25.11.18

ZUM-Treffen am 24./25.112018

Die ZUM war 1997 Vorreiter, als sie Unterrichtsmedien im Netz sammelte und allgemein zur Verfügung stellte. Als die Wikipedia eine ganz neue Form, Wissen zu sammeln und zu präsentieren, entwarf, schuf die ZUM das ZUM-Wiki, das allen interessierten Lehrern – und auch Schülern – die Mitarbeit an Unterrichtsmaterialien ermöglichte. Dann entwickelte sie das ZUMpad, das von so vielen Schulen eingesetzt wird, dass manche gar nicht einmal wissen, wer Ihnen das Instrument zur Verfügung stellt.
 Am 24.11.2018 ist nun eine neue Entwicklung ins Netz gegangen: ZUM-Unterrichten.
Statt einer Materialsammlung steht Lehrern jetzt ein Angebot von Unterrichtsprojekten und Bausteinen zum Selbstlernen zur Verfügung. Das war möglich, obwohl in diesem Jahr jeder Verein mit der DSGVO zu tun hatte, ganz besonders aber ein Verein, der wie die ZUM seine Arbeit ganz auf das Internet abgestellt hat.
Und trotz dieser Doppelbelastung hat die ZUM nur wenige Tage zuvor auch das Ergebnis des bundesweit und international beschickten Wettbewerbs "Erinnerung sichtbar machen" vorstellen können, der wesentlich von dem ZUM-Mitbegründer Karl-Friedrich Fischbach getragen wurde.
Statt sich auf diesen doppelten Erfolg zu konzentrieren, engagierte die ZUM zu ihrem Jahrestreffen 2018 einen Referenten für das Thema Digitalisierung in der Schule *(Kai Wörner) [Link zu den Folien], der am Beispiel einer Pilotschule aufzeigte, wie Schule fruchtbar so auf Computer- und Internetarbeit umgestellt werden kann, dass Arbeitsergebnisse fast durchweg multimedial präsentiert werden können.
Parallel fördert die ZUM die Weiterentwicklung des Kinderlexikons Klexikon zu einem neuen online Nachschlagewerk in einfacher Sprache.
An die Vielseitigkeit der ZUM und ihre Ausstrahlung über Deutschland hinaus bin ich schon lange gewöhnt, aber dass wir einen neu gewonnenes Mitglied aus Israel begrüßen konnten, fand ich doch sehr bemerkenswert. Ausgangspunkt für gemeinsamer Arbeit war in diesem Fall das ZUM-Willkommen Wiki, das die ZUM der Initiative von Karl Kirst und Ralf Klötzke verdankt.
Aber in einem ist die ZUM sich seit vielen Jahren gleich geblieben. Bei jedem Treffen fühle ich mich wie zurückgekehrt in meine Heimat. Alle neuen Gesichter ändern nichts daran, dass man in eine Atmosphäre gegenseitigen Wohlwollens eintaucht, in der alle für neue Wege aufgeschlossen sind.

Zum Schluss darf ich ergänzend aus dem vorläufigen Kurzbericht der Vorsitzenden der ZUM, Mandy Schütze, zitieren:
"Weitere Projekte, auf die im Rahmen des Rechenschaftsberichts des Vorstandes verwiesen wurden, sind u.a. die über 10.000 Hefte der Mieze Mia, die von Florian Emrich gedruckt und verkauft wurden und nun in Haushalten mit Grundschülern das ZUM-Logo tragen, sowie die Wortmaus, ein Online-Wörterbuch, auf das schon ein erster Blick geworfen werden kann. Daran wird im kommenden Jahr intensiv gearbeitet."

Der offizielle Bericht folgt demnächst auf dem ZUM-Blog.

* Eine Kritik an der Digitalisierung der Schule (ohne Untersuchung von Unterrichtsprojekten, die Befürworter der Digitalisierung für vielversprechend halten - wie sie z.B. in Wörners Vortrag vorgestellt werden)

Allgemeine Probleme bei der Digitalisierung in der Schule

Meine persönliche Sicht der Digitalisierung der Schule (Kurzform der Argumentation: Bevor man 5 Milliarden für Hardware und Software ausgibt, sollte man erst den Personalmangel zu beheben versuchen und die Qualifizierung des Personals vorantreiben.)

22.11.18

Versöhnen statt spalten

Versöhnen statt spalten ist mein Grundsatz, aber der allein löst nicht jedes Problem.

Es gibt viele Hinweise, dass auf der Welt extreme Armut abgenommen hat und dass in mehr Bereichen, als wir meist glauben, die Erde ein besserer Platz geworden ist.

Aber wachsende Ungerechtigkeit und der Klimawandel (ob menschengemacht oder nicht) drohen all diese Entwicklungen ins Gegenteil zu verkehren. Je früher und energischer die Menschen gegen diese Probleme angehen, desto größer ist die Chance, dass keine Menschheitskatastrophe eintritt.

Deshalb versuche ich, auf diese Probleme hinzuweisen und meine Meinung dazu beizutragen. Ich finde es gut, dass das immer mehr Menschen möglich wird.

Meinungsfreiheit und Demokratie sind natürlich auch nicht ungefährdet. Dazu schreibe ich an anderer Stelle (siehe Links).

15.11.18

80 JAHRE REICHSPOGROMNACHT

ERINNERUNG SICHTBAR MACHEN: 80 JAHRE REICHSPOGROMNACHT 2018

Wie viel Arbeit in die Aufgabe gesteckt wurde und welche Professionalität erreicht wurde, zeigt beispielhaft der Film, dem der 1. Preis zuerkannt wurde:

https://www.zum.de/portal/erinnerung-sichtbar-machen-Willigis-Gymnasiums-Mainz


Mich hat persönlich hat von den Projekten, die ich bisher in Augenschein nehmen konnte, eine überraschende Verbindung zwischen Landau und Anne Frank besonders angesprochen:

Jüdisches Leben in Landau

Aber am besten kommt man immer wieder einmal auf diese Seite zurück, auf der man auf alle Projekte Zugriff hat.



6.10.18

Offener Brief an die Kultusministerkonferenz - erster Entwurf

Was hilft uns das Gerede von den angeblichen abendländischen christlich-jüdischen Werten, wenn wir nicht einmal einen Kern von Grundrechten in der Diskussion zu halten imstande sind? (Wer glaubt daran, dass bei der Kompromisssuche zwischen Seehofer und Merkel auch nur einmal davon die Rede war?)

Wir brauchen einen Kanon von grundlegenden Texten. Es gibt ein evangelisches Gesangbuch mit Regionalteilen und eine erfreulich große Schnittmenge zwischen EG und Gotteslob.
Warum ist es nicht möglich, gute atheistische Texte (Feuerbach, Marx), Passagen aus dem Koran und grundlegende Texte aus dem alten und dem neuen Testament in den allgemeinen Teil eines Schullesebuchs aufzunehmen? (Im Regionalteil von Bayern mögen dann 150 Texte zur Bedeutung des Kreuzsymbols stehen.) Warum können Kants "Was ist Aufklärung?" und Kleists "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden" inzwischen schon geradezu als Geheimtipps gelten?

Artikel 16a des Grundgesetzes wird auf dem Rundgang durch die Grundrechte rings um das Reichstagsgebäude weggelassen. Weshalb lassen wir es zu, dass der Gedanke, man könne die Würde des Menschen, also aller Menschen, um unserer eigenen Menschenwürde willen achten, so ganz aus der Bildungsdiskussion ausgeklammert wird? 

Weil er an der Entwicklung von Kompetenzen hindert? Weil er nicht "fit für die Zukunft" macht?
Auf welche Zukunft soll unsere Bildungswesen vorbereiten?


Eine - entfernt - verwandte Fragestellung:
Wie finden Wissenschaftler das speziell für sie wichtige Wissen?

15.8.18

Nicht Bildung, sondern ein laufend diskutierter und erneuerter Kanon der Allgemeinbildung?

Thomas Kerstan wünscht sich einen solchen Kanon.

Hier begründet er seinen Wunsch:
https://www.zeit.de/2018/34/allgemeinwissen-kanon-globalisierung-digitalisierung-jugend-bildung/komplettansicht
"[...] Mein Kanon entspricht nicht der reinen Lehre, gewiss. Er ist angreifbar, er macht mich angreifbar. Einen Kanon entwerfen heißt nämlich immer auch: zeigen, wer man selbst ist. Aber er schafft Unterhaltung und Austausch. Und gegenseitiges Befremden. Und das geteilte Glück über Werke, die alle gleichermaßen bewegen. Gelungen wäre dieser Kanon, wenn wir ihn nicht abarbeiten, sondern immer wieder umbauen. Gemeinsam."

Hier ist Gelegenheit, Vorschläge dafür zu machen:
https://www.zeit.de/gesellschaft/schule/2018-08/allgemeinbildung-kanon-schule-werke

So sehr ich gegen die Vorstellung bin, ein Kanon von Wissen könnte Bildungsziel sein, so sehr hat mich schon seit langem Kanonbildung interessiert.**
Deshalb bin ich auch an diesem Vorstoß interessiert.
Besonders erfreulich: nicht nur künstlerisch-ästhetische und
sprachlich-kommunikative sowie historisch-philosophische Werke sollen aufgenommen werden (wie bei Schwanitz), sondern auch mathematisch-naturwissenschaftliche. Nicht nur schriftliche, sondern auch bildende Kunst und Musik, nicht nur lang bewährte, sondern auch hoch-aktuelle.*

Meine Überzeugung ist, dass es bessere Kriterien für gelungene menschliche Entwicklung gibt als Allgemeinwissen, aber an Anregungen bin ich sehr interessiert. Auch wenn es nie einen allgemein gültigen Kanon geben sollte, ein Nachdenken über einen sinnvollen Kern allgemeinen Wissens ist m.E. immer wieder nützlich. 

Ich schlage daher eine Blogparade zu diesem Kanon vor und nenne hier schon versuchsweise einige kurze Texte/Aufgabenstellungen aus verschiedenen Wissensgebieten, um eine Reihe von Anregungen zu bieten. Ein Hinweis noch vorweg: Gerade bei Kunst geht es nicht um Wissen, sondern um Kennen:

Das Ziegenproblem
Das Milgramexperiment
Kleist: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden
Kafka: Vor dem Gesetz
Kant: Was ist Aufklärung?
Bonhoeffer: Was heißt: Die Wahrheit sagen?
Primo Levi: Ist das ein Mensch?
Claudius: Der Mond ist aufgegangen
Verlaine: Il pleure dans mon coeur
Matsuo Bashō: Das Frosch Haiku
...***

Hier kritisiere und lobe ich einzelne Titel aus Kerstans Kanon und schlage auch andere vor.

*Gut-informierte Personen haben eine völlig überholte Sicht auf die heutige Welt. Bei Faktenwissen geht es daher um aktuelles Wissen und um die Fallen, die uns Wissen vorgaukeln.

Es heißt, Georg Büchners Lehrer hätten gefordert, er solle die Klassiker lesen, statt sich mit nur tagesaktuellen Schriftstellern wie Goethe und Schiller zu beschäftigen.

** Deshalb habe ich z.B. schon einen eurozentristischen Blick auf die Weltgeschichte schon seit Jahrzehnten zu überwinden versucht, deshalb habe ich die Versuche einer Kanonbildung etwa durch die diversen Listen von ZEIT und europäischen Zeitungen mit Interesse verfolgt. 

***Kunstwerke, die man kennen sollte, stehen m.E. nicht selten für Erfahrungen, die man machen sollte*****. Es gibt aber außer den - ganz wichtigen ästhetischen - Erfahrungen auch andere, die wichtig, zum Teil vielleicht noch wichtiger,  sind: Selbstwirksamkeit, Hilflosigkeit, Dankbarkeit (für etwas, was man erhalten hat), Dankbarkeit eines anderen (für etwas, was man gegeben hat), Liebe und geliebt werden (was all die vorher genannten Erfahrungen einschließt), und allein in der Natur sein.# 

      Bei der ursprünglichen Abfassung des Artikels kannte ich Kerstans Kanon noch nicht. Er gefällt mir besser, als ich erwartet hätte. Ich freue mich, einen Teil meines Kanons, den ich hier noch nicht festgehalten habe, zu finden, noch mehr aber über die Anregungen.
Dennoch habe ich natürlich viel daran auszusetzen.
Warum den ganzen Ulysses, und Ilias und Odyssee,  wenn dafür (über dem Fetisch 25% der Titel für jeden "Wissens"-bereich) ungezählte Kulturen unterdrückt werden. Warum nicht ein einziges Haiku, kein Ghasel, nicht wenigstens eine Erzählung (wenn schon kein Roman) von Tolstoi oder Dostojewski? Kann es wirklich sein, dass er Jung Chang als einzige chinesische Stimme zu Wort kommen lässt, von Indien zu schweigen?
Doch mit Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus trifft er eine subjektive Vorliebe von mir so gut, dass ich mich wieder freue über die so subjektive Auswahl. 
Denn der Sinn eines solchen Kanons ist ja der, dass man sich darüber streitet.

*****Kunsterfahrung:"Einmal/ lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht." (Hölderlin)

# Zur Naturerfahrung schreibt Prinzessin Märtha Louise von Norwegen im ZEIT-Magazin vom 16.8.18, S.27: "Oft bin ich auf meinen Lieblingsbaum geklettert, so hoch hinauf, dass kein Erwachsener mir folgen konnte. Der Baum war mein Schutzraum. Die Natur zu spüren und ein Teil von ihr zu sein war wunderbar [...] Die Vorstellung, dass viele Kinder und Jugendliche heutzutage ohne Raum für Tagträume aufwachsen, finde ich beängstigend. Ohne Träume verkümmert unsere Kreativität, wir verarmen innerlich."
Naturerfahrung für Tagträume ist etwas anderes als in der Natur - weitab von jeder Zivilisation. Aber Erfahrung von Natur, die mehr ist als "Pflanzenzoo" innerhalb unserer Zivilisation, kann heutigen Jugendlichen nur noch mit bewusster Anstrengung vermittelt werden. Sie ergibt sich für Smartphonebenutzer nicht mehr von selbst.

Unterrichtsmaterial zum Thema Bildungskanon (ZEIT)
Mehr dazu:
Eine Argumentation dafür, dass alles Wissen nur vorläufig ist.
Ein Beispiel für relevantes Abiturwissen (hier nur für Deutsch)
Sollte man eines der 50 beliebtesten Touristenziele besucht haben?

8.7.18

Eine realistische Weltsicht schließt zwei Aspekte ein

Es gibt unvorstellbar viel Elend auf der Welt und 
für den größten Teil der Weltbevölkerung (und damit für den Durchschnitt der Weltbevölkerung insgesamt) haben sich die Lebensbedingungen verbessert.

Diese These belegt Hans Rosling in seinem Buch "Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist" anhand von Zahlen der Vereinten Nationen, die inzwischen frei zugänglich sind.
Auf der folgenden Webseite hat er diese Informationen so übersichtlich, wie ihm möglich, zusammengestellt:

Anhand von 13 Fragen zeigt er auf, dass - zumindest bis vor kurzem - die Mehrzahl der Menschen, auch der gebildetsten, eine allzu ungenaue Vorstellung von der Weltsituation haben (oder hatten).

Hier die Fragen: http://forms.gapminder.org/s3/test-2018

In Factfulness erläutert er aber auch, aufgrund welcher Tatsachen und instinktiven Denkfehler die Weltsicht der meisten so ungenau ist.

1. Wir wissen, dass es ungeheuren Reichtum auf der Welt gibt und dass z.B. manche Internetkonzerne ungemein profitträchtig sind. Andererseits wird uns immer wieder vor Augen geführt, dass immer neue Kriege entstehen und Katastrophen eintreten, wobei die am Schwersten wiegenden zunächst nur drohen, aber bisher unabwendbar sind. - Wenn wir so reich und arm gegenüberstellen, achten wir wenig auf die überwiegende Mehrzahl der Menschen.
Statt einer Zweiteilung in reich und arm empfiehlt Rosling daher eine Einteilung in vier Einkommensstufen (S.47):
Stufe 1 bis zu 2 US-$ (dazu gehören etwa 1 Mrd. Menschen)
Stufe 2 bis zu 8 US-$ (dazu gehören etwa 3 Mrd. Menschen)
Stufe 3 bis zu 32 US-$ (dazu gehören etwa 2 Mrd. Menschen)
Stufe 4 über 32 US-$ (dazu gehören etwa 1 Mrd. Menschen)

2. Wir gewöhnen uns sehr schnell an Verbesserungen und empfinden Verschlechterungen weit deutlicher. Rosling spricht vom "Instinkt der Negativität". (S.63ff.)
Hier in Deutschland nehmen wir schon eine Abschwächung der Zuwachsrate oder gar eine Stagnation als negativ wahr. Rosling empfiehlt, einen realistischen Blick auf die Zustände 50 Jahre vorher zu wagen und die Vergangenheit nicht zu verklären. 
Denn in den meisten Ländern der Welt ist für die meisten Bewohner der Welt der Lebensstandard angestiegen. 

Falle 3: "Instinkt der geraden Linie" (Nichtberücksichtigung exponentieller Zusammenhänge, Kurven können verschiedene Formen haben) (S. 97ff.)

Falle 4: Angst (Schätzen Sie die Risiken ein.)


Furchterregende Risiken wie Terror oder Flugzeugunglücke sind meist relativ ungefährlich, weil sie nicht oft auftreten. 

Falle 5: Dimension (Setzen Sie die Dinge in Relationen.)

Falle 6: Verallgemeinerung (Hinterfragen Sie Ihre Kategorien.)

Wer vor allem mit einer Kluft zwischen Armen und Reichen auf der Welt rechnet, dem entgehen nicht selten wichtige Geschäftsmodelle. Besser ist es, die Einteilung in weltweite Einkommensstufen  im Blick zu haben.
"Jede Schwangerschaft führt zu einem bis zu zwei Jahre dauernden Ausbleiben der Menstruation. Wenn sie Hersteller von Damenbinden sind, ist das schlecht für Ihr Geschäft. Folglich sollten Sie wissen – und sehr froh darüber sein –, dass Frauen heute weltweit weniger Kinder gebären. Sie sollten auch wissen, dass die Zahl gebildeter Frauen zunimmt, die außer Haus arbeiten, und auch darüber sollten Sie froh sein. Denn diese Entwicklungen haben in den letzten Jahrzehnten einen explodierenden Markt für ihre Produkte geschaffen: Milliarden menstruierender Frauen, die jetzt in Ländern der Stufen 2 und 3 leben.
Aber wie ich bei einer internen Besprechung eines der weltgrößten Produzenten von Sanitärartikeln feststellen konnte, ist dies den meisten Herstellern im Westen völlig entgangen." (S.182/83)

Falle 7:  Schicksal (Langsamer Wandel ist dennoch Wandel.)

Die großen Veränderungen, die sich in den letzten Jahrzehnten in einigen Ländern Schwarzafrikas (z.B. in Ghana) ergeben haben, sind den meisten Menschen in Europa und den USA nicht bewusst. Veränderungen, die Jahrzehnte brauchen, tauchen in den Nachrichten höchst selten auf.  So wurde zwar "der stärkste jemals registrierte Rückgang" der "Zahl der Geburten pro Frau von mehr als sechs Kindern pro Frau im Jahr 1984 auf weniger als drei Kinder pro Frau 15 Jahre später" (S.212) im muslimischen Iran erreicht. Doch: "Über den schnellsten Rückgang der Kinderzahl pro Frau in der Weltgeschichte wurde in keinem der freien westlichen Medien berichtet." (S. 213)

Falle 8: Einzige Perspektive (Legen Sie sich einen Werkzeugkasten zu.)

Falle 9: Schuldzuweisung (Suchen Sie nicht nach einem Sündenbock.)

Falle 10: Dringlichkeit (Machen Sie kleine Schritte.) S.269ff.

Rosling gibt sehr gute Beispiele als Begründung. So hat er in einem Fall, als unklar war, ob bei einer Reihe von Krankheitsfällen eine Vergiftung oder eine Epidemie die Ursache war, für Quarantäne mit Straßensperren plädiert. Das führte zu Panikreaktionen, die über 20 Menschenleben kosteten. (S.270) Bei derEbola-Epidemie hat er deshalb gegen Quarantäne und für Überprüfung der Kontakte der Erkrankten plädiert. Und das hat sich trotz der weit größeren Zahl der Betroffenen bewährt.
Bevor man eine "Patentlösung" weltweit anwendet, sollte man zunächst durch begrenzte Experimente sehr sorgfältig prüfen, was die negativen Folgen dieser Lösung sind. Die gibt es praktisch immer. 

Das schließt nicht aus, dass man sehr ehrgeizige Ziele anstrebt (dazu Bernd Ulrich in der ZEIT: Wie radikal ist realistisch?) - Von großen Zielen reden (Pariser Klimagipfel 2015) und sie in der Praxis verleugnen, ist keine sinnvolle Lösung.

Weitere Hinweise:
Wenn wir extreme Armut bekämpfen, tragen wir damit zur Lösung unserer eigenen Probleme bei:
http://fontyfan.blogspot.com/2018/07/die-wichtigste-politische-aufgabe-zur.html

Einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Weltgesundheit leistet auch die One Health Initiative (m.E. von Rosling angesprochen) , die zur Bekämpfung der Zoonosen, die besonders in den Stufen 1 und 2 viele Opfer fordern, die Zusammenarbeit vieler Wissenschaften, insbesondere Medizin und Tiermedizin fördert und eine gemeinsame Internetplattform für Fachleute unterhält.

10.6.18

Wieder einmal mehr Schläge als Rat?

In der ZEIT Nr.24 vom 7.6.18 zwei Artikel

"Mit Drill erreicht man wenig"

Bildungsforscher Schleicher verkündet: "Wir werden vermehrt jene Kompetenzen in den Blick nehmen, auf die es in Zukunft stark ankommt: Kreativität, Entrepreneurship und Offenheit für Neues." (S.63)

Kreativität und Offenheit für Neues sind schon seit über einem Jahrzehnt die Kriterien, nach denen Universitäten ihre Studenten aussuchen und die sie als Ergebnis eines Studiums anstreben. Das Problem ist nicht, mit welchem Algorithmus man sie misst, sondern wie man sie fördert, während man auf landesweit standardisierte Prüfungen vorbereiten muss.*

* "Are schools asking teachers to “empower” students while micromanaging what teachers do in classrooms?  I am seeing the word “empower” often in school vision and mission statements now, but also see a lot of teachers who feel that at the end of the day, their hands are tied in what they are genuinely able to do.  Is that perception or reality?" 
(georgecouros 8.6.18)

Hier beginnt das Ende der Kreidezeit# (S.61/62)

Jeanette Otto zeigt auf, was Einzelne erreichen, und deutet an, weshalb es nicht an fehlender Technik liegt, wenn Digitalisierung nicht das bringt, was sich Enthusiasten davon erhoffen.

Ausnahmsweise nicht Schwarzweiß und die Ermahnung, sich an das Patentrezept des Autors zu halten, sondern das Bemühen um Differenzierung.
Dass BYOD in einer Klasse mit Hartz IV-Kindern, die kein Smartphone haben, nicht funktioniert, übergeht sie zwar, denn die Beispiele für best practice findet sie an einem Humanistischen Gymnasium und einer Schule, wo man nur das Handyverbot aufzuheben braucht, damit jede(r) mit Smartphone versehen ist. Es braucht ja nicht das neuste Modell zu sein. [Danke! Das hätten die Leser*innen sonst nie gewusst.]
Dennoch ist es immer erholsam, wenn differenziert wird. - Und natürlich hat sie Recht, wenn sie daran erinnert, dass gerade die, die in Spitzenforschung engagiert sind, wissen, dass es auf Lernziele und nicht auf Lern- und Lehrinstrumente ankommt. Dafür braucht man Tablets nicht unbedingt zu verbieten, aber man muss ihren Stellenwert berücksichtigen.

Grundschullehrerausbildung geht vor WLAN! - Aber was will man den Kultusministern vorwerfen, wenn die Bildungsforscher sich mit Lernzielen erst auseinandersetzen, wenn sie skalierbar sind?

Was habe ich übergangen?
Entrepreneurship
Ja, das lassen sich Bildungsforscher von den Unternehmerverbänden als Lernziel vorgeben.
Denn die braucht man, wenn man der Langzeitarbeitslosigkeit entkommen will.
Unternehmer und Staat sind da leider völlig hilflos.

Jetzt habe ich völlig undifferenziert auf Andreas Schleicher reagiert.
Wer behauptet, die heutigen Schulen seien "immer noch nach dem alten Fließbandmodell der Industriegesellschaft" organisiert, macht es schwer, darin das Körnchen Wahrheit zu loben.
Aber der Koordinator der PISA-Studie ist zum Glück auf meine Ermutigung nicht angewiesen.*

Manche Studierende könnten davon allerdings weit mehr brauchen, als ihnen Universitätspädagogik und Lehramtsseminare gegenwärtig bieten können.

*  Wieder schreibe ich undifferenziert. - Die Aussage "Erfolgreiche Bildungssysteme fördern diesen Glauben, etwas bewirken zu können. Weniger erfolgreiche lassen den Verantwortlichen dagegen Raum, anderen die Schuld zu geben, wenn etwas schiefgeht: lernunwilligen Schülern, desinteressierten Eltern, unfähigen Lehrern oder Politikern." verdient meine volle Zustimmung.


Mehr zum Thema:
Schüler sind so gut wie ihre Lehrer SPON 11.6.18

"Berlin hat ein massives Problem. "Es wird schwierig, alle Stellen zum neuen Schuljahr zu besetzen", sagt Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres mit Blick auf den Lehrermangel. Auch andere Bundesländer haben dieses Problem, in Berlin ist es aber besonders drängend: Dort können die freien Stellen in den Klassenzimmern nicht einmal mehr durch Quereinsteiger aufgefüllt werden.
Das wäre möglicherweise auch keine wirklich gute Idee. Das jedenfalls legt die neue Pisa-Auswertung der OECD nahe, die am Montag veröffentlicht wurde. Danach setzen gute Schülerleistungen gut ausgebildete Lehrkräfte voraus - und ob Quer- und Seiteneinsteiger, die mehr oder weniger schnell nachgeschult werden, die notwendige Qualifikation mitbringen, darf nach diesen Ergebnissen bezweifelt werden. [...]"

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