25.11.16

Längere Pausen stärken die Leistungsfähigkeit der Schüler

"Die AAP empfiehlt längere Pausenzeiten nicht nur, weil die Kinder damit die Möglichkeit bekommen, Dampf abzulassen, um später fokussierter arbeiten zu können.
Die Tatsache, dass die Kinder sich über den Tag verteilt öfter bewegen können, sei zudem gesundheitsfördernd und beuge Übergewicht vor, schreibt die Vereinigung auf ihrer Webseite. Durch den Austausch mit den anderen Kindern würden die Kleinen ihre sozialen Fähigkeiten ausbauen und sich in Selbstkontrolle üben.
Eine Studie der Stanford University kam zu ähnlichen Ergebnissen: Forscher initiierten dafür an mehreren Schulen Pausenprojekte und kamen zu dem Schluss, dass Pausen wichtig für ein positives Schulklima sind. Schüler würden seltener gemobbt, meldeteren sich weniger häufig krank und erzielten bessere Leistungen." (Huffington Post 25.11.16)
Verwundern kann mich das Ergebnis solcher Studien nicht, auch wenn ich es mehr gehofft hätte, als ich es hätte belegen können. Vielleicht spielt dabei freilich sogar auch eine Rolle, dass die Lehrer mehr Zeit zur Organisationsaufgaben und Gespräche haben und deshalb weniger abgehetzt in den Unterricht kommen. 

21.11.16

Zum selbstorganisierten Lernen (#EdchatDe 154)

Zur Vorbereitung des #EdchatDe 154

F1 Ist selbstorganisiertes Lernen eine Kernkompetenz des 21. Jahrhunderts? Oder eher Stolperstein im Lernprozess?  #EDchatDE
Weder noch.
F2 Wie habt ihr selbstorganisiertes Lernen schon eingesetzt? Beispiele? Projekte? Gerne mit Links. #EDchatDE
Vor gut 40 Jahren in Jahresarbeiten. Natürlich haben Schüler, die schon im Unterricht leistungsstark waren, da einiges geleistet, was ich ihnen nicht zugetraut hätte. - Der Grund m.E.: hohe Motivation, da die Themen recht frei gewählt werden konnten, z.B. Malcolm X (im Deutschunterricht).
F3 Chancen und Stolpersteine: Worauf muss man beim Konzipieren von SOL-Lernsettings besonders achten? #EDchatDE
Hängt von dem SOL-Lernsetting ab.
F4  Wie lassen sich Eltern vom Selbstorganisierten Lernen überzeugen? Oder fordern sie es sogar ein? #EDchatDE
Das Problem hat sich mir nie gestellt.
F6 Selbstorganisiertes Lernen: Kannibalisieren wir uns damit nicht selbst? Was ist die Rolle der Lehrenden? #EDchatDE
Motivierende Lernsituationen schaffen. Das ist mir relativ häufig mit relativ vielen Schülern nicht gelungen. Am besten gelang es, wenn ich auf die individuellen Lernbedürfnisse eingehen konnte.
F7 Welche Methoden des selbstorganisierten Lernens könnt ihr empfehlen? Welche (digitalen) Tools helfen euch bei SOL?  #EDchatDE
Lernen durch Lehren. Es ist zwar durch sehr viel Lehreraktivität geprägt, enthält aber sehr hohe Anteile von SOL bei den Lehrendlernenden und bei der Lerngruppe.
F8: Welche Anregungen, Fragen hast du noch zu „Selbstorganisiertes Lernen“ #EDchatDE

Wenn selbstorganisiertes Lernen so wertvoll ist, warum verschafft man besonders begabten Schülern, die doch besonders gut selbstorganisiert lernen können, dann so häufig einen Zugang zur Universität?


#EdchatDE

20.11.16

Blogparade Jugendsprache und Sprachentwicklung

Die Jury hat sich für "fly sein" als Jugendwort des Jahres entschieden. In der online-Abstimmung lag "isso" vorne. "Vollpfostenantenne" wurde abgelehnt, weil niemand mehr "Vollpfosten" sage, "Hopfensmoothie", um nicht für Alkohol Reklame zu machen.
Jeder hat andere Gründe, weshalb er sich mit dem Wettbewerb beschäftigt.
Mir ging es, als ich das Thema Jugendsprache im Unterricht behandelte, darum, den Jugendlichen ein Bewusstsein dafür zu vermitteln, dass Sprache nichts Festes ist, sondern sich entwickelt. (So z.B. bei dem Wandel der Nebensatzkonjunktion "weil" zur Hauptsatzkonjunktion sowie bei der Auflösung des Unterschiedes zwischen Genitiv und Dativ.)
Da ich Jugendsprache im Ausland behandelte, ergab sich ein bemerkenswertes Phänomen: Die Schüler nannten mir praktisch durchweg Beispiele, die ich selbst kannte. Als ich nachfragte, ob die Wörter wirklich über Jahrzehnte hin Jugendsprache geblieben seien, stellte sich heraus, dass sie keine Jugendsprache hatten. Die Beispiele, die sie genannt hatten, hatten sie - in Ermangelung eigener Kenntnisse, wie man das so macht - von ihren Eltern erfragt.
In der Oberstufe stellte ich dagegen relativ häufigen Gebrauch von Jugendsprache fest.
Meine Erklärung: Vor einigen Wochen war ein Schüler aus Deutschland gekommen, und seine jugendsprachlichen Ausdrücke hatten seine Klassenkameraden im Nu aufgegriffen.

Daraus habe ich geschlossen: Jugendsprache setzt eine größere Sprachgemeinschaft voraus, weil erst da sich genügend Kreativität entfalten kann. - Der Schluss scheint dadurch widerlegt, dass es ja durchaus familieninterne Sprachgebräuche gibt, also Sondersprache im kleinsten Sprachumfeld. Als ich dem nachging, habe ich freilich aus meinen Beobachtungen geschlossen, dass viele Ausdrücke aus den Familiensprachen der Herkunftsfamilien der Partner mitgebracht werden oder, wenn das nicht der Fall ist, dass es ein besonders kreatives Familienmitglied gibt, dessen Ausdrücke in der Familie aufgegriffen werden, und das sich dadurch zu weiterer Kreativität angeregt fühlt.

Gerade dass die "Jugendwörter des Jahres" durchaus sehr umstritten sind, ist offenbar das, was den "Wettbewerb" sinnvoll macht: Es wird am Beispiel von Jugendsprache über Sprache gesprochen, und die pädagogische Absicht, die bei der Ablehnung des Wortes "Hopfensmoothie" mir so sauer aufstieß, ist dadurch - jedenfalls aus meiner Sicht - glänzend gerechtfertigt. Weil erst das Ungewöhnlich und Strittige weckt die Aufmerksamkeit und damit die Reflexion. Oder war das schon zu viel der Spekulation und dem Nachspüren von Sprachentwicklung?

Bei der Jugendsprache stimmt meiner Meinung nach, was man dem Volkslied zu Unrecht nachgesagt hat. Sie entsteht nicht durch präzis festzumachende Personen, sondern aus der Gemeinschaft heraus. Denn erst wenn ein Ausdruck von mehreren aufgegriffen wird, wird er Jugendsprache.
Freilich: Auch wenn bei vielen Volksliedern der Verfasser durchaus bekannt ist - so wie bei "Ich weiß nicht, was soll es bedeuten ...", wo in Nazi-Anthologien "Verfasser unbekannt" stand: Erst der wiederholte Gebrauch der Vielen macht aus der individuellen Schöpfung Volksgut, das dann kreativ weiterentwickelt und "zersungen" werden kann. (Das eindrucksvollste Beispiel, das ich kenne, ist: Es regnet ...".)
All das sind freilich höchst subjektive Überlegungen, durch keinerlei statistische Untersuchungen belegt. Wie wäre es mit einer Blogparade*, in der jeder seine Erfahrungen mit Sondersprachen und Sprachentwicklung darstellt?

* Wie "Stöckchen" ein Wort aus der Blogosphäre, so wie "omatauglich" ein Wort der Wikipedianer ist. (Bei einem Werbekurs für "Wikipedia über 50" wurde das Wort von den äußerst versierten, meist weiblichen Internetcafébetreuern mit Empörung aufgenommen.)

Tweets zu JugendsprachejugendwortdesjahresSprachentwicklungBlogparade

8.11.16

Studenten als Aushilfslehrer

Schulen stellen Studenten heimlich als Klassenlehrer ein Welt N24

"Manche Bundesländer werden aufgrund des herrschenden Lehrermangels kreativ: Vor allem Studenten kommen vermehrt zum Zug. [...]

Besonders schwierig ist die Lage nach Einschätzung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Sachsen und Berlin, aber auch anderswo fehlen je nach Schulform und Fach viele Lehrer. [...]
Die Bildungsgewerkschaft GEW kritisiert die Entwicklung. „Ich halte das für eine Überforderung“, sagt Ilka Hoffmann, die im GEW-Hauptvorstand für Schule verantwortlich ist. „Dass Studierende einzelne Unterrichtsstunden halten, ist ganz normal.“ Als Ersatz für ausgebildete Lehrkräfte dürften sie aber nicht eingesetzt werden. Zu dem Beruf gehöre eine solide pädagogische und fachliche Ausbildung."

6.11.16

Lernen ohne Lehrer

Abgründe neuer Lernkultur (pdf) von Christoph Türcke

Die folgenden Zitate erfassen nicht die Argumentationsstruktur, sondern sollen nur anregen, sie im Text nachzuvollziehen. Die fett hervorgehobenen Sätze stellen eine von mir künstliche Verkürzung auf Thesen dar, die Widerspruch anregen und auf die Begründunggen für die "Thesen" neugierig machen sollen. 
Kompetenzkozept ohne Bezug zum Inhalt:
"Exakt umschreiben lässt es [Können] sich nur, wenn man die Gesamtheit der Inhalte aufführt, an denen es erworben wurde."

Schreibunterricht:
"Schreiben ist eine Geste der Hingabe. [...]
Wohin der Verzicht auf Schreibschrift führt, ist offensichtlich. In wenigen Jahren werden handschriftliche Druckbuchstaben den Kindern ebenso "zu beschwerlich", sein wie es jetzt schon die vereinfachte Ausgangsschrift ist. [...] Alphabetisieren wir doch von vornherein am Computer! Damit ändert sich allerdings die Gesamthaltung zum Schreiben. Buchstaben, die man selbst nicht mehr malen kann, werden nur noch durch ruckartige Fingerbewegungen ausgelöst bei ständigem Blickwechsel zwischen Tastatur und Display. Die Geste der Hingabe, die den ganzen Organismus auf einen Punkt hin zusammennahm, löst sich in disparate Impulse auf. Der Vorgang des Schreibens wird genauso wuselig, wie es seine Umgebung im deregulierten Klassenzimmer schon ist. Die Alphabetisierung am Computer ist Zunder für ADHS."

Allgemein:
"Die aktuellen Bildungsstandards verordnen von höchster Stelle Niveausenkungen, die sie wie des Kaisers neue Kleider ausbieten. Das tun sie aber nicht aus Spaß oder um in der schönen neuen Welt der Flexibilität die Zügel einmal etwas lockerer zu lassen, sondern unter diffusem globalem Flexibilitätsdruck. [...]
Im Obrigkeitsstaat klagten die Schulbehörden regelmäßig über Schlendrian in den Schulen. Im neoliberalen Staat hingegen protestieren Lehrerverbände dagegen, dass die Schulpolitik mentale Elementartechniken herunterwirtschaftet; dass sie das drastische Sinken der Schreibfähigkeit durch steigende Vorgabe von Lückentexten kompensiert; [...]

Inklusion:
Die Behindertenrechtskonvention der UN verlangt, dass "kein Kind zurückgelassen" wird [...]
Wenn sich der Staat zur UN-Konvention bekennt, muss er auch das Geld zu ihrer Umsetzung locker machen, sagen die Inklusionsverfechter. Leider ist es umgekehrt: Weil immer weniger Geld für Bildung da ist, erfanden die UN die Inklusion.   [...]
Förderlehrer sind im System Regelschule immer nur zu Gast. Dass sie zu den Problemkindern ein stabiles Verhältnis aufbauen, kommt gelegentlich vor, ist aber strukturell nicht vorgesehen. [...]
Wie ein Abitur für alle kein Abitur mehr ist, so auch ein gemeinsamer Unterricht für alle kein gemeinsamer Unterricht mehr – zumindest wenn man darunter versteht, dass allen Mitgliedern einer Klasse oder Gruppe ein bestimmter Stoff eröffnet wird: [...]
Im Inklusionsraum sind alle zusammen, keiner kann hinaus, und jeder lernt für sich. [...] Nicht von ungefähr ähneln sich die Inklusionsräume deregulierten Großraumbüros an.  [...]

Motivation durch Angebot von Lernmöglichkeiten, durch Zeigen:
Das Zeigen ist die feierliche Eröffnung, das Highlight, das Sedimentieren und Fördern ist die unerlässliche Nacharbeit, der Alltag. Wo nichts gezeigt wird, gibt es nichts zu fördern. Fördern statt Zeigen ist ein Fass ohne Boden. Wenn man Lehrer zu bloßen Begleitern und Förderern degradiert, zu Arbeitsblattanhängseln und zum mobilen Eingreifdienst, nimmt man ihnen das Eigentliche ihres Berufs: das Zeigen."
(http://www.swr.de/-/id=18204784/property=download/nid=660374/1cn16an/swr2-wissen-20161106.pdf)
Literaturhinweis:
Christoph Türcke: Lehrerdämmerung: Was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet. C.H. Beck, München 2016, ISBN 3406688829.

Ich erspare mir den Hinweis, auf die Anzeichen im Text, die darauf hindeuten, dass ein emeritierter Philosophieprofessor sich hinsichtlich digitalen moderatorunterstütztem Lernen in einer ähnlichen Informationsblase befinden könnte wie die meisten von uns in ihren Persönlichen Lernnetzwerken.
Immerhin sitze ich im Glashaus; denn ich bin vier Jahre älter als er. Vielmehr möchte ich darauf verweisen, dass ein Blick mit Abstand die Chance bietet, die weniger kompetenzorientierten Lehrer nicht einfach als vom alten Eisen, sondern als Symptome für mögliche Schwächen des Konzepts ernst zu nehmen.

Aus meiner subjektiven Sicht möchte ich hinzufügen, mir bei der Argumentation zwar manches überspitzt erscheint, dass aber zwei Aspekte seiner Kritik ein grundsätzliches Problem berühren: 

Ein Computer kann geniale Lernprogramme anbieten, er ersetzt nicht die Motivation durch den persönlichen Bezug. Der wird - je reifer der Lernende ist - umso unwichtiger. Aber bei allen Lernhemmungen und -störungen ist er entscheidend für Diagnose und für die Suche nach individuell angepassten Lernhilfen.

Inklusion kann soziale Isolierung vermeiden helfen, aber ein nur stundenweise vorhandener Helfer kann nicht die Sicherheit vermitteln, die ein Lernen in einer gemeinsamen Lerngruppe unter Anleitung eines Lehrers  bedeutet, der die spezifischen Lernschwierigkeiten kennt. 

1.11.16

Am Anfang war das Wort - 500 Jahre Luthers Bibelübersetzung und sein Beitrag zur Reformation

Als Luther begriff, wie viele seiner Reformideen für die Kirche schon von Jan Hus entwickelt und vertreten worden waren, der dafür verbrannt wurde, meinte er über sich und seine reformatorischen Mitstreiter "Wir sind alle Hussiten". Er hätte sich auch als Nachfolger von John Wyclif  bezeichnen können. Seine Reformideen hatten viele Vorgänger, auch Bibelübersetzungen ins Deutsche gab es lange vor Luther. Aber als Übersetzer wie als Reformator erzielte er eine besonders weitreichende Wirkung, nicht zuletzt, weil der Buchdruck erfunden war und so seine Schriften kostengünstig weit verbreitet werden konnten. (Tweets zu Reformation und zu Bibelübersetzung, Chronik zu Bibelübersetzung)

Die Bibel zu übersetzen bedeutete für Luther, den bis dahin gültigen lateinischen Text der Vulgata durch einen deutschen Text zu ersetzen, der für seine Zeitgenossen unmittelbar verständlich sein sollte. Dafür hat er - trotz einer schon seit Jahrhunderten bestehenden Tradition der Erfindung deutscher Wörter zur Wiedergabe lateinischer religiöser Begriffe *- seinerseits manche neuen Wörter erfunden (z.B. Lästermaul*); aber vor allem hat er "dem Volk aufs Maul" geschaut, das heißt, die aktuelle Umgangssprache aufgegriffen, um möglichst verständlich formulieren zu können.
Aber weil seine Sprachkenntnisse zwar erstaunlich gut waren, aber nicht perfekt, hat er sich dabei auch helfen lassen, nicht zuletzt von Melanchton.

An diese Übersetzung wurde unter dem Motto "Am Anfang war das Wort" in einem Festgottesdienst am 30.10. 2016 in der ev.-lutherischen St. Georgenkirche in Eisenach erinnert.
Über diesen Link kann man ihn ab 12:30 als Video abrufen.

In diesem Gottesdienst wurde die neuste Revision der Lutherbibel, die offizielle Version des Jubiläumsjahrs 2017, symbolisch an alle Gemeinden und Institutionen aller deutschen Landeskirchen übergeben.
Die Gottesdienstbesucher wurden aufgefordert, den "Erzählfaden der Sache mit Gott", der von der christlichen Urgemeinde angefangen worden ist, aufzunehmen und weiterzugeben.

 beginnend bei AbrogansTatianIsidorNotker III. insbesondere in der deutschen Mystik

außerdem auch: Feuertaufe, Bluthund, Selbstverleugnung, Machtwort, Schandfleck, Lückenbüßer, Gewissensbisse und Lockvogel (sieh: Wikipedia)

Links:

Johannesevangelium 1,1 Im Anfang war das Wort (Übersetzungen);

Präses Nikolaus Schneider 2012;
Wikipedia mit Bezug auf den griechischen Text;
Goethe Faust
Am Anfang schuf Gott ...; ...

Bibel "auf dem Bierdeckel"

Aus dem Gottesdienst:
Die Predigt hielt Margot Käßmann, ihr verdanke ich den Hinweis auf "übersetzen" als "üb ersetzen!" und auf den "Erzählfaden", den die Zuhören aufgreifen und weiterspinnen sollten. 
Die neue Version der Lutherbibel übergab ihr Nachfolger als Vorsitzender der EKiD Heinrich Bedford-Strohm
In der Kirche, in der Johann Sebastian Bach getauft wurde, erklangen die Eingangschöre der Bachkantaten "Die Himmel erzählen die Ehre Gottes" und "Erschallet, ihr Lieder ...".

Das Evangelium Apostelgeschichte 8, 26-40 von Philippus und dem Kämmerer handelte davon, wie ein Text oft erst durch Auslegung für Zuhörer und Leser seinen vollen Sinn erhält. 
Der Text, den der Kämmerer liest, steht in Jesaja 53, Vers 7-8: 
"Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf.
In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen."
Philippus bezieht das alte Prophetenwort natürlich auf Jesus und hat dadurch die Möglichkeit, seine frohe Botschaft zu verkünden, die nicht bei Schlachtung und Tod stehen bleibt. 
Besser, als ich den Text erläutern könnte, wird er hier interpretiert.

Papst Franziskus feiert 500 Jahre Reformation und wirbt für Einheit der Christen

Festgottesdienst am 31.10.16 in der Marienkirche Berlin
Die Predigt handelte von Zuversicht oder anders gesagt: Voraus-Vertrauen,
gezeigt u.a. am Beispiel von Martin Luther King, der in einer Predigt in der Marienkirche zu DDR-Zeiten das Kommen der Freiheit voraussagte.
Staatsakt am 31.10. 16 im Konzerthaus in Berlin mit Ansprache von Bundespräsident Gauck

Sendung über die Wartburg, ihre geschichtliche Rolle und ein Interview mit Margot Käßmann über Luther

Lutherbiographien

(Dieser Artikel wurde im Blog Fontanefans Schnipsel vorbereitet.)

28.10.16

Zu viel Demokratie?

Der Freihandelsvertrag CETA sieht Schiedsgerichte vor, die Unternehmerinteressen gegen Entscheidungen staatlicher Verfassungsorgane - etwa in Sachen Umweltschutz - absichern sollen.
Die Vertreter der wallonischen Region Belgiens haben gefordert, dass diese Schiedsgerichte mit Richtern besetzt werden sollen und nicht mit Rechtsanwälten, deren Qualifikation primär in der Vertretung von Firmeninteressen besteht.*
Wie erfolgreich sie dabei waren, ist noch nicht bekannt. Einen beschränkten Erfolg haben sie aber offenbar erzielt, sonst wäre es wohl nicht zu einer Einigung mit der belgischen Regierung gekommen.

Während noch unklar war, ob die EU sich darauf einlassen würde, dass die Schiedsgerichte mit qualifizierten Richtern statt mit interessengebundenen Anwälten besetzt werden sollten, wurde vom Mainstream der Medien immer wieder beklagt, dass die wallonische Region überhaupt einen Einfluss auf die Verhandlung nehmen könne. Man sprach von einer "Blamage für die EU" und  "zu viel Demokratie".

Zu viel Demokratie kann es aber nicht geben; denn wie Churchill zu Recht festgestellt hat, ist sie zwar eine schlechte Regierungsform, aber besser als alle anderen, die man erprobt hat. Man kann durchaus darüber streiten, welche Instrumente am besten geeignet sind, die demokratische Kontrolle der Exekutive sicherzustellen. Vieles spricht dafür, dass im Regelfall repräsentative Organe geeigneter sind als Volksentscheide. Auch das Rätesystem, das eine besonders demokratische Art der Mitwirkung der Bevölkerung sicherstellen soll, hat sich nicht eindeutig besser bewährt als das Repräsentativsystem. Aber wenn etwas bei der demokratischen Kontrolle der Europäischen Kommission nicht in Ordnung ist, dann doch kaum, dass sie zu weit geht, sondern eher, dass sie immer noch viel zu gering ausgebildet ist.
Wo gibt es sonst eine demokratische Verfassung, wo allein die Exekutive ein Recht auf eine Gesetzesintitiative hat?

In der EU fehlt es an demokratischen Mitwirkungsrechten. Deshalb nimmt die Europamüdigkeit in so gefährlichem Ausmaß zu. Wenn sich jetzt durchsetzen sollte, dass die Demokratie in der EU abgebaut statt entwickelt wird, dann wäre der einst so hoffnungsvolle Versuch der europäischen Einigung gescheitert.

Wilhelm Heitmeyer hat im Zusammenhang mit der Zunahme des Rechtspopulismus (FR 28.10.16) darauf hingewiesen, wie gefährlich die Gewöhnung an Missstände ist: "Das Fatale ist, dass alles, was als normal gilt, nicht mehr problematisiert werden kann."
Wenn es bei allem berechtigten Streit eine Gemeinsamkeit zwischen allen Demokraten geben sollte, dann gewiss die: Es darf nicht wieder wie gegen Ende der Weimarer Republik zum Allgemeinplatz werden, dass man weniger Demokratie brauche.

Kanadische Wissenschaftler lobten das wallonische Parlament in einem bei Mediapart erschienen offenen Brief für die Haltung gegenüber Ceta und fordern es auf, standhaft zu bleiben

(Dieser Blogbeitrag wurde auf Fontanefans Schnipsel entworfen.)