24.6.19

Zu politischen Meinungsäußerungen von Lehrern

Geeinigt hat man sich 1976 einmal auf den Beutelsbacher Konsens mit dem Überwältigungsverbot. Inzwischen scheint freilich  in dieser Frage kein Konsens mehr zu bestehen und der hilfreiche Begriff Überwältigungsverbot weitgehend unbekannt zu sein.

Hier eine spezifischere Fragestellung im Zusammenhang mit Rechtsextremismus:

"Neutralität ist für Lehrer keine Option", SZ 24.6.19

Parteipolitisch sollten Lehrer m.E. so weit wie möglich neutral argumentieren, auch wenn sie eine Parteimitgliedschaft nicht zu verleugnen brauchen. Also kein Neutralitätsgebot.

In Sachen des Klimawandels und der Frage, ob energischere Maßnahmen dazu notwendig sind, sollte sich aber kein Lehrer zurückhalten, denn das ist gewiss keine parteipolitische Frage.

28.5.19

Zur Bearbeitung einer Staatsexamensaufgabe aus dem Jahr 2010 aus dem Lichte von 2019

Die Textvorlage ist "Das Gebäude" von Herbert W. Franke .
Die Rollen von Mensch und Roboter sind vertauscht.
Die Menschen arbeiten wie Maschinen. Die Roboter sorgen dafür, dass die Menschen funktionieren ("Kältearrest").
Die Arbeit ist sinnlos. Gebäude werden aufgebaut und abgerissen. Wohnen können die Menschen weder da noch da.
Der Gedanke, man könnte in Gebäuden wohnen, ist für Fontain "frevlerisch". Ein Frevel ist eine Handlung gegen die göttliche Autorität.
Für Hassau ist er "eine absurde Idee" und "unsinnig".
Die Menschen haben eingesehen, dass sie nur für die Maschinen arbeiten dürfen. Etwas für die Menschen zu tun, wäre gegen die künstliche Intelligenz der Maschinen, also gegen die übernatürliche Autorität.
Aussageabsicht des Textes: Wenn sich der Mensch an die Maschine anpassen muss, ist das gegen die Menschenwürde. Dazu: Kants kategorischer Imperativ (vgl."Selbstzweckformel" https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorischer_Imperativ#%E2%80%9EFormeln%E2%80%9C)
Diese Aussage wird aber nicht ausgesprochen, sondern erst langsam [im Kopf des Lesers] entwickelt. (Parallelbau der beiden Teile wie in Kafkas "Auf der Galerie").
Das selbständige Denken haben die Menschen zugunsten der Sicherheit aufgegeben. "Sicherheit dessen, für den andere denken".
Bemerkenswert ist, dass der Gedanke, dass man das selbständig denken nicht zugunsten seiner Sicherheit aufgeben dürfe, schon 2010 in einer Prüfung behandelt wurde, bevor ein deutscher Innenminister ihn seinerseits verwarf.
Der Innenminister Friedrich hat 2013 Sicherheit zum "Supergrundrecht" erklärt, also zu einem Grundrecht, das wichtiger ist als Freiheit, Meinungsfreiheit und Menschenwürde.
Von Lehrern und Schülern erwartet man selbständiges Denken. Minister genießen nicht selten Narrenfreiheit (auch heute noch). Aber das braucht man in einer Staatsprüfung nicht ausdrücklich hinzuschreiben. Greta Thunberg hat deutlich genug aufgezeigt, dass manchmal Schüler besser als Minister* wissen, was in einer Gefahrensituation zu tun ist. Der Prüfer könnte also sagen: "Warum schreiben Sie so einen Allgemeinplatz hin?" Also lässt man das besser weg.

Selbstverständlich müsste ein solcher Text als "Thema verfehlt" und deshalb "ungenügend" bewertet werden, denn die Aufgabenstellung war:

"Stellen Sie Überlegungen zur Leseförderung und zum literarischen Lernen an, die Ihnen helfen, den Einsatz des Textes in einer Klassenstufe Ihrer Wahl (bitte angeben!) zu begründen; gehen Sie dabei auch auf das Science-Fiction-Genre ein!" (Aufgabenbereich: Didaktiken einer Fächergruppe der Hauptschule) 

* Dobrindt, Seehofer, Scheuer ...

22.5.19

Die Ursachen des aktuellen Klimawandels unmissverständlich erklärt

von rezo: "Die Zerstörung der CDU"

Dazu jemand, der mehrmals CDU gewählt hat:
11. Danke lieber - Für all die Mühe, der das Zusammentragen, für das Aufbereiten und das Posten dieses Videos. Deutschland könnte mehr Menschen wie Dich brauchen, die auf Basis von Fakten argumentieren und ihren Standpunkt so pointiert klar machen.

und die hilflosen Reaktionen

Die FAZ versucht mit einem Faktencheck (23.5.19) rezos Argumente auszuhebeln. 
Im Grunde findet sie nur eine Aussage, die sie als falsch bezeichnen kann. Dabei erweist sich freilich, dass sie schlicht nicht zureichend informiert ist (mehr dazu auf dem Bildblog, der auch auf die Argumentation der CDU eingeht).
Dass es den Politikern in der Tat extrem schwer gefallen ist, eine vernünftige Klimapolitik durchzusetzen, ist der FAZ zuzugestehen und aus der weltweiten aus der Entwicklung der letzten Jahrzehnte deutlich abzulesen. 
Aber gerade das will rezo ja anprangern. 

Besonders peinlich in meinen Augen die Stellungnahme in der von mir an sich hoch geschätzten ZEIT: Die interessanteste Frage stellt er nicht. (Lisa Nienhaus ZEIT 24.5.19)
Ihre Argumente sind inzwischen mehrmals wiederlegt worden. 
Ihre "interessanteste Frage" ist, wie mehr Leute "neu aufsteigen können von den Normalos in den Club der Reichen".
Weit wichtiger scheint mir Die Kunst den Kapitalismus zu verändern, dass der Menschheit der Lebensraum nicht im Laufe dieses Jahrhunderts verloren geht.
Die Antwort von Wolfgang Kessler: hier, die von Muhammad Yunus: hier.

Das Hauptproblem, ist, den Klimawandel zu beschränken. Die Macht der Superreichen zu beschränken könnte ein dafür notwendiges Mittel sein. Aber noch ist der Beleg dafür noch nicht erbracht. 

Hier aber ein abweichende Stimme in den Mainstreammedien:
"Der Unsinn und die Beschwichtigungen aber, die vom Personal der sogenannten Volksparteien routinemäßig verbreitet werden, sind für die Demokratie mindestens ebenso gefährlich. Der deutsche Politikbetrieb und seine Beobachter haben sich an diese kleineren und größeren Lügen, Verzerrungen, Weglassungen, Mauscheleien, an die Lobbyistensprache so sehr gewöhnt, dass all das kaum noch wahrgenommen wird." (Christian Stöcker auf Spiegel online 26.5.19)
Die Hervorhebung stammt von mir. Hinzusetzen muss ich leider: auch von den Mainstreammedien

Wissenschaftlicher Faktencheck zu rezos Video:
Volker Quaschning
Stefan Rahmstorf

Zu den Reaktionen der Qualitätspresse auf rezos Video schreibt Dejan auf Twitter:

Ist "Googelt" Schleichwerbung oder das?
Digitale Transformation


AKK denkt über Regulierung von Influencern nach, tn3.de 27.5.19

20.5.19

Eine Anfrage

Eine Anfrage an die Stiftung Jugend und Bildung:  

Bemerkenswert ist, dass auf Ihrem Arbeitsblatt zur Europawahl 2019 für Schüler der 9.-13. Jahrgangsstufe das Wort Klima nicht vorkommt.
Sind Sie der Ansicht, dass das angesichts der Schülerstreiks geeignet ist, das Interesse der Schüler an Europa zu fördern?

Link zum Arbeitsblatt

Als ihren Anspruch formuliert die Stiftung u.a.
"Im Gegensatz zu den offiziellen Schulbüchern können wir mit unseren Materialien schnell und zeitgemäß auf aktuelle Ereignisse und gesellschaftliche Diskussionen reagieren. Damit decken wir einen großen Bedarf von Lehrkräften ab.
Unsere Unterrichtsmaterialien setzen stets an der Lebenswelt von Jugendlichen an und sollen ihnen helfen, ihre Lebenssituation besser zu verstehen und aktiv zu gestalten." (Hervorhebungen von Fontanefan)

Stichwort Stiftung Jugend und Bildung im Deutschen Bildungsserver
Am 17.1.2005 wurde in Berlin die Stiftung Jugend und Bildung gegründet. Ziel der Stiftung ist es, die gesellschaftspolitische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen zu fördern - insbesondere angesichts der Herausforderung durch die erweiterte europäische Dimension. Mit Broschüren, Internetangeboten und Veranstaltungen wollen sich die Stifter an Kinder und Jugendliche sowie an alle im privaten und öffentlichen Bereich für die Erziehung, Bildung und Ausbildung Verantwortlichen wenden. Die Medien dienen zur allgemeinen Information und Motivation der Zielgruppen und können als ergänzendes Unterrichtsmaterial eingesetzt werden. Im Vordergrund steht bei allen Projekten, diejenigen zu unterstützen, die schulische Innovation mit beispielhaften Projekten vorantreiben.

Wer hinter der Stiftung steht, wird leider nicht angegeben.

Wir wollen es nicht wahrhaben


Früher hat man nicht selten den Überbringer einer unangenehmen Botschaft getötet.
Heute, im Zeitalter des Internets, sind wir humaner und sagen einfach mit Trump "Fake News".

Im Fall des menschengemachten Klimawandels ist das freilich nicht ganz so leicht. Wenn seit Jahrzehnten über 90 Prozent der Wissenschaftler über die Grunddiagnose einig sind und wenn inzwischen nach jahrzehntelangen Verhandlungen auch die Politiker 2015 auf einer Weltklimakonferenz konkrete Beschlüsse zu seiner Eindämmung gefasst haben, dann helfen auch die von Lobbyisten bezahlten Gegengutachten nichts mehr. Der Klimawandel lässt sich nicht mehr ernsthaft bestreiten.

Wieso aber gelingt es uns, weiterzumachen, als gäbe es ihn nicht?
Zwei Gründe gibt es.
Erstens: Wenn wir den Klimawandel jetzt noch eindämmen wollen, müssen wir unsere Lebensweise radikal umstellen. Und wer will das schon?
Zweitens: Die anderen leben ja auch weiter, als ob es ihn nicht gäbe. Das macht es viel leichter, den eigenen Augen nicht zu trauen. Wenn ich etwas verändere, macht das sowieso keinen wesentlichen Unterschied. Also brauche ich es nicht zu tun.

Etwas Weiteres kommt hinzu: Ständig gibt es neue Nachrichten über Missstände auf der Welt, über die wir uns aufregen können:
Wir diskutieren über Trump, Putin, Erdogan, Böhmermann, über die AfD, Seehofer und Merkel, Scheuer, Stuttgart21, den Berliner Flughafen, über Kevin Kühnert ... Es nimmt kein Ende. Das macht es leichter, nicht an den Klimawandel zu denken.
Jetzt gibt es freilich Schüler, die nicht mehr mitmachen wollen, die ein Recht auf Zukunft fordern.
Das schreckt auf. Aber nun setzt eine allgemein menschliche Reaktion ein: "Jetzt gibt es endlich jemanden, der sich um den Missstand kümmert. Ein Glück! Jetzt brauche ich es ja nicht mehr."
Lasst es Greta und die anderen Schülerinnen und Schüler mal machen! Jetzt bin ich ja nicht mehr gefragt. Jetzt kann ich wieder so tun, als ob alles in Ordnung wäre.

Nur ist da der 26.Mai. Wir alle sind gefragt, wie es in Europa weiter gehen soll. Als Demokraten haben wir sogar nicht nur ein Recht, sondern deshalb auch eine Pflicht, uns darum zu kümmern.
Da hilft es nun nicht, sich zu sagen: "Hauptsache, ich wähle nicht diese eine böse Partei." Jetzt gilt es zu fragen: Wer setzt sich für die Zukunft der kommenden Generationen ein und will wirklich ernsthaft den Klimawandel nach Kräften eindämmen?
Es sind nicht viele, aber die verdienen unsere Stimme.

16.5.19

Kollegen

Kollegen ist das Thema der ZEIT vom 16.5.19

Frau Wagner macht Stress ist der Titel eines Artikels in der ZEIT vom 16.5.19, der über eine Lehrerin, die an ihren KollegInnen und Lehrer allgemein scharfe Kritik geübt hat und der mir erfreulich ausgewogen erscheint.
Offenbar ist es Frau Wagner gelungen, ihre Frustrationen weniger an ihren SchülerInnen als an ihren KollegInnen auszulassen. Und vielleicht hat sie sich selbst denen gegenüber 22 Jahre lang zurückgehalten.
Sie hat in doppelter Weise gelitten, als Kollegin und als Mutter. Da wäre das eine gewaltige Leistung.
Zuzugestehen ist ihr: Es gibt wohl kaum eine Lehrperson, die ihre Kinder nicht vor bestimmten LehrerInnen gern schützen würde. Der Mutter von Michelle Obama ist es mit erfreulichem Erfolg gelungen. Frau Wagner hat das für Ihre Kinder so nicht leisten können. Ich hätte es ihr gewünscht.
In der Fähigkeit, SchülerInnen gerecht zu werden, unterscheiden sich Lehrer enorm. Und ich hätte Verständnis dafür, wenn einige KollegInnen, die ich erlebt und bewundert habe, gesagt hätten: "Der Fontanefan hätte nie Lehrer werden sollen."
Aber wir haben einen Lehrermangel, und selbst von KanzlerInnen und US-Präsidenten sagt mancher, sie seinen unfähig gewesen, ihren Job angemessen auszuführen. Und dabei hat es nie an Kandidaten für diese Posten gefehlt.
Später vielleicht mehr dazu.
Vom Frust von Lehrern mit der Schulverwaltung handeln diese Artikel. Ich will nicht behaupten, dass ich darin der Schulverwaltung immer gerecht geworden bin.

10.5.19

"PISA-Chef" Schleicher zu Mathematikabitur und zum Klimawandel

"Die Pisa-Ergebnisse zeigen: Deutsche Schüler sind gut darin, etwas auswendig zu lernen. Aber sie könnten besser daran sein, Ideen zu durchdringen und kreativ mit ihnen zu arbeiten.
[...] In Deutschland trainieren die Schüler oft Rechenprozeduren. In einer japanischen Klasse stellt der Lehrer ein Problem in den Raum – und alle entwickeln gemeinsam eine Herangehensweise für die Lösung. In Deutschland wird noch immer zu viel Stoff in zu geringer Tiefe vermittelt. Ich empfehle: weniger Stoff, mehr eigenständige Auseinandersetzung. Die deutschen Schüler haben nicht leichtere Abituraufgaben, sondern besseren Unterricht verdient. [...] Für mich zeigt sich hier einmal mehr: Es ist mit vielen Problemen verbunden, dass es keine einheitlichen Prüfungen für ganz Deutschland gibt. Gäbe es sie, dann wäre es doch so: Fällt eine Prüfung zu schwer aus, ist das zwar schmerzlich. Es hätte aber keine gravierenden Auswirkungen, weil es ein Jahrgang ist, der um Studienplätze konkurriert. Ein fairer Vergleichsmaßstab ist das Abitur bislang nicht. Das sollte sich ändern.
Mathematik gilt ohnehin schon als Fach, an dem viele scheitern. Wird dieser Frustrationsfaktor nicht noch größer, wenn sie von jedem eigenes mathematisches Denken erwarten?
Eben nicht. Dieses mathematische Denken kann man trainieren – das ist nicht einfach nur Begabungssache. Mathe kann man viel besser lernen als beispielsweise Musik, die viel mit Talent zu tun hat. Die Pisa-Ergebnisse aus China und Singapur zeigen, dass sich die Fähigkeiten zum mathematischen Denken an die gesamte Schülerschaft in hohem Maß vermitteln lassen. [...] Es geht darum zu lernen, dass Mathematik eine Sprache ist, mit der sich die Realität beschreiben und gestalten lässt. Dafür ist fächerübergreifender Projektunterricht sehr gut geeignet. Die Frage, wie es mit dem Klimawandel weitergehen könnte, ist auch ein gutes Thema für den Mathematikunterricht." (Oberhessische Presse Marburg 10.5.19 - Hervorhebungen von )

Der PISA-Chef ist weit begabter als ich und hat den viel besseren Überblick. Aber er geht entsprechend seiner Funktion vom internationalen Leistungsvergleich aus, nicht von der Aufgabe der bestmöglichen Förderung der Schüler. 
An sich geht mich das laufende Mathematikabitur nichts an. Wohl aber interessieren mich verallgemeinernde Behauptungen.
Als wir in unserer Schule Besuch von japanischen Lehrern hatten, waren die beeindruckt von der Gesprächskultur im Mathematikunterricht, davon wie nach Lösungswegen gesucht wurde. Dann freilich sagten sie: Auf dieser Klassenstufe würden unsere Schüler nicht über solche Aufgaben diskutieren, sie haben sie schon weit früher behandelt.
Im Übrigen weiß ich über die Lernkultur aus Japan, China und Singapur nur aus der Presse (die Erfahrungen meines Sohnes mit Autoritätshörigkeit  an einer japanischen Universität zählen hier nicht). Dass in Japan das Phänomen, dass Schüler den Lebenszwängen ausweichen, indem sie ihr Zimmer nicht mehr verlassen, häufiger ist als in Deutschland, ist aber wohl nicht aus der Luft gegriffen. Dass China und Singapur weniger Gesprächskultur, sondern Leistungskonkurrenz gepflegt wird, wohl auch nicht.
Die Klage von deutschen Englischlehrern, dass das Zentralabitur dazu geführt habe, dass im Abitur nur noch Mittelstufenniveau gefordert sei, weil Reflexion über komplexere Inhalte ohne ein Minimum an gemeinsamer Stoffkenntnis nicht möglich sei, höre und lese ich freilich aus erster Hand in der Familie und im Internet.

Und, mit Verlaub, die Frage, wie es mit dem Klimawandel weitergehen könnte, gehört nicht in den Mathematikunterricht, sondern in die Medien, auf die Straße und endlich in die Regierungen.
Hoffentlich denkt Herr Schleicher genauso und nicht wie Christian Lindner, aber dazu wurde er ja auch nicht gefragt.

7.5.19

republica 2019/2018





re:publica 2018 – Martin Ehrenhauser: Moneybots tragen keinen Schlips ... via

Martin Lindner über ÜberzeugungstäterInnen an der Schule


Es ist wohl kein Zufall, dass viele der aktivsten Technik-Nerds an den Schulen inzwischen gerade von 'weichen' Fächern kommen: Deutsch, Musik, moderne Fremdsprachen und erstaunlich oft Religion*. Auch die Initiatoren des EdChatDE, einer selbst organisierten Twitter-Weiterbildung für digitale LehrerInnen, geben Religionsunterricht. Und die rpi-virtuell, die Religionspädagogische Plattform im Internet (RPI), führt exemplarisch vor, wie eine Community von Lehrenden und Lernenden im Netz funktionieren kann. Schon 2013 gab es dort 70.000 angemeldete Nutzerkonten, davon 12.000 aktive in 4500 Gruppen. Sie alle finden in den digitalen Netz-Technologien die Grundlage, um durch aus traditionsreiche Ideen des offenen, gemeinsamen Lernens auf neue, wirkungsvolle Art durchzusetzen. Jedes Jahr finden unter dem Titel OpenReli offene Online-Kurse statt. 
Das andere Paradebeispiel ist die Zentrale für Unterrichtsmedien imInternet (ZUM) – trotz des bürokratischen Namens ist das ein privater Verein engagierter LehrerInnen. Bereits seit 1997 machen ÜberzeugungstäterInnen auf eigene Faust genau das, zu was die Kultur- und Bildungsministerien trotz allem Digitalisierung-Geredes nicht in der Lage sind. Im Zentrum steht zum ZUM-Wiki, das ich als eine Art Wikipedia für freie und offene Lehr-und Lernmaterialien begreift. Inzwischen verzeichnet die ZUM-Website Millionen Zugriffe im Jahr, mit steigender Tendenz.
Hier werden auch SchülerInnen ausdrücklich angesprochen. Der ZUM-Speicherplatz steht auch einzelnen Klassen oder ganzen Schulen im ganzen Bundesgebiet zur Verfügung. Dazu kommen andere open-Source – Werkzeuge wie das Zumpad, das auf der Software Etherpad beruht. Damit kann jeder sofort eine leere Webseite anlegen, mit eigener Web-Adresse, in die viele Leute gleichzeitig schreiben können. Dabei sieht man in Echtzeit, was die anderen tun. Das klingt unscheinbar, aber gerade weil es so einfach ist, ist Etherpad eines der faszinierendsten Kollaborationswerkzeuge im Web, für Klassen und Projektgruppen aller Art. Mit all den Wikis und Pads bieten die Nonkonformismus von ZUM e. V. bisher den konsequentesten offenen Gegenentwurf zu den geschlossenen Schulplattformen.


* http://fachschule.blogs.rpi-virtuell.net/
   http://medienreligionbildung.blogs.rpi-virtuell.net/
   https://alltagsarbeiter.wordpress.com/
   http://drewesbloggt.com/
   https://andrespang.de/    https://wiki.andrespang.de/index.php?title=Hauptseite
   https://twitter.com/tom_nolte



Zum Kontext:
Martin Lindner: Die Bildung und das Netz

Philippe Wampfler: Gegen digitale Ohnmacht

Was eine Medienpädagogin zu WLAN und Tablets an Schulen sagt Paula Bleckmann im Interview, FR 7.5.19, S.2/3
Grundschulen ohne Handys und Tablets sind weltfremd und Kinder sollten möglichst früh den Umgang mit Computern lernen? Die Medienpädagogik-Professorin Paula Bleckmann sieht das im Interview anders.
Nur ein Drittel der Schulen in Deutschland hat schon WLAN und Tablets. Aber ist das wirklich so schlimm? Nein, meint Paula Bleckmann, [...] 

27.4.19

Bildung in Zeiten von Digitalisierung und Klimawandel

"Bildung ist Bildung ist Bildung ist Bildung." (Rose is a rose is a rose is a rose. - Gertrude Stein) habe ich - wenn auch nicht wörtlich - der Redeweise von "digitaler Bildung" oder "digitalisierter Bildung" entgegengehalten.
Jetzt haben mich Martin Lindner (Die Bildung und das Netz) und Axel Krommer (Der Bildungsdiskurs als Kippfigur) davon überzeugt, dass David Weinberger mit Small Pieces Loosely Joined” (2002) eine Veränderung der Bildungsbedingungen beschreibt, die eine solche Redeweise rechtfertigt.
Vorläufig lasse ich die Links als zureichende Begründung* meines Sinneswandels gelten, will aber später noch etwas mehr darüber hinzufügen, weshalb er mir berechtigt erscheint.

*Weshalb sehe ich in Links eine Rechtfertigung? Jedes Link verweist auf einen Begründungszusammenhang, der an und für sich einer ausführlicheren Erläuterung bedürfte. Aber der umfassende Schatz, den Allgemeinbildung früher zum Verständnis von Texten mit vielen unausgesprochenen Voraussetzungen beitrug, kann unter den Bedingungen der Internetkommunikation durch Links angedeutet und bis zu einem gewissen Grad ersetzt werden. Die drei unterschiedlichen Links, die ich zu Bildung gesetzt habe, können deutlich machen, wie weit der Bildungsbegriff inzwischen auch ohne die Redeweise von "digitalisierter Bildung" aufgefächert ist und inwiefern Bildung eben nicht Bildung, aber doch Bildung ist. 
Dass Bildung durch die Wikipedia in anderer Weise granularisiert und zugänglich geworden ist als in gedruckten Enzyklopädien, macht der Artikel der englischsprachigen Wikipedia A rose is a rose is a rose is a rose deutlich, der voll von Verlinkungen ist und dabei unter anderem auf Gertrude Steins Bezug auf ein Shakespearezitat* verweist.
*Bemerkenswert, dass dieses Zitat aus "Romeo und Julia" erst ab dem 18. Jahrhundert in dieser Form überliefert worden ist und dass es offenbar außer in der englischen Wikipedia nur in Farsi und Zentralkurdisch ebenfalls einen Wikipediaartikel dazu gibt.

14.4.19

Von Gruppenarbeit, Leistungsbewertung und Plagiaten

Wissenschaftliche Arbeit besteht mehr und mehr in Zusammenarbeit.
Die "Fotografie" des (Schattens des) schwarzen Lochs bietet ein schönes Beispiel: Mehrere "Teleskope", zwischen denen ein Abstand von rund 10 000 km bestand, haben jeweils einen Teil zu dem "Foto" beigetragen. Die Auflösung eines einzigen Teleskops mit "nur" 50 m Durchmesser wäre dafür viel zu gering gewesen.
Natürlich ist nicht fotografiert worden, sondern es sind Daten ermittelt worden, die von mehreren Teams zusammengetragen wurden und dann von einem Team ausgewertet wurden, das mit einer Software arbeitete, die in Teamwork erstellt wurde.
Auch wer an einem großen Teil der Arbeitsvorgänge teilgenommen hat, wird im Normalfall nicht beurteilen können, wer die wichtigste Einzelleistung erbracht hat.
Freilich spricht viel dafür, dass die wesentlichste Einzelleistung der Entwurf der gesamten Konzeption ist. Meist schreibt man den wohl dem zu, der die Konzeption den Institutionen vorlegt, die die notwendigen Forschungsmittel zur Verfügung stellen.*

Beispiele zu Forschung, Lehre, Publikation und zur Beurteilung des Leistungsanteils:
Ein Professor verteilt Themen zu mehreren Seminararbeiten. Danach übernimmt er Argumentationen und Formulierungen daraus.
Ein Professor bespricht mit einer Person, die eine Doktorarbeit schreibt, dessen fortlaufende Arbeit und greift einen Teil dessen, was er sich in diesen Gesprächen erarbeitet hat, in einem Aufsatz auf.
Ein Professor führt in der Vorlesung vor, wie er Quellen interpretiert, danach verteilt er eine Reihe von Themen, zu deren Bearbeitung im wesentlichen diese Interpretationstechniken herangezogen werden müssen.
Ein Professor setzt eine von seinem Institut bezahlte Hilfskraft ein, um festgelegte Arbeitsschritte zu erledigen und dann ein Ergebnis zu formulieren.
Wer kann beurteilen, wie groß der Anteil der verschiedenen Personen am Endergebnis ist?

Mir unvergessen:
Beim wörtlichen Zitat wurde kein Hinweis auf das Urheberrecht am Zitat und kein Hinweis auf die Bearbeitung des Themas in einem Seminar gegeben.
Von den Arbeitsergebnissen der bezahlten Hilfskraft wurde kein Ergebnis irgendeines eines Arbeitsschritts verwertet, aber für ihre (angebliche) Mitarbeit an dem Buch wurde ihr dort gedankt.
Diese Hilfskraft war ich, und unvergessen ist mir auch die Bezeichnung "Lehramtskandidat", mit der ich genannt wurde, um klar zu machen, dass es nicht um eine "nur" studentische Hilfskraft ging.

Dagegen hatte ich, bevor ich es eben nachgelesen habe, nicht mehr im Kopf, dass ich in der Einleitung zu einer Quellensammlung zur Königserhebung, die ich herausgegeben habe, genau die Prinzipien der Behandlung des Themas wiedergegeben habe, die ich zuvor in Vorlesung und Seminar des Professors gelernt hatte, selbstverständlich (?), ohne sie als sein Gedankengut zu kennzeichnen, da ich ja erwähnt hatte, dass die Sammlung aus seiner Seminarübung hervorgegangen war. Heute gibt es da andere Vorstellungen von Plagiat.

Wie ist der Anteil von Greta Thunberg an der Entstehung der weltweiten Schülerstreiks zu bewerten?
Gewiss stammt die Konzeption der weltweiten Organisation nicht von ihr, aber auch nicht die publizistische Arbeit, die erforderlich war, dass ihr Schulstreik national und international so bekannt wurde, dass sie bei der Weltklimakonferenz und beim Weltwirtschaftsforum sprechen und ihre Initiative weltweit bekanntmachen konnte.
Andererseits ist aber schwer vorstellbar, dass ohne das vorbildhafte Praxisbeispiel einer 16-Jährigen der Gedanke eines Schülerstreiks hätte Fuß fassen können.
Dass sie monatelang Einzeltäterin war, unterscheidet sie von so viel beredteren Sprecherinnen der Gelbwestenproteste und der Klimaaktivisten.


* Im Fall des "Fotos" des schwarzen Lochs hat man freilich der 29-jährigen Katie Bouman eine wichtige Rolle bei der Erstellung der nötigen Software zugeschrieben und damit einen Shitstorm gegen sie ausgelöst. Ich nehme an, dass Andrew Chael ihre Leistung besser beurteilen kann als diejenigen, die sie jetzt angreifen. Ich selbst kann es natürlich nicht beurteilen. - Freilich könnte die Berühmtheit von Greta Thunberg begünstigt haben, dass man im Kontext mit dieser wissenschaftlichen Leistung eine Frau besonders herausgestellt hat. Katie Bouman ist freilich primär eine hochqualifizierte Wissenschaftlerin, nicht eine Aktivistin, die die Mehrzahl der Regierungen der Welt angreift. Bei ihr gilt wohl eher "Eine kluge Frau hat Millionen geborene Feinde: alle dummen Männer." (Marie von Ebner Eschenbach), während Greta angegriffen wird, weil sie den Leugnern des menschengemachten Anteils des Klimawandels das Leben etwas schwerer macht und 14-jährige Mädchen (Beispiel) dazu "verführt" hat, sich für Politik zu interessieren.

3.4.19

Notwendige Selbstkritik der Millenials?

Claudia Schumacher schreibt in der ZEIT selbstkritisch:

"[...] meine Generation, die sogenannten Millennials. Selbst erst zwischen Mitte 20 und Ende 30, sehen wir plötzlich alt aus. [...]
Wir waren zwar progressiv, lebten unsere Werte aber bescheiden im Privaten aus. Radikal waren wir nie, da war kein neuer Gesellschaftsentwurf, keine Vision. Und wenn die Welt dann doch mal verbessert werden sollte, dann meistens nur die eigene: Bei ein bisschen Nischenmusik setzte jeder in der Mietwohnung seine eigenen Akzente, fand seinen Stil auf Pinterest und plante schöne Hochzeiten mit acht Brautjungfern auf der eigens dafür eingerichteten Website. Achtsam entdeckten wir Millennials unseren Selbstwert: Kulturell hat die Menschheit uns das Selfie, den Selfie-Journalismus und ich-erzählerische Memoiren zu verdanken." (Sie lassen uns echt alt aussehen, ZEIT 3.4.19)

Diese Selbstkritik wäre freilich ungerecht. Denn ohne die KlimaaktivistInnen, die bereitstanden, als Greta Chancen hatte, weltweit gehört zu werden, hätte der Schülerstreik nicht organisiert werden können. Und das waren weitgehend Millenials "zwischen Mitte 20 und Ende 30", aber natürlich auch ungezählte Ältere aus früheren Generationen, die angeblich so unpolitisch waren. 

Aber Claudia Schumacher geht es letztlich nicht um Selbstkritik als fishing for compliments wie bei Wilhelm Busch, sondern um Aktivierung ihrer Generation. Deshalb schreibt sie weiter:


"Bisher verläuft der Protest friedlich. Wenn die mächtigen Babyboomer aber weiter so egoistisch handeln, Industrie, Landwirtschaft, Verkehr nicht härter regulieren, kaum fossile Energieträger einsparen – wenn also nichts passiert und die Zeit noch knapper wird, dann könnte sich der Widerstand radikalisieren. In ein paar Jahren sind die Klima-Kinder keine Kinder mehr.
Die Frage ist, ob die Millennials dann weiterhin mit ironischen Beobachtersprüchen auf der Couch rumlungern werden, gefangen in sich selbst und ihrer lustigen Social-Media-Ersatzwelt. Für Lösungen sind die Millennials, anders als die Kinder auf der Straße, schon jetzt alt genug. Wollen wir uns endlich einbringen, politisch handeln und zur Rettung schreiten? Oder wollen wir lieber bereits heute zum Establishment zählen und sitzen bleiben? So um die 30 käme man ja eigentlich noch mal hoch von der Couch. Wie man als Generation sein Schicksal in die Hand nimmt und vorgefertigte Nachrufe in den Wind schießt, lässt sich praktischerweise gerade von den Jüngeren lernen."
(Sie lassen uns echt alt aussehen, ZEIT 3/4.4.19)
Und in der Tat: Das Engagement von Greta Thunberg und den weltweit streikenden Schülern bliebe ohne Chance auf rechtzeitige Verhaltensänderung, wenn sich jetzt nicht alle Generationen angesprochen fühlten: Das kann so nicht weitergehen!

Deshalb heißt es in einem anderen Artikel derselben Ausgabe der ZEIT:
"Doch die Klimademos zeigen die enorme Kraft einer Generation, die einfach nicht lockerlassen will. Und auf lange Dauer, das lehrt der Blick in die Geschichte, kann in einer Demokratie nicht gegen die Straße regiert werden."
(Plötzlich Bewegung, ZEIT  3./4.4.19)

Es gibt noch einmal eine Chance.

Die Schülerstreiks sollen beendet werden!

"Die Klimaschutzproteste von Schülern müssen nach Worten von Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) früher oder später ein Ende finden. Dass die Schüler in der Unterrichtszeit demonstrierten, bewerte er kritisch, sagte Kretschmann am Dienstag in Stuttgart."
„Vor allem kann das nicht ewig so weitergehen.“
https://www.welt.de/politik/deutschland/article191245663/Fridays-for-Future-Gruener-Kretschmann-hat-genug-von-den-Schulstreiks.html


Er hat Recht: Die Schülerstreiks sollen beendet werden!

Sie sollen aufhören, sobald die Regierungen zu ihren Versprechungen stehen und ernsthaft handeln. 

23 Jahre hat sich die internationale Staatengemeinschaft gemüht, ein internationales Klimaschutzabkommen zustande zu bringen.
2015 in Paris war es so weit: Es gab einen allgemeinen Beschluss mit konkreten Zusagen aller Länder, was sie dafür leisten wollen.
2017 aber traten die USA und Deutschland von ihren Verpflichtungen zurück.
Alle Klimaaktivisten waren der Überzeugung: "Das kann nicht so weitergehen!"

Aber es ging so weiter.

Dann fand Greta Thunberg eine neue Methode, der Forderung Ausdruck zu verleihen: einen Schulstreik. Sie hielt ihn monatelang durch, bis die Weltöffentlichkeit auf ihren Protest aufmerksam wurde.
Seit dem 15. März 2019 streiken weltweit Schüler, um ihrer Forderung Ausdruck zu verleihen:
Nicht Reden - das kann so nicht weitergehen -, sondern Handeln.

Je früher sie damit aufhören können, desto besser ist es für uns alle.

22.3.19

Schul-Cloud

Auf die Schul-Cloud bin ich erst heute gestoßen. Mir scheint, dass damit ein freieres Arbeiten als auf Plattformen wie Moodle möglich ist und das doch niedrigschwellig genug ist, dass man sich als Lehrer dort leicht einarbeiten und Schritt für Schritt digitale Instrumente in seinen Unterricht einführen kann.
Da ich selbst sie nicht nutzen werde, biete ich zunächst nur Interessenten einen ersten Zugang an.

Schul-Cloud (Wikipediaartikel)

Die HPI Schul-Cloud: Niedrigschwelliger Zugang zu digitalen Unterrichtsinhalten

Blog der Schul-Cloud

Zur Tagesordnung beim Schul-Cloud-Forum (Tweets):
https://twitter.com/mediendidaktik_/status/1110172597575139329

Eine andere Pädagogik ermöglichen

21.3.19

Das Bild vom "digitalen Klimawandel"

Das Bild vom "digitalen Klimawandel" hielt ich zunächst nur für einen missratenen Vergleich wie den von den Datenautobahnen. Martin Lindner hat es aber in seiner Einführung in "Die Bildung und das Netz" so veranschaulicht, dass ich es jetzt für nötig halte, mich damit auseinanderzusetzen.
Es ist hochproblematisch, weil es beide Veränderungen, die atmosphärisch-klimatische wie den digitalen Anteil an der Globalisierung unzulässig verharmlost.
Den atmosphärisch-klimatischen Klimawandel deshalb, weil er zwar vermutlich einen menschengemachten Anteil enthält, aber von Menschen nur sehr begrenzt beeinflussbar ist. (Das ist gegenwärtig endlich wieder ernsthaft ins Gespräch gekommen, bleibt hier aber unbehandelt.)
Den digitalen Anteil an der Globalisierung deshalb, weil es die Vorstellung begünstigt, die Globalisierung und der digitale Wandel erfolge genauso naturgesetzlich wie der Klimawandel. Das ist aber falsch.
Dass die Globalsierung von Menschen initiiert und vorangetrieben wird, braucht hier ebenfalls nicht diskutiert zu werden. Schon eher, dass ihre Beschleunigung in den letzten Jahrzehnten auf ein Interesse an internationaler Arbeitsteilung zurückzuführen ist, die mit dem komparativen Kostenvorteil begründet wird.
Mich interessiert hier nur der digitale Anteil. Er hat, insbesondere nach der Kommerzialisierung des Internets, zu einer erheblichen Beschleunigung der Globalisierung beigetragen und insbesondere den Tigerstaaten sowie China und Indien zu einer erhöhten wirtschaftlichen Bedeutung verholfen.
Wenn es Al Gores Rechnung gewesen sein sollte, dass der IT-Vorsprung der USA ihnen im Laufe der Digitalisierung einen uneinholbaren Vorsprung bescheren würde, dann hätte er sich verrechnet. Uneinholbar ist er nicht und Trumps Drohungen wegen der deutschen 5G-Auktion sind darin begründet.
Auch das nur am Rande.
Entscheidend ist:
Die Digitalisierung erfolgt nicht naturgesetzlich, sei kann gesteuert, gebremst und beschleunigt werden.
Gegenwärtig beschleunigt sie sich, weil die Firmen, in deren Interesse es liegt, sie voranzutreiben, nur minimal besteuert werden.
So sehr digital immigrants und digital natives von der Digitalisierung profitieren, so wichtig ist es doch zu prüfen, ob die klimatischen Folgen der Globalisierung ein Bremsen von Globalisierung und eine entsprechende Steuerung der Digitalisierung erforderlich machen.
Diese Prüfung hauptsächlich denen zu überlassen, die von der Digitalisierung relativ wenig verstehen, könnte sich als verhängnisvoll erweisen. Bei der Nutzung der Atomkraft ist man so vorgegangen und hat jetzt ein Lagerungsproblem von einigen Millionen Jahren, das die Fachleute am Beginn übersehen und dann konsequent geleugnet haben, bis die Castor-Transporte nicht mehr zu verheimlichen waren.
Bei der Digitalisierung stellt sich das Problem völlig anders. Zunächst aber sollte man es sehen.
Eine kurze Andeutung schon hier:
1. Das Netz "vergisst nichts".
2. Das Netzgedächtnis ist leichter zu zerstören als verstreute Tontafeln, Pergament und Papier. (Stichwort: Wasserstoffbombe)
3. Das Netz ist manipulierbar.

19.3.19

Martin Lindner: "Die Bildung und das Netz" mit einigen aktuellen Anmerkungen

Mit dem Netz hat sich nicht nur der Zugang zu Bildung verändert, "sondern auch das Wissen selbst: Im Netz und mit dem Netz entstehen neuartige Wissensarchitekturen, weil die digitalisierten Bausteine ganz anders verknüpft und verarbeitet werden können. Die Fachleute sind jetzt nicht mehr entrückte Autoritäten, die sich in perfekt formulierten Publikationen äußern, sondern Menschen, denen man online quasi beim Denken zusehen kann. Und auch die Peer-Netzwerke sind von ganz anderer Qualität als früher.
Das bedeutet tatsächlich einen fundamentalen Bruch mit den Bedingungen, unter denen früher Bildung stattfand, auch wenn die sichtbaren Auswirkungen bislang noch gar nicht so dramatisch sind. [...]
Die Idee eines verpflichtenden Wissenskanons ist verloren. Die Autoritäten büßen viel von ihrer Richtlinienkompetenz ein. Die Kommunikationen verzetteln sich. Und je mehr man sich in Online-Netzwerken aufhält, desto weniger ist man auf den Zusammenschluss mit den Leuten angewiesen, die leibhaftig im selben Raum sind." (Martin Lindner: Die Bildung und das Netz, Kapitel 16: Eine sehr kurze Bildungsgeschichte - im Kindle irgendwo bei 34%.) 
Die Redaktionsversion des Textes der Teile 1 bis 7 findet sich unter diesem Link:
https://docs.google.com/document/d/1nPxUsEccO8MyYP4sveYLVSV-YLjLEQ7tX5GU07fIPDo/edit#
[Wenn ich gleich zum Inhaltsverzeichnis gegangen wäre, um das genaue Kapitel, aus dem sie stammt, anzugeben, hätte ich es mir sehr erschwert, die genaue Stelle, wiederzufinden, von der ab ich weiterlesen wollte (eine Besonderheit elektronischer Bücher).] 

Meine Annäherung an Martin Lindners Text geschieht in diesem Blogartikel etwas ungewöhnlich. In anderen werde ich versuchen, Stellen, die mir wichtig erscheinen, weitestgehend unkommentiert vorzustellen. Dazu habe ich von ihm die Erlaubnis bekommen.

Hier eine kurze Andeutung, wie mich diese Textstelle aus dem Buch erreicht hat und wie sie wieder ins Netz gelangt ist:
Ich habe das Buch vor der Erstellung subskribiert (heißt heute: "per crowdfunding schwarmfinanziert"), bei einem ZUM-Treffen im Druckexemplar gelesen, den Verfasser bei passender Gelegenheit gebeten, es mir zur Verfügung zu stellen, es mir im azw3-Format aus dem Netz heruntergeladen, gerätselt, wie ich es in meinen Kindle hineinbekomme, in gutefrage.net angefragt, eine richtige Antwort bekommen (auch wenn der Antwortende das azw3-Format nicht kannte), aber mit der Antwort nichts anfangen können. (Was mein Problem war, schildere ich dort.) Schließlich habe ich es aber geschafft, es wenigstens in amazondrive unterzubringen. Meine Vorstellung: Wenn es bei amazon ist, ist es nicht mehr weit bis zum Kindle.

Im drive konnte ich es freilich wegen des Formats nicht lesen. Das wollte ich auch gar nicht, es sollte ja im Kindle sein. Hätte ich jetzt jemanden gehabt, der "leibhaftig im selben Raum" gewesen wäre, wäre ich über einen besseren Weg informiert worden. So habe ich einen hochqualifizierten Informatiker bemüht, der einen Kindlebesitzer, mit dem er "im selben Raum" war, befragt und darauf mir kluge Ratschläge gegeben hat.
Unfähig, die Ratschläge zu deuten, habe ich den Verfasser des Buches bemüht, ihm mein Problem aus meiner Sicht geschildert, was er, da er nicht "leibhaftig im selben Raum" war, nicht recht deuten konnte.
Genug, offenkundig habe ich den Text dann irgendwie im Kindle lesen können.
Sogleich habe ich dort meine Markierungen gesetzt, um es von dort wie üblich auf den Computer zu übertragen. Der aber erkannte nicht, dass das Buch wirklich im Kindle war, erkannte auch meine Markierungen nicht und konnte mir nicht den Text anzeigen. 
Alles kein Problem. Ich lese die markierte Stelle meinem iphone vor, das konfiguriert die Mail, die mein Computer empfängt. Die kopiere ich in diesen Blogartikel, korrigiere die Verständnisfehler der Spracherkennung und schon steht Martin Lindners Textpassage im Netz. Freilich nur, wenn ich sie rechtzeitig gespeichert habe. 
Wie oft war diese Textpassage auf dem Weg vom Verfasser zu mir und von mir zum Blog und vom Blog zu Ihnen im Netz?

Ich stimme Martin Lindner durchaus zu, dass man die Gedankengänge eines Wissenschaftlers, der häufig twittert, gelegentlich bei ihrer Entstehung mitverfolgen kann. Und das weiß ich sehr zu schätzen. Zudem ist es über das Netz leichter möglich, sich auf einer Art Augenhöhe zu fühlen. [Beispiel: Twittergespräch über Wissenschaft - Ist hier erkennbar, wer Professor ist, wer Doktor, wer gar kein ausgewiesener Wissenschaftler?] 
Kurz gesagt, wir würden uns duzen, auch wenn wir nie zusammen "im selben Raum" gewesen wären. Aber von der Augenhöhe bleibt wenig übrig, wenn der eine sich im Netz nicht wie ein digital native, sondern wie ein Wissenschaftler bewegt, der seine Arbeitstexte so routiniert aufspürt, wie er es zuvor in Seminar- und Universitätsbibliothek, über Fernleihe und im Archiv getan hat. 

Dennoch: Greta Thunberg kann mit großer Autorität von den Politikern fordern: "Ihr müsst mehr für die Abschwächung des Klimawandels tun!" und gleichzeitig auf die Frage, was geschehen soll, antworten: "Das weiß ich nicht". 
Denn ihr ist schon lange bekannt, dass Hunderte von Wissenschaftlern sich über wesentliche Schritte einig sind (vielleicht auch Tausende oder Millionen). Und in der Wikipedia findet sich (sogar in 133 Sprachen) zu Klimaschutz Grundlegendes zum Problem in einer für eine intelligente 16-Jährige durchaus verständlichen Sprache. Und die Qualifizierung als exzellenter Artikel bedeutet inzwischen, dass das Gebotene inzwischen höheren Ansprüchen genügt als früheres Lexikonwissen.*

Es gibt andere Hürden, aber dass Politiker deshalb, weil sie sich auf das Fachwissen ihres Ministeriums stützen können, sich über ihr Aufgabengebiet qualifizierter äußern könnten als Schüler, wird ihnen schon länger kaum noch abgenommen. 
Da brauchte es nicht Seehofer, der Migration als "Mutter aller Probleme" bezeichnete, als ob Klimawandel und Migration nichts miteinander zu tun hätten.
Und auch keines Scheuer, der als Verkehrsminister eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen als "gegen jeden Menschenverstand" bezeichnete, obwohl die überwältigende Mehrheit der Länder Europas eine solche Beschränkung eingeführt hat. Und auch keines Trump. 

Und die Aussage von 2017 "je mehr man sich in Online-Netzwerken aufhält, desto weniger ist man auf den Zusammenschluss mit den Leuten angewiesen, die leibhaftig im selben Raum sind." ist nicht erst durch den Schülerstreik in rund 130 Ländern bewiesen, bei dem z.B. in einem Land nur 4 streikende Schüler waren, die aber die Nachricht von ihrem Streik international bekannt machen konnten. 

Da mag ich in den vorhergehenden Absätzen noch so oft betont haben, dass Anwesenheit "im selben Raum" für Verständigung oft zentral ist. 

* Ich persönlich halte übrigens den Bericht des Club of Rome von 2012 "2052 ..." für politisch noch informativer* und besonders zusammen mit Barack Obamas Satz: "Als Politiker kann ich Ihnen eines versichern: Politische Führer werden keine Risiken eingehen, solange die Menschen dies nicht von ihnen verlangen." (SZ, 5.10.13) Denn der bedeutet ja, dass das Wichtigste ist, dass Politiker eben nicht nur von Vertretern der Wirtschaft gesagt bekommen, was sie tun sollen. 

* Sehr eindrucksvoll dazu die 20 Ratschläge

Zur Fortsetzung meines Kommentars zur Lektüre des Buches (Entwurfsstadium)

18.3.19

Zwei Verzweifelte erwecken Hoffnungen

Der Norweger Jorgen Randers verzweifelte an der Lernfähigkeit Menschheit und ging trotzdem daran mit 36 Experten ein Zukunftsbild für 2052 zu erstellen - es kam 2012 heraus, das für uns Laien erschreckend ist, für ihn aber eine Erleichterung darstellte:
"Es erfüllt mich aufrichtig mit Freude, dass der Weltuntergang nicht zu meinen Lebzeiten passieren wird." (S.279) [Hervorhebung von Fontanefan]
Das Schlimmste werde erst nach 2030 passieren. Dabei wusste er, dass eigentlich noch 2012 eine Möglichkeit bestanden hätte, das Schlimmste dauerhaft abzuwenden.

Die Schwedin Greta Thunberg verzweifelte mit 11 Jahren und versuchte trotzdem mit allen Möglichkeiten eines Kindes, das Schlimmste für ihre Generation zu verhindern. Über vier Jahre lang kämpfte sie ohne Hoffnung. Das sagte sie noch Ende 2018.
Die weltweiten Schülerstreiks vom 15. März 2019 haben vielleicht aber doch einen Funken Hoffnung in ihr erweckt. Jedenfalls kämpft sie noch unermüdlich weiter.

Jorgen Randers hat nicht daran geglaubt, dass ein weltweites Umdenken der Politiker im Laufe der nächsten Jahre möglich wäre. Doch das wäre für das Gelingen seines Vorschlags erforderlich. Ob Gretas Erfolg auch ihm Hoffnungen macht?

Bei mir hat er die Hoffnung erweckt, dass ein weltweiter Bewusstseinswandel entsteht und dass ich nicht mehr erleben werde, dass die kommenden Generationen ihre Hoffnungen aufgeben müssen.

Literatur zum Thema:

Naomi Klein: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2015 ISBN 9783100022318
Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, München 2011

Martin Jänicke / Philip Kunig / Michael Stitzel: Lern- und Arbeitsbuch Umweltpolitik. Politik, Recht und Management des Umweltschutzes in Staat und Unternehmen (Rezension)

1999; 432 S.; brosch., 29,80 DM; ISBN 3-8012-0283-6





11.3.19

Eine Rede, die ich nicht halten werde

Liebe streikenden Schülerinnen und Schüler,

ich bin euch dankbar, weil ihr mich aus meiner Resignation herausgerissen habt.
Nicht nur Greta, sondern ihr alle geht auf dem Weg voran, den allein zu gehen ich mich nicht getraut habe. Danke!

Freilich, ich bedaure euch auch. Ihr müsst damit fertig werden, dass die Umweltbewegung, die vor knapp 60 Jahren entstand, nur so wenig erreicht hat. Zwar nahmen 1972 an der erste  Weltumweltkonferenz in Stockholm bereits 113 Staaten teil, aber es dauerte 20 Jahre, bis es zur zweiten kam (1992 in Rio) und als endlich 2015 in Weltklimakonferenz in Paris relativ konkrete Beschlüsse gefasst wurden, sprangen die USA gleich und Deutschland - nur scheinbar ein Vorreiter in der Umweltbewegung - wenig später ab.
Was euch erwartet, weil die Generationen vor euch nicht genügend voran kamen, ist besorgniserregend. Jørgen Randers, der sich intensiv mit den Zukunftsaussichten für 2052 befasst hat, gibt deswegen heutigen Eltern den Rat: "Erziehen Sie ihre Kinder nicht zu Naturliebhabern." Denn wenn Sie das täten, erhöhten Sie "dadurch die Chance, dass Ihr Kind unglücklich wird". 
2052 werden nämlich nur noch wenige mit der Natur in Berührung kommen können. 

Aber ich sehe auch die neuen Chancen, die euer Weg euch eröffnet:
Je stärker sich die Klimaerwärmung bemerkbar macht, desto deutlicher wird nämlich, dass diese Entwicklung die ganze Erde betrifft und dass es daraus kein Entkommen gibt. Insofern hat eure Generation die Chance zu lernen, dass es ein gemeinsames Interesse eurer Generation ist, die Auswirkungen der Erwärmung so gering wie möglich zu halten. Und zwar habt ihr die Chance, das zu tun, bevor ihr davor resigniert. 
Natürlich gab es immer wieder Anläufe, weltweit ein lebenswerteres Leben zu gestalten, die gescheitert sind. Aber gerade in den letzten Jahrzehnten gab es Entwicklungen, die Anlass zur Hoffnung geben*
Die Blockbildung in Ost und West ist zusammengebrochen, auch ohne dass es darüber eine weltweite Verständigung gab. Einseitige Schritte haben in Umkehrung der Domino-Theorie immer mehr Staaten Freiheit gebracht. 
In Deutschland haben wir erlebt, dass ein Kanzler der CDU, die energisch die Annäherung an den Osten bekämpft hatte, diese Annäherung bis zur Deutschen Einigung vorantrieb. 
Die Fehlleistung eines Politikers führte zum glücklichen Fall der Mauer.
Wer sagt denn, dass heutige oder zukünftige Politiker keine Fehler mehr machen, die gute Folgen haben können?!
Durch die Digitalisierung sind internationale Kontakte ungeheuer erleichtert. Gute Ideen können sich schneller verbreiten als je. Greta Thunberg ist beileibe nicht die einzige Jugendliche, die einen mutigen Plan gefasst und verwirklicht hat. 

Und deshalb brauch ich diese Rede nicht zu halten.
Die heutige Jugendgeneration kann selbst ihre Interessen artikulieren. 
Und sie wird kein Blatt vor den Mund nehmen.
Tweet von Greta

* Entwicklungen mit Anlass zur Hoffnung