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1.9.14

Wer wäre schuld an einem kommenden Krieg der NATO gegen Russland?

Dieser Artikel wurde auf Fonty entworfen und ist auch dort zu finden.

Die Frankfurter Rundschau titelt: Zieht Putin in den Krieg?
Die Bildzeitung:  Greift Putin nach Europa?

Wir wissen, wie man Ängste schürt und Schuldzuweisungen vorbereitet.

Die NATO wird nicht der Alleinschuldige sein. Aber der Nachweis, dass die Ukraine vor unbedachten Schritten zurückgehalten worden ist*, dürfte inzwischen nicht mehr zu führen sein.

Es sind nicht Schlafwandler, die Putin herausfordern, sondern Akteure, die den fehlenden Willen, die einzigen Machtmittel einzusetzen, die sie haben, durch forsche Worte zu ersetzen versuchen.

Weil der europäische Entscheidungsprozess so transparent ist, lässt sich deutlich erkennen, dass es in der EU keine Entscheidung für scharfe Sanktionen geben wird. Deshalb klingen starke Worte umso hohler, je schärfer sie formuliert sind. 
Desto größer muss die Angst in den jetzigen NATO-Staaten werden, die ehemals zum Machtbereich der Sowjetunion zählten.

Stephen F. Cohen hat die Lage schon im Juni so analysiert*:





§ The epicenter of the new Cold War is not in Berlin but on Russia's borders, in Ukraine, a region absolutely essential in Moscow's view to its national security and even to its civilization. This means that the kinds of miscalculations, mishaps and provocations the world witnessed decades ago will be even more fraught with danger. [...]

§ An even graver risk is that the new Cold War may tempt the use of nuclear weapons in a way the US-Soviet one did not. I have in mind the argument made by some Moscow military strategists that if directly threatened by NATO's superior conventional forces, Russia may resort to its much larger arsenal of tactical nuclear weapons. [...]
§ Yet another risk factor is that the new Cold War lacks the mutually restraining rules that developed during the forty-year Cold War, especially after the Cuban missile crisis. Indeed, highly charged suspicions, resentments, misconceptions and misinformation both in Washington and Moscow today may make such mutual restraints even more difficult. The same is true of the surreal demonization of Russia's leader, Vladimir Putin—a kind of personal vilification without any real precedent in the past, at least after Stalin's death. (Henry Kissinger has pointed out that the "demonization of Vladimir Putin is not a policy; it is an alibi for the absence of one."* I think it is worse: an abdication of real analysis and rational policy-making.) [Die Hervorhebung des Kissingerzitats stammt von Fonty] -  Patriotic Heresy vs. the New Cold War, Stephen Cohen am 28.8.14 in The Nation*

*Nato sieht Ukraine bereits als Verlierer des Konflikts, Spiegel online 1.9.14


* Die Dämonisierung Wladimir Putins ist keine politische Strategie; sie ist ein Alibi für die fehlende Strategie. 

* Kurzfassung des gesamten Artikels auf Deutsch von den Nachdenkseiten (1.9.14).
  • Cohen hält die Situation von heute für ähnlich gefährlich wie bei der Konfrontation der USA mit der Sowjetunion bei der Kubakrise. Ein Krieg zwischen der NATO, geführt von den USA, und dem heutigen Russland ist nicht mehr unvorstellbar.
  • Sanktionen heizen die Eskalation an.
  • Er wendet sich gegen die Dämonisierung Putins und macht darauf aufmerksam, dass damit kritischer zu betrachtende Kräfte in Russland gestärkt und gefördert werden.
  • Die Dämonisierung Putins führt außerdem dazu, dass die USA einen wichtigen Partner im Kreml bei der Verfolgung vitaler US-amerikanischer Sicherheitsinteressen verlieren – vom Iran, über Syrien bis Afghanistan.
  • Interessant und wichtig die Beobachtung: Anders als beim letzten kalten Krieg gibt es keine effektive amerikanische Opposition zu diesem – nicht in der Administration, nicht im Congress, nicht bei den etablierten Medien, nicht in den Universitäten, den think tanks und der allgemeinen Öffentlichkeit. Diese Beobachtung kann man mit gutem Recht auf Europa übertragen. Auch hier sind zumindest in den etablierten Medien, in den Parteien und in der Wissenschaft die Gegner eines neuen kalten Krieges in der Minderheit. Vielleicht sind die deutsche und Teile der europäischen Öffentlichkeit anders orientiert.
  • Cohen berichtet von der Stigmatisierung und der Aggressivität, denen Gegner der herrschenden Politik ausgesetzt sind. Das ist eine neue Erscheinung.
  • Er nimmt in seinem Text fünf Trugschlüsse/Irrtümer (fallacies) auseinander.
  • Und dann beschreibt er drei Alternativen zur Lösung bzw. weiteren Entwicklung der Krise um die Ukraine:
  • Erstens, die Krise eskaliert und zieht russisches und NATO-Militär in die Auseinandersetzung ein. Das wäre die schlechteste Entwicklung.
  • Zweitens: die jetzige de-facto-Teilung der Ukraine mündet in zwei ukrainische Staaten. Das wäre nicht das beste Ergebnis, aber auch nicht das schlechteste.
  • Drittens, die beste Entwicklung aus der Sicht von Cohen: Erhaltung der vereinigten Ukraine, auf der Basis vertrauensvoller Verhandlungen zwischen den Vertretern aller Regionen einschließlich der Rebellen im Südosten und unter der Aufsicht von Washington, Moskau und der Europäischen Union.
Putins militärisches Vorgehen gegen innere Gegner im 2. Tschetschenienkrieg war sicher fragwürdiger als das der ukrainischen Regierung gegen die Separatisten in der Ostukraine. Es geht nicht darum, die dort begangenen schweren Menschenrechtsverletzungen zu verharmlosen. Aber der Tschetschenienkrieg wurde im Westen allgemein verurteilt, das militärische Vorgehen der ukrainischen Regierung dagegen ermutigt. 

Hat im Unterschied zur NATO Putin eine Strategie?
Nach Ansicht der Russlandexpertin Sabine Fischer nicht. In einem Spiegelinterview (vom 29.8.14) erklärte sie:
Eine Besetzung oder Einverleibung der Ostukraine ist aus meiner Sicht nie Teil des russischen Plans gewesen. Wenn man überhaupt von einem Plan sprechen kann. Es geht um die Wahrung von Kontrolle. Russland lässt sich dabei immer tiefer hineingleiten in den Konflikt. Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass die eskalierte Situation jetzt genutzt wird, um eine Landverbindung mit der Krim herzustellen.
Neuere Meldungen: 
Tweets zu #Ukraine
Putin stellt Lösung bis Freitag in Aussicht, Spiegel online 3.9.14
Kiew lehnt Putins Sieben-Punkte-Plan ab, Spiegel online 3.9.14
OSZE gibt Details des Minsker Abkommens bekannt, ZEIT online 7.9.14
Signal an Moskau: USA und Ukraine provozieren mit Manöver im Schwarzen Meer, Spiegel online 8.9.14




Über den Umgang mit Kritikern an Putins Propaganda (8.9.14)
Andrej Makarewitsch erklärte:
Wie einst in der Sowjetunion seien Medien und Gesellschaft gleichgeschaltet, Russland leiste sich jetzt eine Konfrontation mit dem Rest der Welt: "Wir haben nichts gelernt, das ist schrecklich."
In der vergangenen Woche veröffentlichte Makarewitsch einen kurzen Clip auf YouTube. "Mein Land hat den Verstand verloren", heißt es da. "Aber ich kann ihm nicht helfen."
Quelle: Propaganda im Ukraine-Konflikt: Intellektuelle fliehen aus Putins Russland, Spiegel online 8.9.14

Offenbar wird von beiden Seiten ein intensiver Propagandafeldzug betrieben. Noch aber besteht die Hoffnung, dass der Konflikt durch Verhandlungen beigelegt werden kann.

28.8.14

Moralische Verpflichtung zu Waffenlieferungen?

Dieser Artikel wurde im Blog Fontanefans Schnipsel entworfen und bleibt dort unter seinem ursprünglichen Titel auch weiterhin stehen.

Angesichts des Menetekels des Ersten Weltkieges, der augenblicklich intensiv diskutiert wird, und angesichts des Scheiterns der (angeblich?) humanitären Interventionen  in Afghanistan und im Irak sowie der katastrophalen Ergebnisse der Förderung von Bürgerkriegsparteien in Libyen und Syrien entdecken die Deutschen für sich "The White Man's Burden".




"Ergreift des weißen Mannes Bürde
die bestialischen Kriege des Friedens"

Dies Gedicht schrieb Kipling 1899, weil viele Amerikaner der nach dem Spanisch-Amerikanischen-Krieg von 1898 einsetzenden imperialen Ausdehnung zögerlich gegenüber standen.
Im Endeffekt lief  "The White Man's Burden" darauf hinaus, dass Zigtausende von Soldaten aus den Kolonien den Opponenten des Ersten Weltkrieges helfen mussten, ihre Schlachten zu schlagen. So wie Deutschland sich "am Hindukusch verteidigt"* hat, durften indische Soldaten in europäischen Schlachten verbluten.
Es ist nicht so, dass die Katastrophe des Ersten Weltkrieges überraschend hereinbrach. Nach wiederholten Friedenskongressen im 19. Jahrhundert kam es ab 1890 zu einer Serie von Weltfriedenskongressen. Für 1914 war ein weiterer geplant. Wegen des Krieges musste er ausfallen.

Gegenwärtig ziehen sich die Europäer aus den Kriegseinsätzen, in die sie sich überstürzt hinein begeben hatten, wiederum überstürzt zurück.
Dafür haben sie jetzt Waffenlieferungen in Krisengebiete als angeblich sinnvolles Mittel der Friedensstiftung entdeckt. Eine jahrzehntelange Tradition soll abgebrochen werden. Und angesichts der erdrückenden Mehrheit der Großen Koalition scheut man sich sogar nicht einmal, diesen Wahnsinn durch das Parlament absegnen zu lassen. Ja sogar in der Opposition entdecken manche Grüne den "Charme" von Waffenlieferungen zur Sicherung wichtiger Ölfelder. Noch hat die Bundeswehr ja nicht genügend Drohnen, um so etwas ohne Stellvertreterkrieger erledigen zu lassen.


*"Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt", betonte Verteidigungsminister Peter Struck (Dirk Eckert 13.12.2002)

Helmut Schmidt über die Responsibility to protect ("Schutzverantwortung"): "Ein schlimmes Schlagwort, das zwar idealistisch klingt, aber zugleich den Vorwand für Interventionen in dritte Staaten liefert." (ZEIT, 28.8.14)


Anhang:

16.9.11

Joschka Fischer "I'm not convinced"

Joschka Fischers zweiter Band der Erinnerungen an die Regierungszeit der rot-grünen Koalition und an seine Zeit als Außenminister steht unter der Überschrift "I'm not convinced. Der Irakkrieg und die rot-grünen Jahre."
Damit erinnert er an seinen bekannten Ausspruch bei der Münchner Sicherheitskonferenz 2003, wo er darauf hinwies, dass die Argumente für einen Krieg gegen den Irak ihn nicht überzeugten (hier ein Mitschnitt).

Seine Erinnerungen sind wieder sehr lebendig dargestellt. Freilich hätte man sich gewünscht, dass er seinem Lektor etwas mehr Freiheit gelassen hätte bei der Beseitigung von grammatischen Schludrigkeiten (Adverbien statt Adjektive, seitenweise Konjunktiv II, wo Konjunktiv I stehen müsste). Doch sprachliche Korrektheit ist nicht das, worauf es bei einem solchen Buch ankommt.

Mir scheint interessanter, was er über Geschichte sagt. Er erklärt in Anklang an Fukuyamas "Ende der Geschichte" , es gebe in der westlichen Welt eine "postmoderne Form der Geschichte" und führt dazu aus:
"Geschichte begegnet uns heute, in den reichen und saturierten Gesellschaften des Westens, kaum noch in der klassischen Form, d.h. als Krieg, Revolution [...]. Heute dominiert daher die postmoderne Form der Geschichte, d.h. historische Zäsuren und Brüche nehmen keine gewaltsame Form mehr an [...] und können daher in der Tagespolitik alltagstauglich verdrängt werden." (S.354)
Mit Verlaub, Herr Fischer, I'm not convinced. Die "reichen und saturierten Gesellschaften des Westens" sind sehr wohl noch in Kriege verwickelt. Das sollte der Außenminister, der den ersten deutschen Angriffskrieg nach 1945 mit zu verantworten hatte (den Nato-Angriff auf Serbien) am besten wissen. Oder zählen bei ihm die Angreifer nicht zu den Kriegsbeteiligten, sondern nur die Länder, auf deren Boden der Krieg geführt wird?
So grotesk diese Logik erscheint, sein energisches Eintreten für eine Beteiligung Deutschlands am Nato-Einsatz gegen Libyen macht einen glauben, dass er tatsächlich diese Ansicht vertritt.
Darf ich mit den Worten von Maritta Tkalec (FR vom 16.9.11) daran erinnern:
"dass seit März 50 000 Menschen starben in einer Aktion, die angeblich dem Schutz von Menschenleben diente?"
Daran, dass die mit Gadhafi abgeschlossenen Verträge über Erdöl- und Erdgaslieferungen sofort wieder aufgegriffen wurden?
Und - jetzt wieder mit Tkalecs Worten: "Derweil errichtet die neue Macht ein Regime auf Scharia-Basis. Adieu Frauen- und andere Menschenrechte. Für deren Durchsetzung fallen anderswo Bomben."

Wenn Fischer das "alltagstauglich verdrängt", tut das seiner psychischen Gesundheit sicher gut.
Nur sollte er seine Verdrängungen nicht als Basis für politisches Handeln empfehlen.

7.7.09

Als das Wünschen noch geholfen hat ...

Es war einmal ein junger Kerl, der ließ sich als Soldat
anwerben, hielt sich tapfer, und war immer der vorderste
wenn es blaue Bohnen regnete. Solange der Krieg dauerte,
gieng alles gut, aber als Friede geschlossen ward, erhielt
er seinen Abschied ...

nachzulesen bei den Brüdern Grimm. Wer will, darf mit korrigieren.

In der Tat durften Offiziere ihre Soldaten immer wieder mal entlassen und für sie den Sold einkassieren. Die Soldaten mussten sich dann als Tagelöhner durchschlagen.