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25.5.17

Brauchen wir einen Literaturkanon?

"Ich finde nicht nur, dass ein Literaturkanon gut ist, weil ich an die tiefe Kraft glaube, die dem Verständnis von Literatur für jeden einzelnen inne liegt, sondern ich bin der Überzeugung,
dass ich besser auswählen kann, was man wissen soll (!) und was nicht. Weil ich über Jahre diese Themen studiert, über sie geschrieben, geredet und gestritten habe."
So formuliert Bob Blume in einem lesenswerten Text über den gegenwärtigen Bildungsdiskurs im Internet.

Brauchen wir einen literarischen Kanon? (Und: Schullektüren, Lesebücher.) fragt Herr Rau in seinem Lehrerzimmer.

Lesenswert sind auch die Kommentare dazu.

Zitat aus meinem Kommentar (ein klein wenig stilistisch verbessert):

"Lesebücher halte ich für so wichtig, weil die großartige „Rede des toten Christus“ und die „allmähliche Verfertigung des Gedankens“, die m.E. genauso zum Kanon gehören wie „Der Mond ist aufgegangen“ „Erlkönig“ und „Es war, als …“, sonst der Zufälligkeit des Interesses von einzelnen Deutschlehrern ausgeliefert wären.
Natürlich entsteht ein Kanon nur durch Gebrauch und davon reden, nicht durch Vorschriften.
Zum Glück gibt es noch Schulnamen, so dass wenigstens an diesen Schulen das eine oder andere Werk des Schulnamensdichters (in Ausschnitten) bekannt wird. – Mir unvergesslich, wie bei einer Lesung des lyrischen und dramatischen Werks eines nicht unbekannten Dichters (irgendetwas zwischen 48 und 90 Stunden) eine Sechstklässlerin als einzige das Metrum des „Reineke Fuchs“ deutlich zu Gehör brachte (Erwachsene scheiterten daran). Natürlich gehört „Reineke Fuchs“ nicht zum Kanon; aber dass dieser Dichter nicht nur im zweiten Teil seines dem Namen nach bekanntesten Werkes mit dem jambischen Trimeter antike Versmaße verwendete, das sollte … " (Da es Suchmaschinen gibt, lasse ich zunächst die zugehörigen Links fort.)

Auf jeden Fall ist der Artikel von Herrn Rau sehr lesenswert und für die meisten Leser dürfte auch das, was dort gesagt ist, ausreichen, um sich eine gut begründete Meinung zu bilden. Mich drängt es aber dazu, am Beispiel von Shakespeare und J.S. Bach auf die Geschichte der Kanonbildung einzugehen. 
Die Formulierung eines Kanons bedeutet immer ein Werturteil, und Werturteile bewähren sich nur im kritischen Diskurs (hier brauche ich ein Link, um anzudeuten, dass es um mehr als nur eine Unterhaltung geht). 
Shakespeare und J.S. Bach waren zu ihrer Zeit Mode. Dass sie aber heute weltweit zu den bedeutendsten Vertretern ihrer Kunst gezählt werden, hat sich erst durch einen Diskurs Generationen nach ihrem Tod herausgebildet. 
Lessing hat den zu seiner Zeit in Deutschland gültigen literarischen Kanon in seinem 17. Literaturbrief mit einem klaren "Ich bin dieser Niemand" in Frage gestellt und - letztendlich sehr erfolgreich - Shakespeare als Gegenbild herausgestellt. Die Weimarer Klassik ist ohne die Hinwendung zum Vorbild Shakespeare nicht denkbar (so sehr sie sich auch von ihm weg entwickelt hat).
J.S. Bach war durch seinen Sohn Carl Philipp Emanuel wegen dessen Epoche machenden Neuerungen, die die Wiener Klassik vorbereiteten, in den Schatten gestellt worden. Es bedurfte des J.S. Bach Revivals des 19. Jahrhunderts, um für das 20. und 21. Jahrhundert weltweit deutlich zu machen, dass Bach durch seinen Sohn nur abgelöst, nicht übertroffen worden war. 
Was wäre von Georg Büchner noch überliefert, wenn er nicht für den literarischen Kanon entdeckt worden wäre? [dazu sieh Ph. Wampflers Gegenkanon*]

Nicht zufällig habe ich Shakespeare und J.S. Bach als Beispiele für die Bedeutung der Kanonbildung herausgestellt; denn für diese beiden gilt - zumindest meiner Ansicht nach -, dass sie nicht "Zwerge auf den Schultern von Riesen" waren (so sehr sie auf der Überlieferung und den hervorragenden Werken ihrer Zeit aufbauten). Sie waren selber Riesen, und uns wäre Entscheidendes verloren gegangen, wenn wir nur die (großartigen, unsterblichen und was man sonst zum Lob der Künstler nach diesen beiden anführen mag) Werke, die auf sie folgten, angewiesen wären. 


So viel schon habe ich geschrieben und noch nichts dazu gesagt, weshalb man die  „Rede des toten Christus“ und die „allmähliche Verfertigung des Gedankens ...“ kennen sollte, obwohl sie beide nicht von Shakespeare oder einem der deutschen Klassiker stammen.

Vorerst schreibe ich auch noch nichts dazu, sondern wende mich meinem Tagewerk zu, nicht ohne ein kleines Gedicht anzuführen:
                                           „Schläft ein Lied in allen Dingen,
                                            Die da träumen fort und fort,
                                            Und die Welt hebt an zu singen,
                                            Triffst du nur das Zauberwort.“
Auch das verdient meiner Meinung nach, dem literarischen Kanon anzugehören. Und dazu braucht es meiner Meinung nach Lesebücher oder einen elektronischen Ersatz dafür. 
(Mehr zu Lesebüchern hier.)

Ergänzung am 24.5.:
Immer wieder gibt es Versuche, eine Kanonbildung zu unterstützen. Die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher (und die Folgeaktivitäten) gehörten dazu, Marcel Reich-Ranickis Kanon, auch Die Lieblingsgedichte der Deutschen.  Außerdem  der ZEIT-Schülerbibliotheks-Kanon (und daraus z.B.  Georg Büchner: Lenz, Leonce und Lena, Dantons Tod, Friedrich Dürrenmatt: Besuch der alten Dame, Jurek Becker: Jakob der Lügner, Georg Christoph Lichtenberg: Aphorismen, Hermann Bote: Till Eulenspiegel).
Die Beteiligung an der Umfrage zum Lyrikprojekt und die Auflagen der beiden erstgenannten zeugen von einem Interesse an einem Kanon und davon, dass er nicht staatlich verordnet sein muss, um wirksam zu werden.
Auch Lektürelisten von Universitäten oder Deutschlehrern (Beispiel von 1960 für eine 9. Klasse) helfen dabei.

Mehr zu der Bildung eines literarischen Kanons:
Hermann Korte: Grundzüge der Literaturdidaktik (ein Hinweis von Ph. Wampfler)
Philippe Wampflers Gegenkanon
*Büchner war als Schüler an der Bildung eines Gegenkanons beteiligt, wenn er mit seinen Freunden über Goethe und Schiller sprach statt über Homer und Horaz, wie seine Lehrer es von ihnen erwarteten. 

Dieser Text wurde auf Fontanefans Schnipsel entworfen.

Texte, die m.E. zu Unrecht in Vergessenheit zu geraten drohen:
Über das Marionettentheater
Campagne in Frankreich 1792

18.4.10

Sexueller Missbrauch?

Heideröslein

Sah ein Knab' ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
war so jung und morgenschön,
lief er schnell, es nah zu sehn,
sah's mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Knabe sprach: Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden!
Röslein sprach: Ich steche dich,
daß du ewig denkst an mich,
und ich will's nicht leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Und der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach,
half ihr doch kein Weh und Ach,
mußt' es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Ist es die Tatsache, dass dies Gedicht von Heinrich Werner so rührend vertont worden ist, ist es die Autorschaft Goethes oder das Gefühl, dass ja "nur" ein Röslein (Fräulein/Jungfrau) Gewalt erleidet, die uns dazu betimmen, diese matter-of-fact-Darstellung von sexuellem Missbrauch nicht zynisch zu finden? Oder sehen wir wirklich so wenig hin, dass wir uns erfolgreich vormachen, das Lied handele wirklich von einem Blumen pflückenden Jungen (wo Jungen doch so bekannt dafür sind, dass sie am liebsten Blumen pflücken!)?
Einfühlung in die Opferrolle hat uns die Kunst auf diesem Gebiet wohl kaum gelehrt. (Man achte in der ausdrucksvollen Vertonung Schuberts auf die Begleitung.)

Es lohnt sich, verschiedene Interpretationen zu vergleichen:
die Geschwister Hoffmann
Andre Rieux mit Susan Erans, Carmen Monacha und Carla Maffioletti
Schubert Vertonung in der Version der Don Kosaken mit passenden(?) Postkarten
Männergesangverein mit Dirigentin
John Kelly mit der Kelly Family
derselbe etwas älter zusammen mit Maite Itoiz
ein russischer Kinderchor
und schließlich im Zusammenhang mit "Kein schöner Land in dieser Zeit als hier das unsre" das Lied in höchsten rührendsten Tönen von lieblichen Knaben gesungen, fast so schön wie von den Regensburger Domspatzen. (Hier eine Aufnahme von 2005, wo die Dame die Rose fortwirft. Daran könnte eine Interpreation ansetzen.)

Wer denkt dabei an sexuellen Missbrauch? Es geschieht doch alles nur mit Einverständnis. In Herders "Stimmen der Völker in Liedern" lauteten die letzten Zeilen noch "aber er vergaß darnach beim Genuß das Leiden". Wer vergisst? Gewiss nicht der Missbrauchte.

Jetzt hören wir mehr und mehr darüber, was selbst einvernehmlicher Sex für die schwächere Seite bedeutet. Goethe hat es im Faust gestaltet, Lenz im Hofmeister. Die Opfer blieben stumm.

16.3.10

Gab mir ein Gott, zu sagen, was ich leide

"Päderasten sind unbelehrbar, wie alle wirklich Liebenden. In diesem Punkt sind sie dumm, und dumm sind auch die beflissenen Aufarbeiter, wenn sie von damaligen Exzessen sprechen - was Exzesse sind, sollte man beim Marquis de Sade nachlesen."
So schreibt Bodo Kirchhoff, der ein Leben lang darunter litt, nicht sagen zu können, was ihn so grundlegend verstörte, und der uns nun eine Ahnung von dem vermittelt, was es bedeutet, wenn erwachsenes Begehren und kindliche Sexualität aufeinander treffen.
Ich war zwölf, und ich war schmutzig - verdorben, sagte man damals, nicht ahnend, wie treffend dieses Wort ist. [...] hat meine Sexualität bis heute etwas Verwahrlostes, einen Mangel an Verbindlichkeit, dem ich ständig sprachlich zu begegnen versuche. [...] Doch erst die jetzige Debatte hat mich so zum Reden gebracht, dass es peinlich ist (für mich und die, denen ich nahe bin). Wie aber muss es da erst um die stehen, die trotz ihres Winnetous lebenslang keine Gelegenheit zur Spracharbeit hatten, weil sie normale Berufe ausüben?
(Diesen Text sollte man vollständig lesen und, wenn man wenig Zeit hat, besser auf die Lektüre dieses Blogbeitrags verzichten als auf den Text von Kirchhoff.)

Die Leiden eines alternden Genies, das sich in ein Mädchen verliebt, dem die Konvention keine Partnerschaft mit einem Übermächtigen aufdrängt, hat Goethe uns zu schildern vermocht. Nabokov hat die minderjährige Lolita zwar als Opfer, aber doch auch als Verführerin dargestellt. Alice im Wunderland von Lewis Carroll ist große Literatur. Und Alice Liddell hat darum gebeten, dass Carroll diese Erzählung niederschreiben solle. Über ihr Verhältnis zu Dodgson/Carroll hat sie sich aber nicht geäußert, auch nicht darüber, wie sie den Abbruch ihrer Beziehung zu Dodgson/Carroll 1863 erlebt hat. Wir wissen nicht, weshalb seine Erben seine Tagebuchaufzeichnungen aus dieser Zeit vernichtet haben. Auch Thomas Manns Tod in Venedig ist aus der Perspektive des Erwachsenen geschrieben. All diese Werke sind große Literatur, die die Perspektive des Kindes auslässt.
Hätte Adolf Muschg den Text von Bodo Kirchhoff gekannt, wäre ihm vielleicht erspart geblieben, neben den Täter auch den liebenden Erwachsenen zu stellen. Kirchhoff hat das Verhältnis überzeugender geschildert.
Dank an Kirchhoff, dass er uns gesagt hat, was er gelitten hat! Ist es wirklich ernüchternd, dass nicht "ein Gott", sondern "die jetzige Debatte" ihm ermöglicht hat, zu sagen, was ihm und denen, die ihm nahe stehen, noch heute so peinlich ist.
(Nachtrag vom 20.3.: Gerold Becker hat sich inzwischen nochmals entschuldigt.)

Erziehung braucht menschliche Nähe. Furchtbar, wenn die Nähe zu groß wird und die Menschenwürde von Opfer - und Täter - beschädigt. Wer in einem solchen Fall die Schuld trägt, ist klar. Deshalb Erziehung aufzugeben, wäre falsch. Aber was für eine Leistung die Erziehung in der Familie darstellt, wird in diesem Licht vielleicht deutlicher gesehen.

1.7.07

Motivsammlungen

Bei Herrn Rau werde ich auf den Aarene-Thompson-Index zu Märchenmotiven hingewiesen. Es ist ja durchaus eindrucksvoll, wie eng verflochten Märchenmotive miteinander sind.