8.9.20

Über die Ungleichheit der Anstrengungen in Sachen Klimawandel und COVID-19

Wenn der Klimawandel so ernst genommen worden wäre, wie es die vielen Klimakonferenzen erscheinen ließen, dann wären die Medien längst seit Jahren so voll von diesem Thema wie gegenwärtig von Nachrichten zu Corona und COVID-19.

Greta Thunberg hat Recht gehabt: Die große Mehrheit der (von mir beobachteten Medien und Politiker) hat ihn nicht ernst genommen und nimmt ihn nicht ernst.

Sonst würden in den Lokalen Zeitungen nicht täglich die Zahlen von Neuinfizierten mit COVID-19 stehen, sondern es würden die Millionen Tonnen CO2-Ausstoß, die weltweit noch möglich sind, ohne das 2-Grad-Ziel endgültig zu verfehlen, angegeben werden, zusammen mit dem täglichen Verbrauch. 

Wie ernst man eine Krise nehmen kann, wie sehr man jeden Einzelnen dafür in die Pflicht nehmen kann, an einer gesellschaftlichen Aufgabe mitzuwirken, das hat die Coronakrise gezeigt.

Umso erschreckender, dass das nur im Zusammenhang mit einer von vielen gefährlichen Krankheiten geschieht, aber nicht bei den aktuellen Menschheitsproblemen.

Weshalb das so ist, dazu liefert der Vergleich: Coronaepidemie und Klimawandel einiges Material. Man kann nur hoffen, dass es gelingt, sic diesen Problemen mit derselben Intensität zuzuwenden. 

An anderen Stellen habe ich zwar einiges dazu geschrieben, weshalb das nicht gelungen ist.*

Wichtig ist aber vor allem, dass es trotz aller Widrigkeiten möglich gemacht wird.*

*Die Hauptgründe sind vermutlich: Bei Corona werden Erfolge/Misserfolge innerhalb einer Legislaturperiode deutlich. Außerdem eignet sich das Phänomen für nationale Konkurrenz: Statt dem anderen dabei zu helfen, die Seuche möglichst erfolgreich zu bekämpfen, konzentriert man sich allein darauf, selbst als guter Krisenmanager dazustehen. (Geradezu grotesk wird es, wenn innerhalb von Staaten Bundesländer solche "Wettbewerbe" austragen.) Hier müsste etwas strukturell geändert werden. 

*Meine Anregung eines Vergleichs zwischen Coronakrise und Klimakrise erschien vor knapp einem halben Jahr in ZUM-Unterrichten. Mir geht es darum, dass die Coronakrise Schülern hilft, die Bedeutung der Klimakrise einzuschätzen. Das sollte nicht dadurch geschehen, dass der Blick einseitig auf meine Auffassung gelenkt wird. 

Aber ich hielte es doch für unangemessen, wenn der Eindruck entstünde, beide Krisen hätten aus meiner Sicht die gleiche Dimension. Wenn von der Coronakrise als einem Jahrhundertereignis gesprochen wird, ist das nach rund 20 Jahren des Jahrhunderts wohl etwas verfrüht. Der Klimawandel hat dagegen - leider - das Zeug dazu, weit mehr als ein Jahrhundertereignis zu werden. 

Auch das Artensterben hat eine andere Dimension als die Pandemie. 

29.8.20

Schreiben im Internet - Ansätze einer Selbstreflexion

Homepage, Wikipedia, ZUM-Wiki, diverse Wikis und Bloggen. Das waren die Hauptstationen. Von jetzt ab konzentriert sich der Beitrag auf mein Bloggen.
Dieser Blog folgte auf einen, der als Fortsetzung meines politischen Tagebuchs diente. 2006 waren es noch thematisch weit gefächerte Einträge, während ab 2007 hier eine Spezialisierung auf Pädagogik einsetzte, während der Blog Fonty 2007 das politische Tagebuch fortsetzte.
Parallel habe ich allerlei Texte von mir und von anderen ins Netz gestellt. Das sind Textsammlungen, keine fortlaufenden Einträge.
Fortlaufend führe ich gegenwärtig Fontanefans Schnipsel. Wie der Name es sagt, ist das der Ersatz für die Zeitungsausschnitte, die zu sammeln und ordnen zu umständlich wurde (die vorher gesammelten versuche ich durch einen nicht-öffentlichen Blog zu erschließen).
Zum Internet passend sind die Beiträge/Schnipsel kommentierte Links. Doch immer wieder wachsen sich die aber auch in Artikel aus. Der Nachteil: Gegenwärtig muss ich zu politischen Themen in drei meiner Blogs suchen: FontyFontanefans Schnipsel und diesem. Die Vereinigung der Blogs fällt mir freilich schwer; denn ich versuche, in diesem Blog die Beiträge zu sammeln, die meine eigene Position darstellen und die aufzuheben mir wichtig scheint, in Fontanefans Schnipsel dagegen viele simple Links, während Fonty inzwischen wesentlich dazu dient, Beiträge von euro|topics aufzunehmen.
So viel für heute.

23.8.20

Welche Chancen böte ein "Green Deal" der EU?

Ratspräsidentschaft und Vorsitz der EU-Kommission in weiblicher Hand.

Merkel spricht mit führenden europäischen Vertreterinnen von Fridays for Future.

Ich will versuchen, mit einen Blick auf die jüngere "Geschichte des Westens" (H.A. Winkler), von den vorgegebenen Anforderungen, die vom Klimawandel ausgehend, über realistische - wenn auch von heute aus gesehen utopische Wege in die Zukunft zu reflektieren.

Zunächst ist das nichts weiter als ein Projekt neben mehreren anderen, die ich ins Auge gefasst habe, die ich aber immer nur von Zeit zu Zeit angehen kann und von denen auch ein Fragment ein sinnvolles Ergebnis sein könnte.


Hier gilt es die Frage offen zu halten und im Blick auf die jüngste Vergangenheit nach Punkten der Veränderung zu suchen und nach den Wegen, die sie versprachen, auch wenn sie nicht genutzt worden sind.
Winkler sieht 1990 als den tiefen Einschnitt, der Anfang unserer Gegenwart war. Fukujama hat ihn für das "Ende der Geschichte" gesehen, insofern ist der Gedanke Anfang der Gegenwart passend.
Im Westen hat man die Friedensdividende, Gorbatschow und Putin haben ein Europäisches Haus als Möglichkeit gesehen. Beides ist nicht genutzt worden.
Wie aber, wenn wir den Blick auf den vorhergehenden tiefen Einschnitt sehen? 1945 wurden die Vereinten Nationen gegründet als Antwort auf den verheerenden Weltkrieg. In gewisser Weise war es nur eine Neuauflage des Versuchs mit dem Völkerbund nach dem Ersten Weltkrieg. Ein dritter Versuch?


1990 war u.a. das Ergebnis eines "Wandels durch Annäherung". Böte ein neuer solcher Wandel eine zweite Chance auf ein Europäisches Haus?
Zu bedenken: "Wenn die Europäische Union so etwas wie ein "Wir-Gefühl" entwickeln wollte, musste sie die kommunistische Diktaturerfahrung als Teil ihres gemeinsamen Erbes begreifen" (Winkler). Ist die Furcht vor einem russischen Angriff durch Abschreckung durch eine überlegene europäische Streitmacht zu überwinden?
Wie soll die aufgebaut werden, wenn der wirtschaftliche Einbruch aufgrund der Coronakrise die Konzentration aller Kräfte auf eine wirtschaftliche Erholung verlangt?


Außerdem: Die Pandemie führt eher zu Rückbesinnung auf nationale Lösungen. Kann Putin daran gelegen sein, mit einer Besatzungsarmee die Wege zu fremden Infektionsherden zu öffnen? Und noch wichtiger: Das Hauptproblem stellt für alle Nationen der Klimawandel dar. Hat es da Sinn, mehr Rüstung zu betreiben? Ist es nicht vielmehr vordringlich, die eingetretene Disruption für eine energische Umstellung der Wirtschaft zu nutzen?

Die osteuropäischen Staaten sehen ihre Hoffnung in Abschreckung. Sind die USA unter Trump eine glaubhafte Garantie für gemeinsame Verteidigungsleistungen von Europa und den USA?
Könnte es ein Wandel durch Annäherung Hoffnung auf Lösung des globalen Problems bieten?

China wird in den Medien immer wieder als die große Gefahr dargestellt. Wenn uns die USA nicht mehr schützen, sind wir China ausgeliefert. Oder Russland?
Was strebt China mit der neuen Seidenstraße an? Eine Hegemonie. 
Ist die Hegemonie der USA ein überzeugendes Vorbild? Könnte nicht doch eine Kooperation mehr Chancen bieten?
Könnte ein "Green Deal" nicht auch für China eine interessante Perspektive eröffnen?

Demokratie und Toleranz sehen wir im Westen als westliche Errungenschaften. Winkler sieht ältere Vorbilder im asiatischen Raum. Wie steht es mit an die Natur angepasstem Wirtschaften in Asien? Gab (und gibt) es nicht auch dafür gerade in Asien Vorbilder?

"Und ein Narr wartet auf Antwort." heißt es bei Heine.

Die Antworten liegen in der Zukunft, aber wir haben die Möglichkeit, auf sie Einfluss zu nehmen. Ist es närrisch, es wenigstens zu versuchen?

Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens – Die Zeit der Gegenwart

"Mehr als alles andere aber schwächte den Westen und damit auch seine Führungsmacht die Infragestellung jener transatlantischen Wertegemeinschaft, die Amerikaner und Europäer in der Vergangenheit so oft beschworen hatten. (Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens – Die Zeit der Gegenwart, 2015, S. 236) 


"Im gleichen Monat [Januar 2005, als die Zahl der Arbeitslosen über 5 Millionen stieg] gründeten Gewerkschaftler, linke Sozialdemokraten und Angehörige linker Splittergruppen eine neue Partei, die Wahlaternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG)." (Seite 245)
Wolfgang Clement, seit 2005 Minister für Wirtschaft und Arbeit, setzte jedoch im Zusammenspiel mit dem Kanzler, ein höheres Defizit und damit eine höhere Neuverschuldung durch, wobei die Beteiligten die Verletzung eines der Maastricht-Kriterien, nämlich die abermalige Überschreitung der Defizitgrenze von 3 Prozent des Bruttoinlandproduktes, bewusst in Kauf nahmen. [...] Den Bruch dieser Zusage vollzog die Bundesregierung in enger Abstimmung mit der französischen Regierung, der ebenfalls an einer Aufweichung der im Vertragswerk von Maastricht festgelegten Restriktionen lag. Schon 2003 hatten Berlin und Paris gemeinsam verhindert, dass die Kommission die Eurostaaten, die die Dreiprozentmarke überschritten hatten, durch einen "Blauen Brief" zur Haushaltsdisziplin ermahnte. Die beiden größten Volkswirtschaften der EU setzen damit ein Beispiel, dass Schule machen sollte. [...]
Die finanzpolitische Kehrtwende zeitigte nicht die Wirkungen, die sich Rot-Grün erhofft hatte. Am 22. Mai erlitten die beiden Düsseldorfer Koalitionspartteien, die SPD und die Grünen, bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen eine schwere Niederlage: Sie verloren ihre parlamentarische Mehrheit an CDU und FDP. Damit gab es in ganz Deutschland keine rot–grüne Landesregierung mehr. So wie Schröder die Lage beurteilte, war es für die SPD geradezu eine politische Überlebensfrage, nach dem Verlust ihres "Stammlandes" an Rhein und Ruhr wieder in die politische Offensive zu gehen. Noch am gleichen Abend kündigte der Kanzler daher in Absprache mit Müntefering an, er strebe nunmehr Neuwahlen an. Die "unechte" Vertrauensfrage, über die der Bundestag am 1. Juli abzustimmen hatte, führte zum gewünschten Ergebnis: dank 148 Enthaltungen aus den Reihen der Koalition wurde der Antrag abgelehnt." (Seite 246)
So kam es Im Sepember zu einer vorzeitigen Neuwahl des Bundestages.


"Am Abend des Wahltages, des 18. September, lagen die Unionsparteien mit 35,2 % nur knapp vor der SPD, die auf 34,2 % kam. Die FDP erhielt 9,8, die linke 8,7, Bündnis 90/die Grünen 8,1 %.
Eine Mehrheit gab es weder für Schwarz-Gelb noch für Rot-Grün. Rot-Rot-Grün war eine ebenso undenkbare Konstellation wie eine "Ampel" aus SPD, FDP und Grünen. Es blieb nur eine große Koalition aus Union und Sozialdemokraten, wie es sie schon einmal in den Jahren 1966-1969 in der "alten" Bundesrepublik gegeben hatte." (Seite 247)
"Von den inneren Reformen von Rot-Grün prägten sich den Zeitgenossen der Ausstieg aus der Kernenergie, die Ökosteuer, das neue Staatsbürgerschaftsrecht und die eingetragene Lebenspartnerschaft am stärksten ein. Unter Rot-Grün hatte Deutschland, um nicht allzu weit hinter die Pionierländer, die USA und Großbritannien, zurückzufallen, die Liberalisierung der Finanzmärkte vorangetrieben, indem es durch das Investment-modernisierungsgesetz vom September 2003 relativ restriktive Voraussetzungen für die Zulassung von Hedgefonds schuf." (Seite 248)

"Es sollten noch mehrere Jahre vergehen, bis in Deutschland die Einsicht reifte, dass die Reformen von 2003 Deutschland wirtschaftlich gestärkt und seinen Sozialstaat gefestigt hatte. Deutschland war aus Traditionen ausgebrochen, die sich als fesselnd erwiesen hatten. So reformbedürftig das Reformwerk in mancher Hinsicht auch war, in der Summe legte es den Grund dafür, dass Deutschland die Erschütterungen im Zeichen der Weltwirtschaftskrise von 2008 besser überstand als die meisten anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union." (S.249)


"Wenn die Europäische Union so etwas wie ein "Wir-Gefühl" entwickeln wollte, musste sie die kommunistische Diktaturerfahrung als Teil ihres gemeinsamen Erbes begreifen, ohne dass sie die unterschiedlichen Erscheinungsformen von totalitärer Herrschaft, der nationalsozialistischen beziehungsweise faschistischen und der kommunistischen, gleichsetzte." (S. 279)


"An den Emanzipationsprozessen des alten Westens vom Humanismus über die Reformation bis zur Aufklärung hatten Bulgarien und Rumänien ebenso wenig Anteil gehabt wie zuvor an der mittelalterlichen Trennung von geistlicher und weltlicher Gewalt, der Urform der politischen Gewaltenteilung überhaupt. Beiden Ländern fehlten infolgedessen die Traditionen des Rechtsstaats und des gesellschaftlichen Pluralismus: Hypotheken, die auf der politischen Kultur Bulgarien und Rumäniens lasteten und es ihnen erschwerten, das Erbe der kommunistischen Diktatur abzuschütteln." (S. 281)
"Das Ziel der Stabilisierung hatte für die Europäische Union inzwischen Vorrang vor der Absicht, die Erfüllung der Beitrittsbedingungen zur Vorbedingung der Mitgliedschaft zu machen. Der Prioritätenwechsel war vor allem der Erfahrung der jugoslawischen Nachfolgekriege geschuldet." (S.283)
"Der Vertrag von Lissabon enthielt das Minimum an Reformen, dass die EU der 27 brauchte, um funktionsfähig zu bleiben, und er stand zugleich für das Maximum an Integration, zu dem die Mitgliedstaaten bereit waren. Der Vertrag war ein klassisches Produkt der Exekutivsphäre [...]  Eine effektive Kontrolle der Regierenden war nur im Rahmen der demokratisch verfassten Nationalstaaten möglich, und dort musste sie fortan verstärkt ausgeübt werden.(Seite 290)
Der Euro hatte bei seiner Einführung als bargeldloses Zahlungsmittel keinen einfachen statt. Am ersten Handelstag, dem 1. Januar 1999, lag er bei 1,18 Dollar. Bis zum Jahresende sank eher auf Parität mit dem Dollar ab. [Doch:] 2007 musste man 1,3705 Dollar für einen Euro bezahlen." (Seite 291)
"Faktisch war das unabhängige Kosovo ein Protektorat der Europäischen Union und des Atlantischen Bündnisses." (Seite 294)

Ukraine:
Die Empörung der um den Sieg betrogenen Opposition äußerte sich in Protestdemonstrationen, wie sie die Ukraine noch nicht erlebt hatte. Aus den Massenkundgebungen, vor allem auf dem Majdan, dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew, wurde binnen kurzem die "orangene Revolution" – benannt nach den orangefarbenen Flaggen und Schals der Anhänger von Juschtschenko und Timoschenko." (Seite 299)

Russland:
"Das russische Bruttoinlandsprodukt stieg zwischen 2002 und 2005 um 35 Prozent, die russischen Auslandsschulden sanken in dieser Zeit um ein Drittel.[...] Ende 2007 stand Putins Ansehen in Russland auf einem Höhepunkt. (S.309)
Deutschland:
"Im Mittelpunkt der "Föderalismusreform II", die im Juli 2009 in Kraft trat, standen die Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern. [...] Die "Schuldenbremse" sollte Bund und Länder zu strikter Haushaltsdisziplin zwingen, weil andernfalls die Auflagen des europäischen Stabilitäts- und Wachstumspaktes nicht einzuhalten waren." (Seite 312/313) 
Frankreich:
Unter Sarkozy fand eine Verfassungsreform statt.
"Zu den bemerkenswertesten Neuerungen gehörten die Beschränkung der Amtszeit des Präsidenten auf zwei Mandate [...] In der Summe ergab sich daraus noch keine Parlamentarisierung der Fünften Republik, doch ein deutlicher Schritt in diese Richtung" (S.322)


"Ihren Anspruch, ein Bündnis freiheitlicher Demokratien zu sein, interpretierte die NATO sehr pragmatisch: Das autoritär regierte Portugal war ein Gründungsmitglied; die undemokratischen Strukturen der Türkei standen ihrer Aufnahme im Jahr 1952 nicht im Weg." (S.599)

Früher sprach man von Realpolitik, in der Politikwissenschaft spricht man von Realismus. Winkler beschreibt die NATO von 1952 als pragmatisch.
Winkler hat freilich weit mehr zu sagen. 

"Was die Demokratien angeht, [...] Schon im persischen Großreich gab es über Jahrhunderte hinweg einen gewählten Rat, eine Volksversammlung und Richter, die auf Vorschlag des Rats von der Volksversammlung gewählt wurden. Auch im Hinblick auf eine andere vermeintliche Errungenschaft des Westens, die Toleranz, sind Zweifel angebracht. [...] indischen Kaiser Aschoka, der schon im 3. Jahrhundert vor Christus für Toleranz eintrat. [...] Der alte Okzident brauchte lange, nämlich bis zur Aufklärung, bis er in der Toleranz eine Bedingung geistiger Freiheit erkannte und anerkannte." (S.606)

Rezensionen des Bandes bei Perlentaucher

Wikipedia Heinrich August Winkler:
"Angesichts der Coronakrise im Frühjahr 2020 hält es Winkler für illusorisch zu meinen, die Folgelasten seien allein durch neue Schulden zu meistern. Deutschland werde um eine „Umverteilung großen Stils“, einen Lastenausgleich zwischen den von den materiellen Folgen weniger Betroffenen und den in ihrer beruflichen Existenz Gefährdeten, nicht herumkommen. Diese Umverteilung werde den historischen Lastenausgleich zugunsten der Heimatvertriebenen und Ausgebombten nach dem Zweiten Weltkrieg weit übertreffen."
(Heinrich August Winkler: Plädoyer für einen neuen Lastenausgleich. Wir brauchen einen Corona-Soli. In: Der Tagesspiegel, 29. März 2020, S. 19.)

24.7.20

Meinungsfreiheit und Differenzierung

Wenn ich etwas lernen will, lese ich nicht Josef Joffe. Ich habe schon so viel von ihm gelesen, was ich ablehne, dass es mir zu schwer fällt, seinen Argumenten genügenden benefit of the doubt zu geben, der mir erlaubt überkommene Denkbahnen zu verlassen, um ihm zu folgen.
Umso mehr beeindruckt es mich, dass ein "Die Feinde des Liberalismus" (ZEIT 31/2020 23.7.; S.45f.) eine Reihe von Gedanken vorträgt, die auszuarbeiten ich trotz eines inneren Bedürfnisses zurückgestellt habe, um Forderungen des Tages zu genügen.
Ich habe nur einen wesentlichen Einwand gegen seine Argumentation: Symbolpolitik verändert zwar keine realen Verhältnisse, aber sie kann dazu beitragen, dass sie geändert werden.
Brandts Kniefall in Warschau war Symbolpolitik, aber er hat wesentlich dazu beigetragen seiner Ostpolitik zum Erfolg zu verhelfen. Ob und inwieweit  dieser Erfolg dazu beigetragen hat, Gorbatschow zu seiner Politik zu ermutigen, mögen spätere Historiker beurteilen. Für mich hat es jedenfalls gegenwärtig noch den Anschein, dass es so war.

Hier aber noch ein bedenkenswertes Zitat, das Joffe aufgreift:
"Als Weißer hast du nicht das Recht, zuzustimmen oder abzulehnen, was ein Schwarzer sagt. Beipflichten ist genauso arrogant wie Widerrede!" 
Es ist aus dem Zusammenhang gerissen; aber es lässt den Gedanken aufkommen, dass Weiße nur ein eingeschränktes Recht der Ausübung von Meinungsfreiheit haben sollten.

Ich persönlich bin zu der Ansicht gekommen, dass Deutsche sehr zögerlich damit umgehen sollten, im Kontext mit Rassismus und Völkermord ihre Wahrheit auszusprechen, weil es Betroffene als Angriff auf ihre Wahrheit empfinden könnten.
Wenn man aber Entsprechendes allgemein für alle Weißen fordert, öffnet man den Weg zur Beseitigung von Meinungsfreiheit. 

29.6.20

Habermas und Arno Widmann oder wie Literatur die Demokratie retten könnte

"Der erste Satz lautet: „Wir sind von Haus aus eine geschwätzig plappernde Spezies“. Dann kommt kein Punkt, sondern ein Gedankenstrich und es geht so weiter: „kommunikativ vergesellschaftete Subjekte, die ihr Leben nur in Netzwerken erhalten, die von Sprachgeräuschen vibrieren.“ "
Das ist Habermas. Aber Arno Widmann versteht es, ihn zu lesen und uns zu erklären, was seine Faszination ausmacht. 
Habermas hat eine philosophische Theorie des Kommunikativen Handelns entwickelt und er hat die Kurzformel vom herschaftsfreien Diskurs entwickelt. Damit hat er eine Formel gefunden, die ich mir mit "Gespräch auf Augenhöhe" übersetzen kann. Das ist nach meinem Verständnis ein Gespräch, bei dem nur die Qualität des Arguments zählt und nicht die Autorität, die von einer Lebensleistung ausgeht (z.B. Einstein oder Habermas) oder von einer Institution (Papst) oder von einem Machtapparat (Trump, Stalin, Hitler). 
In der Wikipedia wird mit der über Decknamen möglichen Anonymität so etwas versucht (freilich durch die organisatorische Macht von Administratoren und Administratorennetzwerken wieder konterkariert).

Wie erklärt uns Widmann das Besondere an der Formulierungskunst von Habermas?
"Das ist Jürgen Habermas. Er kann eben beides: So reden, dass wir ihn verstehen und das dann verstecken in einem Professorendeutsch, vor dem man davonrennen möchte. Allerdings gelingt es einem nicht, weil er einen durch diesen abschreckenden Sound hindurch immer wieder packt. Hier zum Beispiel das „vibrieren“." (Nachzulesen in Widmann: Es bleibt die Literatur, FR 29.6.2020)

Während Adorno einmal (in der ZEITsinngemäß erklärt hat: Ich bin aus den USA nach Deutschland zurück gekommen, weil man in den USA von mir verlangt, verständlich zu schreiben, hat Habermas den Weg gefunden, beides zu tun: Sich im wissenschaftlichen Diskurs eine führende Stellung zu erarbeiten und in der öffentlichen Auseinandersetzung unmissverständlich Position zu beziehen (z.B. Historikerstreit). Dazu braucht es immer wieder Kurzformeln wie 'Verfassungspatriotismus', 'Strukturwandel der Öffentlichkeit' und eben 'herrschaftsfreier Diskurs'. 

Zurück zu Widmann: Er ist nicht nur auf den unterschiedlichsten Feldern im Bereich Kultur unterwegs, sondern er stellt aktuelle Beiträge und Diskussionen auch prägnant vor. 
Den Vorteil der sozialen Medien und ihre Gefährlichkeit für die Demokratie beschreibt er, Habermas vereinfachend, so:
"Die digitale Revolution hat uns alle zu potentiellen Autoren gemacht, schreibt Habermas. Die sozialen Medien lassen unserer „Plapperlust“ freien Lauf. Sie sind die allen ungefiltert zugängige Öffentlichkeit. [...] Die Kontrollinstanzen von z. B. Redakteur und Lektor entfallen. Jeder kann jedem twittern. Auch die Politiker sind nicht mehr angewiesen auf „Bild und Glotze“. Sie erreichen ihre Follower direkt. [...]. Es handelt sich zweifelsohne um einen demokratischen Schub. Aber er gefährdet, so dialektisch geht es zu, die Demokratie.[...] Habermas sieht die Gefahr, dass „sich die Meinungsbildung in den zersplitterten und gleichzeitig von selektiven Standards entlasteten Kommunikationsblasen gegen die rationalisierende Kraft einer diskursiven Vielfalt der Beiträge immunisiert.“ [...]
Und dann fährt Widmann fort:
"So umfassend der Einfluss der Digitalisierung auf die politische Kommunikation ist, so gering ist er auf die Literatur. [...] Literarische Werke, so Habermas, verfügen über „eine eigentümliche Autorität.“ Sie rührt aus ihrem „Eigensinn“, mit dem sie sich dem Urteil der Zeitgenossen entziehen oder gar widersetzen und dagegen einer späteren Generation sich mitteilen ja geradezu aufdrängen können." [...]  Der Künstler, der Autor hat nicht eine Erfahrung, die er geschickt in Worte zu fassen versteht, sondern er erfährt, was er erfährt, beim Schreiben. Literarische Erfahrung ist eine Sache des Textes. Darum kann der Leser sie – in manchen Fällen nach Tausenden von Jahren über mehrere Übersetzungen hinweg ohne Kenntnis der Lebensumstände des Autors – nachvollziehen.
Wir lesen, so schreibt Habermas, nicht um uns über bestimmte Sachverhalte aufzuklären, sondern – damit kommt er Adorno näher, als er ihm in den letzten 60 Jahre wohl je war -, „um wenigstens manchmal einige Zipfel jener vorsprachlich präsenten Erfahrungen, aus denen wir intuitiv leben und mit denen wir dahinleben, als solche zu ergreifen und uns anschaulich vor Augen zu führen. Ob sie nun schön sind oder schrecklich.“"
Und es bedarf eines "Qualitätsmediums", um Widmann den Apparat und die Reichweite zu geben, um uns auf den verschiedensten Gebieten so informieren, dass wir nicht nur über das Wesen von Literatur, sondern auch über die gedankliche Nähe von Adorno und Habermas aufgeklärt werden. 


Über Gemeinsamkeiten von Literatur und Spiel als Mittel der Selbsterfahrung haben schon Schiller und Huizinga nachgedacht: Homo ludens.

25.6.20

Milliarden für Finanzindustrie und Umweltverschmutzung, Kürzungen für kleine Selbständige und Angestellte

Wer Gewinne will, muss Risiken tragen ZEIT 25.6.20
Heinz Hermann Thiele hat darauf spekuliert, dass er von der umweltschädlichen Milliardenspritze für die Lufthansa profitiert, wenn er mit der Insolvenz der Lufthansa droht. Als seine Spekulation selbst den Vertretern eines ungeregelten Marktes unanständig erschien, hat er - nach neusten Meldungen - zurückgezogen.

Dagegen hat die Spekulation der Finanzindustrie mit der Schaffung der EFTs (vgl. Indexfonds) funktioniert:

Die Stunde der Zombies ZEIT 25.6.20
"Fast 40 Millionen Menschen haben in den USA in den vergangenen Monaten ihren Job verloren. Doch während sie oft vergeblich auf staatliche Hilfe warten, gab es über Nacht Billionen Dollar für die Finanzindustrie." 

EFTs (börsengehandelte Fonds) sind anlegerfreundlich, weil sie es ermöglichen, dem Risiko des Kaufs der Aktien/Anleihen einer einzelnen Firma auszuweichen. Freilich funktioniert das nur unter der Fiktion, dass die ausgebenden Institutionen auch in Zeiten sprunghafter Börsenentwicklung tragen. Wenn sie das (aufgrund des Börsenhandels in Nanosekunden und der daraus resultierenden hohen Beschleunigung der Kursausschläge) nicht tun, dann droht bei jeder realen Krise eine Finanzkrise. Deshalb fließen wegen der jetzigen Pandemie nicht nur Billionen für die Industrie, sondern zusätzlich auch Billionen für die Finanzindustrie und Investmentfonds wie Blackrock, der ehemalige Arbeitgeber von Friedrich Merz, verdienen Milliarden daran, dass die Finanzindustrie ins Wanken gebracht haben. 
So - von mir kurz gefasst - die Analyse der ZEIT. 

Es bleibt dabei: Systemrelevant sind in der Wirklichkeit Verkäufer*innen, Pfleger*innen und Ärzt*innen und müssen deshalb Gesundheitsrisiken ein gehen und Überstunden schieben, aber die Spekulanten, die das Finanzsystem mit immer gefährlicheren Finanzkonstrukten  zerrütten, heimsen die Milliarden ein.