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28.5.19

Zur Bearbeitung einer Staatsexamensaufgabe aus dem Jahr 2010 aus dem Lichte von 2019

Die Textvorlage ist "Das Gebäude" von Herbert W. Franke .
Die Rollen von Mensch und Roboter sind vertauscht.
Die Menschen arbeiten wie Maschinen. Die Roboter sorgen dafür, dass die Menschen funktionieren ("Kältearrest").
Die Arbeit ist sinnlos. Gebäude werden aufgebaut und abgerissen. Wohnen können die Menschen weder da noch da.
Der Gedanke, man könnte in Gebäuden wohnen, ist für Fontain "frevlerisch". Ein Frevel ist eine Handlung gegen die göttliche Autorität.
Für Hassau ist er "eine absurde Idee" und "unsinnig".
Die Menschen haben eingesehen, dass sie nur für die Maschinen arbeiten dürfen. Etwas für die Menschen zu tun, wäre gegen die künstliche Intelligenz der Maschinen, also gegen die übernatürliche Autorität.
Aussageabsicht des Textes: Wenn sich der Mensch an die Maschine anpassen muss, ist das gegen die Menschenwürde. Dazu: Kants kategorischer Imperativ (vgl."Selbstzweckformel" https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorischer_Imperativ#%E2%80%9EFormeln%E2%80%9C)
Diese Aussage wird aber nicht ausgesprochen, sondern erst langsam [im Kopf des Lesers] entwickelt. (Parallelbau der beiden Teile wie in Kafkas "Auf der Galerie").
Das selbständige Denken haben die Menschen zugunsten der Sicherheit aufgegeben. "Sicherheit dessen, für den andere denken".
Bemerkenswert ist, dass der Gedanke, dass man das selbständig denken nicht zugunsten seiner Sicherheit aufgeben dürfe, schon 2010 in einer Prüfung behandelt wurde, bevor ein deutscher Innenminister ihn seinerseits verwarf.
Der Innenminister Friedrich hat 2013 Sicherheit zum "Supergrundrecht" erklärt, also zu einem Grundrecht, das wichtiger ist als Freiheit, Meinungsfreiheit und Menschenwürde.
Von Lehrern und Schülern erwartet man selbständiges Denken. Minister genießen nicht selten Narrenfreiheit (auch heute noch). Aber das braucht man in einer Staatsprüfung nicht ausdrücklich hinzuschreiben. Greta Thunberg hat deutlich genug aufgezeigt, dass manchmal Schüler besser als Minister* wissen, was in einer Gefahrensituation zu tun ist. Der Prüfer könnte also sagen: "Warum schreiben Sie so einen Allgemeinplatz hin?" Also lässt man das besser weg.

Selbstverständlich müsste ein solcher Text als "Thema verfehlt" und deshalb "ungenügend" bewertet werden, denn die Aufgabenstellung war:

"Stellen Sie Überlegungen zur Leseförderung und zum literarischen Lernen an, die Ihnen helfen, den Einsatz des Textes in einer Klassenstufe Ihrer Wahl (bitte angeben!) zu begründen; gehen Sie dabei auch auf das Science-Fiction-Genre ein!" (Aufgabenbereich: Didaktiken einer Fächergruppe der Hauptschule) 

* Dobrindt, Seehofer, Scheuer ...

29.6.15

EU-Politiker empört über den Plan für einen griechischen Volksentscheid

Wenn EU-Politiker die von Tsipras seit März angekündigte Entscheidung, über die von den Institutionen vorgelegten Bedingungen das griechische Volk abstimmen zu lassen, überraschend und ungerechtfertigt nennen wollen, mögen sie das tun.
Wenn die Institutionen ein Anheben der Steuern für die 2000 reichsten Familien, die 80% des Volksvermögens besitzen, alternativlos verbieten, ist das entlarvend.
Wenn aber deutsche Politiker es als unzulässige Einflussnahme bezeichnen, wenn Tsipras die Bevölkerung auffordert, ihre Entscheidung unter Berücksichtigung von Würde und Demokratie zu treffen, so fragt man sich, weshalb sie die Artikel 1 und 20 über 60 Jahre im Grundgesetz geduldet haben.

So weit etwas polemisch. Jetzt wieder rein argumentativ: Wenn Gabriel (laut unten angegebenem ZEIT-Artikel) wie folgt argumentiert: "Den Griechen sei ein sehr gutes Kompromissangebot gemacht worden, betont er. Aber die Griechen hätten Hilfen haben wollen, ohne Gegenleistungen zu bringen", dann ist das einfach nicht korrekt. Die Institutionen haben auf das griechische Angebot ihre Forderungen gegenüber vorher noch verschärft. Ohne dass ich den konkreten Wortlaut kenne, haben sie aber offenkundig die Reichensteuer wegen angeblicher Konjunkturgefährdung abgelehnt, während sie eine Erhöhung der Mehrwertsteuer fordern. Es gibt außerhalb Europas nur wenige prominente Politiker und Wissenschaftler, die das nicht für einen gefährlichen Irrweg halten. Die Kompromissbereitschaft, die Merkel anmahnt, haben die Institutionen jedenfalls nicht gezeigt. 

mehr dazu:
Die gefährlichste Idee Europas, Tagesanzeiger 2.7.15
"Vielleicht war es der unverantwortlichste Versuch der Geschichte, Verantwortung zu übernehmen. Denn erstens war die Diagnose gleich doppelt falsch. Die Krise war nicht im öffentlichen Sektor entstanden, sondern im privaten: in den meisten Ländern durch die Banken, in anderen durch die Privatverschuldung. Ausser Griechenland hatte kein Staat Geld verschleudert. Und diejenigen, die nun die Strafe traf, waren nicht die, welche die Party gefeiert hatten: Während mit Hunderten Milliarden Euro Banken ausgekauft und Börsen gestützt wurden, wurden Millionen Jobs gestrichen. Und dazu Renten, Krankenhäuser, Löhne, Schulen.
Denn die Austerität war nicht nur intellektuell ein Debakel: Irland, Spanien, Portugal wurden in die Massenarbeitslosigkeit gespart, weitgehend sinnlose Opfer, bei wachsenden Schulden.
Am härtesten traf es die Griechen. Als die Troika mit ihren Programmen begann, rechneten sie mit einem Einbruch von 0,3 Prozent. Was passierte, war der Zusammenbruch einer Wirtschaft, den man sonst nur im Krieg sieht: 25 Prozent.

Berichterstattung zu Griechenland: Im Dschungelcamp der deutschen Medien 

[...] war es Wahnsinn, dass man fünf Jahre mit verschiedenen griechischen Regierungen verhandelt und "Hilfsprogramme auflegt" - und kaum kommt eine Regierung an die Macht, die deshalb gewählt wurde, weil die "Hilfsprogramme" eben nicht funktioniert haben, wird diese Regierung dafür verantwortlich gemacht, dass sie in ein paar Monaten nicht geschafft hat, was die Nussknacker von der EU in fünf Jahren Verhandlungen nicht hinbekommen haben - die Entmachtung der korrupten Eliten zum Beispiel oder ein funktionierendes Katasterwesen? (Georg Diez, SPON 3.7.15)
Von der philosophischen Ebene:
S. Zizek: Was ist jetzt noch links? (ZEIT Nr.27 S.41)
"Es geht nicht um die Griechen. Es geht um uns alle! [...] Die EU-Mächte stehen für den technokratischen Status quo, der Europa seit Jahrzehnten lähmt."
Dann spricht Zizek von "der eindeutigen und unmittelbaren Tendenz des zeitgenössischen Kapitalismus,  die Demokratie auszuhebeln."

Gesine Schwan rügt Eurozone und IWF, FR 29.6.15
Merkels doppelte Botschaft für Griechenland, ZEIT 29.6.15
Operation geglückt, Europa tot, Nachdenkseiten 29.6.15
Referendum in Griechenland
Habermas: "Warum Merkels Griechenland-Politik ein Fehler ist" und Diskussion, Fontanefan 24.6.15
Mehr EU, weniger EZB und IWF,  FR 23.6.15
Mögliche Griechenland-Pleite: So viel Geld steht für Deutschland auf dem Spiel, SPON
"Die Politik hat sich ins Gefängnis der Märkte begeben", SZ 30.6.15
Joseph Vogl: "[...] wenn totalitär bedeutet, dass ein Regime alle Lebensbereiche erfasst: Ja, dann lässt sich wohl sagen, dass der Finanzkapitalismus totalitäre Dimensionen erreicht hat. [...] Die Frage ist: Will man an dem Weg weiterhin festhalten? Oder könnten neue historische Situationen - zum Beispiel die Finanz- und Wirtschaftskrisen seit 2008 - Richtungsänderungen bewirken?
Faktencheck Griechenland, taz
"Nach dem Scheitern der Verhandlungen wurde Erstaunliches behauptet, vor allem von der EU. Manches stimmt schlicht nicht."



7.11.13

Probleme, über die zu reden sich lohnt

Natürlich redet man über Wulff, Schavan, diesen Fußballmanager, über den Saal, in dem über die NSU verhandelt wird, und und ..., weil man für zwei Tage bis sechs Wochen man ständig über sie hört und liest. Auch über Koalitionsverhandlungen.

Aber auch darüber, weshalb auf jeden Fall zuviel SPD und zuwenig SPD im Koalitionsvertrag stehen wird? Zuviel, weil die CDU-konformen Ziele der SPD "alternativlos" werden (Tina Hildebrandt, ZEIT), und zuwenig, weil die CDU-Alternativen gar nicht erst verhandelt werden (Gesine Schwan, SZ).

Man redet über Fragen, über die es leicht ist, sich eine Meinung zu bilden (Plagiat, Justizirrtum), weil der Zeitgeist sie gerade vorgibt.
Doch wie geht man mit der Frau um, die als Mädchen den Vater zu Unrecht der Vergewaltigung beschuldigt hat und als Frau ihre Lüge zugibt. (ZEIT, 7.11.13) Sie soll ihre "gerechte Strafe" bekommen? Ist aber nicht der Richter schuldiger als das Mädchen, das von seiner Mutter lügen gelernt hat? Doch wie soll der Richter bei Straftaten vorgehen, wo Aussage gegen Aussage steht?  Soll man Gutachter für Irrtümer zur Rechenschaft ziehen? Sollen Richter ihrem Bauchgefühl folgend gegen Gutachter entscheiden?

Rolle der Judenräte: Kollaboration mit den Nazis mit welchen Folgen? (Lanzmanns Film "Der letzte der Ungerechten")

An einem Tag finde ich in den Zeitungen mehr als acht Themen angemessen problematisiert, zu denen ich wochenlang nur Nachrichten und Schnellmeinungen gelesen und vernommen habe. Wie werde ich die verarbeiten?

Auswählen. Zunächst zwei Themen: die Parallelen zwischen Snowden und Büchner und die Notwendigkeit einer Erneuerung der deutschen und europäischen Politik (egal, ob in mutigem Scheiternlassen der Koalitionsverhandlungen oder in einer neuen außerparlamentarischen Opposition). Und von Zeit zu Zeit ein Blick auf eindrucksvolle Problematisierungsversuche zu Fragen, die nicht offenkundig zu den großen Zukunftsfragen gehören.

31.10.13

Thomas Assheuer, das Internet und die Menschenrechte

Thomas Assheuer berichtet in der ZEIT vom 31.10. 13, es habe ein Versprechen gegeben, danach
"schaffe das Internet eine Zone radikaler Freiheit. Hier könne sich der Bürger unbeobachtet bewegen; fern von den Argusaugen des Staates, ohne Polizei, Gesinnungskontrolle und den sanften Terror der Mehrheit, kurz: ohne den großen Anderen, all die unsichtbaren Disziplinarmächte, die den Bürger unter Beobachtung stellen, die sein Reden und Denken regulieren und ihn auf Linie bringen. Das Internet sei ein Geschenk des Himmels, ein machtfreier Raum in der übermächtigen Moderne."

Ich habe im Netz etwas anderes wahrzunehmen geglaubt:
Die ständige Warnung: Wer das Netz kontrolliert, beseitigt das Grundrecht auf Freiheit. Der Staat darf hier nicht Spielregeln setzen, weil er sonst seine Aufgabe, Schutz des Schwachen gegen den Stärkeren, unmöglich machen würde.

Facebook war für mich die Speerspitze derer, die behaupteten und zum Teil wohl auch meinten, da die Privatheit sowieso nicht zu schützen sei, solle man sie bewusst freiwillig aufgeben.

Es war Bundesinnenminister Friedrich, der behauptete, der Schutz der Privatheit und des Briefgeheimnisses sei Aufgabe jedes Einzelnen. Ob er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass Merkel abgehört wurde, wo doch schon Helmut Schmidt seiner Aussage nach (Zeit vom 31.10. 13) ständig davon ausging, dass er abgehört wurde?
Wahrscheinlicher ist wohl, dass Friedrich glaubte, dass der Öffentlichkeit die Kenntnis über die Abhörpraktiken weiterhin vorenthalten werden könne. Zumindest für die Dauer des Wahlkampfs.

Trotz der bei Assheuer folgenden weiteren Absonderlichkeiten. Sein optimistischer Schluss gefällt mir:
"Natürlich könnte man den Teufel aus dem Netz austreiben. Man müsste es nur wollen."

Schon Locke antwortete auf Hobbes Vorstellung von der Unkontrollierbarkeit des absoluten Staates mit dem Konzept  des Gesellschaftsvertrages. Man müsste ihn nur schützen wollen.

Diejenigen, die nur stört, wenn Merkels Handy abgehört wird, gehören leider nicht zu den Verteidigern der Menschenwürde. Die, die gleich darauf verzichten, freilich auch nicht.

Dazu auch: Überwachungsstaat und Geheimdienst

29.10.12

Fördern Organspenden den Mangel an Organspendern?

Axel W. Bauer, Medizinhistoriker, Wissenschaftstheoretiker und Medizinethiker, schreibt am 28.10.12 in der FAS (S.15):
Der "Organmangel ist keine Naturkonstante, sondern eine Folge davon, dass aufgrund von wissenschaftlichen und medizintechnischen Fortschritten mehr transplantiert wird. Man kann daher die Prognose wagen: Je erfolgreicher die Transplantationsmedizin in qualitativer und quantitativer Hinsicht künftig wird, desto größer wird ihr Bedarf an Organen und damit der relative Organmangel werden."

Über Organspender schreibt er:
"Das Interesse an seinen Organen führt zu einer Konzentration auf die Vitalerhaltung dieser Organe über den Zeitpunkt eines menschenwürdigen Sterbens hinaus."

Sein Schluss:
"Einen rechtlichen oder gar moralischen Anspruch auf die Überlassung von fremden Organen, die konstitutiver Teil einer anderen Person waren, kann es um der Würde des Menschen, die auch die Würde des Organspenders mit umfasst, nicht geben. Insofern müssen sich Medizin und Gesellschaft bei allem Fortschrittsoptimismus auf diesem Feld auch künftig in eine gewisse Selbstbegrenzung ihrer Wünsche fügen."

Ein Ausweg aus dem Dilemma wäre, wenn man Wesen mit menschlichen Organen herstellte, die laut gesellschaftlicher Definition keine Menschen wären.
Was das für die Gesellschaft, die solche Definitionen vornimmt, bedeutet, hat Kazuo Ishiguro mit viel Einfühlung in die gutmeinenden Täter und die menschlichen Opfer beschrieben. Zum Roman und zu dem Zusammenhang des Themas mit dem der KZs des Naziregimes habe ich mich hier geäußert.

Ich war schon lange dagegen, ein Organ gespendet zu bekommen, und gegen einen Druck in Richtung Bereitschaft zur Organspende. Bauers Argumentation läuft darauf hinaus, dass aber auch freiwillige Organspende für den Todesfall ausgeschlossen werden sollte, weil sie den Verzicht auf Menschenwürde darstellte.
Ich habe meine hier begründete Bereitschaft zu freiwilliger Organspende nach ca. 30 Jahren, in denen ich einen Organspenderausweis bei mir getragen habe, jetzt beendet.
Dass Organtransplantationen unsozial sind, weil die Organspender nicht selten aus finanziellen Notlagen heraus spenden und die Empfänger hohe Summen für die Organe bezahlen, war mir bekannt. Mit meiner Spende wollte ich einen - zugegebenen minimalen - Beitrag dagegen leisten. Ein menschenunwürdiges Sterben zu provozieren bin ich dafür aber nicht bereit.

Das Thema wird seit 2007 (oder früher?) auf breiter Basis diskutiert. Ich habe nicht den Eindruck, dass den Argumenten von A. W. Bauer schon genügend Aufmerksamkeit geschenkt worden ist.

Mehr Artikel zu dem Thema findet man in meinen Blogs unter dem Suchwort (Tag, Label) "Organspende".
Auf den Gastbeitrag zu diesem Thema möchte ich aber ausdrücklich hinweisen.