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18.3.18

Über Beziehungen im Netz

In gutefrage.net teilt ein Fragender mit: "Ich muss zur Jugendweihe ins KZ" (Seine Mutter hat ihn zur Fahrt dorthin angemeldet.)
Er bekommt verständnisvolle Antworten und Hinweise, er solle mit seiner Mutter darüber reden.
Ihn wird auch gesagt, weshalb es sinnvoll sei, einmal ein historisches KZ gesehen zu haben.

Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass die Dringlichkeit des Anliegens, dass man verstehen solle, was damals geschehen ist, nicht deutlich genug geworden sei. Und hatte das Bedürfnis, diese Dringlichkeit deutlicher herauszuarbeiten. Dabei hatte ich nicht die Hoffnung, den Jugendlichen zu erreichen; denn die Formulierung "Ich muss zur Jugendweihe ins KZ" klingt ja doch, als ob er sehr wenig Verständnis für das Anliegen habe.
Jetzt erhalte ich die Mitteilung, dass er meine Antwort als hilfreichste bezeichnet habe.

Das hat in mir den Eindruck erweckt, dass hier eine Beziehung entstanden ist, wie ich sie im Unterricht vor Ort oft nicht erreicht habe. Zusätzlich habe ich eine Rückmeldung erhalten, wie man sie im Unterricht meist nicht erhält. (Weshalb es sinnvoll ist, sich darum zu bemühen, auch wenn das manchmal zu frustrierenden Erfahrungen führen kann, kann sich manche(r) wohl denken. Das ist aber ein anderes Kapitel.)
Das rechtfertigt für mich die Anwendung des berühmten - höchstwahrscheinlich zu Unrecht -Niemöller zugeschriebenen Zitats. (Ich habe es mit einem Kunstgriff eingeführt.)

Jetzt mein Text, der für mich über die Rückmeldung zu einer sinnvollen Äußerung im Netz geworden ist:

Wenn du von uns Argumente hören willst, weshalb du nicht erfahren solltest, zu was für Grausamkeiten Menschen fähig sind und was für Verbrechen von Deutschen begangen worden sind, dann hast du hier genug gelesen.
Wenn du aber der Meinung bist, es sollte nicht wieder vorkommen, dass Millionen von friedliche Menschen getötet werden, weil sich jemand ausgedacht hat, das sei sinnvoll, dann solltest du die Chance nutzen, mehr darüber zu erfahren, wie es dazu kommen konnte.
Wenn du aber das Tagebuch von Anne Frank schon gelesen haben solltest, genauso wie Eugen Kogons SS-Staat und Ist das ein Mensch? von Primo Levi, dann weißt du bereits das Wichtigste, denn du weißt schon, was Martin Niemöller erst lernen musste:
"Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte."

Der Kunstgriff - sicher schon bemerkt - ist, dass ich das Zitat als Erfahrung, nicht als Äußerung Niemöllers eingeführt habe. Wichtig ist mir das Zitat, weil es in aller Kürze das zusammenfasst, was die Rechtfertigung all des politischen Handelns zusammenfasst, das zwar einem wichtigen Zweck dient, aber wenig Chancen auf Wirkung hat: Ein sehr wichtiger Zweck rechtfertigt auch aussichtsloses Handeln.
So lese ich einerseits mit Bewunderung Texte über Menschen, die viele andere vor der Tötung in Vernichtungslagern bewahrt haben, aber auch Texte, wo ich davon erfahre, das jemand das Risiko eingegangen ist, zu helfen, obwohl er mit der Todesstrafe rechnen musste, und wo er die Menschen nicht retten konnte.
Das berühmteste Beispiel dafür sind die Helfer, die die Familien Frank und Pels und Fritz Pfeffer im Versteck im Achterhuis in der Prinsengracht versorgt haben. Sie konnten das Leben der meisten nicht bewahren, aber sie retteten das Tagebuch und (Glück im Unglück kam hinzu) Otto Frank, der das Lebenswerk seiner Tochter danach zu seinem Lebenswerk machte. 

Man merkt, so sehr ich die direkten Beziehungen zu Menschen wichtiger zu nehmen versuche, so suche ich immer noch eine Rechtfertigung für den Versuch, auch über das Netz ein klein wenig dazu beizutragen, dass wir den Eifer trotz wenig aussichtsreicher Lage nicht verlieren. Und ich danke  DerBoy3001 von gutefrage.net, dass er seinen Teil dazu beigetragen hat. 

20.11.17

Eindrücke vom ZUM-Treffen 2017

"Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser."

Es ist schwer, kein Vertrauen zu haben, wenn ein Vorstand, der so unterschiedlich zusammengesetzt ist nach Temperamenten, Fachrichtungen, Schulformen und inhaltlichen Schwerpunkten so gut zusammenarbeitet, aufgeschlossen ist für Kritik und immer mehr Mitglieder außerhalb des schulischen Umfeldes für die ZUM hinzu gewinnt.
Hier der Rechenschaftsbericht des ZUM-Vorstandes

Neidisch wurde ich freilich auf die überaus konstruktive Kritik, die formuliert wurde (Matthias!), nicht so sehr aus Sicht des Vorstandes, sondern aus Sicht eines Mitglieds. Denn wenn ich so leidenschaftlich ein Ziel vertrete, fällt es mir schwer, mich in den Formulierungen so zurückzunehmen, wie es Matthias fertiggebracht hat.
Schwer vorstellbar, dass dieser Vorstand den Hinweis nicht sehr ernst nimmt und genau überdenkt.

Schwer fällt es mir auch, den Eindruck zu unterdrücken, dass ich in eine Elite hineingeraten bin, in die ich nicht recht passe. Nur dass diese Elite sich so wenig elitär gibt, dass ich mich dennoch wohl fühle, weil ich ja durch meine Teilnahme zu der Buntscheckigkeit und damit zum "schönen, wichtigen, bunten Fleck" der ZUM (David Klett) beitrage.

Weil aber die Erwartungen an die ZUM so hoch - "die kommenden Jahre entscheiden" (ciffi) und vielseitig sind, bin ich sicher, dass auch der neue Vorstand nicht alle Erwartungen erfüllen kann und dass er zumindest - wie auch dieses Jahr - so manchen Zeitplan nicht einhalten kann.

Das braucht aber nicht problematisch zu sein, wenn es gelingt, dass an den Schulen der Geist der Zusammenarbeit noch mehr wächst und von den Anregungen mehr aufgegriffen wird als nur das ZUMpad. Dass da ein Bedarf getroffen worden ist, ist eindeutig.

Ganz besonders wichtig erscheint mir, dass der folgende Schülerwettbewerb aufgegriffen wird:

Schülerwettbewerb Erinnerung sichtbar machen 
(https://www.zum.de/portal/Erinnerung-sichtbar-machen-80-Jahre-Reichspogromnacht-2018)

Denn idealerweise wäre sein Ziel ja, dass jede Erinnerungsstätte an Reichspogromnacht und Judenverfolgung erfasst würde. Und wenn das auch nicht schon am Ende des Wettbewerbs im November 2018 erreicht werden kann, wäre es doch wichtig, dass bis dahin dieses Ziel wenigstens allgemein bekannt wird.
In diesem Sinne bitte ich um Weitersagen.


26.10.14

Passiver Widerstand gegen den Holcaust

Ich kann gegenwärtig nicht konzentriert arbeiten, doch da ich schlecht schlafe, stehen mir Nachtstunden zur Verfügung, die ich für Blogartikel verwenden kann, die keine große Konzentration voraussetzen. (Hilfreich war, dass in diesem Fall eine Anregung von gutefrage.net zu einem Thema  kam, mit dem ich mich schon beschäftigt, aber zu dem ich noch keinen Artikel geschrieben hatte.)

Den bekanntesten erfolgreichen passiven Widerstand haben die deutschen Frauen tausender Juden geleistet, die in die Vernichtungslager deportiert werden sollten, indem sie tagelang die Berliner Rosenstraße besetzt haben, bis die Nazis auf den Transport verzichtet haben. Die Wikipedia schreibt dazu: "Der Rosenstraße-Protest war die  größte spontane Protestdemonstration im Deutschen Reich während der Zeit des Nationalsozialismus. Ende Februar/Anfang März 1943 verlangten „arische“ Ehepartner aus „Mischehen“ und andere Angehörige von verhafteten Juden in Berlin deren Freilassung."  


Den umfassendsten passiven Widerstand haben die Judenräte geleistet, die von den Nazis dazu gezwungen wurden, ihnen bei der Erfassung und Ermordung ihrer Schicksalsgenossen zu helfen.
Zitat aus dem Wikipediaartikel: 
"Die ersten Judenräte mussten für sie vor allem die jüdische Bevölkerung ihres Ortes zählen, Wohnungen räumen lassen und ihnen übergeben, Zwangsarbeiter zur Verfügung stellen, Wertsachen konfiszieren, Tribute sammeln und auszahlen.
Durch diese Maßnahmen der Besatzer, die zudem alle staatlichen Dienstleistungen strichen und verhinderten, entstanden enorme Versorgungsprobleme in den jüdischen Gemeinden. Daher nahmen die Judenräte auch am Aufbau eigener Ersatzinstitutionen teil. Sie versuchten, die Lebensmittelverteilung zu organisieren, Krankenstationen, Altenheime, Waisenhäuser und Schulen aufzubauen. Zugleich versuchten sie mit den ihnen verbliebenen Möglichkeiten, den Zwangsmaßnahmen entgegenzuwirken und Zeit zu gewinnen. 
Dazu verzögerten sie die Umsetzung der Befehle und bemühten sich, diese abzuschwächen, indem sie Rivalitäten verschiedener Besatzungsstellen auszunutzen versuchten. Sie stellten ihre Arbeitskräfte als möglichst unentbehrlich für die Deutschen dar, um ihre Versorgungslage zu verbessern und die Deutschen zur Rücknahme einiger Kollektivstrafen zu bewegen." (Hervorhebung von mir)
Diese Arbeit war eine, die in ein fürchterliches moralische Dilemma hineinführte. Claude Lanzmann hat erst ganz am Ende seiner jahrzehntelangen Arbeiten über die Judenverfolgung eine Verteidigung der Judenräte geschrieben (Zitat aus dem Wikipediaartikel zu Lanzmann: "Mit der Dokumentation Der letzte der Ungerechten von 2013 wollte er nach eigenem Bekunden Benjamin Murmelstein, dem letzten Vorsitzenden des Judenrates von Theresienstadt, ein Denkmal setzen, da dessen Rolle bislang „sehr ungerecht“ dargestellt worden sei.[12]), weil er überzeugt war, dass ohne jahrzehntelange Kenntnis der ganzen Grausamkeit und Perfektion der Nazimordmaschine die Öffentlichkeit nie imstande sein werde, die Tragik und Leistung bedeutender Judenräte zu erfassen. "
Wolf Murmelstein hat am Beispiel seines Vaters Benjamin, der unter den Juden sehr "umstritten" (genauer gesagt: verständlicherweise, aber sehr zu Unrecht sogar verachtet und wohl manchmal auch gehasst (?) war) diese unsäglich furchtbare Arbeit geschildert (http://www.hagalil.com/archiv/2004/10/murmelstein.htm)
 vgl. Lanzmanns Artikel in der ZEIT vom 7.5.2015: In der Hölle über Benjamin Murmelstein
Ein wichtiger Hinweis noch zum Dilemma der Judenräte:
Während wir heute wissen, dass das gewaltigste Verbrechen der Menschheitsgeschichte über Jahre hin erfolgreich betrieben werden konnte, dann aber mit der Niederlage der Verbrecher endete, konnten die Judenräte nicht wissen, ob nicht vielleicht a) die Aktion relativ begrenzt wäre, regional und zeitlich b) oder völlig erfolgreich mit den Nazis als Weltherrschern am Ende.
In beiden Fällen wäre ein zwischenzeitlicher, begrenzter Erfolg weit wichtiger gewesen, als von heute aus gesehen erkennbar.
Man nehme den Vergleich der politischen KZs. Widerständler haben sich an der Häftlingsverwaltung beteiligt, um die durch der verbrecherischen Kapos so weit als möglich auszuschalten, und haben vielen Personen das Leben retten können. Das vielleicht interessanteste Beispiel ist Eugen Kogon. Er überlebte und schrieb dann nach der Befreiung das erste wissenschaftliche Werk über den SS-Staat, lange Zeit das beste Standardwerk und bis heute das einzige, das aus äußerst intimer Kenntnis des Systems von innen geschrieben wurde.
Judenräte haben dazu beigetragen, dass etwa Marcel Reich-Ranicki gerettet wurde und seine Autobiographie mit dem höchst informativen Teil über das Warschauer Ghetto schreiben konnte.
Und eine ganz ausführliche, unwiderlegliche Chronik des Ghettos Lodz ist auf diese Weise entstanden: http://www.getto-chronik.de/de
Dazu heißt es auf der dortigen Webseite: "Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch."
Sie durften die Hoffnung haben, dass selbst nach einer Weltherrschaft der Nazis nicht jede Moral aus der Menschheit verschwinden würde und dass - wenn ihre Überlieferung irgendwann bekannt würde - ein Widerstand gegen solch ein System entstehen würde (man vergleiche die vielen Widerstandsgruppen unter der NS-Herrschaft, die auch ohne jede realistische Erfolgsaussicht das Menschenmögliche an Widerstand versucht haben). Dieser Widerstand hätte noch nach einer jahrzehntelangen Fortdauer einer Nazi-Weltherrschaft eine Veränderung herbeiführen können, so wie es Gorbatschow mit dem Sowjetregime gelungen ist. Und ihre Chronik hätte zur moralischen Begründung eines solchen Wechsels beitragen können.
Diesen inneren Zwiespalt: mitzuarbeiten, um wenigstens passiv aufhalten zu können, und die Bewahrung eines Rests von Hoffnung halte ich für einen bis heute noch nicht genügend öffentlich gewürdigten Aspekt der Geschichte des Holocausts.

Ob man das Verstecken von Juden als passiven oder aktiven Widerstand oder einfach als Werk der Menschlichkeit bezeichnen will, mag jeder selbst entscheiden. Doch kurz auch etwas dazu:
Es wurden nur verhältnismäßig wenige Juden (immerhin über 10 000) in Deutschland versteckt, aber nach groben Schätzungen waren weit über 100 000 Deutsche bei diesem Verstecken beteiligt, denn manchmal bedurfte es Hunderte von Helfern, um "nur" eine Person zu verstecken. Ein eindrucksvolles Beispiel ist Konrad Latte.
Dazu die Wikipedia: "Während seine Schwester Gabi an Scharlach starb und seine Eltern Margarete und Manfred Latte im KZ Auschwitz ermordet wurden, überlebte Konrad Latte die Kriegsjahre im Untergrund. Unter seinen prominenten Helfern waren der Komponist Gottfried von Einem, Pfarrer Harald Poelchau, der Pianist Edwin Fischer, der DirigentLeo Borchard, die Journalistin Ruth Andreas-Friedrich, die Schauspielerin Ursula Meißner und Anne-Lise Harich." Das sind freilich nur die prominenten Helfer.
Eine sehr eindrucksvolle Arbeit Peter Schneiders zu Latte handelt auch von der allgemeinen Problematik dieser Art passiven Widerstandes (Peter Schneider: Und wenn wir nur eine Stunde gewinnen. Wie ein jüdischer Musiker die Nazi-Jahre überlebte. Rowohlt, Berlin, ISBN 978-3-87134-431-2)
 Unter dem Stichwort Judenretter findet man in der Wikipedia einige weiterführende Literatur zum Thema.

2.3.12

Warum die Deutschen? Warum die Juden?

Götz Alys große Leistung für die Erforschung der Zeit des Nationalsozialismus war, dass er mit seinem Buch "Hitlers Volksstaat" zum Bild der Herrschaft durch Gleichschaltung und Terror auch das der Herrschaft durch das Zuckerbrot der sozialen Wohltaten (besonders während des Krieges) hinzugefügt hat. Er hat geholfen, diese Zeit differenzierter zu sehen. In seinem neuen Buch "Warum die Deutschen? Warum die Juden? -Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800 - 1933" (Frankfurt 2011, 352 S.) versucht er sich am Gegenteil: Das differenzierte Bild von der Entwicklung vom mittelalterlichen religiösen Antisemitismus über den Rassenantisemitismus des späten 19. Jahrhunderts bis hin zu den Vernichtungsplänen im nationalsozialistischen Deutschland versucht er mit der Hypothese eines seit der Judenemanzipation durchgehenden Sozialneids zu vereinheitlichen.
Nun ist es heute schon schwer, monokausale historische Theorien zu verkaufen. Doch er erschwert es sich unnötig. Mit Hilfe des eindrucksvollen Quellenmaterials, das er ausbreitet und das - jedenfalls für den Nicht-Fachmann - bisher Unbekanntes enthält, könnte er ja den Eindruck erwecken, dass er eine bisher unbekannte Seite des Antisemitismus im 19. Jahrhunderts entdeckt habe. Doch statt die Quellen sprechen zu lassen und durch sorgfältige Analyse Argumente zur Unterstützung seiner These herauszuarbeiten, gefällt sich Aly darin, die Werte, die die historischen Personen vertraten, nicht zu kritisieren, sondern sie emotional abzuwerten.
Ein Beispiel:
Ernst Moritz Arndt bezeichnet "das Scharfe, das Spitzige, das Geistige, das Schlaue und Pfiffige" (Arndt zitiert nach Aly, S.57) als typisch jüdisch und stellt es den - angeblich "deutschen Tugenden" - Treue, Einfalt, Ordnungsliebe und Frömmigkeit gegenüber. Statt nun aufzuzeigen, dass diese angeblichen Tugenden nicht ganz unproblematische Charakterzüge sind, formuliert Aly: "Arndt und seine Anhänger verherrlichten das Bedächtige, legitimierten den Hass des Tölpels und der Transuse auf die Regsamen und Behänden." (Aly, S.57 - Hervorhebung von Fontanefan). Doch damit nicht genug. Auf diese emotionalisierte Verzerrung baut er seinen Schluss auf: "Sie schufen den Boden, aus dem der spezifisch deutsche Antisemitismus erwuchs: national eintöniges Gleichheitsgebrause, Engherzigkeit und grämlicher Neid [...]" (S.57).
Was daran sollte denn "spezifisch deutsch" sein? Das Eintönige, das Gebrause oder die Grämlichkeit? Denn Sozialneid hat es nicht nur in Deutschland gegeben. Jedenfalls mach Aly keinerlei Versuch, das zu widerlegen.
Ein zweites Beispiel:
Die Marseillaise, in der bekanntlich unter anderem dazu aufgefordert wird, dafür zu sorgen, dass "ein unreines Blut unsere Saaten düngt", beschreibt Aly, wie folgt:
"In der französischen Hymne brechen Menschen auf, greifen zu den Waffen, streiten für die Freiheit, überwinden Tyrannen in der Revolution." (S.67)
Dagegen charakterisiert er die deutsche Nationalhymne, wie folgt: "Das Lied der Deutschen besingt die Kuhwärme nationaler Gemeinschaft [...]" (S.67)
Bei dieser Argumentationsweise fällt es schwer, ihm zu glauben, dass Aly etwas Neues herausgefunden hat, wenn er schreibt: "Auch deutsche Freiheitshelden und Demokraten ebneten Wege, die am Ende nach Auschwitz führten." (S.70)
Es ist bekannt, dass die deutsche Geschichte um Aufstieg des Nationalsozialismus und dann zur Schoa führte. Sie führte auch zu Luthers Reformation, zu den Angriffskriegen Friedrichs II. von Preußen, zu Hindenburgs Schlachten in Ostpreußen. Eine Kausalkette von Luther zu Hitler oder von der "Kuhwärme" des Deutschlandliedes zu Auschwitz zu ziehen, dazu berechtigt der historische Zusammenhang freilich noch nicht. Jedenfalls nicht, wenn nicht etwas präziser argumentiert wird.

Nun ist es nicht so, dass Aly nirgendwo ernsthaft argumentierte. Seine Behauptung, die Stärke der Sozialdemokratie habe "indirekt die innere Bereitschaft von Millionen deutschen Arbeitern, die Partei Hitlers zu wählen" gefördert (S.130) versucht er durch sechs Argumente zu erhärten:
1. Die SPD förderte durch "die Zwischentöne ihrer antikapitalistischen Programmatik das Gefühl, dass die Juden [...] stark genug seien, sich selber gegen Angriffe zu wehren." (S.130)
2. Die Sozialdemokraten förderten "den geistigen und materiellen Aufstieg ihrer Anhänger". "In der historischen Rückschau wird deutlich, dass deutsche Proletarier, die sich auf den Weg des Aufstiegs gemacht hatten, [...] in der Generation ihrer Kinder zu Anhängern der NSDAP werden konnten - einer Partei der Aufsteiger." (S.131)
3. Die Sozialdemokraten förderten durch die Forderung nach Umverteilung Neid und damit "einen Faktor, der, wie im Vorangegangenen gezeigt, das Entstehen der modernen Judenfeindschaft [...] in Deutschland angeheizt hatte" (S.131)
4. Die Sozialisten waren gegen Liberalismus. Durch ihre Forderung nach sozialer Gerechtigkeit "relativierten sie notwendigerweise die Werte der individuellen Freiheit" (S.131). Mit ihrer Formel vom Klassenkampf gewöhnten sie ihre Anhänger an eine "Freund-Feind-Optik" (S.132).
5. "Ersetzte man die Vorstellung vom entrechteten Proletariat durch die Vorstellung vom entrechteten und bedrohten deutschen Volk [...] war der Weg zur nationalsozialistischen Utopie nicht weit." (S.132)
6. Nach Plessner (1936) ist die Basis-Überbau-Theorie für andere Ideologien nutzbar.
Daraufhin kommt er zu dem Schluss: "An alle sechs der hier aufgeführten Grundelemente [...] knüpften [...] rechtsnationalistische Bewegungen an, teils mit veränderten Inhalten, teils mit verwandten." (S.133)

Alys Buch enthält eine Fülle von interessanten Informationen.
Aus meiner Sicht verbaut er sich freilich eine überzeugende Argumentation durch unnötige Emotionalisierung und vorschnelle Schlüsse.
Denn natürlich sehe ich in der Forderung nach Gerechtigkeit eine Relativierung der "Werte der individuellen Freiheit", nämlich genau in dem Sinn, dass Freiheit immer durch die Freiheit des anderen eingeschränkt ist.
Dazu sollte ich freilich eingestehen, dass für mich die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit aufgrund der Finanzkrise wieder sehr aktuell geworden ist und dass diese Forderung meiner Meinung nach durchaus nicht den Weg nach Auschwitz ebnen hilft. Ein weniger voreingenommener Leser wird von der Lektüre des Buches noch mehr profitieren, als ich es getan habe.

Diese Besprechung ist zuvor schon bei ZUM-Buch erschienen.

23.8.11

Stolperstein: Kafkas Schwester Ottilie Davidová

"Nach allem, was wir über sie wissen, können wir uns vorstellen, daß sie, von den Kindern umgeben, helfend, tröstend, beistehend, über ihren eigenen Tod hinwegkam." So schreibt Alena Wagnerová in "Deutsche Schwestern", Berlin 1997 über Ottilie Davidová, Kafkas jüngste Schwester, seine Lieblingsschwester, in dem Abschnitt "Das ungeschriebene Leben" (S.305).

Wie kommt man über seinen Tod hinweg?

Was Wagnerová deutlich machen will: Ottilie hat sich von ihrem Mann scheiden lassen, um nicht ihre Töchter zu gefährden und nicht als Frau eines Ariers vor ihren Schwestern, die mit Juden verheiratet und daher schon deportiert waren, bevorzugt zu sein. Sie wollte anderen helfen, ihnen keine Bürde sein. Das ist ihr wohl bis zu ihrem Tod in Auschwitz gelungen.

Ottilie Davidová, einer der vielen Namen, mit denen wir nichts verbänden,wäre der ihres Bruders Franz Kafka nicht weltbekannt, und der einer Person zugehört, die uns ein großes Vorbild für unsere Lebensführung sein könnte.



Was wissen wir über die Personen, die diese Namen tragen? Könnten sie uns Vorbild sein?

Sie stehen an der Gedenkstätte auf dem Michaelsberg in Wiesbaden. Nicht jedes angegebene Todesjahr wird stimmen, man kennt es nicht. Man weiß nur, dass nach 1945 kein Mensch in Deutschland mehr allein deswegen ermordet wurde, weil er Jude war - wie Ottilie Davidová.

7.9.10

Stolper - Steine

Schon länger will ich einmal einen etwas ausführlicheren Artikel über Stolpersteine schreiben. Schon der Name gibt Anlass für Reflexion, denn man soll ja nur metaphorisch darüber stolpern, nicht in Wirklichkeit.
Deshalb sind sie in den Boden eingelassen - also barrierefrei - oder so hoch, dass man nicht darüber stolpern, sondern höchstens dagegen stoßen kann.

Aber aufmerksam werden, im Alltag einen Augenblick betroffen werden, weil man an das Verbrechen erinnert wird, das in Deutschland und in den von Deutschland beherrschten Gebieten millionenfach geschah, das sollte man.
So wie es mir ging, als ich an einem schönen Sommerabend beim Bohnenviertelfest in Stuttgart einen mir golden entgegenleuchten sah. Wie eine Ikone.

"Hier wohnte" und dann die Ermordungsdaten.

Hier nicht der Stuttgarter Name, sondern Heymann Jakoby, der in der Weststraße 8 in Kamen wohnte, weil ich ein wenig mehr über ihn weiß. Er heiratete Friederike Leeser, war der erste Kamener Fleischer mit einem Fleischerladen (1828), bekam 12 Kinder. Darunter Rosalia und Rosalie. War Rosalia gestorben?
Sein Sohn Moses übernahm die Fleischerei, wurde 1901 Obermeister der Metzgerinnung. Eine Erfolgsgeschichte.
Dessen einziger Sohn Hugo Jakoby (*1882) trat schon 1930 durch Unterstützung des Reichsbanners hervor und wurde deshalb bereits am 14.3.1933 verhaftet, dann wieder am 10.11.1938 in "Schutzhaft" genommen. Er zog nach Dortmund um, wurde 1942 nach Riga deportiert und im Juli 1943 ermordet.
Über weitere Opfer aus der Familie kann man in Stolpersteine in Kamen, Kamen 2008, S.30ff nachlesen.
Weniger trocken als in der Wikipedia wird man hier über die Stolpersteine Gunter Demnigs informiert.

Die Frankenpost über einen Stolperstein
Stolpersteine in Dresden
Stolpersteine zum 9.11.12 in Greifwald gestohlen - die symbolische Wirkung wird gesehen und versucht zu bekämpfen

6.12.09

Freundschaft auf Facebook

Ich habe mich auf Facebook um eine zweite Freundschaft beworben. Bei Henio Zytomirski. Ich scheue mich auch nicht, sein Facebookaccount zu verlinken, obwohl er erst 7 Jahre alt ist. Ihm droht kein Cybermobbing.
Er ist nämlich ein Zeitzeuge für das, was mit ihm und seiner Familie passiert ist, damals in Lublin und dann im KZ Majdanek. Ihm sind viele Facebook-Freunde zu wünschen, denn er hat eine Botschaft, die dadurch, dass man jetzt knapp 70 Jahre nichts mehr von ihm gesehen hat, nicht weniger aktuell geworden ist.
Nachtrag vom 13.11.2012:
Der Link zur Facebookwall von Henio Zytomirski führt mich nicht mehr dorthin. Die virtuelle "Freundschaft" (Verbundenheit) mit ihm ist damit nicht beendet, wohl aber die mit Facebook.
Nachtrag vom 31.1.2019:
Hier der Wikipediaartikel zu: Henio_Zytomirski