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31.1.19

Jugendliche Vorbilder

Der neunjährige Felix beschloss Bäume zu pflanzen gegen den Klimawandel, 1992 sprach die zwölfjährige Severn Cullis-Suzuki vor dem Klimagipfel in Rio, die Teenagerin Malala wagte es, in Pakistan unter den Augen der Taliban für Mädchenbildung einzutreten, der 15-jährige Xiuhtezcatl* machte sich vor den Vereinten Nationen zum Sprecher seiner Generation in Sachen Klimawandel, der 16-jährige Niederländer  Boyan entwickelte eine technische Lösung für das Einsammeln der Plastik  in den Weltmeeren, die 17-jährige Emma initiierte den "March for our Lives" für schärfere Waffengesetze,  der 24-jährige Max Schrems nahm allein den Kampf mit Facebook auf. (Mit 26 Jahren klagte er dann gegen das internationale Safe-Harbor-Abkommen und erreichte, dass der EuGH es 2015 aufhob.)

"Es sind diese jungen Leute, die die Welt anführen werden bei der Schaffung der neuen Zivilisation, die wir so dringend brauchen. Sie arbeiten schon hart daran und suchen Ideen und einer Aktionsagenda. Wenn sie erst einmal wissen, was sie wollen, können sie es viel leichter erreichen, als es vor dreißig Jahren möglich gewesen wäre." So schrieb Muhammad Xunus (seinerseits ein alter, freilich kein weißer Mann)  

Greta Thunberg weiß, was sie will. Seit Jahrzehnten ist bekannt, was gegen den menschengemachten Klimawandel getan werden muss: Kohlendioxidausstoß verringern, Energieverbrauch einschränken. 
Die Politiker der Welt wissen es, reden seit Jahrzehnten darüber und subventionieren "auf Teufel komm raus" Billigflieger, SUVs und andere Energieverschwender.  
Greta hat nicht gewartet, bis alle anderen mitgezogen sind. Sie hat ihren Protest allein angefangen, hat ihn durchgehalten, bis sie internationale Aufmerksamkeit gewonnen hat. 


Xunus schrieb weiter: 
"Die jungen Leute von heute verfügen über beachtliche Mittel für diese große Aufgabe. Sie haben eine bessere Bildung als je eine Generation vor ihnen, sie sind auf den unterschiedlichsten Ebenen global vernetzt dank der digitalen Kommunikation und der Informationstechnologie, die Menschen überall verbindet. Internationale Reisen, Studierendenaustauschprogramme, Praktika und Netzwerkkontakte durch soziale Medien haben vielen von ihnen geholfen, über alle Grenzen von Nationalität, Rasse und Religion hinweg Freundschaften zu schließen.
Die jungen Leute von heute haben nur eine undeutliche Vorstellung von der Welt, in der sie leben wollen. Aber Ihnen ist klar, dass weder die wissenschaftliche noch die politische Welt es geschafft hat, Ihnen eine Roadmap für die bessere Welt zu geben, die sie suchen, und ihn dann auch nicht die Werkzeuge an die Hand gegeben haben, die sie zur Gestaltung ihrer eigenen Roadmap brauchen." (Ein anderer Kapitalismus ist machbar, S.159)
Xunus wagte es, aufgrund (oder trotz?) seiner Lebenserfahrung zu schreiben:
"Alle Menschen sind geborene Unternehmer." (S.92)

Greta Thunberg teilt diesen Optimismus  nicht ("Hast du Hoffnung? Nein."), aber sie handelt. Ihre Mutter hat ihretwegen ihre Karriere unterbrochen (oder aufgegeben?), ihr Vater begleitet sie bei ihren tagelangen Bahnreisen (weil sie sich weigert, mit Flugreisen ihre Glaubwürdigkeit zu gefährden).
Ohne ein Umfeld, das sie bei der Entwicklung ihrer Vorstellungen unterstützt hat, hätte auch Greta nicht gehandelt. Ohne solch ein Umfeld hat auch Büchner nicht mit 20 Jahren den Hessischen Landboten geschrieben. Ohne ein Umfeld hätte auch Sophie Scholl nicht den Widerstand gewagt, für den sie mit 21 Jahren hingerichtet wurde. 

Zum Glück ist über die - nach ihrer Aussage schüchterne - Greta "nur" ein Shitstorm hereingebrochen. Noch wird sie nicht wie Edward Snowden und Julian Assange international verfolgt. (Und selbst Trump, der sich gewiss furchtbar über sie ärgert, wird sich wohl hüten, es zu versuchen.) Freilich, ein Shitstorm ist auch für Erwachsene kaum auszuhalten. (Es ist zu hoffen, dass ihr Umfeld sie so halbwegs davor bewahren kann. Sicher hat man sie davor gewarnt und sie ist wohl auch klug genug, sich ihm nicht ungeschützt auszusetzen.) 

Es gibt diese jugendlichen Vorbilder. Wir Erwachsenen sollten mithelfen, dass die Jugendlichen unserer Umgebung nicht nur die Influencer von Youtube kennen.*

Wenn wir feststellen, dass viele Jugendliche bei den Freitagsdemonstrationen mitlaufen, die den Freitagsunterricht dringend gebrauchen könnten, sollten wir bedenken. Ohne unbedarfte Anhänger konnte selbst der erfolgverwöhnte Milliardär Trump sein Ziel nicht erreichen. Wie sollte Greta die Weltöffentlichkeit wachrütteln, wenn sich nicht viele von ihr inspirieren lassen, auch ohne so uneigennützig zu sein wie sie. 
Und wenn man weiß, wer hinter den Schülerstreiks steht, weiß man auch, dass das keine Schulschwänzer sind, sondern Klimaaktivisten, die verhindern wollen, dass Greta letztlich erfolglos bleibt und zur Märtyrerin wird. 

* Hier die erste öffentliche Rede des 6-jährigen Xiuhtezcatl

*Der Unterschied dieser Vorbilder zu den auch recht jugendlichen Gründern von Microsoft, Google und Facebook ist, dass sich primär soziale Ziele* setzen, nicht technologische oder individuelle (z.B. Weltumseglerinnen) oder gar von Eltern aufgezwungene (wie manche Eislaufkinder).
*Sieh Social Business im Unterschied zu profitmaximierenden

19.1.14

An einen Lehrer in Ausbildung

oder korrekter und reichlich steif: Ratschläge für LuLs in der Ausbildungsphase

Brecht [Es war Arfried Astel - sieh Kommentare] hat einmal gesagt: "Ich hatte schlechte Lehrer. Das war eine gute Schule."
Das kann man umformulieren in: "Ich hatte schlechte Ausbilder. Das zwang mich, meine eigene (auf mich zugeschneiderte) Konzeption zu entwickeln."

Dabei kann man heute als Lehrer in Ausbildung ja nicht behaupten, man hätte keine Vorbilder. Selbst wenn man in der gesamten Ausbildungsphase nie ein Vorbild entdecken können sollte, auch nicht unter den ebenfalls in Ausbildung befindlichen Kollegen, so kann man über Blogs die unterschiedlichsten Typen in den unterschiedlichen Entwicklungsstufen ihrer pädagogischen Karriere kennen lernen und sich an ihnen zu orientieren versuchen.
Hier könnte ich viele Beispiele nennen, nenne aber zunächst nur einen Beitrag von Lisa Rosa*: Lernen auf individuellen Königswegen. Ich selbst finde vieles falsch, was sie schreibt, und vieles goldrichtig. (Das scheint anderen* auch so zu gehen.)
Jean-Pol Martin* hat das Problem für sich - und andere - so gelöst, dass er gar nicht mehr unterrichtet hat, sondern die Schüler unterrichten lässt. Das hat Schule gemacht.
Liegt dabei nicht aber auch eine Gefahr? Richtig, aber ...

Das beste Vorbild ist vielleicht das, das einen dazu anregt, alles anders zu machen als das Vorbild.

Es gibt dafür ein historisches Beispiel, das das so deutlich exemplifiziert, dass es erfunden zu sein scheint:

Sokrates, der Lehrer Platos, sagte: "Ich weiß, dass ich nichts weiß." Sein Schüler Plato war davon überzeugt, so viel zu wissen, dass er der glaubte, der bestmögliche Politiker zu sein ("die Philosophen Könige"). Platos Schüler Aristoteles fand dessen Ideenlehre so falsch, dass er sich ganz der Realität zuwandte. Kaum hatte er das getan, hielten sich seine Schüler nur noch an seine Lehren und nicht mehr an die Realität.

Irgendwo in dieser Reihe hat die Methode freilich nicht funktioniert. Deshalb: Das beste Vorbild ist vielleicht das, das einen dazu anregt, alles anders zu machen als das Vorbild.

*Für die, die sich mit Twitter nicht auskennen: Bei der Twitterseite einer Person ist meist der Blog verlinkt, auf dem man die Person anders (besser?) kennen lernt als aus ihren Tweets.

Wer statt einzelnen Vorbildern gleich ein ganzes Kollektiv als Vorbild haben will, kann sich ans #EdchatDE halten. Ich würde freilich sagen: Vorsicht: In solche Diskussionen steigt man besser erst ein, wenn man sich schon eine Meinung gebildet hat und sie weiter entwickeln will. 

1.11.12

Motivation durch Bindung an eine Bezugsperson

Man weiß, dass Säuglinge und Kleinkinder sich an eine Bezugsperson binden. Berühmt sind die Berichte von Konrad Lorenz über die Graugans, die auf ihn "geprägt" wurde und für die er die "Mutterrolle" übernahm.

Linda Tutmann berichtet in ZEIT online von jugendlichen Flüchtlingen, die ohne jeden Familienkontext in Deutschland eintreffen und für die beste Lernvoraussetzungen geschaffen werden sollen.
In der Lernforschung gibt es eine Theorie, die oft unter dem Stichwort »Lernen durch Bindung« zusammengefasst wird. Besonders in der Frühförderung, so hat die Wissenschaft herausgefunden, ist eine stabile emotionale Bezugsperson wie zum Beispiel die Mutter oder ein Erzieher entscheidend dafür, wie sich ein Kleinkind entwickelt. Aber auch in der Schule wird mehr und mehr die Persönlichkeit der Lehrer oder Schulleiter in den Fokus der Forschung gerückt. Lernen braucht Persönlichkeit, das glauben viele. Es gibt Neurobiologen wie Joachim Bauer, die sagen, dass die stärkste Motivationsquelle für junge Menschen ein anderer Mensch ist. »Dadurch dass die Kinder alleine nach Deutschland kommen, brauchen sie umso mehr ein Vorbild, jemanden, der die emotionale, soziale und kulturelle Lücke schließt«, erklärt der Migrationsforscher Anderson. Eine ganzheitliche Förderung sei wichtig, die Lehrer müssten wissen, woher der Schüler komme, seine Situation kennen, seine Probleme, seinen kulturellen Hintergrund.
Diese Flüchtlinge, berichtet sie,  "sprechen kaum oder gar kein Deutsch, manche sind durch die Flucht traumatisiert und leben ohne ihre Familie in einem fremden Land. Manche von ihnen können besser mit einer Kalaschnikow umgehen als mit dem Alphabet ihrer Muttersprache."

Woher soll ihre Motivation kommen?
Michael Stenger, der erfolgreich mit diesen Flüchtlingen arbeitet, meint über sich selbst:
»Ich bin ein Motivationskünstler.« Zu seinen Schülern sagt er Sätze wie diese: »Ihr seid die Zukunft Deutschlands. Ihr seid wichtig für die Gesellschaft.«

Der vollständige Artikel von  Linda Tutmann in ZEIT online enthält weit mehr zum Thema Flüchtlinge. Hier habe ich das zusammengestellt, woraus man erkennen kann, dass er eine Art Gastbeitrag zu unserem Thema "Wie motiviert man Unmotivierte?" ist.