28.5.20

Pflichtlektüren für das Abitur Deutsch Grundkurs 2020


Pflichtlektüren Deutsch Grundkurs 2020 in den verschiedenen Bundesländern
Kommentar der ZEIT dazu: "Der Lesekanon wechselt alle paar Jahre, ist aber erstaunlich beständig." - Ich empfinde ihn als durchaus anregend und wenig kanonisch. Freilich halten sich manche Werke dort recht lange, die m.E. so viel Aufmerksamkeit nicht unbedingt verdient haben. 
Weitere Beiträge zum Thema Kanon

Bremen: Juli Zeh: Corpus Delicti oder Kevin Kuhn: Hikkomori (Kontaktlose in Japan)
H. v. Kleist: Michael Kohlhaas
Schleswig-Holstein: Goethe Faust I
Hamburg: Theodor Fontane (ein Werk wahlweise)
Lessing: Emilia Galotti
Saša Stanišić: Vor dem Fest
Hebbel: Maria Magdalena
Maren Ade: Toni Erdmann (Drehbuch)
Niedersachsen: Erich Kästner: Fabian (Weimarer Republik)
Hans Fallada: Kleiner Mann - was nun?  (Weimarer Republik)
Hessen: Goethe: Faust I
Georg Büchner: Woyzeck
Eichendorff: Taugenichts
Kafka: Die Verwandlung
Berlin und Brandenburg (ab 2021): Goethe: Iphigenie
Eichendorff: Das Schloss Dürande
Nordrhein-Westfalen: Goethe: Faust I
Kleist: Die Marquise von O.

Judith Hermann: Sommerhaus, später
Sachsen: Juli Zeh: Corpus Delicti
Fouqué: Undine
Christoph Hein: In seiner frühen Kindheit ein Garten
Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame
Euripides: Medea
Saarlland: Goethe: Faust I
Ludwig Harig: Weh dem, der aus der Reihe tanzt (NS-Zeit)
Wedekind: Frühlings Erwachen
Kafka: Erzählungen u. kurze Prosa
Baden Württemberg: Goethe: Faust I
Hesse: Der Steppenwolf
Hoffmann: Der goldene Topf
Bayern: Goethe Faust I
Mecklenburg-Vorpommern: keine Pflichtlektüren
Sachsen-Anhalt: keine Pflichtlektüren
Rheinland-Pfalz: keine Pflichtlektüren

Thüringen: keine Pflichtlektüren

Grundlagen der Recherche:

https://www.zeit.de/wq/2020-23#ach-du-mein-goethe-infografik

Abiturprüfungspraxis und Abituraufsatz 1882 bis 1972



Gemeinsamer Aufgabenpool

Gemeinsamer Aufgabenpool Deutsch 2019 (Grundkurs)
Franz Hohler (* 1943): Der Sonderling (1979)
Ulla Hahn: Das verborgene Wort
Ödön von Horváth (1901–1938): Geschichte einer kleinen Liebe (Text aus dem Nachlass, vermutlich entstanden zwischen 1924 und 1927)

8.5.20

Tipps zum Unterricht in der Krise

Es gab viele Vorschläge für digitalen #Fernunterricht*, jetzt brauchen wir welche für den eingeschränkten Unterricht. Wie kann die man freistellen, die keine Lehrperson brauchen und denen helfen, die auf sie angewiesen sind?
Zur Erläuterung:
Lehrer müssen ihre Energien einsetzen können für die, die (Nach-)Hilfe brauchen.
Bei den Kurzschuljahren sind in 2 Jahren 6 Monate Unterricht eingespart worden, ohne wesentliche Beeinträchtigung des Lernerfolgs.
Bei G8 wird ein ganzes Schuljahr eingespart. 

Hochbegabte langweilen sich im Normalunterricht.* Die gewinnen über Fernunterricht Zeit für Recherche und eigene Arbeit.
Wirklich gute Schüler brauchen nicht ständig Rückmeldung, sondern Arbeitsanregungen. Da kann man alle (paar) Monate mal Rückmeldung geben.

Wenn die nichts schaffen, ist es nicht so schlimm. So wird der Leistungsstand der Lerngruppe mit der Zeit homogener. Aber sie haben die Chance, eigenständiges Arbeiten zu lernen. Wenn sie's nicht lernen, ist nur eine Chance verpasst.

Hier sammle ich Tipps, auf die ich hingewiesen werde oder von selbst stoße:

Zunächst meine Ausgangsvorstellung:
Fernunterricht mit allgemeinen Fragestellungen, für die die meisten Schüler nur wenig Feedback brauchen. Dazu Beispiele hier

Technische Hilfen, für die die sie brauchen, z.B.
Arbeitsgruppen bilden, die sich nicht physisch treffen, aber im Netz austauschen. Dafür werden die technischen Hilfsmittel bereitgestellt (sieh Textbeispiel) oder ausgetauscht.

Frau S "kümmert sich selbst darum, dass Kinder, die ihn benötigen, einen solchen PC bekommen und bringt das Gerät auch mal persönlich bei Schülern vorbei, die in den vergangenen Wochen mit großen Problemen zu kämpfen hatten, weil ihnen ein PC fehlte. Auf Dauer wäre das nicht gut gegangen, sagt eine betroffene Mutter einer Schülerin: "Weil sie komplett vom Schulstoff hinten nachhängen würde. Heißt: Sie müsste eventuell sogar die Klasse wiederholen, weil sie einfach nicht mitkommt."
Die Soforthilfe des Staats lässt noch auf sich warten. Für Lehrerin Friedl-Schneider, die bisher über 20 Computer verteilt hat, sollte es aber nicht nur bei der finanziellen Unterstützung bleiben. "Meine Hoffnung ist, dass die digitalen Möglichkeiten in Zukunft auch im Schulalltag intensiver ausgeschöpft werden. Damit uns sowas wie jetzt, von 0 auf 100, nicht mehr passiert."
Hier entsteht ein gemeinsames Dokument:
Jeder kann mitschreiben. Die Einzelbeiträge sind (farblich) deutlich unterscheidbar.

*     Weshalb es gut sein kann , wenn Hochbegabte keinen Unterricht haben:
Newtons Erfahrung während der Pest
"[...] Cambridge sent students home to continue their studies. For Newton, that meant Woolsthorpe Manor, the family estate about 60 miles northwest of Cambridge.
Without his professors to guide him, Newton apparently thrived. The year-plus he spent away was later referred to as his annus mirabilis, the “year of wonders.”
First, he continued to work on mathematical problems he had begun at Cambridge; the papers he wrote on this became early calculus.
Next, he acquired a few prisms and experimented with them in his bedroom, even going so far as to bore a hole in his shutters so only a small beam could come through. From this sprung his theories on optics.[...] 
“ … Whilst he was musing in a garden it came into his thought that the same power of gravity (which made an apple fall from the tree to the ground) was not limited to a certain distance from the earth but must extend much farther than was usually thought. ‘Why not as high as the Moon?’ said he to himself..”
In London, a quarter of the population would die of plague from 1665 to 1666. It was one of the last major outbreaks in the 400 years that the Black Death ravaged Europe.
Newton returned to Cambridge in 1667, theories in hand. Within six months, he was made a fellow; two years later, a professor.

* Beispiele für Tipps für digitalen #Fernunterricht
(wird laufend ergänzt)

8.4.20

Wie Tagebuchschreiben Schulverweigerern hilft

"[...] „Freedom Writers“ aus dem Jahr 2007 erzählt die Geschichte einer jungen Lehrerin, die das gegenseitige Misstrauen in ihrer Klasse überwand, indem sie die Jugendlichen Tagebuch führen ließ.
„Als ich diesen Film gesehen habe, beruhend auf einer wahren Begebenheit, und habe gesehen, dass Ghetto-Kids aus Los Angeles – so klischeehaft, wie das jetzt klingen mag – die haben es geschafft, ihre Waffen wegzulegen und einen Stift in die Hand zu nehmen, ihre Geschichte aufzuschreiben. Da war mein Gedanken, wenn die das schaffen, dann muss es möglich sein, dass Menschen wie Dilara, wie Melissa das auch hinkriegen.“

Kurzentschlossen wiederholt Jörg Knüfken den Versuch mit seiner AG.

„Ich habe den Schülerinnen und Schülern Tagebücher gegeben, und die fingen an, ihr Leben da reinzuschreiben. Und das, was vielleicht mitentscheidend war: Ich durfte diese Tagebücher auch lesen. Und das hat noch mal einen völlig anderen Aha-Effekt für mich gehabt.“

Tiefe Einblicke – der Lehrer darf die Tagebücher lesen

Seite für Seite erhielt er so Einblicke in die Lebenswelt seiner Schülerinnen und Schüler. Erfuhr, was sie wirklich beschäftigte, was sie dachten und fühlten, und begann zu verstehen, warum sie manchmal schlecht drauf waren. Die Scheidung der Eltern. Neue Lebenspartner, mit denen sie nicht klar kamen. Manche Einträge gingen an die Grenze des Erträglichen, wie der eines Jungen von damals zeigt, den Dilara vorliest.
„Früher ist mein Vater immer ausgerastet, wenn ich einen kleinen Fehler gemacht habe. Er hat mich geschlagen, aber auch meine Schwester, meinen Bruder und meine Mutter. Meine ganze Familie musste mitansehen, wie er mich mit dem Gürtel schlug oder seine Faust in meinem Gesicht landete. Ich heulte jeden Abend, weil ich Angst hatte.“

Knüfken: „Und das, was sich ganz schnell geändert hat, war, dass ich ganz viel Respekt den Jugendlichen entgegengebracht habe für ihre Lebensleistung. Ich habe den Eindruck, dass die das auch schnell gespürt haben. Und das hat einen Wendepunkt bedeutet in der Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern.“ [...]"
https://www.deutschlandfunkkultur.de/das-projekt-changewriters-wie-tagebuchschreiben.976.de.html?dram:article_id=410811


Hessens bekannteste Schulverweigerer vor Gericht
Die ältesten Söhne der Familie Dudek glänzen mit Bestnoten. Sollte der Staat auf Schulpflicht verzichten?

19.3.20

Coronakrise und Schulbildung

Auch ich sehe in der gegenwärtigen gefährlichen Krise für unser gesamtes Gesundheitssystem Chance und Gefahr für unsere Bildung, so wie es sich in zwei sich 
widersprechenden Artikeln in der ZEIT vom 19.3.2020 widerspiegelt:
Im Unterschied zu den optimistischen Autoren der ZEIT sehe ich diese Entwicklung freilich mehr als jemand, der vor knapp 50 Jahren als Lehrer angefangen hat und seit etwa 15 Jahren mit der Erstellung von OER-Materialien begonnen hat.
In dieser Zeit bin ich zum Schluss gekommen, dass ein Großteil der Schüler (nach meinem Gefühl waren es in meiner Unterrichtszeit wohl über die Hälfte) auf die erfolgreiche Motivation durch ein Gegenüber angewiesen ist. Und besonders sozial benachteiligte Schüler.
Sozial Benachteiligte machen manchmal eine großartige Bildungskarriere, aber fast immer findet sich in ihrem Lebenslauf mindestens eine ganz wichtige Motivatorin.
Nicht selten waren es mehrere.

Und dennoch sehe auch ich in der Krise eine Chance, weil - nach einigem Hin und Her - international erkannt wird: Bei einer bevorstehenden großen Katastrophe hilft jeder Tag früher, an dem energisch gehandelt wird, die kommenden Anstrengungen leichter zu machen.

Doch natürlich ist das eine Vereinfachung. Denn wenn wir die beiden Weltkrisen, in denen wir uns gegenwärtig befinden, vergleichen, gibt es neben manchen Gemeinsamkeiten auch viele Unterschiede. Die herauszufinden, möchte ich alle alle auffordern, die gegenwärtig von ihrer laufenden Arbeit freigesetzt sind.
Hier ist eine Anregung dazu mit manchen Hilfen, manchem Material und vielen offenen Fragen:


25.2.20

Wer sollte bestimmen, was Rassismus ist?

Der folgende ZEIT-Artikel vertritt eine höchst ehrenwerte Position, die man zur Kenntnis nehmen sollte, wenn man meiner Argumentation nicht kritiklos auf den Leim gehen möchte. Ich wiederhole für meine Zwecke aber nicht die gesamte Argumentation, die man nachlesen kann, sondern zitiere hier nur den Schluss, den ich für problematisch halte:
"Selbst der rassistischste AfD-Wähler wird nie die Drohung erfahren, aus diesem Land ausgeschlossen zu werden. Immer werden Politiker der sogenannten Mitte sagen, man muss auch seine Sorgen anhören. Diese Sicherheit des Dazugehörens fehlt Deutschen nichtweißer Hautfarbe. Und wenn wir uns mit unseren Werten ernstnehmen, wenn wir also wollen, dass die Schönheit des ersten Satzes unserer Verfassung zugleich auch eine Wahrheit ist, dann schulden wir es ihnen, diese Sicherheit zu schaffen. Jetzt. Bedingungslos. Für immer." (Rassismus: Bedingungsloses Zuhören)

Meine Behauptung: Wer von Rassismus betroffen ist, merkt es.
Andere können das nicht unmittelbar nachvollziehen, denn menschliche Wahrheit* ist immer subjektiv.*
Wie komme ich darauf?
Ernst Tugendhat hat einmal gesagt: "Auch ein Deutscher muss die Wahrheit sagen dürfen."
Das hielt ich für eine sehr berechtigte Aussage, bis mir auffiel, dass nach dem Holocaust manches, was ich, ein Deutscher, für wahr halte, für einen Holocaustüberlebenden nicht nur grundfalsch sein, sondern eine schwere Verletzung bedeuten kann.
Wahrheit ist also so subjektiv, dass meine Wahrheit zwar sinnvoll in den allgemeinen Diskurs eingebracht werden kann, nicht aber einem Holocaustüberlebenden ins Gesicht gesagt werden kann, ohne ihn tief zu verletzen.

Was hat das mit der Begriffsbestimmung von Rassismus zu tun?
Antisemitismus ist eine Form von Rassismus. Wenn Personen von Antisemitismus betroffen sind, ist das für sie eine schwere Verletzung. Dass sie von Antisemitismus betroffen sind, ist ihre Wahrheit.
Wenn die Regierung Israels als Betroffene bestimmen könnte, was Antisemitismus ist, könnte sie jede Kritik an ihrem Handeln als Antisemitismus bezeichnen und damit die innerisraelische Opposition zu Antisemiten erklären.
Das ist nahe an dem, was gegenwärtig in der Türkei geschieht, wo (weitestgehend) vorurteilsfreie Berichterstattung als Spionage deklariert und als solche bestraft werden kann.

Zu Recht wird der Begriff Rasse als obsolet bezeichnet. Wenn jemand wegen seiner äußerlichen Merkmale abgewertet wird, indem man ihn einer angeblich minderwertigen "Rasse" zuordnet, verdient er daher unsere Solidarität.
Wenn Bangel aber behauptet, nur die Angegriffenen verstünden, was Rassismus ist, begeht er meiner Meinung nach einen Fehler. Er hat Recht damit, dass nur der Angegriffene beurteilen kann, wie verletzend Rassismus ist.
Denn nur in Ausnahmefällen (z.B., wenn man einen Menschen sehr liebt) wird man Verletzungen, die einem anderen zugefügt werden, genauso stark - oder gar stärker - empfinden als die, die einem selbst zugefügt werden. [Folterer versuchen, weil es diese Fälle gibt, gelegentlich, wenn sie die Gefolterten nicht brechen können, ob es ihnen über die Folter ihrer Angehörigen gelingt ihr/ihm ihren Willen aufzuzwingen.]
Hans Magnus Enzensberger hat dazu einmal dem Sinne nach gesagt: Jedem steht der eigene Zahnschmerz mehr weh als das Leid der vielen Millionen auf der Welt.

Deshalb haben die Angegriffenen aber noch nicht das Recht, für die Gesellschaft zu definieren, was Rassismus sei. Dass muss m.E. im gesamtgesellschaftlichen Diskurs geschehen.
Wenn z.B. Menschen in Deutschland Chinesen ausweichen und auf die andere Straßenseite wechseln, weil sie fürchten, von ihnen mit dem Coronavirus angesteckt zu werden, dann ist das in den meisten Fällen eine übertriebene Angstreaktion.* Weil es von den Chinesen aber als Rassismus empfunden werden kann, ist es ein angemessener Ausdruck von Solidarität, auf sie zuzugehen und sie besonders freundlich zu grüßen. (Bei Twitter habe ich einen solchen vorbildlichen solidarischen Akt dokumentiert gesehen.)
Aber wer seine übertriebene Angst nicht überwinden kann, ist deshalb noch kein Rassist, auch wenn sein Verhalten von Menschen, die öfter Rassismus erfahren haben, nahe liegender Weise so gedeutet werden wird.

Die völlig inakzeptablen Beleidigungen von Renate Künast könnten (zumindest theoretisch) subjektive Wahrheiten der Beleidiger sein.
Die Unterscheidung zwischen "Wahrheit" und "Beleidigung" kann aber nicht allein beim Beleidigten und schon gar nicht bei dem, dessen Äußerung als beleidigend empfunden wurde, liegen. Sie muss innerhalb des gesamtgesellschaftlichen Rahmens intersubjektiv geschehen. Entsprechendes gilt für rassistische Äußerungen und nicht-rassistische.

Im Gültigkeitsbereich des Grundgesetzes haben Richter einen Ermessensspielraum, im Rahmen der Gesetze darüber zu entscheiden, was so rassistisch ist, dass es diskriminierend oder gar beleidigend ist. (Andererseits kann solch ein Urteil angefochten werden und öffentliche Urteilsschelte geübt werden. Was zum Glück relativ häufig geschieht.) Ihre Empathie wird immer eine menschlich beschränkte sein. Deshalb kann Rechtsprechung immer nur Annäherung an Gerechtigkeit sein. Für die Fälle, wo sie zu weit davon entfernt ist, gibt es die genannten Korrekturmöglichkeiten, so unvollkommen sie bleiben.

Um auf den Schluss des oben angeführten Artikels aus der ZEIT einzugehen:
Der Satz "Die Würde des Menschen ist unantastbar" ist keine Wahrheit, sondern ein Postulat, das aufgestellt worden ist, weil sie im NS-Staat millionenfach in unerträglicher Weise missachtet worden ist.  Der Auftrag des Grundgesetzes ist: "Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."
Bedingungslose Sicherheit der Menschenwürde zu garantieren geht über die Möglichkeit jeder empirisch feststellbaren Staatsgewalt hinaus. "Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Die ist meine Ansicht. Doch wichtiger ist Karl Jaspers Ermahnung:

"Wir wollen lernen, miteinander zu reden. Das heißt, wir wollten nicht nur unsere Meinung wiederholen, sondern hören, was der andere denkt. Wir wollen nicht nur behaupten, sondern im Zusammenhang nachdenken, auf Gründe hören, bereit bleiben, zu neuer Einsicht zu kommen. Wir wollen uns innerlich versuchsweise auf den Standpunkt des anderen stellen. Ja, wir wollen das uns Widersprechende geradezu aufsuchen. Das Ergreifen des Gemeinsamen im Widersprechenden ist wichtiger als die voreilige Fixierung von sich ausschließenden Standpunkten, mit denen man die Unterhaltung als aussichtslos beendet." 
(Karl Jaspers: Die Schuldfrage. Von der politischen Haftung Deutschland, 2012, Seite 8 – zitiert nach Harald Jähner: Wolfszeit 2019, S. 409)

* Für westliche Ohren mag das befremdlich klingen, nicht aber für asiatische Philosophie.

*  Vgl. D. Bonhoeffer: Was heißt die Wahrheit sagen?

* Mit Angst nichts zu tun hat folgender Vorgang, den ein Spanier aus der S-Bahn berichtet: Bin leicht erkältet, muss niesen. Typ neben mir steht auf, setzt sich weg, funkelt mich böse an und zischt: "Dreckiger Scheiß-Italiener! Dich haben Sie wohl vergessen, wegzusperren?"
Wenn man so etwas nie selbst erlebt hat, fällt Einfühlung natürlich sehr viel schwerer, als wenn man es aus eigener Erfahrung kennt.

12.1.20

Bernd Ulrich: Alles wird anders. Das Zeitalter der Ökologie

Bernd UlrichAlles wird anders, 2019

Zitate:


"Nur 16 der 197 Länder, die das Pariser Abkommen unterzeichnet haben, haben überhaupt einen nationalen Klimaaktionsplan definiert, um die Zusagen zu erfüllen. Dies geht aus einer Studie vor, die im Vorfeld der UN-Klimakonferenz COP24 im polnischen Kattowitz
Im November 2018 veröffentlicht wurde. [...]
Man darf die Größe der politischen Leistung von Paris gleichwohl nicht unterschätzen. Pathetisch gesprochen: So viel Menschheit waren noch nie. Unglücklicherweise steht die Natur nun nicht etwa staunend daneben und beklatscht dieses komische Ding namens Mensch, das sich da in ihr gebildet hat." (S.35/36)


"Zunehmend zornig macht mich auch die Feigheit der Politik vor den kurzfristigen und kurzsichtigen Profitinteressen einiger Industrien oder dass auch immer da wieder mit vielen Steuermilliarden Technologien aufwändig gefördert werden, wo eine Verordnung durchaus genügen würde [...] Oft macht die Industrie doppelte Gewinne: erst durch ihre Versäumnisse, indem sie Geld für Erneuerung einspart – dann durch staatlich subventionierte Innovation." (S.39)

"Die Regierung baut also tatsächlich die Akzeptanz für eine wirksame Klimapolitik eher ab als auf, eine Politik, die sie selbst beschlossen hat und von der sie sich nicht ohne große Selbstbeschädigung verabschieden kann [...]" (S.53)

"Ist es Zufall oder Notwendigkeit, dass es die westlichen weißen Demokratie ihren bisher nie ohne Ausbeutung anderer Länder, andere Ethnien, der Frauen – und eben der Natur gegeben hat? Kann unser liberales Gesellschaftsmodell existieren, ohne sich mehr Ressourcen zu nehmen als andere und die Erde und die Atmosphäre mehr zu verschmutzen als andere und mehr, als es verantwortbar ist? [...]
 sollten sich westliche Demokratie und Ausbeutung als siamesische Zwillinge erweisen, dann liest sich auch das vergangene Jahrhundert künftig anders." (S.87/88)


Was die heutigen Regierungen sich weltweit leisten, ist "die Verwandlung der Freiheit in Zwänge". (S.157)

"Niemand weiß zurzeit, wie lange diese Zeitzone der Freiheit dauert, aber man weiß, dass es sie gibt. Freiheit hat neuerdings ein Verfallsdatum." (S.160)

"Das Insistieren auf überkommenen Privilegien ist jedoch nicht freiheitlich, es ist feudal." (S.163)
(Anmerkung Fontanefan: Das Wort libertas bedeutete im frühen Mittelalter noch Vorrecht. - Das steht leider noch nicht in der Wikipedia.)

S.165 schreibt Ulrich dem Sinne nach: Alles, was wir heute falsch machen, ist eine Chance, es besser zu machen. Es gibt Tausende von Chancen für jeden einzelnen.

"Die Klassenkämpfe konnten den Kapitalismus nicht brechen, die Klimakämpfe könnten ihn dagegen aus seinem Wahn befreien." (S.182)
(sieh: Naomi Klein: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima)

"Die autoritären Bewegungen [...] sind auch schon Vorboten einer aggressiven Antiklima-Bewegung" (S.194)

"Doch je mehr eine Gesellschaft oder ein Mensch tut, um etwas zu verändern, desto mehr sind sie auch wieder in der Lage hinzusehen. [...] Denn es ist das schlechte Gewissen, das uns zwingt, die Augen zuschließen. [...]
Noch weiter beschleunigt und erleichtert würde diese Dynamik, wenn die Politik endlich damit beginnen würde, den Rahmen so zu setzen, dass ökologisches Verhalten nicht bestraft, sondern belohnt wird. Das Bedrückende, das jeder zunächst einmal empfindet, wenn er oder sie die ökologischen Notwendigkeiten auf sein eigenes Leben herunterricht, kommt schließlich vor allem daher, dass dem Individuum ein zu hoher Anteil an der Verantwortung aufgebürdet wird. [...] 

Politik hat die Aufgabe, das Richtige zur Struktur werden zu lassen, das Gebotene zu gebieten. Solange man für 30 Euro nach Rom fliegen kann, bedarf es eines gewissen asketischen Heldentums, darauf zu verzichten. Und Heldentum ist nun mal etwas für Minderheiten." (S.198/99)
"Wenn man sich die Gesamtheit aller ökologischen Maßnahmen in Deutschland anschaut, so wird man darin schwerlich die Konturen einer Wende nach von entdecken, sondern die Fluchtwege der Politik vor dem Volk und noch mehr vor der Wirtschaft. (S. 200)
"Zum anderen sind auch die Grünen in der alten Mitte-Politik gefangen. Die Generation der 68er, aus der etwa Joschka Fischer, Ralf Fücks oder Winfried Kretschmann stammen, hat diese Partei zutiefst geprägt. Und die Biografie dieser Männer ist von einer Formel bestimmt: Erfolg durch Anpassung. Alle drei waren in ihrer politischen Jugend, vorsichtig gesprochen, schlimme Finger, Systemfeinde, doktrinär und unerträglich. Bei den Grünen auf ihrer Reise in die Institutionen, wurden sie hingegen bessere Menschen, Sie hatten Erfolg und konnten sogar dieses Land ein bisschen ökologischer und freier machen. Von so einer Heilungsgeschichte erholt man sich nicht mehr so leicht, sie wird selbst zum Dogma. (S. 201/202) 

"Als ich einen der genannten Männer in einem Vier-Augen-Gespräch einmal gefragt habe, ob die Kluft zwischen dem, was ökologisch nötig wäre, und dem, was ökologisch getan wird, sich schließt oder weitet, antwortete er ohne Zögern: Die Kluft werde größer. Auf meine Nachfrage, warum er dann nicht ökologische Forderungen erhebt, die diese Kluft schließen könnten, gab er zurück: Dann würden die Leute denken, ich wäre wieder so radikal wie früher. Den Fluchtpunkt seiner Politik bildet also nicht die ökologische Realität, sondern der Abstand zu den traumatischen Anfängen seiner eigenen Biografie. Das Trauma der Abweichung und das Gebot der Anpassung könnten es auch den Grünen unmöglich machen, eine Politik zu formulieren, die symmetrisch zu den Problemen ist – und nicht zu den Biografien. [...]
 Manches ist nämlich viel einfacher, als wir das von der bisherigen Politiker gewohnt sind. So brächte schon das bloße Streichen umweltschädliche Subventionen über 50 Milliarden Euro." (S.201-203) 
"Allerdings, ohne dass die beiden großen deutschen Finanzdogmen der 2000er-Jahre fallen – keine Steuererhöhungen und keine Schulden –, können die Billionen Euro schwerlich aufgebracht werden, die nötig sind, um die Klimawende binnen eines Jahrzehnts zu schaffen." (S. 203)
Lenin hat einmal behauptet: "Der Marxismus  ist allmächtig, weil er wahr ist." Was natürlich in beiden Richtungen nicht stimmt. Aber vielleicht kann man sagen: "Der Liberalismus ist wahr, weil er allmächtig ist." Oder war. Das würde dann bedeuten, dass der Liberalismus ohne Macht nicht auskommen kann, weil er dann Teile seiner Wahrheit verliert." (S. 206)

"Die westlichen Gesellschaften sind in einer Phase angekommen, da sie nur noch leistungsfähig sind, wenn sie den Leistungsdruck verringern. Sie müssen so kreativ sein, dass die militärisch-industrielle Lebensweise, die aus dem vergangenen Jahrhundert in die Gegenwart hineinragt, überwunden wird. Nur hat diese Kultur der Milde noch längst nicht die Hegemonie übernommen." (S.209)
"Wer sich für einen Moment lang von der Vorstellung vom Egoismus als Wesen des Menschen verabschiedet und nur fragt, wie viel Glück auch für den Einzelnen durch Egoismus denn eigentlich geschaffen werde, der wird finden, dass egoistisches Verhalten so viel individuelles Glück produziert wie ein altes chinesisches Kohlekraftwerk Energie – mithin sehr wenig, dafür viel CO2. Ohne seine fossile Verstärkung und seine materielle Einverleibung ist der Egoismus die vielleicht schlechteste Methode, um ein zufriedener Mensch zu sein. Daher rührt dann vielleicht seine Sucht nach immer mehr Materie und anderen fremden Antriebsstoffen.
In diesem Sinne wäre der Egoismus weder eine Quelle des Fortschritts noch etwas Verwerfliches, sondern einfach eine falsche Ideologie, an die zu glauben wir uns angewöhnt hatten, einfach weil wir es konnten." (S.211)
"Vielleicht genügt es, die marktwirtschaftlichen Anreize anders zu setzen, eine radikale, aber auf Nachhaltigkeit und Schonung setzende Politik zu beginnen und ansonsten gehen Liberalismus, Kapitalismus und Egoismus einfach so weiter. Manche werden das hoffen, manche befürchten. 
Eines aber geht nicht mehr: der Klimawende auszuweichen aus Angst davor, dass sie unsere weltanschaulichen Gewohnheiten infrage stellt und unsere privaten Sinnmanufakturen stört." (S. 211/212)

"Es gibt für uns Babyboomer so oder so keinen Grund, die Klappe aufzureißen, weil wir in einer ganz wesentlichen Hinsicht den absoluten, irgendwie auch tragikomischen Höhepunkt der Weltgeschichte darstellen: Niemand vor uns hat so viel konsumiert und emittiert, niemand nach uns wird so wenig mit den Folgen dieses Lebenswandels zu tun haben, weil wir uns ja unserer Verantwortung durch rechtzeitiges Wegsterben entziehen werden."(S. 213/214)

sieh auch;
Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie, 2011


3.11.19

ZUM weiter unterwegs zu neuen Ufern (Jahrestreffen 2019)

Die ZUM (Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet) besteht seit 22 Jahren. Seit 14 Jahren bin ich dabei, gewonnen durch das damals neue (Ende 2004 begonnene) Projekt ZUM-Wiki.
Ende 2018 wurde dann ein ehrgeiziges neues Projekt gestartet: ZUM-Unterrichten.
Wie viel Arbeitskraft das gekostet hat, kann nur von denen annähernd beurteilt werden, die alle Phasen der Neukonzeption initiiert und begleitet haben. Ich selbst habe die Entwicklung weitestgehend nur von außen beobachtet, und doch bin ich sicher, dass nur viel Selbstausbeutung der ehrenamtlichen Begründer dieses Projekt möglich gemacht hat,  das ganz auf die Interessen der Unterrichtenden und ihrer Schüler ausgerichtet ist.

Ich war überzeugt, dass jetzt eine Phase der ersten Konsolidierung stattfinden müsse. Hat doch selbst die immer so aktuelle Wikipedia das neue Projekt noch nicht einmal wahrgenommen (Stand vom 3.11.2019 18:40).
Aber nein, parallel zu einer Vorstellung von ZUM-Unterrichten begibt sich die ZUM schon gleich auf ein weiteres neues Feld: die Einbettung von H5P Anwendungen.
Im Bericht der ZUM-Vorsitzenden Mandy Schütze über das heute beendete ZUM-Jahrestreffen klingt das ganz selbstverständlich:
"Der Samstag stand im Zeichen von H5P. Oliver Tacke zeigte verschiedene Anwendungen bei H5P, erzählte über das Drumherum und Weiterentwicklungen, die H5P plant. 
Anschließend haben wir unsere eigene H5P-Installation zum Testen frei gegeben."
Was sonst noch alles während des Treffens passiert ist (hier ein Arbeitsdokument), lässt sich aus den Tweets unter dem Hashtag #ZUM2019 erahnen. Ich sehe mich mit dem Bericht darüber zunächst überfordert, werde aber versuchen, einiges davon an anderer Stelle nachzuholen. 

Die ZUM-Vorsitzende dagegen konstatiert (zum Stand der Dinge befragt) ganz trocken:
"Bin noch 2h länger geblieben, um alles fertig zu schreiben (auch das offizielle Protokoll). Sonst ist erst wieder dieser #Alltag da und ich komme zu nix... #zum2019"

Wie sagte Gerhard Schröder doch so prägnant: Die Lehrer sind "faule Säcke".
Er muss es ja wissen. 

sieh auch:
https://einfach.zum.de/wiki/Hauptseite