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15.3.16

Bildung und Fehlerkorrektur

Fehlerfreundlichkeit ist Voraussetzung für gelingendes Lernen. Deshalb braucht niemand den mahnenden Zeigefinger zu heben, wenn es jetzt heißt:

Die Hauptschulen sind wieder gefragt, 
Süddeutsche online 13.3.2016

Zu Recht wird besonders auf die Schulen hingewiesen und nicht behauptet, die bevorstehenden Aufgaben ließen sich allein mit einer verbesserten Ausbildung der Lehrer bewältigen. 
Wenn es in der SZ weiter heißt:
"An dieser Schulart ist man es gewohnt, mit Heterogenität umzugehen - übrigens auch mit Flüchtlingen. Übergangs- oder Vorbereitungsklassen gibt es seit Jahrzehnten, schon für Gastarbeiterkinder, Asylbewerber, Aussiedler. So lange schon haben wir Schüler, die erzählen, wie Familienangehörige und sie selbst geflüchtet sind, und warum: Der Papa hat nicht mehr arbeiten dürfen, der Onkel wurde verfolgt, der Opa ist totgeschossen worden."
Dann bedeutet das auch: Wenn Integration und Inklusion gelingen sollen, muss man mehr in die Schulen investieren. Dann müssen die Zusammenarbeit im Kollegium und die Solidarität in der Schulgemeinde gestärkt werden. 
Das wird nur gelingen, wenn auch in Politik und öffentlicher Meinung ganz klar wird:
Hier liegt eine Kernaufgabe, die unserer Gesellschaft gelingen muss, die wichtiger ist als Schuldenobergrenze und schwarze Null. 

Was die Probleme sind und wo die Chancen liegen, benennt dieser Artikel.
Der Blog Hauptschulblues befasst sich schon seit Jahren mit diesen praktischen Fragen.
Von den Blogartikeln dazu führe ich hier nur zwei an: Schulbesuch von Flüchtlingskindern und Lighthouse Welcome Center. Der zweite macht deutlich, dass die Aufgabe schon lange klar gesehen wurde. Nur die breite Öffentlichkeit verließ sich auf die Festung Europa. 
Inzwischen wird das Problem in Wirtschaftskreisen sehr offen angesprochen: "Wir brauchen Zuwanderung" und "Geschlossene Grenzen kommen teurer als energische Bildungsinvestitionen". Nur die Politik scheut sich noch, die Wirtschaft an der Finanzierung dieser wirtschaftlich zentralen Investitionsaufgabe zu beteiligen.

7.10.15

Wie umgehen mit Migranten? (2)

Fortsetzung des Artikels Wie umgehen mit Migranten?

Jens Schneider, Migrationsforscher an der Universität Osnabrück, schreibt in seinem  Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 6.10.15 auf Seite 31 auch Folgendes:
"Auf alle Ebenen trifft man auf Menschen, die in wichtigen Aspekten "anders" sind als man selbst und mit denen man gleichzeitig auch vieles gemeinsam hat [...]Unterschiede und Gemeinsamkeiten sind nicht mehr allgemein, sondern kontext- und situationsgebunden. Das zu lernen und souverän zu meistern ist eine Herausforderung, die die Noch-Mehrheitsgesellschaft nicht weniger betrifft als Migranten und Flüchtlinge." (Hervorhebung von mir)

Hier stimme ich Schneider unbedingt zu. Vielleicht berücksichtigt er aber nicht genug, dass die Flüchtlinge sich für die Situation, in die sie hineinkommen entschieden haben (freilich meist aufgrund einer völlig unerträglichen Alternative).

Umso wichtiger ist es, dass Migranten im Gastland auf Personen treffen, die sich ihrerseits bewusst entscheiden, auf Menschen, die anders sind, zuzugehen. 
Dazu möchte ich auf eine Studie von Misun Han-Broich hinweisen, die in ihrem Aufsatz 

"Engagement in der Flüchtlingshilfe – eine Erfolg versprechende Integrationshilfe" auf die besondere Bedeutung der Motivation der ehrenamtlichen Helfer hinweist:

 "Durch den Aufbau persönlicher Beziehungen stehen die Ehrenamtlichen den Flüchtlingen insbesondere bei der Überwindung ihrer seelisch belastenden Vergangenheits- und Gegenwartsprobleme zur Seite. Obwohl Ehrenamtliche nach ursprünglicher Aufgabenvereinbarung keine therapeutische beziehungsweise psychosoziale Arbeit explizit zu leisten haben, sondern eher konkrete Hilfestellungen (Bildungs- und Betreuungsarbeit, Begegnung, praktische Lebenshilfe und so weiter) geben sollen, zeigt sich die größte Wirkung ihrer Arbeit gerade nicht in diesen (die praktische Integration betreffenden) kognitiv-kulturellen und sozial-strukturellen Bereichen, sondern vielmehr im seelisch-emotionalen Bereich. [...] Sie können durch die persönliche Art ihrer Kontakte eine einzigartige Beziehung zu Flüchtlingen aufbauen, indem sie gezielt auf Menschen zugehen, persönliche Berührungspunkte herstellen und mit den Flüchtlingen eine ganzheitliche Begegnung [10] erleben. So tragen sie zur seelisch-emotionalen Stabilisierung und Integration insbesondere auch der traumatisierten Flüchtlinge bei. In der Ehrenamtsbeziehung findet eine Begegnung statt, in der sich Ich und Du als gleichberechtigte Subjekte begegnen und keiner dem anderen bewertend gegenübersteht. [...] Intrinsisch motivierte Ehrenamtliche können nachhaltige patenschaftsähnliche Beziehungen – im Sinne der Ersatz- und Therapiebeziehung – zu jungen Flüchtlingen aufbauen, sie seelisch-emotional stabilisieren und dann auf allen weiteren Stufen des Integrationsprozesses wirkungsvoll begleiten und unterstützen. Hierfür muss ein konzeptioneller Rahmen geschaffen werden, der eine professionelle Zusammenarbeit der Ehrenamtlichen mit den hauptamtlichen Flüchtlingsbetreuern ermöglicht."
Auch sie tendiert dazu, die Möglichkeiten der Helfer etwas zu optimistisch zu sehen. In nicht wenigen Fällen dürften Personen ohne professionellen Hintergrund und ein professionelles Umfeld überfordert sein. Deshalb plädiere ich dafür, dem Ausbau dieser Strukturen eine weit höhere Priorität zu geben, als bisher erkennbar ist. 
Ohne eine in die Breite gehende Bereitschaft, auf Flüchtlinge zuzugehen, wird die Aufgabe aber auch nicht gelöst werden können.


"Man muss die Integrationssysteme Bildung und Arbeitsmarkt öffnen [...] Hier besteht die Möglichkeit, der problematischen demographischen Entwicklung in Deutschland, der Überalterung der Gesellschaft, entgegenzusteuern." fordert Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln.
Diese Möglichkeit, eine wirklich großartige Chance, besteht aber nur, wenn die personellen Voraussetzungen dafür geschaffen sind, dass sich die Menschen in diesen "Integrationssystemen" nicht permanent überfordert fühlen. Die Inklusion aller Behinderten und die Integration aller eintreffenden Flüchtlinge wird nicht gelingen, wenn das Bildungssystem unter dem Diktat der schwarzen Null und der Minimalsteuern für Unternehmen ausgehungert wird. 

Chrismon: Migration


6.10.15

Wie umgehen mit Migranten?

Jens Schneider*, Migrationsforscher an der Universität Osnabrück, schreibt einen bedenkenswerten Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 6.10.15, S.30/31.

Darin heißt es u.a.:
Erfahrene Einwanderungsgesellschaften [...] machen sich keine Gedanken über "Parallelgesellschaften" oder "Integrationsverweigerer", weil sie wissen, dass die Erwartungen an die erste Generation nicht allzu hoch sein können. [...]
Ganz anders ist dagegen die Haltung gegenüber der zweiten Generation: Die im Land groß werdenden Kinder sollen sich zugehörig fühlen. Es wird auf sie gewissermaßen ein Anspruch erhoben, weil mit dem Zugeständnis der ungeteilten Zugehörigkeit auch Forderungen und Erwartungen einhergehen können [...]
Ich stimme zu, empfehle die Lektüre des gesamten Artikels und möchte doch dem gegenüber einen etwas andere Analyse anbieten. Die liefere ich in der Fortsetzung dieses Artikels nach (sieh unten!).

Nur eins schon jetzt: Je geringer die Erwartungen an die erste Generation sind, desto problematischer sind deutlich höhere an die zweite. Die Schule kann nur bedingt gegen eine häusliche Kultur der Fremdheit Erfolg haben. Das gilt besonders für die sogenannten "bildungsfernen" Migranten.
Natürlich ist die vorbildliche Rolle, die Navid Kermani in der Bundesrepublik als Angehöriger der zweiten Generation spielt, so und so eine extreme Ausnahme. Aber alles, was nur in diese Richtung geht, setzt im Regelfall voraus, dass schon die erste Generation aufgeschlossen war und sich nicht ganz abgeschottet hat.

*  sieh auch: Jens Schneider, Maurice Crul, Frans Lelie: generation mix. Die superdiverse Zukunft unserer Städte und was wir daraus machen.

In einer Vorstellung des Buches heißt es:
[...] Im Zentrum steht einmal die Frage, unter welchen Umständen sich die zweite Generation am wirkungsvollsten entfalten kann. Zum anderen geht es um die Frage nach der sozio-kulturellen Integration. Wie stark fühlen sich die Angehörigen der zweiten Generation mit der Gesellschaft verbunden, in der sie leben, wie sehen die sozialen Beziehungen in den immer diverser werdenden Städten aus und welche Sichtweisen auf interethnische und interreligiöse Beziehungen herrschen vor? [...]
Während im Buch noch Fragen zur Beschreibung gestellt werden, werden im Artikel schon "Forderungen und Erwartungen" an die zweite Generation gestellt. Sind diese ohne weiteres berechtigt, nur weil es um die zweite Generation geht? Kann nicht "Migrationshintergrund" eben doch ein entscheidender Faktor für unzureichende Integration der zweiten Generation sein?

Bei Personen mit guten Bildungsvoraussetzungen wird schon in der ersten Generation eine befriedigende Integration gelingen. So ist bei Flüchtlingen aus der DDR, die in die BRD kamen, fast ausnahmsweise die Integration gut gelungen. Entsprechendes gilt praktisch durchweg für die Generation von DDR-Bürgern, die als Kinder oder in der Ausbildungsphase die Einigung erlebten. Entsprechendes sehe ich im Bekannten- und Verwandtenkreis hinsichtlich der Integration in nicht allzu fremde Kulturen im Laufe weniger Jahre.
(Ein Sonderbeispiel sind die Brüder Thomas und Heinrich Mann, für die sich ein eigener Artikel lohnen würde.)
Aber wie steht es mit Bauern aus Anatolien, die nach Istanbul zogen? Sie ziehen nur innerhalb ihres Landes um, aber integrierte Großstädter werden sie nicht, häufig auch nicht die zweite Generation. Wie es mit darauf folgenden Generationen steht, mag die darauf spezialisierte Forschung beantworten. Entsprechendes gilt aufgrund der Erfahrungen, die Deutschland mit den "Gastarbeitern" gemacht hat. - Lag es immer nur daran, dass ihnen das Stigma Migrationshintergrund anhing?
Gelingt es denn allen nativen Deutschen, sich auf die Einwanderungsgesellschaft einzustellen? Ist allein Schulunterricht für das Gelingen oder Nichtgelingen verantwortlich zu machen?
(zur Fortsetzung dieses Artikels)

Grundlegende Probleme im Zusammenhang mit Flüchtlingen und Flucht schneidet der Friedensforscher Harald Müller (bis Ende September Leiter der HSFK) in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau vom 4.10.2015 an.

23.7.14

Inklusion - Integration

"Vielen Eltern mangele es am Bewusstsein, dass ihre schwerhörigen Kinder, vor allem wenn sie auf die Regelschule gehen, den Kontakt zu anderen schwerhörigen Kindern brauchen, um mit ihrer Behinderung zurechtzukommen." (Maryanne Becker: Klänge aus dem Schneckenhaus, 2008, S.51)

Die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer hat davor gewarnt, Inklusion "mit der Brechstange" zu betreiben und in einem Sechs-Punkte-Katalog ein anderes Bewertungssystem für Schulabschlüsse gefordert. [...]"Dort, wo eigentlich maßgeschneiderte individuelle Unterstützung der Betroffenen nötig wäre, greifen zunehmend unversöhnliche Positionen und der Wettlauf um vermeintlich beste Inklusionsquoten um sich", schreibt die CDU-Politikerin in einem Beitrag für DIE ZEIT. "Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dabei der gesunde Menschenverstand, ein nüchterner Blick für Möglichkeiten und Zeitkorridore und vor allem die Bedürfnisse der Betroffenen auf der Strecke bleiben." (Bildungsklick: Inklusion nicht "mit der Brechstange", 23.7.14)
Wichtig ist gewiss, dass Eltern wie Kinder früh verstehen, worin die Unterschiede zwischen der Erlebniswelt dieser Kinder und ihrem Umfeld bestehen, so dass sie angemessene Unterstützung einfordern können. Dazu brauchen Eltern wie Kinder Umgang mit Personen mit ähnlicher Behinderung, die schon mehr Erfahrung haben, damit sie eine realistische Einschätzung gewinnen können.
Das heißt nicht, dass die Kinder nicht in eine Regelschule gehen dürften, wohl aber, dass sie die Normalität ihrer Behinderung erfahren können und sich nicht als Wesen eine besonderen Art verstehen.
"Nina ist überwältigt von dieser Erfahrung, einmal nicht Außenseiterin zu sein und das Gefühl zu haben, dass andere Jugendliche sich in ihre Lage hineinversetzen können."  (Maryanne Becker: Klänge aus dem Schneckenhaus, 2008, S.65) 
Plädoyer für Inklusion auch von verhaltensauffälligen Schülern, Zeit 20.6.14

"Wenn im Leistungssport Inklusion und Fairplay aufeinandertreffen, wird es kompliziert."
(Behinderter Weitspringer Rehm: "Ich will einen richtig geilen Wettkampf", SPON 24.7.14)


Gemeinsames Lernen mit Behinderten verunsichert Lehrer, WAZ 10.8.14
Inklusion in der Schule in NRW, WDR 4.9.14

SOS Inklusion: "Zur Zeit wird das Personal an den Schulen verheizt", bildungsklick 7.11.14

Über den Sinn von Inklusion und wie sie in Misskredit gebracht werden kann, NachDenkSeiten, 13.11.14

Erfolge mit Inklusion  14.5.18