12.1.20

Bernd Ulrich: Alles wird anders. Das Zeitalter der Ökologie

Bernd UlrichAlles wird anders, 2019

Zitate:


"Nur 16 der 197 Länder, die das Pariser Abkommen unterzeichnet haben, haben überhaupt einen nationalen Klimaaktionsplan definiert, um die Zusagen zu erfüllen. Dies geht aus einer Studie vor, die im Vorfeld der UN-Klimakonferenz COP24 im polnischen Kattowitz
Im November 2018 veröffentlicht wurde. [...]
Man darf die Größe der politischen Leistung von Paris gleichwohl nicht unterschätzen. Pathetisch gesprochen: So viel Menschheit waren noch nie. Unglücklicherweise steht die Natur nun nicht etwa staunend daneben und beklatscht dieses komische Ding namens Mensch, das sich da in ihr gebildet hat." (S.35/36)


"Zunehmend zornig macht mich auch die Feigheit der Politik vor den kurzfristigen und kurzsichtigen Profitinteressen einiger Industrien oder dass auch immer da wieder mit vielen Steuermilliarden Technologien aufwändig gefördert werden, wo eine Verordnung durchaus genügen würde [...] Oft macht die Industrie doppelte Gewinne: erst durch ihre Versäumnisse, indem sie Geld für Erneuerung einspart – dann durch staatlich subventionierte Innovation." (S.39)

"Die Regierung baut also tatsächlich die Akzeptanz für eine wirksame Klimapolitik eher ab als auf, eine Politik, die sie selbst beschlossen hat und von der sie sich nicht ohne große Selbstbeschädigung verabschieden kann [...]" (S.53)

"Ist es Zufall oder Notwendigkeit, dass es die westlichen weißen Demokratie ihren bisher nie ohne Ausbeutung anderer Länder, andere Ethnien, der Frauen – und eben der Natur gegeben hat? Kann unser liberales Gesellschaftsmodell existieren, ohne sich mehr Ressourcen zu nehmen als andere und die Erde und die Atmosphäre mehr zu verschmutzen als andere und mehr, als es verantwortbar ist? [...]
 sollten sich westliche Demokratie und Ausbeutung als siamesische Zwillinge erweisen, dann liest sich auch das vergangene Jahrhundert künftig anders." (S.87/88)


Was die heutigen Regierungen sich weltweit leisten, ist "die Verwandlung der Freiheit in Zwänge". (S.157)

"Niemand weiß zurzeit, wie lange diese Zeitzone der Freiheit dauert, aber man weiß, dass es sie gibt. Freiheit hat neuerdings ein Verfallsdatum." (S.160)

"Das Insistieren auf überkommenen Privilegien ist jedoch nicht freiheitlich, es ist feudal." (S.163)
(Anmerkung Fontanefan: Das Wort libertas bedeutete im frühen Mittelalter noch Vorrecht. - Das steht leider noch nicht in der Wikipedia.)

S.165 schreibt Ulrich dem Sinne nach: Alles, was wir heute falsch machen, ist eine Chance, es besser zu machen. Es gibt Tausende von Chancen für jeden einzelnen.

"Die Klassenkämpfe konnten den Kapitalismus nicht brechen, die Klimakämpfe könnten ihn dagegen aus seinem Wahn befreien." (S.182)
(sieh: Naomi Klein: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima)

"Die autoritären Bewegungen [...] sind auch schon Vorboten einer aggressiven Antiklima-Bewegung" (S.194)

"Doch je mehr eine Gesellschaft oder ein Mensch tut, um etwas zu verändern, desto mehr sind sie auch wieder in der Lage hinzusehen. [...] Denn es ist das schlechte Gewissen, das uns zwingt, die Augen zuschließen. [...]
Noch weiter beschleunigt und erleichtert würde diese Dynamik, wenn die Politik endlich damit beginnen würde, den Rahmen so zu setzen, dass ökologisches Verhalten nicht bestraft, sondern belohnt wird. Das Bedrückende, das jeder zunächst einmal empfindet, wenn er oder sie die ökologischen Notwendigkeiten auf sein eigenes Leben herunterricht, kommt schließlich vor allem daher, dass dem Individuum ein zu hoher Anteil an der Verantwortung aufgebürdet wird. [...] 

Politik hat die Aufgabe, das Richtige zur Struktur werden zu lassen, das Gebotene zu gebieten. Solange man für 30 Euro nach Rom fliegen kann, bedarf es eines gewissen asketischen Heldentums, darauf zu verzichten. Und Heldentum ist nun mal etwas für Minderheiten." (S.198/99)
"Wenn man sich die Gesamtheit aller ökologischen Maßnahmen in Deutschland anschaut, so wird man darin schwerlich die Konturen einer Wende nach von entdecken, sondern die Fluchtwege der Politik vor dem Volk und noch mehr vor der Wirtschaft. (S. 200)
"Zum anderen sind auch die Grünen in der alten Mitte-Politik gefangen. Die Generation der 68er, aus der etwa Joschka Fischer, Ralf Fücks oder Winfried Kretschmann stammen, hat diese Partei zutiefst geprägt. Und die Biografie dieser Männer ist von einer Formel bestimmt: Erfolg durch Anpassung. Alle drei waren in ihrer politischen Jugend, vorsichtig gesprochen, schlimme Finger, Systemfeinde, doktrinär und unerträglich. Bei den Grünen auf ihrer Reise in die Institutionen, wurden sie hingegen bessere Menschen, Sie hatten Erfolg und konnten sogar dieses Land ein bisschen ökologischer und freier machen. Von so einer Heilungsgeschichte erholt man sich nicht mehr so leicht, sie wird selbst zum Dogma. (S. 201/202) 

"Als ich einen der genannten Männer in einem Vier-Augen-Gespräch einmal gefragt habe, ob die Kluft zwischen dem, was ökologisch nötig wäre, und dem, was ökologisch getan wird, sich schließt oder weitet, antwortete er ohne Zögern: Die Kluft werde größer. Auf meine Nachfrage, warum er dann nicht ökologische Forderungen erhebt, die diese Kluft schließen könnten, gab er zurück: Dann würden die Leute denken, ich wäre wieder so radikal wie früher. Den Fluchtpunkt seiner Politik bildet also nicht die ökologische Realität, sondern der Abstand zu den traumatischen Anfängen seiner eigenen Biografie. Das Trauma der Abweichung und das Gebot der Anpassung könnten es auch den Grünen unmöglich machen, eine Politik zu formulieren, die symmetrisch zu den Problemen ist – und nicht zu den Biografien. [...]
 Manches ist nämlich viel einfacher, als wir das von der bisherigen Politiker gewohnt sind. So brächte schon das bloße Streichen umweltschädliche Subventionen über 50 Milliarden Euro." (S.201-203) 
"Allerdings, ohne dass die beiden großen deutschen Finanzdogmen der 2000er-Jahre fallen – keine Steuererhöhungen und keine Schulden –, können die Billionen Euro schwerlich aufgebracht werden, die nötig sind, um die Klimawende binnen eines Jahrzehnts zu schaffen." (S. 203)
Lenin hat einmal behauptet: "Der Marxismus  ist allmächtig, weil er wahr ist." Was natürlich in beiden Richtungen nicht stimmt. Aber vielleicht kann man sagen: "Der Liberalismus ist wahr, weil er allmächtig ist." Oder war. Das würde dann bedeuten, dass der Liberalismus ohne Macht nicht auskommen kann, weil er dann Teile seiner Wahrheit verliert." (S. 206)

"Die westlichen Gesellschaften sind in einer Phase angekommen, da sie nur noch leistungsfähig sind, wenn sie den Leistungsdruck verringern. Sie müssen so kreativ sein, dass die militärisch-industrielle Lebensweise, die aus dem vergangenen Jahrhundert in die Gegenwart hineinragt, überwunden wird. Nur hat diese Kultur der Milde noch längst nicht die Hegemonie übernommen." (S.209)
"Wer sich für einen Moment lang von der Vorstellung vom Egoismus als Wesen des Menschen verabschiedet und nur fragt, wie viel Glück auch für den Einzelnen durch Egoismus denn eigentlich geschaffen werde, der wird finden, dass egoistisches Verhalten so viel individuelles Glück produziert wie ein altes chinesisches Kohlekraftwerk Energie – mithin sehr wenig, dafür viel CO2. Ohne seine fossile Verstärkung und seine materielle Einverleibung ist der Egoismus die vielleicht schlechteste Methode, um ein zufriedener Mensch zu sein. Daher rührt dann vielleicht seine Sucht nach immer mehr Materie und anderen fremden Antriebsstoffen.
In diesem Sinne wäre der Egoismus weder eine Quelle des Fortschritts noch etwas Verwerfliches, sondern einfach eine falsche Ideologie, an die zu glauben wir uns angewöhnt hatten, einfach weil wir es konnten." (S.211)
"Vielleicht genügt es, die marktwirtschaftlichen Anreize anders zu setzen, eine radikale, aber auf Nachhaltigkeit und Schonung setzende Politik zu beginnen und ansonsten gehen Liberalismus, Kapitalismus und Egoismus einfach so weiter. Manche werden das hoffen, manche befürchten. 
Eines aber geht nicht mehr: der Klimawende auszuweichen aus Angst davor, dass sie unsere weltanschaulichen Gewohnheiten infrage stellt und unsere privaten Sinnmanufakturen stört." (S. 211/212)

"Es gibt für uns Babyboomer so oder so keinen Grund, die Klappe aufzureißen, weil wir in einer ganz wesentlichen Hinsicht den absoluten, irgendwie auch tragikomischen Höhepunkt der Weltgeschichte darstellen: Niemand vor uns hat so viel konsumiert und emittiert, niemand nach uns wird so wenig mit den Folgen dieses Lebenswandels zu tun haben, weil wir uns ja unserer Verantwortung durch rechtzeitiges Wegsterben entziehen werden."(S. 213/214)

sieh auch;
Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie, 2011


3.11.19

ZUM weiter unterwegs zu neuen Ufern (Jahrestreffen 2019)

Die ZUM (Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet) besteht seit 22 Jahren. Seit 14 Jahren bin ich dabei, gewonnen durch das damals neue (Ende 2004 begonnene) Projekt ZUM-Wiki.
Ende 2018 wurde dann ein ehrgeiziges neues Projekt gestartet: ZUM-Unterrichten.
Wie viel Arbeitskraft das gekostet hat, kann nur von denen annähernd beurteilt werden, die alle Phasen der Neukonzeption initiiert und begleitet haben. Ich selbst habe die Entwicklung weitestgehend nur von außen beobachtet, und doch bin ich sicher, dass nur viel Selbstausbeutung der ehrenamtlichen Begründer dieses Projekt möglich gemacht hat,  das ganz auf die Interessen der Unterrichtenden und ihrer Schüler ausgerichtet ist.

Ich war überzeugt, dass jetzt eine Phase der ersten Konsolidierung stattfinden müsse. Hat doch selbst die immer so aktuelle Wikipedia das neue Projekt noch nicht einmal wahrgenommen (Stand vom 3.11.2019 18:40).
Aber nein, parallel zu einer Vorstellung von ZUM-Unterrichten begibt sich die ZUM schon gleich auf ein weiteres neues Feld: die Einbettung von H5P Anwendungen.
Im Bericht der ZUM-Vorsitzenden Mandy Schütze über das heute beendete ZUM-Jahrestreffen klingt das ganz selbstverständlich:
"Der Samstag stand im Zeichen von H5P. Oliver Tacke zeigte verschiedene Anwendungen bei H5P, erzählte über das Drumherum und Weiterentwicklungen, die H5P plant. 
Anschließend haben wir unsere eigene H5P-Installation zum Testen frei gegeben."
Was sonst noch alles während des Treffens passiert ist (hier ein Arbeitsdokument), lässt sich aus den Tweets unter dem Hashtag #ZUM2019 erahnen. Ich sehe mich mit dem Bericht darüber zunächst überfordert, werde aber versuchen, einiges davon an anderer Stelle nachzuholen. 

Die ZUM-Vorsitzende dagegen konstatiert (zum Stand der Dinge befragt) ganz trocken:
"Bin noch 2h länger geblieben, um alles fertig zu schreiben (auch das offizielle Protokoll). Sonst ist erst wieder dieser #Alltag da und ich komme zu nix... #zum2019"

Wie sagte Gerhard Schröder doch so prägnant: Die Lehrer sind "faule Säcke".
Er muss es ja wissen. 

sieh auch:
https://einfach.zum.de/wiki/Hauptseite

18.10.19

Kleine Klimakunde in Stichworten und ein Vortrag des Klimaexperten Schellnhuber von 2018

Der Treibhauseffekt ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich auf der Erde Leben entwickeln konnte. Denn ohne ihn würde die auf die Erde treffende Sonnenstrahlung so weitgehend wieder abgestrahlt, dass auf der Erde eine Durchschnittstemperatur von minus 19 Grad Celsius herrschte und es kein flüssiges Wasser gäbe.
Der Effekt entsteht dadurch, dass die Erdatmosphäre (unsere Luft) nicht nur aus Stickstoff (ca. 78%) und Sauerstoff (ca. 21%), sondern auch aus kleinen Mengen Wasserdampf, Edelgasen und Treibhausgasen besteht, die Wärme speichern können und so verhindern, dass die Wärme vollständig wieder abgestrahlt wird. Deshalb herrscht auf der Erde eine durchschnittliche Temperatur von 14 Grad.
Seit der Industriellen Revolution haben die Menschen freilich in den natürlichen Kreislauf eingegriffen, indem sie die in  Jahrmillionen entstandenen und in der Erdkruste gespeicherten Energieträger verbrannt und damit der Atmosphäre laufend etwas mehr  CO2 (Kohlendioxid) hinzugefügt haben. Dadurch hat sich die Durchschnittstemperatur auf der Erde im Laufe der Jahrhunderte um etwa 1 Grad erhöht.
Damit setzten Rückkopplungseffekte ein, die den bisherigen Kreislauf veränderten.

Mit Rückkopplung bezeichnet man das Phänomen, dass ein Vorgang auf sich selbst einwirkt und sich dadurch verändert. Am deutlichsten ist das vielleicht bei einer Lawine zu erkennen. Wenn etwas Schnee in Bewegung kommt, reißt er beim Abrutschen weiteren Schnee mit sich, je mehr Schnee rutscht, desto mehr reißt er mit sich. Im täglichen Alltag erleben wir Rückkopplung immer dann, wenn ein Mikrophon zu stark ausgesteuert wird und deshalb zu pfeifen beginnt. Zunächst verstärkt das Mikrophon nur die Raumgeräusche, dann verstärkt es das leise Pfeifen des Lautsprechers, bis ein quälender Pfeifton entsteht. Eine Rückkopplung die einen Vorgang (oder ein Signal) verstärkt, nennt man positive Rückkopplung.
In der Natur ist freilich die entgegengesetzte Rückkopplung, die sogenannte Gegenkopplung oder negative Rückkopplung häufiger. Das vielleicht bekannteste Beispiel dafür ist das Verhältnis von Räuber und Beute. Kaninchen vermehren sich "wie die Karnickel". Dass sie in der freien Natur trotzdem nicht überhand nehmen, liegt daran, dass sie natürliche Feinde haben. Je mehr Kaninchen es gibt, desto leichter fällt es ihren Feinden, sie zu fangen und zu fressen. Dann können sich die Feinde so vermehren, dass die Kaninchen weniger werden. Die Feinde bekommen weniger zu fressen, vermehren sich weniger, fressen weniger, so lange, bis die Zahl der Kaninchen wieder zunimmt.
Was hat das mit dem Klima zu tun?
Im natürlichen Kreislauf werden positive Rückkopplungen immer wieder durch Gegenkopplung gebremst. Der zunächst nur geringe Einfluss der Menschen, hat dies Gleichgewicht aber gestört.

Die Treibhausgase, insbesondere Wasserdampf (H2O), Kohlendioxid (CO2), Methan (CH4), Ozon (O3) und Lachgas (N2O) machen nur einen verschwindend kleinen Anteil unserer Atmosphäre aus, haben aber einen entscheidenden Einfluss auf den Treibhauseffekt.
Dabei hat Wasserdampf mit 0,25% den größten Anteil. Der größte Anteil entsteht aufgrund des natürlichen Wasserkreislaufs, doch weil aufgrund menschenverursachten weltweiten Erwärmung mehr Wasser verdunstet, ist bei ihm die Rückkopplung besonders stark. In der Stratosphäre kommt er natürlich kaum vor; er entsteht zu einem erheblichen Anteil durch den Flugverkehr. Deshalb wird dieser von Klimaaktivisten besonders stark kritisiert. 
Bisher wird die Zunahme von CO2 aufgrund der Verbrennung fossiler Energiespeicher besonders kritisch gesehen, doch Methan und Lachgas könnten im Falle der Auflösung des Permafrosts zu einem wichtigen Kippelement werden.
Methan  ist 25 mal wirksamer als CO2 und macht schon jetzt 20% des menschenverursachten Treibhauseffekktes aus. Es entsteht zum einen bei der  Tierproduktion (z.B. bei Wiederkäuern wie RindernSchafen und Ziegen), in Klärwerken und Mülldeponien. Doch 50% sind auch der Industrie zuzurechnen,  so wenn es bei Förderung, Transport und Verarbeitung z.B. von Erdgas und bei der unvollständigen Verbrennung beim Abfackeln von technisch nicht nutzbaren Gasen freigesetzt wird.
Lachgas ist sogar rund 300 mal so wirksam auf den Treibhauseffekt wie CO2, es entsteht vor allem in der Landwirtschaft, insbesondere durch Überdüngung aufgrund der Einbringung von zu viel Gülle.

Die Treibhausgase (abgesehen von Wasserdampf) machen nur 0,04% der Erdatmosphäre aus, und deshalb erscheint eine Erhöhung des Anteils von Kohlendioxid um 44% im Blick auf das Gesamtvolumen verschwindend gering.  Das wird von Leuten, die die Gefahren des Klimawandels kleinreden wollen, oft dazu benutzt durch das Nennen von extrem geringen Anteilen den Eindruck der Harmlosigkeit zu verbreiten. Dabei wird aber verschwiegen, dass der CO2-Anteil seit mindestens 800 000 Jahren noch nie so hoch war wie heute.

Aus der Klimageschichte
Dass das Klima in den letzten gut 10 000 Jahren relativ einheitlich war, begünstigte die Entstehung von Landwirtschaft und Viehzucht. Zwar gab es auch in dieser Zeit einige größere Schwankungen, so spricht man von der Zeit von etwa 1400 bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts von der Kleinen Eiszeit, in der es besonders während ihres Höhepunkts von etwa 1570 bis 1670 zu Ernteausfällen, die zu großen Hungersnöten führten. Doch diese Schwankung war weit geringer als die uns jetzt drohende (falls das 2-Grad-Ziel nicht eingehalten werden kann).
Im Vergleich zu der Sturtischen Eiszeit vor etwa 700 Millionen Jahren war das freilich recht harmlos, denn damals war vermutlich weit über die Hälfte der Erde zugefroren und die Perioden besonderer Kälte dauerten mehrere Millionen Jahre.
Freilich die Warmzeiten waren ähnlich katastrophal. Die Letzte Warmzeit, die vor etwa 250 Millionen Jahren begann, führte zu Temperaturanstiegen der mittleren Erdtemperatur von bis zu 8 Grad. Die darauf folgende Abkühlung vor 34 Millionen Jahren führte zu einem ungeheuren Artensterben, freilich auch zur Entstehung ähnlich vieler neuer Arten. Im Bereich der Säugetiere waren es etwa 60% der Arten, die ausstarben, und 60% neue Arten. Man spricht daher auch vom Arten- oder Faunenaustausch. Das Aussterben einer einzelnen Säugetierart wie der Menschheit erscheint demgegenüber - freilich nur in erdgeschichtlicher Sicht - relativ belanglos.
Daher muss man genau hinhören, wenn jemand darauf hinweist, dass eine Temperaturschwankung von über 2 Grad in der Erdgeschichte immer wieder aufgetreten sei und man sie insofern nicht so ernst zu nehmen brauche.

Einen sehr gut verständlichen Artikel zum gesamten Thema Klimawandel findet man im Internet-Kinderlexikon Klexikon.

Eine ausführliche gut begründete Argumentation zur Begründung einer Umsteuerung findet sich hier:
https://www.heise.de/tp/features/Nichts-wird-so-bleiben-wie-es-ist-4571545.html?seite=all

Schellnhuber spricht beim Klimaempfang 2018

11.10.19

Künstliche Intelligenz bewältigt Übersetzungen schon ganz gut, kann aber noch keine Handschrift lesen

Das Problem, das wir in Deutschland mit der deutschen Schrift von Sütterlin aus dem 20. Jahrhundert und der Kurrentschrift aus dem 19. Jahrhundert haben, haben heutige Schüler und Studenten in den USA mit allen handschriftlichen Texten, die zusammenhängend und nicht in Druckbuchstaben geschrieben sind. 

Dazu schreibt die Washington Post:
Zunächst die Computerübersetzung:
Wir alle wissen, dass Kursivschrift aus der Mode gekommen ist. Für moderne junge Menschen kann das Entschlüsseln der gewellten, altmodischen Schrift genauso relevant sein wie das Wählen eines Wählrads oder das Melken einer Kuh. Für Institutionen wie das Nationalarchiv ist dies ein sehr spezifisches Problem. Das Archiv ist "auf 15 Milliarden Stück Papier und Pergament aufgebaut", sagt David Ferriero, Archivar der Vereinigten Staaten, und bis zu 80 Prozent davon sind kursiv geschrieben. In den heutigen Schulen, in denen die Tastatur über die Handschrift gelegt wird, erscheinen zahlreiche Dokumente - von der Verfassung über die Korrespondenz von Abraham Lincoln bis zum Tagebuch eines Goldrauschreisenden - den meisten amerikanischen Kindern bald so fremd wie altes Sanskrit. "Wir opfern Generationen von Studenten, die unsere Unterlagen nicht lesen können", sagt Ferriero.
[...]
Im Jahr 2011 startete das Archiv sein Citizen Archivist Dashboard, ein Online-Portal, auf dem bislang 13.645 Personen eine Transkription durchgeführt haben. Das Archiv bietet auch Lernlabors an, in denen besuchende Schüler verschiedene Dokumente einsehen können, darunter einen Brief von 1958, den Schülerinnen an Präsident Dwight D. Eisenhower schrieben, in dem er ihn aufforderte, die Armee nicht Elvis Presleys Haare schneiden zu lassen, sowie ein von Benjamin Franklin geführtes Buch. (Einer der witzigen Gründe, sagt Amber Kraft, die Erziehungswissenschaftlerin des Archivs, ist, dass Schüler sie manchmal fragen, ob sie Kursivschrift verwenden müssen, wenn sie Briefe an den Präsidenten schicken.)
Im vergangenen Herbst hat die Library of Congress die Initiative By the People ins Leben gerufen, eine Website, auf der Freiwillige Artikel wie die Tagebücher der afroamerikanischen Führerin Mary Church Terrell, Briefe an Lincoln oder die Schriften von Civil transkribieren können Kriegsveteranen, die im Konflikt Gliedmaßen verloren hatten. Die Geschichtsprofessorin der Georgetown University, Chandra Manning, ließ ihre Klasse am Projekt Briefe an Lincoln arbeiten. Zuerst, sagt sie, waren die Schüler frustriert, aber irgendwann haben sie es geschafft. "Das ist jemandes eigentliche Handschrift", sagt sie. "Es gibt eine gewisse Intimität, mit der Zeit plötzlich eine Verbindung mit einer anderen Person herzustellen."


Dann das Original:
We all know that cursive has gone out of style. To modern young people, deciphering the wavy old-fashioned script can seem as relevant as dialing a rotary phone or milking a cow. For institutions like the National Archives, this poses a very specific problem. The archive is “sitting on 15 billion pieces of paper and parchment,” says David Ferriero, archivist of the United States, and as much as 80 percent of it is in cursive. With schools today emphasizing keyboarding over handwriting, numerous documents — from the Constitution to the correspondence of Abraham Lincoln to the diary of a Gold Rush traveler — may soon appear as foreign as ancient Sanskrit to most American children. “We’re sacrificing generations of students who won’t be able to read our records,” says Ferriero.
[...]
In 2011, the Archives launched its Citizen Archivist Dashboard, an online portal where 13,645 people have so far performed some transcription. The Archives also offers learning labs in which visiting students look at a variety of documents, including a 1958 letter that schoolgirls wrote to President Dwight D. Eisenhower asking him not to let the Army cut Elvis Presley’s hair, and a ledger kept by Benjamin Franklin. (One of the funny asides, says Archives education specialist Amber Kraft, is that schoolchildren sometimes ask her whether they have to use cursive if they send letters to the president.)
Last fall, the Library of Congress got into the act, rolling out an initiative called By the People, a website where volunteers can transcribe items such as the journals of African American leader Mary Church Terrell, letters written to Lincoln, or the writings of Civil War veterans who had lost limbs in the conflict. Georgetown University history professor Chandra Manning got her class working on the letters-to-Lincoln project. At first, she says, the students were frustrated, but eventually they got it. “That’s somebody’s actual handwriting there,” she says. “There’s a certain intimacy, of suddenly making a connection with another person across time.”

8.10.19

Große Fehlentwicklungen kommen oft harmlos daher

Da gab es die mutigen Sanierer der kommunalen Haushalte, die durch Verkauf von Wohnungen aus kommunalem Besitz die gegenwärtige Wohnungskrise vorbereiteten. Heute kaufen Kommunen dieselben Wohnungen zu einem Vielfachen des Preises zurück.

Es gab eine Einrichtung in unserem Staat, auf die man sich verlassen konnte. Sie konnte es sich leisten, mit dem gewagten Slogan "Alle reden vom Wetter. Wir nicht." zu werben. Heute ist ein wesentlicher Grund dafür, dass es nicht gelingt, den enormen Ausstoß von CO2 durch den Verkehr zu senken, dass Eisenbahnstrecken stillgelegt worden sind und die Bahn mit den Staus auf der Autobahn bei der Produktion von Verkehrsstörungen locker mithalten kann.

Es gab Zeiten, wo es klar war, dass Flugzeuge nicht für den Massenverkehr geeignet sind. Dann kamen die Billigfluglinien.

Dann aber gab es einen Weckruf durch die junge Generation. Fridays for Future machte darauf aufmerksam, wie wir durch Unaufmerksamkeit daran schuld wurden, dass der Klimawandel nur mit gemeinsamen Anstrengungen aller in Grenzen gehalten werden kann.

Doch die Privatunternehmen haben diese Gefahr kommen sehen. Zwar waren sie außerstande, die Umweltauflagen für Dieselfahrzeuge zu erfüllen und mussten zu Betrug greifen. Aber dass die junge Generation anfangen könnte, ihre Interessen wahrzunehmen, haben sie vorausgesehen. Was vor Jahrzehnten mit kleinen Testläufen begann, dass Infiltrieren der Schulen durch Unterrichtsmaterialien, die die Welt einseitig vom Stand der Unternehmer zeigen, wird jetzt in großem Stil betrieben: Zwei Drittel der Dax-Unternehmen bieten Lehrkräften kostenlose Lehrmaterialien an und betreiben großzügige "Lehrerfortbildung".

mehr dazu:

Schleichwerbung im Klassenzimmer, Spiegel online 11.10.19

Konzerne machen Schule FR 8.10.19

Lobbyismus an Schulen

Lobbyismus an Schulen taz.de 11.11.15

Firmen verteilen Unterrichtsmaterialien mit Produktwerbung. Die Kultusministerien geben die Verantwortung an die LehrerInnen ab.

24.9.19

Wie viele Informationen darf man Schülern vorenthalten? - Klimaschutz und politische Realität

Greta Thunberg hat 2018 mit 15 Jahren begonnen, vor dem schwedischen Reichstag für den Klimaschutz zu demonstrieren.
Freiwillig? Wurde sie von ihren Eltern dazu abgerichtet? Was ging ihrer Entscheidung voraus?

Die folgenden Seitenzahlen beziehen sich auf Greta Thunberg, Svante Thunberg, Malena Ernman, Beate Ernman: Szenen aus dem Herzen. Unser Leben für das Klima, 2019:

Als Gretas jüngere Schwester Beata in eine große Krise kam und sie ihre Mutter beschimpfte "Ich hasse dich Mama. Du bist die schlechteste Mutter auf der ganzen Welt, du verdammte Bitch" und sie ihre Bücher und DVDs vor Wut die Treppe herunterwarf (S.60), beschloss ihr Vater, mit ihr nach Italien in Urlaub zu fahren.
" 'Fliegen ist das absolut Schlimmste, was man machen kann', erklärt [Greta]. Aber sie sagt, dass sie fahren sollen, wenn es ihrer kleinen Schwester hilft." (S.62)
Nach der Rückkehr von Vater und Schwester sagt sie den beiden: " 'Ihr habt gerade einen CO2-Ausstoß in Höhe von 2,7 Tonnen verursacht [...] Das entspricht der Jahresemission von fünf Einwohnern des Senegal.' " (S.64)

Greta litt lange, bevor sie mit ihrer Demonstration von dem Reichstag einen Ausweg für sich fand, darunter, dass sie erleben musste, dass ihre Eltern und ihre Schwester sich nicht so verhielten, wie sie es doch hätten tun müssen angesichts des Zustandes der Welt.
Diese inneren Widersprüche, die zu unserem Leben gehören, sind für Menschen mit Asperger-Syndrom nur sehr schwer zu ertragen.
Sie wusste ja, dass ihre Eltern über den Zustand der Welt informiert waren. Ursprünglich hatte sie es ja von ihnen erklärt bekommen, bevor sie sich wie besessen immer genauer informierte.
" 'Ihr Promis seid für die Umwelt ungefähr das, was der Rechtspopulist Jimmie Akesson für die multikulturelle Gesellschaft ist' sagt Greta" (S.83)

In diesen Widerstreit haben ihre Eltern sie geführt, dabei würde sie sie doch so gerne lieben, wie sie sind.

Als Lehrer habe ich Anfang der 70er Jahre meinen Schülern erzählt, dass nicht die Überbevölkerung in Asien und Afrika das Problem ist, sondern die Tatsache, dass wir bei unserem Lebensstil darauf angewiesen sind, dass zwischen uns und ihnen kein fairer Handel besteht, dass, wenn alle Menschen auf der Welt lebten wie wir, die Ressourcen nicht ausreichten.
Ja, das war damals schon deutlich, obwohl der Konsumrausch erst in der 80er Jahren begonnen hat. 1972 war mit der Publikation von "Grenzen des Wachstums" schon zu erkennen, was sich in den Jahrzehnten danach immer eindrücklicher herausgestellt hat.

Wir in Europa und Nordamerika seien das Hauptproblem.
Als ich dann mein erstes Kind bekam, erzählte mir die Mutter einer Schülerin von mir, ihre Tochter sei enttäuscht von mir. Das sei doch sehr inkonsequent.

Ja, es war inkonsequent und es ist gut, dass Kinder solche Inkonsequenzen bemerken und Kinder in der Pubertät sowieso.
Freilich, es ist in dem Alter noch schwer nachzuvollziehen, dass zwei sich widersprechende Aussagen beide richtig sein können, weil die Wirklichkeit so komplex ist, dass zwei sich widersprechende Aussagen gleichzeitig eine korrekte Beschreibung sein können. Das geläufigste Beispiel ist vermutlich das Wellen- und Quantencharakter des Lichtes, das noch absurder wirkende Schödingers Katze.
Aber diese Inkonsequenzen darf man nicht verleugnen. Nur Querköpfe können Gretas Inkonsequenz verdammen, wenn sie es hinnimmt, dass die, die sie klimaneutral transportieren, unabhängig von dieser einen Fahrt mitnichten klimaneutral leben, zumal die Erstellung des Segelboots schon zu Unmengen von CO2-Ausstoß verursacht hat.

Ich habe nicht bemerkt, dass unsere Kinder unter den Inkonsequenzen differenzierter Sicht auf die Wirklichkeit sehr gelitten hätten. Als sie noch klein waren, haben wir ihnen nicht alles so deutlich erklärt. Da hat mein Sohn noch geweint, als er ein Bild von einem Fuchs sah, der von Gänsen verfolgt wurde. "Der arme Fuchs!" - Beruhigen ließ er sich aber mit dem Hinweis: Das hat der Zeichner nicht gewusst, dass dich das so aufregen würde.
Und später haben sie sich damit zufrieden gegeben, dass wir uns bemüht haben, für gerechten Handel einzutreten, auch wenn das bis heute nicht erfolgreich war.
Heimlich hat meine Tochter aber schon mit 9 Jahren Kogons "SS-Staat" gelesen. Unruhige Nächte bereiteten ihr erst die Horror-Romane von Stephen King.

Wie viele Inkonsequenzen können Kinder ertragen und wie viele dürfen wir uns heute noch leisten?
Weniger, als uns lieb wäre. Sie zu belügen, hilft aber auch nicht. Doch man darf ihnen Zeit lassen, die Inkonsequenzen selbst herauszufinden, und sollte sich Mühe geben, dass man sich dann nicht vor ihnen schämen muss.
"Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Zukunft klaut!", rufen die Schüler, und ich bin dankbar.
"How dare you!" "Was erlauben Sie sich!", sagt Greta zu recht. Und ich bin ihr dafür sogar Dank schuldig.

Die Bundesregierung legt ein völlig unzureichendes Klimapaket vor, und ich bin froh, dass es nicht noch schlechter aussieht. Das mag inkonsequent sein. Unzulässig wäre meiner Meinung nach nur, wenn ich es als vorbildlich verteidigte oder so täte, als wäre ich sicher, dass ein wesentlich besseres in der gegenwärtigen Situation durchsetzbar wäre. Dafür sind vorher von zu vielen Akteuren zu viele Fehler begangen worden, und Fehler sind zwar gegen die Norm, aber der Normalfall.


Eine Vorform dieses Artikels steht in Fontanes Schnipsel.

7.9.19

Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen - Eine Geschichtssicht, die den Klimawandel als irrelevante Episode außer Acht lässt

HarariHomo Deus ist anregend. 

Kapitel 1: Die neue menschliche Agenda
Hunger, Krankheiten und Seuchen, ja sogar Kriege sind weitgehend eingedämmt. (dazu vgl. Rosling: Factfulnes) Als nächstes Ziel "werden die Menschen vermutlich ernsthaft nach der Unsterblichkeit greifen". (S.39) - 
Harari geht davon aus, dass es keine ethischen und politischen Hemmnisse dagegen geben wird, Reichen auf Kosten der Armen die "Unsterblichkeit" zu verschaffen (er präzisiert: die natürliche Lebensbegrenzung abzuschaffen). (S.51)
Entsprechend werde das "biochemische Streben nach Glück [...] auch Politik, Gesellschaft und Wirtschaft verändern" (S.69)
In diesen Passagen klingt Harari wie weiland der Zukunftsforscher Herman Kahn, der 1967 durch reine Trendverlängerung die Zukunft für das Jahr 2000 voraussagte, mit grotesken Fehleinschätzungen. Die Einschränkungen durch das bevorstehende Ende des Einsatzes fossiler Energiequellen erwähnt Harari zwar, aber was das für eine Veränderung von Forschungs- und Industrieaktivitäten bedeuten könnte, übergeht er.
Im Folgenden schwankt Harari zwischen Prognose und Freiheitsversprechen.
"Weil niemand mehr das System versteht, kann niemand es stoppen.
Wenn es uns [...] doch gelingen sollte, auf die Bremse zu treten, wird unsere Wirtschaft samt unserer Gesellschaft zusammenbrechen. [...] die moderne Wirtschaft [braucht], um zu überleben, fortwährendes und grenzenloses Wachstum." (S.86)
"Gerade weil wir, was den Einsatz neuer Technologien angeht, über gewisse Entscheidungsfreiheiten verfügen, sollten wir darüber Bescheid wissen, was passiert." (S.92)
"Je mehr wir wissen, desto weniger können wir vorhersagen." (S.94)
Und das begründet er damit, dass neues Wissen genutzt werde, "um auf neuartige Weise zu agieren [...] Denn wozu dient neues Wissen, wenn es keine neuen Verhaltensweisen nach sich zieht? Sobald die Menschen aber ihr Verhalten ändern, werden die ökonomischen Theorien obsolet." (S.94)
Dabei klammert er das Wissen über den Klimawandel aus. Denn so logisch es gewesen wäre, aufgrund dieses Wissens, das Verhalten entscheidend zu verändern, ist seit der Klimakonferenz 1992 nichts Einschneidendes passiert
Andererseits, Harari selbst hält an der These fest, die moderne Wirtschaft brauche, "um zu überleben, fortwährendes und grenzenloses Wachstum." und das, obwohl gerade grenzenloses Wachstum mit mathematischer Sicherheit zum Zusammenbruch führt. Er führt also an sich selbst vor, dass neues Wissen mitnichten zu neuen Verhaltensweisen führen muss. 
Doch wie kategorisch er auch manches behauptet, um seine Prognose zu begründen, schreibt er dann doch zu Recht:
"Die wirkliche Zukunft - also die Zukunft, die aus den neuen Ideen und Hoffnungen des 21. Jahrhunderts erwächst - könnte eine völlig andere sein." (S.108)
Mit dieser Ankündigung zur Glaubwürdigkeit seiner Hypothese beginnt er dann seine Darstellung.

Teil I: Homo sapiens erobert die Welt 

Dass politische Einheiten Fiktionen bzw. nur intersubjektive Wirklichkeit sind, scheint zwar ein alter Hut. Aber die Wirksamkeit von Fake News lässt sich durch  die Tatsache, dass belegte Tatbestände und Fake News beide intersubjektive Wahrheiten sind, besser erklären. Dasselbe gilt für das Aufkommen vielfältiger Geschlechtsidentitäten, für den raschen Wandel von bestimmten Sexualverhalten als strafwürdig oder als akzeptierte Varianz (und umgekehrt). 
Dennoch reibe ich mich an manchem. 

Teil II: Homo sapiens gibt der Welt einen Sinn
Kapitel 4: Die Geschichtenerzähler
Harari schreibt über die Kongokonferenz 1884/85, die Europäer bemerkten in Afrika, dass die "Grenzen der geographischen [...] Wirklichkeit nicht gerecht wurden." (S.263/64) und fährt fort: "Als die schriftlichen Fantasien europäischer Bürokratien auf die afrikanische Wirklichkeit trafen, hatte sich die Wirklichkeit zu fügen." (S.265)

Nicht die geographische Wirklichkeit veränderte sich, sondern die intersubjektive Wirklichkeit erwies sich mittelfristig für die gesellschaftliche Wirklichkeit wichtiger als die objektiven geographischen Gegebenheiten. Doch selbst so intersubjektive Phänomen wie die Sprachgemeinschaften veränderten sich sich in über 100 Jahren so wenig, dass in vielen Staaten noch immer keine gemeinsame Sprache existiert und die Amtssprache nur sehr beschränkt Verständigung ermöglicht. Von objektiven Wirklichkeiten ganz zu schweigen.

Hararis Argumentation mit der Wirksamkeit von Abiturzeugnissen (S.268) ist angesichts des Streits über die Validität von Zeugnissen anderer Bundesländer etwas problematisch. Dass ein Promotionsurkunde zum Karrierehindernis werden kann, passt noch weniger in sein Bild. 
Intersubjektive Wirklichkeiten lassen sich eben doch erschreckend schnell verändern, während die objektive Wirklichkeit auch der elegantesten Ableugnung nicht zu folgen pflegt. 

Kapitel 5: Das seltsame Paar
Gott fälschen
Die klare Trennung zwischen moralischem Urteil, Tatsachenfeststellung und praktischer Anweisung [S.299] ist hilfreich. Die deutlichen Aussagen, zu denen er aufgrund dieser Trennung kommt, m.E. ebenfalls. Für mich bemerkenswert seine Bewertung der Zerstörung des jüdischen Tempels 70 n.Chr.: "Das traditionelle Judentum - ein Judentum der Tempel, der Priester und der Köpfe spaltenden Krieger - verschwand. An seine Stelle trat ein neues Judentum der Bücher, der Rabbiner und der Haare spaltenden Gelehrten." (S.304) - Wenn er als deren Hauptleistung die Interpretation (S.305) herausstellt, so stellt er sich als Historiker in ihre Tradition. Doch macht er damit klar, dass er nur selten Tatsachenfeststellungen machen kann und dass seine Hauptarbeit eben Interpretation ist. 
[Freilich ist es recht mutig, zu behaupten, zur Zeit des babylonischen Talmud habe Interpretation und das Haare spalten keine große Rolle gespielt. Die Autoren des Talmud waren m.E. durchaus keine Exekutoren der mosaischen Gesetze, sondern sehr wohl mit umfassender Interpretation beschäftigt.]
"Der Religion geht es vor allem um Ordnung. Ihr Ziel ist es, eine Gesellschaftsstruktur zu schaffen und aufrechtzuerhalten. Der Wissenschaft geht es in erster Linie um Macht. Sie will Macht erlangen, um Krankheiten zu heilen, Kriege zu führen und Nahrungsmittel zu produzieren. Als Individuen mag Wissenschaftlern und Priestern die Wahrheit ungeheuer wichtig sein; doch als Kollektivinstitutionen stellen Wissenschaft und Religion Ordnung und Macht über die Wahrheit. [...] 
Die moderne Gesellschaft glaubt an humanistische Dogmen und nutzt die Wissenschaft nicht, um diese Dogmen infrage zu stellen, sondern um sie zu implementieren." (S.310)

Kapitel 6: Der moderne Pakt
"Die Moderne ist eine Übereinkunft. [...] Die Menschen stimmen zu, auf Sinn zu verzichten, und erhalten im Gegenzug Macht." (S.311)
"Ja, wir Modernen haben versprochen, im Austausch für Macht auf Sinn zu verzichten, aber es gibt niemanden da draußen, der uns auf unser Versprechen festnageln kann. Wir glauben, wir sind schlau genug, um alle Vorteile des modernen Deals zu genießen, ohne den Preis dafür zu zahlen." (S.315)
In diesem Abschnitt geht die Darstellung in Populärphilosophie über. 
Auf S.332 kommt Harari auf den "ökologischen Kollaps" zu sprechen und schreibt "womöglich bedroht er die menschliche Zivilisation sogar in ihrer Existenz.
Diese Gefahr ließe sich verringern, wenn wir Fortschritt und Wachstum verlangsamen." (S.322) 
Zu recht bemerkt er: "wenn es zur Katastrophe kommt, leiden die Armen fast immer mehr als die Reichen, auch wenn es zuallererst die Reichen waren, die die Tragödie verursacht haben." (S.335) Dass die Politiker nichts Ernsthaftes unternehmen, begründet er hier nicht damit, dass Ingenieure "eine Hightech-Arche für die Oberschicht bauen" könnten. Und den Armen sei die Gegenwart halt wichtiger als die Zukunft. 

Kapitel 7 Die humanistische Revolution
Hier beginnt aus meiner Sicht Hararis Darstellung in Boulevardjournalismus zu verflachen. Treffend noch seine Beobachtung, moderne Menschen, die dem folgen, was er Humanismus nennt (also eine Anschauung, wonach nicht eine übermenschliche Autorität regiert, sondern die Menschen selbst sich als oberste Autorität verstehen).  rechtfertigen Entscheidungen "im Namen menschlicher Gefühle und nicht im Namen heiliger Schriften und göttlicher Gebote." (S.350)

Wenn er dann aber drei "Sekten" (S.382), später spricht er von "Splittergruppen" (S.405) des Humanismus unterscheidet, den liberalen, den sozialistischen und den evolutionären Humanismus, dann fällt es mir schwer, das noch ernst zu nehmen. Seine historischen Kenntnisse lässt er hier offenkundig beiseite, um Pappkameraden aufzubauen. 

"Religion und Technologie tanzen immer einen grazilen Tango. [...] sie hängen aneinander und können sich nicht zu weit von einander lösen. [...]Ohne religiöse Überzeugungen können die Lokomotiven nicht entscheiden, wohin die Reise geht." (S.414)
Vgl. dazu Böckenförde-Theorem: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“ (Böckenförde: Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation. in: Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte, st Wissenschaft 914. 1991,S. 92–114)

"[...] traditionelle Religionen [stellen] keine wirkliche Alternative zum Liberalismus 

dar. In ihren Schriften findet man nichts über Gentechnologie [... sie ] sie begreifen 
die jüngsten Errungenschaften in der Biologie [...] nicht." (S.425)

Teil III Homo sapiens verliert die Kontrolle (S.429 ff)
Kapitel 8 Die Zeitbombe im Labor
"Im Jahr 2016 wird die Welt vom liberalen Pakt aus Individualismus, Menschenrechten, Demokratie und freiem Markt beherrscht. Doch die Wissenschaft untergräbt die Grundfesten der liberalen Ordnung." (S.431)

Wer ist Ich? (S.445 ff)
Ausführlich referiert Harari Ergebnisse der Gehirnforschung, die gezeigt haben, dass Handlungsimpulse entstehen, bevor sie bewusst werden (was bei Reflexhandlungen oder bei gut eingeübten komplizierten Handlungen - etwa beim Klavierspielen - auch ohne Gehirnforschung zu studieren war) und erläutert, dass bei einer Trennung der beiden Gehirnhälften diese zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, um nachzuweisen, dass es keine
"einzige klare und authentische / Stimme [gibt] die mein wahres Selbst ist und die Quelle allen Sinns und jeglicher Autorität im Universum darstellt". (S.445/46)
Außerdem führt er den Unterschied vom "erlebenden Selbst" und dem "erinnernden Selbst" (S.450-58) an. So als ob nicht schon Paulus davon gesprochen hätte, dass er tut, was er nicht will (Römerbrief 7,15) und Goethes Faust nicht über die zwei Seelen in seiner Brust geklagt hätte. (Er selbst verweist darauf, dass das erinnernde Selbst Pläne schmiede, die vom erlebenden Selbst durchkreuzt werden.)
Die Manipulierbarkeit der Gehirnströme gilt ihm als Beweis, dass nur naturwissenschaftlich messbare Vorgänge ernst zu nehmen sind und kulturelle Einflüsse reine Ideologie. (S.433)

Kapitel 9 Die große Entkoppelung
"Es ist bezeichnend, dass schon heute die Mehrheit der Bürger in vielen asymetrischen Konflikten darauf reduziert wird, als menschliche Schutzschilde gegen hoch entwickelte Waffen zu fungieren." (S.475)

Die nutzlose Klasse (S.488ff)
"Die aktuelle wissenschaftliche Antwort [...] lässt sich in drei einfachen Prinzipien [offenbar gemeint: Aussagen] zusammenfassen:
1. Organismen sind Algorithmen. Jedes Tier - darunter auch Homo sapiens - ist eine Ansammlung organischer Algorithmen [...]
3. Deshalb gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass organische Algorithmen Dinge tun können, die nicht-organische Algorithmen niemals besser könnten." (S.490)
Harari lässt im Unklaren, ob er einen Unterschied zwischen "Bescheid wissen" (S.504, 506) über eine Person und sie "verstehen" (S.505) sieht. So als ob die genauere Kenntnis über "Medikamentenkonsum" und "Größe ihrer sozialen Netzwerke" eine Software dazu führen könnten, eine Person besser zu verstehen als sie sich selbst. (S.522)

Vom Orakel zum Souverän, S.524
Harari nimmt eine Entwicklung in den Blick, wo Cortana von einer Informationsquelle zum Berater und dann sogar zum Entscheider wird. (S.525ff)
[Auf mich wirkt dieser Gedanke besonders futuristisch, da ich mir zwar manchmal Empfehlungen von Amazon, die während eines Buchkaufs ansehe, während ich mich jedes - zum Glück seltene - Mal, wo ich bei einer Suche im Computer versehentlich auf Cortana einschalte, ärgere, weil sie meine Suchanfragen fast nie versteht und wenn, dann nur völlig banal beantwortet.]
"Die neuen Technologien des 21. Jahrhunderts könnten somit die humanistische Revolution rückgängig machen, indem sie die Menschen ihrer Macht berauben und stattdessen nicht-menschliche Algorithmen damit betrauen. Wenn diese Entwicklung Sie erschreckt, dürfen Sie die Schuld daran nicht den Computerfreaks geben. Die wirkliche Verantwortung liegt bei den Biologen. Denn diese gesamte Entwicklung wird von biologischen Erkenntnissen deutlich stärker vorangetrieben als von der Computerwissenschaft. Es sind die Biowissenschaften, die zum Schluss gekommen sind, dass Organismen Algorithmen sind. [...]  Doch weil die Biologen zu dem Schluss kamen, dass Organismen Algorithmen sind, rissen sie die Mauer zwischen dem Organischen und dem Anorganischen ein, sie verwandelten die Computerevolution, die zunächst eine rein mechanische Angelegenheit war in eine biologische Umwälzung und verschoben die Macht von einzelnen Menschen auf vernetzte Algorithmen. (S.529/30) [...] 
"Im 21. Jahrhundert ist es viel wahrscheinlicher, dass sich das Individuum still und leise von innen heraus auflöst und nicht von einem äußeren Big Brother brutal zugeschlagen wird." (Seite 530)
Dies ist eine der wenigen Passagen, wo Harari als Gesellschaftswissenschaftler eine Interpretation menschlichen Denkens aus Computeranalogie für problematisch hält und das, was er weithin als gültige Beschreibung der Wirklichkeit vorträgt, für ethisch fragwürdig hält.

Ein Blick auf Hararis weitere Überlegungen anhand des Wortlauts der Wikipedia: 
"Schließlich können die neuen Technologien des 21. Jahrhunderts das Individuum seiner Macht berauben und stattdessen nicht-menschliche Algorithmen damit betrauen. Die Folge wäre eine Masse nutzloser Menschen und eine kleine Elite optimierter Übermenschen.
[...] Die menschliche Vorstellungskraft ist lediglich das Produkt biochemischer Algorithmen. Das homozentrische Weltbild des Humanismus wird durch eine datazentrische Weltsicht ersetzt. Bewusste Intelligenz wird durch überlegene nicht-bewusste Algorithmen ersetzt."
(HarariHomo Deus (Wikipedia)

Interessante Passagen:
 Kurzfassung der Geschichte aus der Sicht der Datenverarbeitung (S.579f.)

"Wie der Kapitalismus begann auch der Dataismus als neutrale wissenschaftliche Theorie, doch nun mutiert er zu einer Religion, die für sich in Anspruch nimmt, über Richtig und Falsch zu bestimmen. (S.584)
"Eine wachsende Zahl künstlerischer und wissenschaftlicher Schöpfungen wird heute allerdings durch / die fortwährende Zusammenarbeit von allen produziert. Wer verfasst Wikipedia? Wir alle.
Das Individuum wird zu einem winzigen Chip in einem riesigen System, das niemand wirklich versteht." (S.590/91)
"So wie die Kapitalisten an die unsichtbare Hand des Marktes glauben, glauben Dataisten an die unsichtbare Hand des Datenflusses." (S.591)
"Die Menschen wollen im Datenfluss aufgehen, denn wenn sie Teil des Datenflusses sind, dann sind sie auch Teil von etwas Größerem als sie selbst. Traditionelle Religionen haben mir erklärt, jedes meiner Worte und jede meiner Taten sei Teil irgendeines großen kosmischen Plans und Gott beobachte mich jede Minute und kümmere sich um all meine Gedanken und Gefühle. Die Datenreligion sagt heute, dass jedes meiner Worte und jede meiner Handlungen Teil des großen Datenflusses ist, dass mich die Algorithmen ständig im Auge haben und dass sie sich um alles kümmern, was ich tue und empfinde. Die meisten Menschen sind darüber ausgesprochen glücklich." (S.591/92) 
"Vielleicht finden wir aber auch heraus, dass Organismen gar keine lgorithmen sind." (S.603)

Harari beansprucht für sich freilich nicht, dass er Prognosen vorlege, sondern er zeige nur Möglichkeiten auf. (S.606)
Es geht ihm nicht um die Entwicklung in den kommenden Jahrzehnten, sondern um die Entwicklung des Lebens "im Großen und Ganzen". (S.608)

Drei Schlüsselfragen stellt Hariri an den Schluss:
"1. Sind Organismen wirklich nur Algorithmen, und ist Leben wirklich nur Datenverarbeitung? 
2. Was ist wertvoller – Intelligenz oder Bewusstsein?
3. Was wird aus unserer Gesellschaft, unserer Politik und unserem Alltagsleben, wenn nicht-bewusste, aber hoch intelligente Algorithmen uns besser kennen als wir uns selbst?" 
(S.608)

Fazit: Wenn Harari eine Kritik an der Entwicklung von künstlicher Intelligenz ohne Technikfolgenabschätzung schreiben wollte, ohne die Befürworter künstlicher Intelligenz zu verärgern, dann ist es ihm gut gelungen.
Er schreibt so, als käme die KI über uns, wie der Klimawandel (an dem wir freilich auch mitgewirkt haben). 
Ich denke, spätestens die Erfahrung mit der Atomkraft sollte uns gelehrt haben, dass Verzicht auf Technikfolgenabschätzung unverantwortlich ist.  Freilich, wenn der Homo Sapiens so instinktgeleitet sein sollte, dass er auf der Suche nach Glück in einer Kombination von notwendig und zufällig so oder so seine baldmöglichste Selbstvernichtung betreibt, dann wäre Hararis Darstellung ein sehr süffig und unterhaltsam zu lesender Kassandraruf

Beachtenswert, dass die Behandlung des Themas künstliche Intelligenz schon 2010 Staatsexamensthema war, Schüler von 2019 aber die Vernachlässigung des Themas Klimawandel beklagen.