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25.2.20

Wer sollte bestimmen, was Rassismus ist?

Der folgende ZEIT-Artikel vertritt eine höchst ehrenwerte Position, die man zur Kenntnis nehmen sollte, wenn man meiner Argumentation nicht kritiklos auf den Leim gehen möchte. Ich wiederhole für meine Zwecke aber nicht die gesamte Argumentation, die man nachlesen kann, sondern zitiere hier nur den Schluss, den ich für problematisch halte:
"Selbst der rassistischste AfD-Wähler wird nie die Drohung erfahren, aus diesem Land ausgeschlossen zu werden. Immer werden Politiker der sogenannten Mitte sagen, man muss auch seine Sorgen anhören. Diese Sicherheit des Dazugehörens fehlt Deutschen nichtweißer Hautfarbe. Und wenn wir uns mit unseren Werten ernstnehmen, wenn wir also wollen, dass die Schönheit des ersten Satzes unserer Verfassung zugleich auch eine Wahrheit ist, dann schulden wir es ihnen, diese Sicherheit zu schaffen. Jetzt. Bedingungslos. Für immer." (Rassismus: Bedingungsloses Zuhören)

Meine Behauptung: Wer von Rassismus betroffen ist, merkt es.
Andere können das nicht unmittelbar nachvollziehen, denn menschliche Wahrheit* ist immer subjektiv.*
Wie komme ich darauf?
Ernst Tugendhat hat einmal gesagt: "Auch ein Deutscher muss die Wahrheit sagen dürfen."
Das hielt ich für eine sehr berechtigte Aussage, bis mir auffiel, dass nach dem Holocaust manches, was ich, ein Deutscher, für wahr halte, für einen Holocaustüberlebenden nicht nur grundfalsch sein, sondern eine schwere Verletzung bedeuten kann.
Wahrheit ist also so subjektiv, dass meine Wahrheit zwar sinnvoll in den allgemeinen Diskurs eingebracht werden kann, nicht aber einem Holocaustüberlebenden ins Gesicht gesagt werden kann, ohne ihn tief zu verletzen.

Was hat das mit der Begriffsbestimmung von Rassismus zu tun?
Antisemitismus ist eine Form von Rassismus. Wenn Personen von Antisemitismus betroffen sind, ist das für sie eine schwere Verletzung. Dass sie von Antisemitismus betroffen sind, ist ihre Wahrheit.
Wenn die Regierung Israels als Betroffene bestimmen könnte, was Antisemitismus ist, könnte sie jede Kritik an ihrem Handeln als Antisemitismus bezeichnen und damit die innerisraelische Opposition zu Antisemiten erklären.
Das ist nahe an dem, was gegenwärtig in der Türkei geschieht, wo (weitestgehend) vorurteilsfreie Berichterstattung als Spionage deklariert und als solche bestraft werden kann.

Zu Recht wird der Begriff Rasse als obsolet bezeichnet. Wenn jemand wegen seiner äußerlichen Merkmale abgewertet wird, indem man ihn einer angeblich minderwertigen "Rasse" zuordnet, verdient er daher unsere Solidarität.
Wenn Bangel aber behauptet, nur die Angegriffenen verstünden, was Rassismus ist, begeht er meiner Meinung nach einen Fehler. Er hat Recht damit, dass nur der Angegriffene beurteilen kann, wie verletzend Rassismus ist.
Denn nur in Ausnahmefällen (z.B., wenn man einen Menschen sehr liebt) wird man Verletzungen, die einem anderen zugefügt werden, genauso stark - oder gar stärker - empfinden als die, die einem selbst zugefügt werden. [Folterer versuchen, weil es diese Fälle gibt, gelegentlich, wenn sie die Gefolterten nicht brechen können, ob es ihnen über die Folter ihrer Angehörigen gelingt ihr/ihm ihren Willen aufzuzwingen.]
Hans Magnus Enzensberger hat dazu einmal dem Sinne nach gesagt: Jedem steht der eigene Zahnschmerz mehr weh als das Leid der vielen Millionen auf der Welt.

Deshalb haben die Angegriffenen aber noch nicht das Recht, für die Gesellschaft zu definieren, was Rassismus sei. Dass muss m.E. im gesamtgesellschaftlichen Diskurs geschehen.
Wenn z.B. Menschen in Deutschland Chinesen ausweichen und auf die andere Straßenseite wechseln, weil sie fürchten, von ihnen mit dem Coronavirus angesteckt zu werden, dann ist das in den meisten Fällen eine übertriebene Angstreaktion.* Weil es von den Chinesen aber als Rassismus empfunden werden kann, ist es ein angemessener Ausdruck von Solidarität, auf sie zuzugehen und sie besonders freundlich zu grüßen. (Bei Twitter habe ich einen solchen vorbildlichen solidarischen Akt dokumentiert gesehen.)
Aber wer seine übertriebene Angst nicht überwinden kann, ist deshalb noch kein Rassist, auch wenn sein Verhalten von Menschen, die öfter Rassismus erfahren haben, nahe liegender Weise so gedeutet werden wird.

Die völlig inakzeptablen Beleidigungen von Renate Künast könnten (zumindest theoretisch) subjektive Wahrheiten der Beleidiger sein.
Die Unterscheidung zwischen "Wahrheit" und "Beleidigung" kann aber nicht allein beim Beleidigten und schon gar nicht bei dem, dessen Äußerung als beleidigend empfunden wurde, liegen. Sie muss innerhalb des gesamtgesellschaftlichen Rahmens intersubjektiv geschehen. Entsprechendes gilt für rassistische Äußerungen und nicht-rassistische.

Im Gültigkeitsbereich des Grundgesetzes haben Richter einen Ermessensspielraum, im Rahmen der Gesetze darüber zu entscheiden, was so rassistisch ist, dass es diskriminierend oder gar beleidigend ist. (Andererseits kann solch ein Urteil angefochten werden und öffentliche Urteilsschelte geübt werden. Was zum Glück relativ häufig geschieht.) Ihre Empathie wird immer eine menschlich beschränkte sein. Deshalb kann Rechtsprechung immer nur Annäherung an Gerechtigkeit sein. Für die Fälle, wo sie zu weit davon entfernt ist, gibt es die genannten Korrekturmöglichkeiten, so unvollkommen sie bleiben.

Um auf den Schluss des oben angeführten Artikels aus der ZEIT einzugehen:
Der Satz "Die Würde des Menschen ist unantastbar" ist keine Wahrheit, sondern ein Postulat, das aufgestellt worden ist, weil sie im NS-Staat millionenfach in unerträglicher Weise missachtet worden ist.  Der Auftrag des Grundgesetzes ist: "Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."
Bedingungslose Sicherheit der Menschenwürde zu garantieren geht über die Möglichkeit jeder empirisch feststellbaren Staatsgewalt hinaus. "Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Die ist meine Ansicht. Doch wichtiger ist Karl Jaspers Ermahnung:

"Wir wollen lernen, miteinander zu reden. Das heißt, wir wollten nicht nur unsere Meinung wiederholen, sondern hören, was der andere denkt. Wir wollen nicht nur behaupten, sondern im Zusammenhang nachdenken, auf Gründe hören, bereit bleiben, zu neuer Einsicht zu kommen. Wir wollen uns innerlich versuchsweise auf den Standpunkt des anderen stellen. Ja, wir wollen das uns Widersprechende geradezu aufsuchen. Das Ergreifen des Gemeinsamen im Widersprechenden ist wichtiger als die voreilige Fixierung von sich ausschließenden Standpunkten, mit denen man die Unterhaltung als aussichtslos beendet." 
(Karl Jaspers: Die Schuldfrage. Von der politischen Haftung Deutschland, 2012, Seite 8 – zitiert nach Harald Jähner: Wolfszeit 2019, S. 409)

* Für westliche Ohren mag das befremdlich klingen, nicht aber für asiatische Philosophie.

*  Vgl. D. Bonhoeffer: Was heißt die Wahrheit sagen?

* Mit Angst nichts zu tun hat folgender Vorgang, den ein Spanier aus der S-Bahn berichtet: Bin leicht erkältet, muss niesen. Typ neben mir steht auf, setzt sich weg, funkelt mich böse an und zischt: "Dreckiger Scheiß-Italiener! Dich haben Sie wohl vergessen, wegzusperren?"
Wenn man so etwas nie selbst erlebt hat, fällt Einfühlung natürlich sehr viel schwerer, als wenn man es aus eigener Erfahrung kennt.

16.5.18

Darf man "die Wahrheit" sagen?

Es sollte klar sein, dass es nicht "die Wahrheit" gibt, sondern nur jeweils die eigene Wahrheit des Sprechers. Daher gilt in abgewandelter Form das Wort Rosa Luxemburgs über Freiheit ("Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.") auch für die Wahrheit. 
Wer seine Wahrheit sagen will, sollte nicht nur vermeiden, dass sie objektiv eine persönliche Beleidigung darstellt, sondern auch berücksichtigen, in welchem Kontext er seine Wahrheit sagt.

Insofern halte ich die Aussage Ernst Tugendhats, man müsse auch als Deutscher "die Wahrheit" sagen dürfen, nicht mehr für ganz angemessen. 

Inzwischen bin ich der Meinung, dass man als Deutscher einem Holocaustopfer nicht jede eigene Wahrheit ins Gesicht sagen darf.

Aber dass Martin Walser, Günter Grass und Navid Kermani ihre Wahrheiten nicht sagen durften, ohne von höchst ehrenwerten Leuten in Ecken geschoben zu werden, in die sie nach Ausweis ihres Lebenswerks nachweislich nicht gehören, das finde ich nicht nur bedenklich, sondern nach dem, wie sich die Debattenkultur in Deutschland entwickelt hat, geradezu beängstigend.

Deshalb bin ich dankbar dafür, dass Jagoda Marinic davor warnt, "jede rassistische Aussage mit einem Gegenangriff" zu beantworten, und hinzufügt: Wir geben uns zu wenig Mühe, zu verstehen und werten zu schnell. Wir leben in einer von den sozialen Medien konstruierten "like"- oder "hate"-Gesellschaft." (Interview mit der FR, 16.5.18, S.31)
Längst spielen die klassischen Medien dabei mit.

Die Beispiele Walser, Grass und Kermani beweisen, dass dies Problem in Ansätzen schon lange und nicht nur in den Medien, sondern auch bei höchst ehrenwerten Personen bestand.

Wer jemanden als "Rassisten" abqualifiziert, sollte berücksichtigen, was Bonhoeffer über das Recht, seine Wahrheit zu sagen, geschrieben hat. - Er hat nicht Rassisten verteidigt, sondern das Recht, eine ganz persönliche Wahrheit zu sagen. (1943 im Gefängnis in Tegel, in einer ganz anderen Situation als heute.)

Die kalkulierte Methode, Aussagen als persönliche Wahrheit auszugeben, um Wut zu schüren, möchte ich damit nicht rechtfertigen.

Aber vielleicht muss ich noch mehr hinzufügen, um nicht missvertanden zu werden.

Weitere Hinweise:
Jagoda Marinic: Made in Germany, 2016 (https://www.jagodamarinic.de/)

Marinic weist daraufhin, dass sie mit einem Taxifahrer gesprochen hat, der mitbekam, dass sie eine Veranstaltung gegen Rassismus mitveranstaltet hat, und fährt fort: "Er hat mich also akzeptiert und öffnete ein Ventil [...] Er hat banalen Frust abgelassen, der ihn überfordert. Er interpretiert das so, dass die Politik sich um ihn nicht kümmert, aber dafür um Fremde." (FR, S.31)
Freilich hat sie es verhältnismäßig einfach, akzeptiert zu werden, weil sie Weiße ist und offenkundig "etwas Besseres".

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28.12.13

Die Wahrheit ist selten einfach oder: Chodorkowski III

Bei dem Satz "Von jeder tiefen Wahrheit gilt auch das Gegenteil" habe ich mir geholfen, indem ich ihn für eine tiefe Wahrheit erklärt habe. Es gibt zu viele Beispiele, wo er zu passen scheint und zu viele, wo er nicht recht passen will.*
Bonhoeffers "Was heißt die Wahrheit sagen?" führt vor, wie fragwürdig Kants kategorischer Imperativ in einem totalitären System wird.
Václav Havels "Versuch, in der Wahrheit zu leben" heißt nicht ganz zu Unrecht in der Originalversion leicht paradox "Die Macht der Ohnmächtigen".
Lessing hält die Kenntnis der Wahrheit für übermenschlich. Menschensache sei nur das Streben nach Wahrheit.  

So gesehen scheint der Anspruch, Chodorkowski richtig zu beurteilen, vermessen. Dennoch will ich nach zwei Anläufen einen dritten unternehmen.

Marieluise Beck berichtet in der ZEIT vom 27.12.13 darüber, was Berater von Chodorkowski halten.
Arseni Roginski, der Anfang der 80er Jahre selbst im Lager gefangen war, meint, dass es Michail Chodorkowski schon in der Jelzin-Zeit "nicht mehr um noch mehr Reichtum ging. Er sah, dass dieser begabte junge Mann zu verstehen begann, dass ein korruptes Russland, indem wenige sich den Reichtum aufteilten, in den Ruin getrieben würde." (Beck) "[...] er hat eine neue Welt gesehen hinter dem Stacheldraht russischer Lager. Gewalt unter Häftlingen. Das Ausgeliefertsein der Insassen an das Lagerregime. Wirst du beschuldigt, hast du keine Chance. Wirst du erpresst, gibt es niemanden, an den du dich wenden kannst. Wird dir Gewalt angetan, bist du schutzlos. Chodorkowski ist nicht verbittert oder hart geworden. Aber entschieden. Entschieden, dass diese existenzielle Erfahrung seine Richtschnur sein wird für künftiges Handeln. Noch sind seine beiden Yukos-Partner nicht frei." (Beck, ZEIT, 27.12.13)

Diese zusätzlichen Informationen entwerten nicht die Kritik der "Nachdenkseiten", die ich hier zitiert habe, sie relativieren sie aber. Was dort steht, bleibt - trotz des Versuchs, bei de Seiten zu Wort kommen zu lassen - unvollständig ohne die hier angeführten Zusatzinformationen; aber selbstverständlich erlauben auch die nur ein sehr unvollständiges Bild. Auch seine Webseiten auf Englisch und Russisch, liefern vermutlich im wesentlichen Einseitiges und verfälschen daher vielleicht nur. (Daher hier noch einmal ein kritischer Kommentar Jakob Augsteins, der darauf verweist, dass andere Dissidenten sich von vornherein nicht bereichern wollten.)

Es steht zu hoffen, dass Chodorkowskis Taten das positive Bild Marieluise Becks erhärten werden.
Vielleicht wird er aber auch erst der, als den sie ihn jetzt schon sieht.

*Der Satz ist von mir vereinfacht und daher falsch zitiert. Im Gespräch zwischen Heisenberg und Bohr sagte Bohr: "Das Gegenteil einer richtigen Behauptung ist eine falsche Behauptung. Aber das Gegenteil einer tiefen Wahrheit kann wieder eine tiefe Wahrheit sein."

Tweets zu Chodorkowski