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7.2.22

Wieder einmal: Motivation

 Text 1: "Mein Handicap spornt mich an" (ZEIT, 3.2.22)

"Fehlt bei der Inklusion die Entschlossenheit?

Bentele: Ja, wenn wir eine offene Welt ohne Vorurteile wollen, 

dann müssen wir in der Schule damit anfangen. Immer wieder 

erlebe ich Barrieren, weil Menschen mit und ohne Behinderung

sich so schlecht kennen. Viele Menschen sagen etwa zu mir: 

Toll, dass du so gut hören kannst. Oder: Wie machst du das 

mit dem Schreiben? Noch nehmen wir eher das Trennende 

als das Verbindende an anderen wahr. Das ist Teil des 

Problems, das auch Kinder aus Einwanderer-familien 

kennen. Wir haben eben längst noch keine Schule für alle. 

[...] dann hat mich erst der Münchner Oberbürgermeister 

Christian Ude gefragt, ob ich sein Wahlkampfteam 

unterstützen wolle, und schließlich kam die Anfrage 

von Andrea Nahles, ob ich in die Bundesregierung als

Beauftragte kommen will. Ich habe kurz gezögert, 

denn die Sozialgesetzbücher kannte ich nicht in 

allen Details aus dem Effeff. Aber ich habe selten 

zu einem Risiko Nein gesagt."

(Verena Bentele)

Fontanefan: Hier das Verbindende zu sehen, ist etwas viel 

verlangt. 

Schließlich hat Bentele als blinde Skiläuferin nach einem Sturz

eine Niere verloren und danach furchtbare Angst. Dann ist sie

aber doch wieder Gletscher hinabgefahren. Da ist es nicht nur

für Sehende wie für Blinde eine riesige Herausforderung, das

Verbindende zu sehen.

Diese Herausforderung anzunehmen, könnte Motivation 

stärken.


Text 2:

Wenn eine Gruppe in einem Motivationstief ist wird vom Lehrer höchste Selbstdisziplin verlangt, denn er muss trotz Widerstände seine Forderungen aufrechterhalten, seine gute Laune und seine Offenheit bewahren, sich vor Selbstmitleid und Gejammere hüten. Das geht nur, wenn man sich kurzfristig unabhängig vom Urteil und von der Stimmung der Klasse macht und im Vertrauen auf die Qualität der eigenen Arbeit "durchhält", bis die Motivation der Schüler wieder da ist.

Die Therapie

Aus meiner Sicht liegt ein Hauptproblem unseres Schulwesens darin, dass die Schüler qualitativ (Energie, Erfahrung, Denkvermögen, Handlungsbereitschaft) mit einem so hohen Niveau in die Schule kommen, dass man als Einzellehrer ihre legitimen Ansprüche nur mit einem enormen Aufwand befriedigen kann. Bezogen auf meine 11.Klasse bin ich der Meinung, dass meine ganze Arbeitskraft gerade hinreicht, um diese Schüler gut zu bedienen. Andererseits: wer von meinen Kollegen kann sich einen solchen Aufwand leisten?

Es müssten folgende Forderungen erfüllt werden:

  • Der Einzelkampf der Lehrers muss durchbrochen werden. Wenn ich beispielsweise die 11. Klasse im Team mit anderen Lehrern führen würde, wüsste ich, welche Aktivitäten gerade anstehen. Ferner könnte ich Informationen über die allgemeine Stimmung in der Klasse einholen und würde nicht jede Schwierigkeit (aber auch jeden Erfolg) auf mich allein zurückführen.
  • Projekte müssen mit Kollegen geplant und durchgeführt werden. Wenn ich eine Woche lang beispielsweise mit der Deutschlehrerin, dem Englischlehrer und dem Geschichtslehrer ein Projekt über die Renaissance inklusive Exkursion gestalte, dann ist die Arbeit insgesamt viel intensiver, sie hat einen Anfang, eine Klimax und einen Schluss, sie nähert sich dadurch der Struktur des realen Lebens. Die Schüler prägen sich das Erlebte viel besser ein.
  • Über den 45-Minuten-Takt war ich mir bisher nicht ganz schlüssig. In der letzten Zeit stelle ich fest, dass dieser Takt schon sehr störend sein kann: zum Beispiel lasse ich gegenwärtig Plakate anfertigen, auf denen die Etappen unserer Frankreichreise dargestellt werden. Der Fleiß meiner Schüler ist tadellos, aber ihre Arbeit wird immer wieder unterbrochen, weil die Stunde zu Ende ist. Was uns am Stück höchstens 90 Minuten beschäftigt hätte, zieht sich durch die Unterbrechungen des 45-Minuten-Taktes jetzt seit mehr als einer Woche hin. Das gilt nicht nur für die Erstellung von Plakaten, sondern auch für jede längere Arbeit (Kurzreferate, Klassenkorrespondenz usw.). Wird dadurch der oft beklagten Oberflächlichkeit des modernen Lebens nicht Vorschub geleistet?

Diese Forderungen sind natürlich nicht originell. An vielen Schulen werden sie schon erfüllt. Ich glaube, diese Schulen sind auf dem richtigen Weg.

Der zweite Text stammt aus dem Jahr 1998 und ist nicht von mir, sondern von Jean Pol Martin.

Ich halte ihn aber immer noch für einen treffenden Beitrag zum Motivationsproblem.

mehr zu Motivation: 

Eine Zusammenfassung mehrerer Beiträge von 2012

alle Beiträge zu Motivation bei Fontanefan

Wikipedia

19.7.17

Guter Unterricht

Lehrer über Inklusion: So könnte guter Unterricht gehen Spiegel online 18.7.17
"Viele Eltern und Lehrer kritisieren die Inklusion - wegen fehlenden Personals und mangelnder Ausstattung. Für Lehrer Philipp Krüger nur die halbe Wahrheit. Er fordert anderen Unterricht."

 "Den lieb ich, der Unmögliches begehrt.“ 

Philipp Krüger hat Recht, wenn er einen anderen Unterricht als Voraussetzung dafür fordert, dass Inklusion gelingen kann. Schließlich gibt es Beispiele, wo er möglich ist.

Ich wünsche mir, dass diese Forderung allgemeiner verbreitet wäre und auch in der Lehrerausbildung berücksichtigt würde. Bis dahin aber wird Inklusion ohne zusätzliches Personal bei den jetzigen Organisationsformen nur unter besonderen Umständen erfolgreich sein können. Im Regelfall brauchen benachteiligte Schüler andere Organisationsformen. 
Schüler, die in der Regelschule gescheitert sind, können so schon heute angesammelte Lerndefizite wieder ausgleichen. 

mehr zu Inklusion hier

6.11.16

Lernen ohne Lehrer

Abgründe neuer Lernkultur (pdf) von Christoph Türcke

Die folgenden Zitate erfassen nicht die Argumentationsstruktur, sondern sollen nur anregen, sie im Text nachzuvollziehen. Die fett hervorgehobenen Sätze stellen eine von mir künstliche Verkürzung auf Thesen dar, die Widerspruch anregen und auf die Begründunggen für die "Thesen" neugierig machen sollen. 
Kompetenzkozept ohne Bezug zum Inhalt:
"Exakt umschreiben lässt es [Können] sich nur, wenn man die Gesamtheit der Inhalte aufführt, an denen es erworben wurde."

Schreibunterricht:
"Schreiben ist eine Geste der Hingabe. [...]
Wohin der Verzicht auf Schreibschrift führt, ist offensichtlich. In wenigen Jahren werden handschriftliche Druckbuchstaben den Kindern ebenso "zu beschwerlich", sein wie es jetzt schon die vereinfachte Ausgangsschrift ist. [...] Alphabetisieren wir doch von vornherein am Computer! Damit ändert sich allerdings die Gesamthaltung zum Schreiben. Buchstaben, die man selbst nicht mehr malen kann, werden nur noch durch ruckartige Fingerbewegungen ausgelöst bei ständigem Blickwechsel zwischen Tastatur und Display. Die Geste der Hingabe, die den ganzen Organismus auf einen Punkt hin zusammennahm, löst sich in disparate Impulse auf. Der Vorgang des Schreibens wird genauso wuselig, wie es seine Umgebung im deregulierten Klassenzimmer schon ist. Die Alphabetisierung am Computer ist Zunder für ADHS."

Allgemein:
"Die aktuellen Bildungsstandards verordnen von höchster Stelle Niveausenkungen, die sie wie des Kaisers neue Kleider ausbieten. Das tun sie aber nicht aus Spaß oder um in der schönen neuen Welt der Flexibilität die Zügel einmal etwas lockerer zu lassen, sondern unter diffusem globalem Flexibilitätsdruck. [...]
Im Obrigkeitsstaat klagten die Schulbehörden regelmäßig über Schlendrian in den Schulen. Im neoliberalen Staat hingegen protestieren Lehrerverbände dagegen, dass die Schulpolitik mentale Elementartechniken herunterwirtschaftet; dass sie das drastische Sinken der Schreibfähigkeit durch steigende Vorgabe von Lückentexten kompensiert; [...]

Inklusion:
Die Behindertenrechtskonvention der UN verlangt, dass "kein Kind zurückgelassen" wird [...]
Wenn sich der Staat zur UN-Konvention bekennt, muss er auch das Geld zu ihrer Umsetzung locker machen, sagen die Inklusionsverfechter. Leider ist es umgekehrt: Weil immer weniger Geld für Bildung da ist, erfanden die UN die Inklusion.   [...]
Förderlehrer sind im System Regelschule immer nur zu Gast. Dass sie zu den Problemkindern ein stabiles Verhältnis aufbauen, kommt gelegentlich vor, ist aber strukturell nicht vorgesehen. [...]
Wie ein Abitur für alle kein Abitur mehr ist, so auch ein gemeinsamer Unterricht für alle kein gemeinsamer Unterricht mehr – zumindest wenn man darunter versteht, dass allen Mitgliedern einer Klasse oder Gruppe ein bestimmter Stoff eröffnet wird: [...]
Im Inklusionsraum sind alle zusammen, keiner kann hinaus, und jeder lernt für sich. [...] Nicht von ungefähr ähneln sich die Inklusionsräume deregulierten Großraumbüros an.  [...]

Motivation durch Angebot von Lernmöglichkeiten, durch Zeigen:
Das Zeigen ist die feierliche Eröffnung, das Highlight, das Sedimentieren und Fördern ist die unerlässliche Nacharbeit, der Alltag. Wo nichts gezeigt wird, gibt es nichts zu fördern. Fördern statt Zeigen ist ein Fass ohne Boden. Wenn man Lehrer zu bloßen Begleitern und Förderern degradiert, zu Arbeitsblattanhängseln und zum mobilen Eingreifdienst, nimmt man ihnen das Eigentliche ihres Berufs: das Zeigen."
(http://www.swr.de/-/id=18204784/property=download/nid=660374/1cn16an/swr2-wissen-20161106.pdf)
Literaturhinweis:
Christoph Türcke: Lehrerdämmerung: Was die neue Lernkultur in den Schulen anrichtet. C.H. Beck, München 2016, ISBN 3406688829.

Ich erspare mir den Hinweis, auf die Anzeichen im Text, die darauf hindeuten, dass ein emeritierter Philosophieprofessor sich hinsichtlich digitalen moderatorunterstütztem Lernen in einer ähnlichen Informationsblase befinden könnte wie die meisten von uns in ihren Persönlichen Lernnetzwerken.
Immerhin sitze ich im Glashaus; denn ich bin vier Jahre älter als er. Vielmehr möchte ich darauf verweisen, dass ein Blick mit Abstand die Chance bietet, die weniger kompetenzorientierten Lehrer nicht einfach als vom alten Eisen, sondern als Symptome für mögliche Schwächen des Konzepts ernst zu nehmen.

Aus meiner subjektiven Sicht möchte ich hinzufügen, mir bei der Argumentation zwar manches überspitzt erscheint, dass aber zwei Aspekte seiner Kritik ein grundsätzliches Problem berühren: 

Ein Computer kann geniale Lernprogramme anbieten, er ersetzt nicht die Motivation durch den persönlichen Bezug. Der wird - je reifer der Lernende ist - umso unwichtiger. Aber bei allen Lernhemmungen und -störungen ist er entscheidend für Diagnose und für die Suche nach individuell angepassten Lernhilfen.

Inklusion kann soziale Isolierung vermeiden helfen, aber ein nur stundenweise vorhandener Helfer kann nicht die Sicherheit vermitteln, die ein Lernen in einer gemeinsamen Lerngruppe unter Anleitung eines Lehrers  bedeutet, der die spezifischen Lernschwierigkeiten kennt. 

Zu Inklusion neuerdings auch:
Bereits im Kindergarten riet man unserer Autorin ab, auf eine reguläre Schule zu gehen. Sie hat es trotzdem getan. Eine persönliche Abrechnung. taz.de Sandra Hertzke 4.1.2017
"Ob es gelingen wird, den Lehrern wie auch den Schülern diesen Inklusionsgedanken im täglichen Unterricht zu vermitteln? Das wird auch davon abhängen, wie souverän die LehrerInnen in der Lage sind, damit umzugehen – und zwar nicht nur die SonderpädagogInnen, sondern alle LehrerInnen und ErzieherInnen. Da braucht es Weiterbildungen, sonst bleibt die Inklusion nur Theorie und kommt nicht im Klassenraum an. Denn ein Nebeneinandersitzen bedeutet eben noch nicht ein Miteinanderlernen."

Wenn es keine Lehrer mehr gäbe, brauchte man sie nicht dafür weiterzubilden. Wäre das nicht ein Vorteil?

"Die Förderschullehrerin und ich störten uns gegenseitig"
"[...] Außerdem haben wir gar nicht genug Förderlehrer, um alle Deutsch- und Mathestunden abzudecken.[...]"

15.3.16

Bildung und Fehlerkorrektur

Fehlerfreundlichkeit ist Voraussetzung für gelingendes Lernen. Deshalb braucht niemand den mahnenden Zeigefinger zu heben, wenn es jetzt heißt:

Die Hauptschulen sind wieder gefragt, 
Süddeutsche online 13.3.2016

Zu Recht wird besonders auf die Schulen hingewiesen und nicht behauptet, die bevorstehenden Aufgaben ließen sich allein mit einer verbesserten Ausbildung der Lehrer bewältigen. 
Wenn es in der SZ weiter heißt:
"An dieser Schulart ist man es gewohnt, mit Heterogenität umzugehen - übrigens auch mit Flüchtlingen. Übergangs- oder Vorbereitungsklassen gibt es seit Jahrzehnten, schon für Gastarbeiterkinder, Asylbewerber, Aussiedler. So lange schon haben wir Schüler, die erzählen, wie Familienangehörige und sie selbst geflüchtet sind, und warum: Der Papa hat nicht mehr arbeiten dürfen, der Onkel wurde verfolgt, der Opa ist totgeschossen worden."
Dann bedeutet das auch: Wenn Integration und Inklusion gelingen sollen, muss man mehr in die Schulen investieren. Dann müssen die Zusammenarbeit im Kollegium und die Solidarität in der Schulgemeinde gestärkt werden. 
Das wird nur gelingen, wenn auch in Politik und öffentlicher Meinung ganz klar wird:
Hier liegt eine Kernaufgabe, die unserer Gesellschaft gelingen muss, die wichtiger ist als Schuldenobergrenze und schwarze Null. 

Was die Probleme sind und wo die Chancen liegen, benennt dieser Artikel.
Der Blog Hauptschulblues befasst sich schon seit Jahren mit diesen praktischen Fragen.
Von den Blogartikeln dazu führe ich hier nur zwei an: Schulbesuch von Flüchtlingskindern und Lighthouse Welcome Center. Der zweite macht deutlich, dass die Aufgabe schon lange klar gesehen wurde. Nur die breite Öffentlichkeit verließ sich auf die Festung Europa. 
Inzwischen wird das Problem in Wirtschaftskreisen sehr offen angesprochen: "Wir brauchen Zuwanderung" und "Geschlossene Grenzen kommen teurer als energische Bildungsinvestitionen". Nur die Politik scheut sich noch, die Wirtschaft an der Finanzierung dieser wirtschaftlich zentralen Investitionsaufgabe zu beteiligen.

10.12.14

Inklusion: einerseits hervorragende Ergebnisse, andererseits Lehrerhorror. Wieso?

Hervorragende Ergebnisse bei Inklusion gibt es in der Schule Berg Fidel in Münster. Freilich gibt es da 8 Betreuer für eine Klasse mit Schülern mit den unterschiedlichsten Handicaps [Inklusion – Revolution mit Ansage, Magazin Schule] Ein Film berichtet mehr dazu (die Regisseurin auf Youtube).

Wenn allerdings auf die notwendigen Voraussetzungen für solchen Unterricht keine Rücksicht genommen wird, sieht es anders aus:
Bereits mehr als die Hälfte aller Schüler mit Förderbedarf lernen an Regelschulen. [...] Fragt man dort Lehrer nach Inklusion, so erzählen sie vom „ganz normalen Wahnsinn“. Jedenfalls wenn sie nicht gerade an einer Modellschule arbeiten. So kann der Inklusionsalltag auch aussehen: Ein todkranker Schüler erhält von der Mutter regelmäßig Infusionen im Kopierraum nebenan. Ein zweiter rastet gern aus. Ein dritter macht ständig nervtötende Geräusche mit dem Mund. Ein vierter ist Autist. Ein fünfter hat Eltern, die sich dauernd bei der Schulleitung beschweren, dass die Klasse im Stoff so weit hinterherhinkt. Verständlich, dass der Lehrer „komplett am Rad dreht“. Unter seinen restlichen Schülern haben zwei Legasthenie, mindestens einer ADHS. Die Kinder gibt es nämlich auch noch: die mit zum Teil erheblichen Problemen, aber ohne ausgewiesenen Förderbedarf.  (Inklusion – Revolution mit Ansage)
Zur Skepsis gegenüber Inklusion  (SZ 3.9.15)


Inklusion ohne Ideologie – zum Wohl aller Schüler (Bildungsklick 30.9.15)


Kongress "inklusiv politisch bilden" 21./22.9.15

27.11.14

Inklusion in NRW ein Kostensparprojekt?

Der „Rheinischen Post“ liegt ein Brief vor, in dem die Bezirksregierung Köln als Schulaufsichtsbehörde die Schulträger auffordert
dem gemeinsamen Unterricht generell zuzustimmen, um „Verwaltungsaufwand“ zu begrenzen.
Es geht dabei um die besonders förderungsbedürftige[n] Kinder der Bereiche Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung. Schließlich, so heißt es in dem Brief, sei für diese Kinder „in der Regel zusätzliche sächliche oder personale Ausstattung nicht vonnöten“. (Wirtschaftswoche 27.11.14)
Zu beachten ist in den Berichten, wie positiv die Erfahrungen gesehen werden und wie viele zusätzliche Lehrerstunden eingeplant werden.

Hervorragende Ergebnisse bei Inklusion mit 8 Betreuern für eine Klasse mit unterschiedlichsten Handicaps in der Schule Berg Fidel in Münster (Youtube) [Inklusion – Revolution mit Ansage, Magazin Schule]

Wo auf die notwendigen Voraussetzungen für solchen Unterricht nicht geachtet wird, sieht es anders aus:
Bereits mehr als die Hälfte aller Schüler mit Förderbedarf lernen an Regelschulen. [...] Fragt man dort Lehrer nach Inklusion, so erzählen sie vom „ganz normalen Wahnsinn“. Jedenfalls wenn sie nicht gerade an einer Modellschule arbeiten. So kann der Inklusionsalltag auch aussehen: Ein todkranker Schüler erhält von der Mutter regelmäßig Infusionen im Kopierraum nebenan. Ein zweiter rastet gern aus. Ein dritter macht ständig nervtötende Geräusche mit dem Mund. Ein vierter ist Autist. Ein fünfter hat Eltern, die sich dauernd bei der Schulleitung beschweren, dass die Klasse im Stoff so weit hinterherhinkt. Verständlich, dass der Lehrer „komplett am Rad dreht“. Unter seinen restlichen Schülern haben zwei Legasthenie, mindestens einer ADHS. Die Kinder gibt es nämlich auch noch: die mit zum Teil erheblichen Problemen, aber ohne ausgewiesenen Förderbedarf.  (Inklusion – Revolution mit Ansage)

23.7.14

Inklusion - Integration

"Vielen Eltern mangele es am Bewusstsein, dass ihre schwerhörigen Kinder, vor allem wenn sie auf die Regelschule gehen, den Kontakt zu anderen schwerhörigen Kindern brauchen, um mit ihrer Behinderung zurechtzukommen." (Maryanne Becker: Klänge aus dem Schneckenhaus, 2008, S.51)

Die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer hat davor gewarnt, Inklusion "mit der Brechstange" zu betreiben und in einem Sechs-Punkte-Katalog ein anderes Bewertungssystem für Schulabschlüsse gefordert. [...]"Dort, wo eigentlich maßgeschneiderte individuelle Unterstützung der Betroffenen nötig wäre, greifen zunehmend unversöhnliche Positionen und der Wettlauf um vermeintlich beste Inklusionsquoten um sich", schreibt die CDU-Politikerin in einem Beitrag für DIE ZEIT. "Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dabei der gesunde Menschenverstand, ein nüchterner Blick für Möglichkeiten und Zeitkorridore und vor allem die Bedürfnisse der Betroffenen auf der Strecke bleiben." (Bildungsklick: Inklusion nicht "mit der Brechstange", 23.7.14)
Wichtig ist gewiss, dass Eltern wie Kinder früh verstehen, worin die Unterschiede zwischen der Erlebniswelt dieser Kinder und ihrem Umfeld bestehen, so dass sie angemessene Unterstützung einfordern können. Dazu brauchen Eltern wie Kinder Umgang mit Personen mit ähnlicher Behinderung, die schon mehr Erfahrung haben, damit sie eine realistische Einschätzung gewinnen können.
Das heißt nicht, dass die Kinder nicht in eine Regelschule gehen dürften, wohl aber, dass sie die Normalität ihrer Behinderung erfahren können und sich nicht als Wesen eine besonderen Art verstehen.
"Nina ist überwältigt von dieser Erfahrung, einmal nicht Außenseiterin zu sein und das Gefühl zu haben, dass andere Jugendliche sich in ihre Lage hineinversetzen können."  (Maryanne Becker: Klänge aus dem Schneckenhaus, 2008, S.65) 
Plädoyer für Inklusion auch von verhaltensauffälligen Schülern, Zeit 20.6.14

"Wenn im Leistungssport Inklusion und Fairplay aufeinandertreffen, wird es kompliziert."
(Behinderter Weitspringer Rehm: "Ich will einen richtig geilen Wettkampf", SPON 24.7.14)


Gemeinsames Lernen mit Behinderten verunsichert Lehrer, WAZ 10.8.14
Inklusion in der Schule in NRW, WDR 4.9.14

SOS Inklusion: "Zur Zeit wird das Personal an den Schulen verheizt", bildungsklick 7.11.14

Über den Sinn von Inklusion und wie sie in Misskredit gebracht werden kann, NachDenkSeiten, 13.11.14

Erfolge mit Inklusion  14.5.18

20.5.14

Wie über 1:1-Betreuung Inklusion möglich gemacht werden kann

Caroline von Eichhorn: Schüler mit Behinderung: "Wolln ma tratzen?", SPON 20.5.14

Wenn eine Behinderung ganz außergewöhnlich ist oder der Sonderförderbedarf zu lange nicht geleistet wird, kann 1:1-Betreuung durch Fachkräfte nötig werden.
In solchen Fällen wird es nicht selten möglich sein, auch den Besuch von Regelunterricht zu ermöglichen.

Freilich, Inklusion sollte aus der Sicht der Kultusministerien anders ermöglicht werden. Und zwar kostengünstiger.

vgl. auch:

HEIKE SCHMOLL: Grenzen der Inklusion, 20.05.2014
Wer behinderte Kinder wirklich ernst nimmt, darf sie nicht leichtfertig zum Scheitern im Schulalltag verdammen, sondern muss erreichbare Ziele in jedem einzelnen Fall definieren. Doch das wollen die radikalen Befürworter der Inklusion nicht wahrhaben. [...] Das Nein der Schulen bewahrt Henri davor, sein eigenes Scheitern an jedem Schultag neu zu erleben und dann noch mit möglichen Ausgrenzungen oder dem puren Desinteresse der Mitschüler zurechtzukommen. Viele behinderte Schüler in Regelschulen machen diese Erfahrung. Manche von ihnen äußern schon in der ersten Grundschulklasse, sie wollten nicht mehr leben, weil ihre Schultage sie regelmäßig ins Unglück stürzen.Dass sich die Lehrer redlich um sie bemühen, ändert wenig an ihrem Unglück. Für einige von ihnen genügt es, für einige Zeit auf eine Förderschule zu gehen, um nach wenigen Monaten oder Jahren intensiver Förderung in die Regelschule integriert zu werden. Das gilt insbesondere für lernbehinderte oder sprachgestörte Kinder, die für begrenzte Zeit den Schutzraum einer Fördereinrichtung brauchen, um dann den Anschluss an eine Regelklasse zu gewinnen. Für sie ist die inklusive Beschulung nicht der Weg, sondern das Ziel.

aktueller:
Inklusion bringt Lehrer an ihre Grenzen, nordbayern.de, 15.07.2014 

Streitthema Behinderte in Schulen: "Inklusion ist keine Utopie", SPON, 15.7.14

10.1.14

Streit um die Kosten der Inklusion und darum, wer sie tragen soll

Am 23.13.13 berichtete Christian Füller in SPON über ein Gutachten zu den Inklusionskosten und den Streit darum.
Dass politische Entscheidungsträger besonders reformfreudig sind, wenn sie meinen, die Reform sei kostenlos zu haben, ist bekannt. Dass die Kritiker der Reformen die Kosten eher höher als niedriger ansetzen liegt nahe.


Bemerkenswert ist an Füllers Bericht freilich, dass er folgendes behauptet:
Im Gutachten (hier als pdf) steht, es gebe kein einziges Kind mit Seh- oder Hörschwierigkeiten in der Gegend.
Als Gegenbeweis gegen das genannte Gutachten führt er die Zählung einer Mutter an, wonach im Kreis Borken "fast 120 Kinder mit Seh- oder Hörschwierigkeiten" leben.

Dabei heißt es in diesem Gutachten:
Zusätzliche Kosten für die Schülerbeförderung haben dann insbesondere die Städte und Gemeinden zu tragen, die selbst nicht Träger einer Förderschule sind, also auch nicht durch die geringere Nachfrage nach Förderschulen entlastet werden. Diese Kommunen stehen – dies hat sich ebenfalls am Beispiel des Kreises Borken gezeigt – auch insgesamt vor neuen Aufgaben. Wenn Schüler, die bislang Förderschulen in benachbarten Städten besucht haben, in Zukunft wohnortnah in allgemeinen Schulen beschult werden, dann müssen die Wohngemeinden zukünftig mit den personellen, sächlichen und räumlichen Erfordernissen des Gemeinsamen Unterrichts befasst sein. (S.2)
Es wird also gerade davon gesprochen, dass es die dort lebenden behinderten Kinder in Kommunen unterrichtet werden müssen, die bisher keine Förderschulen unterhalten.

Dass nach diesem Gutachten für den Kreis Borken dadurch 34 Millionen Investitionskosten entstehen würden, spricht dafür, dass sogar eine relativ hohe Zahl von Schülern gerechnet wird, die aufgrund der Inklusion umgeschult werden müssten.

Ergänzung vom 15.1.:
Entscheidung des Landessozialgerichts von NRW: Kommunen müssen die Inklusion mitfinanzieren (dpa 14.1.14)

3.10.13

Inklusion und getrennter Unterricht brauchen keine Alternativen zu sein

In Finnland bekommt jeder zweite Schüler Förderunterricht. Dennoch hat Finnland in den letzten 30 Jahren knapp zwei Drittel seiner Förderschulen geschlossen. Aber Timo Saloviita, der für "eine Schule für alle" eintritt, ist in Finnland Außenseiter.
Im finnischen Mainstream liegt Sakari Moberg, der wie Saloviita an der Universität von Jyväskylä lehrt und für einen Mittelweg zwischen Inklusion und getrenntem Unterricht vertritt, nämlich Sonderunterricht von Fall zu Fall (mehr dazu in ZEIT, 2.10.13, S.84).

vgl. dazu auch: Inklusion bei phoenix

Aktuelle Studie zu Inklusion und Förderschulen, 7.5.14 - M.E. besteht ein starkes politisches Interesse an einer Studienergebnis, das Vorteile der Inklusion zeigt. Die verhaltene Reaktion der Wissenschaftler gegenüber einer solchen Verwendung ihrer Studie scheint mir erfreulich. 
Über die Aussagekraft der Studie wird nur nach genauer Kenntnis der Untersuchungsbedingungen zu urteilen sein. (8.5.14)

25.8.13

Gespräche mit Praktikern über Inklusion

Gelungene Inklusion ist nicht nur ein großer Gewinn für die Schüler, die trotz Handicaps nicht aus dem gesellschaftlichen Umfeld herausgenommen werden, sondern ein mindestens genauso großer Gewinn für ihre Mitschüler und die gesamte Gesellschaft.
Deshalb habe ich mich deutlich für Inklusion ausgesprochen; doch angesichts der gegenwärtigen Versuche, sie durchzusetzen, werde ich immer skeptischer. Das lässt sich an meinen bisherigen Blogbeiträgen ablesen.

Was erfahre ich von Praktikern (das Schwergewicht liegt dabei auf dem Bereich von Hörgeschädigten und Sprachbehinderten)?

Gegenwärtig fallen ständig Sprachbehinderte aus dem Regelschulsystem heraus, weil sie nicht den für sie erforderlichen Rechtschreib- und Grammatikunterricht erhalten.
Je später das systematische Training einsetzt, desto länger zieht sich die Rehablilitation hin.
Es besteht jetzt schon ein Mangel an qualifizierten Lehrern, besonders eklatant ist der Mangel an Gebärdensprachendolmetschern. Wenn diese weiträumig über das Land verteilt werden, verlieren sie wertvolle Zeit, wo sie mit Schülern arbeiten könnten, durch Fahrzeiten zwischen den Arbeitsplätzen.

Da jeder Fall unterschiedlich ist, kann in einer Klassensituation die Inklusion von drei Schülern in einer Lerngruppe gelingen, während im anderen Fall der Lehrer mit der Inklusion zweier Schüler hoffnungslos überfordert sein kann. Das liegt zum einen an der Zusammensetzung der Lerngruppe, zum anderen an der unterschiedlichen Art der Sprachbehinderung (z.B. bestehen je nach Ausprägung eines Autismus enorme Unterschiede in der Fähigkeit, sich in eine Lerngruppe einzufügen). Nicht zuletzt aber hängt es - wie jüngst wieder aus der Hattie-Studie hervorging - entscheidend vom Lehrer ab, ob er die notwendige Empathie hat und in der Lerngruppe erreichen kann oder ob er damit überfordert ist.

Fast noch wichtiger ist allerdings auch die Frage, ob den Schulen, in denen Inklusion realisiert werden soll, die notwendigen sachlichen und personellen Voraussetzungen geschaffen werden. Bei striktem Bestehen auf Kostenneutralität und dem versteckten Versuch, sogar Kosten einzusparen, wird das Unternehmen scheitern. Die Scherben zusammenzukehren, wird teurer kommen als die notwendige Ausstattung von Anfang an.

Wenn man das Herausfallen  aus dem System in jedem Einzelfall präventiv angeht, kann der Prozentsatz von Inklusion deutlich gesteigert werden. Wenn man die vorhandenen Strukturen zerschlägt, ohne belastbare neue geschaffen zu haben, kann das verhängnisvoll werden.

26.2.12

Inklusion oder: Wunder dauern etwas länger

Wenn man von Schülern hört, die im Regelschulsystem gescheitert sind und durch besondere Förderung wieder Selbstbewusstsein und Leistungsfähigkeit entwickeln, dann kann man Zweifel an der Weisheit der allgemeinen Durchsetzung von Inklusion entwickeln.
Es ist ähnlich wie beim Atomausstieg: Wenn man trotz geltender Rechtslage jahrelang darauf spekuliert hat, dass es schon nicht dazu kommen wird und deshalb nichts - oder doch viel zu wenig - dazu getan hat, die Umstellung vorzubereiten, dann kann man nicht kostenneutral von Knall auf Fall umstellen.
Es gibt großartige Erfolge bei der Integration von Behinderten seit Helen Keller. Meist erforderten sie besondere Anstrengungen. Mit gutem Willen und rechtlichen Regelungen allein ist es nicht getan.
Ein paar eindrucksvolle Beispiele bringt Spiegel online:
"Ich glaube nicht daran, dass man im gemeinsamen Unterricht immer allen gerecht werden kann", sagt Lisa Leifheit vom Selbsthilfeverein Selbstständigkeitshilfe bei Teilleistungsschwächen (SetH) in Münster; es wäre aber viel mehr möglich, wenn alle Förderungsmöglichkeiten genutzt würden.

Vgl. auch: Inklusion zwischen Anspruch und Wirklichkeit 29.2.12
Gemeinsam anders. Ein Besuch in Südtirol 11.6.12

4.11.10

Jedes Kind hat das Recht ...

Kinderrechte werden oft missachtet. Millionen von Kindern führen ein Sklavendasein.
Doch der Kinderrechtskonvention sind mehr Staaten beigetreten als jeder anderen UN-Konvention (nur die USA und Somalia nicht).
Die UN-Behindertenrechtskonvention gibt jedem Kind den Anspruch auf gemeinsames Lernen. Inklusion und inklusive Pädagogik sind daher von den Menschenrechten her, die Konsequenz.

Dieser rechtlich unanfechtbare Anspruch stößt freilich da an seine Grenzen, wo Kinder die Unterrichtssituation nicht aushalten oder wo Lehrer außerstande sind, für eine spezielle Zusammensetzung von Schülern eine Lernsituation zu schaffen. Extrem verhaltensauffällige einerseits und psychisch schwer kranke Schüler andererseits können es auch methodisch auf Inklusion vorbereiteten Lehrern unmöglich machen, Lernsituationen für die Gruppe zu schaffen.
Mit der Frage, wo die Grenze zwischen aus Bequemlichkeit abgelehnter Inklusion und angesichts der gegebenen Situation undbedingt notwendiger Trennung liegt, beschäftigt sich heute Martin Spiewak in der ZEIT vom 4.11.10, S.39f. in seinem Artikel "Die Not ist riesengroß".

Wenn in Deutschland 80% der Schüler mit einem Handicap in Sonder- oder Förderschulen unterrichtet werden, international im Durchschnitt aber nur 15%, dann wird entweder hier oder dort etwas falsch gemacht.
Über methodisch Ansätze, die inklusives Lernen in höherem Maß, als bisher üblich, sinnvoll machen, informiert u.a. das Wiki "Vielfalt lernen".
"Jedes Kind hat das Recht auf Bildung" bedeutet noch nicht "jedes Kind hat das Recht darauf, seine Bedürfnisse in einer Unterrichtssituation auszuleben".

Dass aber mehr als 15% der behinderten Kinder die Chance auf Inklusion bekommen, dafür lässt sich noch einiges tun.