohrstock oder eine Ohrfeige ein gutes Erziehungsmittel sein könnten, das bei quirligen, quengelnden Kindern gesünder wäre als Ritalin.

Nicht nur für die, sondern für alle, die keine eigenen Refahrungen mit Prügelstrafe gemacht haben, ist das Buch "Die geprügelte Generation" von Ingrid Müller-Münch sicher lehrreich.
Mehr dazu findet man auf ihrem Blog ( http://gepruegelte-generation.de/)

18.5.11

Diskussion über Erziehung

Die Monster anderer Eltern (Frank Patalong, Spiegel online, 26.4.2011)

Freiheit ohne Grenzen? Diskussion über Kindererziehung

Kinder als künftige Tyrannen? (November 2008)

Obwohl (oder weil?) das Problem sich - aus meiner Sicht - verschärft zu haben scheint, scheint die Diskussion darüber sich etwas versachlicht zu haben.
"Monster" klingt freilich nicht wesentlich sachlicher als "Tyrannen", und vielleicht schönt Spiegel online in seiner Darstellung.

Nachtrag vom 6.5.13:
Wie sehr sich Eltern mit ihren Kindern zu identifizieren scheinen, stellt Spiegel online dar:
Die Hochschulen entdecken bereits die Eltern ihrer Studenten als Zielgruppe.

16.3.10

Gab mir ein Gott, zu sagen, was ich leide

"Päderasten sind unbelehrbar, wie alle wirklich Liebenden. In diesem Punkt sind sie dumm, und dumm sind auch die beflissenen Aufarbeiter, wenn sie von damaligen Exzessen sprechen - was Exzesse sind, sollte man beim Marquis de Sade nachlesen."
So schreibt Bodo Kirchhoff, der ein Leben lang darunter litt, nicht sagen zu können, was ihn so grundlegend verstörte, und der uns nun eine Ahnung von dem vermittelt, was es bedeutet, wenn erwachsenes Begehren und kindliche Sexualität aufeinander treffen.
Ich war zwölf, und ich war schmutzig - verdorben, sagte man damals, nicht ahnend, wie treffend dieses Wort ist. [...] hat meine Sexualität bis heute etwas Verwahrlostes, einen Mangel an Verbindlichkeit, dem ich ständig sprachlich zu begegnen versuche. [...] Doch erst die jetzige Debatte hat mich so zum Reden gebracht, dass es peinlich ist (für mich und die, denen ich nahe bin). Wie aber muss es da erst um die stehen, die trotz ihres Winnetous lebenslang keine Gelegenheit zur Spracharbeit hatten, weil sie normale Berufe ausüben?
(Diesen Text sollte man vollständig lesen und, wenn man wenig Zeit hat, besser auf die Lektüre dieses Blogbeitrags verzichten als auf den Text von Kirchhoff.)

Die Leiden eines alternden Genies, das sich in ein Mädchen verliebt, dem die Konvention keine Partnerschaft mit einem Übermächtigen aufdrängt, hat Goethe uns zu schildern vermocht. Nabokov hat die minderjährige Lolita zwar als Opfer, aber doch auch als Verführerin dargestellt. Alice im Wunderland von Lewis Carroll ist große Literatur. Und Alice Liddell hat darum gebeten, dass Carroll diese Erzählung niederschreiben solle. Über ihr Verhältnis zu Dodgson/Carroll hat sie sich aber nicht geäußert, auch nicht darüber, wie sie den Abbruch ihrer Beziehung zu Dodgson/Carroll 1863 erlebt hat. Wir wissen nicht, weshalb seine Erben seine Tagebuchaufzeichnungen aus dieser Zeit vernichtet haben. Auch Thomas Manns Tod in Venedig ist aus der Perspektive des Erwachsenen geschrieben. All diese Werke sind große Literatur, die die Perspektive des Kindes auslässt.
Hätte Adolf Muschg den Text von Bodo Kirchhoff gekannt, wäre ihm vielleicht erspart geblieben, neben den Täter auch den liebenden Erwachsenen zu stellen. Kirchhoff hat das Verhältnis überzeugender geschildert.
Dank an Kirchhoff, dass er uns gesagt hat, was er gelitten hat! Ist es wirklich ernüchternd, dass nicht "ein Gott", sondern "die jetzige Debatte" ihm ermöglicht hat, zu sagen, was ihm und denen, die ihm nahe stehen, noch heute so peinlich ist.
(Nachtrag vom 20.3.: Gerold Becker hat sich inzwischen nochmals entschuldigt.)

Erziehung braucht menschliche Nähe. Furchtbar, wenn die Nähe zu groß wird und die Menschenwürde von Opfer - und Täter - beschädigt. Wer in einem solchen Fall die Schuld trägt, ist klar. Deshalb Erziehung aufzugeben, wäre falsch. Aber was für eine Leistung die Erziehung in der Familie darstellt, wird in diesem Licht vielleicht deutlicher gesehen.

7.2.10

Die Fortschrittsbilanz wird meist verspätet gezogen

Chancen für den papierlosen Schreibtisch? Die Hilfsmittel werden zwar besser, aber ich sehe noch nicht, wie sie wirklich Papier sinnvoll ersetzen können. Bisher stehen sie immer daneben.

'Erziehung das bedeutet im digitalen Zeitalter vor allem Medienkompetenz, denn in der digitalen und der realen Welt kann nur bestehen, wer Informationen bewerten und mit ihnen umgehen kann.' (leicht verkürztes Zitat aus digital natives in 3sat vom 4.2.10) - Weder geht es bei Erziehung um Informationsbewertung, noch wird Informationsbewertung mit Hilfe des Mediums gelernt. Gedankliche Unschärfe nimmt zu, wenn weniger mit schriftlichen Texten als mit Bildern und gesprochener Sprache gearbeitet wird. Dabei bestreite ich nicht, dass gerade diese Unschärfe zu schnellerer Bildung von Modellen und Konzeptionen führen kann.
Verluste treten auf, die Gewinne werden auf manchen Bereichen größer sein. Die Gewinn-Verlust-Rechnung wird erst aufgemacht, wenn die Verluste nur noch beschrankt rückgängig gemacht werden können. Da es schon immer so war, haben wir Menschen aber die Fähigkeit entwickelt, uns damit zu beruhigen, dass die Gewinne größer seien.
Eine Ausnahme: Wirtschaftswachstum. Da kommt mehr und mehr zur Sprache, dass immer öfter eine Negativbilanz für die Gesellschaft entsteht.

21.10.08

Woher kommen all die Krankheiten?

Wir hören nur noch von Krankheiten, unsere Kinder leiden an ADHS, Legasthenie, an Dyskalkulie, andere sind hochbegabt. Immer mehr Kinder befinden sich in Behandlung, sei es die Logopädie oder Ergotherapie. Wie ist das denn zu erklären? Es kann doch nicht sein, dass wir auf einmal nur noch kranke Kinder haben.

So sagt Michael Winterhoff in einem Interview im Südwestfunk.
Er führt das Phänomen darauf zurück, dass Kinder nicht genügend gereift sind, um die notwendige Frustrationstolerenz zu entwickeln.
Das komme u.a. daher, dass Eltern sich nicht genügend von ihren Kindern abgrenzten und statt sie zu erziehen, von ihnen bestätigt werden wollten. Dadurch werde den Kindern die Möglichkeit der Reifung genommen. Erst diese führe zur Wahrnehmung, dass der andere Mensch nicht von uns gesteuert werden kann, sondern dass wir in einem sozialen Prozess mit ihm umgehen müssen.
Eltern, die Kleinkinder nicht erzögen, sondern als Freunde auf gleicher Stufe behandelten, machten Kinder zu künftigen Tyrannen.