24.6.19

Zu politischen Meinungsäußerungen von Lehrern

Geeinigt hat man sich 1976 einmal auf den Beutelsbacher Konsens mit dem Überwältigungsverbot. Inzwischen scheint freilich  in dieser Frage kein Konsens mehr zu bestehen und der hilfreiche Begriff Überwältigungsverbot weitgehend unbekannt zu sein.

Hier eine spezifischere Fragestellung im Zusammenhang mit Rechtsextremismus:

"Neutralität ist für Lehrer keine Option", SZ 24.6.19

Parteipolitisch sollten Lehrer m.E. so weit wie möglich neutral argumentieren, auch wenn sie eine Parteimitgliedschaft nicht zu verleugnen brauchen. Also kein Neutralitätsgebot.

In Sachen des Klimawandels und der Frage, ob energischere Maßnahmen dazu notwendig sind, sollte sich aber kein Lehrer zurückhalten, denn das ist gewiss keine parteipolitische Frage.

28.5.19

Zur Bearbeitung einer Staatsexamensaufgabe aus dem Jahr 2010 aus dem Lichte von 2019

Die Textvorlage ist "Das Gebäude" von Herbert W. Franke .
Die Rollen von Mensch und Roboter sind vertauscht.
Die Menschen arbeiten wie Maschinen. Die Roboter sorgen dafür, dass die Menschen funktionieren ("Kältearrest").
Die Arbeit ist sinnlos. Gebäude werden aufgebaut und abgerissen. Wohnen können die Menschen weder da noch da.
Der Gedanke, man könnte in Gebäuden wohnen, ist für Fontain "frevlerisch". Ein Frevel ist eine Handlung gegen die göttliche Autorität.
Für Hassau ist er "eine absurde Idee" und "unsinnig".
Die Menschen haben eingesehen, dass sie nur für die Maschinen arbeiten dürfen. Etwas für die Menschen zu tun, wäre gegen die künstliche Intelligenz der Maschinen, also gegen die übernatürliche Autorität.
Aussageabsicht des Textes: Wenn sich der Mensch an die Maschine anpassen muss, ist das gegen die Menschenwürde. Dazu: Kants kategorischer Imperativ (vgl."Selbstzweckformel" https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorischer_Imperativ#%E2%80%9EFormeln%E2%80%9C)
Diese Aussage wird aber nicht ausgesprochen, sondern erst langsam [im Kopf des Lesers] entwickelt. (Parallelbau der beiden Teile wie in Kafkas "Auf der Galerie").
Das selbständige Denken haben die Menschen zugunsten der Sicherheit aufgegeben. "Sicherheit dessen, für den andere denken".
Bemerkenswert ist, dass der Gedanke, dass man das selbständig denken nicht zugunsten seiner Sicherheit aufgeben dürfe, schon 2010 in einer Prüfung behandelt wurde, bevor ein deutscher Innenminister ihn seinerseits verwarf.
Der Innenminister Friedrich hat 2013 Sicherheit zum "Supergrundrecht" erklärt, also zu einem Grundrecht, das wichtiger ist als Freiheit, Meinungsfreiheit und Menschenwürde.
Von Lehrern und Schülern erwartet man selbständiges Denken. Minister genießen nicht selten Narrenfreiheit (auch heute noch). Aber das braucht man in einer Staatsprüfung nicht ausdrücklich hinzuschreiben. Greta Thunberg hat deutlich genug aufgezeigt, dass manchmal Schüler besser als Minister* wissen, was in einer Gefahrensituation zu tun ist. Der Prüfer könnte also sagen: "Warum schreiben Sie so einen Allgemeinplatz hin?" Also lässt man das besser weg.

Selbstverständlich müsste ein solcher Text als "Thema verfehlt" und deshalb "ungenügend" bewertet werden, denn die Aufgabenstellung war:

"Stellen Sie Überlegungen zur Leseförderung und zum literarischen Lernen an, die Ihnen helfen, den Einsatz des Textes in einer Klassenstufe Ihrer Wahl (bitte angeben!) zu begründen; gehen Sie dabei auch auf das Science-Fiction-Genre ein!" (Aufgabenbereich: Didaktiken einer Fächergruppe der Hauptschule) 

* Dobrindt, Seehofer, Scheuer ...

22.5.19

Die Ursachen des aktuellen Klimawandels unmissverständlich erklärt

von rezo: "Die Zerstörung der CDU"

Dazu jemand, der mehrmals CDU gewählt hat:
11. Danke lieber - Für all die Mühe, der das Zusammentragen, für das Aufbereiten und das Posten dieses Videos. Deutschland könnte mehr Menschen wie Dich brauchen, die auf Basis von Fakten argumentieren und ihren Standpunkt so pointiert klar machen.

und die hilflosen Reaktionen

Die FAZ versucht mit einem Faktencheck (23.5.19) rezos Argumente auszuhebeln. 
Im Grunde findet sie nur eine Aussage, die sie als falsch bezeichnen kann. Dabei erweist sich freilich, dass sie schlicht nicht zureichend informiert ist (mehr dazu auf dem Bildblog, der auch auf die Argumentation der CDU eingeht).
Dass es den Politikern in der Tat extrem schwer gefallen ist, eine vernünftige Klimapolitik durchzusetzen, ist der FAZ zuzugestehen und aus der weltweiten aus der Entwicklung der letzten Jahrzehnte deutlich abzulesen. 
Aber gerade das will rezo ja anprangern. 

Besonders peinlich in meinen Augen die Stellungnahme in der von mir an sich hoch geschätzten ZEIT: Die interessanteste Frage stellt er nicht. (Lisa Nienhaus ZEIT 24.5.19)
Ihre Argumente sind inzwischen mehrmals wiederlegt worden. 
Ihre "interessanteste Frage" ist, wie mehr Leute "neu aufsteigen können von den Normalos in den Club der Reichen".
Weit wichtiger scheint mir Die Kunst den Kapitalismus zu verändern, dass der Menschheit der Lebensraum nicht im Laufe dieses Jahrhunderts verloren geht.
Die Antwort von Wolfgang Kessler: hier, die von Muhammad Yunus: hier.

Das Hauptproblem, ist, den Klimawandel zu beschränken. Die Macht der Superreichen zu beschränken könnte ein dafür notwendiges Mittel sein. Aber noch ist der Beleg dafür noch nicht erbracht. 

Hier aber ein abweichende Stimme in den Mainstreammedien:
"Der Unsinn und die Beschwichtigungen aber, die vom Personal der sogenannten Volksparteien routinemäßig verbreitet werden, sind für die Demokratie mindestens ebenso gefährlich. Der deutsche Politikbetrieb und seine Beobachter haben sich an diese kleineren und größeren Lügen, Verzerrungen, Weglassungen, Mauscheleien, an die Lobbyistensprache so sehr gewöhnt, dass all das kaum noch wahrgenommen wird." (Christian Stöcker auf Spiegel online 26.5.19)
Die Hervorhebung stammt von mir. Hinzusetzen muss ich leider: auch von den Mainstreammedien

Wissenschaftlicher Faktencheck zu rezos Video:
Volker Quaschning
Stefan Rahmstorf

Zu den Reaktionen der Qualitätspresse auf rezos Video schreibt Dejan auf Twitter:

Ist "Googelt" Schleichwerbung oder das?
Digitale Transformation


AKK denkt über Regulierung von Influencern nach, tn3.de 27.5.19

20.5.19

Eine Anfrage

Eine Anfrage an die Stiftung Jugend und Bildung:  

Bemerkenswert ist, dass auf Ihrem Arbeitsblatt zur Europawahl 2019 für Schüler der 9.-13. Jahrgangsstufe das Wort Klima nicht vorkommt.
Sind Sie der Ansicht, dass das angesichts der Schülerstreiks geeignet ist, das Interesse der Schüler an Europa zu fördern?

Link zum Arbeitsblatt

Als ihren Anspruch formuliert die Stiftung u.a.
"Im Gegensatz zu den offiziellen Schulbüchern können wir mit unseren Materialien schnell und zeitgemäß auf aktuelle Ereignisse und gesellschaftliche Diskussionen reagieren. Damit decken wir einen großen Bedarf von Lehrkräften ab.
Unsere Unterrichtsmaterialien setzen stets an der Lebenswelt von Jugendlichen an und sollen ihnen helfen, ihre Lebenssituation besser zu verstehen und aktiv zu gestalten." (Hervorhebungen von Fontanefan)

Stichwort Stiftung Jugend und Bildung im Deutschen Bildungsserver
Am 17.1.2005 wurde in Berlin die Stiftung Jugend und Bildung gegründet. Ziel der Stiftung ist es, die gesellschaftspolitische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen zu fördern - insbesondere angesichts der Herausforderung durch die erweiterte europäische Dimension. Mit Broschüren, Internetangeboten und Veranstaltungen wollen sich die Stifter an Kinder und Jugendliche sowie an alle im privaten und öffentlichen Bereich für die Erziehung, Bildung und Ausbildung Verantwortlichen wenden. Die Medien dienen zur allgemeinen Information und Motivation der Zielgruppen und können als ergänzendes Unterrichtsmaterial eingesetzt werden. Im Vordergrund steht bei allen Projekten, diejenigen zu unterstützen, die schulische Innovation mit beispielhaften Projekten vorantreiben.

Wer hinter der Stiftung steht, wird leider nicht angegeben.

Wir wollen es nicht wahrhaben


Früher hat man nicht selten den Überbringer einer unangenehmen Botschaft getötet.
Heute, im Zeitalter des Internets, sind wir humaner und sagen einfach mit Trump "Fake News".

Im Fall des menschengemachten Klimawandels ist das freilich nicht ganz so leicht. Wenn seit Jahrzehnten über 90 Prozent der Wissenschaftler über die Grunddiagnose einig sind und wenn inzwischen nach jahrzehntelangen Verhandlungen auch die Politiker 2015 auf einer Weltklimakonferenz konkrete Beschlüsse zu seiner Eindämmung gefasst haben, dann helfen auch die von Lobbyisten bezahlten Gegengutachten nichts mehr. Der Klimawandel lässt sich nicht mehr ernsthaft bestreiten.

Wieso aber gelingt es uns, weiterzumachen, als gäbe es ihn nicht?
Zwei Gründe gibt es.
Erstens: Wenn wir den Klimawandel jetzt noch eindämmen wollen, müssen wir unsere Lebensweise radikal umstellen. Und wer will das schon?
Zweitens: Die anderen leben ja auch weiter, als ob es ihn nicht gäbe. Das macht es viel leichter, den eigenen Augen nicht zu trauen. Wenn ich etwas verändere, macht das sowieso keinen wesentlichen Unterschied. Also brauche ich es nicht zu tun.

Etwas Weiteres kommt hinzu: Ständig gibt es neue Nachrichten über Missstände auf der Welt, über die wir uns aufregen können:
Wir diskutieren über Trump, Putin, Erdogan, Böhmermann, über die AfD, Seehofer und Merkel, Scheuer, Stuttgart21, den Berliner Flughafen, über Kevin Kühnert ... Es nimmt kein Ende. Das macht es leichter, nicht an den Klimawandel zu denken.
Jetzt gibt es freilich Schüler, die nicht mehr mitmachen wollen, die ein Recht auf Zukunft fordern.
Das schreckt auf. Aber nun setzt eine allgemein menschliche Reaktion ein: "Jetzt gibt es endlich jemanden, der sich um den Missstand kümmert. Ein Glück! Jetzt brauche ich es ja nicht mehr."
Lasst es Greta und die anderen Schülerinnen und Schüler mal machen! Jetzt bin ich ja nicht mehr gefragt. Jetzt kann ich wieder so tun, als ob alles in Ordnung wäre.

Nur ist da der 26.Mai. Wir alle sind gefragt, wie es in Europa weiter gehen soll. Als Demokraten haben wir sogar nicht nur ein Recht, sondern deshalb auch eine Pflicht, uns darum zu kümmern.
Da hilft es nun nicht, sich zu sagen: "Hauptsache, ich wähle nicht diese eine böse Partei." Jetzt gilt es zu fragen: Wer setzt sich für die Zukunft der kommenden Generationen ein und will wirklich ernsthaft den Klimawandel nach Kräften eindämmen?
Es sind nicht viele, aber die verdienen unsere Stimme.

16.5.19

Kollegen

Kollegen ist das Thema der ZEIT vom 16.5.19

Frau Wagner macht Stress ist der Titel eines Artikels in der ZEIT vom 16.5.19, der über eine Lehrerin, die an ihren KollegInnen und Lehrer allgemein scharfe Kritik geübt hat und der mir erfreulich ausgewogen erscheint.
Offenbar ist es Frau Wagner gelungen, ihre Frustrationen weniger an ihren SchülerInnen als an ihren KollegInnen auszulassen. Und vielleicht hat sie sich selbst denen gegenüber 22 Jahre lang zurückgehalten.
Sie hat in doppelter Weise gelitten, als Kollegin und als Mutter. Da wäre das eine gewaltige Leistung.
Zuzugestehen ist ihr: Es gibt wohl kaum eine Lehrperson, die ihre Kinder nicht vor bestimmten LehrerInnen gern schützen würde. Der Mutter von Michelle Obama ist es mit erfreulichem Erfolg gelungen. Frau Wagner hat das für Ihre Kinder so nicht leisten können. Ich hätte es ihr gewünscht.
In der Fähigkeit, SchülerInnen gerecht zu werden, unterscheiden sich Lehrer enorm. Und ich hätte Verständnis dafür, wenn einige KollegInnen, die ich erlebt und bewundert habe, gesagt hätten: "Der Fontanefan hätte nie Lehrer werden sollen."
Aber wir haben einen Lehrermangel, und selbst von KanzlerInnen und US-Präsidenten sagt mancher, sie seinen unfähig gewesen, ihren Job angemessen auszuführen. Und dabei hat es nie an Kandidaten für diese Posten gefehlt.
Später vielleicht mehr dazu.
Vom Frust von Lehrern mit der Schulverwaltung handeln diese Artikel. Ich will nicht behaupten, dass ich darin der Schulverwaltung immer gerecht geworden bin.

10.5.19

"PISA-Chef" Schleicher zu Mathematikabitur und zum Klimawandel

"Die Pisa-Ergebnisse zeigen: Deutsche Schüler sind gut darin, etwas auswendig zu lernen. Aber sie könnten besser daran sein, Ideen zu durchdringen und kreativ mit ihnen zu arbeiten.
[...] In Deutschland trainieren die Schüler oft Rechenprozeduren. In einer japanischen Klasse stellt der Lehrer ein Problem in den Raum – und alle entwickeln gemeinsam eine Herangehensweise für die Lösung. In Deutschland wird noch immer zu viel Stoff in zu geringer Tiefe vermittelt. Ich empfehle: weniger Stoff, mehr eigenständige Auseinandersetzung. Die deutschen Schüler haben nicht leichtere Abituraufgaben, sondern besseren Unterricht verdient. [...] Für mich zeigt sich hier einmal mehr: Es ist mit vielen Problemen verbunden, dass es keine einheitlichen Prüfungen für ganz Deutschland gibt. Gäbe es sie, dann wäre es doch so: Fällt eine Prüfung zu schwer aus, ist das zwar schmerzlich. Es hätte aber keine gravierenden Auswirkungen, weil es ein Jahrgang ist, der um Studienplätze konkurriert. Ein fairer Vergleichsmaßstab ist das Abitur bislang nicht. Das sollte sich ändern.
Mathematik gilt ohnehin schon als Fach, an dem viele scheitern. Wird dieser Frustrationsfaktor nicht noch größer, wenn sie von jedem eigenes mathematisches Denken erwarten?
Eben nicht. Dieses mathematische Denken kann man trainieren – das ist nicht einfach nur Begabungssache. Mathe kann man viel besser lernen als beispielsweise Musik, die viel mit Talent zu tun hat. Die Pisa-Ergebnisse aus China und Singapur zeigen, dass sich die Fähigkeiten zum mathematischen Denken an die gesamte Schülerschaft in hohem Maß vermitteln lassen. [...] Es geht darum zu lernen, dass Mathematik eine Sprache ist, mit der sich die Realität beschreiben und gestalten lässt. Dafür ist fächerübergreifender Projektunterricht sehr gut geeignet. Die Frage, wie es mit dem Klimawandel weitergehen könnte, ist auch ein gutes Thema für den Mathematikunterricht." (Oberhessische Presse Marburg 10.5.19 - Hervorhebungen von )

Der PISA-Chef ist weit begabter als ich und hat den viel besseren Überblick. Aber er geht entsprechend seiner Funktion vom internationalen Leistungsvergleich aus, nicht von der Aufgabe der bestmöglichen Förderung der Schüler. 
An sich geht mich das laufende Mathematikabitur nichts an. Wohl aber interessieren mich verallgemeinernde Behauptungen.
Als wir in unserer Schule Besuch von japanischen Lehrern hatten, waren die beeindruckt von der Gesprächskultur im Mathematikunterricht, davon wie nach Lösungswegen gesucht wurde. Dann freilich sagten sie: Auf dieser Klassenstufe würden unsere Schüler nicht über solche Aufgaben diskutieren, sie haben sie schon weit früher behandelt.
Im Übrigen weiß ich über die Lernkultur aus Japan, China und Singapur nur aus der Presse (die Erfahrungen meines Sohnes mit Autoritätshörigkeit  an einer japanischen Universität zählen hier nicht). Dass in Japan das Phänomen, dass Schüler den Lebenszwängen ausweichen, indem sie ihr Zimmer nicht mehr verlassen, häufiger ist als in Deutschland, ist aber wohl nicht aus der Luft gegriffen. Dass China und Singapur weniger Gesprächskultur, sondern Leistungskonkurrenz gepflegt wird, wohl auch nicht.
Die Klage von deutschen Englischlehrern, dass das Zentralabitur dazu geführt habe, dass im Abitur nur noch Mittelstufenniveau gefordert sei, weil Reflexion über komplexere Inhalte ohne ein Minimum an gemeinsamer Stoffkenntnis nicht möglich sei, höre und lese ich freilich aus erster Hand in der Familie und im Internet.

Und, mit Verlaub, die Frage, wie es mit dem Klimawandel weitergehen könnte, gehört nicht in den Mathematikunterricht, sondern in die Medien, auf die Straße und endlich in die Regierungen.
Hoffentlich denkt Herr Schleicher genauso und nicht wie Christian Lindner, aber dazu wurde er ja auch nicht gefragt.