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17.7.13

"Neue Lernkultur" oder neues "Marketing"?

Mit einer "neuen Lernkultur" soll in Baden-Württemberg "individuelle Potenzialentfaltung" erreicht werden.

Matthias Burchardt und Jochen Krautz kritisieren daran in der FAZ vom 10.05.2013, Nr. 107, S. 7
So entlarven sich die Leitbegriffe der Reform "Gemeinschaft" und "Individualisierung" als Marketingvokabeln: Zwar werden Kinder mit verschiedenen Fähigkeiten und Bedürfnissen in einem Raum zusammengefasst, doch bildet sich daraus keine Gemeinschaft, denn sie werden zu vereinzelten Lernplanbewältigern isoliert. "Individuell" ist nur das Tempo und die Reihenfolge, in der die normierten Lernpakete abgearbeitet werden. Vor dem Kompetenzraster sind alle Schüler gleich wenig individuell.
Herr Rau kommentiert das "Wenigstens ist aus dem Lehrer als Lernbegleiter ein bisschen die Luft rausgelassen worden, nachdem dessen Galleonsfigur Peter Fratton aufgehört hat".

Die taz zitierte dazu am 24.9.2007 drei Finninnen:
 "Die Deutschen nehmen das alles so ernst, die sind auch in der Schule hart gegen sich selbst", sagen sie. Die Finninnen verraten ihr Rezept: "Gutes Lernen ist wie Sex. Entweder leidenschaftlich - oder mechanisch und ohne Gefühl."

Mein Eindruck ist, dass Individualisierung des Lernens über Spiele (vgl. den motivierenden Bericht von Leila Concetti) und Projekte sehr motivierend sein kann, dass aber viele SchülerInnen bei einer Lernbegleitung "an langer Leine" keine zureichenden Lernstrategien entwickeln.

21.7.11

Spiele als Motivationshilfen?

pro: taz vom 19.7.11
contra: Comic

Die Beispiele der taz können mich nicht recht überzeugen. Wenn der Guardian die Möglichkeit anbot, Politikern auf die Spur zu kommen, die bei ihren Spesenabrechnungen Schmu gemacht hatten, so bot er durchaus eine intrinsische Motivation. Recht genau die, die die Mitarbeiter von Guttenbergplag dazu motivierte, eine Arbeit zu erledigen, die in so kurzer Zeit kein einzelner Professor hätte bewältigen können.
Und damit ist eine zweite Motivation bezeichnet: Wenn eine Aufgabe so umfassend ist, dass sie von wenigen gar nicht, von sehr vielen aber - vergleichsweise - leicht bewältigt werden kann, dann spornt das zur Mitarbeit an. Das zeigte sich bei der Wikipedia.
Ein spielerisches Moment kann dabei durchaus unterstützen, vor allem bei langweiligen Aufgaben. Aber entscheidend für die Motivation ist es bei dieser Art von Aufgaben nicht.
Etwas anderes liegt vor, wenn in der Chemie besondere Passungen von Molekülen gesucht werden, die bestimmte Kriterien erfüllen. Hier ist wichtig, dass zunächst an einfacheren Spielen getestet wird, ob der Spieler ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen hat, bis ihm dann die schwierigen Aufgaben gestellt werden, die die Wissenschaftler zu bewältigen haben und die nur von vielen und mit besonderer Ausdauer gelöst werden können.

16.6.11

Über die Gefahren von Computerschach und anderen Computerspielen

Unregelmäßig, aber mindestens einmal alle halbe Jahr komme ich dazu, mit einem Menschen Schach zu spielen. Vorher unterhalten wir uns, aber wir versuchen doch auch noch die Zeit für ein oder zwei Spiele herauszuschinden. Dann fahre ich des öfteren im Dunkeln nach Hause, obwohl ich das sonst zu vermeiden suche.
Mit meinem Computer kann ich auch Schach spielen. Er hat mir noch nie eine Revanche versagt. Das kann sich hinziehen.
Aber trotzdem versuche ich mich an einer Rechtfertigung für den Zeitverbrauch:

Relativ wenige Brettspiele sind darauf angelegt, Tötungshemmungen abzubauen, Computerspiele der Art gibt es einige. - Ich weiß, dass die wenigsten Spieler solcher Spiele in die Gelegenheit kommen werden, auszuprobieren, ob die Spiele in der Hinsicht effektiv sind.
Wenn man aber nachts bis um 4:00 um sein Leben gekämpft hat, sind am nächsten Morgen Dreisatzaufgaben nicht eben der Thrill.
7.-Klässler lassen sich solche Spiele von ihren Großeltern schenken. So können sie oft vermeiden, dass irgend jemand mitbekommt, was sie da tun. Da meine Kinder alle erwachsen sind, habe ich freilich noch nie ausprobiert, wie ich auf solche Spiele reagieren würde. Mir reichen Berichte von anderen Erwachsenen, die sie mit Interesse gespielt haben.
Natürlich lassen sich mit Computerspielen Lernstoffe erarbeiten und Fähigkeiten trainieren. (vgl. z.B. für Geschichte)

Nachtrag vom 17.6.:
Ich habe einen Bericht eines amerikanischen Ausbilders gelesen, wonach die gezielten Todesschüsse auf Gegner am Anfang des Vietnamkrieges etwa auf dem Niveau lag, das man auch für den 2. Weltkrieg annimmt, etwa 10%. Durch Einsatz der Schulungssoftware habe sich die Quote auf etwa 90% erhöhen lassen. Diese Schulungssoftware sei der Urahn heutiger Computerkampfspiele.
Bei Gelegenheit kann ich mal danach googeln.
Berichte aus dem weiteren Bekanntenkreis über die Faszination von Computerkampfspielen für sozial gut integrierte, vielseitig engagierte, u.a. durch Orchester, Sportverein und Mitarbeit in der Schülervertretung beschäftigte Schüler lassen mir wenig Hoffnung, dass sozial schlecht integrierte Schüler mit wenig Erfolgserlebnissen in "real life" der Faszination wesentlich besser widerstehen.
Es ist richtig: Sämtliche "Vorurteile über die sozialvereinsamten vor dem PC [haben sich] in Luft aufgelöst." Nur der Motivationsverlust auch der sozial gut Integrierten ist erschreckend.
Und die bleiben weiterhin die, auf denen zu Recht die Hoffnungen ruhen.