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23.11.24

Deutungshypothese - ein kluger Text, den ich weiter empfehlen kann

Der Begriff "Deutungshypothese" ist fragwürdig. Nach dem folgenden Text braucht man sich kein Gewissen mehr daraus zu machen, wenn man ihn fragwürdig findet. 

 https://www.herr-rau.de/wordpress/2024/11/darfs-ein-bisschen-mehr-epistemie-sein-die-deutungshypothese.htm

Wie damals über die "Normenbücher" wird die Zeit über ihn hinweggehen. Ich habe den Begriff "Normenbücher" im Zusammenhang mit Bildungsstandards über keine Suchmaschine mehr gefunden. Selbst den Begriff "Hornochse" nicht in meinem Blog, obwohl ich in Erinnerung habe, dass ich damals Enzensbergers Aufsatz von 1976 als befreiend gefunden habe.

Wohl aber Enzensbergers Reaktion auf das damalige Verständnis von Interpretation:

"Geradezu zwangsläufig, dass er den Deutschlehrern ins Stammbuch schreiben musste, nicht mit »dem Getrampel von Hornochsen« voranzugehen und „wehrlose Menschen“ nicht zu zwingen »den Mund aufzusperren und ein Gedicht hinunterzuschlingen«, auf das sie keine Lust haben. Und noch einmal Hans Magnus Enzensberger, der resümiert, was er uns zuliebe vielleicht besser nicht getan hätte: »Die Lektüre ist ein anarchischer Akt. Die Interpretation, besonders die einzige richtige, ist dazu da, diesen Akt zu vereiteln«."

http://www.perspektiven-der-germanistik.de/files/Vortrag_Karl_Track.pdf


27.4.10

Wörterleuchten

"Willst du in meinem Himmel mit mir leben, So oft du kommst, er soll dir offen sein." - "Hier geht es um Betrug."
"Sah ein Knab ein Röslein stehn, ..." - "Es ist ein schauerlich barbarischer Gesang. Schönheit und Schändung sind darin gepaart, so selbstverständlich, als handelte es sich um ein Weltgesetz."
"Die Magier kamen, doch keiner verstand Zu deuten die Flammenschrift an der Wand." - "Wunderbar, wie hier des Lehrers eigenstes Medium zur Apotheose findet. Die Tafel an der Wand, auf die er selbst täglich die Wahrheit in hellen Zeichen setzt, an der von seiner Hand erscheint, was gilt und was Gesetz ist und notfalls ein Strafmaß festhält, sie wird zum numinosen Ort verklärt, ..."
"Gestern liebt' ich, Heute leid' ich, Morgen sterb' ich: Dennoch denk' ich ..." - "'Dennoch denk' ich' - man kann das auch isoliert lesen. Dann wird das Denken, der höchste Akt des vernünftigen Menschen, zum Zeichen seiner Unanfechtbarkeit. Und weil es ein Denken an die Liebe ist, fügt sich zum Intellekt das starke Gefühl. Der Einklang beider macht den ganzen Menschen."
"Da streiten sich die Leut herum Oft um den Wert des Glücks, ..." - "eine harte Philosophie. Hier ermöglicht sie [...] das Äußerste, was Philosophie überhaupt erreichen kann, die vorsichtige Freundschaft mit dem eigenen Tod."

Man braucht mit Peter von Matts Deutungen nicht immer übereinzustimmen. Sie bieten immer wieder einen unerwarteten, neuen Blick auf vertraute Gedichte, so dass diese in neuem Licht Konturen preisgeben, die sonst verborgen bleiben.
Es ist ein Buch, das man als kleine Literaturgeschichte lesen könnte und das mir die Unvollständigkeit meiner kleinen Literaturgeschichte von vertrauten und geliebten Gedichten aufgezeigt hat. Ja, es hat meiner Sammlung einige neue Gedichte hinzugefügt (nicht das Heidenröslein oder Belsatzar, eher das "Willkommen" von Lenz, eines Scheiternden, an die Tochter der gescheiterten Cornelia Goethe).
Es ist auch ein philosophisches Buch über Wahrheit, Ich, Liebe, Glück, Schönheit, Tod ...