14.4.19

Von Gruppenarbeit, Leistungsbewertung und Plagiaten

Wissenschaftliche Arbeit besteht mehr und mehr in Zusammenarbeit.
Die "Fotografie" des (Schattens des) schwarzen Lochs bietet ein schönes Beispiel: Mehrere "Teleskope", zwischen denen ein Abstand von rund 10 000 km bestand, haben jeweils einen Teil zu dem "Foto" beigetragen. Die Auflösung eines einzigen Teleskops mit "nur" 50 m Durchmesser wäre dafür viel zu gering gewesen.
Natürlich ist nicht fotografiert worden, sondern es sind Daten ermittelt worden, die von mehreren Teams zusammengetragen wurden und dann von einem Team ausgewertet wurden, das mit einer Software arbeitete, die in Teamwork erstellt wurde.
Auch wer an einem großen Teil der Arbeitsvorgänge teilgenommen hat, wird im Normalfall nicht beurteilen können, wer die wichtigste Einzelleistung erbracht hat.
Freilich spricht viel dafür, dass die wesentlichste Einzelleistung der Entwurf der gesamten Konzeption ist. Meist schreibt man den wohl dem zu, der die Konzeption den Institutionen vorlegt, die die notwendigen Forschungsmittel zur Verfügung stellen.*

Beispiele zu Forschung, Lehre, Publikation und zur Beurteilung des Leistungsanteils:
Ein Professor verteilt Themen zu mehreren Seminararbeiten. Danach übernimmt er Argumentationen und Formulierungen daraus.
Ein Professor bespricht mit einer Person, die eine Doktorarbeit schreibt, dessen fortlaufende Arbeit und greift einen Teil dessen, was er sich in diesen Gesprächen erarbeitet hat, in einem Aufsatz auf.
Ein Professor führt in der Vorlesung vor, wie er Quellen interpretiert, danach verteilt er eine Reihe von Themen, zu deren Bearbeitung im wesentlichen diese Interpretationstechniken herangezogen werden müssen.
Ein Professor setzt eine von seinem Institut bezahlte Hilfskraft ein, um festgelegte Arbeitsschritte zu erledigen und dann ein Ergebnis zu formulieren.
Wer kann beurteilen, wie groß der Anteil der verschiedenen Personen am Endergebnis ist?

Mir unvergessen:
Beim wörtlichen Zitat wurde kein Hinweis auf das Urheberrecht am Zitat und kein Hinweis auf die Bearbeitung des Themas in einem Seminar gegeben.
Von den Arbeitsergebnissen der bezahlten Hilfskraft wurde kein Ergebnis irgendeines eines Arbeitsschritts verwertet, aber für ihre (angebliche) Mitarbeit an dem Buch wurde ihr dort gedankt.
Diese Hilfskraft war ich, und unvergessen ist mir auch die Bezeichnung "Lehramtskandidat", mit der ich genannt wurde, um klar zu machen, dass es nicht um eine "nur" studentische Hilfskraft ging.

Dagegen hatte ich, bevor ich es eben nachgelesen habe, nicht mehr im Kopf, dass ich in der Einleitung zu einer Quellensammlung zur Königserhebung, die ich herausgegeben habe, genau die Prinzipien der Behandlung des Themas wiedergegeben habe, die ich zuvor in Vorlesung und Seminar des Professors gelernt hatte, selbstverständlich (?), ohne sie als sein Gedankengut zu kennzeichnen, da ich ja erwähnt hatte, dass die Sammlung aus seiner Seminarübung hervorgegangen war. Heute gibt es da andere Vorstellungen von Plagiat.

Wie ist der Anteil von Greta Thunberg an der Entstehung der weltweiten Schülerstreiks zu bewerten?
Gewiss stammt die Konzeption der weltweiten Organisation nicht von ihr, aber auch nicht die publizistische Arbeit, die erforderlich war, dass ihr Schulstreik national und international so bekannt wurde, dass sie bei der Weltklimakonferenz und beim Weltwirtschaftsforum sprechen und ihre Initiative weltweit bekanntmachen konnte.
Andererseits ist aber schwer vorstellbar, dass ohne das vorbildhafte Praxisbeispiel einer 16-Jährigen der Gedanke eines Schülerstreiks hätte Fuß fassen können.
Dass sie monatelang Einzeltäterin war, unterscheidet sie von so viel beredteren Sprecherinnen der Gelbwestenproteste und der Klimaaktivisten.


* Im Fall des "Fotos" des schwarzen Lochs hat man freilich der 29-jährigen Katie Bouman eine wichtige Rolle bei der Erstellung der nötigen Software zugeschrieben und damit einen Shitstorm gegen sie ausgelöst. Ich nehme an, dass Andrew Chael ihre Leistung besser beurteilen kann als diejenigen, die sie jetzt angreifen. Ich selbst kann es natürlich nicht beurteilen. - Freilich könnte die Berühmtheit von Greta Thunberg begünstigt haben, dass man im Kontext mit dieser wissenschaftlichen Leistung eine Frau besonders herausgestellt hat. Katie Bouman ist freilich primär eine hochqualifizierte Wissenschaftlerin, nicht eine Aktivistin, die die Mehrzahl der Regierungen der Welt angreift. Bei ihr gilt wohl eher "Eine kluge Frau hat Millionen geborene Feinde: alle dummen Männer." (Marie von Ebner Eschenbach), während Greta angegriffen wird, weil sie den Leugnern des menschengemachten Anteils des Klimawandels das Leben etwas schwerer macht und 14-jährige Mädchen (Beispiel) dazu "verführt" hat, sich für Politik zu interessieren.

3.4.19

Notwendige Selbstkritik der Millenials?

Claudia Schumacher schreibt in der ZEIT selbstkritisch:

"[...] meine Generation, die sogenannten Millennials. Selbst erst zwischen Mitte 20 und Ende 30, sehen wir plötzlich alt aus. [...]
Wir waren zwar progressiv, lebten unsere Werte aber bescheiden im Privaten aus. Radikal waren wir nie, da war kein neuer Gesellschaftsentwurf, keine Vision. Und wenn die Welt dann doch mal verbessert werden sollte, dann meistens nur die eigene: Bei ein bisschen Nischenmusik setzte jeder in der Mietwohnung seine eigenen Akzente, fand seinen Stil auf Pinterest und plante schöne Hochzeiten mit acht Brautjungfern auf der eigens dafür eingerichteten Website. Achtsam entdeckten wir Millennials unseren Selbstwert: Kulturell hat die Menschheit uns das Selfie, den Selfie-Journalismus und ich-erzählerische Memoiren zu verdanken." (Sie lassen uns echt alt aussehen, ZEIT 3.4.19)

Diese Selbstkritik wäre freilich ungerecht. Denn ohne die KlimaaktivistInnen, die bereitstanden, als Greta Chancen hatte, weltweit gehört zu werden, hätte der Schülerstreik nicht organisiert werden können. Und das waren weitgehend Millenials "zwischen Mitte 20 und Ende 30", aber natürlich auch ungezählte Ältere aus früheren Generationen, die angeblich so unpolitisch waren. 

Aber Claudia Schumacher geht es letztlich nicht um Selbstkritik als fishing for compliments wie bei Wilhelm Busch, sondern um Aktivierung ihrer Generation. Deshalb schreibt sie weiter:


"Bisher verläuft der Protest friedlich. Wenn die mächtigen Babyboomer aber weiter so egoistisch handeln, Industrie, Landwirtschaft, Verkehr nicht härter regulieren, kaum fossile Energieträger einsparen – wenn also nichts passiert und die Zeit noch knapper wird, dann könnte sich der Widerstand radikalisieren. In ein paar Jahren sind die Klima-Kinder keine Kinder mehr.
Die Frage ist, ob die Millennials dann weiterhin mit ironischen Beobachtersprüchen auf der Couch rumlungern werden, gefangen in sich selbst und ihrer lustigen Social-Media-Ersatzwelt. Für Lösungen sind die Millennials, anders als die Kinder auf der Straße, schon jetzt alt genug. Wollen wir uns endlich einbringen, politisch handeln und zur Rettung schreiten? Oder wollen wir lieber bereits heute zum Establishment zählen und sitzen bleiben? So um die 30 käme man ja eigentlich noch mal hoch von der Couch. Wie man als Generation sein Schicksal in die Hand nimmt und vorgefertigte Nachrufe in den Wind schießt, lässt sich praktischerweise gerade von den Jüngeren lernen."
(Sie lassen uns echt alt aussehen, ZEIT 3/4.4.19)
Und in der Tat: Das Engagement von Greta Thunberg und den weltweit streikenden Schülern bliebe ohne Chance auf rechtzeitige Verhaltensänderung, wenn sich jetzt nicht alle Generationen angesprochen fühlten: Das kann so nicht weitergehen!

Deshalb heißt es in einem anderen Artikel derselben Ausgabe der ZEIT:
"Doch die Klimademos zeigen die enorme Kraft einer Generation, die einfach nicht lockerlassen will. Und auf lange Dauer, das lehrt der Blick in die Geschichte, kann in einer Demokratie nicht gegen die Straße regiert werden."
(Plötzlich Bewegung, ZEIT  3./4.4.19)

Es gibt noch einmal eine Chance.

Die Schülerstreiks sollen beendet werden!

"Die Klimaschutzproteste von Schülern müssen nach Worten von Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) früher oder später ein Ende finden. Dass die Schüler in der Unterrichtszeit demonstrierten, bewerte er kritisch, sagte Kretschmann am Dienstag in Stuttgart."
„Vor allem kann das nicht ewig so weitergehen.“
https://www.welt.de/politik/deutschland/article191245663/Fridays-for-Future-Gruener-Kretschmann-hat-genug-von-den-Schulstreiks.html


Er hat Recht: Die Schülerstreiks sollen beendet werden!

Sie sollen aufhören, sobald die Regierungen zu ihren Versprechungen stehen und ernsthaft handeln. 

23 Jahre hat sich die internationale Staatengemeinschaft gemüht, ein internationales Klimaschutzabkommen zustande zu bringen.
2015 in Paris war es so weit: Es gab einen allgemeinen Beschluss mit konkreten Zusagen aller Länder, was sie dafür leisten wollen.
2017 aber traten die USA und Deutschland von ihren Verpflichtungen zurück.
Alle Klimaaktivisten waren der Überzeugung: "Das kann nicht so weitergehen!"

Aber es ging so weiter.

Dann fand Greta Thunberg eine neue Methode, der Forderung Ausdruck zu verleihen: einen Schulstreik. Sie hielt ihn monatelang durch, bis die Weltöffentlichkeit auf ihren Protest aufmerksam wurde.
Seit dem 15. März 2019 streiken weltweit Schüler, um ihrer Forderung Ausdruck zu verleihen:
Nicht Reden - das kann so nicht weitergehen -, sondern Handeln.

Je früher sie damit aufhören können, desto besser ist es für uns alle.

22.3.19

Schul-Cloud

Auf die Schul-Cloud bin ich erst heute gestoßen. Mir scheint, dass damit ein freieres Arbeiten als auf Plattformen wie Moodle möglich ist und das doch niedrigschwellig genug ist, dass man sich als Lehrer dort leicht einarbeiten und Schritt für Schritt digitale Instrumente in seinen Unterricht einführen kann.
Da ich selbst sie nicht nutzen werde, biete ich zunächst nur Interessenten einen ersten Zugang an.

Schul-Cloud (Wikipediaartikel)

Die HPI Schul-Cloud: Niedrigschwelliger Zugang zu digitalen Unterrichtsinhalten

Blog der Schul-Cloud

Zur Tagesordnung beim Schul-Cloud-Forum (Tweets):
https://twitter.com/mediendidaktik_/status/1110172597575139329

Eine andere Pädagogik ermöglichen

21.3.19

Das Bild vom "digitalen Klimawandel"

Das Bild vom "digitalen Klimawandel" hielt ich zunächst nur für einen missratenen Vergleich wie den von den Datenautobahnen. Martin Lindner hat es aber in seiner Einführung in "Die Bildung und das Netz" so veranschaulicht, dass ich es jetzt für nötig halte, mich damit auseinanderzusetzen.
Es ist hochproblematisch, weil es beide Veränderungen, die atmosphärisch-klimatische wie den digitalen Anteil an der Globalisierung unzulässig verharmlost.
Den atmosphärisch-klimatischen Klimawandel deshalb, weil er zwar vermutlich einen menschengemachten Anteil enthält, aber von Menschen nur sehr begrenzt beeinflussbar ist. (Das ist gegenwärtig endlich wieder ernsthaft ins Gespräch gekommen, bleibt hier aber unbehandelt.)
Den digitalen Anteil an der Globalisierung deshalb, weil es die Vorstellung begünstigt, die Globalisierung und der digitale Wandel erfolge genauso naturgesetzlich wie der Klimawandel. Das ist aber falsch.
Dass die Globalsierung von Menschen initiiert und vorangetrieben wird, braucht hier ebenfalls nicht diskutiert zu werden. Schon eher, dass ihre Beschleunigung in den letzten Jahrzehnten auf ein Interesse an internationaler Arbeitsteilung zurückzuführen ist, die mit dem komparativen Kostenvorteil begründet wird.
Mich interessiert hier nur der digitale Anteil. Er hat, insbesondere nach der Kommerzialisierung des Internets, zu einer erheblichen Beschleunigung der Globalisierung beigetragen und insbesondere den Tigerstaaten sowie China und Indien zu einer erhöhten wirtschaftlichen Bedeutung verholfen.
Wenn es Al Gores Rechnung gewesen sein sollte, dass der IT-Vorsprung der USA ihnen im Laufe der Digitalisierung einen uneinholbaren Vorsprung bescheren würde, dann hätte er sich verrechnet. Uneinholbar ist er nicht und Trumps Drohungen wegen der deutschen 5G-Auktion sind darin begründet.
Auch das nur am Rande.
Entscheidend ist:
Die Digitalisierung erfolgt nicht naturgesetzlich, sei kann gesteuert, gebremst und beschleunigt werden.
Gegenwärtig beschleunigt sie sich, weil die Firmen, in deren Interesse es liegt, sie voranzutreiben, nur minimal besteuert werden.
So sehr digital immigrants und digital natives von der Digitalisierung profitieren, so wichtig ist es doch zu prüfen, ob die klimatischen Folgen der Globalisierung ein Bremsen von Globalisierung und eine entsprechende Steuerung der Digitalisierung erforderlich machen.
Diese Prüfung hauptsächlich denen zu überlassen, die von der Digitalisierung relativ wenig verstehen, könnte sich als verhängnisvoll erweisen. Bei der Nutzung der Atomkraft ist man so vorgegangen und hat jetzt ein Lagerungsproblem von einigen Millionen Jahren, das die Fachleute am Beginn übersehen und dann konsequent geleugnet haben, bis die Castor-Transporte nicht mehr zu verheimlichen waren.
Bei der Digitalisierung stellt sich das Problem völlig anders. Zunächst aber sollte man es sehen.
Eine kurze Andeutung schon hier:
1. Das Netz "vergisst nichts".
2. Das Netzgedächtnis ist leichter zu zerstören als verstreute Tontafeln, Pergament und Papier. (Stichwort: Wasserstoffbombe)
3. Das Netz ist manipulierbar.

19.3.19

Martin Lindner: "Die Bildung und das Netz" mit einigen aktuellen Anmerkungen

Mit dem Netz hat sich nicht nur der Zugang zu Bildung verändert, "sondern auch das Wissen selbst: Im Netz und mit dem Netz entstehen neuartige Wissensarchitekturen, weil die digitalisierten Bausteine ganz anders verknüpft und verarbeitet werden können. Die Fachleute sind jetzt nicht mehr entrückte Autoritäten, die sich in perfekt formulierten Publikationen äußern, sondern Menschen, denen man online quasi beim Denken zusehen kann. Und auch die Peer-Netzwerke sind von ganz anderer Qualität als früher.
Das bedeutet tatsächlich einen fundamentalen Bruch mit den Bedingungen, unter denen früher Bildung stattfand, auch wenn die sichtbaren Auswirkungen bislang noch gar nicht so dramatisch sind. [...]
Die Idee eines verpflichtenden Wissenskanons ist verloren. Die Autoritäten büßen viel von ihrer Richtlinienkompetenz ein. Die Kommunikationen verzetteln sich. Und je mehr man sich in Online-Netzwerken aufhält, desto weniger ist man auf den Zusammenschluss mit den Leuten angewiesen, die leibhaftig im selben Raum sind." (Martin Lindner: Die Bildung und das Netz, Kapitel 16: Eine sehr kurze Bildungsgeschichte - im Kindle irgendwo bei 34%.) 
[Wenn ich gleich zum Inhaltsverzeichnis gegangen wäre, um das genaue Kapitel, aus dem sie stammt, anzugeben, hätte ich es mir sehr erschwert, die genaue Stelle, wiederzufinden, von der ab ich weiterlesen wollte (eine Besonderheit elektronischer Bücher).] 

Meine Annäherung an Martin Lindners Text geschieht in diesem Blogartikel etwas ungewöhnlich. In anderen werde ich versuchen, Stellen, die mir wichtig erscheinen, weitestgehend unkommentiert vorzustellen. Dazu habe ich von ihm die Erlaubnis bekommen.

Hier eine kurze Andeutung, wie mich diese Textstelle aus dem Buch erreicht hat und wie sie wieder ins Netz gelangt ist:
Ich habe das Buch vor der Erstellung subskribiert (heißt heute: "per crowdfunding schwarmfinanziert"), bei einem ZUM-Treffen im Druckexemplar gelesen, den Verfasser bei passender Gelegenheit gebeten, es mir zur Verfügung zu stellen, es mir im azw3-Format aus dem Netz heruntergeladen, gerätselt, wie ich es in meinen Kindle hineinbekomme, in gutefrage.net angefragt, eine richtige Antwort bekommen (auch wenn der Antwortende das azw3-Format nicht kannte), aber mit der Antwort nichts anfangen können. (Was mein Problem war, schildere ich dort.) Schließlich habe ich es aber geschafft, es wenigstens in amazondrive unterzubringen. Meine Vorstellung: Wenn es bei amazon ist, ist es nicht mehr weit bis zum Kindle.

Im drive konnte ich es freilich wegen des Formats nicht lesen. Das wollte ich auch gar nicht, es sollte ja im Kindle sein. Hätte ich jetzt jemanden gehabt, der "leibhaftig im selben Raum" gewesen wäre, wäre ich über einen besseren Weg informiert worden. So habe ich einen hochqualifizierten Informatiker bemüht, der einen Kindlebesitzer, mit dem er "im selben Raum" war, befragt und darauf mir kluge Ratschläge gegeben hat.
Unfähig, die Ratschläge zu deuten, habe ich den Verfasser des Buches bemüht, ihm mein Problem aus meiner Sicht geschildert, was er, da er nicht "leibhaftig im selben Raum" war, nicht recht deuten konnte.
Genug, offenkundig habe ich den Text dann irgendwie im Kindle lesen können.
Sogleich habe ich dort meine Markierungen gesetzt, um es von dort wie üblich auf den Computer zu übertragen. Der aber erkannte nicht, dass das Buch wirklich im Kindle war, erkannte auch meine Markierungen nicht und konnte mir nicht den Text anzeigen. 
Alles kein Problem. Ich lese die markierte Stelle meinem iphone vor, das konfiguriert die Mail, die mein Computer empfängt. Die kopiere ich in diesen Blogartikel, korrigiere die Verständnisfehler der Spracherkennung und schon steht Martin Lindners Textpassage im Netz. Freilich nur, wenn ich sie rechtzeitig gespeichert habe. 
Wie oft war diese Textpassage auf dem Weg vom Verfasser zu mir und von mir zum Blog und vom Blog zu Ihnen im Netz?

Ich stimme Martin Lindner durchaus zu, dass man die Gedankengänge eines Wissenschaftlers, der häufig twittert, gelegentlich bei ihrer Entstehung mitverfolgen kann. Und das weiß ich sehr zu schätzen. Zudem ist es über das Netz leichter möglich, sich auf einer Art Augenhöhe zu fühlen. [Beispiel: Twittergespräch über Wissenschaft - Ist hier erkennbar, wer Professor ist, wer Doktor, wer gar kein ausgewiesener Wissenschaftler?] 
Kurz gesagt, wir würden uns duzen, auch wenn wir nie zusammen "im selben Raum" gewesen wären. Aber von der Augenhöhe bleibt wenig übrig, wenn der eine sich im Netz nicht wie ein digital native, sondern wie ein Wissenschaftler bewegt, der seine Arbeitstexte so routiniert aufspürt, wie er es zuvor in Seminar- und Universitätsbibliothek, über Fernleihe und im Archiv getan hat. 

Dennoch: Greta Thunberg kann mit großer Autorität von den Politikern fordern: "Ihr müsst mehr für die Abschwächung des Klimawandels tun!" und gleichzeitig auf die Frage, was geschehen soll, antworten: "Das weiß ich nicht". 
Denn ihr ist schon lange bekannt, dass Hunderte von Wissenschaftlern sich über wesentliche Schritte einig sind (vielleicht auch Tausende oder Millionen). Und in der Wikipedia findet sich (sogar in 133 Sprachen) zu Klimaschutz Grundlegendes zum Problem in einer für eine intelligente 16-Jährige durchaus verständlichen Sprache. Und die Qualifizierung als exzellenter Artikel bedeutet inzwischen, dass das Gebotene inzwischen höheren Ansprüchen genügt als früheres Lexikonwissen.*

Es gibt andere Hürden, aber dass Politiker deshalb, weil sie sich auf das Fachwissen ihres Ministeriums stützen können, sich über ihr Aufgabengebiet qualifizierter äußern könnten als Schüler, wird ihnen schon länger kaum noch abgenommen. 
Da brauchte es nicht Seehofer, der Migration als "Mutter aller Probleme" bezeichnete, als ob Klimawandel und Migration nichts miteinander zu tun hätten.
Und auch keines Scheuer, der als Verkehrsminister eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen als "gegen jeden Menschenverstand" bezeichnete, obwohl die überwältigende Mehrheit der Länder Europas eine solche Beschränkung eingeführt hat. Und auch keines Trump. 

Und die Aussage von 2017 "je mehr man sich in Online-Netzwerken aufhält, desto weniger ist man auf den Zusammenschluss mit den Leuten angewiesen, die leibhaftig im selben Raum sind." ist nicht erst durch den Schülerstreik in rund 130 Ländern bewiesen, bei dem z.B. in einem Land nur 4 streikende Schüler waren, die aber die Nachricht von ihrem Streik international bekannt machen konnten. 

Da mag ich in den vorhergehenden Absätzen noch so oft betont haben, dass Anwesenheit "im selben Raum" für Verständigung oft zentral ist. 

* Ich persönlich halte übrigens den Bericht des Club of Rome von 2012 "2052 ..." für politisch noch informativer* und besonders zusammen mit Barack Obamas Satz: "Als Politiker kann ich Ihnen eines versichern: Politische Führer werden keine Risiken eingehen, solange die Menschen dies nicht von ihnen verlangen." (SZ, 5.10.13) Denn der bedeutet ja, dass das Wichtigste ist, dass Politiker eben nicht nur von Vertretern der Wirtschaft gesagt bekommen, was sie tun sollen. 

* Sehr eindrucksvoll dazu die 20 Ratschläge

Zur Fortsetzung meines Kommentars zur Lektüre des Buches (Entwurfsstadium)

18.3.19

Zwei Verzweifelte erwecken Hoffnungen

Der Norweger Jorgen Randers verzweifelte an der Lernfähigkeit Menschheit und ging trotzdem daran mit 36 Experten ein Zukunftsbild für 2052 zu erstellen - es kam 2012 heraus, das für uns Laien erschreckend ist, für ihn aber eine Erleichterung darstellte:
"Es erfüllt mich aufrichtig mit Freude, dass der Weltuntergang nicht zu meinen Lebzeiten passieren wird." (S.279) [Hervorhebung von Fontanefan]
Das Schlimmste werde erst nach 2030 passieren. Dabei wusste er, dass eigentlich noch 2012 eine Möglichkeit bestanden hätte, das Schlimmste dauerhaft abzuwenden.

Die Schwedin Greta Thunberg verzweifelte mit 11 Jahren und versuchte trotzdem mit allen Möglichkeiten eines Kindes, das Schlimmste für ihre Generation zu verhindern. Über vier Jahre lang kämpfte sie ohne Hoffnung. Das sagte sie noch Ende 2018.
Die weltweiten Schülerstreiks vom 15. März 2019 haben vielleicht aber doch einen Funken Hoffnung in ihr erweckt. Jedenfalls kämpft sie noch unermüdlich weiter.

Jorgen Randers hat nicht daran geglaubt, dass ein weltweites Umdenken der Politiker im Laufe der nächsten Jahre möglich wäre. Doch das wäre für das Gelingen seines Vorschlags erforderlich. Ob Gretas Erfolg auch ihm Hoffnungen macht?

Bei mir hat er die Hoffnung erweckt, dass ein weltweiter Bewusstseinswandel entsteht und dass ich nicht mehr erleben werde, dass die kommenden Generationen ihre Hoffnungen aufgeben müssen.

Literatur zum Thema:

Naomi Klein: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2015 ISBN 9783100022318
Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, München 2011

Martin Jänicke / Philip Kunig / Michael Stitzel: Lern- und Arbeitsbuch Umweltpolitik. Politik, Recht und Management des Umweltschutzes in Staat und Unternehmen (Rezension)

1999; 432 S.; brosch., 29,80 DM; ISBN 3-8012-0283-6