14.8.17

Jean-Pol Martin: Wir brauchen neue Menschenrechte!

Ich möchte hier einige zentrale Aussagen von Jean-Pol Martin über die Notwendigkeit einer Neuformulierung der Menschenrechte im Lichte gesellschaftlicher Veränderungen und neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse vorstellen. Das vollständige Manifest findet sich in seinem Blogartikel:  Wir brauchen neue Menschenrechte!

"[...] Gestützt auf diese Erkenntnis und auf die Tatsache, dass Planen und Reflektieren zu den Dispositionen und Bedürfnissen des Menschen gehören, sollten bei der Auflistung von Grundrechten neue Prioritäten gesetzt werden. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte entstand entsprechend dem historischen Entstehungskontext in der Tradition der Aufklärung auf philosophischer, idealistischer Basis. Sie stützte sich nicht auf ein wissenschaftlich abgesichertes, kohärentes Menschenbild, aus dem sich logisch ableitbare Handlungsempfehlungen aussprechen lassen. Die Artikel scheinen ihre Reihenfolge und ihre Unterteilung vielfach dem Zufall zu verdanken. Die zentralen Begriffe, allen voran „die Menschenwürde“, oder „die Freiheit“ sind unscharf und lassen großen Spielraum für philosophisch oder theologisch geprägte Interpretationen.
Daher sollte bei der Auflistung von Menschenrechten direkt an die Konstitution des Menschen und an seine Bedürfnisse angeknüpft werden.
Es werden Forderungen an die politischen Verantwortlichen gestellt.  Diese verändern radikal den Blick auf die Welt.
Unter den einzelnen Artikeln stehen die Artikel aus der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die sich zur entsprechenden Thematik einordnen lassen.

Präambel:GlückZiel aller Maßnahmen weltweit ist die Schaffung von Strukturen (wirtschaftlichen, politischen, ethischen), die für ein Mehr an Entfaltung für die Natur und an Glück* für alle Lebewesen sorgen. Die nachfolgenden Artikel bilden dazu Voraussetzungen.
Allg. Erklärung: Fehlanzeige
Artikel 1: Denken
Zentrales Grundbedürfnis des Menschen ist das Denken (Informationsverarbeitung und Konzeptualisierung).
Es müssen alle Bedingungen geschaffen werden, damit alle Menschen Zugang zu Informationen und zur Möglichkeit der Konzeptualisierung erhalten. Optimales Denken setzt die optimale Realisierung der Artikel 2 bis 6 voraus.
Allg. Erklärung: Artikel 18, 19, 26, 27
Artikel 2: Gesundheit
Alle Maßnahmen werden weltweit getroffen, damit Lebewesen ihre physiologischen Bedürfnisse befriedigen können. Dies schließt auch das Bedürfnis nach Sexualität ein. Mit der Natur als Reservoir wird sorgfältig und schonend umgegangen.
Allg. Erklärung: Artikel 24, 25
Artikel 3: Sicherheit
Es wird weltweit angestrebt, Strukturen zu schaffen, die ein Maximum an Sicherheit für alle Lebewesen sorgen. Mit der Natur wird in diesem Zusammenhang schonend umgegangen.
Allg. Erklärung: Artikel 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 14, 15, 17, 22, 28
Artikel 4: Soziale Einbindung
Es wird weltweit dafür gesorgt, dass Lebewesen sich in einem sozial stützenden Umfeld bewegen. Es sollen Strukturen geschaffen werden, die Selbstverwirklichung sozial unterstützen.
Allg. Erklärung: Artikel  1,  16, 20, 22, 25, 26, 27
Artikel 5: Selbstverwirklichung und Partizipation
Es wird weltweit dafür gesorgt, dass Lebewesen alle ihre Potenziale zur Entfaltung bringen. Dabei wird schonend mit der Natur umgegangen. Da die Entfaltung des Einzelnen nur im Rahmen der ihn umgebenden Strukturen erfolgen kann, muss die Möglichkeit bestehen, Einfluss auf diese Strukturen zu nehmen, also zu partizipieren. Die Gesellschaft ist zur Optimierung darauf angewiesen, dass möglichst viele ihre intellektuellen, emotionalen und materiellen Ressourcen dafür zur Verfügung stellen.
Allg. Erklärung: Artikel 12, 13, 17, 18, 19, 20, 21, 23, 24, 25, 26, 27
Artikel 6: Sinn
Es wird weltweit dafür gesorgt, dass Lebewesen ihr Leben als sinnvoll und befriedigend empfinden.
Allg. Erklärung: Fehlanzeige
 Einen Vorteil dieser Neuformulierung der Menschenrechte sehe ich in ihrer Operationalisierbarkeit.
Während „die Menschenwürde“ oder die „Freiheit“ wegen ihrer Abstraktheit schwer direkt einklagbar sind, lässt sich das „Recht auf gute Denkbedingungen“ leichter konkretisieren [...]  (Jean-Pol Martin: Wir brauchen neue Menschenrechte!)

21.7.17

Die Flüchtlingskrise in den Medien

"Die überregionalen Medien haben die Bevölkerung vergessen" Deutschlandfunk 20.7.2017
"Während der Flüchtlingskrise sei zu unkritisch über die Zuwanderung berichtet worden - das ist das Ergebnis einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung"

mehr dazu

Ich freue mich, dass jetzt in einer Studie untermauert worden ist, wovor ich seit Herbst 2015 gewarnt habe und was ich im Februar 2016 ausführlich als Blauäugigkeit kritisiert habe. 
In der Flüchtlingskrise 2015 wurden die moralischen Appelle seitens der Politik und in den zentralen Medien überbetont und die Schwierigkeiten klein geredet. 
Gut ist, dass jetzt ein größerer Realismus in Berichten und Kommentaren eingekehrt ist.
Beschämend ist, dass er nach den Ereignissen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht 2015/16 so schlagartig einsetzte, als wären die Medien zentral gesteuert. 
Und bedauerlich ist, dass der Deal der EU mit der Türkei zu selten realistisch behandelt wird als ein Umschwenken in der Flüchtlingspolitik, das wegen der Überforderung der Institutionen notwendig, aber nicht von den notwendigen Maßnahmen zur Stärkung der Aufnahmebereitschaft von Flüchtlingen begleitet wurde.
Dieser sehr problematische Deal wurde meist entweder radikal verworfen oder nahezu unkritisch gerechtfertigt. 
Ich hoffe, dass die Qualitätsmedien aus ihren Fehlern genügend gelernt haben, dass sie nicht wieder so energisch in die Falle einer törichten Einseitigkeit tappen. 

Natürlich war es ein Segen, dass das Sterben Zehntausender im Mittelmeer in den Blick geriet.
Aber das - politisch verständliche - "Wir schaffen das"  in den Medien unkritisch zu begleiten, war kontraproduktiv.

Es macht mich freilich auch nicht glücklich, dass manche Zeitung frühere Fehler dadurch gut zu machen versucht, dass sie nun dem AfD-Wahlkampf besondere Aufmerksamkeit zuwendet. 

Zur Sicherung der schriftlichen Überlieferung

Rettung von Bücherschätzen: In guter Ordnung, aber schlechter Verfassung FAZ 18.7.2017
"Wissenschaft und Gesellschaft brauchen beides, das Original und das Digitalisat. Aber weder mit der Bewahrung der Originale noch mit der Digitalisierung der historischen Buchbestände geht es in Deutschland recht voran. Dabei müsste die Sicherung der schriftlichen Überlieferung auf der kulturpolitischen Agenda ganz oben stehen. [...]
Fast alle Nationen empfinden es als ehrenvolle Pflicht, ihre in Jahrhunderten entstandene schriftliche Überlieferung in das gemeinsame Haus Europa einzubringen. Ausgerechnet Deutschland lässt seine Originale unsichtbar in den Magazinen und riskiert ihren physischen Verfall, als ob die deutschen Bibliotheken nicht schon im Zweiten Weltkrieg fünfzehn Millionen Bände verloren hätten. Der deutsche Beitrag zur europäischen schriftlichen Überlieferung, der bisher nur als Underperformance bezeichnet werden kann, muss auch im Online-Portal Europeana erkennbar werden."

Dazu auch:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/gedruckt-oder-digital-e-read-erforscht-das-lesen-14936028.html

Ich habe vor, auf das Thema zurückzukommen, möchte aber jetzt schon darauf hinweisen.

19.7.17

Guter Unterricht

Lehrer über Inklusion: So könnte guter Unterricht gehen Spiegel online 18.7.17
"Viele Eltern und Lehrer kritisieren die Inklusion - wegen fehlenden Personals und mangelnder Ausstattung. Für Lehrer Philipp Krüger nur die halbe Wahrheit. Er fordert anderen Unterricht."

 Den lieb ich, der Unmögliches begehrt.“ 

Philipp Krüger hat Recht, wenn er einen anderen Unterricht als Voraussetzung dafür fordert, dass Inklusion gelingen kann. Schließlich gibt es Beispiele, wo er möglich ist.

Ich wünsche mir, dass diese Forderung allgemeiner verbreitet wäre und auch in der Lehrerausbildung berücksichtigt würde. Bis dahin aber wird Inklusion ohne zusätzliches Personal bei den jetzigen Organisationsformen nur unter besonderen Umständen erfolgreich sein können. Im Regelfall brauchen benachteiligte Schüler andere Organisationsformen. 
Schüler, die in der Regelschule gescheitert sind, können so schon heute angesammelte Lerndefizite wieder ausgleichen. 

15.7.17

Deutschland als Exportweltmeister und das Flüchtlingsproblem

Wikipedia Commons, Strich von Fontanefan
"If you draw an angled line between Bristol and the Wash, you divide the country into two halves with roughly twenty-seven million people of each side. Between 1980 and 1985 the southern half lost 103,600 jobs. In the northern half in the same period they lost 1,032,000 jobs, alsmost exactly ten times as many. And still factories are shutting. [...] So I ask again: What do all those people in all those houses do - and what, more to the point, will their children do?" (Bill Bryson: Notes from a small Island, S. 212 Copyright 1995)

Die möglichen Folgen des Brexit sind dabei nicht eingerechnet. Ich möchte die Frage aber "more to the point" zu einer Linie west-östlich durch das Mittelmeer stellen und mich speziell auf den Handel der EU mit Afrika und auf Deutschlands Rolle als Exportweltmeister beziehen: Was werden die Menschen in Afrika in 20 Jahren tun, wenn wir an unserer Politik festhalten? (Fontanefan)

Weiteres zu Deutschland als Exportweltmeister

Und hier ein Auszug aus einem Blogartikel von apanat vom 1.10.2010:
"Den Titel des Exportweltmeisters gegen China verteidigen zu wollen, wäre Rückfall ins 20. Jahrhundert. Es gilt, die Marktnischen zu finden, die der Koloss China bei seiner Aufholstrategie nicht besetzen kann.
Für die heutige Bundesrepublik ist ein Festhalten am Gigantismus überholt, und ein Kampf gegen die eigene Bevölkerung, wie ihn China 1989 am Platz des himmlischen Friedens geführt hat, wäre heute selbst für China eine überholte Strategie.
„Die gesamte Geschichte, unabhängig von Zeit und Ort, durchzieht das Phänomen, daß Regierungen und Regierende eine Politik betreiben, die den eigenen Interessen zuwiderläuft“, sagt Barbara Tuchmann in ihrem Werk „Die Torheit der Regierenden“.
Es steht zu hoffen, dass die, die gestern noch die Polizei zu ihrem Büttel gemacht haben, ihre eigenen Interessen erkennen. Das gilt nicht nur für die Regierungen [...], sondern auch für die Manager multinationaler Konzerne in Europa und Nordamerika.
Rund 10 Milliarden DM betrugen die in den Sand gesetzten Investitionen in die Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf. Das Festhalten an überholten Verkehrs- und Energiekonzepten würde die Konzerne weit teurer kommen und sie gewiss ihre Konkurrenzfähigkeit kosten."

Den EU-Handelsprotektionismus und das Flüchtlingsproblem gab es damals schon längst, nur war es damals noch wenig erfolgversprechend, auch damit zu argumentieren.

Eine Nachricht aus Kamen. Dort geht es um einen Flüchtling aus Afghanistan.

Damit auch eine Argumentation für Deutschland als Exportweltmeister verglichen werden kann, hier Uwe Jean Heuser "Böser, böser deutscher Export" vom 12.7.2017

Dafür aber auch eine sehr klar formulierte Kritik am ExportÜberschuss:
Mehr zu Exportweltmeister und Exportüberschuss



11.7.17

Moderne Didaktik - Kompetenzorientierung

Bildungskatastrophe: Abiturienten scheitern schon am Bruchrechnen Wirtschaftswoche 10.7.2017

Die Klage über die Unkenntnis der neuen Generation ist schon Jahrtausende alt. Insofern ist die Kritik eines emeritierten Fachdidaktikers an seinen jungen Fachkollegen kein Wunder.
Dennoch sind mit jeder Modernisierung früher beherrschte Fähigkeiten verloren gegangen. Was ein jungsteinzeitlicher Handwerker konnte, eignen sich experimentelle Archäologen heute mühsam an.
Mit jeder neuen Zivilisations- und Kulturstufe geht ein Stück Fähigkeit, ohne sie auszukommen, verloren. (Lars Gustafsson: Die Stille der Welt vor Bach)

Ich will hier nur an das Problem erinnern, es nicht genauer erörtern. Zu Beginn meiner Studienzeit klagte Walther Killy über den "mittleren Studenten"*. Ich war ein solcher Student und habe doch lange geglaubt, man müsse als Deutschlehrer auch die pädagogische Provinz (Wilhelm Meister) und die Campagne in Frankreich kennen.
Zukünftige deutsche Kommunikationswissenschaftler (die Germanistik geht gegenwärtig offenbar in diesem umfassenderen Wissensgebiet auf) werden sicher alle noch Goethe dem Namen nach kennen, aber gewiss nur noch wenige seiner Werke gelesen haben. Früher oder später aber wird die Fähigkeit, flüssig von Hand zu schreiben, nur noch von wenigen Spezialisten der historischen Kommunikationswissenschaft weitergegeben werden.

Jede neue Generation wird darüber entscheiden müssen, an welcher Überlieferung festgehalten werden soll und welche man in "Orchideenwissenschaften" im elfenbeinernen Turm verwahrt, bis sie wie heute die Islamwissenschaften wieder brandaktuell werden.

Als Pensionär mache ich hier keinen Versuch, ein fundiertes Urteil über Kompetenzorientierung abzugeben.
Ich halte nur fest, ich bin alt genug, ihr kritisch gegenüber zu stehen, und zu jung, um zu meinen, dass alles, was einmal zum Mittelstufenstoff gehörte, auch in künftigen Jahrzehnten noch von allen Abiturienten beherrscht werden müsste. (Ich verweise dazu auf das "Säbelzahn-Currikulum"*.)

Bruchrechnung war schon lange nicht jedermanns Sache, Es gibt aber immer noch Optimisten, die meinen, dass nicht nur besonders Begabte sie frustfrei lernen können.

Manche Sprache, die schon ausgestorben schien, wurde neu belebt; aber gleichzeitig verwandeln sich lebende Sprachen bis zur Unkenntlichkeit.
Ich hätte mir als Fünftklässler ("Sextaner") nicht vorstellen können, welche Schwierigkeiten heute hochqualifizierte Journalisten mit der Unterscheidung von Genitiv und Dativ haben. Dabei ist das Deutsche im Verhältnis zum Englischen ja noch stabil; denn es wird nur von - vergleichsweise - wenigen Millionen als Zweit- oder Drittsprache verwendet.

Zwei Fragen:
Ist die Fähigkeit zur Unterscheidung von Fällen im Deutschen noch eine Kompetenz oder gehört sie schon zur überholten "Stoffdidaktik"?

Muss man das Säbelzahn-Curriculum kennen, um zu verstehen, dass schon altsteinzeitliche Jäger kompetenzorientiert lernten, aber auch über einen umfassenden Fundus an Kenntnissen über Pflanzen, Tiere, Geräusche ... hatten. (Auch wenn ihre Pflanzenkenntnis geringer gewesen sein wird als die der Sammlerinnen.)

* Der mittlere Student (1963) in: Killy, Walther: Bildungsfragen München 1971

*"Aber - aber jedenfalls müssen Sie zugeben, daß sich die Zeiten geändert haben. Könnten Sie es mit diesen modernen Dingen nicht wenigstens versuchen? Vielleicht haben sie doch einen gewissen erzieherischen Wert?!" Selbst die anderen Radikalen meinten, daß er nun zu weit gegangen sei. Die weisen Alten wurden böse. Ihr freundliches Lächeln verschwand. "Wenn du selbst eine Erziehung hättest", sagten sie ernst, "dann würdest du wissen, daß die Wirkung einer wahren Erziehung zeitlos ist. Es ist etwas, das auch unter veränderten Bedingungen andauert wie ein Felsbrocken inmitten eines reißenden Flusses. Du mußt wissen, daß es einige ewige Wahrheiten gibt, und das Säbelzahn-Curriculum ist eine davon". (H. Benjamin)

15.6.17

Kindesmissbrauch

Es geschieht jeden Tag, jede Nacht ZEIT 13.6.17
"Wollen wir erreichen, dass die Zahl der jährlichen Missbrauchsfälle zurückgeht und Betroffene die erforderliche Unterstützung erhalten, darf es ein einfaches "Weiter so" nicht geben. Ich plädiere dafür, dass Bund und Länder gemeinsam mit mir im Jahr 2018 ein neues Programm für den verstärkten Schutz gegen Kindesmissbrauch aufstellen."

Kommission zur Aufarbeitung: Zwischenbericht 14.6.17
"Kinder haben oft keine oder erst spät Hilfe erfahren, weil Familienangehörige zum Teil lange etwas von dem Missbrauch wussten, sie dennoch nicht davor schützten und handelten.
Insbesondere die Rolle der Mütter steht im Fokus. Mütter treten nach den Erkenntnissen der Kommission auch als Einzeltäterinnen auf, aber vorwiegend als Mitwissende und damit als Unterstützende der Taten. Gründe für das Dulden des Missbrauchs sind u.a. Abhängigkeiten, erlebte Rechtlosigkeit, Ohnmachtserfahrungen und Gewalt in der Partnerschaft, jedoch auch die Angst vor dem Verlust des Partners oder der gesamten Familie sowie bereits eigene vorausgegangene Missbrauchserfahrungen in der Familie. In den wenigsten Fällen haben die Mütter ihren Kindern geglaubt und sie vor weiterem Missbrauch geschützt. Hilfe von außerhalb der Familie erfahren Betroffene selten, weil die Familie, als Privatraum gesehen wird. Aufarbeitung muss sich folglich mit der Wirkung gesellschaftlicher Vorstellungen von Familie sowie der Rolle von Eltern und anderen Angehörigen befassen. Zu klären ist auch, welche Bedeutung das Dilemma zwischen dem Schutz der Privatsphäre und der Aufgabe des staatlichen Wächteramtes hat." (Hervorhebung von Fonty)

Es reicht nicht, Täter und Mitwisser von Kindesmissbrauch zu verurteilen. Es müssen Strukturen geschaffen werden, wo Kinder Hilfe finden können. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

dazu auch:
Aguas Bravas

Ein Erlebnisbericht

Elisas Not FR 26.4.2010

Bodo Kirchhoff über seine Erfahrung als Missbrauchsopfer

Bis zu 700 Missbrauchsopfer bei Regensburger Domspatzen, SZ 8.1.16 
Tweets zu #Domspatzen


Einstellung zu sexuellem Umgang von Erwachsenen mit Kindern um 1980

Link zu allen Artikeln zu sexuellem Missbrauch an Kindern auf diesem Blog

25.5.17

Brauchen wir einen Literaturkanon?

"Ich finde nicht nur, dass ein Literaturkanon gut ist, weil ich an die tiefe Kraft glaube, die dem Verständnis von Literatur für jeden einzelnen inne liegt, sondern ich bin der Überzeugung,
dass ich besser auswählen kann, was man wissen soll (!) und was nicht. Weil ich über Jahre diese Themen studiert, über sie geschrieben, geredet und gestritten habe."
So formuliert Bob Blume in einem lesenswerten Text über den gegenwärtigen Bildungsdiskurs im Internet.

Brauchen wir einen literarischen Kanon? (Und: Schullektüren, Lesebücher.) fragt Herr Rau in seinem Lehrerzimmer.

Lesenswert sind auch die Kommentare dazu.

Zitat aus meinem Kommentar (ein klein wenig stilistisch verbessert):

"Lesebücher halte ich für so wichtig, weil die großartige „Rede des toten Christus“ und die „allmähliche Verfertigung des Gedankens“, die m.E. genauso zum Kanon gehören wie „Der Mond ist aufgegangen“ „Erlkönig“ und „Es war, als …“, sonst der Zufälligkeit des Interesses von einzelnen Deutschlehrern ausgeliefert wären.
Natürlich entsteht ein Kanon nur durch Gebrauch und davon reden, nicht durch Vorschriften.
Zum Glück gibt es noch Schulnamen, so dass wenigstens an diesen Schulen das eine oder andere Werk des Schulnamensdichters (in Ausschnitten) bekannt wird. – Mir unvergesslich, wie bei einer Lesung des lyrischen und dramatischen Werks eines nicht unbekannten Dichters (irgendetwas zwischen 48 und 90 Stunden) eine Sechstklässlerin als einzige das Metrum des „Reineke Fuchs“ deutlich zu Gehör brachte (Erwachsene scheiterten daran). Natürlich gehört „Reineke Fuchs“ nicht zum Kanon; aber dass dieser Dichter nicht nur im zweiten Teil seines dem Namen nach bekanntesten Werkes mit dem jambischen Trimeter antike Versmaße verwendete, das sollte … " (Da es Suchmaschinen gibt, lasse ich zunächst die zugehörigen Links fort.)

Auf jeden Fall ist der Artikel von Herrn Rau sehr lesenswert und für die meisten Leser dürfte auch das, was dort gesagt ist, ausreichen, um sich eine gut begründete Meinung zu bilden. Mich drängt es aber dazu, am Beispiel von Shakespeare und J.S. Bach auf die Geschichte der Kanonbildung einzugehen. 
Die Formulierung eines Kanons bedeutet immer ein Werturteil, und Werturteile bewähren sich nur im kritischen Diskurs (hier brauche ich ein Link, um anzudeuten, dass es um mehr als nur eine Unterhaltung geht). 
Shakespeare und J.S. Bach waren zu ihrer Zeit Mode. Dass sie aber heute weltweit zu den bedeutendsten Vertretern ihrer Kunst gezählt werden, hat sich erst durch einen Diskurs Generationen nach ihrem Tod herausgebildet. 
Lessing hat den zu seiner Zeit in Deutschland gültigen literarischen Kanon in seinem 17. Literaturbrief mit einem klaren "Ich bin dieser Niemand" in Frage gestellt und - letztendlich sehr erfolgreich - Shakespeare als Gegenbild herausgestellt. Die Weimarer Klassik ist ohne die Hinwendung zum Vorbild Shakespeare nicht denkbar (so sehr sie sich auch von ihm weg entwickelt hat).
J.S. Bach war durch seinen Sohn Carl Philipp Emanuel wegen dessen Epoche machenden Neuerungen, die die Wiener Klassik vorbereiteten, in den Schatten gestellt worden. Es bedurfte des J.S. Bach Revivals des 19. Jahrhunderts, um für das 20. und 21. Jahrhundert weltweit deutlich zu machen, dass Bach durch seinen Sohn nur abgelöst, nicht übertroffen worden war. 
Was wäre von Georg Büchner noch überliefert, wenn er nicht für den literarischen Kanon entdeckt worden wäre? [dazu sieh Ph. Wampflers Gegenkanon*]

Nicht zufällig habe ich Shakespeare und J.S. Bach als Beispiele für die Bedeutung der Kanonbildung herausgestellt; denn für diese beiden gilt - zumindest meiner Ansicht nach -, dass sie nicht "Zwerge auf den Schultern von Riesen" waren (so sehr sie auf der Überlieferung und den hervorragenden Werken ihrer Zeit aufbauten). Sie waren selber Riesen, und uns wäre Entscheidendes verloren gegangen, wenn wir nur die (großartigen, unsterblichen und was man sonst zum Lob der Künstler nach diesen beiden anführen mag) Werke, die auf sie folgten, angewiesen wären. 


So viel schon habe ich geschrieben und noch nichts dazu gesagt, weshalb man die  Rede des toten Christus“ und die „allmähliche Verfertigung des Gedankens ...“ kennen sollte, obwohl sie beide nicht von Shakespeare oder einem der deutschen Klassiker stammen.

Vorerst schreibe ich auch noch nichts dazu, sondern wende mich meinem Tagewerk zu, nicht ohne ein kleines Gedicht anzuführen:
                                           „Schläft ein Lied in allen Dingen,
                                            Die da träumen fort und fort,
                                            Und die Welt hebt an zu singen,
                                            Triffst du nur das Zauberwort.“
Auch das verdient meiner Meinung nach, dem literarischen Kanon anzugehören. Und dazu braucht es meiner Meinung nach Lesebücher oder einen elektronischen Ersatz dafür. 
(Mehr zu Lesebüchern hier.)

Ergänzung am 24.5.:
Immer wieder gibt es Versuche, eine Kanonbildung zu unterstützen. Die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher (und die Folgeaktivitäten) gehörten dazu, Marcel Reich-Ranickis Kanon, auch Die Lieblingsgedichte der Deutschen.  Außerdem  der ZEIT-Schülerbibliotheks-Kanon (und daraus z.B.  Georg Büchner: Lenz, Leonce und Lena, Dantons Tod, Friedrich Dürrenmatt: Besuch der alten DameJurek Becker: Jakob der LügnerGeorg Christoph Lichtenberg: Aphorismen, Hermann Bote: Till Eulenspiegel).
Die Beteiligung an der Umfrage zum Lyrikprojekt und die Auflagen der beiden erstgenannten zeugen von einem Interesse an einem Kanon und davon, dass er nicht staatlich verordnet sein muss, um wirksam zu werden.
Auch Lektürelisten von Universitäten oder Deutschlehrern (Beispiel von 1960 für eine 9. Klasse) helfen dabei.

Mehr zu der Bildung eines literarischen Kanons:
Hermann Korte: Grundzüge der Literaturdidaktik (ein Hinweis von Ph. Wampfler)
Philippe Wampflers Gegenkanon
*Büchner war als Schüler an der Bildung eines Gegenkanons beteiligt, wenn er mit seinen Freunden über Goethe und Schiller sprach statt über Homer und Horaz, wie seine Lehrer es von ihnen erwarteten. 

Dieser Text wurde auf Fontanefans Schnipsel entworfen.

Texte, die m.E. zu Unrecht in Vergessenheit zu geraten drohen:
Über das Marionettentheater
Campagne in Frankreich 1792

19.5.17

Lehrer - Ist es wirklich so schlimm?

"Der Job frisst einen einfach auf" ZEIT online 18.5.2017

"Der Dokumentarfilm "Zwischen den Stühlen" hat drei junge Lehrer ein Jahr lang begleitet. Katja Wolf war eine von ihnen, sie dachte ans Aufhören – das tut sie noch immer. [...]
Ich bin nur zu einem Drittel Lehrerin. Ein Drittel ist noch Psychologin oder Sozialarbeiterin sowohl für die Eltern als auch für die Kinder, und der Rest geht für Büroarbeit drauf. Ich bin zwar sechs Stunden in der Klasse, aber was ich nebenbei mache, ist so viel, dass ich eigentlich zu wenig Zeit mit dem Lehren verbringe. Der Verwaltungsaufwand ist extrem hoch. Man muss Anträge schreiben, viel hinterher telefonieren, Statistiken erstellen, für all diese Sachen im Hintergrund muss ich zusätzlich Zeit opfern, die dann an der Arbeit mit den Kindern fehlt. Und wenn man versucht, alles unter einen Hut zu bekommen, hat man entweder zehn- bis zwölf-Stunden-Tage oder arbeitet am Wochenende durch. Dauerhaft kann das keiner."

16.5.17

#EDchatDE No 172 School and business: Opponents or partners?


  1. School and business: Opponents or partners?
  2. Neither nor!

  3. Sie können sich ergänzen u auf gemeinsame Ziele hinarbeiten
darf nicht für eine arbeiten. Die der Verlage sei: : Hilfsmittel fürs Lernen bereitzustellen.
: können gleiche Ziele haben wie , haben aber parallel auch andere.
Gefährlich sind die falschen Freunde der : als Instrument des

5.5.17

G8 oder G9 macht keinen Unterschied, aber die Umstellung einen großen Aufwand

Neue Expertise zeigt: G8 oder G9 macht keinen Unterschied bildungsklick 4.5. 2017

"Zentrale Erkenntnis der Expertise von Prof. Dr. Olaf Köller vom Leipniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel ist, dass die G8-Reform keine negativen Folgen hat. Zwischen G8- und G9-Abiturienten lassen sich keine Unterschiede in der fachlichen Leistung nachweisen."

Laut ZEIT 19/2017 im Teil Chancen sieht sich  Prof. Köller aufgrund dieser Studie zu dem Urteil berechtigt: "[...] Politiker und Eltern, die wieder G9 wollen, verhalten sich genauso postfaktisch [wie Trump]".

Es bleibt sein Geheimnis, wie man sich postfaktisch verhalten kann. Aber für Beschimpfungen scheint sich das Wort zu eignen. 
Ein Wissenschaftler, der auf sich hält, sollte auf einem anderen Niveau argumentieren, finde ich.

Hier kann man sich seine Studie genauer ansehen:
https://www.stiftung-mercator.de/de/publikation/verkuerzung-der-gymnasialzeit-in-deutschland/

Auch Alexander Stracke sieht G9 und G8 als gleichwertig an, ist aber weit entfernt davon, Befürworter der Rückkehr zu G9 als sich "postfaktisch" verhaltend zu bezeichnen. Allerdings hat er zwei wichtige Beobachtungen gemacht:
1)
 "Die Umstellung war jeweils mit erheblichem Aufwand verbunden. Es gab neue Schulbücher, und die Curricula mussten zweimal verändert werden, sodass der Stoff statt in neun in acht beziehungsweise wieder in neun Jahren vermittelt werden konnte. Ich weiß von vielen Kollegen, dass sie dieses Hin und Her genervt hat."
2)
"Mit G8 wurde die 10. Klasse zum Vorbereitungsjahr. Wer von der Realschule zu uns wechselte, musste deshalb die 10. Klasse wiederholen, aber die war stofflich nicht so entlastet wie vorher die Elfte. Der Wechsel fiel damit vielen Realschülern schwerer. Viele haben sich ganz dagegen entschieden. Nach meiner Erfahrung war das Schulsystem mit G8 nicht so durchlässig wie vorher."

An meiner ehemaligen (ich bin pensioniert) lief das mit den Umstellungen wie folgt:

Als uns G8 als Schulversuch angeboten wurde, hat das Kollegium es abgelehnt.      
Die unterschiedlichen Begründungen fasse ich zusammen mit: "Es muss im Leben mehr als Schule geben." (Ein Gedanke, den G8-Schüler, die im Bewusstsein eines gewonnenen Jahrs eine Art Sabbatjahr einlegen, offenbar ebenfalls hegen.)

Als G8 verpflichtend eingeführt wurde, wurde argumentiert: Wir wählen den späteren der beiden möglichen Termine, damit wir von den Erfahrungen anderer profitieren und Schulbücher, von denen man beim Übergang von G9 zu G8 für einen Jahrgang jeweils doppelte Klassensätze brauchte, von einer Schule, die das schon hinter sich hat, übernehmen zu können. 

Als Schulen dann zu G9 zurückkehren konnten, entschied sich das Kollegium dagegen, weil man den Aufwand einer neuerlichen Umstellung vermeiden wollte. Das fiel umso leichter, weil Schule in unmittelbarer Nachbarschaft sich für G9 entschieden und so Wahlfreiheit für die Schüler und ein problemloserer Übergang für Realschüler gesichert war.

Angesichts der weitgehenden Gleichwertigkeit von G8 und G9 scheint mir das ein sehr rationales Vorgehen zu sein, denn für die lokale Schullandschaft verbindet es die Vorteile beider Systeme und für die eigene Schule bleiben Energien frei für Schulverbesserung. Die Entscheidung anderer Schulen zu G9 zurückzukehren, halte ich deshalb aber in keiner Weise für "postfaktisch".

Wo ein Fehler gemacht wurde, das war eindeutig da, als man den flächendeckenden Übergang zu G8 vollzog, ohne die Auswirkungen davon vorher zureichend zu untersuchen. 
Dass man die Schuld für diesen Fehler jetzt den Eltern zuschieben will, die mit den Folgen leben mussten, möchte ich als wenig hilfreich bezeichnen, auch wenn ich es gefühlsmäßig als empörend wahrnehme. 
Wissenschaft sollte rationale Entscheidungen ermöglichen und nicht dazu dienen, Fehlentscheidungen zu rechtfertigen. 

2.5.17

Realitätsverleugnung

Dass Wissenschaft nicht endgültige Wahrheiten erschließen kann, sondern immer nur vorläufiges Wissen produziert, das erfolgreiches Handeln begünstigt und die Früherkennung von Fehlentwicklungen ermöglicht, gehört schon seit Jahrzehnten zur Schulweisheit.
Deshalb ist es bedauerlich, dass bei der Kampagne gegen Trumps Abwertung und finanzielle Strangulierung von Wissenschaft immer wieder ein falscher Zungenschlag aufkommt, als könnte Wissenschaft unbezweifelbare "Fakten" feststellen. (mehr dazu in Fontanefans Schnipsel)

Dabei hat schon Shakespeare solche Wissenschaftsgläubigkeit gegeißelt.*
Und in neuerer Zeit haben Philosophen von so unterschiedlicher Couleur wie Popper und Habermas beide sehr deutlich gemacht, dass Wissenschaft als Religionsersatz völlig ungeeignet ist.

Umso ärgerlicher ist es, dass die seriöse Presse und selbst Wissenschaftler, die es besser wissen, vom "postfaktischen Zeitalter" reden, als gäbe es so etwas wie unbezweifelbare Fakten und Wissenschaft hätte aufgehört, sich durch ständiges Infragestellen des herkömmlichen Wissens weiter zu entwickeln.

Trumps Fehler ist nicht, dass er nicht an unbezweifelbare Wissenschaftsresultate glaubt. Wissenschaftsgläubigkeit ist gefährlich. Sein Fehler ist, dass er - nur scheinbar? - meint, dass er Warnungen vor Fehlentwicklungen ungestraft außer Acht lassen könnte. Und politisch gefährlich wird er daduch, dass er seinen Anhängern - noch immer ziemlich erfolgreich - vorzugaukeln versucht, sie brauchten wirtschaftliche und politische Zusammenhänge nur zu leugnen, damit sie bedeutungslos würden.

Was nutzt es, wenn man vor Trugbildern warnt und dann nur andere an ihre Stelle setzt?

Man muss aufzeigen, dass Trumps Politik der großen Mehrheit der Bevölkerung und besonders seinen Wählern schadet. Wenn man damit wartet, bis es für alle offen zutage liegt, dürfte es zu spät dafür sein, ihre Folgen einzudämmen. Das Beispiel Bush junior und das Chaos im Nahen Osten, das er mit seinen Interventionen angerichtet hat, sollte uns Lehre genug sein. 

*There are more things in heaven and earth, Horatio,


Than are dreamt of in your philosophy. (Akt I, Szene 5)

(auf Deutsch korrekt zitiert:
Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden,
Als eure Schulweisheit sich träumen lässt, Horatio)

Zur Ergänzung dieses Artikels möchte ich auf die Diskussion dieses Themas auf dem fr-blog verweisen, in deren Einleitung es heißt:
"Von der Wissenschaft darf man keine „ewigen Wahrheiten“ erwarten. Wissenschaft ist das Ringen um Erkenntnis. Wissenschaftlicher Fortschritt passiert sogar im Grunde ausgerechnet immer dann, wenn eine Theorie als widerlegt betrachtet und zu den Akten gelegt werden muss, denn dann muss ein neuer Lösungsansatz her. Man kann wissenschaftlichen Fortschritt als eine Evolution von Ideen betrachten."
Und in der Henning Flessner am 25.4. 'sagte':
"Wenn man das Wort Fakten googelt und nach einem Wikipedia-Eintrag sucht, wird man auf den Begriff Tatsachen umgeleitet. Es gibt bei Tatsachen zwei Unterkapitel: 1. Rechtswissenschaft und 2. Philosophie und Theologie. Ein Unterkapitel Naturwissenschaft gibt es nicht.
Durch die Klimaforschung hat eine wahrscheinlich bisher einmalige Politisierung der Naturwissenschaft stattgefunden. Plötzlich ist in der Naturwissenschaft von Fakten, bei denen implizit immer mitschwingt, dass sie beweisbar sind und Wahrheiten die Rede. Man kann aber und will in der Naturwissenschaft auch gar nichts beweisen. Die Naturwissenschaft entwickelt Theorien zur Beschreibung der Phänomene mit dem Ziel der Vorhersagbarkeit." (Hervorhebung von Fontanefan - Herrn Raus Kommentar verdanke ich es, dass ich in der Diskussion noch etwas weiter nachgelesen habe, so dass ich hier anführen kann, was ich selbst nicht so klar hätte formulieren können.)

Am 26.4. formuliert Flessner:
"Die Relativitätstheorie hat sich in der Beschreibung der Phänomene tadellos bewährt, genau wie die Quantentheorie. Dummerweise können nicht beide richtig sein. Aber sie sind beide extrem gut brauchbar und das ist das Entscheidende."
Es lohnt sich, diese Diskussion noch weiter zu verfolgen. Freilich geht es dabei auch um manche Feinheiten, die man nicht unbedingt dauerhaft parat zu haben braucht. 

30.4.17

Wie ich Gefallen an einem Krimi der Tatortserie fand

Dass immer das Böse im Menschen thematisiert wird und verwendet wird, um psychologische Studien, der Schilderung von originellen Charakteren und attraktiven Orten durch Sensationelles aufzuwerten, spannender zu machen, gefällt mir nicht.
Rätselhaftes, Geheimnisvolles, Aufregendes gibt es doch auch, ohne dass immer einer Person das Kainsmal des Mordes aufgedrückt werden muss.
Doch nun sah ich einen Tatortkrimi, der sich von diesem Aufgeputschten, Aufgepufften distanzierte.
Immer wo Gesten, Mimik und Schnitte besonders bedeutungsgeladen daher kamen, wurden sie von einem Erzähler ironisiert, der durch Doppelung des Bedeutungselements ein entfremdendes Element beisteuerte. In kurzen, knappen, nur das Äußerliche schildernden Kommentaren wurde eine zweite Ebene geschaffen. Leicht irritierend war schon, wenn das, was gezeigt wurde, noch einmal mit Worten beschrieben wurde. Besonders wirkungsvoll aber war die Verfremdung dann, wenn - wie in einer Regieanweisung - zuerst Mimik und Gestik beschrieben wurden, bevor der Schauspieler sie nachspielte und das so rasch, dass verblüffte, wie perfekt er in Sekundenschnelle genau den Ausdruck annehmen konnte, der angekündigt worden war.
Dadurch wurden auch alle Effekthascherei durch übertriebenen Ausdruck, durch handlungstrennende Schnitte und durch unwahrscheinliche Handlungskonstruktion als künstlich und aufgesetzt entlarvt. - Dies Stilmittel machte zu Kunst, was gewollt, aber nicht erreicht hätte scheinen können.
Endlich ein Tatort, den ich mir ansehen konnte, ohne mich zu ärgern!

Als ich am nächsten Tag nach den Nachrichten wieder in einen Krimi geriet, fand ich zu einem Erstaunen dasselbe Stilmittel wieder vor. Und haargenau in der gleichen Weise eingesetzt.
Ein Stilmittel, das ich zuvor noch nie in einem Krimi wahrgenommen hatte, an zwei aufeinander folgenden Tagen? Das konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen.

Da hatte ich plötzlich das Gefühl eines Déja-vu-Erlebnisses. Ich hatte etwas Ähnliches doch vor vielen Jahren schon einmal gesehen: Das war in einem Spielfilm für Blinde.  

20.4.17

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